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Full text of "Hufeland's Journal der practischen Heilkunde"

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1 



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J o n r n a 1 

iei 



practischen Heilkunde. 

Hercns^e^ebeii 

▼OB j : ^ rr2^ 

C W. H n f e 1 a n d, 

Köni^ Preofs. Suatm&y Bitter ^es xodiea Aflcv> 
Ordens xfreixer naw^j eistan Leiboxt^ ProL der M«» 
diciii aaf der UntrenitiU niBediiiy Mifgiicd der Acid^ 

der ^irincBScIu&eB. etc» 



E. O 8 a n n, 

ordf rlirfcrM Professor der Medici« am der Uaireiw 
flixlt asd der ^^«^"^f^j»« C^^m^giwJiffn Acsdcaue 
tilr dss MiKtaiy %n Berlin, nnd M^^g^icd mehrersr 

gel ebnen Gesrlltchafff . 



18 2a 



LXVII. Band. 



Berlin. 
Oeitmkt und Veikgt bei G. Aeimei; 



I 



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• / 



1 



J o n r n. a 1 ; , 

I 

der 

practischen Heilkunde. 



Heraasgereben 

TOB . * 

C W. H u f el a tt d, 

K6]ii^. Prcnli. SujittntlL^ , Ritter 4m rotlMii, Adliv^ 

Ordens «weiter KUu e» erstem Leibsnv Fsqf • der Me» 

dieimsmC der UniTersit&t saBerli% Mitglied det Am»' 

dcmie der Wissensduften eto« 

m B d ^ .} 

E. sa n n^ 

ordeBÜiehem Professor der Mediein «a der üaiTev^ ' 
ntit ond der Medvßiniscli-CIunzrgiacli^ Aetdemi^ 
fftr des Militair sn Berlin, und Mitglied mehrerer 

geleluten Gesellsduften* 



Gros, Frsmnd, U^ alle Theorie, 
Doch grün des Ziehens goldner Baum^ 

Ööthe. 

I. Stück. Julius. 



Berlin 182 8. 
Gedruckt und verli^ bei 6« Reimer« 



9 



^ » 



M^ 



MH 



Aerztliches Gutachtext 

die anzuwendende Behandlung de9 KraokePy 

der zu einer öffentlichen Berathang fibet ihn 

im KoYember-Heft 1827 dieaes looroala 

anfgefordert hat« 

Nehst 

eingestrenten Bemerkungen^ 

über 

Nervenkrankheiten. 

Von 

Dr. Ludw. Wilh. Sacha, 

Professor der Medisin in Königsberg« 



(S. dies. Joamsl November •!!€£( 1827«) 



J^s bedarf nur eines mittelmäf^igen Grades ge-^ 
luüthlichen Wohlwollens, um dem Kranken, 
dessen Gesundheitszustand in obiger Aufforde- 
ning geschildert ist, eine herzliche Theilnah-^ 
ine zuzuwenden. Ein reizbarer , zur Tbätig- 
keit geneigter, geschickter, >a, durch seine 
innere Nainr, unwiderstelüich hingedrängter 



— 8 -. 

Mann, nun überall gehemmt und gehindert^ 
ohne doch den erregenden Willen gebrochen, 
oder überhaupt die Unmöglichkeit eines har- 
Bionischen Verhaltens zwischen Wollen und 
Können zu fehlen, der vielmehr in einzelnen, 
JlLÜrzern oder längern, Momenten des Wohl- 
seyns thatsachllche Beweise für die Möglich- 
keit Yolliger Genesung, erfahrt, und nach tau-' 
send iBt^|f^e}i)ß|enen HoiüquDf ^n immer zu 
neuen hingetrieben werden, dennoch seit meh- 
rereq Jahren, des I^eidens nur wenige Stun- 
d<en/Von seinem plagenden dmiiovtov sich be- 
fhsii empfunden hat -^ : ein so helmgesuchter 
Bfana darC ' aufrichtiges Mitleiden zu finden 
wohl gewifs seyn* Und. wer dürfte mit ihm 
rechten , dafs er auf seiner schmerzvollen Irr- 
fahrt nach Hülfe ^e\i ^falschen Gottern des 
thierisclifltt Magnetitnnift.iidd dei' Homöopathie 
geopfert? Das BedUirfnifs nach Hülfe und 
Aettpn^ i^t so unzertrennbar yo^i Leben selbst, 
däJTs der erste ''Schrei aes ne'ugeboreden , wie 
der letzte Seufzer des sterbenden Menschen, 
und alles^ was. zwischen bei dep liegt, nur eia 
Streben nach BePriedigupg' eben dieses Bediirf- 
nisses ist. Leider abfelr: ^,es'{Vrf dzr Mensch 
so lang^ er strebt)^* Nichts daher beurkundet 
grofsere Lebensunerfahrenheit und verwahr^ 
lostere Selbstbeobachtung, als rrch'tende Ver- 
, wunderung über Venrrungen in einem hartea 
. Kampfe mit dem Leben. Der helldenkendste 
^Arirt, vph langwieriger, schmerzhafter Krank- 
*beit heimgesucht, wird der Versuchung, Hülfe 
hei d^r mediana supersthio$a zu suchen, schwer 
widerstehen, vielleicht unterliegen. 

So sehr aber auch solche Verirrungen 
Entschuldigung verdienen, so bleiben sieden-* 



-. 9 — 



noch VerirraDgen, and die küldetU DMitoii|g 
kann ilinen nidbts Ton ihrer Schädliclikeil eni* 
xiehen. Der erste und ernstlichsl su beher- 
zigenda Rath daher , den wir dem in Red« 
ftteheeden Kraokeo ertheilea mösseof ist der: 
die über ihn offefltlich ausgesprocheneii Coo- 
fiultationeo nicht ror da» Fomin seiner Benr« 
Iheilnog za ziehen. Kein Arzt, urelche Sum- 
me bewährter Erfahmng nnd Einsicht ihm- 
auch za Gebote stände ^ wie yerbreitet nnd 
gerecht sein Ruf wäre, wird sich ans der 
Entfernung ein reiferes Urtheil aber die Krank- 
heit anmafsen, als es dem redlichen, Jahre 
lang in der Nähe beobachtenden Arzte zn ge* 
winnen gelungen ist; er wird sich auc^ in 
Gedanken nicht über diesen zn stellen und 
den eigenen Vorschlägen einen entscheidenden 
Werth beizulegen wagen. Was in solchen 
Fällen entfernte Aerzte aussprechen können, 
ist lediglich an den ordinirenden Arzt gerich- 
tet , seiner Erwägung, seiner Prüfung anheim- 
gestellt. Mafst hier der Kranke selbst sich 
«luch nur das Mindeste an^ so wird die Ver- 
wirrung unübersehbar, nod leicht artet ihm 
dann zum Verderben aus, was ibm Trost und 
Hülfe hätte seyn können. 

Es hat dies aber hier mehr als allgemeine 
Wahrheir. Chronischen Krankheiten über-' 
haupt nnd unter diesen wiederum den Ner- 
Tcnkrankheiten ist nicht nur eine grofse In- 
constaoz der äufsern Erscheinungen eigenthüra- 
lieh , sondern sie erzeugen auch eine gröGsere 
in dem Geistes - und Gemüthszustande des 
Kranken. Nicht selten mifslingt die Genesung 
von solchen Krankheiten •— nicht ihrer ob- 
iectiren Unheilbarkeit wegen , oder durch man- 



— 10 - 

gdode Erkenntbifs, sondern weil der leicht 
-wandelbare and unruhige Gemuthszustand des 
Kranken auch die zweckmäfsigst gewählte und 
geordnete ärztliche Einwirkung yerwirrt, stort^ 
sie wirkungslos, oder Wohl gar schädlich macht. 
Der Kranke selbst , keiner Schuld sich be« 
wu^fst^ und in der That auch nichts bewufst 
«verschuldend 9 rerwandelt seine Krankheit in 
eine relativ unheilbare* Der verständige und 
wohlwollende Arzt sieht dies oft iiufs deut- 
lichste ein, ohne doch etwas ändern zu kön- 
nen, weil es nicht in seiner Macht steht , die 
subjectiv vermittelnde Bedingung zur Heilung 
in Wirksamkeit zu setzen^ In solchen FäU 
daher leistet zuweilen der unverschämteste 
Charlatan ungleich mehr. Je weniger seine 
Zu versichtlich keit mit wahrer Einsicht irgend 
einer Art zusammeohängf., je m^hr sie ledig- 
.lieh auf Frechheit beruht, desto ,mehr wird 
^er Kranke» solche Unlauterkeit nicht ahnend, 
ein richtiges Verhältnifs vielmehr zwischen 
der Apödictizität der vernommenen Aussprü- 
che und der sie begründenden Erkenntnifo 
voraussetzend,- aus seiner bisherigen innern 
Schwankung erlost, ^von zerrender Unruhe be- 
freit« Er vertraut nun mit kräftiger Hofin ung, 
und diese Tochter des H[immels bringt ihm 
Linderung von langen Leiden , ja wohl auch 
völlige Genesung. Diese letztere wird dann 
besonders bewirkt. Wenn das Uebel in einer 
biofsen Disharmonie des dynamischen Verhält- 
nisses seinen Grund gehabt, ulnd noch keine 
organischen Veränderungen — - die oft unglaub* 
lieh lange ausbleiben, und öfter scheinbare 
als wirkliche sind -^ hervorgebracht hat, und 
wenn der Charlatan sich alles positiven, vvirk-» 
Samen Thuns enthält , sondern sich, mit einem 



— 11 — ' 

I 

Gewebe tod Abgescliinaclaheit, Nichtigkeit 
und Oalentation begoiigt. *) 

*) Niemuid zwar wird mit innörer Zaitionnoiig 
und ohne ISrxÖthen tatfpreoben können : eredo, 
tfuta — absurdum est: die Thatsache aber iac 
unleugbar und ibre psychologische Erkltrnng 
unschwer. Niemand indessen mag so oft und 
•o schwer sich von dem Vorhandenseyn und 
der w^eicgreif enden Wirksamkeit dieses , die 
menschliche Natur nicht blofs schauenden, son« 
dern ^neh -^ in sofern es aaf Selbstverleug* 
Bungy oder wenigstens aai Mifstnuen gegea' 
sich selbst beruht — au entschuldigenden Fak« 
cnma überzeugen können , als der denkend be- 
obachtende Arzt. Und eben diese seine Kennt« ' 
nifs dea menschlichen Gemüths in dessen Ge- 
drtnge s wischen edlen Kegungen sittlich -Jreier 
Hingebung und schmachvoller Entsagung auf 

Sertönlichcy vernönftigeSelb^tbestimmungy ebea 
iese Kenntnifs wird ihm zum Experimentum 
erueis seines irstlich - sittlicheu Verhaltens« Hat 
er nicht die Wahl sieh lu wenden an das Vor* 
nrtheil » oder an das Urtheii? Jenes komme 
ihm entgegen, bietet ihm an: Bequemlichkeit^ 
reichen Xohn und wohlthuende Anerkennung $ 
dieses mufste er mOhsam suchen, und, das sel- 
tene Leiden voraussehend, entgegengehen müh- 
seliger Anstrengung y peinlicher Sorge und 
schxnerslicher Verkennung, 

Doch hierfiber sprach schon der vortrefFliche 
Johannes Freind mit edler FreimaiMgkeit in ei* 
nem Briefe {de purgantibus) an seinen grofsen 
iTeitgeoossen Hichard JUead, und wir selbst ha- 
ben in nnserm Werke: ^^Reden an Aerzte ^^ die- 
ses Verhältnisses gedacht. Hier sei es nur ge- 
stattet im Vorbeigeben etwas zur Erklärung ei- 
nes merkwürdigen^sychoJogischeii Phänomens 
beizutragen. Es geschieht nicht selten , dafs 
Charlatans überhaupt, und namentlich ärKtliche^ 
im Laufe der Zeit und bei fortgesetzter Uebung 
des Charlatanismus alles Bewnfstseyn davon «o 
sehr verlieren» dafs sie sich selbst für reine 
Hippokratiker (mit welcher Benennung nicht 
irgend eine bestimmte > allgemeine Methode 



— 12 — 

Soll also dem Herrn Patlenteii, der Ge- 
genstand einer pffentlicheo Berathung seyn 
i¥ol1te, aus dieser wahrer Nutzen entstehen, 
so mufs er mit neuem, festem Vertrauen sei- 
nem Arzte sich hingeben und diesem die Ent- 
scheidung über die Annahme und Modification 
der eingehenden Consilia YÖlIig anheim stel- 
len. Guten und sichern Grund zur Hoffnung 
kann der Herr Patient in den Worten finden, 
die der Herr Af. Rn v, Halem zu ihn^ gespro- 
chen , deneü jeder Arzt unbedenklich beistim- 
men mufs. — Zur Sache! 

Was die Krankheit selbst anlangt, so 
scheint mir zweierlei völlig zweifellos zu seyn : 
dafs sie in dner ^ßection des Rückenmarks 6e- 

dei Händeins •-* die ja weder Hippokrates telbst, 
noch irgend einer seiner treuen Jane;f r hatte, 
— sondern die Aafrichngkeit der Srstlichen Ge« 
sinnung fibediaupt und die GowisseahsPtigKeit : 
■ im Handeln nicht über das bestimrote, durch 
treue Beobachtung begrandete Wissen binaus- 
su^ehen , beseichnet wdrden kann) alles Ernstes 
halten. Wie mag solches möglich seyn? Le- 
djglich dadurch, dafs die oft an Andern gelun- 
gene Täuschung - sich in Selbsttluschung ver- 
härtet. Ist^s erst geschehen, dafs ein Dutzend 
gescheiter y in öffentlichem Ansehefi stehender, 
oder auch nur vornehmer Qllänner einen Char- 
latan tut einen genteTollen Wanderarzt , oder 
fOr einen swar in jeder andern Hinsicht be- 
schränkten Menschen, aber für einen grofsen 
A»t halten/ so hilft Eitelkeit i^nd Selbstsucht 
ihn leicht diese Annahme Anderer aber ihn in 
ein Urtheil Aber sieh selbst verwandeln. Es 
entsteht' und befestigt in ihm ein Wissen auf 
Grund des vernichteten Selbstbewufstseyns. 

Ueberall liefsen sich lehrreiche, Betraehtun- 
en anstelUn Aber die Macht der Chimären 
des Wahndenkeus) im Gegensatte sur Macht 
aar Ideen (d«i GedtnlMndenkent}« 



§ 



— 13 - 

stAe, and dafs sie, keine Entzündung desselben 

gey. Das letzlere jedoch wird keinesweges* 

durch die lange Dauer des Uebels^ oder durch 

die Zwischenzustände der Erleichterung und 

Befreiang gewifs, noch überall durch irgend 

•in quautitatives Maafs der rorhandenen und 

wechselnden Erscheinungen ; alles dies viel-* 

mehr gehört in vielen Fällen der chronischen 

MjeKüs (die häufigste und bedenklichste!) za 

den wesentlich inlegrirenden Momenten der 

wundersamen, scheinbar znsamtnenhangslosen 

Phänomenengruppe- dieser Krankheit. Was 

aber hier jeden Gedanken an Entzündung ans- 

icbUersen mufs, beruht auf einem doppelten 

Grande, einem allgemeinen und einem spe- 

deiien. 

1. Der allgemeine: Jede Entzündung, in 
welcher Art , in welchem Grade, und in wel- 
chem Organe sie auch Statt finden mag^ er- 
weist sich in ihren nächsten Erscheinungen 
und Wirkungen stets als ein alle organischen 
GrundthäligkeHen — die sensiblen, irritablen 
und vegetativen — verändernder pathologischer 
Prozefs, wenn gleich in verschiedenem Maafse, 
in verschiedener Ordnung der Succession und 
in verschiedener Art. Von diesem allen aber 
ist in dem in Rede stehenden Falle nicht mt^hr 
zu bemerken, als bei allen langwierigen Krank- 
heiten ohne Ausnahme endlich Statt finden 
mufs. Soll demnach die Wort- und Begriffs- 
verwirrung nicht so weit getrieben werden, 
jede Krankheit eine Entzündung zu nennen, 
80 ist dies gewifs keine. 

2. Der spezielle Grund: Was den Gedan- 
ken an Myelitis hier erregen konnte, wäre 
eben da» Uauptphänomen , die abnorme Be- 



/ 



- 14 ~ 



weguBg. Nun gibt es allerdings zwar keioe 
RÜGkenmarksentzÜDduDg , bei welcher . nicht 
abnorme Bm^gungen voijiätnen und. yorkom- 
men inüfsten , aber sie bilden in ihr so we- 
nig das Eminente auch nur in der Erschei- 
nung, dafs sie vieltnehr anfänglich als ganz 
zufällig auftreten^ später durch Anomalien der 
Sensationssphäre A^erdunkelt , und endlich , in 
der Perrode der Entscheidung^ ganz unbemerk- 
licb werden. Dagegen gibtß eine ganze Reihe 
von Krankheiten , in welcher Abnormität der 
Bewegung das Hervorstechendste und UnTer« 
kennbarste der Manifestation ist, bei wel^ 
eher auch eine, directe oder indirecte, Af- 
fection des. Rückenmarks aufser allem Zweifel 
ist^ an Entziihdung desselben aber durchaus 
nicht gedacht (höchstens **— • wi^ dies auch in 
neuerer Zeit geschehen ist — gefabelt) wer- 
den kann. Man erinnere sich nur an Epilep-> 
sie und überhaupt an das grofse, keineswe-. 
ges noch nosologisch bestimmte und wissen- 
echaillich geordnete Heer wahrhaft krampGger 
Uebel. Es wir4 ja .wohl nieihand die Agonie 
mit ihren Convulsionen fjir eine Rückenmarks« 
entzündung halten wollen! Abnormität der 
Bewegung (zunächst des Rumpfes und der 
Extremitäten) ist also uuf dann Zeichen der 
Myelitis f wenn zugleich, und zwar auf über- 
wiegende "Weise, Symptome gestörter Sensa- 
tion in den betheiligten Organen vorhanden 
sind. Je mehr überdies eine Rückeomarks- 
entziindung chronisch ist, desto mehr sind in 
ihr die Symptome krankhafter Empfindung 
gegen die der- Bewegung vorschlagend. — 
Gründe genug, um d*n hiej in Erwägung ge- 
zogenen Krankbeilslall als einen von der Aly^- 
/ä». völlig verschiedenen zu erkennen. , 



- 15 ^ 

Wohl aber mors er anf das Rückenmark 
bezogen and in diesem der Heerd des Kradk- 
heitsprozesses gesacht werden. — lodern wir 
ans anschicken, denjenigen Namen auszuspre- 
chen, mit welchem, unserer Ueberzeugung 
nach, Natur, Wesen und Form c}^ i^ 'Fr^S^ 
stehenden Krankheitsfalles allein bezeichnet 
werden kann, entgeht es uns keinesweges« 
dafii Tielen so sehr achtungswerthen Aerzten 
damit mehr eine leere , als eine erfüllte Stella 
unserer nosologischen Erkeontnifs angegeben 
scheinen dürfte; wir meinen, den Namen: 
Kxompfl Er war es, der von jeher den Un« 
tennchongsscheuen aoter den Aerzten als Zu« 
flnchtsort in aller diagnostischen Noth h4t die* 
neu müssen, ja es würde auch dem dermali- 
g€B praktischen Schlendrian gar nicht wider« 
sprecnen, wenn unser ganzer -Heilapparat ia 
einen antiphlogistischen und antispasmodischen 
•ingetheilt werden mochte; tacite geschieht's. 
Anderer Seits jedoch mufs es auch bekannt 
werden, dafs die ersten Aerzte aller Zeit 
diese Dunkelheit empfunden und sie zu ver- 
scheuchen bemüht gewese.n sind. Namentlich 
rechnen wir es dem auch sonst vortrefflichen 
PP. Cullen zum grofsen Verdienste, an, dafs 
er die Untersuchupg über die Entzündung auf 
die Vorfrage über den Krampf (wobei er lei- 
der nur nicht lange genug verweilt hat) zu- 
rückgeführt hat, obwohl er in der Losung 
dieser Aufgabe wenig glücklich gewesen ist. 
Würde Jofm Brown diese Verlegenheit seines 
grofsen Lehrers nur irgend zu empfinden im 
Stande gewesen sejn, so stände es wohl, un- 
serer innigsten Ueberzeugung nach, mit der 
dermaligen praktischen Medizin (die noch im- 
mer ^ wenn auch unbewufst^ in den Fesseln 



... 16 w 

des Browniänismus^ liegt) TÖlIig ailderft und 
ungleich besser. Brown selbst mögen wir so« 
gar nicht scharf tadeln , da überall unendlich 
mehr da^ti gehört , die Inopia , als die Copia 
einer Wissenschaft zi/ kennen. Ueberdies 
mufsten die treuesten Bemühungen der erfah- 
rtansten und gelehrtesten Aerzte: der Patho« 
logie und Therapie des Krampfs wissenschaft- 
lich aufzuhelfen^ so lange ohne befriedigendes 
Resultat bleiben, als die fhysiologigche Lehre 
übtr Bewegung und Empfindung ein Chaos eit« 
1er Hypothesen und Fictionen war. Die Auf- 
' hellung dieses Punkts bezeichnet ei^en der 
^oCsen Fortschritte der Physiologie unserer 
Zeit, und hiemit ist zugleich, wie uns scheint, 
auch der Pathologie und Therapie d^s Krampfs 
eine sichere Grundlage gewährt. Dies aus- 
üihrUch zu erörtern, kann hier der Ort /nicht 
seyn , wir erlauben uns aber auf das zu ver- ' 
weisen , was wir in unserm eben erschiene- 
nen Handbuche eines natürlichen^ dynamischen 
Systems der praktischen Medizin^ Bd, L §. 24^- 
253. und §. 465-477. mit Deutlichkeit vorzur-, 
tragen bemiiht gewesen sind. Hier ist's hin- 
reichend , als wissenschaftlich begründeten und 
Kraktisch brauchbaren , regulativen Begriff des 
^rampfs überhaupt folgenden aufzusteJleni 
Krampf ist derjenige pathologische Zustand eines 
' Nerven , oder einer ganzen Nervengruppe , wo die 
vordem {Bewegungs-^ Wurzeln entweder allein 
und aussckliefslich y oder doch auf eine entschieden 
überwiegende fVeise in gereizter Stiwmung sind^ 
und deshalb abnorme Bewegung zum wesentlichen 
Erscheinungsmoment hat, — <* Dafs dieser Zu- 
stand sowohl in primärer als secundarer^ Krank- 
heit und blofses Krankheitssymptom, einfach 
und zusammengesetzt j von, der geringsten und 

hoch- 



— 17 — 

liSdiston Bed^tang^ ohne uncl mit luranLfaaf. 
Ur EmpfinduDg, ortlich oder fast allfameio 
tay» (Tpllig allgemein ist nie eine krampfhafici 
AIF«ction irerbreiiet)» dafs er die Frucl^t im 
Vatterleibe und den lebenMattan Greis auf 
•fliaem Sterbelager ergreifen kann — : alles 
dies und Yieles Andere versteht sich nun nicht 
aar Ton aelbst, sondern es Tersteht sich ei- 
gentlich nun. erst. I/Vir wagen deshalb zu 
hoSen , AsDs unsere Tom Krampf aufgestellte 
Raaldefinition nicht blols den Ansprüchen der 
formellen Logik, sondern auch denen unseres 
praktischen Wissenschaft genügen werde. 

Dies irorausgeschickt ist's nicht mehr ins 
Unbestimmte hineingewiesen , wenn wir von 
dem der öffentlichen Bdrathnng empfohleneii 
Krankheitsfälle sagen: er gehöre zur FanüHn 
des Krampf$» Dafs er aber auch zu den vom 
Rückenmark ausgehenden Krämpfen gebore, be- 
darf keines, oder doch mindestens keines an-^ 
dern Beweises , als desjenigen , den die mani- 
festen , ursprünglichen Krankheitserscheinun- 
gen fast aofdriogen: sie Icommen alle von Thei" 
Un hetj die ausschliefsUch mit Nerven des Rücken^ 
marks versehen sind, Dafs in der letzten Zeit 
auch die Sprach- und Stimmwerkzenge afü- 
cirt worden sind, ist durch den leicht einsicht- 
lichen Erfahrungssatz begründet, dafs alle chro- 
nischen Krankheiten des Rückenmarks, wenn 
sie nicht am Orte ihrer ersten Entstehung (wo 
sie meist sehr lange verweilen) getilgt wer- 
den, sich zunächst auf das verlängerte Ruk- 
kenmark und seine Nerven fortpflanzen. 

Wären diese Zeilen nicht an erfahrene 
und einsichtsvolle Aerzle gerichtet, so könnte 
dieser Krankheitsiall sowohl in seinen einzel- 
Joara. LXyn.B.l,St. B * 



— 18 ^ ■ 

neD &K8ch6inang6ni als auch in ier Succession 
derselben als ein glänzender Beweis fiir die 
theoretische Richtigkeit und praktisch» Wich* 
tigkeit der neuesten physiologischen Untersu- 
chungen über die Nerren geltend gemacht 
werden. Denn es ist in der That dieser Krank- 
heitsfall ganz geeignet in seinen Phänomenen 
mit der saubersten anatomischen^ Genauigkeit 
aufgefatst und ins Klare gesetzt zu werden. 
Es wärde dies, einen neuen — unserer Zeit 
''nicht überflüssigen — Beweis geben, dafs eine 
rein wissenschaftliche Auffassung der Erschei- 
nungen der praktischen Medizin keinen Ab-. 
briich thue, und dafs jene überhaupt ihr wich* 
iiges Geschäft in der grofsten Ei^lferoung von 
alier Hypolhesensüchtelei ausübe. Zugleich 
auch würde hiediirch eine nicht zu verschmäh 
hende Rechtfertigung gewonnen werden für 
unsere schon vor einer bedeutenden Reihe von 
Jahren und unabhängig (früher und auf aqde- 
rem Wege) yon jenen Resultaten der E^peri- 
mentalphysiologie öffentlich vorgetragenen Leh- 
re von der ^pathologischen Bedeutung sowohl 
der einzelnen Tbeile des Nervensystems über- 
haupt , alv auch der besonderen Nerven, als 
auch endlich der Verbindung der Nerven aus 
den verschiedenen Haupttheilien des Nerven- 
systems« 

Aufser den positiven Erscheinungen die- 
ses Krankheitsfalles bietet sich in demselben 
noch eine andere rhänomenenreihe dar, die 
zur Charakteristik des Ganzen mcht minder 
wesentlich ist. jilles nämlich ^ was die sensitiv^. 
Thätigkeit auf richtet und beitbt^ wirkt nicht blofi 
entschieden heilsam ^ sondern nimmt häußg auch, 
wenn gleich nur für kurze ^ Zeit , die ganze Kranke 



— 19 

Ur VHg^ ^ z. B. wirkt jedm oan TeitdiileA 
bene Arzoeimitt^ auffallend wohltfaätig, wahr- 
icheiBÜch durch die dabei aufgeregte Hoffnung 
dei gnnsligen Erfolgs; der Genufs eines Gla- 
tes Wein , ^ein erheiterndes Gespräch mit ei« 
Mm Freunde u. s. w. bringen nicht nnrVer-- 
jMsen, sondern auch Verschwinden des Lei-^ 
dens* Wofür zeugt dies? Offenbar« wie mir 
icbeint, dafür: dafs jede der einseitigen Rei- 
zuDg des bew^egenden .Theils des Iferren ent- 

Brechende « d. h. Gleichgewicht Terleihende 
reguttg der sensiliTen Sphäre eine Ausßlei- 
cbuDg des Krankheitsznstandes bewirke« Wor-> 
au denn rockgeschlossen werden darf, dab' 
das Wesen der Krankheit in einer nngeregel-- 
tso, einseitigen Reizung (relatiren Ueberrei- 
zaog) der der Bewegung dienenden Nenren- 
parthie enthalten sej. Es lehrt dies aber auch, 
daft man therapeutisch auf keinen ungliickli- 
cheren Gedanken gerathen konnte 9 als wenn 
man, durch jene augenblicklich günstigen Er- 
folge Terleitet, die Krankheit durch anhalten- 
tende Einwirkung sogenannter flüchtiger Reize 
zu heilen unfernähme. Nicht bJofd der Heil- 
apparat, sondern auch die Sensationspercepti- 
bilität würde bald erschöpft, und der Kranke, 
durch scheiubare Genesung hiedurch, zur 
ParalFse geführt werden. Es liegt jedoch in 
den Erfahrungen des Kranken selbst ein Mo- 
ment , das als Warnung gegen jede Behand- 
luos mit blofs flüchtigen Reizen dienen mnfs: 
mafsiges Rtiun onlrut die ungeregelten B^wegun-^ 
gtn und hebt das Zittern^ freilich nueh nur für 
kurze Zeit. Es beweist dies Alehreres, zu- 
▼orderst: dafs der Bewegungsapparat in sich 
selbst einer Reglung Hihig sey, und zweitens: 
dafs der Heilplan nicht auf Häufung und Ver- 

B 2 



lM#br«Bg, sodAmtb ciif harmcniaefatD Einklang 
der Ter8chiad«BCii Erregongen gerichtet wer- 
d€io mäM0^ 

Ans diestm allen glanV icb mit Sicher« 
heit folgern zo dürfen » dafs der hier in Rede 
stehende Krankheilslail sur Kla$ie der Ner- 
Tenkrankheilen^ sur Ordnung der Nervenkrank- 
heiten der organischen Bewegung, und zur 
Gattung, der Rückenmarkskrämpfe gehöre. — 
Käme es hier auf eine synoptische Darstel- 
lung der Kraijapfkrankheiten an^ so rofifste 
fioch Tieles erörtert, specialisirt, nene Unter- 
suchungen eingeleitet, aber auch die Gränzen 
dieser Zeitschrift und die Schranken eines 
ärztlichen IConsilii (die ich freilich schon ver- 
lassen haben mag) TÖllig überschritten wer- 
den« Es wird vielmehr schicklich seyn, der 
bisherigen Ausfiihrlichkeit wegen um Verge- 
bung zu bitten und zur Angabe desjenigen,, 
worauf es hier eigentlich ankommt, zu den 
iherspeutischen Vorschlägen, hinzueilen. Es 
sei aber gestattet einiges Grundsätzliche hier- 
über voranzuschicken: 

L Bei allen Krankheiten des Rücken- 
marks ist's wichtig, störende Einflüsse aus dem 
Cerebral- und Gangliensysteme zu verhüten: 
der Kopf mufs klar, der Unt^erleib, auf eine 
'angemessene Weise , rein ge - und erhalten 
weiden. 

n. Bei jeder primären Krampfkrankheit 
mufs uniersucht werden, ob die abnorme Er- 
regung in dem bewegenden Nervenappiirat von 
einem positiven oder negativen Reiz herrühre-; 
eder mit andern Worten : ob dieser bestimmte 
krankhafte Erregungszustand mit Vermehrung 



— 21 — 

od«r Veriiiind«niiig «inet En^^^t^thmltuktm 

ttTbanden sej, oder ob «r noch oho# Altera- 

tioo dieses VerhälHiiMee beMehe? le dem 

^ortitgeodeni Falle ist's keiotm Zweifel miter- 

worfln , dals das Uebel , obwohl seioein :Urh 

sprnoge und seiner gansen Bedentuof nacli 

aof einer rein qualitative» Difierens beruhend^ 

dennalen mit wirklicher EflergieTerminderaog 

Tsrbaoden sej. Es kommt also ▼iel daraaf 

as, dafs dies berücksichtiget und liicht nur kein 

Angriff auf den Kräftezustand gemacht^ soiw 

dern derselbe auf alle Weise geschont, durch 

^vorsichtige Einwirkung gehoben und befesii» 

fii werde« 

in« nichts darf in der Behandlung der 
Jferrenkrankheiten überhaupt weniger überse- 
hen werden, als dafs ihre öftere Wiederkehr 
und endlich ihre ganse Dauer oder TöUigd 
Unheilbarkeit zuweilen keine andere Ursache 
hat, als weil sie früher rorbanden gewesen 
sind. Die erste erzeugende Ursache kann lattf- 
ge schon getilgt seyn, nichts destoweniger wie« 
derholt sich die Wirkung,, weil eine begün* 
stigende Stimmung zurückgjßbliebeo ist ; oder, 
mit andern Worten :. die Forldauer vieler Ne«* 
Yenkrankheiten ist oft lediglich von einer durch 
die Krankheit selbst eingeführten Gewohnheit 
abhängig. Nicht ganz selten daher ist der 
Heilzweck nur durch die Ueberwindung die- 
str pathologischen Gewohnheit zu erreichen, 
und befördert ihn jedes, was diese tilgt. Ja» 
ein unschädlicher Versuck hiezu mufs bei der 
Behandlung jeder Nervenkrankheit gemacht 
werden , die nicht von manifesten materiellen 
Ursachen abhängt, oder deren Anfalle mehr 
kritische Ereignisse einer verdeckten Kranke 



— 22 - 

lielt, üt die Krankbalt selbst sind» Dieser 
letzte Punkt ist Yon der gröfsteD Wichtigkeit 
für die richtige Aofffassmi^ and Behandlung 
Tieler Nerveniibel« Es gehören namentlich da« 
hin manche Epilepsien, deren^ Anfälle nicht 
ohne Gefahr fnr den Kranken unterdrückt oder 
•▼erhindert werden dürfen« Es giebt ohne Zwei» 
fei Intemperaturen , Spannungen und Aohäu- 
fungen des NerTenfluidums {sit venia verbol)^ 
deren Ausgleichung, wie in d^r atmosphärisch t- 
elektrischen 9 durch Explosionen geschieht». 
Wird diese verhindert, oder vermag die Na- , 
tur selbst eie nicht mehr gehörig zu Stande 
zu bringen , so hat dies Folgen der bedenk- 
lichsten Art. Dieses zu bemerken geben uns, 
wie gesagt, manche Epilepsien G^egeiiheit» ' 
Es sei erlaubt, einen solchen, von mir genau 
beobachteten und, wie mir scheint, nicht un- 
interessanten Fall hier einzuschalten. 

Ein Mann von einigen vierzig Jahren, 
übrigens gesunder Constitution, hatte in sei- 
nem ISten Jahre, in Folge eines heftigen 
Schreckens, einen epileptischen Anfall bekom- 
knen, der jedoch, da er sich nicht bald er- 
neuerte, keine besondere Aufmerksamkeit er- 
regte. Zehn Wochen aber nach jenem ersten 
Anfalle stellte sich nach einem mehrtägigen 
allgemeinen Uebelbefinden , wofür man keine 
bestimmte Ursacjie aufzufinden vermochte, ein 
zweiter ein; disr, kurze Ermüdung abgerech-' 
net , völliges Wohlseyn zurückliefs. Von der 
Zeit an erneuerten sich die AnföUe alle 2-^3 
Hlonate, durch allgemeines, an sich nicht be- 
* deutendes Unwohlseyn ein Paar Tage vorher 
sich ankündigend und dieses vollkommen glück- 
li<ih isntscheideiid. Der Kranke verfehlte nicht» 



— 23 — 

irztllcfae Hälfe zu eacben ; in einer Reihe roa 
Jahren wurden mehrere Aerzte beratfaen, de- 
ren jeder eine Kur einleitetet eine längere 
Z^il hindurthftihrte und mit JUifsIingen en- 
dete. So -wurde der Kranke nach und nach 
gagen sein Uebely das im Ganzen sein Wohl-K 
Mfn nicht störte, gleichgültiger^ so oft er die 
Vorboten empfand , hütete er einige Tage das 
Zimmer» bis der kritische Anfall vorüber war, 
und er selbst wiederuni für einige Monate 
dem ungestörten Genüsse seiner übrigens sehr 
aogenehmen äufsern Verhältnisse und den ihm 
cnsagenden Beschäftigungen wiedergegeben war» 
32 Ishre alt heirathete er ein junges, kräfli- 
gei Uadchen , mit dem er schon lange in auf- 
ricbtiger^ gegenseitiger Neigung Yerbunden war. 
Aach die Ehe, aus welcher 4 blühende Kin- 
der entsprungen sind , war glücklich. In die- 
ser Art ging alles fort, bis etwa yor 5 Jah- 
ren. Um diese Zeit aber nahm die äafsere 
Lage dieses Mannes eine ungünstige Wen- 
dung; er erlitt wesentliche Verluste, Sorge 
und mancher peinigende Kummer drangen auf 
ihn ein, die für ihn um so angreifender wa« 
ren, je glücklicher seine bisherigen Verhält« 
nisse gewesen waren, und je mehr er, durch 
achtungswertbe Gründe bewogen , die einge- 
tretenen Veränderungeil äufserlich zu yerdek- 
ken bemüht war. Seine -Gesundheit jedoch 
litt dabei nicht , vielmehr schien diese gewon-*> 
nea zu haben , indem nun schon lange über 
die ge wohnliche Zeit hinaus der epileptische 
Anfall ausgeblieben war« Auf kleines (Jebel- 
behnden zu achten, lag weder in den yerän- 
derten Lebensverbältnissen , noch in der auf 
Anderes hingewendeten Gemütbsstimmung. Ich 
bekeooe selbst in der Meinung gewesen zu 



s _ 



— 24 — 



••jm^ iah Jl«t filte Ueb^I wirklich durch 
alterirte psychische and Nerreostimmang g»<^ 
hobtn sey, deiiD wie es eine. Mducaihn dߧ 
chosts giebt, so gewifs auch eine M€dedne dm 
choses. Dies zu bedenken empfahl ich auch 
dem Manne als einen Trost gegen die Widern' .^ 
Mrärtigkeiten seiner veränderten Lebenslago» 
Doch sebr bald wurde ich des Nachts schleu- 
nigst zu ibm gerufen mit der Nachricht': er sei 
{»lotzlich Tom Schlage getroffen worden. , Air ' 
erdings auch fand ich ihn in einem entschied. , 
den apoplektischen 2h]8taDde, dessen dringend* 
•ten Gefahren aber schnell durch allgemeine 
und ortliche Blutentziehungen und durch die 
Ton den Umstanden deutlich genug gebotene 
Behandlung verscheucht wurden. Am andera 
Morgen waren die Extremitäten der rechten 
Seite noch in einem subparalytischen Zustande, ^ 
und gegen Abend klagte der Kranke über eine 
ungemeine, Beklommenheit im Scrobiculo cor-m 
di$^ und über einen reifsenden Schmelz (im 
Kreuze. Am Morgen schon hatte ich ein , 
£m^ticum und zum innern Gebrauch Salina 
verordnet, beides hatte gewirkt; jetzt wurde 
nur noch ein Clysma aus unc. iij. Ol. Hyoscyam, 
cocturrij worin unc. ß. Sah mirah. Glaub, auf- 
gelost wurde, zu geben empfohlen* In der 
folgenden Nacht wurde ich wiederum dringend 
zum Kranken hiogefordert, weil er von ei- 
nem heftigen epileptischen Anfalle, von dem 
die Frau des Patienten einen tödtlichen Aus- 
gang befiirchte , ergriffen worden sey. Als ich 
bei dem entfernt wohnenden (ir^nken anlang- 
tet fand ich ihn, befreit schon vom Anfalle, 
in ruhigem Schlafe. Die Untersuchung des 
Pulses gewährte die Ueberzeugung, dafs keine 
augenblickliche Gefahr drohe; ich lieb des- 



— 25 — 

^b auch den Scblafeadea iiieht stSren, ein* 
pfähl sqrgfSiUige Bewachung und erbat m^ 
rfecbricht über den Zustand beim Erwachen« 
Am Morgen schickte mir die bis. dahin aufs 
miserste geangstigte Frau einen Freudenbofen 
Bit der Nachricht: ihr Mann sei erwacht und 
kfinde eich so wohl^ dafs er das Bette zu 
▼erlassen begehre. In der That fand ich ihn 
bei meinem Besuche nach einigen Stunden 
anffallend wohl und ohne eine Spur von dem 
erlittenen apoplektischen Anfalle. Auch die 
Kralle stellten sich bald wiederum her. ^-* In 
den darauf folgenden 14 Monaten machte die 
EpiWpsia vier Anfälle , ganz in der frühem 
"WeiM und mit gleichem Erfolge. Nun zeig* 
feo sich zum ersten Male schwache Molimina 
iaemonhoidalia ; wiederholte Ansetznng einiger 
Blutegel ad n/ium, mäfsiger Gebrauch der 
Schwefehnilch mit Weinsteinrahm, seifenar- 
tige Fnfs- uud Halbbäder, Bitterbrunnen und 
eine gröfstentbeils regetabillscbe Kost bewirk- 
tnn einen Fluacus hatmonhoidalis^ der sich nach 
und nach periodisch zu ordnen beginnt. Der 
Kranke ist seitdem (nun fast 2 Jahre) von der 
Epilepsie gaoz befreit und -*- kein Kranker 
mehr! 

Es darf diese Beobachtung wohl als Be« 
leg für unsere Behauptung geltend gemacht 
werden, dafs es gar manche, blofs ihrer Form 
nach gekannte Nervenkrankheit geben möge, 
die mehr als die kritische Erscheinung eines 
rerdeckten Grundübels , als für die gemeine 
Krankheit selbst betrachtet werden müsse. 
Ganz so yerhält es sich , wie wir an einem 
andern Orte überzeugend darthun zu können 
hoffen, mit dem was ein mehr als 2000jähri- 



— 26 ~ 

ger ärztlicher Sprachgebrauch Podagra oennf. 
Et» ist aber die hier angedeutete Untersuchung 
srhon deshalb von grofser praktischer Wich- 
ligkeit, weil der Arzt wohl kaum in eine b^-* 
denklichere Verwirrung gerathen kann, als 
Tirenn es ihm etwa begegnen sollte, die Krank» 
heit mit ibrer Krisis, oder auch nur mit der 
Lysis zu verwechseln und gegen die Letzte- 
ren eine bekämpfende Behandlung zu richteii. 
Bei Fiebern und Entzündungen ist ein solcher 
Hifsgriff nicht so leicht möglich, wenigstens 
würde er leichter entdeckt M^erden können; 
bei Nervenkrankheiten hingegen ist in der 
'That diese Gefahr grofs. Wird doch überall 
noch gezweifelt, ob Nervenkrankheiten, ob * 
sogenapnte chronische Krankheiten überhaupt 
Krisen bilden, wieviel mehr: dafs sie eil nur 
Krisen sind! In Wahrheit aber ist alles dies 
nicht nur gewifs , sondern eben so sehr auch^ 
dafs jede Nervenkrankheit ihrem Wesen nach 
schön verkannt ist, wenn sie blofs ihrer Form 
nach erkannt und bestimmt wird. Dies mag 
auch mit dazu beitragen, dafs viele Schrift- 
steller, die mit grofsem -Wortreicbthi^m und 
oft mit vieler Kühnheit sich über Gegenstän- . 
de der Pyretologie vernehmen lassen, sofort 
stille werden und einen gewissen Zagsinn v^t- 
ratben, wenn es auf die Erörterung der Ner- 
venki^ankheiten ankommt. 

Dx)ch wir kehren zurück ! . So gewifs es 
also ist, dafs Nervenleiden oft nur deshalb 
wiederkehren, weil sich eine pathologische 
Gewohnheit entsponnen und zum ätiologischen 
Moment erhoben hat , so gewifs ist's auch an- 
dererseils,' dnfs manche in Paroxysmen er- 
scheinende Formen des Nervenleidens nicht 



— 27 — 

Ce Krankheiten selbst , sondern ihre Eqtsehei- 
jsDgen, nicht die UebeJ, sondern ihre respecti- 
Ten Halfen sind. Dort ist yiel, zuweilen aU 
Ittctwonnen, wenn es geljogt, die patholo- 
^ichs Gewohnheit aufzuheben , oder auch nur 
n rerändero; hier würde damit, so lange 
lu Uebel in seiner Wurzel nicht berührt, ja 
■icht einmal erkannt wird, nur> Gefahr berei- 
tet werden können. ^ 

In dem Torliegenden Falle jedoch kann 
ttne Besorgnifs der Art nicht entstehen , da 
man es hier mit keiner latenten, sondern mit 
•inei Tollig manifesten Krankheit zu thun hat, 
«nd in dieser selbst wiederum nichts deutli« 
cber ist, als ihre Abhängigkeit von dy^nami- 
§cb§n Stimmungen. Sie erscheint, we*hn sie 
da ist, und ist selbst getilgt, wenn sie nicht 
mehr erscheint. Zwischen ihr und ihren Er- 
scheianogen (Wirkungen) liegt kein Drittes, 
Vermitteltes oder YermittelDdes 9 sie selbst 
Verdeckendes; sie ist vielmehr ganz das, was 
sie erscheint. Jede Gewalt daher, die man 
nber ihre ErscheinuDgen gewinnt, ist auch 
eine, und eiue eben solche über sie selbst. 
Je dauernder also die freien Zwischenzeiten 
gemacht werden können, desto gröfftern , we* 
sentlichen Abbruch erfahrt dadurch die Krank« 
helt selbst, und eine dahin zielende Behand- 
lung wäre keines wegcs eine .eitel palliative, 
symptomatische, sondern eine wahrhaft cu- 
rative. 

IV. Die Krankheit ist ihrem Wesen nach 
nicht Entzündung, und hat überall mit dieser 
nichts gemein ; aus der Behandlung also muTs 
alles entfernt werden, was auf Entzündung 
eine nahe oder entfernte Beziehung hat. Wie 



- 28 -. 

abcnr ^at R^fick^nmatk aoatomitcb und physio- 
logisch zwischen Gehirn and 6aDgiiaD83r8teat 
steht, ao behauptet ea auch die gleiche Stel« 
lang in pathologischer Bäcksicht. Nun kbii<- 
nen zwar Rücken markskrankbeiteo sehr lange 
Idiopalhien bleiben, ihre firiihern oder spätera 
Wirkungen auf das Gehirn und Gangliensy- 
8tem können aber gleichwohl nicht ausblei« 
ben , sobald nicht eine örtliche Ausgleichun|^ 
des primären Krankheitsprozesses erfolgt. Wo 
'demnach Rücken luarkskrankheiten tödtlich en- 
den I da geschieht's durch Schlagflufs , Stick« 
flnfs oder Vegetationszerrüttungen.^ Diese Be- 
ziehungen bei der Behandlung der Rücken«* 
marksjLrankheiten überhaupt^ namentlich abejr 
der chronischen und nicht entzündlichen , fest 
im ^Au^e zu behalten, ist ein Moment von 
der höchsten Wichtigkeit. Weder das Gehirn 
noch das Gangliensystem dürfen hier eitaea 
Angriff erfahren, beide yielmebr müssen in 
ihren Thätigkeiten so regulirt und unterstützt 
vrerden, dafs sie nicht nur durch das Rücken- 
mark nicht secundär erkranken, sondern aSich 
auf dasselbe heilsam , d. h. reagir^nd einwir- 
ken mögen«' Weder also dürfen nach dtfr ei- 
nen oder andern Seite hin heftige Erregungen 
bewirkt, noch darf andererseits etwas unter- 
nommen werden > das Collapsus und Erschlaf- 
fung erregen könnte, oder wohl gar müfste. 
Ausgeschlossen aus der Behandlung mnfs da- 
her aUes werden und bleiben , was irgend ge- 
vraltsam und einseitig ist« Kein heroisches 
Mittel I kein heroisches Verfahren ! )Ss ist 
dies keine Krankheit, die durch eine plötz- 
liche Wendung, durch die Benutzung oder 
Herbeiführung Eines entscheidenden Moments 
beseitigt werden könnte^ denn ee ist keine 



i 



•^ 29 — 

KmaUeit« 'di« dnrch blolsa IfatnrbSlfe ftich 
iMcagleichao wmnngl Wie -vial, cnler wi« 
woug hiflout ansgedriickt sejn maf, kano be« 
lOMfea Gmiostea der Knbst und 'Wissen« 
ichaft ucht eatgaheD. Hier gilt*s keiaen eia« 
idaeft genialischen oder glÜGldichen Act, son« 
dsrn nin fortgesetxtes , besonnenes Handeln, 
das swar nnr Ein Ziel hat, aber riel berück- 
ttchtigen rnnfs. Der wahre Heldenmath be- 
wahrt aich hier in treuer Ansdaner. 

Y. Alle Krankheilen des RSckenmarks» 
so nols auch ihre Neiganf ist: lange Lckal* 
aSklioB zn bleiben und dadurch sehr chro- 
nisch SB werden , nehmen einen viel rasche- 
ren aal in seioen Folgen viel Jiedenklichern 
Vtrisaf, sobald die weitere Verpflanzuog des 
Kraskbeitsprocesses zu Stande gekommen ist. 
Dis Nahe oieses Uebergang es pflegt durch stär- 
ksre ijmpathische Erschein uogen Terkündigt 
za werdeo. Immer daher muTs, wo überall 
solche Vorboten auftreten , mit gröfserm Ernst 
und Nachdruck auf die Tilgung der Ursprung- ^ 
licheo Afiection Bedacht genommen werden* 
Dies fSr den Torliegenden Fall in Erinnerung 
ZQ bringen ^ fehlt es nicht an gegründeter Ver- 
aalusong. 

VT. Jede intercurrente Krankheit, wenn 
sie nicht etwa gefährlich an sich ist, mola 
alt mögiichis rsT-jlsorisches Mittel zur Heilung 
des Grundübels berücksichtiget werden. Ka- 
meallich wäre eine einkehrende Intermittens 
als ein günstiges Ereignifs zu betrachten und 
▼or der Anwendung der spezifischen Kur we-> 
nigstens sieben Anfalle abzuwarten. Die Be- 
quemlichkeit und Sicherheit , welche die treff- 
Uchen Cfainaalkaloideo in der Behandlung der 



_ 30 -« 

Intermittens darbieten, Terhiodem gewift iiiaii« 
che Heilung, welche die Natur sonst öfter 
eben durch diese Krankheit von manchen chro-- 
nischen , höchst hartnäckigen Nerven- nndUn^" 
terleibsäbeln zu bewirken pflegte. 

Diesen Grundsätzen gemäls glauben wir 
folgende Behandlung vorschlagen zu dürfen ; . , 

1. Aeufsirliche Mittel: a) »auß^e 
und gtUnde Ftküonen längs der IVirbelsäule/ 
Obwobl die Reibung selbst die Hauptsache ist, ' 
so kann doch auch damit etwas Medicamento« , 
ses zweck-mäfsig verbunden werden. Ich eih^, 
pfehle hiezu das Unguentum ntnnnum mit. ei- 
ner reichlichen Beimischung der Mixtard o/eo- ^ 
so-balsarrüca und etwas Opiumtinktur, oder bes- 
ser: Spint. Angd^ mit Uq* jimmon. caugt, und 
Tinct, Theo. Diese Friclionen müssen wenig-' 
stens. zweimal täglich gemacht, und jedesmal. 
10 — 20 Minuten gelinde fortgesetzt werden. 
-^ Das Cauterium , sowohl das actuolt als po- 
tthtialtj als auch die Fe$icantia, so wie über- 
haupt alles, was anhallenden Schmerz und 
Säfteverlust erregt, scheint mir dem dermali- 
gen Stande der Krankheit nicht zu entspre- 
chen. Dagegen ralhe ich sehr 

b) zu häufiger Anwendung rothmachtndS 
Mktel an der Wirbelsäule, 

c) Dae, Reiten mufs fortgesetzt und so sehr' 
verstärkt werden^ als es ohne nachbleibende* 
fühlbare Ermüdung möglich ist," Auch das 
Fahren in einem Stuhlwagen wird dem Kranken 
wohitbun. Sehr dringend empfehle ich 

d) das Schaukeln, Was die Schaukel im 
Jugendlieben Altejcgegen. beginnende Vkrkrüm«- . 



in SvelluDp, Form und Masse nur das Se- 
lira ist. Fast ganzücb vernachlärsigt aber 
I dies grofie Mittel hei Ermachseuen, we!l 
Krankheiten der Wirbelsaule meist nur an- 
ichen und Bänder gedarbt wird. Ich dnrf 
tun aas mehrfncher Erfohrung die ent- 
'Mm heitflame Wirkung des langete Zeit 
inrth fürtgesetzleo lüglichen und aiihaUen- 

Schaukelns auch bei Erwachsenen io den 
I geeigneten Fällen versichern. Dafs der 

in Betrachtung genommene Fall eich zur 
renduDg dieses Mittels sehr eigne, bedarf 

dem bishw darüber Gesagten keiner Tvei- 

Erörlerunj. — Ist's nicht sonderbar, dafs 
zbn Slillel nur deshalb Terachmaht wird, 

M io jedem Fall unschädlich ist? 

t) Das StAad. Eia unschaltbares und über 
Wortlob weit erhabene HeilmilleU Das 
wr allein thuts freilich nicht; vro aber 
wäre eine so grofie und Terbreilel« 
liowirkung, voeinasoausgedehnle, gleich- 



^ 32 - 

S«e? Hier scbwebt noch heute, wie aa d« 
Schopfaog Anfaiig, der Geist über den Wee« 
seriii au8 unendlicher Kräftigkeit zeugend Les- 
ben und . Gedeihen. Das Schwache und im 
Leben Schwankende nahe sich getrost dieser 
Lebensquelle, um aus ihr zu schöpfen Kräf». 
tigungi Befestigung, innigere Elementarrerbin- 
düng; nur das Zerrüttete, das dem Tode schoii 
Geweihete (organisch Kranke) bleibe fern; 
dies erliegt schneller, je mehr hier Ursprung« 
liches, kräftiges Leben walteti. Fiell^er ynd 
organische Krankheiten nichtiger Eingeweide 
sind die grofsten (vielleicht die einzigen) Coa« 
traindicationen gegen das Seebad« — Was 
das Seebad und der wohlbenutzte Aufenthalt 
an der See zu leisten vermag, muCs ifiai^ an 
sich selbst und Andern erfahren haben ^ um 
ein^n Versuch machen zu können , darüber 
zu sprechen. Und eben ^ in diesem Falle bin' 
ich: selbst haV ich mehrisre Male Gesundheit 
und frisches Leben nach harten Leiden durch 
dieses Mittel mir wiedergewonnen, un^ Kran- 
ke, die ich in Betten gehüllt ins Seebad habe 
reisen, mit Karren in die See hineinschieben 
lassen , sind nach einigen Monaten mit Jugend» 
lieber Frische zurückgekehrt, nicht wissend, 
urelch ein Zauber das Uebel von ihnen hin- • 
Mreggenommen. -*- Soll aber der volle Nutzen 
vom. Seel^ade gezogen werden, so mufs eeia 
Gebrauch bestimmten Regeln unterworfen und 
mancherlei anderes damit verbunden werden. 
Das Wichtigste will ich hier bemerken: Je- 
den Morgen wenigstens mufs, entweder nüch- 
tern, oder nachdem ein ganz leichtes Früh- 
stück genossen worden , ein Bad genommeii. 
werden, und, wenn irgend möglich, Nach- 
mittags, 2 — 3 Stunden nach der Mahlzeit und 

nach 



^ 33 ^ 

aadb einiger Ruhe, ein zweites. Die Daaer 
des eiDzeloen Bades kann nicht nach einem 
ZeiUnaafs bestimmt werden, sondern nach 
der Wirkang, nach det jedesmaligen korper- 
Ikheo Stimmung. Der Kranke nämlich muls 
sogleich ans der See gehen, sobald er, nach- 
ina die erste Einwirkung überwunden und 
darauf eine erfrischende Empfindung eingetre-» 
ten war, eine mehr oder minder allgemeine 
Honripilation fühlt. Es tritt diese zuweilen 
schon nach 5 — 10 Minuten , zuweilen erst 
nach 20 Minuten und später ein; es bezeich- 
net diese Horripilation den Sättigungspunkt 
der ihätigen Hautreceptivität und das Unrer- 
mögen länger gehörig zu reagiren. Es tritt 
dieser Homent desto später ein , je mehr und 
je lebhafter man sich in der See bewegt. Beim 
Austritt ans dem Wasser müssen gelinde Frictio- 
nen über den ganzen Leib gemacht und ein 
Luftbad genommen werden. Ohne Zweifel 
gehören die Luftbäder überhaupt, und na- 
mentlich die am Seeufer bei nicht ganz un- 
giiostiger Witterung zu den wirksamsten und 
hiilfreicbsten Heilmitteln in vielen Fällen; es 
ist daher sehr wünschenswerth , dafs ihnen die 
Aerzte eine grüfsere Aufmerksamkeit schenk- 
ten, als es bisher geschehen ist. Es versteht 
sich, dafs sie entweder — was das Vorzüg- 
lichere ist — ganz nakt, oder nur in ein dün- 
nes leinenes Laken lose gehüllt genommen 
werden, indem man am Seestrande mäfsigen 
Schrittes lustwandelt. Es mufs wenigstens 
|-*§ Stunde dauern, und man thut wohl, es 
auch Tor dem Bade zu geniefsen. — Das Ba- 
den in der stark bewegten See ist nicht nur 
nicht zu vermeiden, sondern eben dies ist das 
wirksamere und helfendere. Die Einwirkung 
• Joorn« LXVII. B. 1. Sc. C 



- 34 - , 

das Wellenschlages ist ein wesentJiLelies Mo- 
ment des Seebades« Auch ist das Wasser ge« 
wohnlich um 1-^2^ B, wärmer , wenn di#. 
See bewegt, ale wenn sie TÖllig ruhig ist». 

/ Alle diese Mittel (n— ^€) müssen aber nicht 
einzeln, sondern, so viel als möglich^ Terbun-i^ 
den angewendet werden. 

2» inraer/icAe Afille/« Abends undJUciw 
gens rathe ich «ine mittlere Gabe des E9ara€ti. 
Hyoicyarrä zu reichen , und zwar 5 Gr, pro 
Dosi ganz rein in Pillenform. Sollte sich etwa 
— > was aber nicht einmal wahrscheinlich ist ^<* 
nach mehrwochentlichem Gebrauch dieses Vit- 
tels etwas Flimmern /vor den Augen u. s« w» 
«inStellen, so ist weiter nichts nöthig, als et 
oin Paar Tage auszusetzen, und, nachdem 
jene Erscheinungen wiederum gewichen sind, 
xom Fortgebrauch zurück zu kehren. Wäh^^ 
rend des Tages gebe man eine Verbindung 
Ton gtUnd toiüschen Mitteln mit Amaro-'aeihe» 
reis. Da eben diese Mittel eine sehr reichil 
Wahl gestatten, so stimmt dies gut mit den 
EKordernissen der Krankheit und den Wün- 
schen des Kranken zusammen* Auch kann 
mit ihnen leicht etwas gelind EröiFneodes Ter- 
bunden werden, wodurch nicht nur einer 
Nebenindication genügt, sondern auch die Wir- 
kung/ der andern Mittel unterstützt, gesichert 
und erhöht wird. Ich würde nut eine^i ge- 
sattigten Aufgufs des Chenopodii Ambrow^i 
anfangen , und diesem etwas Tinct, Calam. aro^ 
mca, und Tinct. ühd aquös, hinzufügen. Nur 
einige Mittel will ich namentlich Mführen, 
denen ich aus Erfahrung an verwandten FaU 
leü vorzugsweise vertrauen würde: JSeri^ Ho- 
Tumar.p Arlutümt vulß.^ Card, fimtd.^ MiUt^ 



luau Kann onansianoigvr seyu, bis id 
Uan nberhanpt, nad namentlich in eU 

wie das hier gefordarts, sieb in Nen« 

von Arzneimitt«In za ergieraan. Allel 
flhr kommt auf Entwicklung der Einsicht 
B KranLhaitszustand, auf'genaae diagno- 
la Bealfmmung und rationella Feslaelzung 
[adicaliooeo soTrohl, als der anzuwendea- 
Hailmethoda überhaupt an. Dia Indicata 
B sich dann ganz leicbt, und selbst 
tniteodem Vertraueti fdr das eine oder 
■0 Mittel läfst sich gewöhnlich Etni- 

darch die Wehl eines dritten , beiden 
iDdten Mittels finden. In diesem Sinne 

bitten wir unser« Vorschlage über div 
lieb anzuwendenden Mittel aufzunefamen 
BQ deuten. Nur wo man über einzelne 
:amente, oder MadicaniBnlenTerbin düngen, 

oder nicht ganz bekannte Erfahrungen 
iben glaobt, mufs es gestattet seyn, diese 
derjenigen Entschiedenheit zur Sprache 
■ngen , welche eben einzeln stauende Br- 
neen cnlaniMn. Und in Mnlcher Weisa 



— 36 ^ 

Äec. Vtni zoot. gr. ij. Uad. Rhei opt. gr. Ij 
Elanoiacchar. Citr. gr.v. M. f. pülv. S, Smaltäg- 
lieh ein solches Pulyer) dringend jeq einpfeh- 
len. — Seit ZolUkofer das blausaare Eisen 
gegen die Wechselfieber empfohlen , habe icfa| 
die Intermittuia ihrem Wesen nach als eins 
Nervenkrankheit erkennend, jenes Mittelauch 
gegen mannigfache andere Nerveniibel mit gro- 
fsem Nützen angewendet Namentlich ist es mii 
mehrere Male gelungen, durch den anheilend 
fortgesetzten Gebrauch der angegebenen Ver- 
bindung des blausauren Eisens mit kleinen 
Dösen Rhabarher , alle , mit hartnäckigen Ob- 
structionen verbundene Nervenübel des Unter- 
leibes gründlich zu heilen. Bedingung jedoch 
der Anwendung dieses, aufserhalb des Orga- 
nismus unauflöslichen Eisenpräparats flürfle 
.wohl ein mäfsig guter Zustand der ersten 
Verdauung sejn* Ich bemerke dies der Vor- 
sicht halber, wiewohl ich selbst nie Magen- 
beschwerden auch nur in geringem Grade als 
Wirkung dieses Mittels beobachtet habe« ^ 

3. Die Diät und das fllgemeine Re- 
gimen. Die Diät mufs leicht nährena, mehr 
aus vegetabilischer als animalischer Ko^t be- 
stehen, und nicht sehr gewürzhaft seyn. Ue- 
brigens kommt hier, wie in den meisten Fäl- 
len, viel auf das an, was der Kranke selbst 
aus Erfahrung als heilsam oder nachtheilig für 
sich erkannt hat. Vermieden müssen werden 

*) Beiläufig sei es gestattet, hier der aufsoror- 
deutlich beilstmen Wirkung dieses Mittels ae- 
gen Chlorosit und g«gen atonische Zustande des 
Uterus und deren Folgen lu erwähnen» da» so 
viel mir bekannt, solche Beobachtungen voki 
ftiidera Aersten noch nicht bekannt gemacht 
worden sind. 



» ^ 



— ^^ — 

I 

alle fetten, faden, aehr mebligen Spei^^Uf 
Keine sogenannten KraÜbriihen ? sie eiod — . 
vras nur zo olt^ verkannt wird — ^ sehr schwer 
Terdaulich und verdienen ihren Namen mehr 
in sofern sie Kraft erfordern , als geben. Das 
Grandgesetz auch für die Ernährungi ist Thä- 
(igkeit ; je grSfser und Tollständiger diese, desto 
Tollkommener und dauerhafter auch j.ene^ und 
umgekehrt. £s wird ein Mensch' durch zwei 
rfuod des schlechtesten Komisbrodes täglich 
ungleich besser genährt, als durch zwei wei- 
che Eier, obwohl diese mehr sogenannten Nah- 
Tungsstoff enthalten. — feste Fleischspeisen 
werden besser kalt, als warm vertrageo. Von 
Fischen sind Heringe, und nächst ihnen die 
Sardellen hm gesundesten; doch nur ja keine 
italienischen Sallate, so vortrelTlich sie in der 
That auch schmecken. — - Zum Getränke kann 
der Kranke ein leichtes JB/cr, wenn er daran 
gewöhnt ist, wählen; immer aber ist das wei- 
fse dem braunen Bier vorzuziehen; doch darf 
er sich auch des Wassers ^ wenn er es) vor- 
zieht, nicht enthalten, das Uehermaafs blofs 
i»t auch hierin z^ yermeideo« Thee und Kof" 
fee , mäfsig genossen , sind gewITs nicht schäd- 
lich , sehr oft heilsam. Im Ganzen jedoch 
ist der grüne Thee der Gesundheit zuträgli- 
cher als der schwarze, und nie sollte man 
Rum, Arrak u. dgl, hiu^uthun. Kaffee mufs 
rein und mäfsig stark genossen werden; es 
giebt für ihn kein Surrogat und jede Beimi- 
schung, den Zucker ausgenommen, verdirbt 
ihn wenigstens, oder macht ihn wohl gar 
schädlich. Täglich muf^ der Kranke etwas 
/7ei/i trinken. Im Allgemeinen ist Nerven- 
kranken der süfse Wein, zumal ein guter spa- 
nischer, der zuträglichere; in der vorhalligen 



_ 88 — 

lieUsaiMti Wirknog aber gleic&t kein Weia 
UDserm Rheinwein, wenn er guter Art i«t. 
Doch iat hierin gewiTs nur das medice^ was 
modice geschieht» 

Was clas Megimen anlängl, so ist darüber, 
liach dem früher Bemerkten, nur "^enig hin- 
zuzufügen. Dars der ' Kranke yiel in freier 
Luft sich aufhalten, und bewegen solle, ist 
hnpUcite schon angegeben. £r darf nicht sehr 
lange im Bette, und nicht iia einem zu wei«- 
then und warmen , noch auch auf zu hartem 
Lager liegen. Das Bette dient nur gut für 
die Zeit des nothwendigen Schlafs und für 
solche, die weder an die freie Luft, noch zur 
gehörigen Bewegung gebracht werden können • 
Alle Säfteyerluste müssen sorgfältig verhütet 
tirerden, besonders aber Vergiefsung des edel- 
sten J! Per Kranke suche sich eine ruhige 
Heiterkeit des Gemüths zu bewahren und be« 
diene sich des besten Recepts gegen alle Ue- / 
bei; es besteht aus drei Ingredienzien : Glaube, 
Hoffnung und Liebe« •— Ich aber scheide hier 
Von ihm mit den herzlichsten Wünschen fdr 
•eine Genesung! 



Noch einige Vorichlag% mut Heilung, 
i. Fom Mtd. Raih Dr. Pituchatt 

zu Karlswüht^ 



Ei ist Einem eine Freude, wo man ihm riehiig 

antwortet^ 
Uad ein Wor^ %u seiner Zeii iss selir liiiliek» 

Spr&elke Salomonif. 



Es sind mehrere Antworten In Ihrem Jonr« 

Btile aof die Bitte um gaten Rath, Norembr« 

1827, dngelanfen. Es scheint nichts als hätte 

der Terschiedene Srztliche Rath wak genikzt. 

Oder erhalten wir noch Nachricht darnbiaar. Ich 

jiriU euch meine Ansicht kurz mittheilen, viele 

Worte sind nicht nothig, weil sich wahr# 

Künstler leicht rersteben. 

Nach meinem Dafürhalten beruht die näch- 
ste Ursache der Krankheit des Bittenden in 
eioem Erkranktsejn des kleinen Gehirns und 
Riickenmarks — woran Yielleicht auch der 
F'aqus als der Bewegungsnerve für die innere 
Sphäre des Organismus Antheii z^ nehmen 
hat. — Der Taback ist hier das wahre Heil- 
mittel, das Specificum. Schon lange stimmen 
meine Erfahrungen mit denen des Hrn. ü/kfe« 
macher überein. Zu dem Ende bitte ich den 
Hro. Hausarzt des Kranken, das Mai -Heft 
i826 dieses Journals, die Erfnhrung über den 
Taback, von Dr. Thomas Anderson^ Magazin 
der ausländischen Lit. -Jer Heilkunde, 10. B. 
S. 283, und Juli- und August -Heft, 1827. 
S. 193« und Senntn Tractatus poshumus ^ Parali" 
pomena. C» 13. p« 116« Zatutor Lusitarm d§ 



'\ 



?- 40 — 

■ 

ffo»m nHAf adtru L. L Oh$. p^ Schulze Mat. 
medic« p. 172 nachzuschlajgeo. '^ D|6 alten Aerzte 
Wußten recht gut, däfs der Taback das Arz^ 
Deimittel in den Krankheiten sey^ wo ihn lir« 
Rademacher mit so- vielem Recht anpreifst^ 
Ich werde dieses in meinen VergleichuDgea 
der Stedicin, so. wie meine Erfabri^ngen über 
dieses herrliche Mittel mittheileo* Ja folgende 
St^Ule eines alten Dichters , der kein Arzt war, 
beweist sogar, dafy es dem Volke bekannt war. 

Potrmna dijfidlem foetum exclusura^ Tabaci 
* Provida fQM o^omi >$tc cito mattr mt* 

P. S'criverius^ 

Die80 Sexualrerrichtang geschieht durch 
4m Rückenmark. Hätte ich den Kran- 
ken. £u behandeln, so yerordnete ich folgen« 
4e9 R^ecept: Jtec^ HuK Chenopod, amhros.Htrb. 
JkkUss. Fol. jiuranu ana dradvn» y. Foh Nico^ 
tiän, icrup, j, F. infus, aquos, fervid, colat, refr» 
unc» iV. adde LAq, jimmon, anis, drachm. j. 
9. SiÜndlich 1 EJslöffd voll zu nehmen. Dabei 
Jiefs ich ihn des Tages mit der lauwarmen 
F^em^/er'schen Tinctur längst dem Rückgrath 
einreiben. Auch dürften, wohl die Anderson*" 
sehen Bäder anS' Taback ihre Anwendung fin« 
den. EmftrtQ eat\ 



— 41 — 

2. r^on TV. in -^g. 



Die Natur der Nervenkrankheiten ist noch 
in grofses Dunkel gehüllt. Analoge Erfahrua« 
gen veranlassen den Unterzeichneten zu dem 
Rathe, gegen das hier geschilderte Uebel ganz 
einfach das Kali subcarkonicum (5a/ iartari) zu 
▼ersuchen, ^twa in folgender Form : Olei Tar^ 
tari per dßliq, (Liq. Kali subcarbon*) draclimm ij. 
Jq, Menthae pip. unc, iij\ Syr. Aurant. unc. j\ 
ZweistSndlich zu einem Efsloffel voll. Es 
braacht dabei weder .in der Diät , noch io der 
nhnge« ärztlichen Behandlung eine andere 
Bocksicht genommen zu werden , als welche 
der Zustand des Körpers ohnefdiafs erfordert« 
Eine weniger reizende als stärkende Nahrung, 
so wie ein mehr beruhigendes y als reiziNides 
ärztliches Verfahren, hinlängliche Bewegung 
und möglichste Erheiterung des Gemüths, . wird 
diesem Zustande wohl am besten entsprechen. 



Wir fugen die wiederholte Bitte an den 
Arzt des Kranken hej , uns über den Fort- 
gang der Krankheit und die Wirkung der 
vorgeschlagenen Mittel bald belehren zu wollen* 

d. H. 



/ ^ 42 ^ 



« V 



/ 

f 



II. 

H y d r o p hob i e. 



(Forti. S. Joum. d. pr. Heillt; fid. LXI V« 8t. 6, S. 108.). 



?8. 

ÜuiffacA« Folkgndttd gegen Wtuserscheu. 

iSiri Batrag ^ur Verhütung und Behandlung dieser 

furchtbaren Krankheit^ 
vom 

' Hofrathe^ JDr. Carl Mayer 

in St Peiersburgm 



JNiclit iin})ekaniit mit dem, Tiras die allge« 
meine med. Literatur darüber geliefert hat, 
und vertrciuf mit diesem Gegenstande in Rufs- 
land, liefere ich hier einige Mittheilungen, die 
mir nicht uninteressant zu seyn scheinen. Man- 
ches'*bereits Bekannte /wird dadufch bestätiget, 
oder berichtiget^ manches Neue weiter geprüft 
werden können« Zunächst wünsche ich aber 
diesen Beitrag an die Ueberschrift : Russ. Volks- 
mittel gegen Wasserschen angereiht zu sehen, 
welchen wir dem am unsere Wissenschaft, 
und das CiTiUltfed. Wesen Rolslafids gleich 



— 43 — : 

!ent«n Herrn wivUIchem Staatsratbe Dr» 

Joitph Rthmann verdanken« (S. Salzb. med. ' 
cbir. Zeitung Nr« 5. vom l5ten Jao. IStö. 
Bd.L S. 77— 80. Ru8S. Samml. f. Naturwis« 
iMidiaft und Heilkunst, von Dr. ^. Crichton^ 
Dt, Joseph Rehmann u. Dr. C F, Surdaclf^ 
fiiga n. Leipzig 1816. ^d, II. Heft II. S. 248. 
Pkrer's allgem. med. Annalen , 1818. S. 258 
•ad folgd.) 

ji. NeuerdingB empfohlene MUteL 

1) Der AT$evdk. 

Der verstorbene Dr. Adolph Löffler in W!-^ . 
ftbk empfahl vor einigen Jahren in einer ei« 
ftnea Schrift ein Vorbauungs -Verfahren wi« 
der die Wasserscheu, welches in der aufser* 
liehen Anwendung einer sehr starken Auflo« 
song des Arsenici albi besteht. Mein Vater^ 
der Rqss. Kaiserl. Staatsrath Dr. Anton Mayer 
hat sich veraolafst gefunden, in einer Abband- 
long die Aufmerksamkeit der Aerzte auf die 
erfahr zu richten, welche mit dem Gebrauche 
dieser Methode verbunden ist. Da ich ohn- 
lingst — (in Rust^s und Casper*$ krit. Repert. 
Bd. Xn. Heft 1. S. 101 — 120) — das We-' 
sentliche aus diesen beiden Schriften, mit ei- 
nigen eigenen Bemerkungen zur Kenntnifs 
des teatsch-med. Publikums gebracht babe, 
10 verweise ich hier auch nur darauf. 

2. Euphorbia CyparUsias. 

Der Apotheker Hr. Tetzner in Kiew schrieb 
im Mai 1822 an den nun verstorbenen Aka- 
demiker Scherer in St. Petersburg unter an- 
dern Folgendes; „Es ist in hiesiger Gegend 
em neaee ganz unfehlbares Mittel gegen die. 



^ 44 — 

*Wa68erQc1ieu bekannt worden. Die wobhbä- 
tige Wirkung desselben ist unzähligemal ^e- 
prüft worden, und die Bekanntschaft mit dem- 
selben fand sich bereits durch mehrere Gene- ^' 
ratiönen bei einer Bauernfamilie auf ejneui/ 
unweit von Kiew gelegenen Dorfe Krasitsch. . 
Es war den Bewohnern der Umgegend be-. 
kannt, und wer so unglücklich yrar^ solcher 
Hülf« SU bedürfen, wendete dich an diese Fa- 
milie, und nie (?) schlug dieses Mittel fehl. 
Es ist die Wurzel Ton Euphorbia Cyparissias, 

Die Bauern verfahren bei Anwendung der- 
selben auf . folgende Art : Die frische Wurzel 
wird in kleine Stückchen zerschnitten, ein 
zieuer Topf bis an den Rand desselben datnit 
angefüllt, und mit so viel Wasser über'gos* 
sen, dafs die Wurzel ganz damit bedeckt ist. 
Hidtauf wird der Topf mit einem vorher schon 
angepafsten, aus einem ganzen Stücke frischer 
Brodrinde geformten Deckel bedeckt, und aa 
den Seiten mit Brodteig gut verklebt. So zu- 
gerichtet setzt man ihn des Abends in einen 
heifsen Backofen, und läfst ihn die Nacht über 
darin stehen« Am Morgen nach erfolgter voll- 
kommener Abkühlung wird er geöffnet und 
di« dunkel gefärbte Brühe von den Wiirzela 
abgesondert. Diese Flüssigkeit ist nun das . 
aufserordeatliche Mittel, welches nach den 
Erfahrungen dieser Landleute die Kraft ^at, 
den fürchterlichen Wirkungen der gefährlich- 
isten Verletzungen zu begegnen, und die s<:hreck- 
lichen Folgen derselben gleichsam iin Keime 
zu ersticken^ und zu zerstören. — Die Dosis 
für Erwachsene ist ein grofser Thee\öifel voll, 
für jüngere Personen im Verbältniaise weni- 
ger ; ist die Portion ;su grofs gewesen, so ent- . 



— ^4Ö — 

Sieht bald darauf Erbrecbeo. SöUtö man glau- 
ben , dafs dabei yielleicht das genommene Mit" 
tel wieder mit aasgebröcheo sey, so ist es 

nolbig, bald darauf eiil^ zweite kleinere bo- 

lis davon zu geben." — 

Wie es scheint, ganz unbekannt mit die- 
ser Mittheilung, die der yerstorbene Schtrer 
(in dessen Nordischen Annalen der Cbemie, 
Bd. Vm. Heft 2. S. 2tl— 212) — geliefert 
hat, machte kürzlich der Dr. Muchin, Prof. 
d. med. Polizei zu Moskau (in INr, 49. der 
Moik. Zeitung Tom ||. Juni 1824. p. 1741) 
öffentlich bekannt: Er sei persönlich durch 
einen Bauer, Basil Kobant$chtnko ^ aus der 
Slobodischen Ukraine, Gouvernßmont Charkow 
ron der Schutzkrajt der /Wurzel einer Muphor^ 
Hat - SpediB gegen das Wuthgiß unterrichtet 
Wordtn, 

Die Wurzel im Herbste ausgegraben, habe 
der Bauer wirksamer gefunden, als die zu ei- 
ner andern Jahreszeit gesammelte. Die fri« 
sehe Wurzel wird in einem leicht geheizten 
Ofen getrocknet , und an einem warmen trock- 
nen Orte bis zum Gebrauche aufbewahrt. — 
Einwendung. Erwachsenen Personen giebt er 
täglich ein Mal des Morgens nüchtern unge- 
fähr 2 Scrupel bis 1 Drachme (einen Thee- 
löfTel voll in Kwas ^ ein aus Roggenmehl be- 
reitetes leicht gesäuertes Getränk). In Fällen, 
die keinen Zeitverlust gestatten , giebt man 
dieses Mittel zu jeder Stunde, selbst unmit- 
telbar nach der Mahlzeit. Für Kinder von 
10 Jahren bestimmt er die Gabe auf 1 Scru- 
pel, und für 5jährige Kinder auf 10 Gran in 
lUilchbrey. In Fällen, wo die Bifswundeti 
sehr grofs, oder ihrer Zahl nach beträchtlich 



— 46 — 

I 

ojler» wo die Menschen mit dem Speichel 
'wathender Thier^ sehr befleckt waren, be* 
diente der Bauer sich auch^ zor Verstärkung ' 
der Wirkung der in Pulverfprm gegebenen 
Had. Miqthorb. , noch einer Abkochung dersel- 
ben« Die Art der Zul^ereitung dieses Decocts 
ist im Wesentlichen dieselbe^ wie sie oben 
aus Kiew angegeben wurde. Eine kleior ge- 
schnittene Wurzel wird mit 3| — 4 Pfund ge- 
meinem Wasser überschüttet, nicht länger als 
drei Stunden in einem gelind geheizten Ofen 
gelassen, die Flüssigkeit durchgeseiht, und 
die Gabe ist, warm oder kalt, etwa If Uoze 
täglich ein Mal und nicht länger als 2 Tage 
hinter einander. Zur Sicherstellun^^ gebisse- 
ner Kühe und Fferde gofs er ihnen immer 
nur ein Mal mit Gewalt eine handvoll (Ma«» 
nipulus) ron der gepulverten Wurzel mit einec-^ 
Bouteille (1| Pfund) Wasser in die Gurgel. 
Bei Delirien der Wuth wiederholte er dassel- 
be drei Tage hintereinander, täglich ein Mal. 
Hunden und Schweinen gab er das Pulver mit 
dem Futter zwei Tage, täglich ein Mal zu ei- 
nem Efsloffel voll. 

N 

Die Menschen und Viehe von wüthenden 
Thieren beigebrachten Bifswunden verbanid er 
bis zu deren vollkommenen Heilung 2 mal 
des Tags, indem er sie mit dem genannten 
Pecoct auswusch und das zur Asche verbrann-« . 
te Pulver der Rad. JEuphorb. hineinstreute. 
Die -Wirkung dieser innerlich genommenen ' 
Arznei zeigte sich immer bei Menschen und 
Hunden durch Erbrechen, und bei allen (Men- 
schen und Thieren) durch Durchfälle. — Wp 
dieses Mittel^ Brechen verursachte, erfolgte 
grofse Hitze und Schweifs^ was nicht geschieht^ 



— 47 -. 

weon sich die Wirkung als Durcbfall zeigt, 

— Nach Beeodigung des Brechens und des 

Durchfalls erfolgt immer ein siifser Schlaff. 

de? gewöhnlich vier Stunden dauert. Nach 

der mündlichen Versicherung des Bauers schützt 

die iDoerliche Anwendung dieses Mittels nicht 

aor Tollkommen gegen die Wuth^. sondern 

selbst in der schon ausg^brochenen Krankheit 

fegeben I heilt es dieselbis vollkommen, ohne 

den mindesten Nachtheil. «. Prof. Muchin , dem 

der Bauer bei seiner Rückkehr in die Ukraine 

ebe grobe Menge der von ihm gebräuchlichen 

Pflanzen mit "Wurzeln ^ Blüthen und Saamen 

zuzustellen zugesichert hatte, Versprach in 

der folge die physiographische JSestimmung 

danelben , welche mir aber bis jetzt noch nicht 

jnigeiommen ist« 

Die drastische Wirkung, welche allen Eu- 
phorbien angehört, hat der Wurzel der £ii- 
fkorbia Cyparhsias schon längst einen Platz in 
den Hausapotheken verschafft. Murray be- 
merkt (in seinem Arznei vorrathe IV. 115.) 
dals diese Wurzel, weil sie ehemals häufig 
von den Bauern als Abführungsmittel gegeben 
worden sey, den Namen: Bauern" Rhabarber 
erhalten habe. 

Hr. Prof. fVendt in Copenhagen lieferte 
kürzlich — (im Journal der pr. Heilkunde, her- 
ausgegeben von C. W. Hufeland und JB. Osann^ 
1825. IV. St. p. 3—47.) — Geschichtliche 
Beiträge zur Kunde von einzelnen Arzneimit- 
teln aus dem Geschlechte Euphorbia, Beson- 
ders wurde dort Euphorb. heUoscopia (p. 11.) 

— Esula minor, (p, 11 — 12.) und Euphorb. 
tathyris (p. 13.) erwähnt. — Genaue chemi- 
sche \nAly»etk Ton Euphorbien - Species finde^ 



1 > 



.- 48 - 

intii : ron der Suphorb. cannabina von Boüdit 
(Buüttin d€ Pharm. T. IIL Mars. 1811. S. 
97— 105v) nach Mühlmanri (Berlin, Jahrbi der 
Pharm. Bd. 19, 1818. S. 125—141.), nach 
pelletier {ßulUt. de Pharm. T. ir. Nov. 1812. 
S. ö03.),.nach Brandes (jSüc^ner's^Repert. Bd. 
VI. p. 203.) — von Marincovich (in Petr. Ma-i 
rincövich JDt succo Tithymalorum ejusque ana- 
lysi. 28 S. in 8. Fad ua. 1823.) — von Calde^ 
rini dessen Versoche {sur Phidle d'JEuphorbie la^ 
thsris) öhnlängst Grimßud wiederholt und be- 
stätigt hat. (S. Archiven generales de Medeäne. 
Tom. r IL (1826.) p. 460. 

. ^ 3.. Anchusa officinaUt. 

Der ' (ehemalige) Inspectör der Med. Be- 
hörde des Gouvernements Twer^ Medico-chl^ 
rurg Diez bemerkte auf der Bereisung diesed 
Xjouvernements^ dafs im Staritzki' sehen Kreise 
sehr viele Landbewohner sich mit den4 Sam-< 
•mein der Anchusa ojßc. beschäftigen. Nähere 
Nachforschungen ergaben , dafs die Einwohner 
diese Pflanze zur Vorbauung der Wasserscheu 
nach dem Bisse von wiithenden Thieren ge« 
brauchen, und dafa nach glaubwürdigen, durch 
das Zeugnifs des dortigen Kreisarztes bestätige 
ten Yersicheruneen , noch kein einziges Bei- 
spiel bekannt sey, wo ein solcher Gebissener^ 
wenn er mit diesem Ofittel behandelt ^nrde, 
auch nur an irgend einem dieser Krankheit 
eigehthiimlichen Symptome gelitten habe. Hier- 
auf gestützt, behandelte der Med. Inspectör 
Diez (im Mai 1817) in der Stadt Twtr mit 
diesem Mittel drei, von einem erwiesen tol- 
len Hunde gebissene Personen (die Soldaten- 
frau £i/c/oj;ia PetroWf die BUrgerstochter Jgre'-' 

piriä 



'i 



- 49 - 

f 

fum, und den Peirow^ ZSgling der Blilltar- 
waisenablheilang daseibat). Er gab die Tflanse 
in Palrerfarin ianerlich zu einer halben Unze 
{jkSokHnik mss. Civil- Gewicht) 13 Tage nach 
ttBinder Morgens nüchtern auf Brod mit But- 
ter bestrichen, oder in Branntwein , und liefe/ 
aolierdem eine starke Abkochung derselben 
als Getränk gebraacben« Die Bifswunden 'wur- 
den nach den ge wohnlichen Grundsätzen be- 
handelt» zuerst mit Lauge ausgewaschen^ und 
dann mit der pulyerisirten Pflanze ansgestreuet. 
liach 13 Tagen erklärte Hr. Diez die von ihm 
auf dis beschriebene Weise Behandelten für 
ToUkommea geheilt (?!), und auch später hat 
sich nie ein Zeichen der Wasserscheu an ih- 
nen ffAhrnehmen lassen. 

Die Ober -Ciyilmedicinal- Verwaltung auf 
ofSciellem Wege hieyon benachrichtiget, und 
stets bemüht, Nichts unbeachtet zu lassen, was 
anf irgend eine Weise zur Forderung des Ge* 
snndheitswohls in dem ihr angewiesenen Wir- 
kungskreise beitragen kann, hat, die Yerfü« 
gung getroffen, dafs zur sichern Erörterung 
fiber den Nutzen und die Wirksamkeit dieses 
Mittels in verschiedenen Gegenden Rufslands 
die erfahrendsten Aerzte beauftragt sind, in 
vorkommenden Fällen auf das Pünktlichste 
Versuche damit zu yeranstalten* Defshalb 
sind von Twtr aus hinlängliche Quantitäten 
der jinchusa offic, versandt, die naturhistorr- 
sehe Beschreibung derselben hinzugefügt, und 
der Auftrag gegeben worden , diese Pflanze in 
den verschiedenen Gouvernements aufzusu« 
chen> sie wo man sie findet, gehörig zu sam* 
mein , und zu besagtem Zwecke zu benutzen. 

Joum. LXVII. B. 1. Sc. D 



I ■■ 



*. 60 - ■ . - 

So ist denn vorläufig wohl alle« gesche- ! 
heo, was eu der Hoffoaqg berechtiget, mit der« 
Zeit auch üb^r die Schutzkraft der j^nchma-^ 
effic. gegen die Wasserscheu gründUche Schlüase - 
folgern su konii^n. 

B. Ftühere von Rufsland aus empfohlene und 
in Teutschland herdts bekannte Mittel. 

I 

1) Der Bimrani. 

Bekanntlich wurde schon vor mehreren 
Jahren vom südlichen Rufsland aus — (und 
swaf in der Nordischen Post^ aus einem Schrei- 
ben ans Olviopol vom lOten Octbr^ 1813, im 
'Auszüge aufgenommen in die Russ. Sammlung 
für Naturwissenschaft Und Heilkunst , herausgege- 
ben von Dr, A, Crichton^ Rehmann und Bur^ / 
ifacft. Riga und Leipzig 1816. Bd. II. Heft 
2. S. 101 — 102.) — der innere Gebrauch d^s ^ 
Bluts gegen die Wasserscheu empfohlen. 

Als ich mich — noch vor jener Bekannt- 
machung -— im Winter IS^f wegen der da-^ 
mals im mittäglichen Rufsland herrschenden 
Pest an den Ufern des JBog's in der Stadt 
U^osnesensk befand, hatte ich zuerst Gelegen- 
heit , mehrere Falle zu erfahren , in denen 
Personen, welche von erwiesen wüthenden 
Wolfen gebissen, gegen ^ie Wuth durch das 
Warkne Blut einer £nte gesichert waren , wel- 
che man in jener Gegend Gotha nennt und 
ausschliefslich . zu diesem Zwecke hegt^ Ich: 
halte ^ie für jinas clypeata — (Le Souchet^ 
oder Le Rouge der Franzosen). Man zeigte 
mir unter Andern den in. obiger Anzeige er- 
wähnten Officier, von den damals noch beste-, 
henden Bogischen Kosacken, Hr. Nvwgorodsky, 



— 51 — 

JMsen Gesicht mit einer grofsen Narba be* 
deckt war, in Folge des Bisses von einem 
nüthenden Wolfe. Mehrere Menschen, die 
gleichzeitig Ton demselben Thiere gebissen 
warsfr) aber den Bluttrank nicht gebraucht 
liattso , sollen wasserscheu gestorben seyn* 
Der Officier wurde durch dies Mittel g^rettet^ 
obschon die Zeichen- der Wuth sich bereit« 
an ihm äufserten. 

Im Frühjahre 1825 besuchte ich wiede^- 
vm jene Gegend und iand , dafs dasselbe Ver- 
fahren sich bei den Einwohnern in den ihnea 
'vorgekommenen Gelegenheiten fortdauernd be- 
wahrt gezeigt habe. / 

ladessen will ich hier nicht von diesen 
FiOen reden, denen das^Zeugnifs eines unbe« 
faogenen, ärztlichen Beobachters fehlte sondern 
ich erwähne ihrer nur in soferne, als diesei 
Thatsachen gewissermafsen mit den Erfahrun* 
gen übereinstimmen, weiche Hr. Dr. liittmd^ 
ster in Faulowsk {UufelarKTs Journ. d. prakt. 
Heilk. Bd. XLIV. St. 1. S. 100. Bd. LH. 
St. 2. S. 83.) aus seinem praktischen Wir- 
kun«:skreise zur OelTentlichkeit gebracht hat« 
— Ohnlängst Jiabe ich — "iu JRust^s und Ca«« 
per'« Krit. Repert. Bd. XH. Heft 2. p. 282— 
284, Dr. Rittmeister's neueste Erfahrung übep 
die prophylcictische Kraft des Bluts von warm- 
blütigen Thieren , nebst einigen Bemerkungen 
von mir miCgetheilt , worauf ich deshalb auch 
hier wiederum hiuweise. 

2. Die fputhblä&chen und deren Entleerung, 
(Ans Moskau durch Maroc/iem zuerst in T^^irscA- 
Iand bekannt geworden). 

D 2 



— 52 — 



Ueber dieselben habe ich mich schon aus- 
gesprochen (Ante, und Casper) a. a. O. p. 276 — . 
279. und p. 283— -285). Ich bemerkte be- 
reits, dafs seit einigen Jahren auf Verfügung^.- 
4«r Rass. CiTil- Ober -Med. Verwaltung jeder 
in nnd um Moskau Ton einem wütbenden . 
Thiere • gebissene Mensch in das Catharinen- 
Spital daselbst gebracht werde, und zwar nicht 
nur cur nothigen HülfeUistung, sondern auch ; 
namentlich um die Erfahrungen MärochettPs 
von ihm selbst fortzosetzen , sie unparlbeiiscb 
sn prüfen , und dadurch mehr Gewifsheit über 
ihren diagnostischen und therapeutischen Werth 
SU erlangen, dafs aber in jenem Krankenhause . . 
^— - bis gegen das Ende April's 1825 — von 
funfidlg von Hunden uod Wölfen 'Gebissenen 
bei keinem die bekannten Bläschen beobachtet 
/worden sind. 

Im Januar 1824 behandelte ich zu Theo^ 
dona (oder Kafa) auf der taurischeo Halbinsel, 
einen Mann, der in die Hand ypn eloem Hun- 
de gebissen war , für dessen wirkliche Wuth 
ich sehr bestimmte Belege auffand. 

Weder (nach > Urban) im Umkreise der, ■ 
bis in der 8ten Wocbe offen erhaltenen Bifs- 
wunde, noch unter der Zunge, konnte ich die 
erwähnten Bläschen wahrnehmen. Der Mann 
blieb von der Wuth ifrei und befioBet sich, 
SO Yiel mir bekannt, auch jetzt noch gesund. 



Ich JSge nun dieser Kunde prophylacti- 
scher Mittel gegen die Hundswuth noch zwei 
Fälle hinzu j der schon ausgebrochenen und 



— 63 — 

mit dem Tode beendigten Krankheit, welcfie 
leider beweisen, toa welcher grofsen Gefahr 
aach anscheinend geringe HautTerletzungen 
Mya können« 

Franz Hermanowlcx^ ein Fuhrmann, 40. Jahr 
ab, wurde im Mai 1820 in die rechte Hand- 
wunel Ton einer fremden Katze gebissen, als 
er sie ergreifen wollte« Die Wunde hellte in 
einigen Tagen Ton selbst zu; im December 
desselben Jahres quetschte er sich durch einem 
Fall die Lendenwirbel, und litt fast zwei Mo-, 
aata ao Schmerzen an dieser Stelle« Am 19tea 
Wän 1821 sehr erhitzt durch eioen aufgereg«^ 
teo ond unbefriedigten Geschlechtstrieb, war 
er deo ganzen Ta^ traurig, erkältete six:h in 
der Nacht, und fühlte den nächsten Tag Brust* 
schmerzen und eine Taubheit im rechten Arme. 
Deishalb liefs ihm der befragte Arzt ein Pfund 
Blut aus dem ertaubten Arme entziehen, und 
innerlicb eine schleimige Salpeter - Mixtur neh- 
ineo. Drei Tage spater klagte er über die 
Fortdauer jenes Schmerzes, und über Schlaf- 
losigkeit. Es wurde ihm das Khct. lenitiv^vet^ 
ordoet. Um Mitternacht fing er an irre zu re« 
den, Tej'ursachte sich mit den Händen eine 
Quetschung der Geschlechtstheile ^ und eine 
grofse Ecchymote am männlichen Gliede. Als 
er am folgenden Morgen in die Kirche trat 
uod sich mit Weihwasser besprengen wollte^ 
so überfiel ihm ein Schauder am ganzen Kör- 
per, und er schrie unwillkührlich auf« — - So 
(am 24(en Mai, am 4ten Tage der Krankheit) 
in die klinische Anstalt zu Wilna aufgenom- 
men, fand man an ihm : das Gesicht roth, den 
Blick wild^ gerölhete Augen, heftigen Durst, 
grofse Beschwerden beim Schlingen, besonders 



— 54 - 

b«l FlSstigkelteB* 'Gegctn das ihm gereichte 
Wasser seigte er ungewöhnlichen Widerwil- 
len ," Tersuchte aber doch mit Schauder es zn^ 
trinken» allein so oft nur ein Tropfen bis 
mm Schlünde gelangte , wurde es mit Gewalt 
snrQckgedrängt , und nach jedesmaligem Ver- ' 
suche snm Trinken zitterte Fatient an allen 
Gliedern. Tauchte der Kranke den Finger in 
Wasser, so überfiel ihn derselbe Schauder, 
dar jedoch geringer blieb , wenn das Wasser 
vtarm war. Glänzende Gegenstände, scheute 
•r nicht, wohl aber den Anblick seines eige- 
nta Speichels, der milchähnlich war, und oft 
aasgespieen wurde. Die Krankheit wurde für 
den jiusbruch der Wuth gehalten^ die durch den 
Sifi der Kaue veranlajst war. Mau scarificirte 
sogleich die Stelle, an der früher die Bifs- 
wunde gewesen, und belegte sie mit einem 
VeiicQU Aus der V, cephaL dext. wurden etwa 
fünf Unzen Blut gelassen (das in einer Stunde 
zuna Blutkuchen geronnen, ohne das mindeste^ 
Blutwasser auszuscheiden) und spritzte in die- 
selbe. Wunde ein. Pfund destillirtes Wasser 
Ton 30^ Riaum,' Während der Einspritzung 
hatte der Kranke das Gefühl von Wärme in 
der Gegend der V. sukdav. sinistr. Der Puls 
zählte 90 Schläge, war voll, regelmäfsig. Die , 
Scheu Vor dem Wasser blieb forldauernd, und 
nur mit yerschlossenen Augen gelang es ihm, ; 
unter Zuckungen etwas mit Syrup versüfstes 
Wasser tropfenweise hinunter zu schlucken. 
Allmählig stimmte sich der im Ilhyfmo regel- 
mäfsige Puls bis auf 60 Schläge herab. — 
Vier Stunden* nach der ersten Infusion wurdel 
eine zweite, ganz wte die vorhergegangene. 
in die frühere V. Wunde gemacht. Der Kran- 
ke fühlte dabei in der, in ihrem ganzen Laufe 



- 55 - . V 

i aogesch wollenen, Yene eine unangejehind Em- 
pfindung, in der Herzgegend eine Schwere, 
der vorher kleine Pnls wurde voller, 80 Schlä- 
ge in der Minute zälilend« Drei Stunden spä« 
ter wurde eine dritte Einspritzung, in Aliem 
d«a Vorhergehenden gleich gemacht, wahrend 
welcher der Kranke nur die Einpfindung hatte, 
i\s bewege sich unter dem Schlüsselbeine eine 
Flüssigkeit. Gegen IVIitternacht brach ein star«, 
Ler Schweifs aus, der vorzüglich die Birust 
cionabm. Am 25ten März (am 5ten Tage der 
Krankheit, geschah die 4te Infusion, ewölf 
Stunden nach der dritten, in den rechten Arm, 
wie früher. Es erfolgte Furcht vor tUr Luft, 
beftige Wasserscheu, und der Geruch von Apfel« 
tiaen erregte Krämpfe. Um 12 Uhr Mktag» 
Zug der Ivranke durch eine lange Röhre war- 
mes Bier in verschiedenen Slalen bis drei«' 
lehn Unzen ein , er hatte darauf häufiger 
Auswurf des schäumenden Speichels ^ — « das 
£ering8te anwehen der Lujt iK^urde ihm unerträg- 
lich. — Abends 8 Uhr trank er wiederum 
durch die Röhre Bier. Um Mill^rnacht genofs 
er Bier ohne Hülfe der Röhre, konnte aber 
Leiu Wasser sehen, und halle die gröfste 
Angst vor jeder Luftberiihruug, — Den 26len 
3]ärz, am 6len Tage der Krankheit, erschien 
eine spastische Zusammenziehung des Delta- 
muskels des linken Armes. Abends 6 Uhr 
wurde die 5te Infusion — von 15 Unzen — 
vorgenommen , ohne Veränderung im Gefühle 
des Fat. während derselben. 

Der Kranke bekam heftigen Starrkrampf, 
der noch einige Stunden zunahm , so dafs end- 
lich der UnglückUche mit nach vorne gezogenem 
Körper und schäumenden Munde den Geibt 
aushauchte. 



— Ö6 - 

Die LticJ^noffnung y yeranstaltet Yom Pro* 
sector Dr. Bilkkwicz^ zeigte : 

Iq der Schädelhöhle: die Gefafse der Mi- 
fdng. und der Halbl^ugeln des Gehirns aufge- 
trieben , cwischen den Merüng. und ArachnoU 
dea und um der MedüUa obhngata etwa eine 
balbe Unze Serum- Ergufs — -* die Gehirnsub- 
etanz zähe wie in Weingeist macerirt — > durch* 
srhDilten mit unzählig rothen Pünktchen durcl^- 
säet: in den Hirnkammern keine Flüssigkeit 
-^ der Plexus choroideus medius und die V. 
GaUtn eehr angeschwollen — die Gefafse — • 
gleichsam neue "— wie künstlich ausgespritzt, 
dieses zeigte sich ani Sehnervennetze , der 
Pons V.^ der MeduUa obhngata und in der 
jiraAnoid.^ am Anfange des Rückenmarks, 
besonders an den Stellen, wo folgende Ner« 
yen entspringen: die N/N, acusticij fadaUsy 
9agii8^ glossopharyrtgei f hypoghssi et accessorius 

Die Rückgrathshöhk. Von dem ersten 
Halswirbel bis zum letzten Lendenwirbel zwi- 
schen der harten und weichen Hirnhaut, be- 
sonders der Cauda equina zu., faqd sich gegen 
zwei Unzen Ergufs von Serum. Die P^enae 
spinales^ sowohl die vordem als auch die hin- 
tern waren von Blule strotzend. Die Len- 
dennerven von ihrem Entstehen aus dem Rük- 
kenmarke bis zu ihrem Durchgänge durch die 
Zwischenwirbelbeinlöcher mit unzähligen klei- 
nen Venen begleitet. Die Speicheldrüsen , die 
jN". N. hypoglossus^ glossopharyngeus , vagus^ 
accessorius Willisü normal. In der Rachen m. 
und jBrmthöhle etgab sich nichts Abnormes, 
aufser, dafs die Schleimhaut des Kehlkopf- 
deckels, der hintern Wand des Kehlkopfes 



— 57 — 

bis tmk Carükgo cneoUta^ £• SlimsviUe 

und ein Tbeil des Schloodes sUik gerodiel 

^areo. An dui obtm Gäedmrfwm fuid sich 

der N. tukcutanoiM imaru TerlsUet, Aa dsr 

SttOe, wo ehemals die Katze gebissen, xaigte 

skk nichts Krankhafies. — Selbst M dan 

üwmtn Einschnitt in dU Ldcin ßoß mhr cmI 

Bbä aus, wfftkhn iAerhaupt tehmmx leW sAr, 



Joufh J — y^ ein Zogliog der KeiseiL 
rniTsniiit zu Wilna , der im December 1821 
aa der Tordem Fläche des liokeo Unterschen- 
Uft eben Absceb hatte, bedeckte densetbea. 
aof dea Ralh eioes Freandes öfters mit Rahm 
{Crtmor laciis) den er jedesmal sogleich daranf 
▼Ol feinem Hände ablecken iiels. Ord Tagt 
nadi dtr Hdlung tourdt der Hund ioll^ hifs an- 
den Hundt und verschwand, Joseph J — y. 5ber 
diesen Unfall beunruhigt, befragte einen Arzt 
um Ralh , der ihn! anbefahl, mehrere reizen- 
de Pflaster auf die Stelle zo legen, wo Tor* 
her der Abscefs gewesen war. — Am 8ten 
Febr. 1824 fühlte sich dieser Mann unwohl, 
ohne eine nachzuweisende Ursache, und nach- 
dem «er eine schlaflose Nacht gehabt, zeigte 
»ich (den 9ten Febr.) die Wasserscheu. Man 
öffnete ihm eine Ader, und gab ihm Pul- 
ver (?). Vom 9ten — lOten Febr. brachte er 
wiederum eine Nacht ohne Schlaf zu, und za 
der Scheu Tor Wasser gesellte sich auch die 
LuftschtUf wefshalb er den ganzen Tag über 
beschäftigt war die Ritzen seiner Zimmer zu 
Terstopfen , und seine Umgebung ängstlich bat, 
jedes Geräusch and Jjufibtwt^ung zu yermei-* 
den. Patient , der Ton einer Zusammenschnfi- 
rang der Hasenlöcher nnd des Schlundes g#- 



— 58 — 

Juill -wur, fnhrte zb seiner Erleichterung oft 
!• FlDger in diese Theile, und in kaltes 
Vt*asser getränkte Tücher um den Hals ge- 
srKlnuen verursachten einige Linderung. Abends 
um 10 Uhr begann ein heftiger und sclrwerer 
Spw^helfiufs ; die Beängstigung nahm imifier 
inehr sn, der Kranke fortwährend über das 
Zusiiimnenschnnren des Halses klagend, warf 
sich häufig auf den Fufsboden, wurde von den 
befKigslen Convulsionen am ganzen llörper 
•rgrilFen, und verlor das Bewu£s(seyn. Die 
ganze Nacht über kehrten diese Anfälle mit 
ilnmer grofserer Intensität, und in kürzeren 
ZwiBchenräumen wieder, bis der fürchlerliph 
geqaälte Tatient unter den heftigsten Convul— 
tfionen mit schäumendem Munde um 5 Uhr 
Morgens am Uten Febr. den Geist aufgab» 

Bei der am 12(en Febr. auf Befehl der 
Verwaltumg der Kaiserl. Universität in Wilna 
yeranstaileten LeichenolTnung fand der Fro^ 
sector der Anatomie Folgendes : 

Bei der äufserlichen Besichtigung: das Ge- 
sicM blau j Nase und Lippen von der Ober- 
haut entbfofst, und mit bräuülichem , blutigem 
Speichel bedeckt, die Augen mit Blut ȟber* 
füllt, am Daumen den rechten Hand einen 
braunen Fle^k (an dieser Stelle soll er vpr 2 
Sfokraten von seinem kleinen Hunde gebissen 
worden seyn, der fortdaureud gesund ist) am 
linken Unterschenkel an der Stelle, wo frü- 
her der Abscefs war, einige kleine Narben. 
^ Die obern und untern Gliedinafsen sehr steif. 
In der Schäädhöhlei die harte Hirnhaut, die 
graue Substanz des ^rofsen und kleineu Ge- 
hirns, die untere Oberfläche desselben, das 
Terlangerte Kückenmark, die Pons V.^ die 



— 59 — 

kntiüge aller Gehirn nerven, besonders aber 

du der Gerächt und Sehnerven strotzten, sehr 

ilark gerothet, von den in ihnen angeschwol- 

tetttta Blulgefafsen. Die durchschnittene Hirn« 

tnlkstanz erschien weit mehr als im gesunden 

Zmlande mit rothen Punkten durchsUet^ was . 

Yonoglich bei der Pons V, und dem Verlan- * 

giften Rückenmarke* Statt fand. Am beträcht* 

Uchsten waren aber die Plecc. choroid. vom 

Blote strotzend« Die Höhlen der Nase u^d 

des Hohes, Die Schleimhaut der Rachenhohle, 

der Kehlkopf und die Luftrohre aufserordent- 

üchgerothet. An den Mandeln und der Stimm- 

xilze faod sich evne grofse (?) Blutiintergie- 

liODg. Die Speicheldrüsen überhaupt, so wie 

deren Ausführungsgnnge gesund; die äufsere 

Oeffoong des Duct, U^harton. mit einem braun« 

fotfaen, nur wenig, erhabenen Flecke bedeckt. 

Die N. N. vag. sympath. cervkaL und der N. 

cccas. ff' Ulis. , so wie die änfsere Haut der 

Carotiden in ihrem, ganzen Verlaufe von- zahU 

reichen Gefafsen beträchtlich geröthet. Die 

Brusthöhle: die Lunge zusammengefallen; das 

rechte Herz mit schwarzem flüssigem Blute 

sosefuIU, auf dem e^n Coagulum einer Eut- 

zündungskruste ähnlich schwamm; das linke 

Herz zusammen, und aufser einem Bluttro- 

(fen nichts enthaltend. Die Bauchhöhle: Der 
lagen zusammengeschrumpft (^corrugatus) nw 
seiner äufsern Oberfläche, an vielen Stellen 
TOD einer Rülhe, die au seiner innern Fläche 
noch lebhafter war; er enthielt wenig Flüs- 
sigkeit von brauner Farbe. Eine ahiiliche Ro- 
ths überzog die innere Fläche aller dünnen 
Gedärme. — Der Plexus coeliacus erschien 
durchweht, mit einer grofsen Bienge arteriö- 
ser vom Blut ausgedehnter Geiäfse. Leere 



— 60 — 

) 

UriDblaa#j| uBgewShnlich stark zusammenge- 
zogen , die übrigen Gefäfse gesund. Der Ob« 
ducent fiigte dem officiellea SeciioDsberiphte 
die Bemerkung hinzu, dafs er sich nun schon 
zum 2ten Male (in dem zuerst erzählten Falle 
und in dem gegenwärtigen) durch die Besieh* 
tigung der Leicbe vollkommen überzeugt habe, 
daüis das Wuth-Contagium durch einen bedeu- 
tend vermehrten Blutzuflufs gegen das ganze 
Nervens/stem eine todtliche Entzündung des- 
selben eigener Art (ßui generis) erzeuge. Denn, 
bemerkt er, die Entzündung der Schleimhäute 
der Nasen- und Mundhöhle, des Magens und 
der Gedärme, könne vreder die Erscheinun- 
gen dieser Krankheit erklären, noch, die Ur- 
sache des^ plötzlichen Todes gewesen se/n. 



Nach dieser treuen Beschreibung der bei- 
den hier aufgestellten Krankengeschichten (die 
freilich noch manche billige Forderung unbe- 
friedigt lassen) • — erlaube ich mir nur noch 
dasjenige kurz anzudeuten, was mir darin vor- 
züglich beachtungswerth scheint :\ 

1. In beiden Fällen gemeinschaftlich be- 
merken wirr 

a) Das Befinden der Thiere, welche die Kranke 
hat füef >mitt heilten. 

Im ersten Falle liefs es sich nicht einmal 
bestimmen, ob die fremde Katze nur erzürnti, 
oder wirklich toll war, und im ancfern er- 
krankte . der Hund selbst mehrere Tage spä- 
.ter, als die genannt^; Veranlassung durch 



. -:- 6i — 

ibo angesteckt zu werden, schon nicdt mehr 
bestand. 

h) Den ^Ulen Ausbruch nach EiAfuhrung 
ie» Wulbgiftes in den Körper, — namentlich 
im ersten Falle nach 10 Monaten , und im an- 
den nach £wei Jakttn nod zwü ^lonaten. 

c) Die Luftschiu (Pmumatophobia) selbst 
bei der kleinsten Bewegung oder dem Anwe- 
hen der Luft. 

(Beiläufig hätten wir hier also in semio- 
ÜMber Beziehung den Gegensatz von einem 
Symptome, das Gmelin (in dessen AUgenr. Pa* 
tbologie des menschl* Körpers. Stuttgard und 
TiÜMogen 1817. S. 141.) mit der Benennung 
Lüfthmger belegt, nämlich das Bediirfnifs, mehr 
Lad einzunehmen , als geboten wird). 

Bei dieser Gelegenheit will ich noch be- 
merken, dafs (in Rust's Magazin JBd. XVL 
(1824) 2ten Heft, S. 352) ein Arzt, der noch 
nicht genannt seyn wollte, die Wasserscheu 
rkhiigtr (?) als bisher Photophobie oder Intern» 
peries coenaestes'tM genannt haben will. Aber 
wahrscheinlich war jenem Arzte unbekannt, 
dafs schon J. C, H. Sander (S. dessen Bei« 
träge zur prakt. und gerichtlichen Thierheil- 
kande, Berlin 1810. Abschnitt VIII.) sagte: 
dafs die Wasserscheu ein blofses Neben - Symp^ 
tom sey, das oft gänzlich fehlt, und daher, 
wie auch Veit (/. C Veit Handbuch der Ve- 
terinairkunde. 2te Auflage. Wien 1822. 8. 
p. 755.) mit Recht dafür hielt , dafs die 
Ucht" oder Glanzscheu die Folge des fast ent- 
zündlichen Zustandes der Aug^n und ein bei 
weitem constanteres Symptom sey. — Um so 
mehr ist es aber zu verwundern, dafs gerade 



-' «4 - 






d«r PPMmg des Viperngiftes mit AäftcUalii 

ubw di« Natur diasea Contagiuma geben ihuf$« 

1 

3« Bei dem zweiten Falle verweise icli A 
mir nodi^ als ihm eigentl^iimlich , auf die Att \ 
dw MitthtUung da fVüth^iftts. 

Ein Vit vollkommtn gesund gdialten&r Hund ( 
leckte den Rahm (^Crerhor lactis) von dem Fufs- i 
geschwiire (von einem von der Oberhaut ent- | 
blofstem Theile) seines Herrn, und das.,Thier ä 
wurde erst später. — nach der tieilung des' '■ 
Geschwürs *— selbst toll. — 

Möge doch dieses waräeqde Beispiel, mit 
dam* beitragen, jede mögliche Veranlassung 
sur Ansteckung der Huodswuth ernstliclier xu ^ ' 
^mrmeiden! V 



-f* 



•% • 



I :'■ 



ra. 



E t w ai 

a b a E 

I Tartarus stibiatu« 

alt AntiphlogUtiGont 

Bnd ■ 

inige seltenere Eranklieits-FiUl^ 

Von 

Dr. B a 8 Q d o w, 

in Mmaburg. 



lalt« dia ErfafaraDg«D, welche wtr ia kut- 
iait über die Annatidatig grörwrer Gabea 
CarttUTii siibiatuB in B^usleatEÜnduiigea ge- 
t habao, für eiaeo Gevrinn unaarer, auch 
lern nildestait ihrer Schofsliuge das w«^ 
Gute ausTTählanden Erfahruags-Wisian- 
C, und mit rieler Zuvemcfat läfst sich 
■naiirirdn. A»f* die Heilkraft dieies Mil- 



~ 66 — 



wmAmk SMBM HaiUursfk wuioladAB, «ad m4i^ 
wmm Amt Fället die selbige argumentireii tolU 
ten, aach noch -mehr gegeben worden, so war 
das grob Empirische in dieser Kar, das Ver- 
gessen aller Achtung gegen ein, ein Jahrtau- 
send hindurch in Brustentiondungen bewähr- 
tes Mittel geeignet, beim denkenden Arzte 
groTse Zweifel zu erregen. Wie aber das luf- 
tige Sjstem- Gebäude bald in Nichts zusam-. 
menfallt, so schleiftf sich das Unbeholfene des 
groben Empirismus allmählig ab, und es bleibt 



der gule^ern} so wird aoch der Tartarus $ii^. 
imiui in den fänden -des umeichtigen Arztes 
ein Mittel seyli, welches noch oft aus der 
Verlegenheit helfen wird, wenn Pneumonieen 
nicht nach Aderlässen beseitiget^ oder wenn 
des liliSsen Charakters und der grofsen Fort- 
schritte wegen, welche die Krankheit schon 
gemacht hajk, man nicht weifs, ob man zur 
lianzette greifen soll oder nicht. In ver- 
schleppten BrustentzunduDgen nämlich, hat 
sich mir der Brechweinstein vorzüglich wirk- 
sam erwiesen, nicht allein durch Herstellung 
der Kranken, sondern durch die eklatant schnel- 
len Verbesserungen, welche unmittelbar nAch 
seiner Anwendung eintreten, so dafs jene 
Zweifel: half das Mittel, oder die Natur al- 
lein? welche ein vorurtheilsfreier Arzt bei. der 
Besserung so mancher Krankheit haben mufs, 
dttrchaus nicht Statt finden konnten. 

Kein Freund sehr defaillirter Geschichten 
so bä^Qg vorkommender Krankheiten, erzähle 
ich hier nur, vne ich den Brechweinstein säu- 
erst bei' einem Landmanne T. in Wesnitz ver^ 
suchte, welcher an einer so verschleppten, 
lsAta|T](iaUscfa- biliösen Pneumonie litt, dafs der 



— 67 ~ 



fnb tcbon sehr unterdiriickt and faSaÜg, M$ 
Liftwege so mit jeahen Aasscbwitzangen be^ 
ichwert, der Athem so beklommeo wareO| 
bh der Kraoke nar Terlaogen nach Luft 
baiti und vom Hasten gar nicht mehr die 
Btde ^^ar. Die kalte erdfarbene Haut, def 
Aflgitsch'vreirs auf Stirn und Brost, dierufu^ 
giD, klebrigen, belegten Lippen und Zähne; 
die glotzenden, schmntzig gefärbten Augen, 
£e aufgesperrten Nasenflügel, das pelzige Ras- 
mIo des Athems, gaben eingrauses tre£fendes 
Bild eines der Fntumonia biliosa fallendeo 
Opfers. Ich verschrieb, da ich eine Venae* 
lectioii gar nicht mehr angezeigt fand, den 
Tvt. täb, wie ich gewohnlich pflege, blofs 
ff» rtiaem Wasser aufgelöst , 6 Gr. auf 4 Un- 
1», und verordnete alle 1| Stunden If Eüi^ 
ioflel YoU zu nehmen. Die 2te Dosis erregte* 
etwas Uebelkeiten, einmaliges sehr geringes 
Erbrechen , gab aber dem Kranken nach sei- 
aen eignen Worten schon die feste Ueberzeu-i 
gung , w^ieder gesund zu werden, und er 
konnte nicht genug beschreiben , wie ungleich 
wohler er nach jedem Einnehmen sich befän- 
de; es stellte sich ein reichlicher Auswurf ein, 
die Zunge wurde feucht, ihr Beleg loste sich, 
die drückende Beklemmung über die ganze 
Brust hinweg liefs bald nach , die Haut wurde 
warm, der Puls gehoben, kurz der Kranke, 
welcher beim Erblicken der Arzenei und beinü 
ersten Einnehmen dieselbe für ein blofs noch 
pro forma gereichtes Wasser hielt, durch 2 
solche Solutionen und eine nachfolgende Sal- 
uiiak-QIixtur in 6 Tagen hergestellt. Eben 
so schnelle Besserung erhielt dadurch ein 
Handarbeiter H, in Dellnitz. Seine Krankheit 
halte einen reinen phiogislischen Anstrich mit 

E 2 



— es ^ 

MennUfen gaitrisclieD Sjrmptom^n , war auch 
& Tage ohne ärztliche Hälfe TerlauPen , Biut* 
bnateii damit rerbanden^ der Schmers noch 
stechend, sieht so dumuf, wie im Torigen 
Falle; der Husten wurde aber auch schon 
sparsam, ganx kurz, unterdrSckt, der Krank# 
TUrsog das Gesicht dabei, lag fast aufrecht 
sitzend im Bette, und an seiner Wiederher- 
stellung verzweifelten die Verwandten und ich 
nicht weniger, da schon 2 starke Aderlässe 
ohne die geringste Besserung gemacht waren. 
Ich Terschrieb den Brechweinstein, er verur« 
sachte blols einige Uebelkeiten , 2maüge flüs- 
sige, gallenhaltige Darmentleerungen, bald wur- 
de aber der Athem ruhiger, voller, feucht, 
und die Entzündung zertheilte sich ohne wei- 
tere auffallende kritische Erscheinungeo. — Im 
dritten Falle hatten sich in Folge eines mit 
ieftigem Fieber» mit trockenen schmerzhaften^ 
häufigen Husten verbundenen, hitzigen Sei- 
tenstiches Oedem an den Beinen, Händen und 
im Gesicht eingestellt. Es war diefs bei ei-^ 
nem ungefähif 25 Jahr alten Bauerssohne in 
Lochau, dessen Mutter mich in der Stadt um 
Hülife bat. Ich konnte den Kranken nicht 
gleich selbst sehen, und gab der Frau die So- 
lution des Brech Weinsteins mit, um zuerst 
damit einen Versuch zu machen. Am folgen- 
den Tage erhielt ich keine Nachricht und 
glaubte, der schwere Kranke sei gestorben. 
Am 3ten Tage kam aber die glückliche Mut- 
ter wieder, mir ihren Dank und die Verwun- 
derung auszudrücken, wie aufTallend schnell 
jenes Wasser Besserung verschafft hätte, in- 
dem der beengte Athem um vieles gebessert, 
und Husten, Fieber und Oedem, fast gänz- 
lich verschwunden wären. Auch er wurde 



— 69 — 

iolurzer Zeit gebeilt. AuAer ia dfleteh uod 
iwei weiter unten za erwähnenden Pälleii 
hibe ich den Tort. $tib. noch mehrmalt nni 
■il dem besten Erfolge, in frischen Pnenmo*. 
mtn angewandt, dann und wann nach der 
mten Dosis Erbrechen, eine vermehrte Ex:» 
iaiation der Lungen beim Feuchtwerden der 
boAeneo , belegten Zunge, und in Terschlepp* 
Ist LungenentEundungen die Hervorrufung ei^ 
■es leicht löslichen Auswurfes, hie und de 
uehrmalige , bald von selbst sistirfsde, bi- 
liöse , flässige Evacuationen, kritische Schwelr 
Im, Tennehrten Urinabgang beobachtet und 
fie ersten 4 bis 5 LoSel der Arjsnei immer 
cetadbeidend gefunden. In der That ist et 
ndi ein Mittel, welches fast alle Secretionen 
dSs Ausdünstung der Lungen 4 die serSse Aus« 
dinstnng im Halse, die Absonderung der Galle, 
die Darm- Exhalation , die Diuresis und die 
fiiaphoresis befordert, und liiedurch, oder di- 
rtct, auf die Haematosis, wenn ich mich so 
ausdrücken darf, so solvirend einwirkt, dafs, 
wenn auch die Empirie nichts dazu beitrage, 
diese Erscheinungen allein ihn , als ein vor- 
ingliches Antiphlogisficum, in allen, mit phlo- 
gislischer Gerinnbarkeit des Blutes yerbunde- 
Ben, inflammatorischen Krankheiten betrach- 
ten lassen, was denn auch ganz mit der Gon- 
traindication übereinstimmt, welche den Tori. 
itib. in allen Krankheitszuständen triilt, die 
mit Neigung zur Auflösung und FaserstolF- 
Mangel im Blute gepaart sind. Die bekann- 
ten Beziehungen, in welchen der Torf. stib. 
zo gewissen Organen steht, erhöhen seine 
Heilkraft in passenden Fallen ohne 2weifel 
und in seiner Wirkung bei Fneumonieen mag 
ich, auch abgesehen Ton der Beseitigung gastri* 



j». 70 ^ ' 

;^cl9*r Rake, jäie theüwaUe Dtrivatiaii d#s 
ELrankheitsproieMes yon den Lungen auf ein . 
^jhnen yerwaudtes, in manchen Verstim mun^^ 
gen lur Hülfe gegebenes, anderes Organ, auf , 
qie Leber, nicht verkennen, in welcher sick * 
die krankhaft erhöhte Thätigkeit durch Ter- ] 
•mehrte Gallensecretion zu scheiden scheint« 
Doch geben diese Beziehungen auch wohl oft 
genug Contraindicallionen ab , die vom Gebfan«» 
iche des Mittels abzustehen gebieten , so z B« 
in yerbreiteten Fhlogosen, in den häufigen 
Fällen , wo Pneumonieen und Fleuresieen mit 
Hepatitis , Gastritis gepaart sind. — - Erst ,Yor 
wenigen Tagen wurde ich ersucht, einer Frau 
^uf dem Lande beizustehen^ welche schon 6 
Wochen krank lag. Ihre Krankheit hatte ^ 
sich mit starkem Froste, folgende Hitze, Ue-r 
belkeite^, bittern Geschmack ^ Schmerzen un- 
ter den kurzen Rippen , in der Schulter und 
dem Schenkel der rechten Seite angefangen. 
Die Inspiration war dabei kurz, schmerzhaft, 
jein kurzer trockener Husten vorhanden« Die^ 
ses Leiden hatte ein praktisirender Chirurg 
für reine Fneumbnie angesehen und anfänglich - 
mit Tart, stib. nach der Aderlässe behandelt. 
Ich fand die Frau mit einer enorm aufj^e- 
•chwoUenen Leber, mit Ascites, Oedem der 
rechten Mamma, des Armes und des Sehens 
kels derselben Seite, und koonte nichts mehr 
thun, als bei einer Gelegenheit ihren Arzt' 
bitten , aus diesem Falle ja nicht auf die Wir- 
kungen des Taru stib, 'in Fneumonieen za 
schliefsen* 

Wie oben angezeigt wurde, Versagte mir 
der Tart. stib. seine Heilkraft in 2 Fällen, 
1) in einer jPlturiti$ rhtumaiicaf woran ein hie* 



— 71 ~ 

ligflr KuUcber R., eio soiiit gewohnlicii ge-i 
Moflar Mann, 36 Jahr alt, arkrankta. Oaf 
Bcftij^kait dar Krankbait und dar starkan Op* 
fmsioD daa Athama wagan wurde 3 mal stark 
nr Ader galassan, und durch dlesaa, ahaa so' 
«aaig durch dan Gabrauch das Tan. $iib» eine 
BmaruDg gewonnen. Endlich , das deutlich 
Msgasprochanen rheumatischen Charakters wa- 
f9üf gab ich etwas Galomel mit Camphor und 
Opiam, ^vonäch die Schmerzen um. yielas 
sachlieCieii , der Athem freier wurde, und Mm- 
hria fiber den ganzen Koiper ausbrachen^ die 
die örtlichen Beschwerden beseitigten , und 
uA deren Abheilung völlige Genesung ein« 
(lat. 2) Bei der Frau des Bäckers L. allhier, 
walche im 6ten Monat ihrer 3ten Schwanger- 
idhaft Ton Pneumonie befallen wurde. Die 
lach 2 Venaesectionen angestellte Behandlung 
■it Torr. stib. gab einen Erfolg, welcher mich 
belehrte , ihn nie wieder in Fällen von Pneu- 
monieen und Fleuresieen^ wobei eine reine, 
glatte, sehr rothe, trockene Zunge und sehr 
starker Durst, wie solche im Winter häufig 
vorkommen , anzuwenden» Beim Gebrauch 
der zweiten 6 Unzen jener Solution entstand 
hier ein zahlreicher Ausbruch wirklicher, erb« 
sangrofser Brechweinstein- Pocken auf Lippen, 
Zunge und Gaumen bis zum Kehldeckel hin- 
sb, verursachte yiel Schmerzen, Unruhe, Hei- 
serkeit, Dysphagie, vermehrte den Reiz zum 
Hasten , das Fieber verzögerte die Genesung, 
welche nun durch oft wiederholte Anwendung 
der Blutefel bewerkstelligt wurde. Hat dena 
noch Kiemand diese beherzigungswerlhe Er« 
fahrung gemacht? 

Wie ich eben in der» im 3ten Stück des 
9len Bandes der Jahrbücher von Harhfs ent- 



— 72 - 

lialtraen , flSbt die Diagnose der Poemnonie toh , 
Eleureiie »ehr schon gearlpeiteten Abhandlung * 
des Herrn Dr, ^ibergundi in Dorsten gesehen 
habe i ist eine ganz ähnliche Beobachtung Ton 
dem Recensent des HuftlaruPsAen Journals in 
der ShrAarifschen meo. chir* Zeitung beige* 
bracht worden » und Herr Dr. 5. führt die^ 
selbe an, um damit zu beweisen, wie der 
Brechweinstein *in grofsereb Gaben uod wie« 
derholt eingenommen, eine ähnliche Wirkung 
auf die Fläche des Darmkanals äufsere> als 
seine Anwendung auf die Haut; auch der ge* 
nannte Recensent glaubt, dafs wahrscheinlich 
der Magen und die Gedärme, in demTon ihok 
niitgetheilten Falle, ebenfalls von jenen Brech« 
weinsteinpocken befallen gewesen wären. 

Will ich aber auch davon ganz absehen, 
dafs dann unsere Kranken von so vielen Ge- 
schwuren der Darmschleimhaut schwerlich wie- 
der hergestellt werden durften, so möchte doch 
wohl sehr in Frage stehen, ob sich der Ma- 
gen und das Duodenum eben so passiv gegen 
ihre Contenta verhallen, als die Oberhaut ge- 
gen Pflaster und Salben, als die Mundhohle 
gegen zuräokbleibende Partikelchen von Brech- 
weinstein , und jene Fälle beweisen nichts ge- 
gen die Anwendbarkeit wiederholter gröfserer 
Gaben des Tarr. stib.^ denn sie beweisen nur, 
dafs dies Mittel auch in Pneumonieen ange- 
wandt ist, die sich nicht dazu eignen, wie 
K* B. alle solche, wobei die Schleimbaut der 
Zunge uns anzeigt, wie dieselbe Membran im 
Magen und Darmkanal ebenfalls im Zustande 
der entzündlichen Irritation und nicht geschickt 
ist, ein Arzneimittel aufzunehmen, welches, 
obgleich ein Antiphlogisticum, an seiner Auf- 



— 73 - 

BehmojigssteUe deiiBOch eine ürtlicbe Relzaag 
berTorbriogt , und eioe TorhandeDe eatiuDd- 
lieh« T^rmehrt. Das NUrum ist unter solchen 
Umständen eben so wenig erlaubt und durch* 
ns kein Antiphlogisticam in allen jenen Fie* 
Wrn, ^^elche auf jene phlogistische Reizung 
der Magen - und Darm -Schleimhaut fufsen. 

Ueberhaupt aber leuchtet aus der Abhand- 
huig des Herrn Dr. S. ein gewisser Grad von 
Yerachtung der neueren Erfahrungen über den 
Tart» 9tib. in seiner Anwendung auf Brust- 
eotzundungen so ziemlich ein, wenn der Ver- 
fssser denselben nur als Brechmittel und! nur 
li sngewandt wissen will, wo Fneumopieen 
Bod Pleoresieen von einer abnorm erhöhten 
TiiätiglLeit des gastrischen Systems ausgehen 
und sich eioe deutli(;h ausgesprochene Tur*- 
l^escenz nach oben einstellt; wenn er die 
Fälle, wo der Tart, stib. sich nichts desto« 
weniger in Poeumopleuresieen als Heilmittel 
bewährte, blofs in sofern zuläfst, als indem 
darcb das Mittel eine superficielle Entzündung 
der Darmschleimhaut herbeigeführt worden 
wäre^ welche je zuweilen durch Deriration 
Ton den Lungen heilsam seyn könnte* 

Jeder aufmerksame Leser dieser Abhand- 
lung wird es sich aber leicht erklären^ warum 
ihr Verfasser jene Ansichten hat, wenn er 
bemerkt, wie Ebenderselbe immer nur bei den 
nächsten Erscheinungen stehen bleibt, welcjie 
die Reaction des Magens gegen den Brech- 
weiostein mit sich bringt. Es ist aber die 
Schleimhaut des Magens und der Gedärme nicht 
der Ort allein , auf welchen der Tart. stib. 
influenziren soll, sie ist ja nur die Aufneh- 
mungsstelle desselben, von wo aus das Mittel 



1 
-.1 



- 74 - 

8«in« aDtiphlogistiscban Umstimmungra io den ;/j 
Organismus weiter verbreitet, und wer hat | 
denn schon behaujptel and beobachtet, dafs dieF .| 
auf Jene Hänte bewirkte örtliche Reizang di# ^ 
rneumonie hebe?! Es ist neimehr wahm ^ 
sfheinl^ch, dafs folgende Eigenschaften e^ sind^ ,. 
welche die, durch Erfahrung schon genugsam 'j 
bewährte I antiphlogistische Natur des Tart» 
4tift. in wiederholten Gaben, so weit es mog« 
lieh ist , einsehen lassep : 

1) Die direkt auf das pulsirende Gsfaft« 
eystem depriinirende, durch beobachtete Ver« 
laogsamung de9 Fulses dokumentirte Kraft; 

2) die Beförderung fast aller Secretionen; 

3) die Diluirung der, bei Pneumonieen so 
auflaillend in ihrer Mischung veränderten» Blat- 
masd«^ welche bei übermäfsigemy zu anhalten- 
den Gebrauch des Spiefsglan^es als Scorbut| 
wie bekannt, auftritt. 

Gesetzt aber, es gelten die von Herrn 
Dr» S. für das Vomitiv gegebenen Indicatio- 
nen, nsch welchen es nur dann bei PDeumo- 
nieen angewandt Werden soll, wenn sie aas 
einer krankhaft erhöhten Thatigkeit der gastri- 
8<^hen Organe ihre Entstehung entnehmen, so 
bleibt es jedem Leser immer noch zweifei« 
haft, was denn eigentlich unter dieser krank« 
haft erhöhten Thätigkeit zu verstehen sej. 
Eine subinflaromatorische kann nicht gemeint 
seyn , diese würde das Emeticum vermehren-| 
ein zu kräftiger Verdauungs - Prozefs wohl eben 
so wenig t denn Appetit, Digestion, Assimi- 
lation, liegen beim Gastricismus darnieder; es 
kann also nur jene palhisch veränderte Thä- 
tigkeit , oder besser jener leidende Zustand ge- 



— 75 — 

ilat sejTo, bei welchem man einen fadeo» 
ilereo Geschmack., Beleg der Zunge, einen 
i^hendeo Atbeip, Anorexie, Nausea, KopF* 
Ackmerz in der Slirn etc. findet. Wenn ich 
ilbir die polychoHscbe Stimmung der epigasiri- 
ichti Organe ausnehme, so glaube ich, dafs 
bnchllich der Würdigung jener Symptome 
wohl oft der jBrociMniVsche Fehler begangen, 
ir Quelle angesehen v^ird, was Folge ist^ 
nd dafs jener Zustand, wie er slgh fast bei 
jidem Fieber und bei jeder mit diesem yer-, 
kindenen Entzündung fast jedweden Organes 
«BStelU, auch meistens ein der Pneumonie 

Mcsndärer ist. 

• 

leb läogne damit die gastrische , biliöse 
RMDmonie keinesweges, auch nicht, dafs diese 
Bit gastrischen Symptomen verbundene Pneu-* 
Bonie eine modificirte Behandlung erheische, 
Dod durch Brechmitteb vortbeilhaft gehoben 
werden könne; 'vieluiehr stimmt dies letztere 
ganz mit deo Ansichten überein, die icfi Ton 
diesen Symptomen habe, indem ich sie für 
nichts anderes ha^fe, als für Produkte jeoer 
Geneigtheit des Dannkanals ein Ablegungsort 
pathischer, kritischer Ausscheidungen zu seyn, 
welche , wenn sie verweilen , neue Krank- 
heitsreize sind , uod durch das Brechmittel, 
oder durch die Behandlung der Pneumonie 
mit Tart, süb» ebenfalls nicht allein ausgeleert, 
sondern auch in ihrer für das primitiv kranke 
Organ wohithätigen Richtung bestärkt werden. 

Meiner Meinung nach ist der Tart. stib. 
also nicht nur indicirt in Pneumonieen , die 
ihre Quelle in gastrischen Verstimmungen fin- 
den, sondern auch in solchen, welche wie 
diefs die meisten .acuten Fälle, von jenen Symp- 






— 76 — 

fomya begleitet tlnd^ vndl nicht alleiD alt tjh 
Brechmittel, sondern in wiederhotten Gaben,' ^ 

all jtniiphloßisticum $trictiu8 sie dictum. *) 

■ . % 
*) loh bltlt 1ii«b«i niohc unbemerltt lasfta toUent Ül 
wio im 6«g«ntheily wenn kein Vomitut aal f .k 
oder l{^ränige Gaben dea Brechweintteint efw 7 
folge, die Beaterung gewöhnlich achneller ein« ^ 
tritt. Uebrigena iat daa Niehter brechen «nf 
dieae Gaben dea Mittela in Pneumonieen der " 
oft gemachten Erfahrung analog, nach welches 4 
beim Group und bei der Jngina ionsUlarÜp \. 
^r^enn leutere nicht gaitriachen Urapranca ii^ ^ 
•benfalla siemlich grofae Portionen mar Bewiv» i\ 

* hang dea Erbrechena erfordert werden. Dm« i 
•elbe beat&tigte aich auch in folgenden mehre* ■ i 
jer Grande wegen hieher gehörenden Falle« — ^ 
Der Kranke 9 M. .in Trebnits, ein Landmenm | 
im männlichen Alter y wurde vor 3 Jahren doreh 
•inen atarkAi , lange anhaltenden Froit plOtilioh ' 
iron aeinen Aerndtegetchäften abgehalten, Yer« 
fiel dann in erofie Hitse und ffihUe Bpannangt 
Schwere und gehinderte Bewegung in der im* 
nier mehr anschwellenden Zunge , dieie tfieb > 
endlich die Kinnbacken Toneinander und beeng« 
te auch daa Athemholen durch die Naae, Am 
3ten Tage eerufen, finde ich eine halbaeitign 
Oloaaitify oie rechte ^ aehr geschwollene Hwtn 
der Zunge mit vielem festen Schleime und fibrö«> 
•en AuBschwitsungen bedeckt, die linke Hilft« 
derselben ala einen reineren, helleren, aehmen* 
loaen , erhabenen Rand unterschieden. Der Pult 
war aehr hart und voll, daa Fieber aehr atark, 
darum liefs ich eine Venaeaection von 16 Un»* 
sen machen, welche ein £lut gab» das äehr 
raach coagulirte und viel plaatische Lymph« 
abaetzte. Am folgenden Tage keine Beaaernng^ 
vreahalb ich verauchte, Blutegel an die nntara 
FUcbe der Zunge le^en eu laasen; ea biasea 
nur wenie hier an^^ einer aber entachlfipfta dea 
Händen dea Chirurgen und verlor aich nach 
hinten im Rachen« Der Chirurg, aehr dadurch 
be&ngstigt, gab eine au gleicher Zeit mit dea 
Blutegeln von mir verschriebene, refraeta dosi 
to nehmende, Solutio Tart. stib. von 6 Grao 



— 77 ~ 

Die ▼onnglichsten Contraiodloatioiieii rtM 
iditen wohl Mjn: 

1) die Abweteobait jener gastrischen 8e« 
nlair- Symptome , rerursacbt durch eioeo 
ikUich eobphlogistischeii Zustand der Darm- 
eUmhant ; 

> 

2) die nicht seltene Complication der Pneu- 
oaie mit Hepatitis , und ich glaube, dafs mit 
tsen ond meinen oben geäusserten auf un- 
ilangene Beobachtungen beruhenden Ansich-» ' 
■ nicht /allein meine bisherige Erfahrung, 
■dern auch die Anderer und spätere über- . 
■stimmen und übereinstimmen werden, wenn, I 
■• .sich ho£fen läfst, auch in der Folge an- 
n Aerzte sich nicht werden abhalteq las- 
la, den Tartarus stiblatuB in passenden Fällen 

i Gebrauch en sieben. jj 

1 



.1, 

l 



siif 3 Uneen, dem Kranken auf cweimal; am 
den Blutegel durcb Erbrechen wieder aussulee- 
reti* Dieser kam aber bald von selbit zur Naao 
Laraua» der Kranke brach sich nichts purgirta 
•benfalla nicht , fahlte kaum Ekel, Terhel aber '^l 

••br in Schweift, und alt am andern Tage, wo '^i 

tchon ein beträchtlicher Nachlaft der öruichen 
Beschwerden eingetreten war, noch ein derbes 
Vatioator im Nackex» su Hälfe genommen wur- 
de p sertheilte sich die Geichwuhc bei einem 
liiiliichen Urine , mit dickem rothen Boden- ;t 

•atse, immer mehr, so dafs in 6 Tagen die 
Heilang vollkommen war. Vom Kranken, wel- 
cher nun wieder sprechen konnte f hörte ich \ 
spSter, dala er scLon zum zweiten Male an * 
2fangenentxandung gelitten» die vor einigen 
Jahren gehabte« hätte sich durch einen Abseift 
len* 



■i 



t. ^ 



* 78 — .--l 

Cyanä^ eoriginita. 

Minna E. wurde in ihrem Sten Jahre 
. ton einem heftigen ■ Brastcataiarrhe hefal« 1 
Ißn^ als ich, cur ärztlichen Hülfe gerufeei^ i 
eie dae^ er^te Mal zu sehen Gelegenheil * 
hatte. Ich fand sie, obgleich die Bra4H,*1 
krankheit erst etwas über 2 Tage alt wart i 
mit röchelnder, Bacher, häufiger, sehr heifser vj 
Respiralion ,' dabei einen rasselnden Hasten^' . 
eine bleiche, an den Gliedern kalte ^ am Rum«'-, 
pfe heifse, brennende Haut, ein gedunseneie/ : 
bläalicheefilLnsehen der Augendeckel ^ der Nase»' . ' 
Lippen und Hände, welche Färbung , wie icb^ 
yon den Aeltern horte, seit dem Zahngeschälle^' '' 
bemerkbar war, und beim Genüsse von Spef^r' ^ 
een und beiu» Schreien noch stärker yAti,' 
üach dem Essen soll das Kind auch häufig' 
von Magenkrämpfen befallen werden , und das. 
Genossene, bei Verminderung der krampChaf* 
ten Beschwerden ,. durch Erbrechen wieder 
auswerfen. 

Es wurden » bei freilich sehr böser Pro- 
gnose, 3 Blutegel, nachher ein Emeticum ver- 
ordnet, und nach der Wirkung dieser Mittel . 
das Kind in wenigen Tagen durch Salmiak 
und Squilla, gegen meine Erwartung, bis .auf 
seinen vorigen Zustand in Besserung gesetzt,- 
Es behielt nämlich immer noch die asphyk- 
tisch -Synkoptischen , von den Aeltern für Ma- ' 
genkrampf gehaltenen Zufälle nach dem Ge- 
nüsse consistenterfr Speisen zurück, welche 
gewöhnlich nach dem theilweiseh Erbrechen 
des Genossenen wieder verschwanden. Einige 
Zeit hierauf bemerkte ich , wie die Nagel all- 
mahlig eine kolbige Form und mit den Fin« 
gern und Häoden eine blaue Farbe annahmen, 



-- 7« ^ 

ri«' sldb dier Jlbuginea ocuH , die , Haut am 
Um and aof der Brust immer von ^em 
chwarzlichen Yenea- Netze überzogen zeig-* 
M| wie das Kind nur io der Lange wuchs, 
■■er mehr dabei abmagerte y immer kühl' 
mi, und änfserlich warm gehaUen werden 
■rirte» i^ie trag und langsam alle-Beweguo- 
fm des Korpers yon Statten gingen, wie^^ 
neo die Färbung im Gesicht und am Halse, 
m bläalichy die Zunge und die innere^ Flä- 
he der Mundhöhle ganz blauschwarz verfärbt 
laien» Ich verliefs nun das Kind, indem 
th den Aeltern desselben noch anvertraute,. 
hb die Heilung eben so unmöglich, als es 
nhrscheinlich sey, dafs sie ihr Kind kaum 
■r Hälfte des Kindesalters würden aufziehen 
koDoen. Mehrere Alonate später starb, dat- 
tlbe, iRrie ich horte am Stickflusse. Es war 
war ein anderer Arzt berathen worden , die 
keltern theilten mir dennoch die Nachricht 
ijTon mit, und nach vielen Vorstellungen 
rächte ich es endlich dahin, dafs mir die Er- 
liiung der Brusthöhle erlaubt wurde. 

Auffallend war schon die eigenlhümliche 
•inge und Dünnheit der Glieder, die starke 
Losch wellung der Nagelglieder durch eine 
rausch wärzliche, fast gallertartige, der Bron- 
bialdrüsensubstanz ähnliche Anhäufung unter 
•n Nägeln^), nicht unerwartet bei Eröffnung 

') Wenn et keinen Zweifel unterliegen Kann, dafg 
die Cyanosis congenita die Folge einer iinvoJl- 
konniencn £ntwicKeiung des Herscns im Em- 
bryo ift, *o sieht der scharfsinnige Meckel 
(Uandbaeh der patholog. Anatomie Iter Tbeii 
8. 441) jene Aufgetriebenheit der Na^elglieHer 
doeh wohl filschlich für ein Stehenbleiben auf 
embryonischtr Biidungsatiife an, indem wohl 



sa - 



f 



der Bnufti die KlelDheil der Lnogeii , Uir«-1i 
dunkele Farbe and die enorme GrcHse def^ 
Tbjmot« Das Hers aber trennte kh, um dept^ 
Aeltem kein Aergernife sn geben, mit deit^ 
tJrtpriittgen der grofsen Geföfsstämme ab aedi''r: 
oabm es an einer sorgfältigeren Untersocbiittlf "^ 
an mich« Dabei fand ich denn das Foramm']. 
wah in der Dicke eines Gänsekiels offen, bdU-U 
de YorhSfe masknloser als gewöhnlich, diir/| 
Form des Herzens überhaupt rundlich , deil^.r 
linken und rechten Ventrikel durch an DidLttjr 
der Bfuscnlatur gleiche Wände gebildet, bel^JH 
der, Eröffnung der Ventrikel eine grofse Cons^^ 
manibation an der Basis Septi durch Mangel' >|' 
der letztem : über diiese sah ich , wie das die^ ^ 
Lage ihrer Klappen bewies , die Aorta, ganit:ii 
die Mitte haltedd, entspringen. Nach einer*. '■! 
jlirtsria pulmonalis suchte ich vergebens, ea ^ 
find sich neben der Aortenmündung eine kmrsti^ . 
Vertiefung ohne Klappen und neben der Aorta .' 
fein yerschrumpftes, ligamentoses Rudiment. Die : 
Lungen -r Venen yerhielten sich, das enge Vo-«; 
lumen abgerechnet , normal. Diefs Herz steht' 
somit zwischen der niedereu und höheren 
Reptilien -Herz -Bildung, und die Lungen er«: 
bieiten ohne Zweifel ihr Blut durch denyof^'. 
fen gebliefoenen Ductus arttriosuSj indem ich, 
aus dem Vorhandenseyn des Rudimentes ei- 
ner Lungen - Arterie schliefse, dafs nicht ein ^ 
zweiter Stamm von der Aorta ausging« 

die meisten Aerste beobachtet htben. wie sieh 
dieselbe auch in erworbenen Lungenieiden, faac 
bei jeder Piithitia^ erat nach irncT nach,, duroh 
allnsählige Ablagerung eines wahrscheinlioh von 
fehlerhsuer Blut • Dectrbonisttion erieugtea 
fitoffes bildet« 



— 81 — 

Oangratn du lAingm, 

Der Gensd'armes G«, ein S6jabriger, grob 
gnrachsener, eelten ^oo KTaakheiten heim«* 
gHBchter Mann, welcher den Feldzfigen bei» 
gmohnt und darauf lange Zeit den Dienst 
«MS reitenden Gensd'armes versehen hatte, 
«irde seit Weihnachten vorigen Jahres von 
«KQ bänfigen, trockenen Husten gequält. 
In er 9 als einen sogenannten Magenbusten^ 
tti besten durch den vermehrten Genufs, des 
idion ohnehin reichlich genossenen Brannt- 
wcios zu behandeln glaubte. Er blieb so bis 
tfiagsten ohne ärztliche Hülfe, vro sich dem 
Httitn noch Bruststiche, unterdrückter Athem 
Bod heftiges Gefafsfieber binzugesellten. Um 
BitfUnd gerufen , verordnete ich eine Venae- 
Mction Ton iö Unzen, eine Solution von Ni^ 
tnm mit f^n. siibiat. und Brusttbee zum Ge- 
tnnk. Noch an demselben Tage bort und fublt 
dir Kranke auf der schmerzhaften Stelle der 
linken Brusthöhle etwas platzen , hustet gleich 
darauf etwas Blut, und klagt nun über einen 
fSrchterlichen Gestank im Halse, der auch so- 
gleich das ganze Zimmer verpestete. Diesem 
Gerüche folgt der kopiöse Auswurf einer grün- 
lirh schwarzen, sehr flüssigen, eben so stin- 
kenden Jauche, und nachdem ungefähr ^ Quart 
dieser 3Ia58e ausgeworfen war, wurde der Athem 
freier^ der Husten beruhigt, und die Schmer- 
zen in der Brust hörten ebenfalls auf. Diese 
Anfalle wiederholten sich von nun an aber 
fast regehnafsig alle 30 Stunden, Beklommen- 
heit auf der linken Bruslseite und ein beun- 
ruhigendes^ drückendes Gefühl , kündigten sie 
an, der Blutauswurf als Vorgänger blieb aber 
aus, au dessen Stelle trat dann der Gestank 
JourD,I.XVlI.fi,l.Si. F 



^ 82 - j 



•t I 



des Athems gleich' eio ^ der dem eihes brah- | 
digeo Fufsgeschwiirea ganz ähnlich war, und '^ 
dieiem folgte der heschriebene Auswurf, wel* v 
eher immer mehr durch starkes Räuspern ab '? 
durch wirklichen Husten zu Stande kam« jÜm y 
7teii Tage Zunahme des Fiebers,' aufPallenfc || 
Unruhe^ Umher werfen, Deliria, Flechsenspri^- ?, 
gen, Zuckungen wie beim Veitstänze, Flok^ v 
kenlesen, rufsige, trockene, klebrige Zonge^ ? 
kruder stinkender Urin, klebrige Schweifsey ? 
stinkende Durchfälle, noch reichlicherer AojS« ^ 
wurf und heftiger Durst. Dieser erethiscfa-? ^ 
putrid^ Zustand ging nach 3 Tagen in Sopot^ 
ober, doch nach einigen Tagen zeigten sich, ^ 
anstatt der erwarteten völligen Auflosiing, sanft«, " 
warme Schweifse, ruhiger Puls, wolkiger f 
Urin, consistentere, sparsamere Stuhlgänge,^ 
eine fenchte, reinere Zunge, Nachlafs des Dar* .1 
jBtes, Verlangen nach Speisen, Der Kranke || 
erwachte alimählig, bei allen Zeichen einer ^ 
gut Terlaufenhn Ftbris nervosa^ der Auswurf. ' 
war aber noch ganz derselbe, der Athem wur- 
de alimählig immer kürzer, die Sprache fiel 
sehr schwer, der Puls wurde wieder freqo^en« 
ter, kleiner und matter, der Körper magerte, • 
zusehends ab, die Wangen zeigten die hek- 
tische Röthe, es bildete sich brandiger Decu- 
bitus, Orthopnoe, und in der 6ten Woche 
der ärztlichen Behandlung starb der Kranke, 
bei aussetzendem Pulse und rasselndem Athem, 
einen sanften Tod. Die Diagnose konnte vor i 
der Beobachtung der ersten Ezpectoration je- 
ner Jauche nur auf die Exacerbation eines chro- * 
nisch - entzündlichen Zustandes der linken Lun- 
ge gerichtet seyn;^ nur ein sehr geübter Ste- 
thoscopiker hätte mit Gewifsheit mehr finden 
können. Nach der Beobachtung des Auswur- 



- 83 — 

fies, war ich aber gewifs, eine brandige Auf- 

loBQOg der Langensabstans Yor mir zu haben^ 

and die Prognose hat mir daher ^ aller an- 

idieinenden Besserung der Fiebersjmptome in 

1k 4teD Krankheitswoche ungeachtet , immer 

«seo gewissen todtlichen Ausgang rorgestellt. 

Dn Silz des ortlichen Uebels suchte ich im 

sttren, linken Lungenlappen, weil hier, wenn 

■in das Ohr anlegte, beim Husten und Raus«-' 

Cn das Rasseln deutlich zu hören war, und 
Kranke allein hier durch Auflegen der 
Band Schmerzen äufserte. Sonst war in die- 
•sr Seite der Brust alles still , . man yernahm 
Mdit das Rauschen des Athems, nur einen 
liBpfen, auch gegen die Hand abgestumpften, 
Bmschlag. Die rechte Seite resonnirte et- 
was, die linke gar nicht bei der Fercnssion, 
«ad erklang dann wia beim Hjdrothoraz, der 
Kranke lag immer auf dem Rücken und jede 
Ssitenlage war beschwerlich und beklemmend« 

Die Behandlung beschränkte sich im ere- 
thischeo Stadio des Fiebers nur auf vegetabi- 
lische Säuren, schleimige Getränke, und auf 
sinige Gaben von Pulvis Doveri zur Beschrän« 
kung der übermäfsigen Ausleerungen. All- 
mählig wurden dann die Säuren mit Infusis 
und Decoclis von Valeriana^ Serpeniaria^ Poly- 
fala amara und China verbunden , dann der 
IJchtn islandicuSj und zuletzt nur eine, mit 
Wein bereitete , Gelatina desselben gebraucht. 

Die in Gegenwart eines zweiten Arztes 
Torgenommene Section zeigte : gaozliche Ver- 
wachsung der Pleura costülis und pulmonalis auf 
der linken Seite , am oberen Luogenlappen 
durch frische lockere Effusion , am unteren 
durch feste, schwerer zu trennend^ und ältere; 

F 2 



^ m ^ 

9Df to ntbten Seife our einzelne 'Heine SteU 
len durch coagulirte Lymphe edhärirend , die J 
Longe Seihst weich, sehr blutreich, die BroiK.:l 
chiel-GeßSfse frei, manche schaumig geftillL j 
Die linke Lunge iiiüle die Brusthohle gan« -^ 
ans,' fiel gar nicht susammen ; im oberen Lajp«--^ 
pen, wo ich auf die braodige Höhle tu kon^- ;< 
Den glaubte, ceigte ein tiefer Einschnitt die- * 
selbe nicht, wohl aber stellenweise leberartige -i 
Verdickung der Substanz und die Luftgeiafiie ^ 
mit der bekannten Jauche angefüllt» Der mir ,. 
tere Lungenlappen bildete mit dem untei?)en '-* 
Theile des oberen, einen weichen, dünnen, ' 
schwärzlichen, nach hinten und unten offenen 
Sack, dieser war ganz von grünschwärzlicfaito 
Jauche angefüllt» in welcher Daumen ,gr6*- 
Ae Stücke schwärzlicher, brandiger, weidier 
Knngensubstanz umherschwammen. Die Hoh- 
le war so grofs, dafs neben meinen beiden : 
eingeführten Händen noch immer Raum übrig./ 
blieb ,- das Zwerchfell war tief berabgedrängt, 
ich berührte die entblofsten Corpora des 9ten . ~ 
und lOten Rückenwirbels, an welchen ubri« 

fens keine cariSse Affection zii fahlen war. 
an Luftgefafs in der Dicke eines Qgnsekiels, 
dessen Verästelung, was mich wunderte, eben- 
falls gänzlich geschwunden war, ging weit in 
die Hohle hinein ^ und war wahrscheinlich 
der Kanal, durch welchen sich der Jchor so ^ 
reichlich nach oben entleerte. Der Gestank 
bei der Eröffnung der Hohle war kaum zu er-< « 
tragen* ^ 

Wenn der Befund der brandigen Zerstö- 
rung fast gänzlich mit Laennecs Beschreibung 
des feuchten Lungenbrandes im Einklänge ist, 
80 unterscheidet sich doch dieser Fall von den 



— 85 — 

ikaoDtan weMnilich durch seinen langsamen 
eriaiif. Das allgemeine Sinken, der Jlräfta 
at hier allmahlig nach dem Uebergange der 
liiiidjaQche in die LuftrJJhre, durch das Ein- 
AmBn des Miasma i» dii^ gesuiidfre Lon- 
;enf. 

Das typhüs- putride Fieber war weniger 
iUelbarer Reflex des allgemeinen Organisr 
MS auf die örtliche gangränöse Piitrescenz^ 
I welchem Falle es schon früher hätte auf- 
man mnssen; ich halte vielmehr dafür, dafs 
s ebenfalls durch die Inspiration des Miasma 
nsegt wurde« 

Ferner ist sehr wahrscheinlich^ dafs die 
Sl^graen schon früher Statt fand, ehe sieb 
Es pleuritischen Symptome aeigt.en, welche 
•n Kranken bewogen , ärztliche ilülfe zu su- 
bea, denn der Auswurf war gleich so copios, 
üs eine ausgedehnte gangränöse Häkle vor« 
usgesetzt werden mufste« 

Dies Abweichen hinsichtlich der Dauer 
sr Krankheit, kann keinen Grund abgeben, 
weifel gegen die Diagnose und die richtige 
eurtheilung des Leichenbefundes zu hegeUf 
eil die. Krankheit überhaupt so höchst sei* 
n beobachtet ist, dafs ihre Charakteristik 
id Korm nicht so gleichbin entworfen wer- 
m darf. Wer aber den so auifallenden Ua- 
rschied des verdorbenen Eiters von dem der 
randigen Auflösung aus Erfahrung kennt, 
ird es für fast unmöglich halten , sich in der 
iagnose derselben durch die Nase irre leiten 
j lassen« 

Ob es ein glücklicher Einfall ist, die Gan« j 

ratn der Lungen mit dem Anthrax malignus 1 



— 86 — 3 

io eine Kategorie za setzen, lasse ich daliia'' 
gestelU seyn ; den .hier gegebenen Fall betraf-' 
fendy mochte ich lieber glauben, dafs die Gan^l 
gram nicht ursprünglich war. Vor der LaP^ 
cbenöffnung war ich der Meinung, eine stIirk'J 
gefüllte Vomica sei in brandig^ Absterbnogl;.! 
ihrer Umgebungen übergegangen, nach dersel* i 
bea aber und nach Besichtigung des schwär«^ *^ 
zen faulen Sackes und seiner Cöntenta wnrda^ 
eis mir einleuchtender, dafs eine melanoseo- ^ 
artige Metamorphose der Lungensubstanz Ur- i 
sach der Gangram gewesen sejr. 1 

Toodcation durch Nux vonüca. 

Dsll. 6. hatte längere Zeit Kopf* und ^ 
Zahnschmerzen , und glaubte sich am besten 
durch eine Abführung von diesen Uöbeln zo 
befreien, Ihr Bruder hört diefs und meint, es 
müfsten hoch von mir verschriebene Abfüh« 
rangspuKer vorbanden sejn , wonach sie dann 
suchte, und endlich in der Küche, auf dem 
Schüsselbrette, ein zusammengelegtes, zraües 
Tulver enthaltendes, Papier fand, in dei^ Mei- ■ 
nung, diefs sei zum Abfuhren, nimmt sie ei- , 
nen EfslolFel voll, rührt ihn in einem Kaffee- ' 
söhälchen mit Wasser ein, und leert es aus. 
Es war um Mittag. Der im Halse zurück« 
bleibende gewaltig bittere Geschmack mächte 
sie nun schon besorgt , sie bleibt aber noch 
ip der Küche bis sie mit einem Male nicht 
/fortzuschreiten im Stande ist, und, ohne ihr 
Bewufstseyn zu verlieren, hinfällt. Sogleich 
gerufen, lasse ich mir erst das übrige Pulver 
geben, und erkenne an dem grauen, grob- 
körnigen Ansehen, an dem eigenthümlichen 
Gerüche, und dem gewaltig bitteren Geschmacke 
das gewöhnlich gebrauchte Rattenpulver, eine 



- sr - 

pob gemahlene Nux w^ndca^ wie solche di9 
Droguisten liefert, and schicke ef , nachdem 
ich die Vergiftete nar oberflächlich angesehen 
halte, mit einem Recepte 2u einem .ßnericifin 
■it 5 Gran Tart. siib» nach der Apotheke, nm 
■US Ueberzeugnng noch bestätigen zu las- 
m. Die Kranke fand ich auf dem Bette lie- 
fiod, Ton blasser Gesichtsfarbe^ in ihrem 
ttaneDspiele Gleichgültigkeit, Angst, Lachen 
■ad Weinen schnell mit einander abwechselnd^ 
£e Aagen weit geöffnet, die Pupille susam« 
■engezogen. Der Athem war ungleich, ober» 
lachlich, der Puls eben&lls unregelmäfsig^ 
Utta, nicht hart, nicht frequent, die Haut 
kiU; die Vorderarme waren immer halb flek- 
tirt, mit den Händen und Fingern spieltea 
ceaTnlsiTiscbe Zuckungen , die Beine hinger 
giB waren unbeweglich, steif, alle Muskeln 
isran hart, tetanisch contrahirt, Schmerzen 
baue die Kranke ganz und gar nicht, eben- 
(alls keine Spur von Uebelkeiten^ die Respi- 
ration fiel ihr aber jeden Augenblick schwe- 
rer, und sie klagte, sie miirste ersticken. Das 
Bmeticum kam nun mit der Nachricht, dafs 
das Pulver allerdings Nux vomica sey, und 
lieh auf Salpetersäure ganz scharlachroth yer-* 
färbt habe. Es ist diefs, nach MagendiCf die 
Eigenschaft des darin enthaltenen Brucins. 

Nach dem Einnehmen zeigte sich^ indem 
die Symptome immer stärker wurden , 10 Mi- 
nuten hindurch noch kein Gefühl von Uebel- 
keit ; ich liefs nun starke Fortionen Thee trin- 
ken und den Schlund so lange mit dem Fin- 
leer und einem Federbarte reizen , bis sich der 
Vomitus einstellte. Durch öfteres Anfüllen 
des Blagens mit laulichem Wasser und dem 



~ 86 i- •■', 






WiederauBbrecheD desselben wurde dieser mi^ \i 
Uch reiner ausgespSblt und ein Nachläb des- L 
beängstigenden Symptoms, der Lähn^ung des v 
IJ^werchfells und der LuDgen bemerkbar; nuftj^^ 
Terordnete ich: Ree. Otei TerebUith, AüK füt-v^a 
phuric. ana drachm. iß. Sacchar. alh. unc, ß^ J^ 
^9» Menth, piper, unc. vf. M» Jö'de halbe Stmü-T^' 
de 1 Ersloffel yoll zu nehmen , um die Gaa« *^ 
gliengeflechte, den Sympatfücus und N, ^ogütW 
wieder in Tbatigkeit zu setzen. Abends lie«- ^ 
fseu die tetanische Spannung der Schenk«4r'\ 
muskeln und die ConyuUionen in den Häo-« ^ 
den ebenfalls nach, die Bespiration wurda* ^ 
frei, es hatte die Kranke nur noch 3 Tage-v 
lang einen nebligen Blick ; ein Gefühl auber! j 
ordentlicher Zerschlagenheit des ganzen Kor* h 

Jers und eine Müdigkeit und Schmerzhaitig-* 
eit in dto Schenkeln^ als wenn sie die stärk* 
ste Fufsreise gemacht hätte. Die Zahnschmer* ' 
zen und das Kopfweh waren nach der Aus« 
säge der Kranken gleich iiacb dem Einjaeh« 
men Terschwunden. 

Ich kamt die Geschichte dieser selten vor- . 
kommenden Verginung nicht ad acta legen, 
'Ohne einige Bemerkungen über die Nux vo« 
mica und Ihre Heilkräfte zu machen. 

Die durch diese Substanz in grofs^ren Ga- 
ben erregten Symptome , ihre mitunter todt- 
lichen Wirkungen, sind ihrer Natur nach so 
Terschieden beobachtet, dafs es schwer fallen 
könnte, einer jeden einzelnen Toxications- Ge- 
schichte Glauben beizumessen. . Ekel, starkes 
Erbrechen, heftiger Durst, Brennen im Schlun- 
'de, starke Bauchflüsse, heftige Schweilse, 
Magenkrampf^ Angst, Berauschung, übermä- ' 
bige Leibschmerzen, Uitzegei'übl im Magen, 



— 89 — 

% 

X 

BaBglgkeiten 9 ErsHckaiig, ffarvenschlagflars 
atch MaihioluM eommtnt. in DIoscorid. , *- Hvf» 
mann nud. rai. Myst€m,j — fflei observ^ </< usuint. 
1, 9, , — ' Nicohi' d% Nuc^ vom» vir. , — Schulze 
Htf. med. , geben ein sehr yerworrenes . Bilcli 
ui mancher Pharmacolog, wie z. B. Gretn, 
hü $o Wenig über die Kräfte jenes Giftes ge- 
flgt , dafs bei der Wichtigkeit des Gegenstan- 
des nicht Oberflächlichkeit, sondern die, dnrchv 
diihannonirende Beobachtungen erregten Zwei- 
U Ursache Jenes Schweigens zu seyn schei- 
aeo. Sigalas (^Magendie's Journal de phy$loio^ 
A txpirifmntah 1822) hat wieder gesehen, 
dib grofsere Gaben durch unmittelbare Wir^ 
knng auf das Nervensystem todten; Orfila in 
seinAr Toxicologie {Secours ä donritr etc.) han- 
delt die Wirkungen der Nux vom. itn AU- 
gemeinen mit denen des Upas oder Pfeilgif- 
tes, der Ignazbehne und der falschen jingu^ 
irura ab, stimmt aber ganz mit Magendie (4le 
Aaflage seiner bekannten Anweisung zur Be- 
reitung und Anwendung einiger neuen Arz- 
oeimittel) iibereio, weicher immer nur starke 
Erregung des Rückenmarkes, tödtliche As«* 
phyxie, und nie Spuren organischer Verlet«- 
zijiig, oder der Entzündung fand« Zwei neuera 
VergifluDgs - Geschichten , eine yod Joseph Ol" 
Uer in tlie Lond. medical repository^ F^oL XIX^ 
die andere von Dr. Tacheron^ entsprechen die- 
sen Ansichten ebenfalls; aber Magendie hat 
nur einen an Nux vom, gestorbenen Menschen 
secirt, und kürzlich starb wieder, seinem Be- 
fände widersprechend , ein Vergifteter in Düs- 
seldorf unter heftigen Leibschmerzen, bei vie- 
lem Durste und Erbrechen, wo die Section 
stark entzündete Stellen im Magen darthat. 
Ein mit diesem zugleich Vergifteter halte eben« 



- 90 - 

falls viel Colik| wurde aber durpli Erbrechen 
hergestellt« 

Um jene Disharmoiiieeti aufeuloseo, mafs^ 
mao, wie bei andern vegetabilischen und' me- 
tallischen Vergiftungen, eine primäre und 
.cundare Wirkung unterscheiden. 

DIef primäre, entfernte, geht auf das Ner-.y| 
vensjstem, und hat die besondere Eigenschafl,,^ 
auf den, den Muskeln des organischen Lebens- 1 
angehorigeq Nervenapparat lähmend einziiwir«. .; 
ken,. wenigstens dessen Einflnfs und Erriag« "i 
l^arkeit herabzustimmen, und wie es scheint^ ij 
dem, den .Oluskeln des animalischen Lebens 
angehorigen Nervenstamme, dem Röckenmäv- 
ke, in desto gröfserem ,JIIaarse jene Eigen« 
Schäften zu ertheilen. Es entstehen hier keinie 
Uebelkeiten I kein Erbrechen, kein Schmers^ 
der Magen, verhält sich ganz leidend, und gro-^ 
Ciere Gaben dehnen diese Wirkung noch da- . 
mn aus , dafs der Herzschlag klein wird, Läh- 
mung des Zwerchfells ^) , der Lungen und* 
aspbyctisc^er Tod, bei allen, Erscheinungen ei- 
ner sehr hohen Erregung des Rückenmarkes» 
bei Convulsionen und Tetanus eintreten. 

Die secnndäre, örtliche Wirkung der Nux 
Vom, fast alle jene Symptome, den stairken 
Durst, das Brennen im Schlünde, die Schmer- 
zen im Magen, die Colik, das übermäfsige 
Erbrechen, ;die starken Schweifse und Kälte 
der Extremitäten in sich, es sind diefs die 

*) Der N^ phrtnicus in swsr Rackenmarkt-Nerv» 
▼erbindet tich aber in seiner Peripheiie so 
reichlich mit dem Ganglientysteroe, dalf es nicbc 
auffallend seyn kann, ihn, wie den Vaeus, bei 
einer Störung der Function der Ganzen in 

\ Mitleidensohut gesogen au sehen» 



1 



— 91 — 

Symptome der, darch dos Sirychnin Qod Bm» 

dl erseaglen Gastro - tnttrüis ^ von der ipan 

firmlich keine Spur in den schon Anrch jisphyadt 

GiAodteten findet, welche sich ab^r wohl nifl( 

«nsDStellen ermangeln wird, wenn steh die 

Friair- Wirkung nicht so stark entwickelt 

das Giit Zeit und Gelegeiiheit hat, che- 

aaf die JUagenhäute einzuwirken. 



Ich war früher überzeugt, und wurde es 
■odi mehr durch obige Beobachtung, dafs die 
Vax pomico, beror nicht Gastritis entsteht, 
Imn Erbrechen errege« Nie habe ich Uebel- 
kiiten nach dem medicinischen Gebrauche ge- 
sdeo, und mochte daher rathen, recht starke 
SMtalliscbe Mmetica und mechanische Beihülfe 
sar Entleerung des Giftes anzuwenden, ubd 
ikh nicht blofs, neben laulichen Getränken,. 
aaf das, durch das Gift rermeintlich beditogte, 
bald entstehende Erbrechen zu verlassen. 

Vermöge der primären Wirkung wird die 
Nuse vomica auch Heilmittel, 1) in mancher- 
lei Krankheiten mit zu starker Erregung der 
Kenrengeflechie des organischen Lebens, und 
2) bei einem Zustande der Trägheit und Un- 
thätigkeit des Rückenmarkes, Schon lange 
empfahl sie Hufeland in der Ruhr, in Durch- 
fällen mit erethischer Bewegung der Darm- 
maskeln. Nach Moniin ^ de medic. Japponum^ 
wird sie von diesen mit Nutzen In der Colik 
angewandt« Im dynamischen Magenkrämpfe 
habe ich in einigen Fällen die trefTlicbste Wir- 
kung gesehen , eben so beim Vonütus^ so auch 
im folgenden Krankheitsfalle, wo sich ein 

^) In dem Falle von Ollier wurde Ipecacuanba 
gegeben» sie brachte aber kein Erbrecüen hervor« 



— 92 — 

i 
•knunpfbafler eretbiseber Zustand io den Gas- I 

glien - Geflechten deutlich ansspraob« f 

■ ' ' ' ' \ 

Herr 8., 59 Jahr alt, hatte erbliche bliQ.^ ^ 

de Hämorrhoiden 4ind eine sininer flüssige anül/j 
bäufige Evacuation mit Brennen und Schmer^-^ 
zen im Ano« Vor 4 Jahren wurde dnrck 
kalte Insessus eine stark fliefsende Haemorrboie«. 
sehr unvorsichtig unterdriickt^ es entstand dar- . 
auf ein Schleimflufs der Harnrohre, ohne Bren- I 
nen beim Urinlassen , fast 1 Jahr lang anbri-" :^ 
tepd , bei yerminderten Beschwerden im Mast« ^; 
darme. Mit. dem plötzlichen Aufboren det/'l 
Flusses entzündete sieb der rechte Hoden, ^od' ; 
dabei entstanden und blieben nach der Beaei« f 
tigung der Orchitis zurück', eine sehr schmerz 
hafte, krampfartige Znsammenziehung im Mast« 
darme, und das Gefühl eines darin stecken- ^ 
den, zapfenartigen, fremden Körpers. Beim 
Stuhlgange waren diese Beschwerden noch 
stärker, hielten als Nachwehen an, die {lo;- 
den schwollen, Ton den Saamensträngen in 
die Höbe gezogen, an, der Penis erigirte sich 
etwas , heim Durchgang der Faeces ereignete 
eich gewöhnlich ein spermaähnlicher Ausflufs,- 
ohne Reizgefiihle und nach dem Urinlassen^ 
wozu der Kranke oft genöthigt war, trat ein 
schmerzhaftes Gefühl von Zusammenziebun^ 
über den Schoofsbogen ein. Allmäblig wur- , 
den auf der vorderen und aufseren Fläche der 
Oberschenkel zwei grofse Stellen ganz gefUhl-, 
)os, kalt, und der Kranke klagte mir über-' 
hftupt grofse Schwache in den Beinen, für de- 
ren Ursache er den saamenahnlicben Abgang 
ansähe. Von Zeit zu Zeit, oft 2 bis 3 Mal 
an einem Tage, wurde er auch von Herzklo^ 
pfea beschwert, wobei ihm die Zunge an« 



— 93 ~ . 

KhwoII und 'jecl«.«inal Ohrenklingen eintrat, 
n>r dem er nicht elnschlafeä konnten 

Tor 1 Jahre um Rath gefragt^ behandelte 
-kkdas ganze Leiden als anomale Hämorrhoiden, 
ulliefs, neben Gebrauch innerer Mitte], alle 
[ 14 Tage Blutegel ad anum legen , was denn 
«Kh vvohl Erleichterung verschaüte« Nun n'n- 
' iNsnchte ich den Anus, fand ihn sehr hart, 
). ftst susammengezogen ^ den Durchgang des 
l' Rogers sehr schmerzhaft, einige leere äufsere 
Aderknoten, und wie mir dünkte, eine An- 
schwellung der Prostata^ Gegen diese, als 
wmeinlliche Ursache aller Leiden, verfuhr 
idi oon mit fortgesetzten Anlegen von Blut- 
igdii, Einreibungen von Mercur in das Peri* 
laeam, und innerlich mit Jbdin« bei Hunger* 
£it. Der genannte Abgang liefs nach, nicht 
aber die spastische, sehr beschwerliche Ver- 
CBgerung des Anus^ darum wurden nunWachs- 
kerzeo , nach und nach immer dickere, ein- 
ftlegt, und nach 14tägigen Gebrauch konnte 
der Kranke seine Freude nicht genug aus- 
drücken, über die dadurch verschaffte Erleich- 
terung des Stuhlganges und der Beschwerden 
im Mastdärme überhaupt. Durch den örtli- 
cben Reiz der Kerzen war eine glasartige 
Ktnnorrhoea recti hervorgerufen. Wohl ein 
Tierteljahr hielt diese Besserung an, als die 
Stuhlgänge, welche immmer zu häufig und 
dünn waren, wieder schmerzhaft, auch die 
Genitalien wieder in die krampfartige Mitlei- 
denschaft gezogen wurden; das Herzklopfen 
mit seinen oben angegebenen Folgesympto- 
men trat ebenfalls sehr oft ein , und der Leib 
war immer unregelmäfsig gespannt und aufge- 
trieben. Ich versuchte, nun einmal syiiiplo* 



«w» 9V «^^ 

matisch Terfahrend, di« Nux ^wmka gegen deft 
sa sehr besehleanigten Durchgang der Spei* 4^ 
eeoy g#gen die krampfartige AuftreibuDg deiT^ 
Leibei, die Zusammeoziebung des Amis «lidJiy 
der SaameDStränge / und auch gegen das 6%»))^ 
fühl Ton Abgeschlagenheit in den Beinen, uMk 
tfie partielle Hautiähmung anf denselben. Bti 
beseisigte sich dies Alles, und bald war i^^ 
auch fiberzeugt, dafs jenes Herzklopfen eb«i^J^^ 
falls ein dynamisch - krampfhaftes Leiden war^;:^! 
denn auch dieses horte auf. Freilich wiru.l| 




.i 



genug dM ji 
Ruhe beschreiben y welche in seinem Unter* ;.^ 
ieibc» eintVitt , so ist er gewifs , dafs , leidet eir V 
geraoe an Auftreibuog des Unterleibes, dieier i 
sich bald mit Entwickelung von Blähungen 
nach unten und oben senken und ein sparea« A 
mer consistenter Stuhlgang bei vermehrtem Apw ^ 
petite folgen wird. Die Beine sind andauernd ^ 
kräftiger, die gelähmte Hautstelle hat wiedev' ^ 
Gefubl und Wärme. 

Die Nux vonüca kann ferner Heilmitt^. 
seyn in Wechselfieber, wobei es oft nicht isQ 
Übersehen ist, dafs eine periodisch eintretende, 
gastrische Reizung zum Grunde liegt; Marcu» 
bat sie hierin wirksam gefunden und am«* 
pfohlen. 

Fouqvkr hat sie, wie bekannt, in LSh- 
mungen mit Erfolg gegeben, wovon ich mich 
wenigstens in so weit als Augenzeuge über- 
sedgt habe, als ich in der Charit^ zu Paris 2, 
von ihm damit behandelte, alte gelähmte Per- 
sonen sah, wovon der eine, ein ungefähr 
SOjähriger Mann, durch Apoplexie gelähmt, 



— 95 - 

■ir selbst tagte ^ däfs er bedeutende Besse- 
nag erhallen hätte. Bei der anderen, einer 
aieraden Fran, erzeugte das Mittel auch $chon 
bi TorzHglich in den gelähmten Theilen ei- 

Cthamlichen , partiellen Convulsionea und 
ikelzuckungeo , die aber manchmal so stark 
nrden sollen, dafs sie die Patientin aas dem 
Irtte warfen. Wenn nun freilich nicht zu 
Ingnen ist , dafs durch nach und nach Statt 
Itdeode Resorption der Extravasate im 6e- 
Kra, die Natur selbst solche Folgen der Apo- 
ibzien beseitigt oder mildert, 90 sind doch 
iia Moskelzuckungen* in gelähmten Gliedern 
Aobar der Arznei zuzuschreiben i und man 
nDke a priori schliefsen^ es« konnten diese 
Ihbnngen , die dem WiedererwacRen gelähm- 
hrTheile so ähnlich sind, nur heilsam seyn. 

Ich habe selbst das Eztract der Nux po^ 
■ica 2 Mal in Paralysen angewandt und in 
kiden Fällen die Gonvulsionen erzeugt. 

1) In einer Lähmung der untern Extre- 
nitäten, bei einem 39jährigen Manne, deren 
Ursache in schnell unterdrückter chronischer 
Krätze, in abusu in Venerz el Baccho , in ErkäU 
toogen im Bivouac und übermäfsigen An- 
strengungen gefunden werden konnte. Ich 
berück vchtigte diefs Alles, aber nach Fehl* 
schlagen der Heilverfahren nahm ich endlich 
zu AJoxen auf dem Rückgrade und zur Nux 
tomica meine Zuflucht. Es entstanden Con* 
▼ulsionen in den Muskeln, die Bewegungs- 
kräAe gewannen aber nichts , und dafs die 
Paralygis compkta in Paralysin ad motum ge-« 
bessert wurde, möchte ich eher den Moxen ^) 

*) Vitllticht war durch die Eiterung der Moxen 
die hintere Fläche dee RacKenmarkei ron einer 



- 96 -- 

nDid nadrherlgeii Gebrauche des PhoaphcM» waA 
der Canthariden zuschi^eiben. 

2) Bei einem andern 40jabrigeDy* datdiri 
jipopltxla sanguinea^ halbseitig gelähmten Maa*. 
ne , brachte der Gebrauch der' Niix i^micfly.' 
längere Zeit nach einer, die Ursach der Lak* 
mu^g xnehr berücksichtigenden, Behandlnngr 
durch Aderlässe, Abführnngen, schmale DiSf 
und Sappurantia, ebenfalls Muskelzuckun^tt/ 
^u Wege, aber keine anscheinende Besserung^' ^ 
denn diese trat erst viel später, tbeilweise von'^ 
selbst ein. ^ .' 

Nie abeV habe ich ein Mittel, ohne sehn 
Verhältnifs zur Krankheit aus Erfahrung- jbo 
kennen , mit solchem Vertrauen angewandt^ 
als die Nux vomka gegen den Keuchhusten, 
gegen jene Epilepsie der Athmungs-Nerveo, 
und ich brauche wohl nicht zu sagen, warnm«. 
Bin ich aber nicht etwa gar zu vorsichtig ük 
der Dosis gewesen ; so braucht man diesen 
Versuch nicht naehznmacheo , denn sie wirkte 
eben so unsicher, als alle dagegien empfoh« 
lene Narcotka^ Hyoscyamus^ Belladonna^ Ladu^ 
ca Wmsa, Lauro ^ cerasus und Blausäure» Es 
versteht sich von selbst, dafs, um ein reine- 
res Resultat zu erhalten, die Nvx vomica^ wie- 
diefs auch bei dem Gebrauch jeuer Narcotica 
nothig ist, iinmer erst nach verlaufenen ent*^ 
ziindlich- katarrhalischen Stadio, nach Yoran- 

branKbafcen Ablagerung befreiet worden , indem 
die hier entspringenden Nerven - Wurzeln f&r 
.Gefflhl und Wärme (nach neueren Versuchen 
an Thieren) bestiromt seyn sollen. Wärme, 
Ge|[ahly Ausdünstung y kelixten im obigen Falle 
nvieder, und die ooei^ächlichen Adergefleclito 
•wurden aichtbar. 



-. 97 — 

gegangener antiphlogistischer , antigastrischeF 
ud ableitender Kurmethode, versucht wurde; 
fit Dauer der Krankheit wurde aber nie da- 
fafch abgekürzt, und vielleicht ist es auch 
Ncht gut, dafs kein probateres Specificum in 
iMfrm Arznei - Schatze vorhanden ist^ man 
Unte eich zu sehr auf dieses verlassen , wiir« 
li vielleicht weniger aufmerksam und thätig 
Pgen die häufigen accessorischen , . entzündü- 
Am Leiden bleiben, gegen PnenmomY, Cardio 
til» EnetphaütU. 

Einen Fall, wobei ebenfalls eine zu euer- 
piche Thätigkeit eines Muskels Stptt findet, 
tedem organischen Leben angehört, wo also 
is Nux vomica Heilmittel seyn konnte, geben 
afcaorm zu starke Geburtswehen, der Tetanus 
üvu Wohl hätte ich Gelegenheit nehmen 
Loonen, bei einer Einkeilung eines mit der 
Schalter vorgefallenen Armes ^ wo die Weben 
Bsch starken Aderlässen , warmen Bädern und 
Um reichlichen Gebrauche des Opiums immer 
eher noch stärker als schwächer wurden, und 
die tetanische Contraction der Gebärmutter so 
stark v^ar, dafs bei forcirtem Eingehen zur 
Wendung, ganz gewifs eine Rupiura uteri er* 
folgt wäre, die Nux vomica anzuwenden. Ich 
hatte aber keine Lust, den ersten Versuch zu 
machen, denn es war möglich, dafs dadurch 
eioe völlige , Tdr das Nachgeburts - Geschäft 
äufserst gefährliche, Paralysis uteri herbeige- 
fdhrt wurde. F^enio spontanea machte diesen 
Fall zu einen sehr merkwürdigen, und been- 
dete glücklich das so regelwidrige Geburtsge- 
ichäft. 



Journ, LXVII.B.l.Sl« 



~ Ö8 - 



ir . 



IV. 

K n f z e Nachrichten;^ 

ond .\i 

'Auszüge* 



1. 

« 

Abs dim FrmwiSsUehem im .jMStMg§ mitgetheiU 

van "^ 

M* Ar* Elsäfser In StiUigart. 



i«Ml 



• /• KrankhßiBsn d§i Bufs$rn Ohri$ 

von Montfaleon. ^ 

4«#* . Krankheiien der Ohrmuschel (paviUom)» 

-Lli« Wunden der Ohrniafchel sind ▼bn Teffebia« 
dento Natur* Die^ Schnittwunden dertelben «ind 
mancliieden nach ihrer Gröfie nnd CompHcation* 
Binfache Schnittwunden erfordern nur die Wieder- 
VfreinL|ane n« vr, intentionem y der in solchen F^- 
len fceui^ Müskelwirkuni: entgegen ist. Manche 
WnndirsI» haben in solchen Fallen die Kath fUr 
«Mntbf hrliohjgehalten -, inzwischen geben die Sei« 
tMitlieila dei Coofa einen festen StAtxpunkc im Fall 
•in IJrttclt nAtmg ist, nnd wenn keine Blutung 

^} Ans dam Dtetionnaire Sea seienet» m^dicales par une so- 
M0€Ut^ dtM^deema ei de Chirurgiemk. Tom. XXXriJI. 



k ; 



— 9Ö - 

tiMit findet» MQ latten sich dU 8Hl6l(e dmr Ohnniw 
•diel mittelst HefcDAaster leicht vereinigen, indem 
ihre Wirkung durch Plumaceauv von Charpie, Com- 
]^aaen, nnd einen paasenden Verband unterstdtBt 
wird. Nur bei lehr unregelmlfaigen Wunden darf. 
tcB einige Hefte mit der Nadel nothw endig aeyn« 
Bd dem Zuiammen heften der Ohrmuaehel- Wun* 
4m wurde in früheren Zeiten der Knorpel nicht 
dbrehatochen y aua Furcht vor dem Brandigwerden 
Selben, welches wie Pare bemerkt , sehr oft der 
Fail gewesen ist» Die Erfahrnne hat jedoch diese 
Fvcht'iAla grundlos erwiesen. Manchmal wird dio 
OkrmnscheT vom Kopf gani abgeschnitten ^ wo- 
imsth das Lieben . des Verwundeten nicht bedroht» 
ja lelbsf das eine Zeitläng gescbwäohte Gehör in 
dar Folge wieder ganz hergestellt wird» Ist dia 
Ohrmuschel nicht Tollhommen abgetrennt» so muCs 
Ma ihre Wiedervereinigung aueh in dem Fall ver- 
lachen , wrenn der noch annftngende Lappen telir 
ilda isc Ist die Ohrmuitohel aber vollkommen ab- 
fclöfac iwrorden , so^ hat das Anpassen derselben anf 
iie Wände » wie die Erfahrung lehrt , keinen gAn* 
Mi^eB Erfolg. 

Einfache Stichwutiden' der Ohrmuschel suid 
■icht sc gefihrlich wie nüin ehemals bei Stichwun* 
den der Knorpel dafür hielt , indem dieselbe in 
Folge der eintretenden leichten Entzündung wieder 
keilen ^). Auch die Durchbohrung des OhrUpp- 
ckeas vregen Ohrringen u. dgl. hat ^hr s«lten iXbIt 
Folgen **), Jedoch gibt ea sehr reizbare Personen, 
bei denen diese Operation bedeutende Entsflndungs« 
zaflUe p langwierige Eiterung u. s. f. zur Folge hat, 

•) Durch die verschiedenartis;sten Verwiiiidungen der 
Knorpel -vfrurdc weder eine Graniilatiou noch eine 
^Fvirkliche Ziisammenheihine hewirkt. T^nr bei einigen 
Knorpeln scheint das Fericbondritiin eiue Aneinandexw 
leimung der WundjQächeu 7.u bewirken. Auch scheint 
der Knorpel einer eigentlichen Entzi'iudung gar nicht 
fähig ^u seyn , selbst durch die stärksten Heizmittel, 
als Arsenik. » «Salpetersäurey salpetersaures Silber n. dgl. 
S, C Jömcr'» DiMsetiai, dejrf-avioribus quibuadam Carti^ 
lasinum mulaiionibus, Tubins* i8o6« 

der Ueher», 

**) Im Jahre ißio sah ich in Wien bei einem scrophulosen 
Knaben Ton lO Jahren auf das Durchbohren des linken 
Ohrlippchent eiue niifsgrolse Balggo schwulst am im- 
tem Aand desselben entstehen. , 

der Uebers» 

G 2 



— 400 - 

die den Gebrauch von Blutegeln u« 9. w», hirupt- 
eachUch aber das Aussieben des fremden Körpare > 
erfordern« 

Die Gewohnheit gewisser Volksst&mnie, aehv ^, 
schwere Körper an den Ohrläppchen anfBuhängenp^^ 
▼erursacht eine aafserordentlicha Verlängerung und'*. 
Zerreifsunß derselben. ^ 

Die Quetschungen des Ohrs erfordern keine an« ^! 
dere Behandlung als die der übrigen Theile des 1 
Körpers« Rahren dieselben von einer heftigen Ge- 
walt her, so sind sie weniger gefäbrlich durch sich, 
selbst, als durch die mittelbsre Wirkung des ^qu et» •' 
sehenden Körpers auf das benachbarte Gehirn. Ott* 
sus {dt med. i,ibr. VIII. Qap, VI») fahrt einen Fall ' 
▼on Frictur des Ohrknorpels an» wovon JLeschevim 
und Boy er kein Beispiel weder gesehen noch bei ' 
andern Autoren gefunden haben« 

Der Verband an den Ohren erfordert einiea bi^ ' 
sondere RAcksichten. Zuerst mufs man den ä^höcw 

§ane genau nntersochen, ob derselbe keinen firem»^ 
en Körper enthält , harnach verstopft man die Mfln- 
dune desselben mit Cbarpie oder Baumwolle* Da' 
die C>hrmuschel in ihrem Umfang vom Kopf ab« 
steht, ao isr es notfawendigy unter die Ohrmuschel 
einen kleinen Bausch von Charpie oder sarter JLaiii» 
wand zu bringen, um eine genaue Vereinignng dar 
Wundränder su erhalten, oder um einen unglei- 
chen und au starken Druck auf das Ohr su verhO« 
ten. Das Ohr selbst mufs man durch Plumacieauv 

fehörie schützen und nachher mit einer Cirkelbin« 
e bedecken. Boyer sah auf starke und lang an- 
haltende Zusammendrückutijg des Ohrs den Brarid 
entstehen, der sich bis auf den Knorpel erstreckte» 
Einige Bildungsfehler der Ohrmuschel erfor« 
dern chirurgische Hülfe. So fand man die OefEnüng 
des Gehörgangs durch dss Einsinken des Tragus^ 
jintitragui und Anthelix in den Gang selbst verengt 
in welchem Fall das Ausschneiden dieser verbilde* 
tan Hervorragungen ein sichereres Mittel zur voll* 
kommenen Herstellung des Gehörs ist, als der Ge- 
brauch eines Hörrohrs , oder die künstlicbe Erwei- 
terung des Gehörgangs. Man hat die äufsere Oeff- 
nnng das Gehörgangs durch den nach vorn scharf 
umgebogenen Trc^gfn/ klappenartig verschlossen, und 
eben so den Eingang in den Geaörgang selbst der- 
gestalt verengert angetroffen > dafs man heim Aufhe- 



- 101 - 

bcB äe§ Tragus MtMtt d«r runden OeffnUn^ nur eine 

litto ■afa. In dietem Fall miifs man den Tragus 

uffaeben , vrenn der Kranke hören loll. Den Fol- 

Bm diesef Bildan|»ffehler8 Kann man tm besten 

mich silberne Hörnchen abhelfen , deren cylindri- 

Nkf Spitze 6 bis 8 Linien tief in den Gehörgang 

diltescliobeii wird , während ihr vorderer Theil den 

Tiw^f in seiner natarlichen I#age erhftlt« (BihU 

hn^niqme), — Das Ohrlanochen fehh suweilen 

pn^ manchmal ist es Terbiidet. Boy er sah bei ei- 

asB jungen Menschen ein bis auf die Wanse her- 

nterhängendes Ohrläppchen , welches mit dem be« 

Mea Erfolg an der nacflrlichen Gränse abgeschnit- 

lei wnrde. Portal beobachtete eine fingersdicka 

Ohraageschwulst auf beiden Seiten , und taet, es 

Mi bemerkenswerth, dafs der höchste Grad von 

Verdickung des Ohrläupchens bei Frauen yorkom-» 

■c, die SU schwere Ohrgehänge tragen« 

Die £ntsanduog der ohnehin nicht fehv em* 
B&dlicbei| Ohrmuschel kommt selten vor, und ist 
inn mehr rothlaufartig« 

In dem Zellengewebe der Ohrmuschel lönaen 
lieh kleine Knoten bilden , welche, wenn sie Ver« 
uaualtung verursachen , chirurgische HOlfe arfor« 
dsra. 

Eine Verstopfung der Talgdräsen in der Ohr- 
naschel kann man durch Reinlichkeit, Ausdrücken 
das Inhalte, Waschen mit Seifen wasser u. dgl. be« 
leitigrn. 

An der Ohrmuschel können Geschwfire von 
rertcliiedener Art, z. E. herpe tisch e , scrophulöse, 
lum Vorschein kommen. iB«i den Ulcerationen, 
die bei Kindern swisclien der Ohrmuschel und den 
Seiten tlieilen des Kopfs entstehen , helfen aufser der 
Böthigen Reinlichkeit Waschungen mit einem er- 
weichenden Absud y dageg:en sind hier Salben und 
feite Xörqer Oberhaupt nach Galen schädlich. Die 
Heilung herpetischer oder acropbulöser Geschwüre 
wird suweilen durch Blasenaüge im Nacken sehr 
befürdert. 

Bm Krankheiten des CehÖrgangs, 

Die Verschliefsung desselben wird unter degi 
Namen : Im Perforation im Dict. besonders abgehan- 
dt-li. In einigen seltenen Fällen fehlt der Gehör- 



— 102 — 

nng ganiy In andern ist er daeag^o sehr xrerengert« - 
Isoyer beseichnet das Platcwerden dea Gehörgangt^ 
d. n, di« Berahrung seiner Wände in einem gr5«^ 
ftem oder geringem Umran^ als einen ßildungs« 
fehler desselben. £r liefs einer dadurch fast taub 
gewordenen Person eine Röhr» von Gold verferti-« 
^en, im Durchmesser und der Form nach wie de^ 
Gehörgang» iagto sie in demselben , und seit der 
£eit hört diese Person , welche die Röhre best&ndig 
trftst» ^ans gm. 

X)ie in das Ohr gersthene fremde Körper und dif 
Hilfsmittel dagegen (s* Corps etrangers des diet,)* Ich 
will hier diesem von einem andern Verfasser bearbel«« 
Uten Artikel nur einige Bemerkungen über die Wir- 
Kungen des im Gehörgane angehäuften Ohrenschmal« 
itä ans einer unserer med. Zeitschriften beifügen: . 
Rihes fand in einem Leichnam das Trommel« 
feil sufalligerweis'a durchbohrt und meint, diWte« 
Curchbohrune köntie^ aus xWei verschiedenen Ur* 
iichhti entstehen. Die erste Art bestehe in einer 
kleinen OefFnung gegen die Mitte de| Trommel« 
f^lla hin. und entspreche dem Vorsprung « welchen 
d^r 5ti61 des Hammers tnit seinem untern Thait 
bildet. Rihäs uiinmt ah, dsfi dieser Theil dea'Kno« 
chens sich auf irgend eine Weise losmache and ia 
der Folge einen Theil des Trommelfells von innen 
nach Bufsen abnütze. Die andere Art wird dnroh 
Yerdicktes Ohrenschmals Im äufaern Gehörgang vtr« 
ursacht, das suweilen sehr hart wird, den Grehör* 
gang Tollkomroen verstopft und somit Taubheit 
irerursscht. Der ganse Umfang eines solchen Cy* 
linders von Ohrenschmals übt tuf die Wandungen 
des Gehörgstißs einen Druck aus, und corrodirt dio 
iufsern Plattchen der Oberhaut, wodurch sich ein« 
Art von Scheide um derselben bildet, deren Aufsein« 
aeite ein Bockiges Ansehen bekommt , und bei ein* 
keinen Menschen Reis und Schmers verursacht« Das 
dem Trommelfell sngek^hrte finde des Kopfs cor« 
Irodirt eben So nach und najch die drei Lamellen 
dieser Membran» zerstört dieselbe vom Mittelpunkt 
ans gegen die Peripherie hin» wodurch das Trom« 
melull beld d&rohlöchert wird. Die Erosion führt 

2 Ina vollst&nige Zerstörung dieser Membran her- 
ey, ao diafs manchmal nur ein gefranster hüutiger 
ding an ihrer Einfassung zurückbleibt. Ribes und 
CkauisUr fanden den Griff des HaioiiDers serbrooheny 



— 103 — 

nin Theil abgenutitj Tom Köpf lotgecrenat uwtd im 
OhrenfchinaU vnteekt, d«i m die TroniiD#Ihdlil« 
ttogedrungen war. Dereltichen Teränderang«!! sind 
von Jieinem f erÖsen odßT parul^nten AusAats« ^us 
dtn Ohren begleitet« 

Die Anh&ufaiiß Ton Ohrenichnuli im Gehflr- 
m bildet eine Ursac'ie Ton Taubheit, in welchem 
fiOe man den Gehör|»ang reinigen mufi« 

Die Feuchtigkeit und Trockenheit der AtmoK 
pkiie habeiT einen auffallenden EinfluGi auf den Go« 
tAigang. Feuchte Luft ^ erschlafft undf verdickt dm 
Trunmelfall. Lesehevin erzlhlt von einem i60jftbri« 

Sn Mann» der ein sehr feines Gehör hatte. daG| 
aser naeh einer Feldarbeit bei trockener und h«i* 
btr Witterung in einem Ohr ein lAstiget Sausen 
nftrte und in diesem beinahe taub wurde« Alt die 
Lafk spiterhin feucht wurde, verschwand dis Oh- 
naAbel« Es ist sehr sweifelhaft, dafs der iufsere 
Gskörgang der Sita dieses Uebels gewesen ist. {Sf^issyjt 
Eben so wenig kennt man die Wirkungeik einer 
srftöhuin Temperatur der Atmosphäre auf den In« 
Isem Gehörgang y und man darf daher nicht |o be* 
stimoBt mit Lesehevin antiAmen, dafs kalte JLoflt 
Äe gewöhnlichste Ursache der Ohrenkraiikiheiiea 
bildet. 

Das unter dem besondern Namen Ohrensausen, 
Ofarenklin^en bekannte Symptom schreibe man der 
in dem Gehörgang surückgehaltenen Luft su, Boy^r 
bemerkt, dafs dieses Symptom in den meisten Oh« 
renkranktieiten vorkomme, und auf eine bjsschwer« 
liebe Weise fortdaure, ohne die Krankheit mu ver* 
schlimmem. Dieses Symptom' beobachtet man in 
den meisten Krankheiten dies Kopfs, im Schlagflussa 
n. t« w. » und selten ist dasselbe allein vorhanden« 
Wenn dss Ohrensausen von zu grofser Trockenheit 
der innern Membran des Ohr herrühren sollte ^ so 
helfen erweichende Einsorützungen oder feuchte 

Einige bedeutende Krankheiten lassen nach ih« 
rcr Heilung anomale Eindrücke in den Ohren ^ na« 
Bsentlicb Sausen oder Klingen surfiek» 

Im Innern des Gehörgangs können Polyjpen ent- 
stehen. Dieselben sind entweder fleischige Aus* 
wilchse» hart, auf ihrer &ufsern Seite narbig, etwas 
gelblich, faserig, und enthalten im Innern eiee bis 
jeut noch unbekannte Materie* Dieses sind die 



— 104 — 

tareomatotan Polypen^ Oder die Polypen haben oin J 
grialiohes Ansehen , find weich , ^Unsend ^ und er« 
sengen sich nach ihrer Zerstörung leicht . wieder« , 
Dieses sind die blasigen Polypen, 

Die Polypen des GehArgangs sitzen selten im 
Hintergrund 9 sondern ihre Basis ist meistens in dev 
N&he^ von der MQndung des Gehörgangs« Im AU« 
gemeinen sind sie klein, conisch und oesitsen ei- 
nen dünnen Stiel. Zuweilen giebt es mehrere euf '. 
der n&mlichen Seite. Diese schwammigen AuswQcb^ 
•e brsuehen keinen groCsen Raum, um den äufsem - 
Qehörgang vollkommen ^u verstopfen^ und Taub»- 
heit SU verursachen y auch verhindert die Enge oie- 
ses Gangs , so wie der starre Widerstand seiner 
Wandnneen ein grofses Wachsthum der Polypen. 
Der Ij^olrp l(&nn sich swar nicht von oben nach* 
unten . dagegen von vorne nach hinten ausdehnen, 
und s^ar von dem rflckwärts gedrängten Trommel* 
feil bis SU dem Eingang^ des äufsern Gehörgange^. 
WoyoB ich ein Beispiel gesehen habe. So laneo 
diese Geschwulst keine giofse Forcschritte gemacht 
hki, weifs der Kranke nichts von seinem Uebel, 
•ondetn erkennt dasselbe erst, nachdem er durch 
die . yollkommene Ver^opfiing des GehörgangS am . 
finde 'das Gehör verliert. Debrigens fehlen Reizung 
und der Schmers , eben so auch die Blutungen , die 
böi blasigen Polypen in andern Schleimhäuten so* 
oft vorkommen. Nur ein eiterartiger Ohrenflnfs 
ist vorbinden. Um die Natur .der Krankheit des 
Gehörgangs genau su erforschen, mufs man den 
Kranken dem Lichte gegenüber stellen, so dafs die 
Lichtstrahlen gerade auf die Ohrmuschel fallen und 
letztere in die Höhe heben, um dadurch die Krflm* ^ 
mung des knorpligen Theils von dern Gehörgang 
tu beseitijgen *)• Um sich gensu von der Gestalt 
eines t'oiypen zu überzeugen, mufs man dessen 
Stiel mit einer geknöpften Sonde untersuchen. Die 
iPolypen des äufsern Gehörsangs kommen selten - 
TOr* Siibatier beobachtete dieselbe nur hei zwei 

■ •) Um das Ohr bis gegen das Trommelfell hin iintersn« 
ohen zu kuuiien , richtet nan dasselbe ^egen das liicht» 
■ «Siieht den Tra^u/t vorwärts und hebt die Cnncha iu der 
Bichtung von niuten nach vorne auf. Je mehr man die^ 
ses thut , desto tiefer sieht man in den äufsern Oehör- 
gans hinein, und bei Erwachsenen meistens auch bis 
auf lUs Trommelf elL , ' «^ , 

der TTebers, 



— 105 — 

o^cr drei Perfornen » weleha wtnig ^ivoii beUtjtlgt 
Würden« Die fareomatöten Polypen find eines 
kiebeigen Ausartung weit mehr unterworfen elf die 
Uaiieen, daher ihre Prognose aueh ungünstiger ist. 
Esjgibt fflnf Methoden , die Ohrpolypen ^reg- 
niebal^n, nftmlich durch Austrocknuns, Aetsuag, 
AisreifseDy Abschneiden und Unterbinden. Im er- 
«n Falle bUrst man reisende Pulver apf den Fleisch- , 
I lüWQchSy oder betupft dentelben mit demselben 
filrer mittelst einer Chsrpiewieke *^. IMit ätsen« 
im Baitieln kann man die Polypen nicht austrock- 
m, msa mnfs sie brennen. Die Gauterisation det 
Obpolypen mit dem glühenden Eisen ist aber eino 
I ailsliehe Operation wegen dem engen Raum, d« 
dis Wände des Gehörgangs sowohl als das Trom- 
■dfell T'ermieden werden müsien« Häufiger cau» . 
ttosiTt man diese Auswüchse mit flüssigen oder 
tackeacn Aetamitteln, s. B« einer Auflösung des 
Ucnsceina, Spiesglafsbutter u. dgl. Den Stiä der 
Mjpen mnfa man fast täglich cauterisiren, wena 
ii Aaswflchse ausgerissen^ abgeschnitten oder un- 
Ivbnnden worden sind. Na<3i der Gauterisation 
■ab man einige Einipritsungen macheii, oder dio 
Bluigen Reste At% Aetamittels mitseist einer Ghaz- 
piewieko entfernen. 

Man hat dieser Methode den Vorwurf gern ach t^ 
diTs sie zu einer krebsartigen Ausartung der Poly« 
pen Anlafs gebe. 

Das Ausreifsen der Polypen wird häufiger vor- 
ginoromen. Die Zangen dazu müssen sehr fein 
ind stark seyn , und auf der innern Seite gekerbte 
Flachen haben« Diese Methode ist nicht anwend- 
bar, wenn der Polyp , was jedoch selten der Fall 
bi| am Trommelfell seine Wurzel hat. 

Bei dieser Operstion mufs man den Kranken 
luf einen niedern Stuhl setzen , dessen Ohr dem 
Licht sukehren» und den auf die, dem Operateur 
tntgegengesfltate, Seite geneigten und auf der Bruss 

•) Hierher gehören anch die von Dr. Rainer empfohlene 
Tindnra Opii crocata ; eine Autlösung^ von Alaun (eine 
Drachme in Vnc, iß "Wasser) \u s. f. -womit bedeutende 
nnd zum Theil harte , fleischartige Nasenpolypen durch 
Detupfeu derselben mittelst eines Pinsels binnen 4 — 6 
IrVoCDen vollkommen entfernt worden »ind. S. Archiv 
i. med. F.rf. von Hnm. 1324, Mai <— Jtin. u. Hufelamts 
k>urnal a. mehr. Stelleu. 

der Vehera, 



i^ 106 ^ 5 

• « 

.fidjrten Kopf durch einen QehdlFea ballen UtMa^ f 
der mit seiner andern Hand die Ohrmuschel anf«. i 
liebt» Der Operateur fährt die geschlossene Zange '^ 
bis en den Polypen hin, öffnet sodann dieta» faStf ,1 
deo Stiel des Polypen and sieht ihn anter passen«- 1 
den Drehungen aus« Gewöhnlich fliefsen einige a 
Tropfen Blut nach , ohne dafs ein Blutflufs su ba^' li 
f'U<;hten iit. Wenn sich der Polyp n^he an de1if "^ 
iVliitidung. des Gehörgangi befindet und leicht sä )i 
fassän i^t, so sollte msn denselben mit der Zanee "ft 
berrorsiehen und dessen Stiel mit dem Bistounä it 
ebacfaneiden. Dieses Verfahren ist jedoch seltea *^ 
anwendbar^ da der Polvp meistentheilf zu ^ef sitel^ i 

Die Unterbindung der Ohrpolypen ist mehr oder i 
"weniger leicht, je nachdem diaseloe näher oder tle» { 
Cer im Gehörgang sitsen. Im ersten Fall hilt^e| ■] 
nicht schwer, den Polypen mittelst eines sawielii^ '\ 
ten Fadeni su unterbinden , allein wenn oer Polyp >| 
tiefer sitzt und im Gehörgang flotürt» so mofs man j( 
denselben mittelst eines Doppelhakens ansiehen^ - j 
Über diesen die Fadenschlinee einstreifen u. s. w« 
Desaalt^s Verfahren in diesem Fall Ist im Wesent- 
lichen dasselbe wie bei Unterbindung von Gebär- 
mntterpolypen (s. Chirurg. Werke 2. Theil p. 510). 
JPahricius von Hilden hat ein Instrument erfunden^ ^ ! 
nm^damit die Ligatur bei Ohrpolypen fest susam* 
menzuciehen« ' 

Flechtenartige Geschwüre im Gehörgan^ erfoi^ ' 
dern zu ihrer Heilung manchmal Haarseue im Nah« 
ken, oder BlasanpAaster. hinter den Ohren , passen« 
de Einspiitsungen u« dgl. Andere GeschwAre anf 
der Schleimhaut des Gehörgangs müssen -* wie die 
eben erwähnte — - immer nach der Natur der Kranh-^ 
bieit, Ton der sie ein Symptom sind, behandelt 
werden. Erweichende und gelind stärkende Bin- 
epritzungen reinigen die^ Oberfläche des Geschwüre 
und befördern seine Heilung. Mh reizenden Mlt( 
celn, die eine Entzündung der Schleimhaut erregen* 
können« mufs man sehr vorsichtig seyn; auch mufs 
snsn sich sehr in Acht nehmen ^ mit der Spritse 
nichts im Ohr zu verletzen. 

Dampfbäder und Räucherungen, von welcher 
Art sie auch seyn mögen » schaffen wenig Nutzen. 

Trockene Cfaerpie dürfte das beste Yerbandmit* 
tel bei Geschwüren im Gshörgang seyn* ^ 



— 107 — 

• 

Z>I« Sehleim haut def Gehörgangf ioodtn maneh« 
1 «ind gelbliehe seröfe oder purulente Materie 
▼arachiedeoer Meoge kh, welcher Auaflufs naeh 
iger Deuer aehr berAckiichti^et werden mufa, da . 
r Erfahrung su Folge eine jplötzliche UnterdrAk- • 
■g deaaelben ackon gefährliche KrtnKheiten Ter« 
lAcbc hat, X. B. Delirien, Gicht. Epilepsie u. a. w* 
aweilen bildet der Aiisflurs bei faannäckiger Taiibr 
öt oder einer •chlafsrichticen Krankheit die Crise. 
'tr Aiieflura aelbat yerursacht keine Taubheit, und 
fordert blofs fleifsige Reinigung des Ohra und er-' 
eichende Einspritzungen« Die nftmlichen RAck- 
chcan erfordert der eiterartige AasAufa aus deo 
bren bei eonat geaunden Kindern von aarteni Al- 
r. Sind dergleichen beilaame Ausflasse anter- 
4ckc ^Torden, so mufs man sie diireh BUaenpfla« 
er hinter den Ohren oder im Nacken » durch 
rechanfttsige Arsneien, paaiendea Verhalten u« •• L 
iadar heratelle'n. 

//• Krankheiten des innern Ohrt, 

von Saissy, *) 

£ho ich die einzelnen Krankheiten abfaandta^ 
rill ich eine Uebersiclit von der Taubheit voran* 
ehiehen nnd dieses Uebel deutlich oder bestimmt 
cfiniran, um zweideutige Benennungen zu ver* 
seiden und die Verschiedenheiten dieser Keankheit ^ 
•f die möglichst kleinste Zahl zurflck zu bringen* 

Dia Taubheit ist der vollkommene Verlust oder 
riaa beträchtliche Verminderung des Gehörsinns. 

Die Verschiedenheiten der Taubheit laaaen tich 
mi folgende vier zurAckbringeni 

1. die angeborene Taubheit} 

•) S. Drei» de »ciencea med, de, pp, 80— lt6. 

Sais^r^, Arzt in LyoH» nnd Ilard, haben eine neae 
Art» die Eusuchischo Rohre zu uutersuchen, erfiin« 
den. Snififiy hat die OehÖrskränkheiteu lange Zeit nnd 
msschlicrslich studirt, die seltensten Fälle sind dem- 
aelben vorgekommen, nnd er soll den ehemals sehr be- 
rühmten Lesrhfiin (Obcrwnndarzt in Ronen) in diesem 
Iheil der Heilkunde sehr weit hinter sich gelassen ha« 
ben« Seine Üntersuchnn^eu nnd Entdeckungen über 
diese Krankheiten »ind in einer Munogravhio nieder- 

S(-'legty ^Frelche die medicinischc Gesellschaft zu Bor- 
c^jtx gekrönt h.ity und die den grofstcn und interes- 
untesten Iheil dieses ausgedehnten Artikels (im Dict.) 

der Uehe^s» 



- 10» -. i 

/ 

2. die #inige Zeit nach der Geburt, und in Fol- M 
et vou Kränk liclikeit entstandene oder sufüUifiV^^ 
Taohlieit: ^ ^ 

3. die in Folge des bohen Ah'ers entitandansj^ ^\ 
oder die Taubheit der Greise; endlich ' Ji 

4» die unvoilkomniene Taubheit » d, h. dio nnlT-- 
ein Ohr befallt , und die vollkommene , d» h. wol-r^iV 
che auf beiden Ohren vorkommt. ' ;i| 

Ich will dieie vier Arten von Taubheit •iii-^.Ä; 
tfaeilen in 

a) anfangende Taubbeity hartea Gehör (J^jtfcolaJ* j 

h) schwere» oder absolute Taubheit (cophosis)^^i 
lind eine andere Verletzung des Gehörs unter den^ .i 
Namen falsches Gehör (paracusis) , nicht hiefaiet.*'! 
rechuf^n , bei welchem die eine Person das laute Re*^^ ) 
den nur verwirrt hört, dagegen einen achwachan \ 
Schall deutlich wahrnimmt^^eine andere Person ei- I 
Ben gewöhnlichen Schall nur mit Hülfe eines &•«. i 

gleitenden grofsen Geräusches, oder jeden Schall '' 
oppelt wahrnimmt. -— 

Dia Ursachen der Taubheit sind so sshlraich» 
und ihrer lVlebr&ahl nach ao Täthselhaft, dafs ein« 

fenaue Eintheilung derselben schwierig ist. In- 
Alan will ich dieselbe nach folgender Ordnung 
•intheilen : 

n) Fehler der ersten Bildung in jedem Thali 
das Gehörorgans* Der Gehörnerve kann fehlen und- 
Vrsaoha der angeborenen Taubheit seyn (ein salta« 
»ar Fall, aber durch ILieichenöifnungen arwiaaen). • 
li) Die Taubheit ist naanchmal angeerbt, wie ao 
Tiel« andere Krankheiten, von denen man dan-Kainft 
ödari.dia .Anlage mit auf dia Welt bringt. Tmka 
wurde von einem 30 jährigen Mann consoitiit, dac 
im 14ten Jahr taub geworden ist. Desaan Vatar^ 
Mutter und drei Geschwister waren mit damselban 
Uabel behaftet. Mir iac ein Mann bekannt, welcltac . 
ilki 40ten Jahr taub wurde» und der mich varsiobar- 
ta, dafs sein Grofsvater väterlicher Seite, saia : Va- 
ter und swai von seinen Brüdern in dem nämli* 
chen Alter taub geworden seyen. Ein alter Arst 
▼on Marseille ersählte mir von einer aus sechs Kin- 
dern besteheuden Familie daselbst, von denen das 
lltaste Kind von Geburt an taub ist, das sweite sehr 
gut hört, daa dritte ebenfalls taiib ist u* s. f. abwach« 
aalnd Bis sura sechsten. Vater und Mutter diasac 
Ftmili« sollen sehr gut höran* 



— 109 — 

e} All ein« weitere Urtiche der l'aiibheit Iiann 
iDet da« engeseben werden, waa inneriialb der Sdia« 
liUiöhJa den Gehörnerven bei aeinoni Urspruuf; oder 
■ feinem VerUof Busamtnendrücken und dadurch 
I im Nerveneioflufs eitf das Gehörorgan Terhindera 
hain. 

d) Die Taubheit entsteht suvreilen, wie der 
Mkwarso Staar durch su ^roCien Saamenverlust. 
iyioatieus fohrt ein merkwürdiges Beispiel dec 
n an. 

0) X^anzoiü erzählt von einer Frau, weldie in 
jßUi Scb Wanderschaft. taub wurde » und das Gehör 
m aaco der Niederkunft wieder bekam« Dieselbe 
wde 4 insl schwanger und eben so offc taub« 

/) Eben so bringen 'VI' armer ins Allagen und in 
im Gedärmen Taubheit^ hervor. 

g) Personen mit einer schlechteD» Verdanung^ 
Irpochondristen und solche, weiche oft an Unter- 
Isdis - Verstopfungen leiden, sind ebenfslls zum 
Tsabwerden geneigt. Fr. Hoffmann fahrt derglei- 
ihea Fälle von Taubheit an, die blofs durch wie- 
faholtee Purgiren gehoben worden. 

hy Die Taubheit ist ein Symptom , welches bei 
ffial- und Nervenfiebern oft vorkommt. Dieses 
Sroiptom wird allgemein für günstig gehalten, 
wann sich dasselbe an einem anseigenden oder cri« 
tischen Tag einstellt. 

f) Allan hat Taubheit auf ein heftiges Niesen 
Ktstehen seh'en, fj^agner berichtet in den Abhandl. 
^r Naturforscher, dals ein Gelehrter auf den Ge- 
Iraacb eines Niefspulvers im rechten Ohr vollkom- 
Ben taab wurde und taub geblieben ist. 

k) Ein heftiger und anhaltender Husten kann 
üeselbe Wirkung haben. 

1) Des Waschen des Kopfs mit kaltem Wassei: 
bildet eine häufige Ursache der Taubheit. Das Ab- 
schneiden der Haare in einem gewissen Lebensalter 
kai dieselbe Wirkung gehabt. 

m) Chronische und plötzlich unterdrückte Thrft- 
■tsflüsse, eben so die Austrocknung alter Ge- 
Kkwüre haben auch schon Veranlassung sur Taub- 
iüt gegraben. 

n) Scropheln und die Syphilis bilden häufige 
trsachen der Taubheit; eben so die Masern und 
Ük Sdurlaeh. 



— 110 — 



2c9n biB weilen das Grhöror^can bis som TaubwMi^ 
den. Hieber gefadtrt die Taubheit der ArtilleiitM|f2 
die eine wahre Desorganisation der Ohren erleid^j^ 
können* Richter benaerkr in seiner ohirare. BibMCfCj 
thek, dats dieselbe nicht allein dem Tanbw«rdii|^ 
sondern auch filatflflsseii tos d^n Ohren uAttrwoS?* 
fen sind.^ ^ JS^ 

p) Die Taubheit entsteht saweilen nach 8el3||f^ 

{^en oder nach einem Falle auf den Kopf, nevtMtrijljJ 
ich bei Kindern auf in den Schalen erhilfeK''^ 
Ob;fei«ren, ^^^ 

y) Alles das , was einen freien Zatrf tc der Lttfl;?^ 
sn der B - Trompete verhinderr, bildet eben ao ▼i«|pr^ 
Ursachen der Taubheit» s.D. eine tnfserord entliehe t)' 
Anschwellung der Tonsillen , der Ohrspeicheldi^fk^ 
•en, ein PQiyp in den Choannen, die VerschH««^ 
Tsung der Troropetenrnflndang durch Geschwür« ifllfj^i 
llachen oder in Jer Tiefe des Hslses, ode«r dioMt!^ 
Biber Schleim » der die hintere Kasenöffnungen flbefb K^ 
sieht» ängehiuftea Okrensclnnalsy Polypen im G««Si 
kiörgang u. s. w. !^ 

Die Diagnote der Taubheit ist nm so tekwle» !^] 

elger« je niAr die Urseche derselben tief oderve» ^i 
orcen liegt, . 1^ 

jDie Prognose bietet dieselben •Schwierigkeitni'^ 
dar» und man kann diese in denen ao ^ben angege^Si 
benen Fällen hur muthmafilieh stellen. WirKheli.Wl 
habe ich bei mehreren Personen» die Abel hörtev 
und selbst vollkommen taub waren (aus einer ndrS 
iinbekannten Ursache)» wahrgenommen^ daCi Tom'ti 
dem Augenblick an , wo das Ohcenk)ingen aaii^e* M 
bort hatte» das Gehör vollkommen oder gröfsten* M 
tfaeils wieder surAckkehrte , aber manchmal hört {I 
das Ohren klingen auf, während die Taubheit in h 
peichem Grad fortwährt» und erst nach einer ge*'^i 
wissen Zeit verstärkt sich das Gehör, selbst bei Ak 
ilteren Personen» wieder. <^ 

.Wenn die jietiologie und Semiotik der Taub^ ^ 
beit noch ao geringe Fortschritte gemacht haben, >^ 
nufs man die Ursache davon gr6fstentheils dem \ 
Mangel anatomisch pathologischer Kenntnisse bei- M 
»essen« die sich nur durcn LeichenöITnungen er«^ 
werben lassen. Es wäre daher bu wflnschen » da£| ^ 
die Aerzte an Taubstummen -Anstalten die Ohrea '\ 
aller in eolchen Aasulten gestorbenen Ttabttum- m 



«■da iu rial niaaniahSliiear >>> lEram Vac^ 
■ s ahmt «lebt TJel elae^liehar. 8i« empEablt 
lÄiscbn* r du) Campbtr in Subiun In don In- 



G«kArg«ng sn bringco ; ebon lo dti Oel i 

■ nad bitten Uandeln, von PGriiebknnait, 
Ux Baii»( «in Oel in dam Ameifen naesrin 
■■ aind , dai «n« dm grflnen Ztr«igen d«c Eieh* 
Pti» WuttT, Elnipritiungen d»t MiaiTitwa*. 
DB Barigtf Bagnirtt, Balaruc a< 1. W. , mdliob 
■pBaKflr, Bi«»«Ua, Aettmiliol a> df>f, 

H« Purginaiiital lind in einigen FÜlan TOM 
bait ««hr ndtiliob, dibar ■ollten-dicselben nach 

■ fa*! in aUan Flllen , diejenigen von Er. 
ifan« anagenomnien , angeivendet vrerdwi, Pt- 
nd üiatAr« BiaUra TBrordneten Bkbnngen auf 
opf ▼<» warmen UtnoralicbwirelwiiBem i U»u- 
•vpbhl anek aronatiacb« üraaebllga anf den 

lielaa bat die DnTebbohrong de* Zitienforc- 
I In Voraoblig gebrtefat, Am Arsneimittel in 
nncre Ohr an bringen. Jaiitr war der ertte, 
liaaen Voraeblee auifflhrte. 
riiyot (PoMroeliter in VerHÜle«) erfind im 

ifyi ein Inatrument, tnit dem er Bintpiritsun- 
luTcb den Unnd in die Euitach. Trompete tna- 

CD kfinnen glaabie. 
f^athen und CItland Hinten im Jabr 1732 der 



- Ü2 — 

Im Jilif 181t erCind icb eiffeiie tnttnuneiiMp 
um di« E* Trompete durch die Nato su untentf») 
phan und mit Hülfe derselben Fluida in dat Innen; 
des Obrs su bringen. '\ 

Astley Cooher war der ersti^*), welcher diel>areba/ji 
bohrung des Trommelfells verrichtete» indem diü^ * ^ 
Operation eine Herstellang des Gleichgewiehu d|^ 
In der. Trommelhöhle enthaltenen Luft mit itlt 
I^ufcs^iile, welche in den Gehörgang dringti wäk 







Abaich( hat* 

Bieher gehören auch die Electricitit , dei.Galj'^ 
Tanismua> der mineralisofae und aniroaiiiehe-Mag-.4| 
netiamus, welche Mittel jedoch aber^eboa ang«^ .iii 
priesan worden sind. ' -iJ! 

• . :* 

Ersfer Abschnitt* .,\ 

* ' -h 
f^o'n äsn Krankhsitan des TrommsJ/fHu i 

Diese Scheidewand (Trommelfell) kann vom ta« • '^ 
iaam Gehörgang her bedeckt seyn mit einem icftwinr« \ 
migen Hiutchen oder mit einem Polypen, der aof ^ 
ihrdr .&ufaem Oberfläche wurzelt ; sie kann ersohla£Gl 
•eyn und entweder in den lufsern Gehörgaag od«* ^ 
in die Trommelhöhle vordringen. Aflanchmal iat ^ 
aie zu sehr |:e8pannt> sie entzöndet sich« ^iteit^ !> 
wird knorpelig» verknöchert sich sogar $ sie kann ^ 
zerrissen seyn ^ zum Theil oder ganz fehlen. . Ji 

$,'£• Von dem schwammigen Häutehen, welches il«r> \ 

Trommelfell bedeckt* . « ■ ^ 



i 



Das Trommelfell ist bei neugeborenen Kindern,' 
wio JLesehevin sagt, von der Seite des lufsern G6« \ 
hÖrgangs mit einer schwammigen sehr dicken Haut j 
bedeckt, welche sp&terhin vereitert. Sollte diaa« 
Haat anf dem Trommelfell sitzen bleiben» statt siöh' 
▼on demselben , wie es gewöhnlich der Fall ist, los« 
sumachcn, so ist dieselbe bestimmt eine Veranlaa« 
sang zur Taubheit (^Prix de VJcad. de Chirurg* 
Tom. IV* in 4.). Professor Portal (Preeis de Cid* 
rurg. jprat. p* IL p» 477 — 711.) bezweifelt die Ex« 
istens dieser Haut, indem es seiner Meinung nach 

nicht 

•) Die, fVliliern teiitschen Versriche von Hunold und Mi* 
chaeiU, S. in diesem Journal Bd. XXrv. 2, St. S. 172. 
und meinen vermischten Schrien, 4. Band. 

H, 



113 — 

itohC mögUeh itt» -dictelbe. in der «utten Kiadliell^ 

«■dem erst in einer tpltjorn JLebensperiode, d. lu 

nn beobaoluen, wenn d«i Kind wahrnebmen 

9 ob ee hört od«r niebt börc« Utbri^ent braii 

f •eh^runmige Hant bei einigen Sabieeten ini 

A^mUick der Geburt wirklich vorfatnaen teyn^ 
«it dia jyimtmbrana pupülarh bei einigen andern. 
VMmseeenc^ deft diese Heut die Urstobe der Teab- 
hat btidec , eo wird man dieselbe entweder auf dem 
Ikwimiilfnll enkiebend , oder nnr sehr w^enig von 
Anem entfernt finden » wenn man das Ohr einem 
müi X^chte anssetst und einen Sonnenstrald in 
im Grund, des Geborgenes leitet. Hat dieser Grund 
SU perlennrtig weilses Ansehen , ist er glatt und 
hti oer BerCkbrung mit der Sonde sehr empllndlichy 
10 darf men überzeugt seyn, dafs kein Hindemifs 
SB Trommelfell Sutt findet. Wenn aber das Trom« 
■elCell ein rAtbliehes» sehwammiges Ansehen liai»^ 
nd bei der Borahrnng mit der Sonde wsinig oder 
pKt nicht etnpfindlioh ist, darf man die Eristeni 
Paeudomembran annehmen« 



Lsschevin macht den- Vörsehle^, diese falselie 
Bant entweder durch seharfe Arsneimittel cur Ver. 
fiternng su bringen , oder noch besier dieselbe mit 
gelinden und trockenen Aetsmitteln , a. B. durch 
Yorsiebtigea Betupfen mit Höllenstein aussutrook- 
icn. Al^in mir scheinen alle dergleichen reisende 
Mittel geDlbrlichy indem sie bedeutende Entsfln* 
^•ng und eine das Trommelfell serttörende Eite- 
rang u. s. w. veranlassen können. Auf der andern 
S«iie wirken diese Mittel unzurerläfsig , wenn sie 
die falsche Haut nur ganz leicht barahren, indem 
Utstere in einem solchen Fall nur dicker und fester 
wird. Diese Wirkung beobachtet man wenigstens 
bei tischen Hauten am Augapfel« wenn sie mit 
ihnlicfaen Mitteln behandelt werden. Ich wfirde 
daher dergleichen Mitteln die Durchbohrung der 
Hinte ▼oraiehen , weil dieses Mittel weniger ee* 
fabrlich sn seyn scheint, und dem Kranken auf der 
Stelle das Gehör verschafiFti Um eine Wiederver- 
achliefsung der kanstlichen Oeffnune; zu verhöten, 
mafsie man das dflnne Ende einer eunischen Son- 
de Tag far Tag einlegen nnd erweichende Ein- 
ipritsangen machen« 

loom, LXyil.B.tSt« H 



— 114 -^ ^ } 

S* iL Von Pglypfn amf dtr äa/tirn Fläeh€ 9e$'^* 

Trommslfenf^ 

••• / . -. - .. 

D«r aafsero Gehöretng ist wie alle^mit Scl\||^ 

h&utan «os^elilticlete • Höhlia polypftten Ausiprr 
tMi nnterwörfoD. Hufaer caliört' aocIi dt» T 
melfell , inde« dessen ' fta?ft«r« Flicht ▼(»» 
Schleim hftat des Gehörgtnst bejdtökt in. Di» 
•teilet, erw&hnen swar der Polypen., die^ #« 
Wendungen des ftufsern Qehörgangs rorkQm 
«Hein keiner spricht , so viel mir bektpiitiet^ 
einem^ Polypen, der vom Trommelfell «uK.fnt^l 
nnd sich so vereröfsem ksun^ dafs derselbe den " 
hörgang verstopft nnd Tenbheit irerursaoht. 

Allet wae die Schleinhaat r^st, entzflndet nki 
in Eiterung irersetst, kann Ursache eines Pol 
werden 9^ z. B. der h&tifige uiid nneesehidkte 
branch eines ObrlölFeb, Scropheln schärfe • Mai 
Scharlach» Pocken, Lustsetiche u. dgl. jfUbart (' ^ 
rapU medicaU) erzählt von einem jungen Qfle 
' scnen 9 der durch dergleichen Auswfichse adis^ 
philitischer Ursache taub geworden ist*. Fauit^-iiud,^ 
Kerrenfieber endigen oft. mit Taubheit., die iiia|iolH''- 
iinal von einer hartnäckigen Eiterung oegteÜet .ll'w^' 
welche Polypen eraeugt. ....' ,^' 

Die bloCse Besichtigung reicht hin, daa Oatmir; 
dieser Krankheit sn bestätigen, allein mehr Schmer; 
rigkeiten hat die Bestimmung des Orts, wö^do^ IJ 
Polyp wnrselt» Uebri^ens hat dieser Umstand ^kri^ 
sen Einflufs auf die Behandlung, weleho je »aek* , 
den verschiedenen Umständen im Ausreifeen. Ab-'^.fE 
achneiden , Unterbinden ^ Wegätsen u. dgl. MittelM ^ 
betteht« 

Man findet im Scmheiius {Tom»JI. AmsterdvfT^L). 
di^ Geschichte von - einem Ohrpolypn^ , , vit^^^tkn 
dett Gehörgäng völlic verstoptte , deshajyb täiab 
machte und nachher theils durcn Ausreifien, theila 
durch ein Brennmictel entfernt worden ist. 

' Lasehecin {Prix de VAeademie de Chitur^^ , Tom« 
IV.) sah ein junges Nfädcken mit einem 'ähnliches ' 
AtfSwuchs, der vorn.irn Gehörgan? vrurselttS , ' Aber 
einett halben Zoll aits^deitis'elben hervori*agte, bnd 
an seiner Oberfläche einen stinkenden EiUfc abson^"^ 
derte« Lesthevin rifs denselben aus« 



M 



hadan ■■■obüHt. Bei jangan Uldehan i«t eia 
lu Giwd von Bleiehsuobt auch eiiia Uruche 
nflUaffnog dM Xromnialfclls. Endlich kioa 
AffactioD auch von eincT Eroiion der Uua. 
lar Ohrmnieholn faeirOhrci). FaUalva fahrt 
■an BpoE>«chiuneeD dergleicbm Falla an. .Uac 
il an Thliigliett dai innem Muikelt vom Hini- 
«mmet eine ETioliliffimr de> TrommairalK. 
Z^tAeiim kann ^ieier Fehler hairahran ent- 
TOD ZmTair>iiDg der Sehn« dietei IVluiliala 
Mn« faafli^a ErichOlleiiiTig de» Trommslfdla, 
bü ^•tn Nieten mit geiehlosienam Mand und 
«dar TOo dar ZerttOningdieiai kleinon Mm- 
Ivroh einen Abaoefi in dar Tromnielhäbla, 

bMonJem An von Tiubheit in i 
r angafahTten Flllan? Der ein« bctnf ein* 
'«reiche nnr dann hotte, wenn man die Trom- 
n ihrem Ohr acblns, der indara dam eriten 
iifflicfae Fali, batrif einen Menaoben, der die 
ic Anderer nnr bei'm Glockenicball in aeinec 
raraahiD. ffiUit aobieibt mit Tielam Raohc 
Ln von Tanbbeic einer Erioklaffang da* Tiemk 
b an. 

\m Sjmptou« diaiea Uebela latien ileli hu* 



iDMi mh Gnuid uif «lo« ErtchUffiuic.dM Ttom 
fallt odct tof eine lilhmonff des innexn Hern 
natkelt fehliafseik Diete' - Annehm« wird ih 
•eheinliebar, wenn des abie Gebor bei fem 
Witterung sanimmty dagegen ticb bei tro«l 
Terminderty wenn der Sfldwindy starmitchee 1 
ter Uk •• f. die Person noeh unber miobeB, ^ 
rend der Nordwind das Oegentbeil bewirken 4 
endlich wenn ftröelLeney erbiteend» nnd stirk 
in den Infsem Gehörgang gebrachte Afsnefai 
dat GehOr Tcrstirken (sofern diese Mittel -^ 
den Ton der Tommelbaiit wieder herstellt' 
nen p aber keinen EinAuCi auf die GeböraerF^ 
aiisen). 

Wenn nach einem Holten, einen hefugea 
aen* oder nach einer starken Anstreneung - 
Sehneaaen eine Person im Innern des Ohrs m 
.blieklich einen leichten von Klingen nnd 4 
Gebor begleiteten Scbmera ennpfindet, nnd keil 
lall eine jDurehbohrn'ng des Trommelfells aai 
ßo kann man allerdinjgs die Erscblaffang deaai 
der 2Serreifiang dea innein Hammermuskel* 
feiner Sebne auschreiben» sümal wenn diel 
angewandte starkende Mittel unwirksam gebU 
.sind 9 nnd dann erscheint das Uebel ala unhe 
Um mit Erfolg die Erschlaffung .des Tromoae 
sn bebandeln, mufs man auf die erreeande Ur 
AAeksiebt nehmen« Wenn das Uebel von ein« 
aarrhalischen Affection harrfihrt, empfiehlt L 
uay Fnmigationen in den lufaern Gebörgaag 
Carduus, h^nedictuf oder von einem Deeoct dei 
flormn. Mujoran* Melits. Sem, Anisi^ Fomucm 
5alk Ton Majoran in den Gchörgane getrdnli 
e«w. Barbette tröpfelte einen Absod von Gei 
aelken in rothem Wein in den Gehörgang , 
▼erf topfte diesen nachher mit einer Gewflrat 
Fnmigationen von auf elAhenden Kohlen verb 
len Wachholder oder LorbeerbeereiL dOrften 
SA -wirksam seyn wie die vorhin erwähnten M 
besonders wenn die Erschlaffung von der feu 
Lnft abb&ngt. Die Einspricsungen eines Chi 
fndes haben meiner Erwartung entsprochen, i 
dern aber wegen der adstringirenden Wirkung 
•icht« Rtthrt das Uebel von der Bleichsucl|t 
aö nnCs diese Krankheit Tprher gehoben wf 
henueh aber» wenn die Erschlaffung des Tron 




— Ii7 — 

lÖTtwIhiTv ilad obige Mittel aogMtIcC, WL 

flt ErscbUffang d«f Trommelfells io einer Z4A* 
^ ^ dae Uemmermnaliele bt^Qndec Itfi, to xäth 
. vifi einen aromttiteii -tpincudsen Dunit durek « 
B. Trompete in dij» Trommelhöhle su. leiten», 
.jreder dareh Eintthmen in die Neie, duroh. 
famiftt«! oder dntch geistige Gurgel watter« Einen 
«dl gröfjem Nntaen werden fibrigent die ifine* 
fllpiteer von BaJLßrmk und Bareges *), Fenchel wet« 
mt-Mm del. leisten, wenn sie neoh meiner Methode 
AeeV die E. Trompete) in die Trommelhöhle ge- 
«Hk werden. * 

(If. yon dem Fortbringen des Trommelfells, ent* 
misr in den ämfsern Gehör gamg öder im die Tom» 

melhöhll 

. Di« Sclirifttteller sprechen tob einet ErtehUf- 
■■g des Trommelfells mit Vordringen desselben 
liien tnfsern Gehörgsng , allein keiner derselben' 
ik, ao Tiel mir bekannt iit^ von dem Hineinragen 
mmt Membran in die Trommelhöhle Brwlhnnng 

^^ wovon ich kilralieh eiiien Fall bei einem 
johen von 62 Jahren beobschtac habe« Bei 
ftsem Kranken, der vom 6ten Jahr an auf dem 
mfcten Ohr taub war^ aber auf dem linken toU- 
learmen {|;at hörte» entstand in Folge eines hefti- 

8m nnd hartnackigen Hustens auch auf dem linken 
hr ein flblea Gehör, so dafs der Kranke nur hörte, 
wann men laut und gans in seiner Nähe sprach» 
wmi derselbe sueleich die Empfindung eines in die 
Trommelhöhle fallenden fremden Körpers und ei> 
■ar listigen Pnlsation daselbsr hatte, feine genaue 
Vatcranchune des Gehörgangs zeigte, dafs das jTrom« 
■alfell sackförmig in die Trommelhöhle hinein- 
ragte und der erste Versnch einer Eintpritaung von 

*) Die Pyrenäen sind an Mineralquellen, besonders au 
warnen, so reicb, wie keine andere bekannte Oe» 
bJrgikccte. BariffeSf Bagnhre» de Bigorre — de Luchon 
n. u i'. gehören nuter die Heilquellen ersfer Klasse in. 
den französischen Pyrenäen. I)as Wasser von Bare- 
rem jnamentlich hat eine Temperatur von 4<) 6r. K.y ent- 
halt Ticl Kohlensaures Natron, auch erwas Schwefel- 
iwaAserstoffgas und ist «lugezeichuet wirksam in scro- 




dnrch die Hochgehirge luid Th'äler der Pyrenäen fin 
lahr isn, Berlin bei Duncker und Ilumblot. J836. ff. 

der Üebers, 



— Ii8 - 

Bdtfnö • Watter hinreleht«' (nlmlich doieli , dlmX^^ 
B. Ttoaiptte) dnii Geittliobin tein Gehör wiedeCjiy 
sa Tericnaffen. Uebrigens mafi nun in einem eoAvt 
^en Faii mit dctn Einspritiungtii von dem Aug e aili 
Uick en aufhören^ wo dt%. Trommelfell sein« aa^ 
tArliohe Gesult wieder angenommen hat and dnMa 
Gehör hergeitellt ist) ferner ja keine Eintprltawayiil 
gen durch den luftern Gehörgang machen* .v«i 

Das Vordringen des Trommelfells in den lil«^^ 
fsem Gehörgang entdeckt man leicht durch d^ Of%!: 
ficht. Die Ursachen dieser A£Fection sind: IJ.H^»- 
•ten oder heftiges Niesen ; 2) Anhäufung von Schleinip *.' 
Eiter oder Ton TerdOnnter Luft in der TronMneK, ^ 
höhle. Im ersten fall wird es hinreichend seyn^ ,^^ 
die Haut mit einer geknöpften jSonde gelinde an- u 
rOcksudröcken und nachher den Gehörgang mit ' 
Baumwolle o^er Gharpie leicht ausaufdllen und 4&;|| 
Stunden liegen an lassen« ' ., 

Dieser einfache Verband und einige Einsprilsuii^ ^ 
gen Ton lauwarmem Mineralwasser (von Balaruey V 
oder einem Cbinaabsud werden hinreichen «' das 4 
Uebel innsrhalb acht Ta^en au heben« Im andern ^ 
Fall mufs man vorher die in der Trommelhöhle i 
angesammelte Feuchtigkeit ausleeren, entweder durch i 
eine Function der Trommelhaut ^ oder durch Ein- ^ 
•pritsungen in die Eustachische Röhre* 

t 

§• Vt Von der Spannung des Trommelfell^ 

Nach Duvetnoy und Leschevin entsteht die aa 
itarke Spannung der Trommelhaut nach hefcigeni 
Kopfweh und gewissen Fiebern, welche eine Ten* 
dens SU Hirnentsündung haben. Saissy rechnet 
auch die HalsentaQndung hieher» die sich bis sa 
den E. Trompeten erstreckt, und in diesem Fell 
TOn einem gesteigerten Gehör begleitet ist, so daft 
das geringste Geräusch dem Kranken lästis flült n* 
f. f. Bei diesem Uebel hört der Kranke besser 'hei 
feuchter Witterung, bei herrschenden Södwindea 
nnd wenn man leise in der Nähe des Ohrs mit 
demselben spricht. Hier sind Dampfbäder von .er- 
weichenden Decocten p Eintröpfeln von lauwarmer 
Milch» von frischem sflfsem Mandelöl n. dgU in 
dfii Ittlsain Gehörgang von Nutsen* 



- 110 .-- 



f. VI. Vvn Aef fyt^ndmg dM TrouoMlffllt. . 

{i Fi/. Fou d€r F0rS9hwänmjf des Irpmtntl/elli^, 

DIm« S^. wwäpu un^r dem Artikel;. Obrea- 
■liflndunK im Dict» beschrieben. Saissy^tühKt himp 
nriwei Beobachtnngen ia der Absicht an , durch 
faelbe »ttf die nachtheiljge' Wirl^anf^ der i||if deai 
lauiiforteeta iipplicirten BlasenpflAster oder Aetc- 
■Rcl bei EatsOndungs - und andern iCn^ilLheitt^ 
2ifiil(«n des Gehörgangä anfmerksam sn machen» 
lieb leinen Erfahrungen erregen diese AlÜttel. Goa» 
nu»B«a in den Zellefi des Zitsenfortsaues,. statt 
laselbe absuleiten , und können dadöröh eine Urw 
Heb« Ton Taubheit werden. 

fi yjIL Von d^ Verhärtung dss Tromwuljeüi. 

Der Fell kommt vor, daf« die Membran t|ch 
ferbftrtety Terknorpelt oder Terknöchert. Diesö 
ksnkhafte Zustände können herrfihren: 

1) Von Enufindung. Es ist bekannt» dsfa Mem- 
[ Innen» die lange Zeit entsündet gewesen sind» nach 
Hnheilter Entsfindung viel dicker ^prerden als Vor- 
bff, welches bei dem Trommelfell euch Statt fin» 
itn. kann. 

2} Von einer Drfisen« Anschwellung dieserMem* 
bnn — ein Zufall, der nach Bartholin bei Baocll« 
«ruf ersuch tigen gewöhnlich Sutt finden soll; 

3) vom Yenerischen Gift; 

4) vom IVIifsbrauch geistiger Getränke (nach 
Hoffmann); endlich 

6) vom Alter. 

Die Verhirtung des Trommelfells läfst sieh ans 
folgenden Zeichen erkennen: 

a) aus einer mehr oder minder atarhen Taub- 
heit. 

b) an der geringen Empfindlichkeit dieser Mem« 
bnn, venu sie blou verhärtet ist. Ist dieselbe aber 
verknorpelt oder verknöchert , so ist sie bei der 
Berflhrung mit der Sonde eans unempfindlich $ 

c) an der fehlenden Elasticit'ät und Resistens 
bei der Sondirung, und falls das Trommelfell ver* 
knöchert ist, an dem Ton, der bei der Berührung 
mit der Sonde entsteht. Rührt dieses Uebel von 
Syphilis her, so mufs man neben der allgemeinen 
Bvnandiung auch das Örtliche Uebel gehörig berück« 



— lao -^ 

dthüff» äutch Mtivmäe lliictlt m. B. dfureb -Bk- 
tetullge auf den Arm der kcuikiii Ohrtalt«« darch ^ 
Bintpritiungen in den ftuftem GeHOrgtng^von Mel- ^ 
Ten, Eibifon mit einem geiringen . Zu^eti Ton vmii ' 
9mUt0Hr Liquor u. dgL 

Wetfa At Terhirtung deeTrommelfellfTOtt «i^ . 
aer An«oliwtliane ttobier Drflaen tni toropbolöMc , 
Dytcmtie, von einer Atoiie» n. e« L henübic, toll ) 
anm mfier der Beaeidgang der Hanpdanhkbeit Za^ 
mittel auf 'den Arm der kranken Seite , Einspiitsoa« 
gen Von knem Waster mit einem aebr kleinen Sa* 
aats von j9. ÜCo/l janwenden» IfC aberdaa Trommel- 
fell bia -aof einen'' gewiasen Grid Terdickc oder Ter* 
linöekerlp ao helfen weder innerliche noeli ftnfeeffw 
liehe Mittel mehr« Innere Mittal können «war die 
Uraaohe heben» aber ihre Wix)iang wird sorftok* 
bleiben. Aua djeaem Gmnde bemerkte I^seheviß/ 
difa,, wenn daa in hohem Grade verdickte Trom« 
melfell die Schallatrahlen nicht mehr anflan^ea 
kann* daa üebel unheilbar aey. Profeaaor Porfaliac 
ungeiähr derselben Meinung, indem er aagtr wenn ^ 
die Verdickung dea Trommelfella betrftehtlien iat, 
ao iat die Taubheit eben ao unheilbar ala die der 
Greiae» aber aetst er fragend hinzu: dfirfte^a ilieha 
erlanbt aeyn, eine kleine QefEnung su machen? :. 
(Preeis de Chirurgie pratique Tom, IL p» 48Q.)« Dem* 
nach hat dieaer Lehrer auf den Erfolg hingewie» 
een, d4n die Dnrchbohrune des Trommelfella in ge» 
wiaaen FiUen von Taubheit eines Tags haben wflr« 
de» Dieäe Operation ist jedem andern Mittel in 
den Ton ihm angegebenen Fällen voriusieheni ans« 
genommen wo daa Uebel eine Folge dea hohen 
Alters ist. 

Die Idee» daa Trommelfell an durchbohren» ~ 
nm den Tauben daa Gehör wieder zu verachaf« 
fen p rfihrt von dem berühmten Cheselden her« 
jitiley Cooperf welcher dieae Operation unter« 
nahm» empfiehlt dieselbe in dem Fall, wo die 
Buatach. Trompete verstopft oder verschlosäen iat» 
um dadurch eine Verbindung der Trommelhöhle 
init der atmoaph&rischen Luft» und aomit die 
Schwingungen der Membran dea runden Fenatera 
uiid daa Spiel dea Steigbfigels wieder herausteilen. 
Die Qperationaweise von A. Cooper iat bekannt *)• 

^yßÜmly kam schon lAi J. 17M aiif die Idee der perfokeito 
iympßm und vernichte sie damals an Thieren » wahrend 



» isii ^ 

Hiailclilireh Amt Op«ntkm ielbtt uiid ilirtr Reu 
nlttt« TvrdioBeB {«doch folgende Fragen niher un- 
mtuebt in werden: 

f ) ist di« von A^ Coop§r TOigetelilagen« Ope- 
odon immer eBwendber? 

2) in man eicher, den vom VerfaMer beseioli» 
leten Ort cn erreichen? 

3) wird die Operation in dem von ji, Coopmr 
i igegB beacn Fall immer Ton Erfolg eeyn , voraue- 
geiBUty dafa diea«lbe nach der rorgeaoluiebeaen 
f¥«ia0 -vcrriehtet Wird? 

•md i.» Ei ^bt wenig Umattnde» w^lclie dietd 
* m TorfaindBrny au etwa «in Polyp oder ein 




md 2. Der Ton^. Cooper beaeichnet« Ort wird 
wagen der Bewegungen des Kranken^ dem kleinen 
Biam» welcher switchen dem Einsnchipankt und 
dem Pnnkt« den man ▼ermeiden toll, outt findet 
i»dgl. auch Ton einem getohiokten Operateur achwei 
a treffen aeyn« 

md 5. Die Operation wird jedesmal firuehtloa 
«nip wenn feace Materien» a.*B. ei weitartige Lym« 
pfee« anagetretenea geroonenea Blut die E. Ttom* 
■ete oder die Trommelbohle verstopfen vnd d»» 
anreh den Entritt der atmosphärischen lAift Ter« 
kiadem, die mit dem ronden und ovalen Fenacei 
im Conteet bleiben mufs, wenn Gehörs-Empfin« 
dang Statt finden soll. Ans dem genauen anatomi* 
sahen Verhültnifs des Hammers au dem Trommel« 
fdl ist leicht ciniusefaen« dafs unter drei Punctio» 
Btn wenigstens eine dieses Knöchelchen trefFen oder 
loireifsen wird, wodurch das Gehörorgan bedeu« 
Und verletst werden dQrfte. Schon die bloCse 
Durchbohrung des Trommelfells soll nach Duverm 
moy 9 Ls Cat , Malier n. s. C Taubheit verursachen^ 
welchea auch die Versuche sn Thieren und das 
Beispiel der Artilleristen und Glockenläuter bewei* 
scn dQtften. {ßai$sy ist übrigens der Meintingy dafa 
^'' Taubheit der Artilleristen und Glockenläuur 



Aiiley Cooper erst im J. 1801 seüie Ideen in dorn Philos. 
Traniact. bekannt machte. C Himly Commenfaiio ite 
p€9Jora1ione meinbranae iympani, GodUngac 1»)8. 4. Fr'"*" 
tU pnforniitme lympani praccipue de vera Kitju^ op 
liwM Mttdienfiofte. Jenae IHiK). 4. Himly*« Aiuiobten in 
aenen Bibliothek fiir die Sinn»»l. Heft. 18iD.^ Hai 
vtr u« s* w • ^ » 



4. Fuch» 
iijun operO" 

L in der 

Hanno 

der V^ers» 



•-* 123 ^. 

11MI1S..TMI' den Jicfd§:«n und wloderholun 'SffajBLflC* 
terungi^ det gtnsan Gehörorgan» herrübrr. ,el^ yqn 
äer blofsen Ourchbohrnng des Trommelfells). _|tfea 
liec einige Beispiele von sofjklliger XJinehbolifnng, 
welche keine bedeutende Tsubheic sar, Fölgo ge« 
bebt heben y allein dergleichen einaelne Falle kom* 
men hier nicht in Betracht. Allan führt auch das 
Beispiel -einiger .Tabacksranoher an p die Tom Mnnd 
aus den Tabacksrauch üorch die Obren gebLuea ha^ 
hen — allein man mntß einen Untepsohiad maphe« 
Bwisehen dem Werk der Natur pnd dem^ welchöt 
blofs Produkt von Krankheit oder der JCunat iau 

Die Versehliefsun|; der kdnstlichen OefEnntig |st 
ein weiterer Nachtheil dieser Operation^ der wo* 
iiiger badentend fflr den Krsnken als unangenehm v 
ffir den Operateur ist. Sabatier bemerkt in Anse^ 
hnne -dieser Operstion's die Tbiere, welchen man 
das Trommelfell mit einem tief in den Gehörgang 
eingebrachten Instrument durchbohrt hat, erlesdaa 
davon auf einijge Zeit ein ilbles Gehör, kommen 
aber bald wieder in ihren natörlichen Zustand su- 
rAcV ohne Zweiftl, indem sich dergleichen «OefF* 
nongen im Trommelfell gleich wieder von selbst 
Verichliefsen, s. Traite d* Anatomie Tom* !/• -p^ t86L 
Valsalva durchbohrte und serrifs das Trommelfell 
bei noiehreren Hunden, tödtete diese nach einiger 
Zeity fand die Wunden vernarbt und keine -Oeff- 
nnng mehr im Trommelfell. Ich habe diesen Nach* 
their mehrmals erfahren und augleich wahrgenom- 
inen» dafs die Einfahrung des (Coo/y^r^schen) TroU 
cars n>it der silbernen Canule für den Operateur 
beschwerlich nnd für den Kranken schraershaft ist» 
Deswegen habe ich mich statt der silbernen einer 
Canule von elastischem Gummi bedient, die nur 
l|r Linien kflrser ist als der gegen seine^ Spitxe hin 
leicht gekrümmte Troicart. Mein Troicart ist et- 
was dicker als der von Cooper, aber dOnner aü 
der von CbIUpzp 

yprftihr§n hei der Operation. 

Man tetat den Kxanken vor ein Fenster, so dafe 
dai ticht gerade auf sein Ohr fällt, neigt den Kopf 
desselben gegen die gesunde Schulter, und ein Ge- 
halfe drftckt ihn fest gegen seine Brust. Nun bringt 
man dio in Baumöl getauchte Canule allein in den 



— 123 — 

GthflrgftBg bb att 4it TromurelftfU (wtleliet am 
Widencuid, daa maii «rrihrt, und aus dcrEapfin* 
dang des Knnken so erkennen iit), faernach lubrt 
min den TroicarC mis seiner nsch -unt^n nnd vorne 
{trieb teten Kranimniig ssofate ein. NaeL gemach« 
tSH JBiis stich aiehc nian den Troicsrt mit der Ca- 
■■!• Frieder surQok und bringt eine in reines Oel 
isUachte Denossite «in, die mit Baumwolle odl^ 
Qiarpie befestigt wird. Diesen Verband erneuert 
■an alle 24 Standen und macht eine oder twei Ein- 
sprttsungen in den iufiern Geh6rgang Ton MalVen- 
aalgnCs und splter Too Gerstenabiud und Honig« 

Ich mederhola es, dafs ieh diese 0[^ritiott 6f* 
Hers ohne Erfolg genucht habe, nnd Richerand be« 
■efkty daCs ProC Duhüi* dieselbe Operation 4 Mal 
bei Personen von 90 — 50 Jahren ohne allen Erfolg 
Tatrichtet hat. 

Die eben erwfthnte Operation pafst nur fflr den 
Fall, TTO das Troronielfell verknorpelt oder verknö- 
chert y nnd das &bri<;e Gehörorgan gesund ist. Die 
Operation wird einigen Erfolg haben bei der Ver- 
seklielsung der E. Trompeten wegen einem Bil- 
dangsfehler, chronische^ Geschwulst oder Nasen* 
poIypen ; sie ist aber unzureichend, wenn dieTrom« 
melhöhle durch Materien verstopft ist, die aus dev 
künstlichen Oc£Fnnng nicht ausfliefsen können ; sie 
ist gana fruchtlos: wenn die Taubheit in einer L&h- 
Bang des Gehörnervens, in einer catarrbalischen 
oder nervösen AfFection begründet ist, oder in Fol- 
es von Faul- nnd Nervenfiebern entstanden nnd dia 
Euitach. Trompete frei ist. 

§. IP^9 Von der Zerreifsnng des Trommelfells, 

Diese Membran kann entweder blofs zerrissen 
styn, oder sura Theil -« auch gans fehlen *}. Di^ 
Zerreifsung derselben entsteht s. B. durch einen zu 
lief in das Ohr eiiige8to,rtenen OhrlöfFel (Riolan), 
durch gewaltsames Einathmen (Duoernoy)^ heftiges 

•3 Im Tfibinser CUntciim kam einmal der mcrk.wTirdige 
Fall voFf dafs sich bei einem Kiude ein angeborener 
Mangel des 'Iroromelrells zeigte. An beideu Obren 
^rar nur ein kleines Sriick. von dieser Haut vorhan- 
den y die Gcbö'rkuöchclchen) vielleicht mit Ausschhifs 
d.9i .Steigbügels, fehlten, und mau konnte deiithcU 
durch den äufscrn Grhörgang bis auf' die luigleiche hiU' 
lere AVondmig der Trommelhühlo sehen. 

der Uehers. 



— 124 — 

Hieien (Tulpius), Erosion doreh Eiur (FnftrArJbM 
mb Hilden), Diese letslere UrMobe iil ^e hia« 

Kennz0ich§ni ^ 

1) Die Lnfl drincc mit 2iiclitii ans deAi in- 
Cieni Oehörgang und oildec einen Laftitrom, des 
Beere, eine UeLtfleBiBie u» d^l. in Beweeang letet; 

2) meeht man eine Einepriunnc in den iuraem. 
9eh6rgang 9 eo könnt die Flasaigkeit in den Bali, 
oder snr STese lierensi 

3^ naoLc nen eine Eintpriunng in die Ensta- 
chiache Tronpete« so dringt die Fiaisigkeit ans 
dem iuCiern Gehörgan^ hervor« 

Die einfache 2jerre&ftuDg des Tronmelfella heÜC- 
von selbst wieder» wie VtUsalva^s Erfahrungen be* 
weisen. Maunoir fand eine hflnitlich in das Trom« 
nelfell gemachte Oeffnhng swöif Tage nach der 
Operation ^ader vernarbt. Mir find mehrere Bei« 
spiele. Ton Oeffnungen in dierer Membran als Folg» 
einer Eitemne der Trommelhohle und des Gehör« 
Organs vorgekommen , die sich während der KuT 
vernarbt haben. Die partielle Zerstörung der Trom« 
inelheut veranlaftt ein schweres Gehör, aber niohc 
den völligen Verluit des Gehörsinns. Andere ver« 
hlklt es sich 9 wenn das Trommelfell gans fehlt, 
wegen seinem anatomischen Zusammenhang mit dem 
Bammer (im natflrlichen Znstand) und durch diesen 
mit den übrigen Gehörknöchelchen. Leschevin be« 
merkt y dafs die ZanDeifsung des Trommelfells im« 
sner Taubheit herbeifahre , wenn auch nur allAiih» 
lig und stufenweise. 

Die Kunst vermag nichtig dss Trommelfell mag 

einen einseinen Rifs bekommen oder von seiner 

Bi^bitans verloren haben, im ersten Fall bewirkt 

, die Natur allein die Heilung, im andern Fall bleibt 

' das Uebel unheilbar. Statt eine kflnstliche Mem« 

bran nach Leschevin^s Vorschlag *) einausetzen , um 

•) Man rertleiclie darüber denVorsohlagdci Herrn Kamp- 
ier*! von uiufenrieth, den Verlust des Trommelfells durch 
ein kilnstliclies dadurch zu ersetzen , dafs man iu den 
KuTsem Oehdrgang eine dünne, elliptisch gedruckte, 
kurse Höhre von Blei anbringt» über deren inuerea 
Ende vorher die Haut von der Schwimmblase eines 
kleinen Fischet nafs gezogen und nach dem 'i'roickuen 
gefinüttt worden ist. S. Tübinger Blätter etc. 1. Ban- 
des ttos HeSh Iffro. I. £f. . ^ . 

der U0oer». 



— 12Ö -^ 

6m innen Obt Tor kalte Lufi ond vor freaden 
Urpera ma «ehlltsen, dArfce et hinrtiohend teyn, 
den Eineeng des aurtam Oohörgtagt mit loekerer 
Baamfroue sa bedecken« 

(Die Forttetsnng folgt.) 



2- 

Das Siromahmdm 



t»< 



^Uebeff dii Sifonabad bei Nicratein nnd leiao 
Mineralquellen** iac im verwicbenen Jahre bei Xs* 
flftrh0rg in Mains eine mit vielen lithographirten 
Abbildungen anagegrabener Anti^uitlten gezierte 
Abbendlung eraebienen , welche hiniichtlich dea Hi- 
aioriaehen and Antiqaariichen den berfthnten Hm* 
Profeaaor und Bibliothekar Lekn»^ hinsichtlich dea 
Chemiachen, den geichiokten Chemiker Hrn. BfieA* 
u^Ff wie hinsichtlich des Therapeutischen , dem 
Physikatsarst an Oppenheim, Hrn. Dr. ff^einshei'- 
■er, sum Verfasser hat, und unstrelstig zu den be» 
Bten Schriften dieser Art gez&hlt werden mufa, ob« 
gleich dieselbe, wegen der grofsen Menge neu ent* 
deckter Mineralquellen nnd der darüber verbreite* 
ter Schriften, nur wenig im Umlauf gekommen 
aeyn naag, 

Dea Daseyn dieser Mineralquelle war, aeit der 
Rflmer Zeiten, unbeachtet geblieben, ala der Ge-r 
keime Rath und Leibarzt des Groftherzogs von Hea« 
acB. Freiherr von PV^dekind^ durch einen Artikel 
in der Meinzer Zeitung vom 21. Mai 1802 die Nflts« 
liehkeit dieaer von ihm bei einem Spaziergange sa« 
fiüiig entdeckten Quelle und deren Aehnlichkeu mit 
dem V\'eilbacber Schwefelwasser, nach einer vor- 
Uu£een chemischen Analyae, bekannt machte» und 
der damaligen Dspartemencalgesellscbaft der Wis- 
senschaften und Künste zu Mainz die fernere unter« 
snehung empfahl, welche auuh die Heilsamkeit dea 
Waazera bestätigte. — Wie verwundert war man, 
ala aich bei dem AuCriuman der am Rheinufer zwi- 



— 126 — 

wfiMi Dppenbelfki und Niertteln» nAbe tli ^eir ü«« 
herfahrt Aber den Rhein , gelegenen J^aelle • eine 
römische^ tnit dicken eichenen Bohlen 'woblbedeekte 
Fauang, TrAmmer von Bauwerken , unter alniera 
eine kleine Säule » ein Becken von Stein, kleina. 
Figuren Ton gebrannter Erde, und Viele kupferne 
Münzen 9 die von runden Gypskngeln umeeben W4U 
ren und in der Quelle lagen, vorfanden! X)er wich- 
tigste Fand war aber eine Ära mit folgender In- - 
•chrift: 

Üeo 

jipoUini 

.'et' Sironaü. 

Julia, Frontina, 

V. S. L. L. M. 

yybem Gotte Apollo und ddr Spfoni^ arfQlk ibf 
Gelabde freudig und dankbar , Frontina^** <i— 

Hr. JLehns glaubt , Sirona wire ein keltifphil^ 
Beiname der Dianas als WassergAttin^ und in Vesi^ 
bindun^ init dem Heilgotte Jpollo üU SchubtgAijtia 
der Hollquellen« Dieses hat nun Veranlassung jse* 
geben, der wieder aufgefundenen Quelle den Na^ ' 
men, SironahadEu geben* Das Resulut der.Xe^ne^- 
ichen antiquarischen Untersuchung istc 1) daf« ^e^ 
Sta Name von Nierstein ^ Aquae neri, war, i)A䣧 
a Quelle wenigstens von der Zeit Domitians an 
gebraucht, und erst nich dem Jahre 267 serstört 
(oder vielmehr deren Fassung bei dem JlApkiiuga 
der Römer durch aufj^elegte dicke Dielen ; ee£ai| 
£ntweihung des Heiligen geschützt' und erhaltaii 
wurde *)), 3} Dafs wahrscheinlich Gallier dicFaä 
Ansi^iddlung mAcbten, da der Name derselben v ip 
wie der Name der Göttin ,■ unter deren Schiits 'ile- 
fliand ;^ glllischen Drsprnngt ist, indem auch Tbd» 
tuf' deutlich sagt, dKs Gi^lier am Rhein'a 'ib dar 
KVlia von iMTogaR^ia^m wobnten. — Das rbeinL> 
ttfie'jiqua neri war den Römern wohl eben it» 

riMkfwArdig wägen seiner Heilquellen ^ alf " das 

... -^ •- \ ■ . ■ • , . ■■ .' . ■ . ■ 

lfi\ MerlbWurdig "vmr et • ,daf s » wie man xnir gesugt Bat, 
jdl^ «Ucken eichenen Bohlen , womit die steinerne. Fat», 

Snnc bedeckt war, iiud welche wahrscheinlich von. 
ien Bomem bei dem Riickziige ziir Verheimlichung 
1 . der* Quelle aiiicclegt inid mit Erde iibersohiittet gewe- 
. •!!& Wasen » . ficn so lange Zeit hindurch erhalteu hat-" 
' fen^^^f ijt dieses doch wohl den An«dünstuugen der 
QAelte fensuschreiben^ - r. 



— 127 — 

■•■9 Ni«itial]i wt wegait leiaM Totttvfllltlien 
Weinet ist. ^ 

Nachdem die wiedjPTgefandene Qnelle von dtf 
Goneine in Feeht gegeben und sa einer Badeen* 
Kalt eingerichtet war, wurde lie Ternachläfiiet, und 
im Wavaer verlor eelnen Mineralgehalt , bis der 
teaaüge Eieentbflmer derselben, Br. Pfoifor^ KanH 
■nn in Mains» keinen Aufw'and toheate^ nm dia 
QwUe besser, fetter nnd gegen das Eindringen 'dea 
«Uen VN'^assers tichem sn lasten » nnd den Kur» 
tfKen doFch ein wohleingeriditetes Bade • nnd Koiw 
ins Bequemlichkeit an Terschaffen. 

Die aberans schöne Lag» des Gesundbrannent 
»Rheine neben der Anfahrt der fliegenden Brfleke^ 
IM Tiertelstnnde weit Ton Oppenheim und eben 
M weit von Nierstein , in der Nähe von Maiua^ 
Fiaakfnrtb, Darmstadt» der schönen Bergs trafst ge« 
Ijnaber» nnd cur Linken das Tannuteebirge, an 
öaer der Hauptlandsirafsen Teutschlands» und die 
Inglalt für die Bequemlichkeit der Kurgäste^ . die 
larnoeh» wegen Neuheit der Anlagen» über Man« 

Csn hinreichenden Schatten an klagen hatten» 
bereite viele Giste, die das Wasser suai'Trin- 
kl nnd Baden sich bedienen» herbeigeaogen und 
klit in diesem Jahre einen noch sablreicheren Be* 
sieb von Liebhabern der Rheingegenden» wie vbn 
Lnken» erwarten« 

Aus der physikalisch -cbemisclien Untersuchung 
in Wassers you Hrn. Büchner, bemerken vrir fol- 
pades : 

1) Dafs die Temperatur der Quelle sich gleich« 
Usibend und von der Luft nnabhäneig ist; 

2) daa Wasser ist und bleibt vollkommen durch* 
■dtig; 

3) der Geschmack des Wassers ist Schwefel was« 
soKoffiartiii:» balsamisch» aber angenehm und suna 
S«afs einladend. Wenn das Hydrothionartige durch 
liaferes Stehen an der Luft verschwunden ist, so 
M der Geschmack äufierst san, und nur in Ver« 
fkich mit dam reimten destiliirten Wasser etwal' 
rikiJisch und salsartig balsamisch; 

4) der Geruch ist stark hydrothionartig, eigen« 
Aimlich » aber nicht unangenehm; 

5) dem specißschen Gewichte nach, ist das Si- 
naaw^e^er aehr viel leichter» als das destillirttt 
^isser 9 



•^ 128 T-> 



[ 



' 6). dUi SivoBafritia* #•<•! an« ••ht tpmiiii ^ ^ 
gfangelbweiftM Pulver ab, weichet e|is Kohlea« ^ 
•eurem Kilk , Kofalenfamrer MegneeU » Kohlenaen« \\ 
vem Eittaoxydnlf ond einem eigenthflinlielieB Hex» ,^ 
besteht. ^ 

Ans der sehr omstlndliehen luid eosfahrliokoi (^ 
tthemiiehen Analyse wollen wir nur die Zussnune»« ^ 
Stellung der in 100,000 Grtn nnsers Sohwelelwea« | 
^exs enthaltenen Bestendth^ile angeben. \t ^ 

100,000 Gran Mronawasaer enthelteB än.fititm ^ 
Bestandtheileh in sclurf ausgetrochiietem Znsfende! i 
85 Gran; im wasserleeren Zutun de 67.79 Gnn| ea j 
eufdrmi^en Bestaadtheüen 20,855 KnbihBOlle» nebst ! 
•twas Stiokgaso . ; 

Die festen bestehen im wasserleeren ZnsCaa^ 
de aus : ' 

0,7 Gran harsigen Extraktivstoff. 

2,79 «• Saltsaurer Mapneaiav •/ 

25,655 «-« Saltsauren Natmm« 

2,95 — Kohlensauren Natmm. 
. . 0,9 — ^ wibiigen Extractivsto£F. 

0,547 **** Kohlensaures EisenoxyduL 

11,5 — Kohlensauren Kalh, 
,. 0,325 — Kohlensanrer Magnesia« 
. 1,725 -> Verlust. . f 

67,79 Grank 

Die gasförmieen bestehen ans: 
10,865 KubikaoU Kohlenslure. 
' '' 9,99 «- Hydrotbiöngas. 



. '20,855 KubikzolK 

Obige 17,77 Gran wasserleeres , Schwefelsanret. 
Nätruin wörde in krysuTlinifchem Zustande als 
40,39 Gran, und die 23,655 wisierleeres Saltsanree 
Natrum, als -28,72 Gran aufzuführen gewesen seyn, 
daher diesen beiden Salsen der gröfste Theil der twi- 
eehen dem getrockneten und geglfiheten RAckstande 
bostehenden Gewichtsverlinderuag susurechnen ist» 

- I £im anderer angesehener Scheidekflnstler, Hr. 
Htm FF^ixMery welcher dss Wasser itii der Quelle 
untersucht und Hrn. Büchner^s Veriuche beacätif^t. 
bat, fand jedoch die Menge derKohleniänre gröfser« 
Die Aehnlichkeit des Wassers der Sironaquello 
mic dtkn Weilbacher Schwefel wasser ist auffallend ^ 
jedotih möchte Ersteres das Letztese an Ar.<sJ-tigea 
Bestandtkeilen noch wohl übertreffen. 

Aach 



— 129 — 

Anoli teheint dViefci 8«? ötnwtsafr mit deih W«li> 
lieher in Aotcbun^ leiner Heilkräfte f ehr dbereio* 
mkoBiaieii. Es wirlit lindernd anf die Sehleim- 
klDte und itc daher bei treeknem Hütten, -bei Ca« 
turbeo. bei Bltnnorrhöen a. •• w. yön Natsem 
Bei enfengender Phikisti ffmhsrculosa »oti es sieR 
■flcslieb erwieten baben , und' et erhitst Aieht, B^ 
B^Borrhoidalleiden and b^i- rheijkmetiseben Krsirtlt* 
Vtiten bat et tieb beiltan bewitten , obne die 'Ver* 
di*an|Eskrirte bu teb wichen ,- wo von TieUeiehc der 
EiseBfsefash die Ursache itt. - - > 

Aach gegen Hantbränkbeiten , siinial ber)>öd- 
scher Art, itc et gepriesen Worden. Hr. Dr. ^FeiitJr- 
krimer rahmt seine ileilkr&fte bei der 'Merktirial- 
krankbeitf wie anch l>ei ifhronischen Rheumatis« 
men und Steifigkeit der Gelenke« 

Sehr gut llftt sich das Sironawasier in KrOgen 
Tenenden. Sonderbar ist, flbrigens der Umstand, 
daft es selbst beiderlaftdicbteften Verschliefanng der 
CTÜgo» nachdem es gefaftt itt, den bydrotbionarti- 
ecn Geruch und Geschmack /fast gänsllcl^ vei^'üert, 
wenn es auf der Achse transjportirt ^v^rd^ is|^ 
data et aber denselben nach IC bis. SOtheigem L»- 

Sern der Krflg«, in seiner ursprangHchen o^i^rke wie- 
er erhilt und nachher beibehilt. (Vom Geh« Eatb 
' E. ff^sJekind zu Darmtudt). , . 



3. 

Die Jalappa- mls Purg irmitteL^ 



Weil die Aloe meist Ober 10 Stunden Zeit be* 
darf 9 ehe Leibesöffnung darauf eintritt » weil et 
nicht immer die Absieht des Arstes, der ein Pur« 
girmittel giebt, seyn kann, besonders- auf die £j6> 
ber SU wirken und dieses grofse Absonderüngsorgaa 
zu reisen, und weil wegen HUmorrkoidalObeln u. e; 
Zufallen die Aloe nicht immer gegen die habituelle 
Leibesverstopfung angewandt werden kann; so Ter« 
suchte ich diesei wegen bei mir und vielen anderä 

Joum. LXVII. B. 1. 8t, I 



— 13a — 

tvmoiuigMi mit gnMB Erfolg, TOn andJtni ohne 
Nuuen. Dtft aber dieie Heilmethode keine gleieh- 
gOliige Sache sey , nicht. la jeder Constitution pasie, 
und manches Leben, bis. sur Verlötohung angreifen 
könne, möge als warnendes Beispiel folgende knrs 
gefslste Krankbeiu - Geschichte lafiren: 

L» Fr., ein Mann von 56 Jahren, fehr wohl 
genährt, vollsaftig, von starkem beleibten Ansehon, 
aber dabei pAegmatisch ,- trijg und nnthatig. der Tiel 
aTs^ noch mehr trank, Wein und Bier, oabei viel 
schlief und wenig activo Bewegung machte^ war > 
der Gicht seit 26 Jahren unterworfen , die sicn un- 
t^ allen Formen bald als Podagra, bald als Chjra« 
gra, Gonagra, erst einzeln, jetst gemeinsam in meh- 
reren Theilen sugleich äuUerte. Im Januar 1826 
entschlofs er sich au der genannten Wasserkur; er 
trank tapfer in 12 Stunden seine 48 Schoppen Was- 
ser, so warm als er es erleiden konnte, er erbrach 
sich 3 Mal wahrend dieses Trinkens , laxirce 2 Mal 
lUid schwitzte dabei ungeheuer. Er bekam daawi- 
schea öfcern Schlucksen, und hatte viel Schläfrig- 
keit, Die Nacht darauf schlief er sehr gut, leerto 
viel Drin aus , und fohlte sich den andern Tag 
darauf schon sehr erleichtert, hatte guten Appetit, 
den 2ten Tag noch mehr gebessert, und den 4ten 
von allen Gichtschmersen frey. 

Um die Mitte des kommenden Monats Mai wur« 
de er wieder mehr von Gichtanfällen im Knie- und 
Hflft- Gelenk, und in den EUnbogen geplagt; er 
hatte leider! seine Lebensweise bis daher nicht ge- 
ändert, wie alle derlei bon vivants zu thun pflegen« 
Durch das erste elöckliche Resultat erkeckt, ent« 
schlofs er sich leicht wieder zur zweiten Wasser* 
kur, er brachte es auch wieder bis auf 47 Schop- 
p.aDf ab^r den 48ren konnte er nicht mehr hinun* 
ter bringen ! Diefsmal l^atte er sich während des 
Trinkens gar nicht erbrochen, nur 2 Mal laxirt, 
Urin war auch nicht sehr viel abgegangen, aber der 
Schweifs war wieder wie das erste M«l ungeheuer, 
stark und h^ifs. Kaum eine Stunde nach dem Schlufs 
die Tilnkens bekam abe« Fat. einen conTnlsivischen 
AnTall von der hefiigettir Art, er verlor das Be- 
wpbtsbyp, es streckte seinen Körper dnrch alle 
Giieaer, das Gesicht w«r.än%;edunsen und blauroch, 
der Mund krampfigt geschlossen, die Zunge ver- 



~ 133 -» 



Utten, dsft Biet swifchea den Zihnen dorehlitniy 

«r ntet« im Schleim , konnte nicht reden ^ noch 

NUackea » nnd krabbelte immer ingstlich mit der 

itehten Hand anf den Bette heram, sein PnU war 

Hbr nnregelmiCflie« bald sehr eeichwind, kaam 

blklbar, beld enatetsend und erhooeaer, nnr snwei- 

W lehlüe er die Aueea auf, dann lag er wieder 

wie betlnbc nnd fchlattrunken da, dann würde er 

»4er nnmhig» wollte aieh heben und könnte 

ackCy and ward fo nnier diefen Zufällen nach 12 

tenden eine Leiche! Zehn Blntesel uro den Hals 

nlegt, so wie apiter eine Aderlaia von 12 Unzen 

blFea nichts, je man konnte mit dem BIntlanf das 

Ld>en schwinden sehen , nur der Puls wurde gleich 

Mefa der Aderlafs gleichförmiger, aber es dauerte 

licht lanf;e, so hörte er gans su schlagen anf! 

Bei der Section fand sich weder im Kopf noch 
im der Bmsc mehr Wasser alt man gewöhnlich bei 
Leichen antriIFcy nur die Gehirnmasse war siem- 
lich weich y sonst nichts IrreguUres darin« Aber 
in der Bru^t leigte lich eine gelbe fette J^atte^ 
fie einer Mannshand dick nnd breit» wie ein Pol- 
ster anf dem Hersen auflag! Der Hersbeutel war 
nns mit dem Herzen verwachsen, das. Hers äber- 
kanpt sehr grofs, die Kammern sehr weit, die 
Wände schliff und blafirotb. So hatte also das 
Primum movens schon für sich ein erofies Hinder« 
BUS sn überwinden , uro das Blut Fortzubevregen, 
welches auch schon den irregulären Puls bedingte, 
der bei diesem Subject auch iro bessern Zustand 

EBWÖhnlich ivar^ diese geschwächte Energie des 
ersena mufsce aber am Ende durch die grofse 
Menge eingesdilncKten Wissers so obruirt werden, 
daQi Ziclelzt Lähmung und Stillitand aller Circula- 
tion — - Tod entstand. 

Aus diesem Fsll möchte zu lernen seyn : »,Da(s 
„fdr Tollssftige, pblesroatische Subjecte, denen es 
yySn gehöriger Energie des Bliugefäfssystems über* 
„baupt, und des arteriellen insbesondere fehlt, die 
„zn ScUagflössen , Coo^esttonen •• a« geneigt sind, 
„die Cadet de Faux^iche Wasserkur nicht rätblicU 
„seyn dörfteP^ (Von Hru. Med. Rath Widnmaiin 
la München). 



— 134 « 

■ 6. 

Nerfs intohans und tmtahanSt 



60 werden von Hrn. Foderd (im Journal eom-^ 
plcmentaire) nach dem Bei»piel itilieniicher Ainte, 
die Nerven, welche die Imprestionen TOn der Peri- 
pherie sum Centrum fortpflanten — intobans^ and 
die 9 welche die impresnon vom Centrum snr Peri» 
pherie bringen — catahans, genannt; •— waa mtn 
Bisher gans Einfach Empfindung!- und Bewcgangs« 
nerven nannte. Alao ein neuer Name fAr eigne St- 
ehe , die noch nicht einmal phyaiologifch gani «r* 
wiesen itt ! — Diefa blofs zur Notis fClr du Ver- 
stehen der neuen Sprache. H* 



Die Bibliothek d. pr. Heilk. Julius d.J. enthälu 

£• Sibergundi Grundrifs der rationellen Empiriem 
F, . JV, Oppenheim die Behandlung der JLustse»^ 

. che ohne Quecksilber, 
K.urze litt er arische Anzeigen* 

X« A» Strune histor, Bericht über die Leistungen 

des medicinischen Klinikum zu Dorpat^' 
F» J. pfy^ ittmann über das gastrisch nervöse Fieber^ 
Ji^ineralbrunnen» 

D«. P, Paganini Notizia eompendiata dt tuUä tu 

aeque mineraU d'*Italia» 
Die Aeüauelle zu Borszeck* 
Die JVEolkenkur in Verbindung der lÜineralbrun^ 

nenkur, von Dr, F, B, Z^lTer, 
X« C Beck account of the Salt Springs aS SaUna 
in Onondaga County. 
Ahmdemijehe Schriften der ÜniversitUt zu 
Beilin. 
£• jD. Riesling guaedam ad fungi durae mmtris 

pathologtam* 
F. X* Kersten de daerolithis, 
C* H« Birnbaum de spermis. 
C* R. Hilsenherg de gangraena notOCümiali* 
C« PA* öiese de eolica saturnina* 



Liitterarisches Intelligenzblatt. 



Vi?. /. 1828. 



Bei Johm Fr, Baerecke ik ^itenach iit eriohit» 
itn und in allen Bachhaadlungen su haben: 

JahUf Fer^im, Dr,f j^hnungen einer allgemeinen 
Naturgeschichte der KrankJteiten, mit einem Vor» 
worU vQnfi. F, Heusinger, gr. 8« 1 Rthlr. 8p:. 

Der Herr Professor Heusinger- ftafsert ai^b iA 
Um Yorworce folgendermafien über diese Schrift: 
JRi eeheiDt mir ein waliwi "V'erdienii, das lich der 
«Verfkeaer der folgenden Bogen um die Wissen» 
^Schaft erworben bat» dafs' er' die Entwickelungs- 
i^ormcn Terschiedener Organismen mit den io Be» 
i,aiefanng auf den menschlichen Organismus krank« 
nha&e^ X«ebeniforn)en verglichen hat. Es scheint 
ipaiir dieses der einsige Weg auf dem Heil ffir unsere 
i^athogenie zu erwarten ist. Kein JLeser wird in 
yt^iaser Schrift den Fleifs und die umfassenden 
yiKenntnisse des Verfassers verkennen , und vielen 
iffvird gewiCs die LectÜre derselben eben so vieles 
MVergnÜgeo und einen eben so grofsen Genufs g&- 
ifWibren, als sie mir selbst, gewahrt bat^ und ee« 
tfWiCi werden sie denkende Aerzte nicht aua.dec 
yJBand legen ohne sich daraus fruchtbringende Rei* 
»^(cln far ihr praktisches Handeln absuahirt an ha« 
üben** n. •• w* * 



T&hingen, Bei £. F. Oslander ise so eben er* 
ichieaen : 

Montmahoug Dr, £. de^ neues Formular» und 
lieeepttaschenbuch p nebst der Bereitungs • und An^ 
wendungsart aller neuen Arzneimittel y einer Ta-^ 
belle 'über die Gifte und Gegengifte ^ so wie ikber 
die einander zersetzenden Substanzen^ Nach d, 
Franz, frei bearbeitet durch Dr. J» S» pf^eher, 
32. geb. 20 gr. 

Diese» wesentlich der praktischen Medicin an- 



— 2 — : 

■ I ... ' 

eeliftrende Schrift , liann wegen der darin gegebenen 
feberiicht über die Wirl&ungen , Dosen und gene* , 
rische AbiUmmung «uch der neue»cen Arzneimiuel» 
«o wie aber die besten zutammengesetsfteA -For« 
nein etc. nicht nur als Refiigium fflr angeheftdo 
Amvua angesehen und empfohlen «exden; sondem 
durfte auch den altern Aersten , die mit den neue« 
ßpßu Entdeckungen der analytischen Chemie fQr die 
pfakti^cjie Idedicin und mit den neuesten Erfahrung 
gen in Bekanntschaft bleiben wollen , eine ifillkom« 
mene Erscheinung seyn. 

Der Verleger hofft durch das geeignrete Aenfser« 
anch das Sein ige tu einer guten Aufnähme beige-» 
tyagen bu haben. 



Bihtiographie. 



Materialien zu einer vergleichenden HeillhÜteUehr^ 

zum Gebrauch, für homöopathisch heüjsnde Aerzter^ 

nebst einem alphabetischen Register über die pOii» 

.tiven Pf^irkungen der Heilmittel auf die oerschi$^ 

.denen einzelnen Organe des Körpers und auf diä 

Functionen derselben» VonDr, G, A, B, ScKweU 

€k€rt» gr. & Lieipaig bei F. J» BroclAaut. 

. Das 'erste Heft (18% 26 Bogen) lios|M 1 Thlr« 

20 Gr.» das iweite (1827, 21 Bogen) i TUr^ (^gc} 

du dritte (34 Bogen) 2.Thlr. 12 gr. 

üeber den Gebrauch der natürlichen und künstlichen 
JVlineralw'dsser von Karlsbad^ Etnbs , Marienbad^ 
Eger, Pyrmont und Spaa. Von Friedrich 
Ludwig Kreys ig. Zweite, verbesserte 'Aufiagem 
8: 22 Bogen auf Schreibpapier. 1 Thfar. 8 gr. 
Leipzig, bei F. A» Brockhaus, 

Hfu^inger, Dr. C. Fr.., Zeitschrift für die orga- 
nifche Physik, Mit Kupfern» Ister Band istes 
Ins etes Heft. 4 Rthlr. 
^ Eiseaach bei Joh» Fr» Baerecke» _*«j 



J o Q r u a 1 

•der 



practischen Heilkundce 

I tleraasge^eben 

r 






C. -W. H u f e I a n d, 

KSai^. Preulii. Suattntli, Ritter def rothen Adler- 

Oidin« sweiterKlaMe, erstem LcibarsCy Prof. der M«- 

lica«nf ^er Univertitlt zaBerlin, Mitglied der A^K^ 

dcmie der Witsenschaften eto. 

und 

£• s a n n^ 

•ulmlielieiii Profefflor derNMfedicin an der Vtdwet* 
litt nnd der Medicinisch-CIiirur^ischen Academie 
Cir da* Militair zu Berlin» und Mitglied mehrerer 
gelehrten Geiellschaften. 



Orauj Freund^ ist alle Theorie^ 
Doch grün des Lehens goldner Baum^ 

Cot he. 

IL Stück. August. 



Berlin 1828. 
Gedruckt und yerlegt bei G« Reimer. 



A V 



/ \ 



X 



•■» 



'\ 



i*^ 



I. 

Georg Ernst Stahl *). 

Würdigung 

icines Werthes und Verdienstes 

um die Heilwissenschaft, 

basonders 

ib Begründer des dynamischen Prinsips 

iiL derselben 

und 

B«chtfertigung Seiner Lehre gegen man^ 

che Einwürfe und Mirsverständnisse. 

vö« 

Regier. Mediz. Rath Dr. Hartmann 

in Frank tu rt «• d. Oder« 



Bato ds Vemlam Novum Organ on lih^ IL cap» 
I. IL III. Hb. L cap. CXXX. 

Licet in natura- nihil vere existat praeter eor^ 
pora indioidua^ edentia actus puros ex legei in 
doetrinis tarnen illa ipsa lex ejusque inquisitio^ 

*} Georg Ernst Stahl — - ein Name , den die ganze 
earoplitche mediainische Weh mit tiefer Ver^ 
•brooe nennt 9 — der Stola Teottcblands, — 
der uefe Denker und Foricher der lebenden 
Katur^ " der auerit den Anstoft sur neuem dyna« 
miaeben Aniieht ui^d Begrandung der Medisin 
cab. and dadnrcb immer nocb, wenn aucb von 

A 2 



I* 



— ♦ — 



I , 
I. 



inventio atqae Bxplicatio pro fundamento est tarn 
ad seiendum , quam ad ojierandum, Uäm autem 'ij 
legem Format um nomine intelligimus ^ s. diff0m i 
rentiam veram ^ s, naturam naturantem , S» fontem 1 
emanationis. Est autem interpretatio verum et na» .^j 
turale opus mentis, demtis iis^ quae ohstant» Sed . 
tarnen omnia certe per nostra praecepta erunt ma^K 
gis ineincta et multo firmiora. JNeque tarnen illif 
nihil addi posse affirmamus ^ sed contra y nos^ q^ i\ 
H/lentem respicimus, non^ tantum in facultatä ■^] 
propriaf s&d quatenus copulatur cum rebus ^ ar^ ,. 
tem invttniendi cum inoentzs adolesaere posse jta- 
tuere dehemus. j4t.qui Formas novit ^,it natural ^. 
unitatem in maieriis dissimilUinis complectitur^' i\ 
Itaque quae adhuc facta non sunt ^ qualia neo na» ■ ,- 
turae vicissitudines, nee experimentales zndn^riae^ \ 
neque casus ipse in actum unquam perduxissent^ 
detegere et producere potest, Quare ex forma^ ', 
rum inventione sequitur contemplatio vera 0t op9» . 
ratio lihera* \ 



• Uosere jetzige Zeit fängt bereits ans ^16 das« 
sischen medizinischen Werke unserer Vt>rfah* •. 
ren , die von allen wahren Aerzten als Sliitzeii 
unserer Kunst betrachtet wurden^ wieder ein- . 
zuführen, um ihr Studium < bei deir jiingern 

Manchen ungekannt, unter uns fortlebt und fort- 
wirkt, — > der aber dennoch bei dem allem ao bttufig 
verkannt und mifsverstanden worden ist > — er ver- 
diente eine gründliche Darstelluug seines wählen. ' 
Wertbes und Einflusses» und deswegeA freue ich 
micby hier dieselbe aus der Feder eiiiet seiner wür- 
digen Nachkommen dem Publikum mitthfilen zu 
können y um so mehr, da dabei die wichtigsten 
Gegenstände der Medisin, ihrf Grundprinsipien» 
' lur Sprache und zur nähern Beleuchtung. kom- 
men. — Mit Vergnügen verbinde ich hiermit 
die Anzeige, dafs dieser Aufsatz als Einleitung 
zu einer Ausgabe von StahVs noch üngedruck- 
ten Werken zu betrachten ist, die wir -näch- 
V ttens Ton dem Hrn* Verfasser zu erwarten haben* 



— ö — 

Awzleji zu erlpichtero ; denn die melsteo die- 
ser classisrljen Schriften sind theils längst aus 
Ism Uuchhandel geschiedeii, theils nur für 
hohe Preise y oder aus öfTentlichen Bibliothe- 
ksa tu erhalten. Unter diesen nehmen die 
W«ke des berühmten Oeorg Rrnst Siahl^ des 
cnCSB Gründers der dynamischen Schule, ei~ 
Mi Torznglichen Platz ein. Er lebte in ei- 
a«D Zeitalter, in welchem das Aufblühen der 
■edicinischen Kunst, durch das Triumphirat, 
in er mit einem Boerhaaye und Fr. Jloßmann 
bildete, durch . eine Fülle neuer, bewährter 
ucdidnischer Ansichten so kräftig gedieh, dafs 
sich die Nachkommenschaft dayon die schön- 
sten Früchte versprechen konnte. Aber je« 
der der drei grofsen Männer bildete eine eig- 
ne Theorie, ohne doch, wie die vormaligen 
verworrenen Systeme vom Gange der Natur 
nnd der bewährten Erfahrungen von Jahrtau- 
^eoden bedeutend abzuweichen , und jeder hat 
bchulen hervorgerufen , deren Lehren für die 
jeliigen medicinischen Ansichten noch immer 
das Fundament abgeben ; jedocli mehr oder 
weniger modißcirt worden sind. Hoffmann und 
Botrhaave waren des Einflussas eines Lebens- 
priocipes geständig, weil dieses schon von 
Hippokraies und Galen aufser Zweifel gesetzt 
worden war; aber sie mischten die Mathema- 
tik. ui)d Slechanik als iiolhwendlgen Grund 
zur Erklärung der Erscheinung des Lebens in 
die 3Ttfilicixi, und machten aus jenem Frincip 
eine Zwittergeburt des Geistigen und Mate- 
n«llen. Dadurch aber, dal's sie die Bledicin 
^<)n den Hülfs Wissenschaften abhänp.ig mach- 
itn ^ bewegten sie sich in den gewülinlichen 
rV blichen und jinathematischen Erklärungen 
•1er Kralte in Bezug auf den menschlichen 



— 6 — ' 

Körper, bedarften keioes grobeo pliilosopli 
sehen Scbarfsiooet , und warden Tbn der gh 
fsen Menge wegen der , leicbteli Pablicbke 
ihrer Theoreme ^n P&hrern erwählt. Bew^i 
dernswurdig ist die Deutlichkeit, Ordnini 
und Präcision, mit welcher ^Toj^Srnanii*« Weil 
gescnrieben sind| eincig in ihrer Art die ll 
konische Kürze , mit welcher J?oerAaiive gleh 
dem Hippokraits sich über die auiBgedehntesfl 
Theile des firstlichen Wissens yerhreitelj 
Stahl dagegen hatte einen bSbem Standponl 
der Untersuchung nufgefunden* Ait dein Stt 
dium der Alten auf das Innigste Tertraotyi^fiia 
er, dafs die Natur {natura hwnana^^ auf wpl 
c|ie IBppokrates einen so hoben WertE legi 
und Ton ihr alle übrigen Korperactioneo M 
hangig machte, eine genauere Untersuchan 
erforderte. Diese unternahm er mit einem bi 
wnndernswürdigen Scharfsinne utad eiber I 
philosophischen Consequenz , dafs er diese IFi 
tur als Lebensprincip in ^em organischen Rü 
che mit festeren Gründen bewährte, ihren Bis 
flufs als den Primus motor aller Lebensbewc 
gungen darthat , die fremden Hülfsquell'en st 
der an sich noch so unvollkommenen Pbjsi 
und der Mathematik zur Gründung einer bei 
seren Medicin zurückwies, und diese, an dl 
Hand der Erfahrung und mit ihr in IJebereil 
Stimmung auf eigenem Gebiete und Grund 
bearbeitete. Dai's er zur bestimmteren Bi 
Zeichnung jenes iSunklen Begriffs der Nati 
(organische Natur) sich des allgemeinen bc 
kannten Wortes: „der Seele*^ bediente, ob i 
gleich unter allen früheren und späteren Bi 
zeichihingen jener Hauptkraft in dieser meti 

fihjsischen Sphäre die prägnanteste War, hl 
hn in die meisten Streitigkeiten rerwickel 



/ 



ond TielIeJcht allein den Gruqd zu der Nicht- 
beechiuDg gelegt ^ mit welcher SiahPs Lehren 
von dem grofsten Theile der Aerzte seiner 
Zeit aurgenommen worden. Rechnet man noch 
Uno, dafs etwas später der viel umfassende 
6«it eines Halltr die medicipische Welt durch 
des grofsen Umfang des Wisseos an sich zog 
iod mit Bewunderung erfüllte, so d^rf man^ 
«ch nicht -wondern , dafs Stahl in seinisfn riflir 
MDmäfsigen Beginnen t die Medicin im Geiste 
der Alten einer ganz neuen Reform zu myter* 
werfen, nnd auf rein dynamischem Wege zu 
bt^rnnden , unter seinen Zeitgeoossen nicht 
fis Aufmerksamkeit erregte, die er verdjiente. 
Wo Gegner, wie Fr. lioffmann^ Boerfuiavt uipd 
Hdhr sich als selbstständige Forscher geltend 
■ichen "wollten , und durch Klarheit ihrer 
Vorstellungen , wenn gleich durch falsche Prä- 
msen , die Meoge an sich zogen , da konnte 
iu Bestreben eines Mannes, der das Leben 
sieht durch Anatomie, Chemie und Mathe- 
■•lik erklären , soodern durch * eine damals 
ungewöhnliche analytische Methode erfassen, 
auf eine richtigere Physiologie übertragen, und 
so die Erfahrungen von Jahrtausenden mit sei* 
Dcr Lehre in Eioklang setzen wollte, der 
ichwierigen Forschuog wegen wenig gewiir- 
dtget V. erden. Seine Schüler, denen sein Geist 
fehlte, wareo auch nicht die Träcooeo, durch 
ihre Schriften den eigentbümlichen Geist der 
Lehre zu verbreiten ; vielmelir gaben sie Ver- . 
jihlassung, ihn zu verdunkeln. Nur in Eng- 
iand und Prankreich fafste StahPs Lehre bei 
(rnr^eii Kripfen , die sich mit dam Geiste ei- 
D»r liberalen Philosophie vertraut gemacht hat- 
ten, Wurzel, scbofs zu einer neuen Blüthe 
etn|Jor, uud konnte durch die Hcz//er'schen und 



8 1 

■ — 8 — 4 

I ' . • 

Toffmann^schen weit verbreiteten Lehren nicht 1 
linterdriickt werden« In Teutschland Terstan«' i 
den StahPs Zeilgenossen ihn wenig; dieWahr^ t 
beit seiner Ansichten mufste der bessern Fol- i 
gezeit aufbewahrt bleiben. Alles huldigte dem q 
Hbffmann und Boerhaavtj und* nur nach und % 
nach sah man endlich den Mangel der Anwan« jj 
dun^ mechanischer und mathematischer Grund« • 
satse sar Erklärung der Erscheinung des Le-* \ 
bens' mehr und mehr ein, und benutzte Siahts \ 
Ansichten zum Aufbau neuer Theoreme, ohne , 
zu gestehen, sie von Stahl entlehnt zu haben. , 
Dadurch ward der Gründer der dynamischen - , 
oder organischen L^hre nur eine historische 
Person; denn seine Werke studirte man nicht :^ 
mehr, sondern war befriedigt, wenn man seine !< 
Ansichten aus der Geschichte der lUedicin | 
kannte, ohne zu bedenken, dafs medicinische . 
GescKichtschreiber auch Vorliebe zu andern 
Theorieen haben und der «Sra/irschen nicht ge- 
neigt seyn konnten , wie diesea Letztere der •. 
berühmte, als Mensch und Naturforscher hoch- * 
geachtete, aber mit der praktischen Arznei- , 
künde sich nicht befassende Prof. Sprengel un-^ 
umwunden in einer Vorrede zur teutschen Ue- = 
bersetzung der StahPschen Theorie von Mt^ 
erklärt. Es schien mir daher der Zeitpunkt 
gekommen zu seyn , StahPs Lehre in der Ei- 
genthümlichkeit , die sie hat, wieder ins Le- '. 
ben zurück zu rufen, und der Prüfung meiner 
Zeitgenossen zu übergeben; zugleich aber' auch ■ 
die ihm von älteren und neueren Gegnern ge- 
machten Beschuldigungen näher zu beleuch- 
ten., damit das medicinische Publikum beur- 
theilen mo^e, wo die Wahrheit liege , und 
wo man dem grofsen Manne zu viel gethan^ '-' 
oder mit richtiger Würdigung über ihn geür- 



— 9 — . 

Atllf habe. Djirch dieses Zurückfuhren auf 
die Quelle so vieler verbreiteteu praktischen 
Ansicfaten wird man in den Stand gesefzt, die 
LiistuDgein der Stahfschea Folgezeit und d^r 
llasrigen in der Medicin freier zu überblicken, 
fta Cohärenz der Hippokratischen Medicin (die 
■1 noch immer als Muster geblieben ist), d, h. 
fo richtigen Beobachtungs - und wahren Er- 
Mrangs- Medicin mit den auf wissenschaftli« 
cktm Wege bewährten Stahrschen Lehrsätzen 
OBznsehen , die neueren herrlichen Entdeckun- 
gen in mehreren Zweigen des ärztlichen Wis- 
isns mit jenen Lehrsätzen in Verbindung zu 
Wogen, und in dem Labirinthe aller der seit 
■ehr als einem halben Jahrhundert entstan« 
fcaen Theorien gleichsam durch einen Ariad- 
leitcben Faden so herauszufinden, dafs man 
•Dtweder die Schwächen, oder die Würde die- 
Nr Theorien , je nachdem sie das Fremdartige 
au andern Tbeilen des Wissens zum Grunde 
legen, oder die Medicin auf ihrem eignen Bo- 
den bearbeiten, entdecken kann« 

Ich selbst kann wenigstens aus Erfahrung 
einer beinahe dreifsigjahrigen praktischen Lauf- 
bahn versichern, dafs ich nach eifrigem Stu- 
dio der Boerhaave* sehen , J^roivri'schen und der 
Erregungstbeorie, spater mit Anwendung der 
5c/i«//m§'schen Identitätsphilosophie und der 
chemiatrisclien Ideen der Neuern dennoch im- 
mer eine feste, rationelle, empirische Stütze 
für meine Handlungsweise, einen generellen 
Canon für das praktische Wirken vermifste, 
an den sich die Naturbeobachlung des kran-^ 
ken Zuslandes anschliefsen soll , und den je- 
der behandelnde Arzt, wenn er niclit reiner 
Empiriker ist und auf gut Glück handelt, sich 



- . 10 — 



J 



i! 



SO wählen pflegt. Meine KrankheiUbeobachr'V 
tungen battea noch iininer das Gepräge dae , 
Schwankeaden ; die kranke Natur in ihrer .^ 
Verwandlung strafte* oft die für sicher gehal-, ^ 
tene Ansicht Lügen j der rationeil geglaubte'], 
Standpunkt gab den Hypothesen Raum, und ^ 
ich konnte noch von Glück sagen, wenn ich j 
die Naturthätigkeit nicht durch meine Uittel 
. in ihrer heilsamen Ordnung gestört,' oder .gar" ^ 
▼erkehrt hatte. Wer sich ohne ahnliche iSiin- ! 
de Weifs, hebe den ersten Stein! Da kam 
mir d4r viel T^rschrieene Georg Erna Siahl . 
in die Hände, und jener generelle Canon war ! 
gefunden. Ein zvvölljähriges Studium seiner 
praktischen Schriften im fortwährenden Ver« 
gleiche mit dem Verhalten der kranken Natur 
bei nicht unbedeutender Praxis liefs mich wie 
durch einen* Spiegel die inneren Veränderun« 
gen belauschen, welche mir sonst trügerische 
Symptome verhüllten» und das ' Fortschreiten 
der Zeit in der Kenntnifs neuer bewahrter 
Mittel liefs mich diese Kenntnifs so an di^ 
StahPsche Theorie anreihen , dafs ich im SttUiP-^ 
sehen Geiste jetzt so handeln konnte, wie der 
grofse Mann selbst würde gehandelt haben, 
"wenn er l(»bte und sich unserer Entdeckungen 

bedienen könnte. 

■ » 

Es ist nicht zu läugnen, dafs wir an Bag^ 
Kv und Sydmham schon vor StahPs Periode 
Männer hatten, welche ganz im Geiste der 
Alten, und namentlich des Hippokratts uns in 
praktischer Hinsicht als grofse Lichter vor- 
leuchteten und immer Musler in der praktisch 
medidnischen Beobachtuogskunst bleiben wer* 
den, allein jenen- übersichtlichen rationellen 
Canon, den eine richtige philosophische SchluCs-« 



— 11 — 

■ 

folge sanctioDirt , und der die Materialien der 
nähren Erfahmog (die jene Hifppokraiischen 
finner für immer aufstellten) mit den 6e* 
MseD der kraäken menschlichen JNutnr Eur 
Baheit verbindet, und uns ein Leiter in den 
Ttrwickelungen der kranken Erscheinungen 
Mfn soll 4 yermissen wir doch bei jenen em— 
firisch grofsen Alönnern. fia^/iV, dessen Schrif- 
Ito ich mit hohem Interesse las, und den ich 
iis klassischen Arzt jedem gebildeten Prakti-^ 
itr, der ein Muster HippokratUcher Nachah« 
■nng und Beobachtung sucht, empfehlen mufs, 
ztigt dennoch zwei nicht zu combinirende 
Seiten als Theoretiker und Praktiker. In Er-* 
tferer tritt er als Jatro- Mathematiker mit Hy- 

Cthesen , in Letzterer als gebildeter Empiri- 
r auf. Beide Theiie sind jedoch in seinen 
Schriflen so getrennt, dAfs man sich iiiglich 
its praktischen grofseren Theils allein für das 
Krankenbette bedienen kann. Sydtnham war 
tin Lieblingsschriftsteller Stahfs^ und wird 
Tor allen andern citirt; seine Auctorität wird 
■ach noch furtdauern wie die des HippokrattSy 
so lange mao reine Naturbeobachtung schätzen 
wird. Und dennoch liefern seine klassischen 
Schriften nur Aiaterialien ; aber doch funda- 
mentale Materialien für künftige Gesetze zur 
Einigung der medicinischen Theorie und Praxis. 
Was also Stahl vor jenen auszeichnet , ist das 
grofse Unternehmen: die ganze bisherige Me- 
dicin einer streng wissenschaftlichen Revision 
mit höchst scharfsinnigem philusophischen Gei- 
ste zu unterwerfen , die Auswüchse zu besei- 
tigen , die Ansicht des Lebens mit den tau- 
sendjährigen wahren und übereinstimmenden 
Erfahrungen in Einklang zubringen, die Phy- 
siologie, Pathologie und Therapie in den ge- 



— 12 — 

jDTiaesien Verband zu selzep, und so das wahre . 
Fundament zu einer auf eigne Gesetze, sich 
gtützeiiden Medizin zu liefern, wodurch er mit 
JElecht den Namen eines Restaurators der Heil<^;' 
künde Terdient. 

In dem Januar- Hefte der medicinischen 
Annalen von 1818. pag. 19, liest man \ieiir 
^wahr folgendes: ,,Kein System ist bisher dem 
ytVorwurfe der Einseitigkeit ganz entgapgen. 
„Man richte seinen Blick auf df& der besten 
9,Köpfe, z. B. auf das geniale System des ori- • 
'„gineilen Stahl. Ab^r das Schlimmste ist fiir 
,^uns eben jene Einsdtigkeit ^ welche die ^us- 
y^hßtr dir Systeme in dieselben gelegt, und die 
,,sie fdr die Theorie und Praxis herbeigeführt 
„haben, welche der Natur der Sache nach nicht 
„daraus hervorgegangen vväre!" 

4 

Stahl erkannte, wie wir wohl alle, nur 
eine Wahrheit, und daher auch nur eine wahre 
Medicin. „Alle übrigen Meinungen , welche 
„voii dieser wahren Theorie abwichen, seien 
^^falsch und leiten nicht auf den besten Weg, 
„der zur Anwendung und Entfernung der , 
„Krankheiten führt. Alle auf Heilang sich 
,ibeziehenden Kenntnisse konnten aber wirk- 
„lich in einem einfachen und wahren Systeme 
9, vereinigt werden » und es sei falsch,' wenn 
f,andere auf Auctoriläteti sich stützend vorge- 
„ben, eine evident erwiesene medicinische 
i,Theorie sei unmöglich." 

Ein dreifslgjäbriges unabläfsiges Studium 
widmete er diesen Forsch ungen^ und fand end- 
lich genaue Uebereinstimmung seiner so müh* 
sam errungenen Ideen mit dem Gange der ge- 
sunde!) und kranken Natur , dafs er au den 



— 13 - 

aafgefundeiieD Gesalzen bei der UnTinltbarkeit 
aller früheren Ansichten an der' Wahrheit sei- 
ner Theorie nicht mehr zweifeln konnte, die, 
reDD sie gleich nicht vollendet erscheint (wel- 
ches selten Von einem Einzelnen , der eine 
porse Wahrheit entdeckt, erwartet werden 
b&p) , '. doch nicht zurückgelegt zn werden 
verdient, sondern nach dem erhöheten Stand- 
pankte des Wissens immer gröfserer Vollkom- 
nenheit fähig ist. Hoffmann* s ^ Boerhaavt'g 
ud HaUer's durch die physische ErkenntniTs 
nsgezeichnete Auctorität hinderte die ForC^ 
selzung der Bearbeitung StahFscher den ihri- 
^B ganz entgegengesetzten Ideen, und sifll 
«ären für uns verloren gegangen, wenn sie 
licht noch ein Hoben ^h)tt\, Sauvages und 
Enut Platner gewürdigt , bearbeitet und erbai* 
teo hätten. Weichen Einflufs muffte nun vol- 
lends noch in neuerer Zeit des ausgezeichne- 
ten Geschichtsforschers der Bledicin , des ge- 
lehrten Curt Sprengers nachtheiliges Urtheil 
ober StafiFs Lehre verbreiten , der dennoch 
aafrichlig genug ist, sehr viel Gutes aus den 
Sifl/irschen Lehrsätzen herauszuheben, und zu 
beweisen , dafs Fried. Hoffmann manche Ideen 
Ton Siafil entlehnt hat. Da dieser würdige 
Gelehrte aber der Erregungstheorie (nach der 
Vorrede zur Geschichte der Medicin P. IV.) 
als einer der Natur und Wahrheit am nach- 
fitPii kommenden Theorie huldigt, welche den- 
noch schon von erfahrenen Praktikern als un- 
brauchbar am Krankenbette wieder verlassen 
ist; so wird derselbe als reiner Wahrheils- 
freund, wie er sich 1. c. III. freimülhig an- 
kündigt, gestehen müssen, dafs sein Urtheil 
über Stahl als befangen erscheinen mufs. 



- 14 - 

Bei einer ralionelIeD Empiria sind am • 
Efitle alle klinischen Aerzte stehen gebliebeo, ^ 
und haben sich ihre philosophischen Schlufs- 
folgen entweder heim Studium der kranken Na- i 
tur selbst gebildet, oder Ton andern entlehnt, . 
so lange sie noch nicht richtig beobachteten. / 
Welches aber die richtige und wahre Maiio 
sei, die bei einer Erfahrungs Wissenschaft, wia 
die Medicin , angewendet werden müsse , ist 
bisher unentschieden geblieben. Die Theorie, 
soll für die noch nicht Erfahrenen und richtig 
Beobachtenden diese Ratio liefern, sie soll, 
wie ich mich ausdrückte, einen libersicbili- 
lichen generellen Capon zur Krankenbehand^ 
lung für die Idee liefern. Diesen habe ich wie 
viele teusend praktische Aerzte in der Erre- 
guugstheorie nicht gefunden ; wohl fand ich 
ihn aber mit Beistand unserer neueren EnU. 
deckungen zur Materia medica in der StnhT- 
s^hen Iheorie, die darum das Gepräge der 
Wahrheit für die Praxis um so mehr an sich 
tragen mufs, weil sie selbst nach mehr als 
einem Jahrhundert ihrer Bekanntschaft um so 
vollendeter erscheint, je mehr ihr (den Ein-^ 
fachsten im praktischen Theile) neue bewährte ^ 
Mittel durch die Chemie und Naturwissen- 
schaft zugeführt werden; wobei sie sich doch 
verwahrt, Letztere -als ErklärungswissenSchaf« 
ten in ihr Heiligthum eindringen zu lassen, 
die ihre Selbstständigkeit nicht antasten dür- 
fen, sondern der Medicin nur dienen ßollen. 
Wer sich die Mühe nehmen wHl, mit Bei- 
seitesetzung aller Vorurtheiie für die übrigens 
grundgelehrten aber vom wahren Z^eck des 
Heilgeschäfis oft ableitenden neueren unzäh- 
ligen Ansichten des Lebens in den wahren 
praktischen Geist der Stahf^then Lehre ein« 



m aef , dia hssonderao WisaeDSchanen 
lar herrschenden rbilosophie zu modslo, 
itabt origiBell da , und wird es bleiben. 
irkannia selbst der grofse Hallv, da er 
(r<iM sagt : „Suis (juum oculis videret, 
m aaclorilAtflin suspiceret, et cheniiae 
aam peritiain ad inedicinam alFerret, et 
lio eiset acri, aptoqae aingulares eveo- 
id sna loca illustrand» adhibere, plurima 

ODTft, multa bona habet et propria." 
tollte nicht Läbniiz, dieser grofse, in 

der Fhilosophia damals einzige Kopf, 
I« Gegner SiahPt auftrat, den Cartasia- 
■ in dessea Schriften entdeckt und nuF- 
Lt haben? — nirgends finden wir der- 
M, Warum schweigt Hoffmann darüber, 
• IMhnitxa Anhänger doch alles hervor- 
it haben würde, um als entschiedenster 
ir AtoATs dessen Prinzipa für die Med!- 
I antargraben ? Was TeranUrst also wohl 

Prof, Sprengel, es als eine litterärischa 
ckuneanzunahmaa. dafs Stahl die Grund- 



- 16 - 

• ■ " * 

scmkeit zuschreibt, und sie io der Zirbeldrüse | 
mit den Lebensgeistern erst zusammeDwirkaii | 
läfst? Gerade gegen alle diese Hypothesen;] 
tritt Stahl ^ der den Spiritualismus nicht genüg *; 
bekämpfen kann, als der. entschiedenste G«g«.^^ 
ner auf. Hören wir doch den CartesiuaBelhA^J 
um sogleich das Ungegründete der Annahme-^ 
seiner Gruodsätze von Seiten StahPi zu er^^' 
kennen. In dem Tractat dt passionibus ianimac 7, 
lehrt er: ,^Quöd in animä passio dicatör, in''. 
„corpore actionem esse ; animam enim noa dort ' 
„posse motum et cahrem corpori (welches ge- 
,irade in der Affirmation StahPa Hauptgrund-' . 
„salz ist) sed eum ex subtilioribus sanguinis' 
„partibns rarefactis et in cavitatem cerebri^iB«\ 
,,gredieDlibus et musculorum contractionemef-*, 
,,ficieDtibus excitatis in organis sensaniH per' 
„objecta oriri: et fünc nil anirnae tribui pou€\ 
^^praeier cogitathnes;'^ (nach diesem mochte Woltl^ ., 
Fr,, Hoffmann eber Cartesianer genannt wer-'. 
den) „eas \el actiones esse, liempe volunta-' 
„tes, vel passiooes, Tel afTectus, qui sint spe- ^ 
„cies perceptionum. Animam praecipuam suam ' 
„functiooem exercere in glandula pineali,^ ex- 
„hac sede animam radios emittere per spiritüi^ \ 
,, nervös et sanguinem , iit viam aperiant in 
„poris cerebri, motibiis ibi excilatis ab objectis ; 
„sensibiiibus. Euin porro elTectum passionum 
„esse, quod incitent et disponaot ad volendum» < 
„Voluntatem vero sua natura liberam esse, 
„eamque solam efücere, ut glandula se ita 
„moveat, ut yult. Unam homini animam esse, ' 
„quo ,sensitiva et ralionalis sit; hincque lucWi 
„inter molus sensitivos et voluntf^lem, quae 
„tarnen potestatem in suas passiones acquirAre 
„possit. Omnes passiones sua natura bonas < 
„esse, excessu fleri malas ] in esse etiam bestiis , 

- „eae, 



üo vrohl von «in«r solclieo Fhilosophis,, 
ich auf lane Sptculation gründete, wlan- 
kSoDen , und welchen Nachtbeil hat ■!« 

^rklich vor Siahl dadurch erfahren ! 
r ugt unser noch als grorser Arct in 
MTsm Andenkea stehende Geheime O. 

A. Dr. Beraida (pro thtotli pathohgia* 
p. 17.) der sich durch Stahfs Grundsätze 

Mgensreicheii praktiacheo Arzte hinauf- 
La: „Medicinam deuao ioTaiernat Reoati 
Lesü asaeclae, ssciae ioler medicoa phy- 
e coodiioreB, et ulularia arlii corruptores 



[dl glAube mich nicht zn irren, wenn ich 
nir sonst unerklärliche Feindschaft uniars 
«inichaa Spnngtra (dessen Tadel gegen 
ich hier vor allen andern zu entkräften 
IB mors) gegen die Slalil' ache Theorie, 
persönlichen Widerwillen gegen den Pie- 
», dereinst Halle sd viel Unbeil brachte, 
worin er 6'iaAi befangen glaubt, so wie 



— 18 — 

Kchani freien Ausbruche de« christlich religiö- 
sen Sinnes , wiA wir ihn auch bei andern gro- .^ 
fsen Männern kennen , ohne allen faden My- -^ 
sticisunus, der doch das Criterium des Pielis-* ^ 
fkius zu seyn pflegt. Auch sind diese Ergief ' 
fsungen eines dankbaren Herzens gegen die ' 
Gottheit meistens in den Einfeitungen und aio. <' 
Schlüsse seiner Schriften angebracht, ohi^efiir.^' 
den Leser bei dem Gegenstande der Abhand-* -■ 
lung selbst störend einzuwirken. Staht ge- 
hörte , wie ich durch seine mir noch überfie^ 
ferten Briefe und durch die Fatnilie weifs, 
weder zu einer besonderen Secte, noch wird 
es bewiesen werden können, dafs er sich ir- 
gend zu jenen religiösen Umtrieben, bi^ikanat- 
habe, bei denen man erst lange nach seinem 
Aufenthalt in Halle unter Joach. Langt den ^ 
edlen Wotff Terlästerte und rertrieb. Thomas ' 
SfüS, sein Zeitgenosse, war ausgemachter Spi^ 
ritnalist, und konnte deshalb von Stahl un- 
möglich besonders geachtet werden. Eben so 
wenig weifs man, dafs er ^mit ihm in irgend 
einem Verhältnisse gestanden habe. Was also 
euch irgend nur Joach, Lange und Uiomasi^tf 
in mystischer Philosophie radotiren mochten, 
so konnte man, wie Sprengel^ doch unmöglich 
iron ihnen auf Stahl schliefsen. Alte grofsen 
llännef haben sich als fromme Gottes Verehrer 
bemerklich gemacht^ warum sollten wir dies 
übel deuten , und solche darum sogleich in Sie 
Klasse der Pietisten versetzen , weil ihr Zeit- 
elter solche aufzuweisen hatte? 

Was die derbere und heftige Sprache be- 
trifft, mit der Stahl gegen seine oft höchst un- 
billigen und ihn mit oft nichtigen und seich- 
ten' Gründen ermüdenden Gegner (die er doch 



- 19 — 

m bexeichnet oder oeDot) sich nusläbt, so 
jirfen wir uns doch jetzt nicht mehr dadurch 
beleidigt fohlen, and werden dies ihm eben 
w gut vergeben und übersehen können , wie 
wir es bei dem noch derberen M, Luther thnn, 
dflüeo Sohn, Dr. Paul Lixr/ier als Leibarzt des 
Cliorfarslen Joachim 7/., Vorgänger StahP«^ 
fmirkh fPllhelm J. Leibarztes, war, ohne des- 
halb die Wahrheiten , die er vorträgt, mit 
ptrtheiischen Augen zn betrachten und TO)r- 
artheilsvoll zu richten. — Die Ungewohnheit 
seiner kritischen Methode zu phiiosophiren, 
und die Unbekaiintsrhaft seiner ärztlichen Zeit* 
genossen mit seiner ganz neuen dynamischf^n 
Asficht des Lebens yeranlafstd die nnendli- 
dien Wiederholungen undEinprägungeu, neuen 
Erliuterungen und Demonstrationen StahPg-^ um 
•ich doch endlich seineni Zeitalter, welches 
diese kritische Methode noch nicht würdigen 
konnte, yerslandlich zu machen. Uns belei- 
digen mit Recht diese scheinbar ohne Noth 
oiedergesch rieben en Wiederholungen, weil wir 
durch den Geist der neueren Methoden schon 
in der Materie nur die Erscheinung zu erblik- 
ken gelernt, und die Uraft {fvva/btts) als po- 
sitiv wirkend erkannt haben^ folglich, was wir 
kaum glauben mögen ^ uns in der Sphäre ei- 
ner bekannten philosophischen Demonstration 
befinden, die schon vor hundert Jahren aus- 
gesprochen wurde; aber damals nur den Aerz- 
ten, nicht den Philosophen zugänglich ward, 
weil sie sich lediglich in dem Umkreise der 
Medicin zur Erreichung ihres bestimmten Zwek- 
kes bewegte. Hätte Stahl mit dem Scharf- 
ftiDDe, der ihm eigen war, erst seine kritische 
Skepsis rein philosophisch b«»arbeitet, und sie 
dann auf die Medicin angewandt, so würde 

B 2 



•r durch Hülfe d«r Philosophen raehr Glück 
ID seioer Zeit gehabt habea; bei den Aerzten 
faod er nur Jatrochemiker, Matbematiker, Me- 
chaniker, und diese mufsten ihm geradehin 
entgegen seyn. Darum klagt er vier Jahr vor 
seinem Tode im Pradoqmo seiner Remonstra- 
th: De motus hatmorrhoidaUs ti fluxu» hatmof" 
rhoidum divtrütate 1730. in folgenden Ausdrücken : 
„Male me habuit, fateor , haec res , quam diu 
i^in docendi officio constitutus ,■ turbines tales 
,,Tix non perpetuos ezpertus sum ; quos eiiam 
,,proinde aliquando avertere non potui me con - 
„tinere; sed eliam hos conatus vanos esse, et 
,iOrtus et origines istorem mutari non posse 
„perpendens , animum ad tranquiilitatem re- 
,,TOcavi. Flaniori via iucedit illud negotium, 
y^quod non solum inde ab Hippocrate poste- 
^^ntali commendatum est , sed etiam satis pro- 
i^babiliter Uli ipsi jam a longa serie antecesso- 
i,rum per manus traditum: nempe tarn co/- 
,,f«cfionef supeifluüM etiam boni sanguinis, quam 
YiSubnascentes intentiones et successive appa- 
,,rafus, conatus, immo tanden contentionee 
fialiquam ejus depletione^i perpetrandi." (AI-' 
les dieses vielleicht nie starker, als zu unse- 
rer Zeit, wo die Sammlungen ins Unendliche 
gehen,, also immerfort Materialien zum Bau, 
schlechte und gute untermischt herbeigeschafft 
werden , dafs es einen Herkules erforderte, 
die schlechten Massen von den guten abzuson- 
derh, um endlich 'einmal zur Legung des Fun- 
daments zu schreiten). „Quam universam rem," 
fShrt Siohl fort (Sect. lU. Aphorismorum) „po* 
„sterioribns hrevibus quidem, sed in longin- 
,,qanm prospicientibus comprehendit JB^ppocra- 
^iM; «implidter quidem historice, sed quod 
,iipium locupletem matetiam subministrat, Ae- 



— 21 _ 

„f iologiiit ' harom reram diligenter et pradea* 
„ler TMtigaDdi. Adgrestas tum bunc labo* 
,,reiii (diese faerkniische Arbeil) ejusque pro- 
„faodiori foodamento cerle prbnum h^dm 
^fundamtntaltm sutwiraTi.'' Ndd fahrt er eeina 
hiaher gehörigen Schrifteo an. In seiner ^iv 
sofMfufi cum exspeci. pag, 240 heifst es: „Pa^ 
^ttidirem certe primus ego ipse, toties eadem 
,«diceret nisi veritali consonnm ioteiligereöi 
„amicissfDii mei Senecae effatnm: Numquam 
j^nbnis äkiiur, quoä nunquam lolis disdiur. Qni 
y,potest capere, capiat. Fortassis antem — * — — 
,,lioc postera fama loqoetnr." Und so m^ge 
denn unsere Zeit diese Ahnnng hewähren! 

Es ist ein harter Aossprocb upseres be* 
rahmten Historikers (in der Vorrede ca Ruf^$ 
Deberselzang der 5reArscben Theorie): Kein 
Tfaeil dieser gepriesenen Theorie sei dem Er- 
linder eigenthiimlichy wiewohl Frkdr. Hoßmann 
und Haikr an ihrer Neuheit nicht zweifelten, 
sondern alle seine Ideen habe er von andern 
entlehnt, und nur auf seine Weise und in ei- 
nem andern Zusammenhange vorgetragen. Ich 
will die Hall barkeit dieses liir StahPg Verdien- 
ste sehr betrübenden Ausspruchs mit derjeni- 
gen Hochachtung 9 die ich fiir einen Mann, 
der auch fremden Wahrheiten ihr Recht wi- 
derfahren läfst, empfinde, genauer untersuchen* 

t,Den ersten Grundsatz seiner Theorie/' 
heilst es , yyTon der durchaus passiven Beschaf- 
Offenheit der Korper und aller Materie habe 
,, gerade Siahl aus der damals noch herrschen- 
.,den Ca rtesianischen Philosophie entlehnt/' Ist 
denn etwa Carttüus der Erfinder dieser dem 
ganzen Alterthume der Griechen und Römer 
bekannten Idee? sagt nicht Fr, Hoffmann (Tom, 



-i 22 — 

U. prokgom. iap. UI. §• 9. der med. raf.); 
„Oinnia corpora Tim actiTam motricem sibi 
„ioaitam habere» adeoque inepiam illam vtte^ 
pjterum esse sententiam^ qai statoeruiit, cor- 
^,pora omnia esse patsivae iodolia, qua« ab 
,,aUo agente «. aoima esseoi arfuanda, a cor- 
'•fporia natura distioctlssima ?'* Gealehi nicht 
oiahl selbst iiheralL und aufrichtig, wie ich 
besonders durch noch herauszugebende Schrif- 
ten desselben beweisen werde, dafa er ans 
den Alten geschöpft, sich an die Natur des 
Hippokrates gehalten^ sie näher erläutert habe» 
und nur dadurch zu seiner Theorie gekom- 
men sej? Fag. 11. der Uebers. Rup§ heibi 
es; Ich gestehe es oiFen, da£s die Alten , in- 
dem sie zwischen dem Belebten und Gemisch- 
ten unterschieden! mich auf las Leben, und 
wovon es abhänge, auEmerlesam gemacht ha- 
ben. , Finden wir jene Idee nicht in den Schrif<- 
ten der Griechischen Weltweisen , und ist sie 
fiir den betrachtenden JUenschen nicht schon 
an sich die allernatürlichste,. wenn er einen 
äö' eben Gestorbenen untersucht, in dessen Ge^ 
bilden auch die feinste Anatomie keinen Feh- 
ler entdeckt, der die Ursach des Todes konnte 
gewesen sejn, und dessen Körper sogleich 
wieder den physischen Grundgesetzen einer 
inneren Bewegung der fauligten Gahrung und 
Auflösung unterworfen ist; bei dem folglich, 
was im Leben zu seiner Erhaltung^ wie Luft 
und Warme, dienen mufste, fetzt entgegen- 
gesetzt zu seiner Zerstörung beiträgt; der sich 
«Iso passiv gegen die lebenden inneren und 
zerstörenden äufseren Kräfte verhält. 

' Ich mufs mich aber, um nicht mifsver- 
standen zu vrerden, über Passivität im Stähf^ 



- 23 - 

Mli«n Sinne oähdr erkläreii« Raioe 
wäre in der Natur ein Unding » das sich nicht 
einmal denken läfst. Diese konnte der scharf- 
lianige Denker unmöglich statiiiren,- ohne mit 
allem Rechte den Stab über sein Sjstem hre« 
eben zu lassen. Dafs er aber nvit dein Be« 
griffe der Passivität der Materie keine todte^ 
rsia unthätige Masset welches einige Philoso- 
phen sehr uneigentlich Ws vntrtiat aennlen, 
T6f4ianden habe, ob es ihm gleich fiberall 
zum Vorwurf gemacht wird, dies leuchtet 
iu» einer merkwürdigen Stelle seiner heraus- 
tugebenden Schriften hervor^ worin es heibts 
^&d eiiergiam motus auscipiendam eqaidem 
^.Mtaphjsice dicta poutaia quaedam s. Aeeepti^ 
„mos 8. Aptitudo in subjecto movendo inleU 
„ligi potesl, nequaqnam autem pro ipso motn^ 
„<iut acta inotus concipi. Unde exquiMitum cer« 
.,le usum habet distinctio inter potentiam me* 
„(iipliysiram , potestatem s. facultatem , (Fä- 
,.higkeit) atque efßcacem energiam physicam 
,t{noiot7jra) agitandi motus. Orcupatur ita- 
,.(]Qe, quantum latissimo potest cnnceptu, Me^ 
„rhAuiraf non in ali0| quam in habitu mate- 
,,riae ad moinin, et reciproco habitu motus 
,f9. potius specialium motuum äd materiam; 
„Physica Tero consideratio circa ipsam cau- 
f,sam, orlum, prorentum et progressum motus«^^ 

Haben wir nicht auch diese Receptivität 
gegsn den Reiz beibehalten, oder als etwas 
durch die £ro{Vn'sche Schule neu Begründetes 
proklamirt, did jedoch der Receptivität an sfc/i 
[simplidierj ebenfalls keine Wirkung zuschrieb, 
wenn nicht durch Reiz auf diese Empfäng- 
lichkeit der Gebilde das WirkungsvermiSgea 
'^Ipcax tnerßia agüandi motus) die Bewegungen 



— 24 — 

Tennlttelte ? Unterscheiden nicht ansere oeael 
ren Philosophen mit Recht phaenomena und 
noumena? (Erscheinungen und Thätiges). In 
der einfach gedachten Erscheinung kann da- 
her keine eigene Thatigkeit liegen, wie doch 
die mechanisch ^ dynamischen Aerzte immer zu 
wiederholen fortfahren ; es hat nur den Schein,- 
als hätte sie solche« und deshalb ist die Be- 
aennuBg Erscheinung für die • Materie nicht 
nngläcklich gewählt. 

D0r erste Grundsatz der <Sra/i/^schen Lehre» 
oder wie ihn Sprengel sehr hart und feindselig 
die erste Unwahrheit {ngcarov '^sv^oq) nennt, ist 
in der neuesten Kii/'schen Uebers. als Afottodem 
Werke Torgesetzt, aus der Theoria medicu vera 
entlehnt, aber «ufser dem Zusammenhange ge- 
stellt Er heifst dort: „Materiae ad «cliones 
,iSimpliciter passive sese habent, et omnino 
yi«etivae dispositioni et coaptationi in quamli- 
i,bet structuram alque figuram pure obsequnn- 
„tnr." Bei Stahl ist hier von der ersten Bil- 
dung der Frucht die Rede, und die MaterieQ 
sind der mänoliche und weibliche fruchtbare 
Schleim; und dennoch sieht man aus den präg- 
nanten Worten, dafs unter activa dispo»Uio jene 
Anlage zur Aufnahme des Reizes (Reisem- 
pfänglichkeit in Betreff der Materie) und un- 
ter coaptatio das Geschäft des Bildungstriebetf 
in organischer Zusammenfugung (thätiges Wir-. 
kungSTermSgen , der Natur oder der Seele) 
nfisse verstanden werden. Im Zusammen- 
hange heifst die Stellet „Ultimo loco — ,re- 
,,peto y quod utique nihilo plus dilficultatis in- 
«ifirat animae humanae etiara ipsam illam/or* 
^^dndi et continuata nutritione per reliquam 
)»Titam penitna efformandi corporis (virn) tri» 



— 25 ~ 

^batre; qaünif quod nemo contradiclt, Illam 

^etiaoi eoe^giain regendi atque dirigendi motus 

„corporis ipsi adAigoare, qu.od omoibus pru- 

i,daiitibas harum rerutn aesliinatoriboa non poU 

,iwt non evidentissimuiD esse. Propterea noe- 

iiHiori menti haereat^ quod primae undique 

tforteg perpetuo siot aaionum, miDiine vero 

iimateriarain , el aclioDum quidem miniine in 

fjmaienigj sed in muteriaSj adeo, ut hac ad il- 

ulaa simpliciter (an sich, dem einfachsten Be* 

„grilTe nach) poisive (negativ) et generaliter 

Jndifferenter sese habeant, et oranino activae 

ndispositioni et coaptationi in quamlibet structu- 

^m obsequantur.'* Wollte man mit dem 

Worte indtffertnttr den Begriff verbinden , den 

£• Neueren in das Wort IndiiFerenz hioeinle- 

fM (Ununterscheidbarkeil)i so wäre die Ver- 

Uadang dieser Ideen noch ToUkomuiner« 

Als kleinen Beitrag aus meiner Erfab- 
nag in Bücksicht der ersten Bildung des Fö- 
tus fahre ich nur an : dafs ich eine sehr frucht» 
bare Frau kannte, welche, um ihre Concep'- 
tion endlich zu hintertreiben, sich jedesmal 
einen kleinen Schwamm bis an das O« uteri 
anbrachte, und mit der gröfsten Strenge vor 
jedem Concubitus damit fortfuhr, sich auch 
von der Gegenwart der männlichen Saamen« 
feuchtigkeit, womit der Schwamm überzogen 
war, überzeugte, und dennoch zur gew23hnli* 
eben Zeit ein Kind gebar. Von Mäuneru^ die 
lieh der Fischblaf^en in ähnlicher Absicht be- 
dienten, hörte ich auch einige Mal, dafs ihr 
Versuch fruchtlos geblieben sey , ol> sie sich 
gleich Ton der Integrität dieser Uiille versi- 
chert hatten. Diese uiura vitaliSy oder v ie 
man sonst diesen der menschlichen Natur die- 



— 26 - 

fienden nns Abd Organen des Mannes flber'^ J 
stromeDdeii Motu» Denoeo mag, der gleirlisara, ^ 
am mit Schtilin^ zu reden , > den Indifferens* j 
punki dieses Dpalisraus. conslifuirt, findet ia j 
dem Materiaie des Weibes seinen Grund and ■'[ 
Boden, um gegenseitig durch Reiz ^ Recepti* . 
'vität um€r Yermitteliing des WirkungstermS* '^ 
gens (energ/a, natura^ anima) als der iVirnua- ^ 
motor dorclr neae Assimilation die lladimisnia 
des Fütus zu formireni zu construiren^-durch 
belebte Bewegungen zu erhalten nnd endlich 
selbstständig bei der Geburt zu machen« 

Ich habe mich bei dieser Haupik Iippe der 
£la/irschen Theorie darum so lange aufgehal- 
ten 9 "^eil nach Hrn. Prof. Sprenßd mit ihr dim' 
ganze Theorie fällt, und glaube doch ohne sa 
scheitern, bei ihr einen Hafen gefundi^n zu ; 
haben , der nur die unbilligen , verwegenen 
Seh itfer nicht aufnimmt, und durch rein or- 
ganische Prodncte seines Eilandes bis auf das 
Pflanzenreich dem Such0nden so lohnt , dafe 
er die Klippe (das unorganische Product) nur 
als das noth wendige Vehikel betrachten malb, 
ohne welches der Hafen keine Sicherheit hatte. 
Da aber der beriihmte medizinische Ge^chieht^ 
Schreiber nicht abläfst, beweisen zu wollen, 
dafs Cartesius ganz so gedacht habe, wie 5raM, 
so mafs ich diese Unrichtigkeit als solche be- , 
leuchten und auf das Bestimmteste widerlegen. 
Er schliefst folge ndermafsen : 9,Den ersten ' 
yjGrundsatz, oder die erste Lüge, der paahtn 
^yBtschaßenhelt der Materie, habe Staht aus der 
„damals noch herrschenden Cartesianischen 
,. Philosophie entlehnt. Cartesius nänilich habe \ 
,»flas Wesen der Körper lediglich in die drei 
j, Dimensionen der Länge 9 Breite and Höbe 



-. 27 - 

•seist; (Uiot deon dies irgendwo Stahl oiit 
am Wesen der Korper?) alle iibrigep Ei- 
enscbaften derselben halte er als blofse Mo- 
di betrachtet , die nicht vom Wesen , 8on-*> 
lem von , soialligen Bedingungen abhangen« 
)ereos folge, dafe jede Kraft und- Jede Be^ 
ngung des KSrpers eine zufällige Eigenschaft 
MjTf die nicht todi Körper selbst abhänge, 
lesdem Ton wikörperlichen Substanzen bewirkt 
irsrde.** 

StaM nimmt ja aber entgegengesetzt . in 
tor Bewegung des Korpers gerade eine ur* 
friingürcAe Bewegung an, und giebt die Zu* 
Wge nur den Mechanismus (siehe Auf*e Ue- 
Mn. pag. 6 u. 23.) und dann sind ja auch 
He nnkorperlichen Substanzen , wie ich eben 
bch Cartetiui eigne Worte darthat , nicht die 
liele, sondern jene Zwittergeburt von Ler 
NBfgeistern ; deren ganze Existenz Stahl ver* 
»irfl und überall für ein Undiug erklärt. Er 
R|t Are eunandi cum exsptct. cap. XXX. Ton 
ioem Cartesianiscben Arzte: „Fingst ille sibi, 
,<|sotqnot yoluerit spinios; mihi illi universi 
linutilee sunt. Unicum mihi sufficit incorpo- 
,renm certe principium, quod actum in se ab- 
(lolate incorporeum 9 Motum, non snlnm prae- 
^let, sed Ordinate, proportionale ad materias, 
.Organa, et ipsum dissitum finem gubernet« 
Jmmo possit etiam eundem non praestare, 
ist inordinate praestare^ aut in momento 
veluti destituere, saejpe ex mera absolute 

fictitia et yana perturbatione. Quem 

admodum autem omnes bujus commatis spe- 
cslationes: quid et quales, quo! et ubi fmgi 
possint esse Spiritus, et quid et qua ratioue 
tales spiritns agere possint, auldebeanl; certe. 



— 28 - 

,,Dec ullan Decestitatem , nee iulluin usnm ba- i|j 
„bent — ita, qui alia babent, quae serici^ 
,itraclari inareaotury istia noa immorabuntiir«*' ',jl 

Dafs diese Expectoration auf Cartmus^ \m% ^ 
aondara aber aof Helmont und alle damaligen,,. 
SpiritaalisleD gebt, sieht jeder leicht eio; ooi^ 
ao nnerklärlicber ist es aberi wie man SuM u 
in neuerer Zeit einen Spiritualisten habe-nea--jg 
nen, und darum seine Ideen yerwerfea hon-'^ 
nen. Entweder traqmte man ohne ihn gele- 
sen SU haben : sein System basire sich auf dio /' 
Lebensgeister als Famuli der Seelentbätigkeit, " 
oder stellte die Seele (natura^ tnergia^ t^ov^t 1 
tenter welcher gleichartigen Bezeichnung' ^ÜBd^ 
Stahl annimmt) in die Categorie der Sptituum^^^ 
die doch blofs als 'eine physische Fiction an* 
susehen sind. Wie war es daher möglich^ : 
dafs in Betrachtung dieses faden physischen : 
Behelfs , dem sowohl Cartemug als Htknoni mit '! 
aeinem Archaeug unterliegt, unser 9pr<agtl^^ 
noch sagen konnte : »^Icb habe gefunden , dafs . ■ 
^^Wedd, StaliPi Lehrer selbst, als Anhänger " 
„des He/moni'schen Systems , dem jirchäuM • 
,ialle Yerrichluogen des Korpers zuschrieb; >- 
iiund sein Schüler Stahl brauchte nur statt des . 
p^jirchäus die Seele zu setzen, so war sein Sy« 
„stem gegründet." Stahl spricht sich hierüber l 
Thtor. pag, lt8 so aus: „Non patituf tempns, - 
,yUt de iis naeniis nominatim dicamus, ^uae 
„in hoc genere scbolas medicas passim pw- 
„sonant, ubi pro vero vitae medio (quamqnam 
„fere nusquam distincte s. de formali, s. de , 
„instrumentali ralione et ioprimis quidem de 
„hac, quando de vita mentionem injiciunt, sol- 
„licitos se exhibeant) alii et fere communis« 
f^süne» Spiritus ^ alii balsamum vüqIb^ alii cns 



gehurte, von vr«]ch«D sich Stahl tni 
m. Iit «B denn eia «olches CapitHl-Vw- 
■D, Oller etwa eines denkenaen Kopfos 
rdtg, die Seele, die maa ai)9 grofser 
ämng nur den Theologen zubilÜRen möch- 
la Lebeas-Princip nurzuelellen? Wahr- 

man scheint mit dem Dnmoii Archäut 

liecfaiicht zu haben, als mit der voa 
neislea IlenacheD geglaubten und in ih- 
IVirkungea erkanolen Seele. Doch ich 
le auf dJei Priodp wieder spater zurück* 

ich mich BUTOr mit Stuhrt eignen Wor- 
iber di« Nichtigkeit des CartesiaDisiDus 
■ euigelasaan hüben. Stahl spricht sich 
her in eiaem kurzen Fragment seiner fain- 
aenea Schriften , das in historischer Hin- . 

markiriirdig ist, und hier ganz mitge- 
-weHen kann, folgendermarseo aus: 

SBod aupra XXX. immo XL. suat anni, 
1 corparearnm rerutn in hoc mundo -visi- 
ratioDes ab augcullatione et lectiooe ia 
nnm admissas nnn sninm cnntemniari cor- 



~ 30 — 

• 

,)diflceodoy tres etiam docendo transegtraB^i 
4i(ubi magis necessarlis incuinbendo , jacanclt«! 
y^noD oisi bpport Ullis sohim horis respectawlc 
y^integrum erat) in talem vitae ratiööem ieTb^^n 
,/carer, quae inter qnaleincunque Itctionis aMr\ 
^fduitatem €t otiosa aulica officio tarn male com^^ 
y^measuratas distribuliones exigebat« ut Tir d«^:^ 
,icimam partem priori relioqueret, reliqaum i^ 
,,oanne teinpus poswioribus addicenrdo. . Nihil ^ 
„taineo impediebat, quo minus. cogitatiODi ya* \ 
„care integrum maneret, qua^ odiosi otii faf* !,, 
«j^fidium multiplici speculandi yarietÄte sab^ i 
,,levaret, et inertiam servi^lorum,' contempla-.. \ 
y^lionum libprfale compensaret, Ita octd ali(^ ^ 
,,e1ahebnntur aiinl, quorum sub decursii^ quao- li 
^,tuin ail considerationes et pensitationes atti- ii 
,»nety rerie ingeiis ohjectorum numerus pro* \ 
„pemodum innumeris inodis et conyarsionibas '\\ 
^,eic£rminalus, ostendebat passiin, quid certi et^-^. 
i^conspirui'a yariorum interpretum opinionibuä ' 
,,dut senlenliis reportnvissei , qnod yeram elm- ■\ 
„cleationem indolis illarum rernm praasa/er- 
„ra posset." 

„Praecesserat illa tempora aliquot 1u<iro- 
y^rum Interyallo Cnrtesianae philosophlat Doraa 
,,apparatus, et Democrlli et Epicuri jam'feria 
^^intermortua nomina tanquam ab Orco reyo-' . 
j,cabantur. Detrahebatur passim larya, in* 
„anibus circa Fhysica objecta explicationibua 
,, Aristolelis y et ostendebatur magis magisque, 
„quantum in ipsa rerum cotporearum historia 
yydecantatissimus bic philosopbus deferi^set. In-^ 
,,8citia ejus circa Astronomiam , plena igoo-^ 
,,rantia Chemiae et consequenter mJxtionis * et 
„compoaitionis corpörearnm rerum , indies ma* 
;,gis eiucentibus- utriusque hujns disdplinae so- 



irporum par malhsmaiicas lioeas io in- 
m dWiaio pra» vera Fliysic»« dirGssionis 
eis, qua landetu ad iDsecliles unitales 
renS| «toinos Deinocriü, ceu iadiTiduae 
ultr# divitli rorporaliler seu diffindi 
posient) perveniri lanto tn«liore jure rre- 
fas flftt, cum nihil uscjunin in tola r6- 
phyiicaruin iodole alJegari possJt, quod 
lain illam in iulioiium diftcissiooam ullo 
> fing«re snnderat. Cadente simul um- 
i illa definiiione Extensi, quod habeat 
s «xlra partes; (nuamvis «nim intuita 
•cuoque dImeusioDis dici posset, ditnea- 
, conceplurn quaai su^gerere commeusu- 
nis secundum ptura puDCia, adeoque nOD 
Dum nnicum punctum) inineDsum tjuan- 
Umen abest divisio talis, secundnm qua- 
floqne meDturam ab actuali diffisuooe 
Kerior« diremptione in plures alias cor- 
■B particulas.'' 

Oii«m «dmndiiin adhnr nItariuB. neoua 



- 32 — 

„pnDcta matfaeniatlca noo notabant mensaraml« 
,,uniu8 puncti physici, et infinitarum lioea^C^ 
y^rum iiiAthem. iocursus per crucem at,p«2^ 
y^traosTersum non diffindent yel crassnin cork. 
yypus Tel iiuoimum physicuin ; et infiDhae aii'*\^ 
„perfici^s inathem, iion consfitaent, ant aeqaa^i 
„bunt unam physicam, nedum ut haec in il«'r 
,,Ias resoWi, aut seciiDdum numerum istaranl^ 
,,Aestimari aut mensurari possit. Itaqne canij* 
,,physica llnea, quae difCssiooein veram mt\^ 
„actualem, qua separatio unius corporei pöncti i^ 
y,ah alio perpetratur et absolvitur, omnipo la- i, 
„tlludinem plijsiffam habere debeat; oullus if 
yjocus , usus , aut effectue hie esse potest U- ^ 
„uearuin matheui. erficaclae, oec diversoriae» | 
„nee shIuiu coinmensnratoriae praeter solam | 
„longiludinein, latiludinem et profunditatem | 
„sine omnis actione separatoria s. dimolorla*^. ^ 

9,rraeterea cum diffissio physicXa nunquam ^ 
„fieri possit, nisi per motum ennei^ corpue« ^ 
„cula vero physica non debeant concipi ad dif- \ 
„fidendum apta, sed solum ad divergendum^ [1 
„quamdju per lineas phys. rontigua adhuc sunt.*^ 
„numero diversa ; irustra est eerte omnis actio ■ 
y^dlTulsoria et difßesoria, quae eorpusculis ta- ; 
„libus ut jam siogulis intentari deberet. Uode 
ytetiam adversae opinionis fautores satis frene ' . 
,,statuunt, quod eorpora ultimae tenuilatia <{nt - 
^^KoUda et impenetrabilia. — Quo intuitu mah 
^yhypothesi suae (imino alienae Democriteae ato* 
„inicae) consuluit CartesiuSj dum attritu deleri - 
„et in indefinitum comminui minutissima jam- 
„duih corpuseula praefigurat, ac si crasso co- 
„tis exemplo rem absolvisse eogitasset« In 
„^iam tarnen rediens, aut in illa acquiescens, 
„detritum tale non infinitum , sed in paociora 

„nu. 



- 33 - 

ijiamaro illa tria elemeata ultimae tenniCallft 
i^ntolrit« El ipse tum fayet, immo tadt^, 
. ijNibscribit parae atomisticae senteDtiae a. di- 
4 fiTuioni in aldinae monadicae parvitatia cor- 
'f ifvtcala tttc. Hia , * inqdam , talibua et siini- 
»iibaa, qaae ab his pendabant/ comparationi- 
,^9 penaitandis atque trulinaodis , cam per 
HiaUqauin otium carte diligeDter insiaterem :" — - 

Mit dieaem abgebrocheneD Satze achlfelat 
SraU, wahracheiolich in aeiner letzten Lebena- 
liit; aeine eigenen philoaophischen Grandaätze 
üd jedoch in einem fast gleichzeitig geachrie- 
btnen Aofaatze: 2>e cama movente a. aciMtate 
vilafiy näher auagefiihrt worden. Ueberhaupt 
wkm kann ich ea nicht reimen, wie man ei- 
■fi ao stricten Djnamiker, wie Stafil , mit 
du Atomiatikern , also auch mit dem Cari^ 
Mcf and Htlrrwni habe in eine Klasse« aetzen 
koanen , oder ihn gar auf ihren Schultern 
aiehen laaaen ! 

Man erkennt in der StahPschen Fhiloao- 
yhie eine gebildete Skepsia im Geiste der Al- 
ton , die aich zwar nach logisch richtiger Form 
bewegt^ aber keinem Lehrgebäude der Zeit 
baldigt. In sofern sie daajeoige, was in ei- 
nem Gedanken falsch oder unToUkommen ge- 
satzt ist, nachzuweisen versteht, heifst sie 
Kritik« Diese Art des Fhilosophirens^ weil 
sie durch freies Denken ohne einer Richtachnnr 
nach Anleitung e^ies Syatema zu folgen, be- 
grandet iat, acheint mir beaondera für den 
Arzt die zweckmäfsigste zu seyn. Stahl be- 
dieot aich der Induction bei der Erfahrungs- 
Wissenschaft der Bledicin, der Kritik bei der 
Raforin , die er mit den Theorien der frühe- 
raa Aerzte, also mit der ganzen Medicin vor- 
Journ. LXTJI.B.2.SU C 



— 34 — 

' nabmi der metaphysischen Deduciion .nur aU^* 

opirdo probabilis , weil er die Ursachen der Er-^ 

scheinungen analytisch durch metaphysisch^^ 

Reflexionen darlegen inufste. Daher hat das, 

rein Praktische bei ihm immer bleibenden Ge-*l^ 

halt, weil es im genauen Zusammenhange' mit ^l^i 

dem Theoretischen und mit den auf die Na-4 

turthätigkeit gegrBndeten activen Lebensthih^li 

tigkeiten steht, und darauf \^ie auf seinem ^ 

Fiindamenle ruht. Dieser Werth bleibt^ wean-ii 

wir auch den philosophischen Versuch , -alle 'fc 

.dynamischen Erscheinungen allein von der ili 

Seele abzuleiten , nicht anerkennen wollten,'.]! 

I der sich jedoch auf rationelle und empirische H 

Psychologie stützt. Doch dürfen wir dari^ber h 

nicht die Nase rümpfen , als hätten wir ih -ij 

dieser Sphäre etwas Besseres, entdeckt Stahl i} 

hat das Zweifelhafte hierin mü allen Neuern' i| 

^igemein, welche die Lebeosbewegungen von % 

einer' Ws vitalis, Sensibilität und Irritabilität u. ^)tj 

8. w. ableiten. StaliPs Auoabme strebt jedoch «?, 

mähr zur Einheit ^ und die Seele als vig ag^n^'i 

s(y11 uns nur zu Hülfe kommen, das Uner- -i^ 

gHihdliche des Lebens von einer probahelu | 

Lichtseite zu beschauen. Der Geheime Oh. ^ 

Med. R. Dr. Berends spricht sich über SiahPt \ 

' Lebensprincip (/. c; p. 23.) folgendermafsea ^^ 

aus: „Quöd autem hanc naturae vim et e^et« <^ 

,,giam animae soll tribuerit, praeter conscien« '-. 

„tiam plurima opernnti , ideoque nullam in*^ \ 

yyterm^iam naturam finxerit, cjuae seosationi .| 

j^et motui praeesset, eo tantum abest, ütullo \ 

^^modo olTendamur , ut- potius hanc ezpli'randi i 

i^riltionem vel propter instrumenialis fjfici^nmque 

y^tüutae disjuncüonem y et quoninin a cancellis Z 

^jObserrationis , inier quos Authmpologia me^ 

j^dica'tota continetiir, proxime abest ; naturae^ 



— 35 — 

,iFflram — , qnatenus nempe humanae ineBti 
. „eam cognoscere datum est, looge habeamua 
„conTenieDtissiinam. " 

Herr Prof. Sprengtl glaubt , dafs die Neue« 
ren in der Aufstellung einer organiscBen Kraft 
das magische Wort gefunden haben, um da« 
nit eine grSndliche Einsicht des Lebens zu 
bezeichnen; denn er wundert sich^ dafn Unzer 
daTon noch nichts gewufst habe, und noch 
immer die Seele als Lebensprincip eben so 
wie auch Sauvagts aufstelle (ftled. tiesch. Th. 
y. pag. 79. u. a.' a. O.). Organische Kraft, 
oder was doch dasselbe sagt, Kraft der Or- 
pne, kann nichts anders sejn , als belebte 
Kraft, weil Organe als mit Leben begabt be- 
auchnet werden. Diese belebte Kraft setzt 
aber wieder ein belebendes Frincip voraus, 
und über diesen für den anschaulichen Begriff 
aar richtigen Sinn spricht sich schon Stahl 
(pag. 67. der Uebers.) genugsam aus, und mil- 
bin ist durch das Wort organische Kraft 
Selbstthätigkeit, also durch organische Kraft, 
selbstlhätige iVinnpien der Organe , unabhän- 
gig Ton der Seele in Rücksicht des Körpers, 
so antwortet Stahl (ebend. pag. 107) mit Recht, 
dafs man sich dadurch in ein unvermeidliches 
Dihmma verwickle; denn wenn man^ der 
Seele, weil sie ein immaterielles Wesen se^, 
die Wirkung auf den Körper abspräche, so 
konnten diese thätigen Principei,, wenn sie als 
immateriell angenommen würden , eben so we- 
nig auf den Körper influiren (oder gehörten 
zur Seelen thi'iligkeit); wären sie aber mate- 
riell, so köi»nten sie wieder in keiner Ver- 
bioduag mit der Seele stehen. 

C 2 



1? 



I 

— 36 — 

Auffallend ist es, dafs der §• 55. der S/rrcn« 4 
gefschen Geschichte so höchst günstig fib^r | 
StahPg Ansichten des Lebens urtheilt, dale I 
man kaum sich überreden kann , dersribe -i 
Mann habe diese Apologie geschrieben , det 
.anderwärts als entscliiedener Gegner auftritt. 
Es wird darin zugegeben , 'dals StahP» S^Ia 
allerdings allein die Forderungen der Vemanft 
befriedige und Einheit und Mann ich faltigkeit 
t>ringe, wefches selbst HaUtr*$ Reizbarkeit, di» 
immer als llesuUat des Baues eine Art ma- 
chanischer Kraft sejr, nicht zukomme, ßaller 
müsse nicht die klarste Ueberzeugung gegen 
*SiaU gehabt haben » weil er ala ein in andern 
Fällen so unbefangener Mann sich gegen des- 
sen System so sehr ereifert habe« welchee je- 
dem Wunder nehmen müsse. Er habe nur 
die iSfo^martft'schen Einwürfe, aber keine grund« 
lieberen in Anwendung gebracht , die sehr be- 
friedigend fon fVhytt und Platner geprüft wor- 
den wären. Die instinctartigen Handlungien, 
die Kunsllriebe der Thiere wären ans dem 
Mechanismus unerklärbar , und konnten allere 
dings mit den nothwendigen Actionen rergli- 
eben werden; sie seyen weder zufällig, noch 
der Willkühr unterworfen, und geschähen 
ohne Ueberlegung. Die Annahme eines psy- 
chischen Ursächlichen sei nicht metapliysiseha 
Speculation, sondern gehöre zur Medicin ; denn 
die SeeleoYerrichtungen seien Gegenstände un- 
serer inneren Erfahrung, interessirten den Arzt 
im sehr, und dürften nicht vernachläfsigt wer« 
den. So viele oft bewüfstlose Bestrebungen 
der Seele, so mächtige Wirkungen der Lei- 
denschaften beschämten denjenigen nur zu oft, 
der die Belrarhlung der GemüthsveränderUn- 
gen in die Metaphysik verweisen wolle. Die 



— 37 — 

VerbiaduDg der empirischen Seelenlehre init 
der Physiologie sei viel gennaer, als es die 
Hechaniker und Chetniatriker ahnen. — -~ 
Der würdige Alnnn gesteht hier mit Unbefan- 
genbeit geurtheilt zo haben , um auch StahPg 
S^rtteme Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. 
Wir haben es ihm auch zu danken, dafs er- 
be! sonstiger Vorlieiie fiir Hoffmann dennoch 
dis grofsen Schwächen seines Systems trefflich 
aifdeckt und nachweist, dafs oflt Hoffmann^ 
vielleicht ohne es zu wollen, in StdiPs Fufs- 
Upfen getreten sey und dessen Ansichten aus« 
lesprochen habe. Dieses finde ich an isehr 
YiiitB Stallen der Med. rat, s/si. z. B» durch 
Ansah me des Motus tonicus vitali» bestätigt^ 
«od fiberhaupt in allen jenen Fällen , wo die 
■•chanische Erklärungsart für den Verstand 
siclit ausreichen wollte. Ich würde über die 
tiltsn Gründe des Hoj^aara. gegen Stahl gänz- 
lich schweigen, wenn nicht noch neuerlich 
HiiffnianrCs Schrift: Dt diffkrentia inttr doctri'- 
nom mtchanitam et Stahlü orgarucarrij werth ge- 
ballen worden wäre, in einem Englischen Jour- 
Dsle wieder zum Vorschein gebracht zu wer« 
deo. Damit ich aber nicht bei den Vorarbei- 
ten eines Whyttj Platner und Sprengel eine 
vambe bi$ cocta auftische, so sei es mir blofs 
«rlaubt, einen prägnanten Fundamentalsaiz der 
Uoffmann^sehBn Widerlegung und eine schreien- 
de lavectiTe auf Stahl zur näheren Beleuch- 
tnng aus ßoffmann^g Werken herauszuhebeug 
QiB im ersten Fall die Nichtigkeit und den 
Widerspruch seiner Argumentation bestimmt 
Dtthsuweisen; den zweiten Fall aber so zu 
unserem Vortheil zu gebrauchen, dafs jene 
ln?eclife auf die mechanisch - dynamischen 
Aerzte zurückgeworfen wird. 



— 38 — i 

Uabar das Lebantpriocip , oder auch Be- | 
^•gatagspriocip schliefst er in der Med, rar.-' j 
9y»t. T. U. c. If^. $.'///. also: Causa mofiuira^.-'^ 
morhoMorum minus rede in prindpio omnes moius* j 
eorpons dirigsnte pon^tur^ und dies erklärt erC% 
„Wenn darunter das NervenfluiJum verstande^^ ' j 
99 würde, das aus der reinsten Luit und den. ; ^• 
9iNahrungsmitteIn abgeschieden wird, so wjira^, ^ 
„eine solche Annahme nicht zu TerwerfeV;.. 
..würde aber dieses Princip von einem nicht • 
y^materiellen Wesen abgeleitet, welches durch 
„innere Empfindung mit Absicht und Zweck' 
i^die Bewegungen leiten solle, 30 könne er^ 
i,dies nicht zugebep ; denn wir yermifsten noch 
„die deutliche und bestimmte Existenz un4. 
^»Erklärung dieses Frincips." 

Hier wird also die Seele im SroATsc^Mk 
Sinne geleugnet,' und ein feines materielles; 
Princip als Grund der Bewegung im gesunden 
und kranken Zustande, das Neryenflui^unB) 
dafür aubstituirt; die Annahme der Seele aber 
in die Metaphysik verwiesen und Ton der Ars- . 
neikunde ausgeschlossen. Dagegen heifst es 
Tom. L cap. IL §. 24. „Es sei aufser allem' 
Zweifel, dafs es bei Menschen und ThiereO' 
ein Princip gebe, welches die yerscliiedeneii 
Arten der Bewegungen durch mannichfache-' 
Organe und Sensorien percipire. Dieses opcr-* ' 
rire mittelst des Nerveniluidi, welches gleich-^ 
a^ni dessen Werkzeug sey, worauf die Ob- 
jecte wirken u. s, w." 

. IJier sind folgende Widerspruche; In der 
ersten Annahme wurde das Princip als selbst- 
stfin^ig geleugnet und der Nervenfliissigkeit 
zuerkannt; hier wird es aufser Zweifel ge- 
setzt, und das Nervenfluidum nur als Werk- 



(}.' 3.) der Act der PerceftlioD , dar Ima- 
:iiin , der Krwägiingr, bd ^rie Gedachtnils^ 
brigkeil. Verlangen, Abscheu darch dia 
itiiedeneii incclianischen VerhältnisBe (die 
i{SIirt) uiclit aLleileu lasse, ßo sei es nÖ- 
, Bufser der inecliaalscLeo Structur, der 
ile und der aus ihuen erzeigten ßeweguo-, 
(?) nocli eine andere von den bekaqnteD. 
ilhiiuilichlLeiten des Körpers verscbiedena 
igkeit aDzunehmeii. Voa welcher Art 
rrincip sey, von dem als Ursache und 
le die Krüae des EmpündetiB, Begehrens 
bestiinmle Bewegungsn auszuführen, her-' 
neo, dies ginge über die FiissuDgskrafl. 
ICD seil liehen Intelligens, Aus seiner Wir- 
arkennelen wir, dafs ts zu den Körpern,, 
üateiit, deren Kiäfie uns bekannt wären (?)^ 
getäliit wtrden konnej" Und dennoch be- 
t er sich, dieses Agens noch in die Me- 
lk, iu den folgenden Salzen herabziebea- 
üllen; verweilet es jaducU endlich in die 
nhTsik. 



— 40 — 

Aus allen den bisher anfgestelUen Hoff" 
mamf%A%n SäUsen geht aber hervor : 

ty dafs er als Priocip bpstimniter Bewet" 
gnngea die Seele annehme, so seiir er sicfc 
Bl&he giebty anter dem Namen eines Principe, 
ohne bestimmte Beceicbnang sie zu Tersteckeoi 

3) dafs dieses Frincip durch das Senso^ 
riom and die Organe falso Werlusenge dieses. 
Princips) die yerschieaenen Arten der Bewe« 
gang percipire, und mittelst des Nenrenflui'« 
dums als ihres Instruments thatig sey, 

3) dafs er dies sein ungenanntesn^^incip« 
i;velches er bald in die Nervenflüssigkeit sich 
mdersprecbend setzt, bald mittelst derselben, 
als Werkzeug des Princips, operiren labt, in 
derselben Beziehung als aaMioB vUae s. mo^ 
tuum (Tom. //. cap. IV. $. ///.) y/ntStAl es 
thut, auffuhrt, und dadurch dem Fandamea« 
talsatze nach ganz Stahlianer wird. Denn 
Stahl kann zugeben: Nenne du das Prindp 
wie du willst, und halte nur deine Organe. 
Sensoria,' dein Flmdum nerveum (Electricität) 
für instrumentale Bedingungen der Thätigkeit 
deines Princips, so bist du meiner Meinung^ 

4) dafs er endlich die Immaterialität die- 
ses Prindps (quod ad Corpora minus rsde re- 
/crrs poisit) habe zugeben müssen, 

5) dafs sich HoJ^enn als ein sonst gro« 
fset praktischer Arzt , dessen Vorliebe für die 
Mathematik sein System verunstaltet^ bietr 
dennoch als ein seichter Philosoph gezeigt 
habe. 

Wenn Hoffnumn sich auf die Alten be- 
ruft und versichert, sie hätten das Wort Nu« 



- 41 - 

lur far das Priocip dar LebensbewaguiigeDi der 
Secratioo and Ezcretion, der Kraokheiteo, dee 
Todea «od der H'eiluog gebraucht; das Ter- 
aBgen der Empfiodang, Phaotasie, des Be« 
fsiuens» der freiwilligen Bewegnogeo der Suk 
lagetheilt: so ist diese Angabe, die er durch 
k^e Stelle beweist , gänzlich falsch {Tom. I. 
^m% Ulm SchoL 9. //.). Es wird vielmehr 
Baidee Tom Oaltn and HippokrattM, Dt natura 
hmuma {Commeni. XXVUL des Hipp. Tex- 
tu) in gleicher Beziehung gebraucht, und Ga-^ 
in sagt ausdrücklich (ZIe morMs tt iynipt. 
■b Fl): 9, Per natwTüt vocabijflum inteliigas ve- 
,iUa omnenii qua regitur animal, facuhatem, 
f^wB iUa a yoliintatis ^nostrae imperio peu- 
Jkätf eire secus." Und Sber die Seele» eben- 
in. einige Kapitel nachher; ^^Animat essen^ 
yiam d^nire audax fortasse fadnus putabitur« 
iiAt quaecunqae tandem ipsa fuerit, e duobus 
lyilteram faleri oportet, aut, quod ad otnnes 
,/aoctiones, ut primus instrunientis , utatur 
uPi spirilu (Athein) et sanguinei et vel alte- 
„rina, vel utriusque calore^ aut quod in hia 
pipsia consistat,** 

Ferner im Buche de mu partium : „Natura 
„Dil frustra facit, utilitati et pulchritudini par- 
„tium prospieit, proportiones observat, pa- 
fftiendi promptitudfinem Titat in partibus no- 
iiStria; naturae, justitia, providentia, soUici- 
utado, industria, sagacitas, sophisma, ars,^ 
nmiracalum , scopi in partium corporig nostri con- 
igttmcfione competunt.^^ 

«iNatura ratiociuium {Xoyoc) est totius vir-« 
yitutisi quae animal regit, sive cum nostra 
„coDKientia, sive sine illa,^ (Oe caums el 
tjpnpt. Ubm I.). 



-V 42' — 

Dies sei hinlänglich , tim den Ungrand der v 
JJqffmanrCschen Angabe zu beweisen und zu- ■* 
gleicji dedtlich zu machen, wie yiel näher dia/ 
Stahrs^hea Beziehungen der Seele mit dea:C 
Annahmen der Alten übereinstimmen^ sUb die 4' 
inechaniach^n Principe -des Hoffmann* ' t 

Was die Invective gegen Stabi lt>etrIflY^'. 
deren sich , Hoffmann sowohl in der Med. raU '■. 
sysr., als in dem Tractat de differvitia iniir' 
docirinQm mechan. etc. pag, 36. bedient, um 
die passive BeschalTenheit der Materie ^ ., deren. 
Ansicht ich oben berichtigte, lächerlich. zn ma- 
chen^ so besteht sie in nichts Gerip^eiretbi , als 
Stahl des Atheismus damit zu be.schuljdig^n ; '* 
denn, sagt er, wenn Gott dsr Grund und Ur-«^ 
heber aller körperlichen Bewegung sef , so*. 
noiiisse er die Welt erfüllen, und fplgUch niit' * 
derselben einerlei, se^n, welches noüiwendig' 
Eum Spinozismus führe. Ich will nicht ^rwSb«' 
sen , . warum wir in unserer Zeit über deä^ 
Spinoza besser haben urtheilen lernen, .als de* 
mals geschah, nehme d^her Spinoza's Gott' 
ohne Spontaneität und Freiheit in der Idiaei 
wie ihn Hf sich denkt. ' 

Nun sagt Stahl (JTheor. med. ver:, pag. 
112 — 114) „Gott lebt, oder hat im eigentli- 
chen Sinne das Prädicat Leben, in sofern wit , 
ihm ewige Fortdauer uod auf räumliche Ob« 
jeicte dauernd erhaltenden Eiuilufs zuschreibien^ 
weshalb es sehr wahr heifst: in ihm leben, 
weben (jmovemüs) und sind wir. Alles also^ 
von d^m wir sagen, es sei nicht blofs belebt, 
sondern es /e6e, mufs nothwendig ein ihaliges 
seyn, -und in' sofern wir von seinem Leben sollen 
wisien könrrtn, auf körperliche Dinge «lo wir- 
ken. So die Seele* £ine solche lebende Xhä- 



- 43' — 

jgkeit erhalt Jen belebten Korper vermittellt 
meckTnäfsiger Bewegung, sie belebt ihn; er 
idbit kann sich nicht zweckinäTsig bewegen, 
OD sich zii erhalten, sith nicht selbst beleben» 
Kaien Unterschied der Begriffe von belebteb 
nrf lebenden Dingen habe man bisher so we- 
■S berScksichiigty dafs man nicht' oft genug 
MIO erinnern kann, ibnidoch einmal besser 
nl bestimmter zu fassen.*' 

Mit diesem Dasayn Gottes im StahPschen 
Snoe' lassen sicii die materialistisch - djnairif- 
Kko Ideen des Spinoza von det Existenz' 
GoHfs in Gegensatz bringen , so wie die Viel-' 
Ufn unsicheren Annähmen unserer, Zeit (auch' 
Annes Reit) voii der activen Materie, wor- 
sifir sie also Leben des körperlichen Gebil- 
im anter dem Titel Organ in der Mischung 
isd Form beruhend als subjectiv wirkend he-' 
Inchten. Gott ist aber, um StahPs Ansicht 
uher auszuführen, das Leben im Allgemein' 
offl, und die Seele (das Ich) lebt dufth ihn, 
•r ist das absolute Leben, die Seele das rela- 
life. Djis ganze Universum wird durch Golt, 
in sofern es Organ Gottes ist (bestimmte Of- 
feobarung seiner Existenz) belebt. Für sich^ 
ab Erscheinung, dem Begrüfe nach ohne Gott, 
Ware alles ein Chaos, ein Unding ohne Leben 
«od Zweck. Es ist aber eben so Werkzeug 
i%T OlTenbarung Gottes {Mqkrokosmus) wie der 
Körper Werkzeug der Seele im Kleinen ist 
[Misrokosmus), Kebmen wir dagegen die viel- 
fach herrschende Meinung an: die korperll- 
cben Gebilde (qua Gebilde, nicht als Organe; 
ieno diesen Kaüien erhalten sie erst durch 
die Tliätigkeit mitlelsl der Bewegung, durch 
das Belebtseyiij durch Ein Frincip, nicht durcli 



— 44 — 

nAntBf durcb dief Seele), abo die Gebilde 
hätten Lebenskraft aus sich, d« h. die Mate- 
rie, die Erscheinung lebte, wobei es sogar 
für absurd gehalten wird, der Materie als sol- 
cher Passivität (negatiye Empränglichkeit fSr 
die Einwirkung) suzuschreiben , so müssen wir 
nothwendig als Folge annehmen: die Welt 
lebt; nicht etwa: sie ist belebt, und dann 
würde die Welt Gott sejm , und Spinoxa wäre 
selbst durch Fr, Hoffmann und seine neueren 
Anhänger gerechtfertigt. Die Identitäls- Phi- 
losophie fallt in eben diese Falle. Wenn aber 
das Wort Leben und Belebtseyn richtig gewür- 
digt wird, dann ist StahPs Idee von der Pas- 
sivität (Recaptivilät für die Wirkung) der Ma-! 
terie richtig, und Gott bleibt Spontaneität« 
Ist aber die Materie in sich uod aus sich be- 
lebt, lebend j so kommt Strato^s Meinung wie- 
der zum Vorschein, dei^ die Seele einen Spi^ 
ritum materiakm creatum nannte. Dasselbe fliefst 
auch aus Hobbys Philosophie. Durch die Iden- 
titäts -> Conslructionen drehen wir uns gewis- 
sermafsen im Cirkel, und es fehlt uns an ei- 
nem Fundament. 

Dr. fVolfart (im Neuen Asciep« Bd. f». 
Heft 1. pag. 138), der Stahl auch nur histo« 
risch kennt, und den leidigen jirchaeuM des 
Hehfnont als gleichbedeutend mit dem StahT-^ 
sehen Princip betrachtet , stellt dennoch wider 
Wissen seinen Magnetismus in die SfaATsche 
Wirkungsart der Seele. Es heifst bei ihm: 
Der Magnetismus sei das belebende Leben von 
der positiven einwirkenden Seite, das belebte 
Leben von der negativen oder aufnehmenden 
Seite betrachtet. Hier ist ganz klar Seele und 
Magneiismui identisch, so wie Organismus und 



— 45 — 

iMgatlrttr Hagnellsmas. Waa soll man also 
daroD danken^ wann er (Erlauf, d. Bles- 
mariamus, p. 193.) ohne StahP* Schriftan 
genau su kennen , den Satx aa&tellt: „Die 
MDStige Vorstellung Yom Nervensalte (seine 
«od ue des Manur ist die der Flnth, mag- 
netischen oder ätherischen Ursprungs) fin- 
lel hier 9 wo die lebendige Wechselwir- 
knng mit dem ganzen Weltall den ste- 
ten Grund der Betrachtung ausmacht (also 
docfi ein physisches Agens, das aber nicht als 
Warkseug eines lebendigeren Princips, son- 
ten als selbswirkend betrachtet wira), eben 
IG wenig Statt, als die Annahme eines Ner- 
raogeistes, utrchäia des Htlmontj welchen 
&ai {Staht) sich fälschlicher Weise (sie) zu- 
eignete, indem er dafür blofs ein Wort setzte, 
Qod ihn dnrch seine aidma als seine Idee aue- 
pragte!** So sind die Aerzte unserer Zeit ge- 
tiascht worden, die sich nicht die Hlühe ga- 
ben , gründlich nachzusehen , was dieser Stahl 
eigentlich für die Medicin gewesen sey. 

Alle Versuche der neuern speculatiTea 
Philosophie, aus dem Dualismus der Natur 
herauszukommen, sind bis jetzt Tergefoens ge- 
wesen. Den lebenden Korper in gänzlicher 
Einheit zu betrachten, hat viele Worte, aber 
keine deutlichen Begriffe gegeben , auch wenn 
man den Korper die äufsere Seele nannte» 
gleichsam als kiSnnte das Geistige eine Polari- 
tät zulassen ! Die physischen Gesetze influiren 
offenbar fortdauernd als erhaltende Media für 
den Zweck des thätigen Princips, und dieser 
Einflufs war der Grund, ihre PrSponderanz 
gegen einheimische Kraft geltend gemacht zu 
hal>ea. Alan wollte nicht , dafs die Letztere 



— 46 ^ 

■ I 

•iqe..eigendiurali€h6, ihm als eine gleiphsAm 
angeboren zukommeDde wäre, die blofs die 

, Concurrenz der Thysischen ihres Zweckes we- 
gen zuläfst; . aber nicht von den physischen 
Gesetzen abhängig ist. Der Mensch als Mi' 
trokoamua pärticipirt vom Makrokosmu§ noth» 

/^endig; ist Yon ihm aber. nur in Hinsicht sel- 
iges K^rpors in so weit abhängig, als.es die 
geistige Kraft zalafst| welche Uber.Ilaum uqd 
Zeit erhaben Ist. Der Korper ist Erscheinung 
wie alle Materie. 

Mit Recht beklagt jsich Platner (de natura 
animi quoad Physiolog. bpusc, acad» pag.jSI28), 
dafs die Boerhaave^sche und Hin //er'scntf. Schute 
bei fJntersuchuog der .menschlichen Nätni- 
kräfte und der Ursache der unwillkührlichen 
Actionen über die Seele völliges Stillschwei- 
gen beobachtet hätte, als .hielten sie solche 
dabei für ganz müfaig; indessen zuletzt, um 
doch die Hauptkraft nicht ganz auszuschlie- 
fsen, einige allgemeine psychologische^ Artikel 
über die anfseren Sinne, Gedächtnifs, Einbil- 
dungskraft, iiiber Vernunft und Verstand hät- 
ten eiuHiefsen lassen. Hierin wären sie dem 
JSipicuT. ähnlich, der, nach Construirung seiner 
.Welt ohne Götter, nach Vollendung seines 
«yVerkes, mit einemmale die Götter selbst vor- 
führt, denen er dann allen Einflufs auf die 
Welt pimmt, und sie für inüfsig erklärt. Hier- 
bei. hatten sie für die Mediern weifslicher^ ge- 
,liai^delt,. wofern sie einmal die Seelenthätig- 
.keiti^n .nicht in Anschlag bringen wollen, die 
..^pi/ph^ 4er Physiologie am nächsten zukommen, 
.;iY,?pD si^■ Jene entfernteren Krhfle auch aus 
i^m« Spiel, und deti FLulosopheu gelassen hät- 
ten. Üebrjgens schienen die überfiüfsigen .6e« 



— 47 — 

geaslände in der Pb3r8io1ogi6 Bainem Urilieile 
nach weiter keinen Tadel zu verdienen ;' da- 
gegen aber auch der Mangel Tvichtiger Din^e 
geliUiit und erheischt «u werden. 



allen diesen für Jen reinen , einfachen 
.Zweck der Heilknnst iiberjBibsigen 3atracB- 
tnogen konnte es scheinen j ^Is i^ena Siäfd 
^Bor durch leere philosophische Speculutiönen 
sein Frincip habe geitejcid machen yroHen« 
Dem ist aber nicht also. Er bringt alles in 
die genaueste Verbiodung mit der Erfahrung, 
warnt aogar yor weiteren Speculationen recht 
eindringlich (pag. 68. der Suf sehen Uebers«) 
lud .nennt sie leer und gehaltlos in Besiehubg 
auf die Heilkunst. Er miilste indessen zeigen, 
; dafs er ,. nichts . mit Helmont^s jirdiäui gemein, 
und ihm nichts zu danken habe (/. c. /i, 112. 
und jlrs $an, c. exptct, c. 29.)* Seine Anima 
ist die Natur der Alten , und er will selbst 
für die. Heilkunst als wahrhaft nützlich nichts 
gelten lassen, als die genaueste Betrachtung 
der Lebensbewegung. In einem Tractal: Z>e 
natura humana, läfst er sich also aus; ,,Bei 
,,der Betrachtung der inikrokosmischen oder 
„menschlichen Katur und deren Nutzen für 
y^die Bledicin will ich vor allem jene sterilen, 
„und zwar gewöhnlich aus unzureichender Er- 
„kenntnifs des ganzen Gegenstandes entsprun- 
,,genen Einmischungen einfach physischer, blofs 
„wissenschaftlicher Betrachtungen mit medi- 
i,cinischen Anwendungen eutfernt wissen , da 
y, Letztere pragmatisch seyen^ d. h, nicht al- 
„lein zum ßegrilF der Wissenschaft, sondern 
„zur Kennlnifs und zum Vermögen der Kunst 
„sich schickeu müssen. In diesem Betracht 
„behaupte ich vor allem , dafs zum medicini- 



~ ,48 - 

',,tclieti Gebraüclie Jas o^t hinreichnj seyt 
^ydais es nämlich gewifs uj : alle actiye Wirk^ 
yySamkeit im lebenden Körper (der das eigne 
,,generiscbe''Subject der Medicin aasSfiacht), 
y^eschweige denn im, empfindenden bemhe 
^aiif der' Bewegang. Keineswegea ttSge ea -t 
lieber cur Medicin* oder zn irgend einem ge« 
jjnan^ren pragmatischen Nutzen etwas bej, 
^yweitläuflig das (Kbvi zu untersuchen, n^ea 
yyiind wtlckes Watns das bewegende IMncip 
ffi^jß und wie es seioen Act ausüben, beson- 
9,ders unbedingt den Act der Bewegüuc in 
„in sich YolUiibren und so auf etwas anderes 
9,iibertragen könne; Tielmehr darin: me es 
,,die Bewegung selbst pflege auszuSben, .and 
,,er glaube, dieses komme in keiner andern- 
,,Riiäsicht dem mediciniscben Gebrauche sa, 
y^als nach der einfachen Frage d^ ovi, k^o, 
^^ann^ wie itark, mit weichem Effect diese Be- 
,,wegungen ausgeführt werden, so yiel man 
ifduKh Sinne und Verstand erfassen kann»" 

(Die Foxtteuüng folgt.) 



t 

I 



n. 



— 49 - 



7<i 
i. 

Kl 

c 

I 



*i^*»W^ 



II. 

Ein neues 

bewährtes HeilverfaHren gegen 
den Bandwurm. 



Auf Veranlassung des hohen Ministerium der 
Gektlichen-* Unterrichts- und Medicinäl- 

Angelegenheit en 

aktenmifsig beschrieben 

vom 

Medicinalrath Dr. C a s p e r. 



^oter dem i4len October 1823 zeigte Here 
Dr. C. w^. Schmidt sen. , praktischer Arzt in 
Berlin, dem hohen vorgesetzten Ministerium an, 
daTs er seit 20 Jahren ein gan? unfehlbares 
Mittel gegen den Baqdwurm entdeckt habe^ 
ivelcbes' er, wenn vorher angestellte ölEentli- 
che Versuche über die Wirksamkeit seiner 
Kurmethode entschieden hätten, dem- Staate 
gegen eine angemessene Belohnung zu über- 
lassen wünsche. In derselben Zeit waren zwei 
ähnliche, die Kur des Bandwurms betreffende 
Anzeigen vom Dr. jBl. und dem Königlichen 
Compagnie-Chirurgus K. eingegangen» 
Jounu LXVII. B. 2. Sc D 



( 



— 60 — 

Der KönigU StadtphysikuB , Herr Dr. Na- 
torp hierselbst , wurde demnächst beauflragt, 
sich durch unier seinen Augen yorgenomine- ^ 
ne Kuren von der Wirksamkeit des Schmidt*" 
sehen Mittels zu überzeugen, für welches schon 
seit längerer Zeit auch die öffentliche Stimme 
sich se^ir günstig ausgesprochen hatte. Herr 
Dr. Natorp äufserte sich in seinem Berichte 
vom 25len Juli 1824 dahin, dafs das frngliche 
(unten genau anzugebende) ; Mittel ^^vrirklich 
vortrefflich" sey» für jede, selbst die zarteste 
Constitution , passe , nach höchstens 24 Stün- 
den den Bandwurm abführe, keine langvirie- 
rige Vorbereitungskur erfordere, und die Kran- 
ken nicht mehr angreife, als ein anderes ge- 
wohnliches Turgans. Da hier hauptsächlich 
Erfahrungen entscheiden, so führen wir sum- 
marisch die Fälle auf, welche dieser Bericht 
schildert, und die von dem Herxn Dr. Schrnuit 
unter der tnspection des Herrn Dr. Natorp 
behandelte Kranke betreffen. 

1. Demoiselle G. , 28 iahre alt, hatte, auf 
den Gebrauch des Schmidt* sehen Mittels, schon 
am lOten October 1823 drei, und am lOten 
December desselben Jahres vier Bandwürmer 
vetloren, aber dem ärztlichen ßathe,' die Mit- 
tel noch einige Tage fqrlzugebrauchen , nicht 
VcXgB geleistet. Anfangs d. J. 1824 zeigten 
sich aufs Neue Bandwurmglieder^ und schon 
hacfa der dritten Dosis der Schmidt* sehen Pil- 
len' gingen wieder zwei vollständige Bandwür- 
mer ab. Sie war hierauf wenig angegriffen, 
befand sich- vielmehr ganz wohl , und ist seit- 
dem von Beschwerden befreit. 

2. Die neunjährige H. , welche seit drei 
Jahren am Bandwurm litt, und schon Mehre- 



— 51 — 

m oline Erfolg gebraucht hattd, verlor nach 
dem Gebrauche von 12 Pillen, zu vier und 
?ier alle zwei Standen , einen Bandwurm mit 
dem Kopfe. Auch dii^se Kranke ward wenig 
ton der Kur angegriffen , und befand sich seit* 
dt|n ganz wohl. 

3. Demoiselte L. , 24 Jahre alt, sehr groft^ 
mager, schmalbrüstig, öfter heiser, hatte schon 
öfter Blutepeien und Brustkrampf gehabt; sie 
war äufserst reizbar und ihr Ansehen sprach 
lor phihisische Anlage. Nachdem die Existenz 
noes Bandwurms ermittelt war, nahm sie am 
lOten Slai von Morgens 6 Uhr ab alle zwei 
Standen fünf Pillen , und um 4 Uhr ging ein 
laoger Bandwurm (Tatnia solium) mit dem 
Kopfe ab. Abends 6 Uhr schon zeigte Patien- 
tin nicht die geringste Schwäche. 

4. Fräulein von H. , 17 Jahre alt, von 
starkem Körperbau , halte seit vier Jahren am 
ßandwurme geliUen. Sie verlor in füof Stun- 
den nach dem Gebrauche von 15 Pillen einen 
vollständigen Bandwurm {Taenia lata) ohne 
alle ültle Folgeo. 

5. Frau S. , eine schwächliche Person voii 
40 Jahren , war 4 Wochen laug durch den 
Dr. K, (einen der oben geniannten Aerzte) am 
Bandwurine ohne Erfolg behandelt worden« 
Sie hörte vom Sc/imiW sehen Büttel , nahm von 
0— 10 Uhr Blorgens alle 2 Stunden 5 Pillen, 
und verlor um 11 Uhr 3 vollständige Band- 
würmer. 

6. Dem Sohne dieser Kranken wurde in 
24 Stunden ein 8 Ellen langer Bandwurm 
durch das Schmidt'' sehe 3Iitlel abgetrieben und 
auch 

D 2 



\' -r 52 - 

?• 01^8. Sohn, 2i Jahr alt, Terlor nach 
128liiodigein Gebrauche des Mittels io kleiDer 
Dosis eiqea Bandwurm. z 

Die ad 6. und 7. genannten Kranken hat - 
indessen Herr Stadt physikus Dr. Natorp nicht 
selbst gesehen , der seinen Beriebt mit dem 
Urtheile schliefst, dafs ihm unter allen bisher , 
so gerühmten JUitteln kein einziges bekannt 
6^7, welches mit solcher Gewifsheit, so schnell 
und^nit so geringem Eingriff in die Org^nisa<- 
lion den Bf)tidwurm abtreibe^ als das Schmidt*- 
sehe Mittel. 

' In dieser Zeit hatte sic^ noch ein vierter 
(auswärtiger) A^zt, Dr. S* , hei der hohen Be- 
hörde als Entdecker eines Specificums gegen 
den Bandwurm gemeldet. — 

Den dirigirenden Herren Charife- Aerz- 
ten, Geheimerath Dr. Kluge und Regierungs- 
rath Dr. Neumann wurde eine praktische Prü- 
fung und Vergleirhung dieser verschiedenen 
Methoden am Krankenbette aufgegeben , um 
die .Vorzüge derselben und ihren resp. Werth. 
vor den übrigen zu ermitteln, x 

In dieser Beziehung heifst es im Berichte 
der Herren Charite - Aerzte vom 31leu Octo- 
her 1826: 

1. „Die Methode des Dr. K. ist ziemlich' 
aichei: in. ihrem Resultate, allein, langweilig 
und eben^tlarum theuer; zugleich mufs sie. 
nothwendig die Kranken durch das sehr lange 
Purgireu gewaltig schwachen, und bei vielen 
Menschen , denen ein secliswöchentiicher Durch- 
falV verderblich seyn würde, gatiz unanwend- 
bar sejrn.'* 



— 53 — 

3* „Die Dr. 5. 'sehe Methode isl eine der 
uDsichersren , *da bei 6 Versuchen nur Einer 
l>ei einem Kinde gelang, in 2 andern nur 
Stacke des Wurms abgingen, in 2 FäUen, wo 
der Wann ohne Zweifel vorhanden war, nickls 
^^pngy und nur in Einem Falle die Existenz 
J« Wurms »ehr ungewifs war." 

3« „Der Chirurgus K^ hatte nur Einek», 
▼ergeblirhen, Versuch mit seinem Mittel in der 
Charit^ gemacht." 

4. y,Die iS(7(miJ('sche Methode ist von die- 
sen die beste. Sit fehlte niemals , wo geivijs ein 
Wwrm vorhanden war. Wo sie fehlte , war 
die fexistenz des Wurms problematisch. Zu- 
gleich ist sie prompt, gefahrlos, nicht angrei- 
fend, und der Wurm geht ganz und leben- 
dig ab." 

In Folge dieser wiederholten Bestätigun- 
gen der günstigen Wirkung der Sc///ii/d£'schen 
Kormethode gegen den Bandwurm, sah sich 
des Herrn Ministers von Alunstein Excellenfz 
Teranlafst, bei Sr. Majestät darauf anzutragen^ 
dais Allerhöchstdieselbe dem Or, Schmidt^ un- 
ter der Verpflichtung, dafs er seine Heilme- 
thode treu und unverfälscht dem Ministerium 
der p. p. Medicinal- Angelegenheiten zur wei- 
tern beliebigen Bekanntmachung mittheile, auf 
seine und seiner Gattin Lebenszeit^ falls diese 
ihn nberleben sollte, eine jährliche Rente von 
200 Thalern zu bewilligen geruhen mochte» 
was Sr. 3Iajestät der König unter dem 31ten 
9ärz y. J. huldreichst gewährte. 

Herr Dr. Schmidt reichte nunmehr eine 
genaue Dar^elluug seines Heilverfahrens ein, 
die wir mit einigen der wesentlichsten von 



- 64 - 

dem Vf. aufgefilhrteD Bemerkungen über den 
Bandwarm überhaupt, hier miltheiien« 

• 

Man läfst Yon des Morgens an (das erste 
Mal nüchtern ]| , alle 2 Stunden 2 Efsloffel yoU 
Ton folgei^der Mischung nehmen: No. 1« üec, 
Puls^. *) Mad. Valman, min. drachm, vj. FoL 
Stnnae drachm. y. /• /. a. Inf, Colat. unc. V/. 
4Uld. Natri suiphur. crysf« drachm. üj. Syrup, 
Mannae unc. Ij. Elaeos, Tanaceti -drachm. ij. M. 
' D. S. Alle zwei Stunden zwei EfslofTel roll. 
Dabei wird schwarzer Kaffee mit vielem Sy- 
rap oder Zucker nachgetrunken, „um den 
l/Varm aus seinem Schleimbeste herauszubrin- 
gen, nach unten hinzulocken,' und den Aus-. 
gang zvL beschleunigen." 

Der Gebrauch dieses Mittels wird forlge- 
setzt bis Abends 7 Uhr. Des Mittags wird 
aine dünne Mehlsuppe genossen, nebst eini* 
gen Stücken Hering mit der Heringsmilch, und 
Abends um 8 Uhr ein Heringssalat, init ge- 
hacktem rohem Schinken , einer Bolle, recht 
yielem Oele und einer Portion Zucker zube- 
reitet« Bei diesem Abfuhrungsmiltel und der 
Sepannten Diät zeigen sich schon viele Glie- 
er des Bandwurms, und Herr Dr. Schmidt 
beobachtete sogar in 2 Fällen gegen Abend, 
nach dem Genüsse des Heringssalates, den 
Abgang eines ganzen Wurms. 

Hat dar Kranke diese yorbereitenden Mit- 
tel angewandt, so werden am nächsten Mor- 
gen, von 6 Uhr an, folgende Tillen in Ge- 

9) leh habe itiir keine Abänderung erlauben woK 
Init obgleich bekanntlich in der Regel gepul- 
99H9 SutMUinsdn nicht zu Infusionen geaonameB 
wevuon« 



T- 55 — 

draiirFi gezogen : No. 2, Rec. Ana% foetidaä, Exir^ 

Gruifünis ana drachm, iij, Puiv, Guiri, Putv. Rad. 

Rhei^ Pulv, Rad, JulappnE ana drachm, ij\ P4aIv, 

häd, fytcacuanh,j Pulv, Herb, Di^it. purp»^ Sulph. 

üib. aurant, ana scrup, ß. H)rdrwg. mur. nfüt. 

icrup, ij, Olei Tanäceli aeth.y^ üki ^nisi aeth: ana 

qu, XV, M, /. /. a. //i7. pond. gr. ij^ Comp, hy- 

Ci^\ D, ad viir. htm, obt, S. Sidadlkh eeclis 

rillen. 

9 

Diese Pillen 'werdeit* mit einem Tti^Iof- 
M voll gemeinen Syrups genommen, und eine 
halbe Stunde nach der ersten Dosis nimmt der 
Kranke einen EfslölTel voll Kicinnsol. xAlit 
den Fiüen wird, stündlicli zu 6 Slück^ fort- 
gefahren, in der Zwischenzeit schwarzer KaiFee 
mit vielem Zucker oder Syrup nachgetrunken* 
Bis um 2 Uhr Nachmittags wird der Ahgang 
des Wurms in den meisten Fällen erfolgen, 
wo dann der Gebrauch der Pillen aufhört; sind 
Dar einzelne Glieder des Bandwurms abgegan- 
gen, so müssen die Pillen noch stündlich fort* 
gesetzt' werden , bis sich . nichts mehr vom 
Bandwurme zeigt. Zuweilen erfolgt der Ab- 
leang des Wurms sehr langsam; in solchen 
Fallen läfsl man iu der Zwischenzeit wahrend 
des Gebrauchs der Pillen noch einige Male 
einen EfslölTel voll vom Oleum Ricini mit einem 
TheeioiTel voll gestofsenen Zuckers nachneh- 
inen. Zu Mitlag geniefst der Kranke nichts 
als Fleischbrühe, und Abends eine Fleisch - 
oder eine Mehlsuppe mit frischer Butter und 
Zucker. Am folgenden Tage können zur Vor- 
sorge noch einige Pillen genommen werden, 
• damit nicht ein Wurmuest zurückbleibe.^' 
Wenn der Bandvvuiai abgegangen ist, so liegt 
er auf dem Boden des INachtgeschirrs , und 



— 56 — 

idbIi Tonichtig (mit «ioer Feder) lieraiisge-: 
AommMi werdeo, damit nicht der feine Hals 
and Kopf abreifse. *)* 

*} Da liier 9 wie bei den meisun Bandwnrmkn* 
ren » so viel Wenb eaf den Abgane des Bind« 
mrBnnkopfes and deii Befund desscloen im %o» ^ 
tbe eelrgt wird , deb eben 6et Abgang des Ko» ^ 
pfcs Ykst mls cinsiges» sicheres Critct iom für des 
▼olisUndige Gelingen der Cur betrachtet werden 
solly so ma^ es am Orte seyn, an die hierher ge- 
hörigen Beobachtungen und Ansichten des ineJ- 
crfiahmen Ilelmintholo^en Bremser sn erinnern, 
der sich in dieser Ilinsicbt fians anders ^n»m 

j, spricht: ^^es ist mir ganz gleichviel, ob man im 
Abfange das Kopfende des Wurms findet » oder 
nitht« Denn es Können sogar ^ oder 5 Kopf, 
enden abgehen, und der Kranke ist doch ntchc 
Ton seinen Gästen befreit y indem man deren 
mehrere sugleich beherbergen kann* Das ein- 
siee sichere Criterium, dafs der Gastgeber von 
aller Einauartierung völlig befreit ist, besteht 
darin ^ dau im VerTiüfe von 3 vollen Monaten 
nicbts mehr vom Wurme abgeht , es sei in ein- 
seinen Gliedern oder längeren Strecken« Wenn 
in späterer Zeit« nach 2 — 3 Jahren, sich wieder 
Spuren vom Wurnie zeigen, so sind diefs gans 
gewifs neu erzeugte Würmer;" und an einer 
andern Stelle: „aus dem Umitande, daCl man 
den Kd^f des Wurms nicht abgehn gesehen hat» 
darf man gar nicht schliefsen, dafa er noch im 
Darme zurück sey. Denn gewöhDlich zerreifst 
der Wurm beim Abgange , und meist sehr nahe 
bei dem Kopfende; je näher er diesem abreifst, 
desto schwerer ist der Kopf im Kothe au fin- 
den. Die beste Methode, seiuer habhaft zu wer- 
den, ist Solc^ende: mau giefst behutsam solange 
lauwarmes Wasser über denKoth, und läfst es 
Toraichtig wieder abrinnen , bis am Ende der 
Wurm und Alles, was sein ist, rein auf dem 
Boden des Gefäfses liegen bleibt. Auf diese Art 
wurde ich auch des Kopfs des Bandwurms, den 
ich einer Petersborgerin abtrieb, und der unge* 
Aihr einen Zoll vom Kopfende abgerissen war, 
• habhaft, nachdem ich einige Eimer Wasser snm 



— Ö7 — 

Zawftileo kommen Rückfalle des Band« 
waraiBbela, besondere wenn der Kranke die 
otugen Vorschriften nicht strenge befolgt, oder 
die Arsneien häufig wieder ausbricht. Dann 
gehen wohl einzelne Bandwarraglieder ab, 
oder einige Bandwürmer, wenn der Kranke 
deren Tiele hat, aber es bleiben Wunnnestec 
sarBck, worin zuweilen sich 5, 6 kleine Band* 
warmer, wie ein Finger 'lang, befinden, die 
dann mit der Zeit wachsen. Diese kleinen 
Bandwürmer sind sehr schwer abzutreiben, 
weil sie mit ihren kleinen Köpfen in ^ielera 
Schleime versteckt liegen , und sich in die Fal- 
ten der Därme verbergen. Um solche Rück- 
lalle zu verhüten , läfst man den Kranken nach 
der Kur noch öfter Heringssalat und roh ge« 
riebenen Meerrettig mit Essig und vielem Zuk- 
ker genielsen; auch können noch alle 8 Tage 
einige Dosen Ton den Pillen genommen werden. 

Die Kur mufs nach Alter und Geschlecht 
gehörig modificirl werden. 

Kach der Kur erlaubt man dem Kranken 
^nte Fleisrhbrühe, junges Fleisch, Hühner, 
Tauben, das Gelbe vom ßi , etwas guten Wein, 
and verordnet täglich einige Male ein bitteres 
Mittel. 

Abspülen des Eoths verbraucht hatte. Unter 
jnebre^n Hundert mit dem Kettenwurme (Band- 
'Wtirm) behafteten, von mir behandelten Men- 
schen jeden Alters und Geschlechts , hat nicht 
ein Einsiger das Kopfende des Wurms abgehu 
gesehen, und doch sind 99 unter 100, so viel 
mir bekannt ist, bis zur heutigen Stunde be- 
freit eeblieben^\ {fir&msßr über lebende Würmer 
im lebenden Menschen« Wien 1819» 4* 3« ^94* 
107.) 



— 58 — 

Hat maii nur Vermutliuog, dafa ein Band- 
wonii zugegen sey, ohne dafs schon .Stücke, 
deaselben abgegangen sind, s» gebe man, um 
die Existenz des Wurms zu erforschen, nach- 
dem man Abends vorher dem Kranken einen 
Heringssalat geniefsen , und viel Zuckerwasser 
nachtrioke'o liefsi des Morgeus nüchtern mit 
Sjrup folgendes Pulver: No. 3. Rec. Pulv. 
Äa(L Jalupp. gr. xv. Pulv. Sem. Cinaa scmp. ß. 
PuIp, Gutti, Hydrarg. mur, rrßt. aria gr. v/. 
Mlaeosacch. Tanncet. drachm, /. Af. Hau läl^t 
KafFee mit vielem Syrup oder recht fette Fleisch- 
brühe nachtrinken. s. JEs erfolgen, nach dem 
Gebrauche dieses Pulvers, starke Sedes, wor- 
in sich , ini Falle der Anwesenheit eines Band- . 
Wurms, Stücke desselben zeigen, wenn nicht 
sogar, was zuweilen erfolgt, der Wurm gleich 
vollständig abgeht. Ist dies der Fall, so Kifst 
•man sogleich die Pillen stündlich mit Syrup 
nachnehmen , um, wenn mehr als Ein Band- 
wurm zugegen seyn sollte, den Kranken vol^ 
ständig zu heilen. 

Obgleich bei Erwägung der r-nfgezählten 
.Heilmittel die Conlraindicationen der Schmidi^- 
• sehen Bandwurmkur sich von selbst ergeben, 
so wollen wir, der Vollständigkeit wegen, auch 
diese, nach des ErfiiKle.rs Angabe mittbei- 
len* Die ICur darf demnach nicht ange« 
wandt werden in der Schwangerschaft, nicht 
kurz vor oder kurz nach der monatlichen Pe- 
riode, bei pyretischon Eulzündungen, bei 
Schwindsucht, Lungengeschwüren und Abzeh- 
rungen aller Art, bei lliei'senden Hämorrhoi- 
den ^ beim Bluthusten, bei der lialssch wind- 
siicht und Altersschwäche» 



— 59 — 

In Beziehung auf das JVatftrgeschichÜiche 
and l'athrüogisclie des Bandwurms hat Herr 
Dr. Schmidt wenig Bemerkens werth es niitge- 
theilt. Unter 166 Personen, die derselbe vom 
Ban^warui befreit hat, waren nur 15 Manns- 
persooen *), Von diesen Kranken halten 20 
nur Einen Bandwurm, alle übrigen zu 2 — 9, 
eine Person von 18 Jahren sogar 17 und ziem- 
lich lange Würmer, so dafs sie ein grofses 
Waschbecken fdlllen. Dieser Arzt will be- 
merkt haben, dafs Personen, welche am Band« 
wurme leiden, durchaus keine Spulwürmer 
lieben und umgekehrt, wovon ich. aber selbst, 
nnd gewifs auch andere Aerzte , das Gegen- 
theil beobachtet habe. 

Mit den in Folge der obigen Verhandlun- 
gen bei der hohen Beliörde vom Dr. Schmidt 
eingereichten Mitteln wurden nunmehr, um 
sich von deren Identität mit dem Angegebe- 
nen zu überzeugen, und ihre Wirksamkeit 
nochmals zu erproben, abermalige Heilversu- 
che im Charile -Krankenhause angestellt^ de- 
ren Resultate wir nach den Kranken- Journa«- 
len in der Kürze mitlheilen : 

1. Emilie Br. , ein 20jäbriges , graclles 
Mädchen, halte ecbon vor 2 Jahren von ei- 
nem hiesigen Arzte Mittel gegen den Band- 
wurm bekommen, wonach aber nur einzelne 
Glieder abgegangen waren. Sie unterwarf sich 
in den Tagen voin 6ten bis 8ten Juni 1827 
der Schnüdt*schen Kur in der Charlie. Am 
6ten Abends reichte mau der Kranken einen 
Heringssalat ohne Zwiebeln uud KartoiToln mit 

*) Unter 29 Bandwurm - Putientcn , von denen 
der Chirurg K. Bericht eingesandt hat, befan- 
den sieb B iVläuner und 21 Weiber. 



' — (BO ^ 

Ttelem Oel, Pfeffer und rohem Schinken, und 
2Qin Getränk Zuckerwasser. (Diese» diäteti- '- 
|_ sehe Vorkiir wurde bei allen hier aufzufiih- J 
renden Kranken^ die in der genannten Zeit.^ 
in der Charite behandelt wurden, angewandt). '\ 
Am 7ten halte Patientin, nach dem Gebrauche ;| 
der Mixtur No. 1« 5 Stühle, von denen die ' ] 
letztem schon Baddwurmglieder enthieHen. ':; 
Aui 8ten Juni nahm Patientin von 6 tJlir , • 
Morgen» ab stündlich 6 Pillen bis um 2 Uhr \ 
Machmittags, und um 6| Uhr einen £fsl5ffel -• 
voll Oleum RicinL In der vergangenen Nacht '..; 
hatte Patientin 2, und am heutigen Tage bis 
3 Uhr 6 Stühle gehabt. Alle führten zwar 
einzelne Glieder, aber keiner den ganzen Band- v 
wurm ab, weshalb Patientin um 3J Uhr noch ;; 
einen Efsloffel Oleum jfifcifii, um 4 Uhr 6 Pil- ^ 
len und um 5^ Uhr abermals einen Loflel voll ^ 
. Oleum Ilicbä bekam. Hiernach erfolgten 2 Stuhl- ' ^. 
gänge, von denen der letzte um 5 Uhr den 
Bandwurm {Taenia so/Zum, 2| Ellen Länge, 
ohne die abgegangenen Glieder) enthielt. 

2. Johann B., ein hagerer, schwächlicher 
Weber, 36 Jahre alt, der seit vielen Jahren 
lim Bandwurm litt, unterwarf sieh am 20ten 
Jun^ 1827 im Charite - Krankeuhause der ' 
«^c/imid£'schen Kur. Am 22ten Juni vor 2 Uhr> ' 
gingen ) nachdem Tags 7.u vor viele Bandwurm-* - 
glieder abgegangen waren, 7* Baadwürmer^ 
j6der von 2 Ellen Länge, ab. Bei allen aber 
waren , obgleich die Hälse bis zur Dicke von .-, 
circa 2 Linien ausliefen, selbst durch Vergrofse* - 
rungsgläser keine Köpfe zu bemerken. Meh- 
rere nach 4 Uhr erfolgte Stuhlgänge führten 
indofs keine Band wurmglieder mehr ab^ und 



— 61 — 

der Kranke yerllefs am 23teii JTuni als geheilt 
3im Anstalt. 

3« Wilhelm M. , ein 24jährigery schwa* 
eher nianOy hatte seit mehreren Jahren am 
Bandwurm gelitten. Im Juni 1827 hatte er 
durch Oleum Ricini und andere abführende Mit* 
tel sich von demselben zu befreien yersucht^ 
auch wirklich 2 Eilen davon verloren, war 
aber dadurch nicht vollständig geheilt worden, 
«nd unterwarf sieb daher am 13ten Juli 1827 
der Sc/imic/i'schen Kur in der Gharite., Nach 
dem Gebrauche der Mixtur No. 1. erfolgten 
5 — 6 Stuhlgänge, aber ohne Bandwurmglie- 
der, und es zeigten sich dergleichen auch 
nicht, weder in den Stühlen, die des Nachts, 
oder in den Abgängen, die reichlich am fol- 
genden Tage beim Gebrauche der Pillen er-- 
folgten. Es wurde deshalb nach den letzten 
FiUendosen noch um 2j-, so wie um 3^ Uhr 
•in Efsiöflbl voll Oleum Ricini gegeben, worauf 
endlich um 3^ Uhr 2 Slücke Bandwurm, je- 
des von einer halben Elle Läoge, abgingen« 
Aus der Breite dieser Stücke war zu ersehen, 
dafs das Ganze das Kopfende des Wurms war, 
und es ist wohl anzunehmen , dafs der Kopjf 
selbst beim Durchsuchen nur unbemerkt ge- 
hlieben ist, da das schmälere Ende des einen 
Stücks so dünn auslief, dafs höchstens nur 
noch einige Glieder bis zur SaugofTnung feh- 
len konnten. Die beiden Stücke bildeten ur- 
sprünglich besliinmt nur ein Continuum, da 
die Breite derselben genau zusammenpafste« 

4. Friederike B. , ein lOjnhriges, starkes 
Dieostinädchen , bei welcher sich öfters Band- 
wurmstürke im Sluhlgange gezeigt und Be- 
scLwerdeii eingestellt hallen, nahm am 28ten 



-» 62 -» 

Jnli Abends einen Heringssalat, und am 29teB^ 
und 30ten die vorschriftsmäfsigen SchmidCsthen 
Mittel. Beim Gebrauche der Pillen (am 30ten) 
erfolgte bei den häufigen Stuhlgängen schon 
um. 8 Uhr Morgens der Abgang eines Band- 
wurms von 3 Ellen Länge mit dem Kopfende. 
Zwei ai^dere Wurmer von derselben Länge . 
gingen gegen Mittag ab. Bei keinem dersel« .] 
ben war der Kopf selbst aufzufinden, docb ' 
wird auch hier bemerkt, dafs die Kopfe hoclist i 
wahrscheinlich abgerissen waren und unbeach- 
tet blieben, um so mehr^ da diese WBrmet j 
so mürbe waren , dafs man nicht eine halbe } 
Elle davon auflieben konnte, ohne dafs sie/< 
rissen. Da indessen bei jedem der nachfol« 
genden Stuhlgänge noch Stücke abgingen, ,80 J 
wurde um 3 Uhr noch ein EfsloiFel voll ÖL' v 
Ricini gegeben, und am Abend bekam die Kran- '1 
ke eine Meblsuppe mit 4 Lolh Zucker und \ 
ein Milchbrod« Am Slten wui^e sie, da in ^ 
den letzten Stuhlgängen sich keine jBandwurm- ; 
glieder mehr gezeigt hatten , entlassen. .^ 

5. Maria M. , ein 26 Jahre altes, gesnn- / 
des Mädchen , hatte schon seit geraume? Zejt | 
Abgang von Bandwurmgliedern bemerkt, und .' 
auf den Gebrauch von (pnrgirenden) Haüsmit- ^ 
teln of(er bedeutende Stücke abgeführt. Da 1 
sie heftige Beschwerden hatte, suchte sie in \ 
der Charilo Hülfe. Sie bekam am 3iten Juli 
Abends einen Heringssalat unil am Iten Au- 
gust die Mixtur; es erfolgten mehrere Stuhl- 
gange, aber keine Baudwuriiistücke. Gegen 
10 Uhr am folgenden Tage, beim Gebrauche 
der Pillen, gingen einzelne wenige Band- 
wnrmglieder , und Nachmittags gegen 4 Uhr 
ein etwa j Ellen langes Kopftnde eines Band« 



— 63 — 

wnnnft ab, am dem jedoch die Saugoffanng 
aitht aufgefunden werden konnte. Am 3len 
irJiielt die sehr angegriffe&e Kranke £lioär 

Jurant, comp., und am^ 4len AugoAt yerliefi 

iia hergestellt die Anstalt 

6« Am 3ten October 1827 wnrde fien-^ 
nette K. , eine 49jährige Oberstwittwe , ein 
durch mannichfache Leiden sehr herunterge« 
kommenes Subjekt in die Charit^ aufgenom- 
men. Sie hatte seit vielen Jahren häufig ei- 
nen harten , aufgetriebenen , bisweilen sehr 
schmerzhaften Unterleib , schleimiges Erbre- 
chen, viele Beschwerden nach siifsen Spei- 
sen, sehr unregelmäfsige LeibesölTnung, und 
in der letzten Zeit öfters Abgang von Band- 
wurmstiicken gehabt. Bei dieser Patientin 
wurde, der gröfsern Sicherheit wegen, die 
Vorkur eingeleitet, uud am lOli^n October 
Abends ein Heringssalat, ajn ilteii Slorgens 
nüchtern das oben sub Mo. 3. aufgeführte Fuiver 
gereicht, worauf einige Sedes eintraten, die 
mehrere Wurmslücke enthielten. Airi 12ten 
pahin Patientin die Mixtur, wonach sie sich 
einige Male erbrach , und die vorsclirirtsmäfsi- 
ge Diät. Am 13ten wurden die Pillen ge- 
reicht, worauf um 10 Uhr Vormittags häufige 
Stahlgänge erfolgten , die ,,eiDe bedeutende 
Menge Bandwurinstücke" abführten. Diese 
Kranke wurde von der Kur sehr angegriffen, 
erholte sich indessen bei guter Diät und dem 
Gebrauclie bitlerer Mittel, und konnte am 18ten 
geheilt entlassen werden. 

Aus allen vorliegenden Erfahrungen geht 
[ sun wohl unstreitig hervor, dals sich die 
l« fragh'che Kurmelhode durch ihre Sicherheit, 

; durch die Kürze der Zeit, in welcher die Mil- 

\ 
I 



-^ 64 -- 



•3 



td ihre lYirkiio^ aufterB, und darcbUire 6er- j 
Ikbriosigkeit eiii|ifehle, and dab sie, wenii^^ 
auch von ihr so wenig, als von eiiiar andern '>i 
Bandwnrmkur nicht erwartet werden kann, dafa- ; 
sie ein absolutes Specificum^gegen den Band^ ! 
wurm seyn ' werde, jedenfalls eine bocbst ; 
^chattbare Bereicherung der praktiscbeii Heil^.^r 
künde genannt su werden Yerdient. 

Berlin I den 3ten Julius lä28r . ' < 



I I ifc 



r 



I ^ . 



^ / ■ ' 






III. 



~ 65 ^ 



• V 



IIL 

M i s c e 1 1 a n e e n 

aus alter und neuer Zeit 

im 
Gebiete der Arzneiktmde. 

Von 

Dr. J. A. Pitschaft^ 

GroDilienogl« Badenichcn Hof» and Mcdisiiul« 

Rathe su Carlsroiie* 



Forsan §t haee olim meminisse juvahit^ 

Terent* 



l^ei den alten Aerzfen biefs der Crocus : Ani* 
ma pulmonum , die ^loe : jlnima ventriculi ^ das 
ü/teum: Anima hepatiSj das Colchicum: jiidma 
vikulorum^ der Zinnober x Magne$ epileptiae. 
Anfiallend ist es , dafs viele Neuere ihm gar 
k«iae Arzneikraft zuschreiben wollen , zu dem 
Ende scheint aber schon Cartheuser das Meiste 
beigetragen zu haben — , da doch ältere Aerzte 
▼om ersten Range, als Crato^ JEttmüUer ^ Po^ 
itr^ Büglivi^ Fr. Hoff mann j Schulze und viele 
lodere ihn in der £pilepsie, überhaupt als ^ 
(kphaUcum so hoch preisen» Neuerer Zeit wurde 
Joam. LXT JI. B. 2. St. E 



- 66 — ^ 

•r Ton Dr. Ludwig f^ogd in syphilitischen und' ^ 
andern Dnisenleiden, so wie nicht minder |e-/ - 
gen Tenerische Hautausschläge sehr empfuli* 
len. Quincy und Altynt empfahlen ihn vor- ' 
züglich gegen Lepra. Aach sind in der neue- 
sten Zeit Zinnoberräucherungen gegen die harU 
nädLigsten venerischen IJebel empfohlen worden. -' 

He//e6eriis heifs{ : Christwurz; Graüolai Grot- 
tesgnadenkraut; Anagallhi Gauchheil. Gauch 
altteutsch gleichbedeutend mit Gecke ; die Pflan- 
ze heilst auch Vernunftkraut, f^iscian ^utr-^ 
num nannten die Druiden Gust-Hyl. Sie'war 
ein Hauptarzneimittel von ihnen, jäntnüsla 
vuigßtii heifst Stabwurz, ßeyfufs; S^cah cornu^ 
tum : Mutterkorn ; Origannm : Wohlgemuth ; 
Imptratoria: Meister würz (ein im Hintergrund 
gestelltes Mittel) ; Pimpinella, StaJiPs Lieblings- 
mittel in bösartigen Fiebern — teutsch, blut- 
verzehrende Bibernell. ,)Esset ihr Bibe'rneil,' 
so sterbt ihr nicht A.ell'\ altteulsches Spruch» 
wort in bösartigen Seuchen. 'Melissa : Her2- 
kraut; die allen Aerzte, und vorzüglich JRive- 
riiis, gebrauchten sie in der Hypochondrie und 
Melancholie. ,,Vor dem Hollunder zieh den 
Huth ab, vor dem Wachholder beug das Knie'% ' 
altteulsches Sprüchwort. 

Unier der 'Benennung Mal de St. Jtan^ 
yerstand man die Epilepsie — daher wohl 
der Aberglaube, dafs man die Artemisia Wür- 
fel -Kohle auf St. Johannis ausgraben mits^e. 



In Beziehung auf die'pfofse Wirksamkeit 
der Jode ge^en Skrophein isf es interessant 
zu wissen: daiJB der gepulverte Badeschwamm/ 



; ^ 67 - 

I auf Honie als Latwerge gegen Skropheln' und 
DroienTerBärtuDgen eines der ältesten VollU* 
mittel bei den Russen ist. 



Die Chinesen blasen den Borax in Pal« 
Tsrgestalf bei HalsentzünduDgen . auf die ent* 
xoadeten Steilen* Dieses Verfahren preifst 
aeaerdings Dr. Bretonneau als sehr bewährt, in« 
dem er auch zugleich angiebt, es sei ein Volks- 
mittel in der Gegend von Tour. 



Auf Cayenne mischt man zn unverdauli« 
dien Speisen yiel Chenopodium jimörosiodes. 



Dil die Goldpräpärate gegen Phthisii tüber^ 
cubfn neuerdings wieder empfohlen werden ; ' 
80 ist es nicht ohne Interesse zu wissen: dafs 
die Aerzte der Hindus Goldplättchen in der 
LuDgensucht gebeo. Die Araber, Perser und 
lodier halten Gold für herzstärkend. ParactU 
siis empfahl es in Herzkrankheiten. Bloralisch 
geoomuien verdirbt es oft das Herz. 



Wen die Stelle in Göthe*g Biographie 
Ton Benvtnuto CelHni Interessirt , wo . mitge- 
theilt wird : dafs in Italien grober Diamant- 
slaub als kngsain todteudes Gift angewendet 
^virily der iii.ig Sinnen Tractatus posthum. p. 
130. nachschlagen« Es fällt bestätigend aus. 



'» 



R 2 



— ea — 

. Di« erst« Spur yon dem sogenannten 
l^eftlfatfk aus Alraun , Dudaim^ wahrscheinlich 
jitropa mandragota L, , findet sich Afotes i. B. 
C. 30. V. 14. 15. 16. Rahd, JacoVs Weib, 
wurde auf den Gebrauch dieses Mittels schwan- 
ger. Unsere Atropa BtUadonna soll die Rigi- 
dität der Gebärmutter heben. — Nach einigen 
soll Dudaim^ Alraun^ unser Knabenkraut eeyii« 

m 



Die Erfindung des Biers, Zithum^ datirt 
sich aus Aegypten. Serodotf Diodor^ der Dich-, 
ter ArchUochus^ der ungefähr 700, und ^esc/ii- 
liu und SophokltSf welche 400 J. vor Gh. leb« 
ten, erwähnen desselben. Diotkoridza schrieb 
dem Genufs dieses Tranks die Entstehung der 
L%pra und der Elephantiasis wohl mit Unrecht 
zu. L. 2. €• 97. Das Ale der Engländer, was 
dieses Volk in Schwindsüchten gebraucht, ent- ' 
hält Hedtra terrtHris. Bekanntlich hielten die 
alten Aerzte diese Pflanze für ein grofsss Mit- 
tel in der Lungensucht. 



Erste Nachricht von den Aerzten : f^Jo^ 
iiSiph befahl seinen Aerzten seinen Vater tu 
„salben; und die Aerzte salbten Israel." 1. B« 
Mo$. 60. C. V. 2. 

^ Das 13. Cap. des 3. B. handelt vom Aus- 
sätze, vom Grind und von den polizeilichen 
Blaafsregeln dagegen. 

tßß B. 15. C. V. 3. ist des eiterartigen 
ses aus der Harnröhre gedacht. 
1. B. 18. C. V. 22. 23. findet sich 
das Gesetz wegen Sodomiterei und Knaben- 
schänderei, eben so C. 20. V. 13 — 15 — 16. 



6ft — ' 



Mao Teri^Ieiche Römer 1— 26. 27. 1. Epbi. 
an füa Cor. C. 6. Y. 9. 



Fabst Ülrbdn der 7te erliefs efn Dekret >oii 
ExeommunicatioD gegen Alle, die in der Kir- 
che Taback schnapfeD würden: 1643 wurde 
in Rufsland das Tabackrauchen hei Strafe des' 
Haisabschneidens verbolen. 1661 stellte der 
Rath zu Bern das Rauchen gleich unter dem 
Ehebruch , die ineisten öesetze der Art achie-- 
oeo sich auf den Wahn zu gründen , als ua* 
che der Taback unfruchtbar. 

Jacob der öte. Konig von England, er- 
lieb ein sehr warnendes Decret gegen das Ta-;- 
backraucheui worin es unter aqdern ^heifst: 
Ran visu turpem , olfactu insuavem ^ c&ehro no^ 
anom, pulmonibu8 damnosam et^ Si -dicere Uctai^ 
atri fund ndfulia tartareos vaporei prooßUne reprae- 
stniantem. 



Inflatum circa fascia ptctus erat, Ovid. Art. 
Axnat. Lt. IIL v. 274. — Fascia crescentes Do- 
minae compesce papillas. Marüal, L. X.IV\ £pig. 
134. zeigt: dafs die üppigen Römerinnen schon 
Scbnnrhrnste trugen. £s giebt noch mehrere 
Stellen die es beweisen. — Die erste Nachricht 
ton Schminke und Sclileppkleider kann man 
JtSQJas 3. 16. lesen. 

Quid^ quod et antiqius uxor de moribu» iUi 
Quaeriturf o Medici medium pertundite venam, 

Mäinlicli Jbvmal Erklärt in seiner satyrischeu 
Laune den , der sich eine Frau nach alten Sit* 
leo buchen lassen will , für wahnsinnig» Si- 



_ 70 — 

cherlich meiot er damit die V^na fronfaUs. Sc 
tfra VI. V. 45. 



Aimfy qaa% enuchi imbtlks^ nc molUa Simper 
Oicula deUctent^ et dtsptrato barbae^ 
Et quod übottivo non est opus. Illa vohtptag 
Summa tarnen , quod jam calida matura juventa 
Jnguinä traduuiwr medids ^ jam pectine rdgro» 

Ibidem J^. 364. 



\ 



Qualiacumque voles Judad somnia K^induni 
Ibid, 574. Auch bei uns machen alle Jüdio 
nen noch ein Gewerb aus Kartenschlagen u. s. ^ 

-— -— ^-^ Frontemque manumque ^ 
Praebiblt pati crebrum popysma rogantL 

Ibid. V. 83. unsere Chiromantig. 

Tantum artes hujus^ tantum medicarruna päsnati 
Quae iterües facity atque homines in venire ne 

candos *) 
Conducit. Ibidem. V. 555. ! ! — 

Ueberl^aupt eine fiir Aerzte merkwürdig 
Satyre. 

{^d faciam ? sed sum petulanti 

Spkne cachino. I^ersius Sat, /. . 

Std «I intus et in jecore aegro, 

Nascuntur domini. Ibid. Sat, V. 

*) Diefs erinnert an Ovid^s X. 2. Eleg. 3. -« 

Qude prima instituic teneros avellere foetut 
Militim Juerit digna perire sua, und 

,Haee nequo in Armeniis Tigris fecere latebrii 
Psrd§re 'nee foetus ausa leaena suos, 

jit tenera^ faciunt , sed noh impune pu$llaß i 
Sm^9- tuos utero quae necet., ipsa perlt. - 



^ 7t — 



Cum tibi flägrans qmor iaeviet 

Grca jtcur ulcerosum, HoraU . Od. f. 25 «^ 15. 



Die Abkunft .des Worts Onanie ist vielen 
unbekannt, ja es wird sogar hin Und wieder 
für ein griechisches Wort gehalten. Folgende 
SleJIen aus der. heiligen Schrift werden. Aqf- 
xliluls geben : Da sprach Juda zu Ono^n (sei-, 
iwm Bruder), lege dich zu deines Bruders 
Weibe und nimm sie zur Ehe, dafs du dei- 
■eai Bruder Saamen erweckest. ^) 

Aber da Onan wufste, dafs der Saam« 
nicht sein eigen seyn sollte^ wenn er sich zu- 
5eines Briaders Weibe legte, liefs er's auf die 
Erde £al]en und verderbte es, auf dafs er sei-« 
nem Bruder nicht Saamen gäbe. Das §efiel 
dem Herrn übel, das er that, utrd tödete ihm. 
I. B. Mos, 38* C. Aufechlufs über den Sinn 
Jieser Stelle giebt das 5. B. 25. C. 5. 6. 



In Äegypten soll das JVIondlicIit und das 
Schlafen im Alondlichte ohne verhüllte Augen 
nacht heiliger auf die Augen wirken als das 
.Sonnenlicht. Der Verf. der dieses im Mor- 
^enblatt 1824. Ko. 134. .mitiheilt, iührt zu 
•lein Ende eine Stelle aus den Tsalmen, die 
.-r dahin deutet, an: ,,Die Sonne soll dich 
•licht am Ta^e berühren; und der Alond nicht 
<iei Nacht. **) 

*) ,,Eiwcckesi^\ diese Stelle hat von ff^endelstadt 

in seiiicp:! Aufsatz ^»Eiwecliuiig früher schon 

i<efracliteier Ksinie 010.'^ benutzt. — Hr. Hufe* 

'latJil liat sie abwr in dar Aiimerkuiij; richtiger 

gewiiidi^r. Dessen Jouru; Febr. 1818. p4 73. 

«•) Luther übeiseut Psalm 121. 6: Dals dich des 



— 72 — 

lo ^rorfap't Notican ans dam Gebiafi 
IValor and Hailk. lasao wir 13, B. & 
,,DaIi§, wann man- an gewissen Ortan ein i 
,ygatodtates Tliiar dan Strahlen das VoUni 
y^aussatzt, es nur wenige Stunden zu l 
yybraucht, um in eine ▼erdorbena Masse 
„wandalt zu werden, während ein an 
,yThiery was nur wenige Pufs entfernt 
y^abar nicht den Mendstrahlen ausgesell 
„nichts Aehnliches erleidet.*' Als ich i 
las, fiel mir eine Stelle aus van Hdmont 
,^Si homoj vel brutum^ una slatem nocte, 
luna (pleno namque ibi radio) , mortuum 
noctarit^ sequenti mane Codavtr putrilagim 
ßidt. CuQun occasinne inter experimenta 
tum est, . Si quis verrucas^ meliceridet , /i 
tinülesque txcrescenüas f collecto in conum 
luminej per vitrum supetradiet ^ donec frigus 
ienserints jacih deinctpg sua sponte tvane, 
Ntc ntirum id, quippe ejusmodl defectusxn 
auscultant lunae, Hinc ttiam ejus decrement 
dlicius peritura, Scio equidem^ si luna supe 
nuM spknduerit y mox labva iivescere, ac san 
r€$i9tm €tc:^ Op. Medic. p. 115. *) 



Hodgskin^agt: Die Indolenz derTeuti 
kommt, däucht mich, besonders daher, 
sie in warmen Kammern und Feaerl: 

Taget die Sonne nicHt steche, noch der 
des Nachts. Man vergleiche Froriep^s Nc 
■ NaC und Heilk. S. 233. Hier findet der 
•iae Bestätigung der Angabe' des angefj 
BSorgenblatts. 

^ Mai^ värgleiciie Not. fAr Natur nnd ] 
'^ 17^ B. Wirkong^ des Mondlicbts auf Pfii 
S. 117. 



- -^ 73 ^ 

idihfahf tind dacTarch ia eine Immerwährende 
AssdSnstung versetzt werden. Zum Ueber- 
llnfs sieheo sie nan noch flaneilene Nacht- 
jadken an. Das Alles bringt eine Art von 
Schwitzbad zu Stande, welches nothwendiger 
Wiise wie ein zo häufiges Baden in warmeu&^ 
Wasser schwächen mufs. Ein solcher Schlaf 
Laon unmöglich stärken. Eine Art „träger'* 
Gfiondheit wird durch dergleichen Vorkeh- 
nngeo wohl hervorgebracht, aber alle frische 
ud kräHige Munterkeit des Körpors wird ein- 
gsbobt. Dafs die Teutschen s7ch durch Ruhe, 
Stille, und Mangel an Energie vor allen an* 
dern Nationen Eoropens auiszeichuen , ist ge- 
wüs eine Folge ihres körperlichen Zustandes. 
Du hindert sie freilich nicht am Denken, 
Schreiben und Sammeln Tag für Tag und Wo- 
che für Woche ; es hindert sie nicht alles das, 
Wis andere Volker thun, auch zu thun, und 
swar mit Stetigkeit und ohne Besorgnifs^ eben 
ihrer Gesundheit zu schaden; aber das Be- 
darfnifs, und der Wunsch zu thätiger Krafl- 
iufserung wird bei ihnen selten angetroifen. 
E. N. Zeitung fdr die elegante Welt , 1824. 



Die gewohnlichsten Krankheiten dar Tür- 
ken sind Schnupfen , Husten, asthmatische Be- 
Khwerden, Hautkrankheiten, Flechten, l)e- 
sonders auf dem Kopf (ihre Turbane), schlechte 
Verdauung und viele MagenübeK Ihre fetten 
Speisen, ihr unthätiges Leben, ihr UDinäfsiges 
Tabackrauclien und der häufige Genufs des 
Opiums, sind wohl die Hauptveraulassungen 
ta diesen Krankheiten. In ihrer Jugend lei- 
den die Türken häufig [an Rhachitis^ Bräche 



— /* — 

• 

•iticl . !a der Türkei gar nicht selten , >MLiihiiie 
UDd Krüppel sind keine seltene Eracheioung, 
Aufser der Pest, der nicht seilen Menschen- 
|)ocken vorausgehen, kommen im, Hejrhste häii^ 
Hg GaUenfieher vor. 3ei Erwachsenen ist 
BUocIholt ein s^hr gemeines Uebel. ^Nirgend» 
ist die rfnsriierei ^ und die UiiwisseiAieit.ia 
der Mediciu grölser als in diesem Reiche., 



In Aegypten ist die Hundswuth gar .picht 
"bekannt. Die Hunde laufen zu hunderten frei 
herum. Taube, Stumme, Kropfige, giebt es 
daselbst fast gar keirya, Krüppel ^sehr wenige» 
Wahnsinn ist unendliche seilen« Aber die 
Sterblichkeit in der Kinderwelt ist grofs. 



MauriceaUy ein vorzSglicber Geburtshelfer : 
und Arzt seiner Zeit, erzählt in seinen Schrif« 
ten , dafs er 6 Menschen - Pocken mit auf 'die 
Welt gebracht habe, seine Mutter habe sich 
in den letzten Tagen ihrer Schwangerschaft 
beständig mit seinem pockenkranken Bruder 
beschäftigt gehabt» 

Der Lesei: wird hier des in diesem Jour- ^ 
nial Decemb. 1826 von Tortual mitgetheilten - 
Falles gedenken. Eine schv«angere Frau pfieg|t . 
mit Anstrengung -vier Wochen lang ihren 
scharlachkranken Mann und Sohn, und gebar 
einen mit Scharlach bedeckten i^nabeu. 



Die Mutter Ludwigs des 14len lebte 22 
Jähre kinderlos in der Ehe, bevor sie diesen 
kriegerischen König zeugte. 



— .75 — 

Fabflt NHotauM der Dritt t yierwi^ die Am- 
te aus Rom. 6irach sagt: „Ehre den Arzt 
' mit gabiifarlicher Verehrang u. s. w.'' ^ 



Philipp, Markgraf za Baden (1505) wAr 
gsnothigt, eine Hebamme für seine schwan- 
gere Gemahlin aus NSrnberg kommen zu lassen. 



laühtr hat, wie er in seinen Tischreden 
nihlt, „drei Pestilenzen ausgestanden,*' und 
ab Seelsorger seine Kranken ohne Scheu be- 
tilirt, er wurde nie angesteckt. 



Eine zwischen dem zweiten und dritten 
Tage nach dem Tode der Mutter erfolgte Ge- 
Imrt eines todten Kindes erzählt Schenk im 
Aprilhefte dieses Journ. 1821. Bei Durchle- 
nng dieses Aufsatzes fiel mir ein, was F^a» 
kriuM Maximus De miracuUs C. 8. sagt: Gor^ 
giat quoque Epirotae fortis viri clara fuit origo^ 
qui in funere matris utero fuerit elapsus^ inopi* 
Wo vagitu suo kaum ferentes consistere 'coegit^ 
ntMimque spectaculum patriae praehuit ^ ex ipso 
gcwrnV/s ro^'o lucem et cunas assecutus: eodem 
tnim momento temporis , altera jam fato functa 
parlt , alter ante- datvs , quam flatus est. * 



In den Städten Danzig, Thorn, Königs- 
hergy und bei teutschen Familien in Litthauen 
I Holl man noch vor 30 Jahren in \ielen Häu- 
sern täglich den wohlgesandelen Stuben bo Jen 



r 

- 76 — 

mit MschMii gehaekMm Kalmos imcl Tannen« | 
swaigen bestrevt haben. W$re eine solche 
Besirenung des Fafsbodens der Zimmer man-, 
eher Kranken mit frischen und nach UmslSn« 
den anch trocknen Kräutern nicht anwende 
bar? z. B. bei Lnngensnchtigen mit frischen. 
Tannenzweigen, namentlich mit Turiime$ pini 
n« 8/ w. Bei der geschwHrigen Lungensneht''^ 
dürfte der Kranker auch täglich einige . 2«eit 
lang auf einen Fnfsboden auf und nieder ge- S 
ben, der mit Kohlenstaub bedeckt T?äre« '" 



Der geliebte Arzt JDu Mouliit hinterliefs ;j 
seinen um den bevorstehenden grofsenr Ver- 
lust bekümmerten Freunden folgendes Ver-' 
mächt nifs: Je vous laisse en mourant deucc grandi 
Jdedecins: la JDiete et P£au. ' 



Montaigne sagt; ,,Die meisten, und ich 
glaube zwei Drittel aller Heilkräfte bestehen .. 
in der Quintessenz oder in der geheimen Ei- '' 
genschaft der Kräuter und Wurzeln, wovon i 
wir nichts anders als durch die Anwendung •■! 
wissen können : denn Quintessenz ist nichts (j 
anders als eine Eigeoschaft, deren Ursache '.| 
wir durch unsere Vernunft nicht ausfindig nEia*,/^ 
.chen kSnnen,'* ' 



t 



Der Vater des Dr. Paul Joseph Bärthit zu 
Paris lebte als er 96 Jahre alt geworden war, 
und seine zweite 04 Jnhr alte Ehefrau durch- 
aus' glicht überleben wollte , 36 Tage einzig 



- 7? - 

I 

wo d«in GeoUise des Wassa^s/ und yar« 
diied. 



Plato untersagte vor dem achtzehnten Jahr«. 
•B Genofs des fYeios. Dagegen meint er, 
ich dehn Tierzigsten Lebensjahre dürfe man 
oll Bachus schon etwas mehr huldigen, als 
■ «rstan Mannesalter; der Genufs des Wei« 
M erhalte in diesem Alter Frohsinn und Ju« 
indtichkeit. Er hegt sogar die Meinung (und 
II Recht); dafs der yemiinitige Genufs des 
Feins der Seele Mäfsigkeit und dem Leibe 
•sondheit verleihe. Der Wein ist auch in 
w Regel mehr für den Gesunden, als ISr. 
n Kranken — denn den Reconvalesoenten 
Um ich schon zu den Gesunden. — 



In Napoleori's Testament heifst es: Au 
irurgltn en chef Larrey j cent milles frohes, CPtii 
\ommt !e plus vertueux^ que faie connu. 



,y5ir fPlUiam Jones behauptet, dafs die 
sdischen Aerzte oft gelehrter als die Brah- 
ninen sind , olioe ihren Stolz zu besitzen^ 
ind die liebenswürdigsten und tugendhafte« 
ten Menschen unter diesem Volk, ausma« 
:hen. Sie studiren ihre Arzneikunde aus 
len Büchern , welche Wmdya genannt wer- 
ten ; die Sittenlehre aus * dem Radschaniii 
Furstenlehre) und Nitisastra,^^ Herder^s An- 
irkungen zur Sakontala. 



ritai« 



— 78 ^, 

« 

Dr. MMad , dieser berühmte Arst war mh 
dein koiiiglichen Leibarzt Frand auf das In-r 1 
nlgste verbiincleD. Freind geborte zu seiner .| 
Zeit (in der ersten Hälfte des 18ten Jabrh.) 
cor Oppositlonspartbei, und diefs ward ihm j 
80 übel genommen , dafs man sogar eine l)och^ i 
▼erratbsklage gegen ihn erbob, und ibnin-deB- -^ 
Tower setzte. — - Etwa secbs^ Monat nachher £ 
wurde der Hauptminister von einer sehr hef- 
tigen Krankheit befallen ,- er iiefs sogleich 'den ■[ 
berühmten Mead rufen, er erhielt auch Toa 4 
ihm die Versicherung, dafs er ihn ganz* ge- 
wifs herstellen, jedorb ihm nicht ein Glas 
Wasser reichen würde, bevor nicht Freind aus 
' dem Tower entlassen wäre. Anfangs zwar 
wollte der 31inister nicht daran, aber als Um 
Krankheit, da Mead nicht den iniudeslen Aatb 
ertheileu wollte, zunahm, beschwor er -den 
König , den Verhalieten die Freiheit *zu schen- 
ken. Nun verordnete Mead dem Kranken 
eine Arznei, und er sah sich schnell wieder' 
hergestellt. — ^ Nicht zufrieden damit, dafser>: 
seinem Freunde zur Frfibeit verbolfen hatte/-' 
überbrachte er ihm auch 5000 Guineen, die 
er von Kränkeln erhalten hatte, die sonst b^i 
seinem Freunde Hülfe zu suchen pflegten, di^. 
er aber wahrend dessen Gefangenschaft b0« 
sorgt und geheilt hatte. 

Als Mead am Siyx erscliien , rief Pluto voller 

Schrecken : 
Weh mir^ nun kommt er gar die Todten zu 
^ erwecken. 

^ I^essing, 

Wer gleicbeu Antheil an diesem herrli- • 
eben Arzte, an diese^l erhabenen edlen Man- , 



* •• 






— 79 — 

BS*' mit mir niinmt^ der lese auch wie ihn 
Toung in seinen Sldchtgedanken (2te Nacht) 
ftrhe^rlichte. 



Der Schottische Arzt Rogertson bezeich- 
nete Necker^s Krankheit im Jahre 17ä6 • als 
lue amöiiion raittee» . 



Kaiser Hadnan^ ein gelehrter Fürst, der 

sdtMt Arznei wisscuscliaft studirt halte , rief 

• Bshrinalen auf seinem Todtenbett aus : ,,Die 

^JUenge der Aerzle hat mich gf-iödtet/' Es ist 

Bach den Grofsen der Erde auch das Schicksal 

der Aerzte — dafs sie gewohnlich eine Menge 

Aerzte um ihr Krankenbett versammeln* — ^) 



Casanova sagt in seiner Selbstbiographie 
Ton Mallen ,,Mein Einpfehlungsscbreibeu an 
Haller stellte mich einem Manne von hohem 
Wuchs — er mochte sechs Zoll haben — ge- 
geoiiber , dessen Physiognomie den vollen Ein- 
druck der Schönheil gab. Was dio Gastfreund- 
schaft nur zu bieten püegt , gewahrte mir die- 
ser grofse Gelehrle. So oft ich eine Frage an 
ihn that, schlofs fr mir seinen wissenschaft- 
lichen Reichlhum mit einer Bestimmtheit aufy 
die Uewiindenmg verdiente. Dies geschah auf 
•ine so bescheidene Weise, drifs ein Mensch 
ivie ich , sie leicht hätte übertrieben finden 

•) TW« »;f^f »re'sagi : ,,Ein Corcilium von Köpfen 
sei^e oi'i weiiig<>r Ko2?r, «is eiiiei davon/' 



— 80 — 

können « n. s. w«^ Und : ^^Seine ^tteci^f^icfa- ; 
net#n «ich durch seltene Laiiterheil aus« Das 
beste Mittel Andern Lehren zu gebto , ' ist 
durch eigenes Beispiel ibrje Tiichtigk|;it zu ei^ 
härten, sagte er mir.** Und — „^oZ/cr*« Ta- 
fel fand ich reich besetzt , ibn selbst aber sehr ' 
mäfsig. Sein einziges Getränk war Wasser, 
erst beim. Nachtisch nahm er ein kleines Glas ' 
Liqueur zu sich, welches er in ein grBfkeres 
mit Wasser gofs." 

,,Von Boerhaave^ dessen Lieblingsschüler '" 
er gewesen , erzählte er mir viel. Er hielt 
ihn nach Uippokrates für den gröfsten Arzt, 
und stellte ihn als Chirurg über dieselS-und < 
über alle/ die später gelebt. Das yeranlaCiteL 
mich zu fragen , weshalb Boerhaave selbst kein •; 
hohes Alter habe erreichen können. Qjda \ 
contra vim mortis nuUum igt rnedicamen in /lör- i 
iis^ erhielt ich zur Antwort.*' 



Charlatanerie ist Alles, was nan als zum 
Zwecke gehörig angesehen will, wovon man 
weifs, es gehört nicht zum Zweck. 

Wer dein Unwahren dbn Schein der 
Wahrheit, dem Unwichtigen den Schein TÖn 
Wichtigkeit, dem Unzweckmafsigen den Schein 
Von Zweckmäfsigkeit gegen seine Ueberzen- 
gung giebt: der ist ein Charlalan. 

Aller Würde entsagt, wer sich Charlata« 
jtferie erlaubt. 

y,Alle Gharlatans sind Todfeinde gerader, 
schlichter, einfacher Charaktere und Mittel/* 
sagt der edle Lavater. 

Jean 



— 81 — 

I 

Jmn Pmd ntniit die Heciicio ,»eiim Wis« 
nMDftchaft, worin mehr als in einer andern, 
i,der Genius und der Gelehrte Ein untheilba« 
nies Geneinwesen bilden müssen." — Ui^ge« 
~ ' treffend und wahrt 



Bis cum löten Jahrhundert hatte Wür- 
temberg keine Aerste. ^) 



Zq Kopenhagen ist das Vorortheil gegen 
lanGennfsdes Pferdefleisches ganzTerschwun- 
len» Es ist eine Pferdeschlächterei an aneb* 
lereo Orten eingerichtet. Kranke Thiere diir- 
Ssn Dicht geschlachtet werden. Die Chinesen 
(euelsan fast alle Thierarten. Marün^g Heb- 
kflimencatechismns der Chinesen S. 63* 



Im J« 1549 wnrde za Genf auf Calvin^ 
ITorstellnng das ärgerliche Zusainmenbaden bei« 
ler Geschlechter yerboteo. Urälterliche Ge« 
iroliDheit ^atteu sie beibehalten ^ aber diese 
Sittlichkeit abgelegt. Denn derselbe CaMn 
Jagte schon 1546 bei der Regierung über den 
iTerfall der Sittlichkeit der jungen Leute. 



Le Büilh dt Bar kaufte zu Paris von Mes- 
ner das Geheimnifs seiner magnetischen Pro« 

*) Das Land aber war bevölkert , und die Sterb- 
lieblieic ▼erh&Unifsmftfsig zu andern Zeiten nicht 
gröCier. — 

Jtain,LZVII.a2,Sc» F 



~ 92 -. 

cdorfreA «m -50,000 Franks» lihd "T#rpflaDil 
dteitlben nach Maltlia. 



Die Zahl der im grofseD Weltmeer s« 
streuten valkanischen Ipsela belauft sich a 
yierhundert. 



J. Am de Luc war es, der in seinem We 
ke: Lttires physiguu et morales sur thistoire 
4a terri et de Vhomme^ die interessante Ansic 
über den Zusammenhang des Meerwassars m 
dem Heerde der Vulkane äulserte. 



^* .Warum studirt man die Medifein? * 

B« Um kuriren zu kSnnen. 
^ A,. Und wenn wir nicht kuriren wolle 
sollten wir Medizin studiren , um den Arzt 
sagen» was uns fehlt. 

JB. Fast dächte ich, es wäre nothig, u 
daiTum so viele Gräber, weil sich beide, nu 
verstehen. Der Doctor spricht aas dem ^ucl 
der Krapke aus dem Leben — jener Läii 
dieser Teutsch. 

Ä. iDie Aeczte müssen entweder Mfe 
•cbeb, öder alle Menschen müssen ^n 
werden* HippeL 



\ 



'"■ t,Hte!li Grundsatz war immer: es sei r 
leichter» das bischen Medizin ^) zu erlern« 

*) In Welehem Sinni Baidinger f,IU$ biiehen Jtl 
« disin^' nimipt, itt wohl leicht eraichtliob» 



- « - 

lud feMirt' m ii wi t ii , tiß gMondeo Men- 
tchenTentand za erlangeti« Viele sind g#» 
lehrt — aber nicht Terständig. Wer aber Ter« 
•tandig ist, kann aach geschwioder in allen 
J nkhern gelehrt jnrerden.^ Aufklärung ist dem 
A Arste Torzuglich nothigi er erlange sie durch 
ditologische I juristisch/, belletristische, histo- 
liiche, philosophische Schriften, kurz wpher 
« wolle.** Baidinger. 



., .1 



F2 



-^ -84 ^ 

I 



t? 



* < 



1 



j , 



IV. 
U e b c r 



■\% 



den Nutzen der Acupunctnr\ 

T«rse1iiedeneii KranklieitsfaUeii^ > 

duteh BMliTMr» KniikeagttohicbteB erlintMft^' 

n • b • t 

einigen Bemerkungen aber die Sacht iieae Sj* ^ 
Sterne und neue Heilmittel in der ^ ** * 

aa&asuchen* 

Von \ 

Joseph Bernsteiiiy. ^ 

Docior dir Medicin and Chirurgie in WvtkbatoZ ^ 



'* 






•l-is wird in neaern Zeiten sowohl mit eip-^ 
seinen ans der Luft geschopAen Theorien und 
darauf sich gründenden Systemen , als mit ein- 
'Beinen nicht durch die Erfahrung bestätigten ^ 
Mitteln so iriel Mifsbrauch getrieben und so jj 
Tiel Unheil gestiftet ^ dafs es dem Arsfe wahr- ) 
lieh xu keinem Verdienste angerechnet werdeil j 
dürfte, wenn er unbedingt als Vertheidiger | 
solcher S3r8teme und Mittel nur deshalb auf- ; 
treten wollte, weil dieselben das Gepräge der j 
Meoheit an sich tragen. Systeme in der Me- i 



r 



- 84 - 

Ida mSsttift bicliti.sfiqdit wtrdAn; ioifd[«rii 
i moMen al« Resmltat guter BeolMiclitnDg«tP 
id einer reinen Erfahrung Ton selbal eich, 
«finden. Zu den einseitigsCea Systemen. neue- 
r Zeiten gehorep Torsuglich das Sjrattfm.Tqn 
rouff alt, die Lehre des CBnirosltmu/iw Tron 
Bsori, und. die Somöopaihu roa SöAwwiii« 



*'Die Anwendung der ersten beiden Systb^ 
I in derMedicin kann freilich für den weqfch- 
heb Organismue faSchst nachtbeilig werdep, 
•Ichee aus der Erfahrung sehr laicht i^ech«. 
iveisan seyn würde; indessen aind diese bei-. 
Lehren nur deshalb tadelnswertb, weil sie, 
m Autoren zu allgemeinen .Systemen in: der. 
idiciflB emporschwiDgeai wollen , upd dadurch: 
s; höchste Einseitigkeit in eine Lehre brtn*. 
■«-die nur ▼ielseiiig qnd relatiT hetrechtet 
r höchst möglichen T^ahrheit gelangen kann, 
'etden die Grundsätze dieser beiden Sjrsteme 
it Rücksicht auf Alter, Temperament und 
ftwobnheit des Kranken, mit Würdigung des 
mbiß niorbi der Coruaitutio epidemica ^ endemlca 
id annaa^ und vorsüglich der Oonsütutio §ta- 
mmria richtig angewandt, s0 hören sie auf, 
nseitige Systeme zu seyn» und gehoreu dann 
ir acht praktischen Medidn an. Werfen wir 
ler einen Blick . auf die Hombopaihie von 
Eshiemann, so finden wir darin ein System 
ill Ton Irischen Grundsätzeu, Eine Lehre, 
m jedes Bestreben, das Wesen einer Krank- 
•it möglichst zu erforschen verwirft, die kein 
nachliches Verhältnils in der Medicin aner- 
«anen will, sondern nur eiuzeloe abgeson- 
Isite Krankheilserscheinungen berücksichtiget, 
«idiant gewifs weeig Aufmerksamkeit von 
isiten gebildeter Aerzte« 



— 86 — 

I 

JBtBbn^mnn nicht dem gaMn "f raktikeri' * Malür\g 
nanafin meinft, vuiD'feott'Bnr die SymaUiiitm )k 
det Krankheit wegriiotneB|'«iid diesen '2 weehr ^g 
OTveiohe wa»tk am leichterten^ wenn mim Sh*»* it 
Iftchn KniokheitS8yniplome''im ttienecihlieheÜiih 
Ok<geniB]iiifie^ OTMgt; die MiHel dazu pellee pMi^ j^ 
send gewählt werden^ nnd zwar reiche. man iU 
el% In mSgRchst Ueiner €abe, k. B.^ehi^lBb jgj 
liontheil oder Qoadrilliontheil eines Gräni^'IPtj 
ist kaum clanbbar, dafii «n-'Mann wU iMkii j| 
mmatm, dnrch eise solche Lehre dieiiMffir^i 
merksamkeit des ärzttichen und nichtämtftchw -^ 
PnbHknms anf iich' niehen 'woilte^ Uiad-deiN' 
noch fand HMhntmanm *AnhSnger. Atfeb- in f «U 
serer Haaptstadt haben sich i^ele Aertl^ IhIII 
Fahne ^deis tia^namatmimm geschtageir, nnd lat^i 
tnt ein Zeitpunkt ein, wt^ keia Kranker mtuf 
ders nie homSopatbisch geheut sejh tiFoUtn. 
Herren nad Danien t5Idi T^nehmeu -fitendV 
nnd. gntem Tooe traten eis Yeitheidigeir der 
HdmSapathie auf. Die gesncbteeten Ronien^ '^ 
Yön fP'alUr Scqu mufsten dem "OrgMök 4Sftrti) ^ 
nemann^ den Platz einräumeD. Doch heitvndkb.; 
dieses System sdhon sein- Aascfhen beim 'FttbU-j 
knm yerloreo, nnd selbst* die eifrigsten 'Tw*' ^ 
fbefdiger dessdiben ubter den AerzteOf hnfanm^^ 
deo' Mtfth staken lassen. «^ Aber 'andi din^ I 
sM System, so fehlerhaft es an sich ssyri meir 
kSnnte noch eine gute Nebenseile aafweisien/. 
Ich qpreChe nSmIich von der in den meisten 
Krankheiten eu beobachtenden Diät, die j#tst 
Too den Aerzten im Allgemeinen zfi Wfnif 

EWfirdigt wird. Ich möchte dreist behailp4eB% 
Kl mall en Drittheil von Krankheiten, dnrcb 
ein gnt 'geleitetes Reqimen diaeteticum ohne 
Holfls aller Medicin heilen konnte; und das 




-, 87 — 

kC eben dmr Grande 'we9halb>^afijii(^ -^M^. 
mmmna durch ein XTÜlioDthßil ein^ft-litittdU». 
m maMV^m bedeutende Krankheit, b^i Beob- 
a^blnng einer gehörigen Diät geheilt hat. Es 
iat. wirklich zu bedauern, dafs. viele Aerzte 
dlm erkrankten Körper yon allen Seiten her 
■dt einfachen und complicirteta oft sehr he«- 
miech -wirkenden Mitteln angreifen , wirkt ein 
■ütel nichts heifst ea dann, so mufs es das 
äfc4n* tbun. Alle Tage werden die Mittel 
Mgeiüiderti. erneuert und mit. andern compli- - 
^ die Naturthätigkeit wird in- solchen Fäl- -^ 
ganz vergessen. Um sich nun vollends 
der Nolh zu helfen, wird zu neuen Uit- 
tilA' geschritten, solche werden täglich gehäuft 
verschiedenartig zusammengesetzt'; es ent«^ \ 
o daraus die sondei^barslen aus versq^e- 
diBarligen Stoffen zusammengesetzten Receple 3. 
M solcher Arzneiköirper wird nun nacb einem, . 
hesonderen Organ commandirt; ein Milielchea 
soll den Kopfschmerz, das andere den Rheu- 
matismus des ganzen Körpers, und das dritte 
die Obstructiones im Unterleibe heben« 

Ist denn das Heilverfahren solcher Aerzie 
lebenswerth? Auch sie suchen die .verschie- 
denen Symptome einer Grundkrankheit, durch 
die verschiedenartigsten oft sich gänzlich wi- 
dersprechenden und in ihrer Wirkung -sich a^f- 
hebenden Mittel zu heilen, ziehen dadurch die 
Krankheit in die Länge, und wenn nicht die 
heilende Naturkraft.dem Haufen dieser MiUel 
Widerstand leistet, so unterliegt der Kranke; 
■ad der unbesonnene Arzt kann sich .nicht ge- 
Bug verwundern , warum denn nicht wenig- 
stens eines seiner Mittel den Kranken ■ geret- 
tet hat. Diese siud auch die gewöhnlichsten 



— 88 — 

FSH*» wo dar HiJm€mamda$ trlmn^irend auf« 

tritt I wMii «r eioen allopathisch aaf dia§a : 

Art bahandalten KraDken in saine Bahand« t 

lang nimmt. i 

Dar Kranka mufs dann aina stranga DiKt '! 

baobacbten , und ain Trillionthall ainas JUiltali' ^ 

einnahmen; das Fablikam arstaunt Hbar dan ^ 

gntan Erfolg und Targottert die Labre daa «^ 

jHahmmann, Dafs aber ain ftolcbar Kränke '* 
auch durch ein einfaches Abfnbrungs « ff^ai|; 

Brechmittel, oder auch nur mittelst einer ga« ^ 

hörigen Diät^ ohne Hülfe eines HahntmannUttr^ | 

hergestellt seyn wurde , will der Laie nicht ' 

glauben, weil ihm dieses Verfahren zu klar ■ 
ist nnd nicht genug mystisch erscheint« 

Ich gebe nun sn der Sucht neue IBttel 
^n der Medicin aufzunehmen , und solche ob- i 
bedingt ohne kritische Auswahl anwenden na 
wollen, über« Es läfst sich nicht in Abrede 
bringen , dafs die acht praktische Medisin auf 
Erfahrung sich gründet. -^ Ebe Wissenschaft 
und Kunst su einer gewissen Stufe der Ana« 
bildnng gelanaten, wurden die Noth und der 
natürliche Instinkt des Menschen der Führer 
im Aufiiuchen und Anwenden^ mancher HeiU ~ 
mittel. Die Zabl derselben war klein, wtoil 
es der Krankheiten weniger gab ; Beobnchtun- 
geh über die Eigenschaften und Wirkungen 
derselben , wie über die Anseigen zur Anwen- 
dung wurden weniger angestellt , weil anch 
der Naturthätigkeit von Seilen der abnormen 
Beschaffenheit des menschlichen Organismus 
weniger Schwierigkeiten in den Weg gestellt 
wurden. — Mit dem Fortschreiten der Bil- 
dung, und der hohem Entwickelung des gei- 
stigen Lebens des Menschen, im Maafse er- 



inchen uad cbeinischcn Eigenschaften •inr: 
m^Uittel ausfindig za machen und solche, 
^hat 'sd ordnen. Vorzäglich strebte man, 
' das 'mit tlecht, die Wirkungen dieser 
:•! auf den gesqnden und erkrankten thie- 
!leo und menschlichen Organismus sin er« 
cheUy ihnen die etwanigen schädlichen Ne*. 
VfirkiingeD durch andere Mittel zu beneh« 
I, mdi so entatand die rationelle Mattria 
IC0* Aber selbst nach diesen Grundsätzen 
mmelte Medicamente konnten nur im Be-. 
«taes. rationell praktischen Arztes, dem 
aoi . Ergründung- des ursächlichen Verhält- 
mt und Aufstellung einer möglichst reinea 
gnosta, und dem es um eine genaue und 
liame durch Erfahrung bestätigte Beobach- 
g, was die Medicin und was die Natur lei« 
, SU thun war, zu einer nützlichen und 
ktisehen Lehre gedeihen. Die neuesteo 
deckungen in. der Chemie haben uns viit 
chaua neuen Schätzen von Heilmitteln be- 
ihert. Aber im Yerhältnifs der sich täglich 
grofsernden Anzahl von Mitteln mafste 
h die genaue Bestimmung ihrer Anwen- 



üi. 



— 90 - 

gtnaiietfe tu •rforschen , «od TiMoglick den 
naturgeinärsea Verlauf der Krankheilsersiche}* 
nang«rD , hinsichtlich ihrer Entwickeluag und 
ihrdt Vor* und Rürkwarlsschreitens geoaa za. 
beobachten. Auf solchem Wege kann es uäa 
geliogeo, neue Mittel za würdigen, nnd sie. 
In ihre gehörige Hechte Unter den schon be«- 
kannten einzosetzen« Aber leider wird dieaea: 
prtkt^che Verfahren wenig gewürdigt. ■ Es 
genügt den meisten' Aervten ein neues Mittal' 
in einem medicinischen Journal angekiiiidigt . 
zur finden i um es sogleich . ohne Umsichl l«i 
Verbindung mit andern Mitteln am Krank^u^r 
bette anzuwenden. • Nach zufalliger Wiederr'" 
herstellung des Kranken, den genau zu beob- 
achten, der Praktiker, durch anderweitige Ber- 
schäftigungen abgehalten, nicht im Standeist, 
wird ein solches Mittel als der gefundene Stein 
der Weisen ausgerufen, und dem medicini- 
schen Publikum als unfehlbar anempfohleo«: 
Da ich selbst über ein erst seit mehreren Jahr 
ren in*Europa in Anwendung gebrachtes, äu* 
fseres Heilmittel, das bei den Chinesen den 
Haupttheil der ganzen Medicin ausmacht, ei- 
nige praktische Beobachtungen mitzutheilen ge- 
sonnen bin ; so glaube ich nicht am unrechten 
Orte einige Regeln festsetzen zu dürfen, nach 
welchen wir uns bei der Aufnahme neuer 
Mittel in die Medicin richten müssen. — . 

' 1. Ein jedes äufsere oder innere Mittel, 
es möge dem Thier-, Pflanzen- 9der Mine« 
ralreioh angehören, es möge einfach oder zu- 
S!^mmengeselzt seyn, das bis jetzt entweder 
noch gar nicht gekannt war, oder dessen An- 
wendung yernachläfsigt wurde, oder ein sol- 
ches ^ dss in wenig ciyilisjrten Ländern ga- 



»- 91 — 

kraochKeb fat,j mah^. ehe eofclids in d!e ftiilie 
der gekaonteii und nach Grandsäfzen bnger- 
wandten Heilmittel aufgenommeo i/irerden soll, 
erat sowohl 'vermöge aeiner physischen Eigen-' 
acbaften als durch eine genaue chemische Ana« 
lyne nns hinlänglich bekannt werden. "^ 

2. YTird eine auf diese Weise erkannte 
Substanz uns Ton andern in gewissen Fällen. 
als Heilmittel yorgeschlagen , oder werden wir 
stf bat durch Zufall oder dblxh Analogie' aof 
den Credanken gebracbti solche Mittel in Krank- 
liettnn anzuwenden, so tnufs dies nicht ohne' 
Umsicht und ohne eine gewisse Kritik ge« 
•chehen. 

S. Wir müssen daher suerst erwägen, ob 
mo «olches Mittel, schon an und für sich von 
Seiten seiner physischen und chemischen Ei- 
genschaften beträchtet 9 vor andern ähnlichen 
llitteln Vorzüge im Voraus hat, oder ob sol- 
ches nicht umgekehrt aus diesem Funkte be- 
trachtet , schädliche Nebenwirkungen erregen 
konnte. 

■ 

4. Mit einem auf diese Art genau unter- 
suchten Olittel^ mit dem man früher an Thie- 
ren Versuche anstellen konnte (obgleich solche 
Versuche allein nicht genügen), würde ich die 
Versuche an dem erkrankten menschlichen 
Korper auf folgende Weise anstellen^ ^) 

5« Wenn wir mit einem neuen Mittel ei- 
iieB Versuch am Krankenbette anstellen wol- 
len, und der Kranke schon irüher Arzoeimit- 

*) Vertncfae im gesonnen ZutUnde sind unstrei» 
tig vom höchtten Nutzen, können aber nichc 
fftr hinllngliche Beweise tdt den etürankten 
Orgtnitmns dienen. 



— 92 - 

tftl gebrnoht hat> so ist •• BOtbwendig, ive- 
n^gstens« dufch «ine Zeit von drei bis Tier 
Wochen su warten, bis wir demselben des 
neue MiU^l reichen, am nicht die Nachwir- 
kung des vorher gegebenen Mittels mit der 
Wirkung des neuen su verwechseln; ■. B.: 
wenn der Kranke früher einen Mineralbjrun- 
nen, getrunken li^at^ um sich Von einem 'duNK. 
nischen fJebel zu befreien* 

6« Die Veirspche in chronischen Kifink-^ 
heilen sind sicherer anzustellen, und "von grii-^ 
b^rem Nutzen in der Medicin , als in acuten^ 
weil die, acuten Krankheiten durch Naturhei*. 
lung sich mehr auszeichnen, und es bleibt 
dem Arile mehr zur Pflicht^ die Naturthätig- 
keit genau zu beobachten und dann und "virano 
sie zu modificiren, als .die Zeit mit Versn-^ 
chen mit neuen Mitteln auf Unkosteii^ des 
Kranken zu verlieren» In einer acuten Krank- 
heit aber, wo schnelle Hülfe durchaus nöth- 
-wendig ist, z. B. in Entzündungen edler Ot^ 
gane^ in der Apoplexie, in Group etc. ist es 
gewifs nicht am rechten Orte zu experimen« 
ti^en ; hier wird der Aderlafs schwerlich durch 
ein neues Mittel ersetzt werden. ^- 

7.. Ulan wähle ferner zu den Versnchen 
teit neuen Mitteln solche Krankheiten, die 

. fiberhaupt schwer heilbar sind, oder gegea 
widche schon die bekannten und gebräuchli- 
chen Mittel gehörig angewandt, ihre Wirkung 
versagt haben ; desto sprechender wird der Be«» 

' ' weis für die Wirksamkeit eines solchen Mit^ 
tsls hervortreten. Denn es gilt ja nicht in 
der Medicin, viele Mittel zu Gebote za 
hiiben, die io ihrer Wirkung sich gleich 
sind» sondern solche aufzufinden, die Tor an« 



— 93 — 

d«rii entwedfr in der üVebdDwirkuog nnd in 
der bequemerii Anweodungsart , oder io der 
schDellerb Wirkung etwas iin Voraus haben, 
und durch welche wir irorzüglich bis jetxt 
schwer zu heilende, oder für völlig unheilbar 
gehaltene Krankheiten, heilen könolen. 

8. Es ist von der grofsten Wichtigkeit, 
dafs ein Mittel, dessen Wirkung wir genau 
kennen lernen wollen , gan^ einfach gereicht 
werde, und dafs zur selben 2Mt der Kranke 
keines andern Mittels sich bediene, 

9. Werden die Versuche auf früher er- 
wähnte Weise genau ao'geslellt, so kaon nur 
eine sehr grcfse Anzahl von gelungenen Fäl- 
len BQ Terschiedenen Zeiten in verschiedenen 
Lindern and von verschiedenen Aerzten beob- 
achtet, den wahren Werth und Nutzen eines 
solchen Mittels bestimmen. 

Ich will hier durch die Mittheilnog von 
Beobachtungen am Krankenbette über die Wir- 
kuDg der jfcupunctur nur einen kleinen Bei- 
lrag zur Festsetzung der lodication für die An- 
wendung dieses Mittels in verschiedenen Krank- 
heiten liefern* Die fernere Würdigung dieser 
kleinen Operation hängt von dem Resultate 
tielfallig anzustellender Versu((he ab. Ich habe 
mich bemüht bei der Auwendungsart dieses 
Heilmittels , die oben festgesetzten Regeln aufs 
Genaueste zu beobachten. 

Erste Krankengeschichte. 

. N«, ein Mann ungefähr 54 Jahr alt, von 
einer gesunden Constitution, obgleich zu öf- 
tern Durchfallen geneigt, zog sich durch Er- 
kältung in der Winterjahrszeit einen rheuma- 



— 94 — 

tlseheii SchmenE am . Qlyeranii zu. Paitieni 
schrieb die Ursache dieees Schmerzet dem 
Koallen inil der Peitsche^ eeioem Lieblings- 
geschäfte beim Katschiren, sn. DerHausarsI 
wurde zu Rathe gezogen , der nach vielen 
frachtlos angewandten Mitteln dem Kranken 
keine Erleichtern ng verschaffen konnte , und 
am Ende das Uebel far eine Luxation def 
Oberarms erklärte. Um diese Zeit sollte Fa^ 
tient eine Reise nach Paris machen. Vor dei 
Abreise wurde ein zweiter Arzft za Rathe ge- 
zogen , der das Ummtntum voIatUe in Verbin- 
dung mit der Jlnct, Tk^baica simplki zum Ein- 
reiben verordnete. Von diesem .Liniment wur- 
de während der Reise nach Paris Gebraucli 
gemacht; und der Kranke fühlte sich bei sei- 
ner AnXunft in diese Hauptstadt gänzlich voii 
seinem Uebel befreit. Doch war diese Besse- 
rung nicht von langer Dauer; und schon aui 
der Rückreise nahmen die Schmerzen immei 
mehr zu , und stiegen bis zur grofsten Höhe 
bei der Rückkehr nach Warschau. - Patieal 
setzte noch ein halbes Jahr die Einreibungen 
des obigen Liniments fort, aber ohne den 
mindesten Erfolg. Später wurde die kalte 
Douche angewendet, aber auch dieses Mittel 
brachte keine Erleichterung. Diese Umstände 
bestimmten n/)ch mehr den Hausarzt, eine Sub- 
laxation des Oberarms anzunehmen. 

Nach einem halben Jahre liefs mich dei 
Kranke, der bis zu dieser Zeit keine Besse- 
rung fand, zu sich rufen. Bei der Untersu- 
chung fand ich die Höbe beider Schultern io 
einer graden Linie, das Schulterblatt des kraa< 
ken Arms nicht abgeplattet , derselbe war we- 
der roth noch angeschwollen \ auch fühlte man 



_ 96 — 

'W«d«r in d«r Achselgrube^, noch za den Sei- 
teo, noch in der Höhe dea Schulterge- 
leaks eine Erhabenheit. Die Bewegung "des 
Armes nach vorne konnte der Kranke leichC 
machen, aber er w|ir nicht im Stande, den 
Oberarm bei der Geradehaltung des Körpers 
über den KopT zu fuhren , ohne denselben zu 
biegen und, ohne einen starken Schmerz vom 
Schulter- bis zum Ellnbogeogelenk zu fühlen. 
Eben so schmerzhaft war die Bewegung des 
Armes nach dem Rucken , deshalb fiel es dem 
Kranken auch sehr schwer, etwas aus der 
Rocktasche herauszuziehen. Das starke Be- 
tasten des Oberarms vermehrte die Schmerzen 
nicht. AuCser diesem ortlichen Leiden befand 
sich Patient wohl, mit Ausnahme, dafs er 
öfters, wie ich schon früher bemerkt habe, 
mehrere flüssige Stühle an einem Tage hatte, 
was aber auf seinen allgemeinen Gesundheits- 
zustand von keinem bedeutenden Einflüsse war. 
Ich fand nach dieser Untersuchung, dafs sich 
hier keine Subluxation annehmen liefse, vor- 
tiiglich da dieser Schmerz schon einmal nack 
äufserlichen Einreibungen , während der Reise 
oach Paris beinahe ganz verschwunden war, 
nnd die Bewegung des Oberarms ganz herge- 
stellt wurde. Ich betrachtete diese Krankheit 
für einen Rheumatismus, den sich der Kranke 
durch das Knallen mit der Peitsche bei nafs- 
kalter Witterung, zugezogen hat. Ich liefs 
demselben ein grofses Spanisch -Fliegenpflaster 
auf den Oberarm in der Gegend des Musculi 
dilioidei^ wo der Kranke bei Bewegung des 
Arms die meisten Schmerzen fühlte, legen. 
Dasselbe wurde vier Wochen durch eine rei« 
zende Salbe ofien erhalten. Nach Verlauf die- 
ser ZriX fühlte der Kranke eine merkliche Er- 



— 9ß — 

leichtarungi aber seiner Geschäfte halber mafste 
er das Spanisch • Flie^enpflaster wieder zuhei- 
len lassen 9 und' das Uebel, obgleich merklich 
gebessert, war doch nicht radical geheilt. Ich 
liefs den Kranken dann sechs Wochen ohne 
alle Mittel um die etwaojlge Nachwirkung des 
Tesicans abzuwarten, aber dennoch Terliere : 
das Uebel den Kranken nicht gänzlich. .Die ] 
Bewegung des Armes nach dem Kopfe und ' ' 
nach dem Rücken , war noch immer schmerz- 
haft. Ich schlug endlich dem' Patienten die 
Acüpunctur vor, welches Mittel, er um so 
mehr annahm ^ da ich demselben versichertoi ' 
dafs er bei dieser Operation seinen Gescbäftea 
ungehindert wird nachgehen können. Ich stach ' 
daher den ersten Tag fünf stählerne Nadeln ,' 
in den Oberarm in der Gegend der Insertion t 
des Musculi deüoidei ein; drei kleinere, unge- 
fähr Ton 1| Zoll Länge, führte ich senkrecht 
durch, zwei gröfsere, von 3 Zoll Länge, führte 
ich erst ungefähr ly Zoll in senkrechter Rieh- * 
tung, und dann gab ich demselben eine schiefe .[ 
Richtung, und liefs solche Parabel mit den 
Muskeln des Oberarms fortlaufen. Ich lielii 
dann die Nadeln fünfzehn Minuten im Obei^ ^• 
arme stecken, und sodann zog ich dieselben 
in der Richtung der Einführungspunkte zu- 
rück. Beim Einfuhren der Nadeln fühlte Pa- 
tient wenig Schmerzen, etwas mehr beim 
Herausziehen derselben , welche Erscheinung 
ich in den meisten Fällen beobachtete. Ich 
liefs den Kranken sodann seinen Arm bewe- 
gen, und derselbe meinte^ dafs sich dieSchmer- 
seo schon bedeutend verringert hätten ; auch 
diese Erscheinung wird in den meisten Fällen 
wahrgenommen. Den zweiten Tag fühlte der 
Kiankei an der Stolle, wo die Nadeln safsen» 

we- 



— 97 — 

nreniger Sclitnerz, aber er fühlte sie bei der 
Bewegoog des Arikis nach oben. Nachdem 
Ich io die Jeidende Stelle abermals fünf Na- 
lein einführte , und solche bis 20 Afinuten 
itecken liefs, ftihlte der Kranke den Schmer^^ 
ID der Stelle bedeutend Yermindert. «^ Den 
Iritten Tag zogen die Schnrerzen mehr nach 
inten , die Nadeln wurden an dieser Stelle ein- 
[efiihrt, und der Kranke fdhlte sich erleich* 
Itrt. Nachdem ich zwei Wochen lang nnun«- 
[erbrochen , bald an dieser, bald an jener 
kelle des Armes nach dem Verlaufe der Schmer- 
Ma die Nadeln einstach,' verschwanden end- 
lieh alle Schmerzen. Patient konnte nun den 
Sberarm nber den Kopf führen , ohne sich zu 
»icken; auch führte er die Hand, ohne auch 
inr die geringsten Schmerfeen zu fühlen, nach 
1er Rocktasche; was ihm früher unmöglich 
irar. Es sind nun zehn Monate verflossen, 
lafs ich den Kranken acupunctirte, derselbe 
ist erst seit zwei Wochen Ton seinem Land« 
|ute zurückgekehrt, und trotz der jetzt herr- 
ichenden nafskalten Witterung spürte Patient 
weder Schmerzen am Oberarm , noch ein Hin- 
dernifs bei den verschiedenen Bewegungen des« 
lelbeo. 

Zwdtt Krankengtschichte. 

Folgender Fall kann zwar als Beleg für 
die Wirksamkeit der Acupunctur dienen, aber 
er ist nicht beweisend für die gründliche Hei* 
lang, weil der Kranke gehindert wurde, die 
Kur fortzusetzen und einem andern Mittel die 
gänzliche Herstellung verdanken mufs, — 

Der Graf S. , ein Mann von einigen 40 
Jahren, litt an einem ganz ähnlichen Schmerz 
loum, LXVII. B. 2. St. G 



— 98 — 

Ji^ Obararnif« Ermuntert durch clä5 Beispiel 
.^66 N« ) seines Freundes, bat er mich, da ei 
früher schon vieler 'Mittel ohne Hülfe sich be- 
diente, die Acupunctur bei ihm in Anw^n^ 
•düng zu bringen. Der aligemeine Gesund- 
heitszustand des Kranken Mrar gut, dodi meijf^ 
te derselbe > dafs sein örtliches Leiden, Folgp 
einer icBber gehabten venerischen Krankhej 
.eejn konntet Ton der er aber, wie ich midi 
Jäberzeugte, gründlich geheilt wurde, Ich.liefi 
dem Kranken dennoch bei einer gehörige 
Diät 4 Wochen lang das 2^£€octum. Sanapß' 
rillae trinken, aber ohne merklichen Erfolg füi 
seinen Arm. Als erregende Ursache diesfv 
Xieidens, konnte man mit Recht eine Erki|t 
tung, die. sich der äufserst thätige Graf be 
dem Bau eines der schönsten Falläste unsfBürn 
Stadt zugezogen hat, ansehen. Durcfi ^§4 
fernere Krankenexamen überzeugt, dafs k^i^i 
weitere Dyscra^e als Urjsache dieses rbeuma» 
tischen Leidens zu betrachten sey, schritt .ic| 
zur Anwendung der Aoupunctur. -Zwei 'f^'Qr 
eben lang wendete ich' dieses Alitlel fast , au: 
dieselbe Weise an, wie in yorhergehendea 
JFaÜe, Der Erfolg war günstig, denn dii 
Schmerzen wurden bedeutend gemindert, jaipc 
die Bewegung des Arms geschah mit mehi 
Leichtigkeit. Der Ji.ranke wurde an der Be- 
#ndig^ng der Heilung durch eine Reise nacl 
Cracau gehindert; dort bediente sich derselbi 
der Salinenbäder , wodurch die Krankheit^ nas|! 
sriner Aussage , völlig gehoben worden sey« 

Dritu Krankengeschichte^ ^ 

Herr A. L., Gutsbesitzer, 27 Jahr alt 
TOB gesunder und robuster Constitution, zo| 
sich durch eine Erkältung einen Rheumatit- 






— 90 — 

• 1 

ania des rechtem Oberschenkels/ der nach oben 
10 gleicher Zeit das Hüftgelenk und die Ge« 
safsmnskeln einnahm» tind nach unten bis zu 
den Wadenmuskeln sich erstreckte. Man yer« 
suchte auf dem LandedasUebei durch Schweifs« 
trsibende Mittel und äufserliche Einreibungen 
ton flüchtigen Linimenten zu bekämpfen, aber 
dise Verfahren verschlimmerte das Üebel, an- 
statt Erleichterung Au verscbaiFen. Ich sah 
den Kranken ungefähr 6 Wochen nach ent- 
standenem TJebel mit dem früher erwähnten 
örtlichen Leiden, und einem vollen nicht be« 
Schlenoigten aber überaus kräftigen Pulse. Die 
straffe Muskelfaser und der wahrhaft athleti- 
sdi0 Körperbau des Kranken , nebst dem star- 
ken Pulse I liefe mich ein echt entzündliches 
Leiden der genannten Theile voraussetzen. •— 
Ich rieth deshalb dem Kranken einen Ader- 
lafs von 12 Unzen Blut anzustellen, an, und 
BBchgehends liefs ich 20 Blutegel an der lei« 
denden Stelle saugen. Der gute Erfolg nach 
diesen angewandten Mitteln, liefsen mich an 
der Richtigkeit meiner Diagnose nicht zwei- 
feln. Die Schmerzen liefsen im Oberschen- 
kel und äufserlich in der Gegend des Hüft- 
gelenkes gröfstentheils nach; qennoch ver« 
schwanden sie nicht gänzlich^^ie liefsen, wie 
aich der Kranke ausdrückte, eine Schwäche 
im Fufse übrig und zugleich konnte derselbe 
noch nicht dreist auftreten. Nachdem ich den 
Kranken mehrere Tage hinter einander mit 
allen aufserlichen Mitteln verschonte, und au- 
ber einer passenden Diät und Sorge für 
gehörige LeibesöfiTnung durch Bitterwasser, 
auch keine innerliche Medicameote reichte^ so 
Uieb der Zustand des Kranken auf der Stufe, 
auf welcher derselbe gleich nach der Blutent- 

. G 2 



— 100 — 

tfiöhatig sich befand. Es trat, aber aufserdem 
.noch eio weit mehr beunruhigendes Syniptum ' 
«ein 9 näpfilich ein Schmerz, der sich mehr in 
.die Tiefe des Hüftgelenkes erstreckte, wobei 
.das Gehen dem Kranken beschwerlich wurde; 

dennoch konnte derselbe auf dem Plattfufse 

• auftreten , auf beiden Füls'en grade stehen, die 
Wendungen des leidenden Fufses, obgleich 

rnicht ganz ohne Schmerzen, nach allen Rifch- > 
.tungen iroUziehen; auch zeigte sich keine Ab-, 
plattung der Hinterbacken an der leidenden 
Stelle. Unter solchen Umständen rieth ich 
: dem Kranken , an der leidenden Stelle ein 
Spanisch -FUegenpflaster zu legen, und das- 
selbe bis zur völligen Herstellung in Eiterung . 
zu erhalten. Dies gefiel meinem Patienten, . 
der Ton einem äufserst lebhaften Temper^- ^. 
mente war, vorzüglich deshalb nicht, weil er 
voraus sah , dafs es bei diesem Verfahren un- ' 
.umgänglich nolhwendig sei, zu Hause zu 1>lei- 
ben, und vielleicht selbst das Bett zu hütjen. 
Ich schlug demselben deshalb das Nadelstechen 
als Probemitte] vor, und, da ich ihn versi- 
cherte, dafs er dabei ausgehen konnte, so war • 
.derselbe augenblicklich bereitwillig, diese kleine 
.Operation an sich vollziehen zu lassen* — 

Ich brachte den ersten Tag 10 Nadeln in 

der Gegend des Hüftgelenks in senkrechter ■ 

Richtung, und liefs dieselben 15 Minuten 

stecken. Nach dem Herausziehen der Nadeln, 

. fühlte sich der Kranke schon etwas an (der 

• operirten^ Stelle erleichtert. Den zweiten Tag. 
war die Besserung dieselbe, aber der Schmerz 

.war stärker in den Gesäfsmuskeln , weshalb 

ich in dieselbe 10 Nadeln und 5 um das HüfU 

^gelenk herum einführte. Den dritten Tag war 



— 101 — 

las HHftgeljBiik frei, nnd auch weit weniger 
ichmerz empfand der Kranke in den Gesäfs^* 
naskeln. Ich führte nun durch 12 Tage tag- 
ich einmal 12 Nadeln in verschiedene Stellen 
Im Ober- und Unterschenkels ein, bis end- 
ich allmählig alle Schmerzen gänzlich ver- 
chwanden. Der Kranke ist bi$ jetzt 10 Mo« 
ale nach verrichteter Operation yölh'g gesund, 
^abei inufs ich noch bemerken, dafs derselbe 
iwohi w^ährend der Zeit in welcher ich das 
adelstechen verrichtete, als auch später, sei- 
ir gewöhnlichen Lebensweise nachging. — 

Vierte Krankengeschichu. 

W. S.> Lieutenant, 25 Jahr alt, erfreute 
dl stets einer guten Gesundheit, ausgenom-i 
en dafs er einigemal von venerischen Krank* 
»iten, heimgesucht worden ist ; von denen er 
lesmal bei Zeiten und gründlich hergestellt 
orde. Seit einem Jahre äufserte sich bei 
esein jungen Manne von Zeit zu Zeit ein 
opfschmerz , der die linke Seite der Stirn 
irziiglich einnahm , einige oder mehrere Tage 
inerte und oft zu solcher Heftigkeit stieg, 
ifs derselbe von seinen nothwendigen Ge- 
häften abgehalten v^urde. Später stellte sich 
»r Schmerz regelmafsig alle Monate zu einer 
ülimmten Zeit ein, und obgleich dem Lei- 
lo kein Frost voranging, und keine Hitze 
it Schweifs nachfolgte, so war doch der Urin 
n den Anfällen trüber. Da ich kein ursäch- 
ehee Yerhältnifs dieses periodischen Kopflei- 
fint vorfinden konnte, indem die Gesundheit 
ieses Mannes aufser den Anfällen überaus 
3t war, so betrachtete ich das Uebel für eine 
t&rif intermittens larvata^ und war gesonnen, 
un Kranken 3 — 4 Tage vor dem Eintritte 



— 102 — 

de^ Schmerses, die FiebemDde nelimeD »i . 
lasseo, — ' Es ereigaete sich aber zafallig, daf» 
Patient bei mir im Hanse zugegen war, als ich < 

' wegen eines Rheumatismus des linken Ober- 
arms die Acupunctur an -einer Frau rerrich- 
fete. Als ich denselben auf die wenige Schmer- 
zen , die diese kleine . Operation irerursacht, ; 
aufmerksam machte, sagte mir derselbe , er . 
wäre mit dieser Operation genau bekannt,. in- i 
dem er schön als Knabe mebr wie einuMl ge« i 
wöhnlicbe Nadeln sich in die l^acke atacb; | 
und sogleich machte er den Versuch mit 3* \ 
Nadeln. Ich ermunterte daher den Kranken j 
beim Eintritte seines Leidens, sogleich zu mir ,{ 
zu koinmen, um die Acupunctur gogen den -i 
Kopfschmerz in Anwendung zu ziehen, i]nd\l| 
verordnete auch , um eine reine Erfahrung za '^ 
erhalten,' keine inneren Mittel. Nach 8 Tagen \ 
stellte sich Patient, mit einem heftigen Schmerze -! 
der linken Hälfte der Stirn, bei mir ein. Ich \ 
stach an der leidenden Seite, indem ich eine 
Bautfalte machte, sechs stählerne Nadeln durch, 

' i nach einer Yiertölstunde zog ich dieselben tn- ^ 
rück, und aller Schmerz war verschwunden« \ 

* Den nächsten • Monat kam der Schmerz wie- 
der, aber nicht so stark; es wurden wieder 
6 Nadeln durchgerührt, und nach 10 Minuten 
war kein Schmerz mehr vorhanden. Die Bes- 
serung dauert nun jetzt '8 Monate, da früher ' 
der Schmerz regelmäfsig jeden Blonat während ' > 
eines ganzen Jahres , wiederkehrte. --« 

Fünfte , Krankengeschichte, 

Im vergangenen Sommer 1826 kam eine 
Frau aus der Vorstadt Fraga, ungefähr 45 
Jahr alt/ mit einem lauten Wimmern nach ; 
meinem Hause, deren linker Arm in einer ' 



■ntNdigt and nach Uauft^kam, empfand' 
ba eiun starken Schmerz , der sieb 'raat 
trabialt« ibr linken Seite bis nach dem 
>g*Dgelenke erstreckte. Den Tag darauf 
r sich ein Fieber ein, der Arm schwoll, 
ler Sthmerz vergröraerte sich dermsTsen, 
3ie Frau zu lautem Schreien genölhigt 

Han suchte bei einem Chirurgen Hülfe, 
□gleich 3 Tassen Blut entzog, und 30 
;el an dem^leidenden Arme saugen liefs, 
tdem ein flüchtiges Liniment xntn Eio- 
I anempfahl; innere Mittal wurden nidit 
ht. — Obgleich dieses Verfahren bis 
len vielleicht zu friilien Gebrauch de» 
igen Liniments, in diesem Falle sehr 
cmür«ig war, so war der Erfolg ^ocb 

•ehr günstig. Ich .fand bei der Untw- 
ng den Arm stark angeschwollen, und 
lerölhet, bei der leisesten Berührung 
irzhnft, die Bewegungen nach allen Bich- 
B erschwert; der Füll war beschleunigt, 
and faartlich ; dia Frau war robust nnd 

früher an keinen besoadera Krankheitea 
an. Dies war gewifs ein Fall wo man 

Dopochr nnrh oinAn Adprlar« nnalAllan 



— 104 — 

•o^eidb bewerkstelligt werden konnte , zu- 
mel da ich den 8chiecj|iten Erfolg des ersten 
Adetlasses, mehr den ungünstigen ,< äufsern 
'Vmständen zuschrieb; so entschlofs ich mich, 
der Frau das Nadelstechen unterdessen vorzu- 
schlagen , bis 4iefl®lbd ^i^^ Aufnahme ins Uo»- 
pitel finden wurde. Die Frau fand sich dazu 
sogleich bereitwillig, indem es ihr, meinte sie, 
ganz gleichgültig wäre, auf welche Art sie 
-von den Schmerzen befreit würde. Ich stach 
16 stählerne Nadeln nach yerschiedenen Rich- 
tungen , bald senkrecht, bald parallel .Yom 
Schulter- bis -an das Ellnbogengelenk in di^ 
Muskeln des Oberarms, ein. Die Einführung 
der Nadeln verursachte der Kranken bicht den 
mindesten Schmerz, was sich aus dem über- 
wiegenden entzündlichen Schmerz des Arms 
leicht erklären iiefs. Nach 20 Minuten, als 
ich die Nadeln zurückzogt versicherte die 
Kranke, dafs die Schmerzen um vieles nach- 
gelassen hätten; dieselbe stöhnte nicht mehr, 
und »konnte den Arm weit leichter bewegen. 
Die Kranke, überrascht durch den schnellen 
Erfolg, ersuchte mich, ich möchte ihr erlau- 
hen*, den Tag darauf wieder zu kommen, um 
durch ein so geschwind wirkendes Mittel ih- 
rem Leiden ein Ende zu machen. Aber die 
Kränke hielt nicht Wort, und ich war der 
Meinung, dafs die Wirkung des Mittels nicht 
von Dauer war, und dafs Patientin daher an- 
derweitig Hülfe suchte. Wie erstaunte ich 
abetr, qIs, erst nach zwei Monaten eines Tages 
die Frau in Gesellschaft eines andern Weibes 
zu mir. ins Zimmer trat, mit der Bitte, ich 
möchte ihrer Geföhrtin einen Rath gegen ei- 
nen: 'Veralteten Husten ertheileo. Ich erkannte 
Jöghich meine alle Patientin , und erkundigte 



— 105 — 

mich nach der UrMche ibr^s Ansbldibte'st Ich 
erhielt daianf cur Antwort, dafs den andern 
Tag nach dem NadelstecLen alle Schmerzea 
Terachwunden waren; in zwei Tage darauf 
die Geschwulst Terschwandy die Bewegung des 
Arms nach allen Riebtungen hergestellt wur- 
de, und dafs sie deshalb nicht für notb wendig 
ISand, mich wieder zu belästigen. Innere Mit- 
tel wurden durchaus nicht angewandt, auch 
wurde keine Einreibung gemacht. Dieser Fall 
ist äufserst merkwürdig , indem er für die gute 
Wirkung des Nadelstechens selbst in dem aco« 
ten Rheumatismus spricht. 

Sechste Krankengeschichte» 

Der Bronce • Arbeiter K., ein Mann unge- 
fähr 40 Jahre alt, sonst von keinen besondera 
Krankheiten heimfgesucht, litt seit 2 Jahren 
an Kreuzschmerzen , mit Neigung zur Leibes- 
Terstopfung. Die Ursache des Leidens schrieb 
K« einer Erkältung zu, und man sieht leicht 
ein, dafs die Natur des Handwerks^ welches 
zwar eine bald sitzende, bald stehende Lage 
des Körpers , aber stets mit gebücktem Kreuze 
erfordert, zu diesem Schmerze die Anlage her- 
Torbrachte. Weder blinde, noch fliefseode Hä- 
morrhoiden zeigten sich bei dem Kranken 
deutlich; doch war eine gestörte Circuiation 
des Blutes im Unterleibe aus der gelbbleichen 
Farbe des Gesichts, aus einer besondern unbe- 
haglichen Empfindung im Leibe, aus einem 
sehr oft wiederkehrenden Drucke in der Ma* 
gengegend, und einer öfters mürrischen Lau- 
ne des Kranken ohne besondere Ursache, uicht 
leicht zu verkenuen. — Die Schmerzen im 
Kreuze erreichten endlich einen solchen Grad, 
wie ich den Kranken sah , dala er seiner Ar- 



— 106 — 

beit itfclit Toriteben koonte; das Treppenstei- 
gen und noch leichtere Bewegungen erschöpf-' 
ten denseHien dermafsen, dafs er seine Zeit 
meistens liegend subringen, ^nd deshalb e^in 
Handwerk rernachlafstgen mufste. Dabei fie- 
berte der Kranke nicht, aber der Appetit war 
schlecht, und die Zno^e weifslich belegt. Bei' 
der -Untersuchung des Unterleibes, konnte man 
keine Verhärtungen an demselben wahrneh« 
men. Bis zur Zeit als ich den Kranken sah, 
also während zweier Jahren, brauchte derselbe 
kein inneres Mittel, äufserlich wurden Ter- 
schiedene geistige Waschwasser und flüchtige 
Salben in der Kreuzgegend, wie man leicht 
einsehen' wird, ohne den mindesten Erfolg, 
angewandt. Ich behandelte den Kranken mit 
leicht auflösenden und von Zeit zu Zeit mit 
abführenden Mitteln während drbi Wochen. 
Die Mittel, die ich zu der Kur vorzugsweise 
wählte y waren das SaL jtmmoniacum ^ das 
Mxtr, Tarax. , das Natr. Sulph» u. a. , äufser- 
lich liefs ich die flüchtigen Einreibungen fort- 
setzen. Der Erfolg dieser Behandlungsart, war 
für das allgemeine Befinden dßs Patienten sehr 
günstig; die Zunge wurde reiner^ der Appetit 
stellte sich wieder ein , und die sonst mürri- . 
SchisLaune des Kranken yerch wand. Obgleich 
nun schon alle Functionen wieder gehörig von' 
Statten gingen, so hielt, unerachtet aller fluch«' 
tigen Einreibungen , der Schmerz im Kreuze 
unaufhörlich an ; — ich liefs jetzt den Kran-« 
ken ohne alle innere und äufsere Mittel zwei 
W*oclien lang nur eine passende Diät beob- 
achten , wobei das allgemeine Beßnden gut 
blieb, das ortliche Leiden aber wollte nicht 
weichen. ' Als nun der Kranke mich bat, ich 
mochte ihm» es sei durch welches Mittel ee 



— 107 — 

wolle , Ton dem quälenden Schmerze befreien, 
•o nherliefs ich selbigem > die Wahl zwischen 
einem Spanisch- Flieg^enpflaster, das er eine 
Zeitlang offen erhalten sollte, und dem Na- 
delstechen. -— Der Kranke wählte das letzte 
Mittel, aus dem Grunde, weil ich ihn yer- 
sicherte, er würde ungehindert sein Handwerk 
fortsetzen können. Ich stach deshalb dem Kran- 
ken za beiden Seiten der Lendenwirbeln za 
5 Nadeln, jede von 1| Zoll Länge, ein. •— 
Der Schmerz, den das Einführen der NadeJa 
terqrsachte, war wie gewöhnlich unbedeu- 
tend, und nachdem ich solche nach einer Vier- 
tektunde herauszog, verschwand der Schmerz 
an der operirten Stelle, und zog sich mehr 
nach unten* Ich wiederholte diese Operalio'a 
10 Tage lang, indem ich jedesmal den Ein-« 
Stichspunkt, nach dem Verlaufe der Schmer« 
zen, veränderte. Nach dieser Zeit verschwand 
dieser Schmerz gaozlich, und der Kranke • 
konnte sich mit einer Leichtigkeit nach allen 
Seiten bücken und wenden ; wie er es seit 
zwei Jahren zu tliun nicht im Stande war. 
Es sind nun seit der Zeit der Herstellung mehp 
sls ein Jahr verflossen, und der gute Erfolg 
iit bis jetzt bleibend. — 

Siebente Krankengeschichte. 

Die skrophulosen Augenentzündungen sind 
bei uns in der Hauptstadt ein so häufiges Ue- 
lel, als in den Hauptstädten Freufsens, Oest- 
reichs und Frankreichs, in denen ich diese 
Krankheit sehr oft zu beobachten Gelegenheit 
hatte. Bei uns wird aber diese Krankheit oft 
noch weit gefährlicher durch die CompHcirung 
mit einem Uebel, das in vielen Gegenden en-- 
demisch zu herrschen scheint , und nicht dem 



— 108 —. 

aoTelD€0 Varhaltan des Haupthaares zugesclirie- ,. 
ben werdeokann; wie es viele Schriftsteller, 
fälschlich behauptet haben. Der Weichsel^ 
zopf, von dem hier die Rede ist, kündigt 
sieb meistentheils durch die heftigsten chro- 
nischen Kopfschmerzen und Gliederreifsen, das 
Torzüglich die Gelenke einnimmt, an; diese, 
eigenthümlichen. Schmerzen erreichen zuwei-i 
len eine solche Höhe, dafs die Kranken gans 
contrakt werden, und das Bett hülen müssen^ 
es entstehen Auchylos^n^ Tophi^ Taubheit, Au- . 
genentzündungen , völlige Blindheit, als grauer^ 
oder schwarzer Staar, meistens entstehen bei-, 
de Staare in Verbindung. Alle diese Leidea. n 
weichen oft nach der völligen Entwickelung. 
des Weichselzopfes, oft werden solche nur. 
gelinder, und erfordern eine innere . kräftige 
Kur, um dem Bestreben der Natur nachzu- 
helfen; jof& erreicht die Miscbungs- Verände-. 
i^UDg eine solche Stufe, dafs uoerachtet des 
gänzlich entwickelten Weichselzopfes, die Na- 
lurlhäligkeit und die Kunst schwach sind, das 
Gleichgewicht wieder herzustellen. Ein noch 
nicht völlig entwickelter Weichselzopf kann 
ungestraft nie abgenommen werden, selbst 
wenn derselbe völlig wie eine Mütze auf dem 
Haupte beweglich ist, mufs erst auf den Kör- 
per specifisch eingewirkt werden, ehe man es 
wagen darf, solchen abzunehmen. Ich habe 
diese wenige Bemerkungen beiläuGg über dea 
Weichselzopf deshalb Yorangeschickt^ weil über 
die Matur dieser Krankheit die Meinungen - 
noch sehr getheilt sind, und die Complicatlon 
derselben mit an deren kachektischen Krank- 
heiten sehr häufig ist. Nachstehende Kran- , 
kengeschichte wird uns ein Beispiel liefern 
Ton der, Yetbinduog dieses Uebels mit einer 



- 109 — 

arlnackigen skrophalösen Aagenentzundang, 
ro das Nadeistechen eodlich ein9in gefahrli- 
i«xi Augenleiden ein Ziel setzte, wo alle an- 
Bre Mittel schon erscbiJpft waren. 

Ein armer Jude, ungefähr 36 Jahr alt, 
ichle im vergangenen • Sommer bei mir we- 
Bn einer langwierigen skropbulösen Augeo- 
itsiindung. Hülfe. Die Oberfläche der Cor- 
» war auf beiden Augen mit kleinen Ge- 
bwKiirchen dermafsen bedeckt, dafs man die 
is und die Pupille wenig sehen konnte, die 
lütgefafse liefen in yerschiedenen Bundein, 
m der äufsern und innero Oberflache der 
Jerotica bis einige Linien über den Rand 
)T Cornea zusammen , und endigten in' den 
»kannten Phljctaeois ; die Lichtscheu war sehr 
«ofa , und nur im Dunkeln konnte der Kran- 
» etwas die Aug'^n ofTnen. Der Kopfschmers 
ar heftig, und die Haare plikös verwickelt, 
id nur Stellenwels war die Flica reif und 
isgebildet. Wie ich den Kranken zum er- 
eninal sah, litt derselbe schon seit 6 Mona- 
n an dem Augenübel, und seit 3 Monaten 
'St verwickelte sich das Haar , ohne dafs der 
Tanke nur etwas Erleichterung an den Au- 
in empfand. Seit 3 Monaten brauchte der 
Tanke ärztliche Hülfe, die vorzüglich in den 
>genannten antiscrophulösen Mitteln aller Art 
merlirh genommen, bestand; doch versagten 
iesmal diese Mittel die gewünschte Wirkung, 
la ich dies Uebel für eine langwierige skro- 
hulSs - pliköse chronische Augenentzündung 
oerkannte \ so liei's ich den Kranken eine 
^ockene Wohnung aussuchen , und für frische 
.uft sorgen, und empfahl demselben eine nähr- 
iifte aber leicht verdauliche Diät. Auf bei- 



- 1» - 

den' Atmen Meh ich den Seidelbast dppKciren. 
loneflich bekam Patleot, bei grofaer Neigung 
ftu Ceibesverstopfungi alle 8 Tage ein Abfüh- 
yuDgsmittel aus Jahppa mit Calßme!, und im 
Verlaufe der Woche nahm er die noch nicht 
gebrauchten antiscrophulosa mit antiarifiridcis Ter- 
bunden, VB^egen der Analogie des Weichsel-, 
sopfes mil der Arthritis ^ die iirh oft zu beob- 
achten Gelegenheit halte. Aeufserlich \?andte 
ich nor ein trocknes Krautersäckcben aus Cha« 
snomillen und Fliederblumen , an,, und um'.dio 
«rhShte Reizbarkeit der Au^en zu mindern, 
l^urden sie mit der Tinct^ Theb, himp. , später ' 
mit der CTOCüta\ und endlich in Verbiadapg • 
mit der /iqiia Lauro-cera&i eingestrichen« Ah* 
nach 4 Wochen alle diese Mittel wenig frach- 
teteuf wurden innerlich leichte Moborantia 
emard^ und das Eisen gereicht, äufserlich 
achritt ich zur rothen Fräciptatsalbe mit etwas 
Camphor gereicht« Nach einer Gwöchenllichea .' 
Behandlung war das Uebel dasselbe« Ich li«l!ii ^ 
den Kranken zwei Wochen, ohne alle innere 7J 
und äufsere Mittel, nur eine gehörige Diät 
beobachten I um mich genau von der etwani- 
gen Nachwirkung der gegebenen Mittel zu über- ^jj 
seugen^ Da nach einer 9 wöchentlichen KjUr.J 
auch keine Spur von Besserung sich zeigte, J 
entschlofs ich mich , das Nadelstechen anzq- 
Irrenden ; vorzüglich , da ich in einem Hefte 
des V. Grä/'schen Journals für Chirurgie und' 
Augenheilkunde, einen ähnlichen Fall yor- 
tänd, der durch das Mittel völlig geheilt war- '^ 
'de. Ich atach zu jeder Seite der Schläfe, nach^^ 
«iner gemachten Uautfalte, 5 Nadeln durch, 'j 
und zog dieselben nach 15 Minuten heraus. ^ 
Ich wiederholte diese Operation jeden Tag. 
«inmal^ durch 4 Wochen^ und liefs den Kran« >^ 



/ . 



- 111 r:r 

ken kein anderes Mittal dabai byraachen. Nacb 
jader Operation flössen die Tbränen aus beir 
den Augen , gerade als es nacb der Einschmier- 
TODg mit der Opium - Tinctur oder .eioer rei- 
senden Salbe ins Auge zu geschehen pflegl« 
Die AugenentzünduDg verminderte sich von 
Tage SU Tage dermafsen , dafs nach 4 Wo- 
chen auch keine Spur Ton llötbe und Lirht-* 
sehen mehr vorhanden war. Es sind jetzt bei^ . 
xiah 6 Monate verflossen, dafs ich den Kran- 
ken aus der Behäudlung entlassen habe, Und 
der Erfolg ist bleibend gut. Die pliköse Haarr 
irervricklung schreitet nicht vireiter fort; yni 
obgleich die einzelnen verwickelten Stellen 
-^nx beweglich sind und mit dem übrigen 
Haare nur wenig zusammenhängend erschie- 
jieD, so wage ich es dennoph nicht, das. Ab- 
schneiden dieser verwickelten Parthieen dem 
Kranken anzurathen , bis ich mich durch län- 
gere Zeit von dem völligen Auihüren der pli- 
kosen Haarbildung werde hinlänglich über- 
ceugt haben» — 

jichte Krankengeschichte. 

Ein Arbeitsmano , ungefähr 40 Jahr alt, 
litt schon länger als 8 Wochen an einer chro- 
nisch gewordenen rheumatischen Entzündung 
des linken Auges , nebst einer Macula corneae. 
Alle nur irgend in solchen Fällen empfohle- 
nen Mittel wurden von dem Kranken ohne 
Erfolg gebraucht« Als der Kranke sich mei- 
ner Behandlung anvertraute» litt er noch be- 
deatend an Kopf- und Augenschmerzen, von 
denen er weder durch Vesicatoria im Nacken 
lad Fontanellen an beiden Armen, noch durch 
ianerlicb ableitende und specifische Mittel in 
Menge angewandt , befreit werden konnte« Ich 



- 112 — 

Biiac1it6 bei denl Rmiiieiiy ganz "wie im frubei^ er» 
sKhlteD FbHe, Von den Nadeln Gebrauch ; der gute 
Erfolg krönte meinen Versuch. ' Nach 2 Wo- 
chen, ohne irgend ein inneres Mittel ange-' 
■wandt zu haben , wurde die Entciindung d^r , 
Augen und der Kopfschmerz TOÜig "gehoben^ 
und in dem nämlichen Verhältnisse rerkleU 
nerte sich auch die Macula corneae. Ich setze 
jetzt schon 2 Monat das Nadelsteeh^n täglich 
fort, um mich von der Wirkung diesem Mitr* 
tels auf Hornhautflecken zu überzeugen, and 
ich ßode zu meinem Erstaunen, dafs der Fleck 
mehr nts um die Hälfte Terkleinert ist/nnd 
seine Oickeso abgenommen hat, dafs der^ieck 
mehr jetzt einer sogenannten Nubecula gleichl,' '. 
tind dem Kranken sehr wenig im Sehen bin*- 
derl. Ich wage es dennoch nicht zu behaiip- 
tem , ob das Schwinden des FleckeB' ein/Re- ' 
«ultat dieser Kur sey, oder der "gehobenen r 
-Entzündung nod dem dadurch recmindertea. 
"Zuflüsse des Bluts nach diesem Theile cusu^ -. 
schreiben sey. Mehrere angestellte Versuche 
mit veralteten Flecken nach gehobener Ent« 
zündung könnten uns darüber .Gewifsheit ge-^ 
ben. — ' . 

Neunte . Kranken gegcMchte. 

. Ich wurde vor 2 Monaten zu einem kran«-' *. 
ken jungen Manne >on 29 Jahren gerufen^ der 
echon länger als 2 Wochen an einem heftigen 
Schmerze des rechten Oberschenkels litt, der . 
sich von den Weichen bis zum Kniegelenk * 
in die Tiefe der 3Iuskeln erstreckte. Aufiier 
einer starken Erkältung bei nafskalter Witte- 
rung konnte ich keine andere Ursache ausfin- 
dig machen. Als ich den Kranken zum er- 
stenmal untersuchte, fand ich den Oberschen- ; 






— HS - 

kel im Umfange bedeutend yergro&ert , weder 
gerBthet noch ödematSs angeschwollen) der 
Schmers war heftig und nahm' bei einer lei-' 
•en Berührung und bei unbedeutender Bewe^ 
gvog an Stärke zu; der Puls schlug mehr'ale 
100 Mal in einer Minute; die Hauttemperatur 
war Ahobt; die Zunge weifslich belegt, der 
Appetit mangelnd, der Durst rermehrt und 
dabei Schlaflosigkeit und Stuhlrerhaltung seil 
nahreren Tagen, der Urin war roth^ ging 
marsam ab, und machte einen ziegelfarbigea 
Mdeosasc. Dem Kranken wui'de während 
2. Wochen ein flüchtiges Liniment im Sehen- 
kid eingerieben, dabei wurden keine innera 
Mittel gereicht. Bei dieser Behandlung Ter- 
achlimmerte sich der Zustand . des Kranken 
TOB Tage SU Tage, Ich erkannte die Krank« 
lieit Ifir eine Ternachläfsigte heftige rheuma- 
tiecfae Entzündung der Muskeln des Oberschen« 
kaby und war wegen einer in der Tiefe ein- 
mtratenden Eiterung besorgt, welcher Aus- 
gang solche Krankheiten langwierig und oft 
gefährlich macht. -^ Ich liefs dem Kranken 
30 Blutegel längs der yordem Fläche des Ober- 
schenkels , ansetsen , Breiumschläge mit Semen 
Uni und Herb, Hyoscyam. machen; innerlich' 
reichte ich den Caiorml in Verbindung mit ab- 
fahrenden Mittelsalzen. Nach einigen Tagen 
war der Zustand des Kranken so weit gebes- 
sert, dafs die heftigen Sehmerzen etwas nach- 
liafaen, und der Fieberzustand gemäfsigt wur- 
de. Bei fortgesetzten innerem Gebrauche von 
Mflosenden und mitunter abführenden Mitteln, 
aiäbigte sich der fieberhafte Zustand, aber es 
blieb immer noch ein bedeutender Schmerz in* 
in Tiefe des Oberschenkels zurück , der jede 
lilbst mittelmäfsige Bewegung des kranken 
Joara. LXVII.B.2,et. H 



— 114 — 

Fofses hinderte « und das Gehen aiiinoglica - 
machte« Von einer Fluctuation in- der Tiefe ' 
konnte man dich mit Ge wifsheit nicht über- 
zeugen. In diesem Zeitpunkte der Krankheit 
Träre \vohl ein Vesicatorium längs der leiden- -; 
den Stelle gelegt ond bis zum Schwinden des / 
Schmerzes oiFen erhalten, von gröfstem Nutzen S 
gewesen ; da aber der Kranke zu diesem Itüt- 1 
tel sich durchaus nicht entschliefsen wollte, ^ 
so schlug ich demselben das Nadelstechen Tor, ] 
mit der Versicherung, dafs der durch dieses 
Mittel verursachte Schmerz unbedeutend und 
vorübergehend sey. Der Kranke entschlob 
eich sehr leicht zum Gebrauche dieses Mittels, 
und ich stach demselben am ersten Tage 10 
Nadeln in verschiedenen Richtungen bald pa- • 
rallel mit den Muskeln laufend, bald senkrecht i 
in dieselben ein. Nachdem ich die zehnte i 
Nadel eipstacb, zog ich wieder die erste herr i 
aus 9 und stach dieselbe an einer an^erq. 
Stelle ein; nachgehehds wurde die zweit» 
herausgezogen und in eine andere Stielle ein« 
geführt u. s. w. Ich wiederholte die Opera- 
tion dreimal; und machte also an demselben 
Tage 30 Stiche. Nachdem ich dieses Verfsh«- ■ 
ren 8 Tage fortsetzte^ nahm der Schmerz von 
Tage zu Tage ab^ und in demselben Verhält- 
nisse nahm die Bewegung des Qberachenkeis 
SU. Nach dem Verlaufe von 8 Tagen war der • ' 
Schmerz gänzlich verschwunden, und die B^ 
wegung des Beines völlig hergestellt. Der Gjs- ' 
brauch von einigen lauwarmen Seifen bädecn 
machte den Beschlufs der Kur, und der Kran- 
ke war nun im Stande sein Lager zu verlae- 
een, und ohne Beschwerden seinen gewöhn^ 
liehen Geschäften nachzugehen. 



— 11« •— 

taig% 'Bmmkmgui Über dl€ fPlrhmgsan; und 

im Gtbrauch der Acupimaur am den trzählien 

Krankengeschichten gefolgert. 

Die WIrkuDgsart dieses Mittels scheint 
mit den von andern äa&erlich applicirten Reiz- 
nilteln sehr viel Aehnlichkßit zu haben« pie 
Nadel bringt an' der Stelle, wo sie applicirt 
wird , ein^n Reiz und Zuflufs von Säften her- 
vor, eben so wie Sinapisnmnf Vesicatoria^ Cor^' 
t§x Mezerei etc» Wenn aber die äufserlich er- 
regte Entzündung, die durch Einführung der 
Nadel hervorgebracht wird, nicht so intensiv 
erscheint, als diejenige, die durch ein Sina- 
pism oder Vesicans erregt wird, so ist ihre 
innere ableitende Wirkung doch so grofs, dafs 
•ie nicht nur in den meisten Fällen die frü- 
her genannten Mittel ersetzen kann , aber in 
vielen Fällen selbst an Wirksamkeit so)cI>e 
fibertriiTt. Für diese Behauptung spricht die 
Krankengeschichte No. 1., wo dem Hrn. N« 
früher, lange Zeit Vesicatoria ohne Nutzen ge- 
legt wurden , und derselbe in dem Nadelste- 
chen sein Heil fand. — Ob die Nadel durch 
die hervorgebrachte Desoxydation und erregte 
elektrische Thätigkeit au Wirksamkeit ge- 
winnt, müfste durch vielfache Versuche, undl 
Torzüglich durch die Anwendung der Electro- 

EDCtur. genau erforscht werden. Ich habe 
jetzt keine Gelegenheit gehabt, die letzte 
Anwendungsart dieses Mittels in Gebrauch zu 
asbeu, und enthalte mich deshalb meines Ur- 
thcils darüber. Wenn nun einerseits die Na- 
del in sehr vielen Fällen den Gebrauch ande- 
rer äufserlichen Reizmittel ersetzen kann, so 
hat dieselbe vor jenen Mitteln vieles in der 
Ntbenwirkung voraus. Beinahe alle äufser- 

H 2 



— 119 — 

■ # 

Kch geKrihidilicIiön Reizmittel lasseu hinterher 
mehr oder vreniger eine entzöndliche Affectioa 
der Theile euriick, dod Tiele müssen durch 
die nachfolgende Eiterung in der eigentlichen -. 
tfvohlthäligen Wirkung erhalten werden. Ldefsa 
es sich nun beweisen, diafs durch die Nadef 
eine so groFse Wirkung und Nachwirkuilg auf . 
^en menschh'chen Organismus hervorgebracht 
werden kann, als durch Sinapismen und Ve- 
sicatorien ^ so ist es leicht ehizusehen , wel- 
cher Vorzug diesem Mittel in vielen Fallen 
vor jenen gebräuchlichen zuzugestehen sejm 
müfste^ z. B. in Faul fiebern und in Nerven- 
fiebern, wo die Lebenskraft so gesunken isl) 
dafs ein permanenter aufserlicher Reiz sehr 
leicht Gangrän hervorbringen kann. Und wäre ' 
der Nützen nicht schon in allen Fällen augen- 
scheinlich , wo wir bei gleicher Wirkung der 
Nadel, dem Kranken die nachfolgenden ent- 
zündlichen Schmerzen ersparen ? Der Schmerz, " 
den die Einführung der Nadel verursacht, ist 
unbedeutend; selbst reizbare Personen aind 
für denselben nicht sehr empfindlich. Das 
Weilen der Nadel in den Muskeln bringt 
kelde unangenehme Empfindung hervor, wird 
solche herausgezogen, so bleibt meistentheils 
eili kleiner entzündlicher Hof um den Ein- 
stichspunkt zurück, der aber nicht schmerzt, 
und in wenigen Tagen gänzlich verschwindet. 
In den meisten Fällen sieht man dem Aos* 
itiehen der Nadel kein Blut folgeu; zuweileii 
fliefsen einige Tropfen Blut aus den Venen- 
verzweigungen. Obgleich ich sehr oft die Na- 
del sehr^ie'f einstach, und in solchen Stellen, 
Wo %\i gewifs auf Arterien von verschiedenem ' 
ÜmJTange traf, so sah ich doch nie viel Blnt 
4er Herausziehung der Nadel folgen. 



— 117 — • 

Mao mufs vorzüglich bei der Aufbewah^ 
rung der Nadeln darauf tiedacht seyn, dieselbea 
reio SU hallen, um das Feuchtwerden und 
Rosten derselben zu Termeiden; es eabtehen 
bei Vernachläfflijgung dieser Vorsieh ttregel oft 
kleine BläUercheo an dem Einsticbspunkte, 
die eine langwierigp Eiterung hervorbringem» 
Ist ein Dliasina im Korper vorhanden, so mufs 
Tor dem Einfuhren, die Nadel in Oel getaucht 
werden, und dieselbe nach dem Herausziehen 
desto sorgfältiger gereinigt werden. Doch ist 
ia solchen Fällen die Nadel, wie wir später 
sehen werden^ höchstens liur als ralliatvr- 
Uittei angezeigt. 

Ob man die Nadeln in edlere Organe ein- 
führen kann , undr ob sie wirklich in solchen 
Fällen von Nutzen seyn mochten, wie es ei- 
oige behaupteu, wage ich nicht zu entscheiden« 

Ich glaube in einem Journal einen Ver« 
such von einem französischen Arzte gelesen 
zu haben, der, nachdem er eine Katze eine 
Zeillang unterm Wasser gehaKen hatte ^ und 
solche seheintüdt herauszog, nach Einführung 
einer Nadel in das Herz, dieselbe wieder 
Khnell zum Leben brachte. Als ich selbst 
nach einer Wendung bei einer Seltenlage ein 
todtes aber noch warmes und nirgends ver-> 
letztes Kind zur Welt frirderte, führte ich, 
nachdem ich erst alle bekannten Rettungsmit- 
tel umsonst anwendete, demselben eine Nadel 
in das Herz, aber ich war uicht so glücklich 
in demselben das erloschene Leben wieder an> 
Eufacbeu. Von ausgezeichnet guter Wirkung 
iftl die Nadel in chrouischeu llheumatismeD, 
und selbst in hitzigen, nachdem man den all- 
gemeinen Fieberzusland uud die starke Ent- 



— 118 — 

zSodoDg geiDäfftigtliat; davon liefern die Kran- 
keDgescbichten No. 1. 2. 6. 3. Belege. — Dafo ^ 
man aber . auch bei Rheumatismen mit Fieber ', 
mit Nutzen die Nadel anwenden kann^ bewei- . 
89t die Krankengeschichte No. 5. — Es ^urda 
der Frau zwar -schon früher zur Ader gelas- \ 
sen, aber das Fieber und der Schmerz war 
noch sehr heftig, und die Nadel leistete den*' 
noch in diesem Falle schnelle und ausgezeich-« 
nete Dienste. Liegt dem Rheumatismus eia 
innerer Krankbeitsstoff zu Grunde , so mnfa» 
wie man leicht einsieht, die Grundkrankheit 
erst gehoben werden ; aber selbst in solchen^ 
Fällen ist das Nadelstechen als Falliativ - Mittel* 
Tom bestefi Nutzen. Von aufserordentlicher <^, 
Wirksamkeit ist das Nadelstechen in langwie« 
arigen Augenentziindungen Ton rbeumatiscbea 
•krophulösen und plikösen Charakter. Es hebt 
die örtliche Entzündung schneller als alle be«^ . 
kannten Mittel, und erieichtert" dadurch den ' 
Gebrauch und die Wirksamkeit der innerlich- " 
gegebenen Arzneien , wenn solche noch nicht * 
hinreichend gewirkt haben , oder gar schoa* 
ihre Wirkung auf das örtliche Uebel durch ^ 
den ausgebildeten Schwäcbezustand des Organe 
gänzlich versagen. Belege für diese Bebaup- • -.. 
tung liefern die Krankengeschichten No. ^7. \ 
und 8. Dafs dieses Mittel beim periodischen* ' 
Kopfschmerz mit gutem Erfolge angewendet 
werden kann, zei^t uns die Krankengeschichte 
Wo. 4. Es läfst sich vermutben , dafs die Nadel 
in weit mehreren Krankheiten mit Nutzen wird 
angewendet werden können. Es wäre zu. wün- 
schen, dafs Physiologen, die sich mit V"er«, ■ 
suchen an lebendigen Tbieren beschäftigen, 
untersuchen möchten , in wiefern wir die Na- 
del ohne Schaden für den Organismus in tie« 



I ■. 



w><.-il9 • — 






]^ 9 ^BwQlirai^' w«g«ii durftaiw DI» 
Ito^lTadU «htfM&bjraOf ist Mbr Idicbt. 
ifUt^aSiilicb^iiut', d«m . Daumiiii imd Zai»^ 
§ 4jn ^NKhUn Hand den Köpf, jht, Kav. 
id Mdidamr.nuin Wit dentelMii Fiogtihi. 
ikm Hüd die .Haut .gMpkobt hat, mhit 
hHidte-mn ihr* tigwe Achse «in VM%. 
md' dnrch Haut und Bfoskelot ein. . Man. ^ 
Amt ^din Ntfdal aneh ahna der xotiren- 
nregong iichnellstolii^d einfuhren» XH*/-^ 
Mig der Nidel, kann nach ITmsliindepl 
infulaler, oder . pardleler, Bichtanf ec* 
triadcn. I^h bediene, mbii gewShnlich. 
Wbrmb Rlideln miiüerer E^ir^ ma das, 
m^ *wie~ diiff leiohte Veiriiiegen deraelbeir 
mdUeo* 

t "deoi. Kranken Nö. 1. rBtbqf aleb die« 
Ujbm |!Vadel , indem ich solche schön 'nbe;r . 
ilfte in deni Oberann parallel mit den 
b lanfmd-, elngefiärt hatte. Nur mit , 
Muhe und Gedald^ konnte ich dieselbe 
Sdiaden für den Kranken wieder- Im- 
iMk^ Seit der Ze^t ifatte ich nie wie- 
len ahnlichen Zufall« indem ich jedes^ 
i gehörige mittlere Härte der Nadel be- 
)ktigle. Ob die goldene Nadel der piSbrr 

Tonmzieben sey., wage ich nicht zu 
liden, da ich mich der goldenen Nadel 
M bedient habe. , 

len 'so wenig wage ich e$ entscheidend 
(finunen . ob die Electricilät die Wir- 
ier Aoupunctur erhöben kann». Ich habos 
un Falle von halbseitiger Lähmung die 
^nnctur angewandt ^ aber init eben so 

gutem Erfolge, ^wie die Acupunttur 
i aber in diesem Falle sind bis )elzt auch 



t - 



- ' 



alle andere Tielfallig gebräocbten Mittel fracht- ; 
los geweseo. 

Ich will buD in folgeodeo drei Pankteo 
noch einmal einen gedrängten Ueberblick über ] 
die Wirkung und die Anwendung der Nadeln 1 
geben : « | 

1. Qie Acupunctur kann als ein äufseres *] 
ableitendes und einen Gegenreiz bewirkendes - 
Mittel betrachtet werden. -— ' ^ 

2* Es kömmt in der Wirkung den Sin^-^ I 
pismen und Vesicatorien gleich, und in irie« ^ 
Ipn Fällen übertrifft es dieselben an Starke, 
und ist noch heilbringend, wenn diese schon - 
ihre Wirkung Tersagen. -j 

3. Die. Acupunctur kann in chronisehen \ 
und acuten .Rheumatismen, in periodischem \ 
Kopfschmerze,' skrophulosen , rheumatische^ 1 
und plikosen Augenentzündungen, mit Vorzfig- v 
liebem Nutzen angewendet werden ; selbst in ; 
aolchen Fällen, wo schon andere Mittel frucht* ^ 
los blieben. -;: ^; 

Ich bemerke i>ur noch schliefslich, dafs \ 
kh durch diesen Beitrag zur Anwendung der \ 
Acupunctur keinesweges dieses Mittel als iin- : 
fehlbar in allen Krankheiten anempfehlen will ; \ 
es ist blols meine Absicht, die Aufmerksam* -*! 
keit praktischer Aerzte auf ein Mittel zu rich-^ 
ten, an dessen guter, und in vielen Fällen < 
unäbertreffUcber Wirkung, nicht gezweifelt^ 
werden kann> und dem also^ nach zahljraich 
noch anzustellenden. Versuchen, füglich unter ; 
den schooLbekannten äufserlichen Mitteln ein 
gehöriger riatz eingeräumt werden dürfte. 



^ 121 -^ 



V. 

Kurze Nachrichten 

I 

and 

■ 

Auszüge« 

C^gnwSrtig^ Stand dar DheussUn Übßr die Cqniom 
giosiimt d9S gülhmt Fiebers in Frankteieh, 



JKmb wird iich erlnnerny dafs in den frtntösitohen 
Zeicangen viel Ton der Nicht -Conugiositat des 
gelben Fiebers gesprochen worden ist, je defi to- 

ßx in der Deput^en- Kammer ein Antrag von Hrn« 
r* Chervin gemacht und- TOn Chaptal und L*aine 
«nterstatst wurde» das gelbe Fieber für nicht an- 
steckend sa erklären nnd alle Quarantaine absu« 
■chaffen, welcher jedoch nicht durchging« 

Wir glauben daher , es werde den Lesern an* 
CMuhm seyn, wenn wir ihnen das Protokoll der 
Jetsten Slttung der Akademie aber diesen Gegen- 
ttaad, nebst den beigefagten Bemerkungen des Hm» 
Mhfuel aber den gegenwärtigen Stand der Sache 
aitthailem 

Sie werden daraus ersehen , wie schwankend 
md getheilt dort die Meinung aber diesen wioh- 

Ssn Gegenstand noch ist, wsUurend bei den teuU 
Mn Aerstan die Meinung der »^bedingten Conta» 
ffgiotitSf'*^ da «luschiedan Decraohtec werden kann. 



— 122 — . 

t 

Mm teile faiarUber Hrn. Matthae^ M<eiitersc1iTi ft 

über das gelbe 'Fieber und meine Abhandlang: üeber 
atmosphärische Krankheiten und atmosphärische An* 
steckung, 

H. 



Sitzung der Academie Royale de l^edecine 
am Sten Januar 1828. 

Mitgetheilt 

vont Dr. Troschel tu Berlin 

aus der Gazette de Sante 1828. No, x2. 



f 
Napb Vorlesung des Protokolls and der Conre- 
fpondenE« Artikel 9 schlägt dis Bareaa der Akaderoio* 
Tor^ sich in ein geheiraes Comito xa verwandeln, 
lim «inen Gegenstand der Administration lu bere- 
then. Sogleich erheben sich lebhafte ■eelamatio-' 
netif und'mehTere Mitf^lieder verlangen »a gleicher 
Zehf dafs dem Herrn Coutanceau das Wort gesttt* 
tet werde » nm die Discussion fiber den Bericht des 
Herrn Chervin lu beendigen. Da diese Forderang 
liriftig ttnterstdtü wird, so wird das geheime Co* 
mite auf einen andern Tag anberaumr. 

Herr Coutanceau liest eine sehr gedr&ngte Ue« 
l>ersicht'dep Discussion vor) and ohne von d«ii 
verschiedenen Meinungen» die man geänftert haito^ 
und die nicht znm Wesen des Berichtes gehörten,' 
sn spreohen» beschränkt er sich auf die Diaoassion 
einiger Gegenstände , die von Herrn Pariset enge*' 
g^riffen worden sind. "Er rechtfertige die Commis« 
aion wegen einiger Yorw&rfe^ die tnah ihr gemacht 
hat, una beharre auf deren dchlufsfol gerungen. 
Man verlangt aaf der 'Stelle zum Abstimmen sa 
schreiten. Hep Pariset begehrt einen Augenblick 
Aufmerksamkeit, am neue Aufklärungen über meh-* 
rere wichtige Punkte xu geben: er redet mitten im 
Gerättsohe, und wird oft von einer grofsen Anzahl 
Mitglieder unterbrochen , welch« rufen: den Be- 
rieht sim Abstimmen I die Schlufsfolgerungen aum 
AbaunuBeiii''. : 



— 123 — 

^Tlhrend aich Herr Laugier, der Pflsident (äw 
d«! Jahr 1828, bereit inaeht, die BeicblAsse tum 
Abitiminen la bringen , erklärt Herr Coufanceau^ 
defs der lettre Sets seiner Schlufsfolgerungen -eini«. 
gen Alitgliedern unlder geschienen habe» und dafa 
ex Torschlege, denselben zu ändern. Nach der er-^ 
0Cen Abfassang ist die Commission der Meinung, 
dafs die Beweismittel , welche Herr Chervin beige« 
bracht hat, ,,eprorsen Einflafs haben hönnen» die 
Frag« über das' Oontagiöte des gelben Fiebers Qer» 
n^inend aa beantworteii.** Nach der neuen Abfas« 
cnng wflrde es heifsen, dafs diese Beweismittel >»von 
der Natitf sind, dafs »ie bei dem Gleichgewichte 
der Meinnngen einen bedeutenden Ausschlag ttt 
Oanften der nichtanstechenden Eigenschaft des gel- 
ben Fiebers geben.^^ 

Die Herren Itard, Jdelon, Chomet a. i|. schla- 
gen noch verschiedene Abfassuqgen oder Amende« 
Vients tu den SchluCf folgeruneen des Berichts Tor» 
und Herr Marc hält daffir, dafs die Discussion bis 
enf die nächste Sittung verschoben werde, Mai\ 
nfit : tum Abstimmen ! cum Abstimmen ! mit erneo* 
ter LebhaftigKeit. 

Die Herren Louyer VillermaYt Renauldin, Dou» 
hl» und Orfila beklagen sich bitter» dafs man die. 
Discussion ohne Ende zu verlängern suche» und so^ 
das Votum der Schlufsfolgerungen vereitle. 

Die Herren Adelon^ Chomel, Dalmas n. s. be« 
haupten» dafs man über die Folgerungen nicht ab«- 
stimmen könne, ohne über sie tu difcutiren, de 
man dieselben nach dem eignen Geständnisse des 
Berichterstatters in der allgemeinen Discussion nicht 
festgestellt habe. „Uebrigens stellt Herr Coutanceau 
twei Abfassungen, auf; über welche wollen Sie ab- 
stimmen? Andere Mitglieder schlagen noch andere 
AbEsssungen vor; soll man sie nicht prüfen?*^ 

Herr Gerardin: ,,lSs ist sehr wahr, dafs der Be- 
richt im Grunde selbst noch nicht in der allgeraei- 
Ben Discussion geprüft worden ist: man hat tu 
sehr geeilt, den Aoschlufs vortunehmen; Trenn ea 
air wäre erlaubt gewesen zu sprechen, so hätte 
ich dargethan, und ich mache mich verbindlich, 
•ofern man es zugiebt, in der nächsten Sitzung 
durch überseugende Beweise danuthun, dafs der 



— 124 — 

Punkt, welolMr die dtm Conccgium iiugethaneu 
A«rste in den Yeieinigcen Suiten httriBty. im Be-, 
richte durchaus Überlingen worden iit« und daf« 
deren Ansichten in einem' ganz verichiedenen Lieble 
iiltten dargestellt werden maaten/* 

D^r Lärm verdoppelt sich an allen Ecken .dea 
Saales: Man hört nur den Rufs siim >bitiniinent 
sum Abatimmeol Der Präsident; „Bringen Sie ixia 
die Schlufsfolgerangen zum Abstimmen V^ 

Herr De Lans macht benicrklich, daft in einer 
je^en berathenden Versammlung die Ami|ndexnentt 
eher müssen sunv Abstiroroeu ^«bracht werden , als 
die SU erwägenden Artikel selber, weil, wenn letz- 
tere auerst festseitelli würden , es ferner kein Mit- 
tel gäbe, Amendements zu machen. 

Herr Double schlägt nun vor, und swar mit* 
ten im Lärmen, man solle, da man über die end- 
liche Abfassung der Schlufsfolgerungeo picht einig 
aeT, immerhin Ober den Geist dieser Folgerungen 
stimmen, mit dem Vorbehalte , sie in der Fcugo 
abzufassen« 

Hierauf erschallt von allen Seiten des Saalea 
der Ruf: den Geist der ScL)ufsfol(;erungen zum Ab- 
stimmen! den Geist 1 den Geist I Der Lärm hat 
die höchste Stufe erreicht. 

Der Präsident, der während der gansen Sitzung 
sehr in Verlegenheit war, bringt es endlich ^ahin, 
dafs man ihn auffodern hört, man möge den Geist 
der Schlufs folgern iigen zum Abstimmen bringen, 

I 

Herr Jdeloni „ich stimme nicht fftr einen 
Geist r^ Der Geist der Schlufsfolgerungen wird 
angenommen. Mehrere Mitglieder hört man rufen: 
y,sie habon fac einen Geist geitintmtP^ 

Bemerkungen von Herrn MiqueL 

Dicfs ist dem Wesen nach die Ueberiicht der 
Sitzung Tom Stsn Januar. Diese Sitzung mufst« 
alle die lebhaft betrüben, ' denen das Ansehen und 
dit Würde' der Akademie am Herzen liegt« Aber 
ncooh viel empörender uild gehässiger ist die^Art 
und Weise» wi6-man in den Tageblattern dieae Be^- 
uthuiig betchriebeii hat« In drei pder vier voll- 



— 125 — 

liommeo gleiehlan teuren i^itik«!», wtloh« zufällig 
tos einer nnd derftelben Feder geflossen sind , her 
mtn potitiT behauptet, dafs die SchluCafoIgeroneen 
loitgettellt urorden wären, und zw^r in' der Ablae« 
lang, ^velchJB w^ir oben ziiets^ angegeben haben, 
ibtr, nach dem was man oben gelesen, ist es nicht 
wahr, dsfs die Abfassung Angencnimen ist.* Zu 
gleicher Zeic hat man der Akademie den Von^nrf 
gemacht, alt hätte sie ,yauf Befehl de^ Ministers**^ 
eine s weite Schlnfsfolgerung, die sich in dem Be- 
richte befunden, vor dem Drucke desselben unter- 
drückt.' Es ist falsch, d'ifs irgend ein solcher Be* 
fehl gegeben worden, und, wenn diefs Statt gefun- 
den hätte, so ist es aufgemacht, dafs diese zweite 
Scfalnfelblgerune nicht wäre unterdrückt worden* 
Ich berufe mich hiebei auf säromtliche Mitglieder 
der Commission^ deren Mitglied tu seyn ich selbst 
die Bhre hatte. Diefs ist so wahr, als es eben die- 
•elben sind, die in der Sitzung vom Bten den Be- 
richt Kum Abstimmen gebracht haben (DoubU, Cou" 
imnc&aut Renamldin)^ und welche! diese Unterdraki* 
kang im Namen der Commission begehrt und ef^ 
Lisigt haben. 

Glücklicherweise ist die Läge z^ augenschein- 
lach , um nicht von Jedermann eingesehen zti 
^rerden. 

In der Sitzung vom 15ten Mai 1827, worin 

man behauptet (die Quotidienne vom Uten Januar 

1828), dafs das gelbe Fieber durch eine Entschel- 

dong der Aksdemie für ansteckend erklärt worden 

•cy , ist nichts geschehen, als der Bericht des Herrn 

Coutaneeau angehört worden , und dieser hat ihn 

»icht einmal bis zu Ende vorlesen können. Die 

Akademie hat über nichts gestimmt, nichts tnge- 

vonrunen seit jener Sitzung bis zum 8ten Januar, 

Biit Ausnahme einer Phrase, die sie ausgemerzt hat, 

uud was im Bten geschehen, w^ifs man aus dem 

Obigen. 

Der Bericht bezieht sich der Form nach auf 
die allj^emeine Frsee, ob die Krankheit anstecke 
oder nicht: er erklärt, dafs- die Commissare nicht 
den Anftroe haben, dieselbe zu entscheiden; dafs 
•ie auch hiezu die Mittel nicht gehabt; dafs die 
JBeweiemiitel tu diesem Zwecke durchaus unzurei- 



^ 126 — 

«liand ••yan» und rie tllain» wvilB n» ti# fAx - 
•ich bemcbte, diefs bewirken, difs das Gleielige« 
witlit der Meinuhg^en su Guniten "det Nicht- An« ^ 
lieekant aofeehohen werde. Aber auch diesen Be* , 
, ncbliifs faet die Akic^emie niche fettgestellfe-, in-eo- 
fern nocb keine Abfasiuns aiio;enon]inexi<'woTdea 
iity und die Ditoiission eben fo lebhaft und ftflr- ' 
TDitoh wieder beginnen kann» weil noch 6ber dia , 
endliche Abfassung abgestimmt werden mufs« 



Aufschlüsse über Hm, Chervin^r Biehauptungen und 

Olanhw'ürdigkeit, 

(Revue medicale Juin 1828«} 



Herr CAervin hatte »ich y uip seine Befaanptongan 
der^ichtcontägiositific geltend su machen, aufdieBe-^ ^ 
merkungengestütsty welche der Dr. HoiacX: von JVtft«?. 
l^or/cihrn {geliefert hatte. Man beachte nun den folgen- ■ 
den Brief des Herrn Hosack an Herrn Townshend, der 
sich in Paris aufhält, und mau wir^ einsehen, was 
fAf einen Gebrauch Herr Chervin Von den Gegen« 
ständen gemacht hat, die man ihm mitgetheilt. So 
war es wohl der Mühe werth, über das Meer za 
segeln y um die Ansichten der Aerzte zu entstellen»- 
die so gfitig waren , sich ihm zu eröEnenJ 

New - York, d. 14. Mai 1828. 
Mein lieber Townshend* 

loh benutze einen Augenblick» um Ihnen sa 
sagen, dafs mir Ihr Brief das gröfste Vergnügen ge* 
macht hat. Ich bin sehr fron, zu erfahren » dafs ' 
sich die Akademie der Medicin nicht zu Gunsten 
der nichtansteckenden Natur des gelben Fiebers aas- 

Sesprochen hat; denn in diesem Falle würde sie ' 
ioher haben widerrufen müssen, falls sie keine an« 
.deren Thatsachen aufzuweisen hätte, als die loh 
den Dr« Chervin , /wäht^nd. er sich in unserem 
XiSnde/ befand , brieflich mitgetheilt habe. Ich er- 
«uehe Sie» auf die Bekanntmachung des Briefes su 
;en, den ich ihm damals schrieb^ nnd der 



— r27 — 

wihnelithilieh an^or'Iriiekt worden U% Möge man 
aach wisxn, dafs, als er, Herr Chervin^ die öiFenC- 
liahAn Archive dee Gesandheits-Ruhef ontertuciite, 
er tic|i so partheüsch gezeigt hat, djiTs er nur die 
Thatsicheo samraehcy die seinen besonderen Ansich- 
ten aussäten, und die verwarf, welche die anstek* 
kende Krsft des gelben Fiebera bewiesen hätten^ 
nnd dsfs ihm defsweg'^n vom Gesundheils •Ratha 
und vom Sudc-Rathe der Zutritt au den Archiven 
nntertagt i^rorden ist. \ 

Seitdem ich sn Herrn Chervin gesohrieben, habe 
ieh gsna neue Belege, und erst kürzlich von Herrn 
Gilbert Blane und andern Männern höchst merk* 
wfirdige Mittheilungen erhilcen, die die Lehre voa 
dam Ansteckungsvermögen beleuchten , eine Lehre^ 
in der ich mich seit dem ersten Erscheinen dieser 
Xrankheic in unserer Stadt im Jahre 179t unabän- 
derlich bekannt habe, wie es auch der Dr. Jonas 
Jddamt ausgeiprochen hat. 

Ich werde mein Werk anfangen^ sobald ich die 
Lobrede auf den Gouverneur Clinton werde been- 
det haben» mit welcher ich von den Bürgern au 
New -York nnd den Mirgliedern der literarisehen 
nnd philosophischen Gesellschaft beauftragt bin« 
loh ^rünsche indessen, dafs das Institut sein Urtheii 
über die (ex parte) v erst ü nun alten Documente des 
I>r« Ch$rvin aufschiebe, bis dasselbe meinen Be- 
scheid, den ich au liefern mich verpflichte, er- 
halten hat, und der, wenn ich das VerJiältnifs zwi- 
achen Prämissen und einem ordentlichen Schlüsse 
kenne 9 sehr verschieden von den Resultaten seyu. 
^rird, die Herr Chervin bekannt gemacht hat. 

, Dt, Ho sack, 

Hiebei sendet der Briefsteller dem Herrn Town^ 
shend iwei gedruckte Exemplare, eines von der 
Adrease des GesundLeits-Burenu^s au .Ne«v-York, 
ein anderes von den erneuten Festsetzungen, die 
öffentliche Gesnndheits- Pflege betrefFend. In bei- 
den Schriften, daiirt vom Jahre 1828, sieht man die 
Zntwickeluug eines Systuins, nach >Telcheni die Vor- 
aiehtsmafsregeln gegen das gelbe Fieber viel wai- 
cer aasgedehnt werden, als diefs bis jetst von der 
Tnnadsichen Regierung geschehen ist. 



^ 128 - 

• 0I# Bihlioih0k d. pr^ff^Uk. Jugusi d. X tmiUSUt 

J. J. Suiisy Essai smr U$ MaladUs 'ds iOMiOh- 
inume. ' — , 

Kurte litterarisehe ,Anztiig'9n^ 

^£* Ch. Tourtual.Hber du SUtne^ des Mmtsthan. 

Mieter alhrunnen* 

G. K* Richtßr DeutsMmnds MineralqueUen, 
'Das Bad zu Bertrich, von Chr, Fr. Harlejii { . 
Carlsbad f ses astao mineralss «e S0S nouQsmmso hmms 

k vapeurSp Jfar J» de Carrd ' 

Die Mineralauelle tu Liehensteutp jfön J» Hm Om ' 

SehlpgeC 

* * 

Aka^iemische Sohriften der Üuiver4ii&i tm .,, 
Berlin. 

R. Hohlfeld de diahete mellito. 

A^ Schme ifs er de fehre puerperali. 

J^ A. JMLülier de deniitione prima^ / ■' ^. 



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Litterarisches Intelligenzblatt. 



No, IL 



»828. 



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Bei Leopold Vojs ib Leipsig ist «rtchiMieii: 

Uotkelp J» F., Samueli Thomae Sömmsrrbigio 
, dim riL jipriU 1828. Aocedant ubb. Mn« VI. 
Fol. SDax. c«rt. 12 Rtiilr« 

Burda eh, K> F., De Joetu humano adnötationes 
mnmtomicae. Cum ubal« aenea. Fol. caxt. 2 RthLr, 

VorstthaDcle awei Schriften , to wie die naoh- 
Mfende» sind znr Feier des Doctor* Jubillumt Tom 
Bieter von Sömmernng erschienen, und in ibnea 
vereinigt eich innere Gediegenheit mit typo* and 
cJkalkographischer Fracht. 

Bmer^ K, £• von^ Untersuchungen über die Gef&fs» 
Verbindung zwischen MuUer und Frucht» Mit cp* 
lor. Kupfert. Fol.- car(. 4 Rtblr« 

Der Verf. htt sieh bemüht, darch genaue Un« 
ttrtuchune der Gefäfse der Gebärmutter und det 
Frachthüllen in allen Perioden des Fötuslebent dio 
•o lenge streitige Frage über den unniitielbaren U«« 
Hergang des PJutes aus der Mutter in die Frucht; 
an löten. Er hat die verschiedenen Formen der 
8logthier*£ier in ihrer Cntmckelung untersucht. 
mM die Aulbildung der Gefäfse su verfolgen , und 
hat dadurch Gelegenheit gehabt, viele frAhere An« 
gaben zu berichtigen und neue Thattaehen an finden* 

Beer^ C, £. a, De ovi mammalium ei hominis ge-* 
neii epistola ad academiam caesaream scientioß^ 
rum Petropolitanam. Cum tab* aenea« 4 maj« 
cart. 1 Rthlr. 16 Gr. 

Die Streitfrage, ob das Ei der Säugthiera und 
des Menschen schon vor der Befruchtung da itc 
oder nicht, wird in dieser Schrift durch Beobach* 
Baag entschieden , und die Entwichelun^sgeschicht« 
des Eief von der ersten Entstehung bis cum Her« 
Torbrachen des Harntacket eraäblt« 



- - * - 

F^thnsTf G, T. , Repertotium der organischen Che* 
mie» 2n BaBdes Ite Abtheilang. gr« 8. 1 Rthlr. 
12 Gr. 

Diese Abtheilung zeichnet sich besonders durch ] 
eine vollstindige Darstellong der Blittsäure und ih- 1 
rer Verbindungen sus* .Die «weite Abtheilung, wel« ! 
che dieses wegen seiner Vollständigkeit und GrAndl < 
lichkeit mit "so grofsem BeifsUe aufgenommene f^ 
VITerk beechliefst und zugleich ein ansföhTlich^a Re- 1* 
gisier enthalten wird, erscheint in einigen Wo* 
chen. Der Preis des Ganzen ist 12 Rthlr. 8 Gr. i 

Phartnaeopoea horussica. Die Preufsische PharmacO' 
pöe übersetzt und erläutert von Fr, Ph* Dülkm •. 
lOte u. Ute Lieferung, enthaltend Bog. 11— :26 
des 2ten Bandes, gr. 8. geh. 1 Rthlr» 

F riedländer, L, if«, Fundamenta doctrinae pa^' ^ 
thologicae sive de corporis animique morbi ra~ '' 
tione atque natura libri Hl, scholaiutn causa con» 
scripti. 8 msj. 2 Rthlr* . /* 

Die Auszeichnung» welche dieses mit classi* 

scher Latinität geschriebene Lehrbuch TerdienC, isc 

bereits vielseitig anerkannt. 

Hedenus^ J* M^^* , lieber die verschiedenen Formen 
der Verengerung dtts Jfterdartns und deren, Be- 
handlung. gr. 8. geh. 8 Gr. 

Fischer f A. F., Gerechte Besorgnisse wegen eines _ . 
ioahmehmbaren Rückschreitens der innern Heil" 
künde in Teutschland. 8. geh. 6 Gr. 

— — Oeber den Vortheil und Nachthejil , welchen ' * 
Blutentziehungen in Krankheiten gewährpn» 8« geh« 
6 gr. 

Sachs ^ L» ^f^*f Handbuch des natürlichen Systems 
der praktischen Medicin. In Theils Ite Abthei* 
lang. gr. 8. 2 Thlr. 8 Gr. 
Der bereits durch mehrere Schriften als philo- 
sophisch tiefgebildeter Forscher, und durch seinen .. 
Irztlichen Wirkungskreis als Praktiker rühmlichst , 
beksnnte Herr Vf. hat die Absicht, durch dieses 
Werk einen doppelten Zweck zu erreichen : einmal 
eine in unserer Zeit schmerzlich ffihibir gewordene 
Hintansetzung der Medicin, die früher in ihrer Aus- 
bildung den Nsturwissenschaften vorausging, aus- 
sngleioaeoy und dieselbe hinsichtlich derForschungi» 



— ; 5 — 

'W¥ei§e Anf gleichan Standpunkt mit ihntfn &u ttel» 
len; swaiteni, di« praktische Medicin auf grund- 
■ttiliche Erfahrung su beerflnden , mit Vermeidung 
allea Tlieoremartigon, una alier verwegenen, grund- 
los und keck tich selbst yertraueoden dogmatisi^ 
renden Empirie. Dabei benatet er sorgfältig und 
mnermfideiy doch ohne Gewaltsamkeit, die aus den 
Naturwissenschaften der Medicin reichlich jsuAie* 
CMndeo Belehr unjgen, vergifst nicht, dafs der Mensch 
ein« 9^tlt in seinem Leioe berge , und zwar nicht 
ale etwas fremdartiges, hält sich fern von den Aber« 
sehiFvenglicben Umtrieben der jüQgst vergangenen, 
cum Theil noch gegenwärtigen Zeit, entfernt alles, 
was sur schlichten Einsicht sich nicht gestalten 
Jafsty oder nicht Er^ebnifs besonnener Erfahruog, 
oder wenigstens glaubhafter Beobachtane ist« — 
Ueberall bewährt sich Herr Prof. Sachs als selbst- 
siAndiger, ernster Forscher, -dessen höchstes Ziel 
die Wahrheit ist. Wo er Fremdes benutate, schöpfte 
•raus den Quellen. Die Beschreibupgen der Krank- 
heiten sind treue Schilderungen der Natur, wobei 
der Herr Verf. die Krank heitsklassen nach ihrem in* 
aeren Zusammenhange im Krankheitsprocesse, die 
Ordnangen nach den organischen Systemen , die 
Gattungen nach den Modificatiouen der organischen 
Systeme in sich selbst, die Arten nach dem speci« 
£sehen Charakter des Organs, oder der anseebilde- 
ten Krankheit: darstellte. Die Therapie enthält das,. 
Was besonnene Erfahrung , reflectirende Beobach- 
tnng und geläuterte Empirie aller. Zeiten gelehrt 
haben. 

Das ganse Werk wird aus 4 Bänden bestehen, 
an deren Druck ununterbrochen gearbeitet wird, 
da die Vorarbeiten bereits seit 10 Jahren gemacht 
siod« 

Seriptorum classicOrum de praxi meJica nonnulloruiit 
Opera collecta. 

Vol. III- Baglivi Opera medica cur. C. G. Kühn. 
Tom. IIus. Cum tab. aen. et index. 8, cart« 
1 Rthlr 8 Gr. 

Vol. VJ. Niorgagni de sedibus et causis morbo- 
Tum cur. Just. Radius. Tom. IIIus. 8« cart. 
l RthJr. 8 (ir. 

Vol. XL Ramazziui Opera medica cur. Just. Ra- 
dius. Tom. lus. 8. cart. 1 Rchlr U Gn 



Schulißfp J. J,p E atio m^d^ndi in schoU cUnUm 
medita univsrs, X^andishuthanae^^ Annui^ I* 11« •£ 
III. 8 mij. 16 Gr. 

SarkoWf J. C. L, , Cbmmentatiö anatomicö • phy^ 
^iolegica de monsiris duplicibuf verticibus.inter S0 
junetiSm Ciun tabb. atn. IV« 4 niaj. 9 Gr« 

Kupfer^ H. £*9 Coitünenlatio physioU-med^ de vi, 
gufim 4ier pondere suo et in motum sanguinis et ' 
in ahsorptionem eocercet, 8 maj. 10 Gr. 

Pappe, C, G> Z^,p. Synopsis plantar'um pnaenoia^ 
marum agro Ltpsiensi indigenarutn, 8maj. 12 Gr« 

JV[e ekel, J. F. , Jrchiv für Jnatomie und PhysiO'^ 
logie, JaLrg. 1828. No. f. (Januar— Marx). Mit 
3 Kupfertaf. gr. 8* geh. Der Jahrgang 4 Rthlr. 

1. Ueber die Meumorphose des Nervernystems 
in der Thierwelt. Von Joh, Müller, i— 2. Ueber den 
Kreisiftuf des Blutes bei Hirudo vulj^aris. Von Johm 
ß/IülUr, — 3. Beiträge zur Anatomie des Scorpiona* 
F'on Joh» Müller. — 4. Mangel des Unterkieferi bei 
einem neugeborneh Lamncie. Von G. Jäger^ — 5. Be- 
schreibung der IVlirsbildung des linken Vorderfa« 
fses eines- Stierkalbes und <1er Wirkung von Arae-_ 
siik and Blausäure , welche an die milsgebildeten' 
Theile gebracht wurden. Von G, Jä^er, — 6. Üe« 
ber die Capacität der Lungen fdr Luft im gesunden 
und kranken Zustande. Von £. F. Gust, Herbst» — 
7. Einige Versuche sur Ermittelung der Frage: auf 
welche Weise das Aufhetzen von Schröpfköpfen auf 
▼ergiftete Wbnden die Wirksamkeit des Giftes un« . 
t«>rdrOckt. Von ji. H, X^ fFestrumb. — g. Ueber 
die Bedeutung der Eustachischen Trompete. Von jim. 
H. Xi» Westrumb, — 9. Ueber die Kiemenspalte 4er 
9äpgthier« Embryonen. Von K, £. von Baer, 



In Folse bereits gemachter inkundigung ist 
»acb fretmoiiehaftlicher Uebereinkunfi der bisheri- 
gen Herausgeber der Heidelberger Klinischen Anna- 
Jen mit Herrn Geh. Rath und Frofes.sor Harlefs zu 
Bonn, d da vierten Bandes Is Hefe die«cr Zeitschrift 
BQjgleich ala dreizehnter Band Is Heft der: Neuen 
JaErbQclier der Deutschen Medicin und Cliruri^ie 
«to. naiv eridkiienen, und diese also comhinirte Zeit- 



— 7 — 

idifift Wird Ton fetst ^ngtmeinfehäftiich rv'dfgift 
«ad imter dpi doppelten Titeln ausgegeben : 

1) Heidelberger klihisehe jinna,lep» Eine Zeitsehrifij^ 
herausgesehen ifi Vereinigune mit dem Proj» 
Htirlefs in Bonn von den rorsteherhl der mem 
dieiniscken^ chirurgischen und gehürtshiilf liehen 
jinstalten in Heidelberg den Professoren Pm^ 
eheltf Chelius und Naegele. Vierter 
Band% 

2} Neue Jahrbücher der teutschen l^edicin und Chir 
rurgie^ mit Zugabe des Besten und Neuesten 
aus der auslanaischen Literatur herausgesehen 
pon den Professoren Chelius in Heide tbe rgp 
Harlefs in Bonn^ N aegele und Pucheit 
in Heidelberg. Dreizehnter Band; 

itdnrofa eher in ihren Zwecken, ihrer Form und 
ttreni Verlag keine Aenderung erleiden, aufser daff 
ia besonderen Supplement - Heften , deren im jaht 
1828 zwei in einem Bande erschieinen, wovon be* 
mts das erste vorliegt, vorzüglich AussOge auf 
ausländischen medicinischen und chirurgischen Zeitm 
ukrijten mitpetheilt werden sollen. 

Der Preis des Journals an sich bleibt wie su« 
TOT der Band von 4 Heften mit den nötbigen Ab<- 
bildnngen Rthlr. 4. — oder fl. 7. 12 hr. Der Sup^ 
plement 'Bund von 2 Heften Kostet Rlhlr* 2« oder 
£« 3. 36 kr. 

Das zweite Heft des neuen Bandes ist unter dtt 
Vr«fse und erscheint in Monatsfrist. 

Heidtlberg im JuU 1828. 

J. C, B. Mohr. 



Bei F« £. C. Leuckart in Breslau ist erschienen t 

Benedict f Dr, T, JV. G., Beiträge zu den Erfah* 
rangen über die Rhinoplastik nach der teutschen 
Methode. Mit yier Tafeln in Steindruck, gr. 8. 
Preis 15 Sgr. 

. Der Herr Verfasser hat in dieser Abhandlung 
ieisie Erfahrungen und Ansichten aber die teutsche 
Methode der Nasenbild tin^ Öffentlich mifgetheilt. Die 
Iftr die letstere vorgeschlagenen Abänderungen ein. 
meiner Momente der Operation » so wie dt9 nach 



_ 8 ~ 



^Bnelben poth Wand igen Verbandes >' werden' dl«te 
Kleine Scbrift eis eine Erweiterung derbitber fiber 
. die RbinopUftik turgestellten Ansicbtea der Auf- 
merksamkeit der Aerste und Wundärzte empfehlen» 



^Vm V» Koritf über diß' Anwendung- des Gluheisens in 

verschiedenen 'Krankheiten^ Mit' 1 Kupfer, PP^ieu 

' und Leipzig hei Friedrich Fleischer, Preis 25 Sgr* 

Der Verfasser sagt in der Vorrede: Es ist nichi; / 
immer eeracben etwas Neu^s au verkünden. Das 
durch die Erfahrung bestätigte Nfltzliche kann je» 
doch nicht oft genug gepriesen werden. — Diefsgilc 
nun im ganzen Umfange von der Anwendung deB 
GlAheiseni. Gegen vrärcige lilätter entbsUen da|^er ' ; 
weder etwas Aufserordentliches ^ noch Neuei^ son- 
dern bestätigen blofs die Wirksamkeit des GlOheir 
aens gegen Krankbeitsforroen» die hartnäckig jedem 
andern Mittel trotsten. 



Von dem mit allgemeinem Baifall auEgenomme« 
nen Werket 

Dr, C, A,PV. Berends, loeiL Kunigl Preufs, Geh. 

IVlediz. ' Raths , Proffssors und Directors des me- 
. diz,» klinischen Instituts der Universität zu Berlin^ 
f^orUsungen über praktische Arzneiioissenschaft^ 
herausgegeben von Dr. Karl Sunde l in, Bßrlin 
hei Tneod, Christ» Fr, Enstin 

sind, bis 'jetzt folgende Bände erschienen und aas- 
gegeben : 

Ir Band, Semiotik, 2J Rthlr. 

• '2r Band, Fiebcrlehre. \\ Rihlr. 

3r Banc), Entzii^näungeni 2^ Rtlilr. , . 

4r Band, akute Eocanthewe ^ Rheumatismus ^ Ka» 
tarrh ^ Gicht ^ Ruhr, Gallenruhr uhd die Blut^. 
. ßüsso, 2 Rthh\ 17J Sgr, 
undf et. sind jetzt nur noch rückständig;: 

5r Band, Gelbsucht^ Skorhuty Fieckenkrankh., SkrO'^ 

felkrankheit, Rhachitis, Syphilis, l^urmkrankh» 

.6r Band » chronische Exantheme , pf^assersuchten^ 

• »• . ' ^^Ü-ervenkrankhcitt^n , 'Krankheiten einzelner Thei'', 

le, pj^eibßrkraukheiten^ 



— 9 T- ^ 

welebe ipireitnif bis • sar Oitermtiaa in i^h ^HAn« 
den dei Fablf1iain§ §eyn werden. 

Da htermit aber nicht die ginse.praktiscbe Arz- 
neiwissentofaaft abgehand.elt, mehr aber auch in^den 
Hefcen de« Verstorbenen nicht vorhanden ist, so ist 
dem Herausgeber von achtbaren Stimnuen vorge» 
schlagen worden, eirfige Supplementbände zu lie* 
fsiny und so dieses hochgeachtete Werk su einem 

Vollständigen Haftdhuche der Therapie uud Pa» 

thologie. 
Ml gestalten. — - 

-£a will auch derselbe keinen Anstand nehmen,, 
dKesenr ihn ehrenden Anforderungen zu entsprechen, 
vad tojmit hat er sich entst^hlosseh, dem tierends^^ 
sehen Werke noch folgende Theile seiner eigenen, 
bieher so günstig aufgenommenen Arbeit oeizu- 
fftcen : 
7r Band oder Ir Supplementband, enthaltend Jie 

Zehrkrankheiten.- 
8r Band oder 2r 8upt>lementband, enthaltend die 
Destruktiönskrankheiten (Krebs, Carcinoma, 
tMarkschwamroi IVlagengrunderweichung, Hirn* 
erweiehung, Putreszens der Gebärmutter, Was- 
serkrebs). 
9r Band oder 3r Supplcmentband , enthaltend die 
in den vorhergehenden Theilen noch nicht ab- 
g:ehandelten Kinderkrankheiten, 
Diese Supplementbände v^erden noch im Jahre 
1829 — spätestens bis cur Ostermesse 1830 — been- 
digt, und so dem.Studirenden und dem praktischen 
Arzt ein Ilandbucb überliefert werden, welches alle 
Theile der praktischen (Vledizin abhandelt, und ih- 
nen die Anschaffung anderer gröfserer Werke der 
Art ersparen soll. — 

Au* diese Supplementhände eröfFnot der Verle« 
ger hiermit eine Suhscription (ohne Vorauszahlung), 
wie sie vor Erscheinung des Ifauptwerks aucK bei 
diesem Statt gefunden hat ^nämlich je 24 Bogen zu 
\\ Rthlr.), der^restait, dafs auch alle diejenigen den 
Sabscriptionspreis dieser Siipplementbände genie- 
fsen können, welche das Hauptwerk nicht mehr 
anders als zum Ladenpreis (der ^ höber ist, bekom* 
nen konnten , wenn sie sich bis zu Ostern 1829 in 
irgend einer beliebigen Buchhandlung melden, und 
•olchet dem Verlegei anzeigen lassen. Nach Ostern 



— 10 -^ 

1829 tritt aber ftnoh hlerron unwiBeftallieli ätat tu 
deapreit ein. — 

Berliiif im Jali 1828. 

Th. Chn Fr. Ettsliiu 



Bibli o graphie* 



Bei J. G» Heyse in Bremen ist so eben er* '■' 
schienen: J, 

Trevirannr^ Gottfr* Beinh, 9 Beit/Sge sor Anatomie 
und Physiologie der Sinneswrkzeuge d«s Men* , 
achen und der Thiere. Is Heft enth. die Beitrfti« -jl 

Se BUT Lehre von den Geßichtswerhzeugen und ' 
em Seilen des. Menschen und der Thiere. Mit- 
i 4 Kupfertafcln* Folio. 92 S. cartonnirt. 4 Rthlr. 1 : 
D0truelles ^ H» M, J.» Abhandlung aber den Ksich'' }. 
husten nach den Grundsätzen der physiologischen 
Lehre verfafst ; eine von der niedicin« prtktisohea ^ 
Gesellichaft zu Paris am 26* August 1826 ge* . j 
Krönte Schrift; aus dem Französischen aberaetit -.l 
und mit Anmerkungen begleitet von Gmrhard. '*\ 
von dem Busch, gr. 8. XV^i u. 316 8« 1 Rthlrä ^ 
. 16 Gr, : 

Barkhausen y George Beobachtungen über den «San- 
j ferwahnsinn oder das Delirium tremens^ gr« 8t 
244 S. 1 Rthlr. 8 Gr. 



Utlber die -physischen Zeichen^ worsns auf absieht» 
liehe Selb^ttödtung durch Erschiefseu geschlos« 
sen werden kani^. Ein Beitrag zur gerichtlichen 
Arineikunde, von Dr. PV* F. Schäuffelen. »$tutt« 

fart bei Gebr. Franckh. gr. 8. Preis FL 1. 45 Krw 
.heinl. oder Rthlr. 1. 6 Gr. Sichs. 



bellen, über den zweckmafsigen Gebrauch der Ter« 
eendeten Mineral watter Marienbads , besonders 
aber des Kreuzbrunnens in den verschiedenartige 
•teil chronischenKrankheiten der Menschen« Leip* 
sig bei W* Engelmann. 8. Preis 12 Gr« 

■V ■ ■ 



J o u ' F n a 1 



der 



\ 



practischen Heilkunde. 

Heraasg^egeben 

Ton 

C. W. H u f e I and, 

UnigU Preulii* Stajictnuli, Ritm des rothan Adlmr* 

Ov^Mia sifreiterKlASfe, ortteitiXieibani» Prof« der ASe» 

tUdäni der UnivenitaK saBerlin, Mitglied der AeH» 

demie der Wits ensduftea ete. 

•» und ^ 

£• 8 a n n^ 

•wlaifiUchem Professor der Me^oin an der UniTer* 
■tt and der Medieinisch - Chirurgischen Academie 
Hk das Miliuir lu Berlin, und Mitglied mehrerer 

gelehrten Gesellschefton. 



CraUf Freund, in alU Theorie, 
Doch grün des Lehenr goldner Bonn« 

Oöthe. 



III. Stück. September. 



Berlin 182 8. 
Gedruckt ond veilegt bei G«. Reimer« 



I 



.. 1 



I. 

U e b e r 

die Anwendung des Glüheisens 



s n r 



Heilung von psychischen Kr^njcljieiten 



vom 



Dr. Joseph Oegg^ 

praktischem Arste in Würzbnrg, 



l^ereiU sind zehn Jahre Torühergegangeq, seit 
^•r geistreiche Hdnroth seine moralische Theo«« 
De der Seelenstörongeo dem gelehrten ärzt- 
Gchen Publikum vorgelegt, und mit einer, fast 
9iOchte ich sagen, Uelierzeugung gebietendea 
Beredsamkeit als die allein gültige eropfohlea 
luit, und doch hat selbe ^ so tiefen Eindruck 
sie auch bei ihrem ersten Erscheinen herTor* 
kochte, und bei einer so gründlichen und 
•charf sinnigen Bearbeitung hervorbringen mufs« 
te, nicht jene Aufnahme gefunden, welche sich 
ihr gelehrter Verfasser mag versprochen ha- 
ben. Einige scharfsinnige Beurtheilungen, un« 
ter denen die des berühmten Dr. Groos^ nun 
Director der Irren -Anstalt in Heidelberg, die 
Meiste Aufmerksamkeit verdient, haben die 
. G^üdpüeilei^ dieses sii^nreichen Gebäudes et^ 

A 2 



._ 4 -- 

was uosanft erschüttert, so wie iiberbaapt dis-'^ 
Erfahrung diese so treue Lehrüieisterin in der ^ 
gesammten Heilkunde, bei Behandlung solcher - j 
Kranken mächtige Zweifel gegen die Richtig«i ^ 
keit dieser rein moralischen Theorie erhob| ^^ 
welche durch den so häufigen glücklichen Er- j^ 
folg einer, so zu sagen, durch rein pharma- ^! 
^ ceutische Mittel bewirkten Behandlung noch f 
mehr gerechtfertiget werden , und täglich ndue-Y 
Belege in den meisten Heilanstalten erhalten. ^ 

Wenn Heinroth in seitfer Anw;eisung.{ur *f 
angebende Irren - Aerzte zur richtigen Behand- ^ 
lung ihrer Kranken seine Meinung dahin §ii« f 
fsert, dafs oft organische Leiden oder Krank- 1 
heiten mit psychischen Reflexen für wirkliche | 
Seelenstörungen gehalten und ausgegeben wür-' I 
den , welche natürlich oft schnell und giück« v 
lieh durch blofs natürlich oft schnell und gliick-p .1 
lieh durch blofs pharmaceuiiscbe Alittel geheilt \ 
werden könnten, so kann dies wohl in der'^ 
Privat -Praxis bisweilen, in Irrenanstalten aber/Sl 
wo ich Fälle dieser Art von Heilungen gehii^. i 
zd beobachten Gelegenheit hatte, um- so we^ .] 
niger der Fall seyn , als es eine ausgemachtes j 
Sacher ist , dafs die meisten Irren oft Monate : 
lang auswärts behandelt werden, ehe sie in 
eine Anstalt gebracht werden , wo von Fieber, 
Raserei etc. keine Rede mehr seyn kann. Auch 
indem Heinrolh zugiebt, dafs organische Lei- 
den mit psychischen Reflexen gefunden wer- 
den, was nur zu häufig der Fall ist, mufs er ^ 
ja nothwendig auch zugeben, dafs wenn darch 
ein Leiden der» Organe eine der Seelenstornng • 
in ihren Aeufserungen ganz gleich kommende ' 
Verstimmung erzeugt werden kann, selbe bei t 
anhaltend bleibeodem Leiden der Organe^ you ' 






hlflÜT so viel ist gewirs, Aats «r bei An- 

d«r fiehandloDg dar Seelenstörungen selbst 
rationellen Empirie huldigen intlTa, indem 
iftbesoudere der Ansvenduog des Gegsn- 
s , um dessen ßearbeiluag sich ßorn so 

verdient gemacht hat, das wohlrerdienlB 
ertheilt, da, nach seinen eigenen Wor- 

bei idiopathisch ein Uirnreize, welcher in 
Zuständen des Wahnsinns, der Yerrückt- 
nnd der Ttrilheit obwaltet, in vielen FÜI- 
ant sprechender Erfahrung durch Gegen- 

oft mi meisten auszurichten sey. So ' 
itet es also de\jtlich ein , dars nur dis 
me der Erfahri/tagan über eine oder di« 
rs Bebe ndlungs weise in diesem so dunk- 
Sebiete der Heilkunde uns richtig itihren 
1, ja dasselbe nach so künstlich. und scharf- 
'\g ausgadachien Tfaeorieen an dem Fro- 
ilelne der Erfahrung scheitern, und dafs 

«uf die Erfahrung gegründete Lehrsatz» 
reo Werth haben. 

Bei Behandlung psychischer Kranken kann 
r die augenaonte direct psychische MeLho- 



Mft btsondelvr VorIi«lM dn psjrcbltt&m 
Hnlkunde eugethan^ HQcbto ich wahrend mei- 
nes Auftnthaltaa ia WiftDi Berlio und Paris . 
)ado Gelegenheit anf ^ libinr die Behandlnogs^ 1^ 
weise solcher Kranken Beobachtnngen sa sam« ^' 
mein , fast überseugt ^ dafs auf diesem Wege ^ 
fSr die praktische Seite der Psychiatrie nar f 
allein Gewinn zu erwarten se)rn. F'altniiifB'^H 
Werk Sber den guten Erfolg der Anwendung \ 
des Glüheisens bei solchen Kranken» erweckte 7 
bei mir die Idee, alles bisher hierSber Be-^ ^ 
kannte wo, möglich tn sammeln , um aus den '^ 
Resultaten fSr die Benutzung dieses so tief \ 
•ingreifenden Mittels passende Indicatiönen ca 9 
indem. Bald nach meiner Rückkehr hatte idi i 
das Glück, tinter der Leitung des ruhmliciist } 
bekannten ersten Arztes des. Julius -Hospitahi ^ 
Hofmedikus Df« Müller^ welcher seit mehr } 

* denn 26 Jahren die Irren- Abtheilung dea ge-» J 
nannten Spitals mit so günstigem Erfolge sa ^ 
besorgen wufste» einige Deobachtungen über'] 
die Anwendung des Glüheisens zu macheni ■.' 
was mich ^loch mehr bestimmte , eine geschieht« i 
liehe Zusamtnenstellung über diesen Gej^en« 
etand mit einigen Bemerkungen in diesem so • 
allgemein gelesenen Journale niederzulegen» 
um selbe der weiteren Prüfung solcher Aerzttf 
zu unterweisen, denen es nicht an Gelegen-* 
heit und Willen mAngelt, Erfahrungen zum ' 
Wohle einer so unglücklichen Menschenklasse 
2u machen.. Wenn auch die bis jetzt bekann->j 

- ten Erfahrungen nicht so vollsländig sind^ 'io 
gl^aube ich doch, dafs, in Betracht des oft 
90 günstigen Erfolges, dieses Heilmittel alle 
Aufmerksamkeit verdiene, und hölFe, hinrei-> ^ 
chende Belege dafür anführen zu können. 



JfMMhngtn CUM d» Gmhkhk dttAMUkuhr 
den tSe^audh «ks GlÜheistnM. 

WeoB man die Geschichte der Medtcia 
la dem Zwacke durchgeht, um die ersten Spu- 
ren von Anwendung des feuers zur Heilung 
roD Krankheiten überhaupt aufzusuchen, so 
unterliegt es keinem Zweifel, dafs schon lange 
ror ' Hippokrates das Feuer zur Heilung Ton 
bankheiten angewendet wurde, wenn es sich 
daichwohl nicht Ao genau nachweisen läfst. 
K«in Volk ist vielleicht ausgenommen, das 
eicht, sei es durch Zufall oder durch Wir- 
knngen, die man bei Verbrennungen selbst 
beobachtete, daraufgebracht, sich des Feuers 
da Beilmittel bediente. Ganz anders yerhält 
sidl'e aber mit der Anwendung des Glüheisene 
■«rHeilung psychischerKrankheiten, es läfst sich, 
wie dies aus dem Verlaufe der geschichtlichen- 
Untersuchung hervorgehen wird, keine Zeit 
Biit Gewifsheit angeben, obgleich die erste 
Anwendung desselben in die Zeiten des Mit-^ 
ttlälters gegen das Ute oder 12te Jahrhundert 
filltf ^o man genauere Nachrichten aufgezeich- 
net finden zu können glauben sollte. 

Von H:ppokrateg erhielten wir die ersten 
Hacbrichten über den Gebrauch des Feuers 
iberhaupt, aus vielen Stellen seiner Schriften 
gellt deutlich hervor, wie viel er auf die An- 
Wendung des Feuers gehalten habe; er be- 
diente sich des Glüheisens nicht blofs in äu- 
fMrn Krankheiten , sondern f^uch bei innern, 
■amentlich empfahl er es gegen HüftWeh, 
RbeuDiatismus , bei Geschwüren in der Tra- 
chea und der Lunge, was in neuern Zeiten 
Larrey und andere mit so günstigem Erfolge 
bestätigt fanden. Es würde zu weit führen, 



— 8 — 



I 

^ 



anf all« Stellen faieraber aufmerksam sn ma«. 
eben, genug, es ist nicht wohl abzusehen, 
wenn man Rücksicht nimmt auf die Tielen 
Beweise Yon einer besondern Vorliebe für das ii 
Gluheisen , auf welches er so häufig seine letaste \ 
Hoffnung setzte, warum Sprengel jenen Apho« \ 
rismus des 2ten Abschnitts: Quatcänque msdit- ^ 
camenta non sanant , ea ferrum sanat , quat fiT" ^ 
Tum non sanat f. ea igmf eanatj quae igms non | 
sanat , ea mcurabiRa puiare opportet : als unächt j 
erklären will, da doch aus Hippokrateg An- \ 
sichten kaum ein Gegenbeweis zu entnehmen , 
seyn dürfte. . * t ' 

Aus den Schriften, welche auf uns ge- ! 
kommen sind, geht mit ziemlicher Gewilsheit 
beryor, dafs er sich des Glüh'eisens nie sin ^; 
Heilung des Wahnsinns oder der Epilepsie be* 
diente; was er in seinem Buche, -de morUä a.^ 
capite repleto oriundis sagt: Capki octo crusta» 1 
inuritOf duas quidtm ad ames^ duäs in tempori» . 
kuf, duas in occipiüo, hinc atque hinc ad cetvidM \ 
initium^ kann um so' weniger auf psychische < 
Krankheiten bezogen werden , als er an kei- 
ner Stelle, wo er Yon psychischen Krankhei- 
ten handelt, des BreoDeos Erwähnung thut^ 
und überhaupt nach ihrer von ihm angestell- 
ten Entstehungsart eine^ dabin abzweckende < 
Behandlung aogiebt. 

Nach Hippokrates findet man in den Schrif- 
ten jener Zeiten hinlängliche Spuren über die 
Anwendung des Glüheisens bei Krankheitea 
überhaupt, namentlich bei Cdsue und Archige* 
neSj so wie beim Arttaeia^ der das Glüheisen 
als ein vorzügliches Mittel gegen die Epilep- 
sie ansah, doch niemals ward es bei psychi- 
schen Krankheiten gebraucht. Bis hieher war 



— 9 — 

aar wenig gegen die Anwendung dieies he« 
foisehen Mittels von Aerzten gesagt worden, 
anders Terhält es sich in den nun folgenden 
Zeiten. Gähn war schon den Brennmitfeln 
nicht gewogen, ja er wollte sie nur verzwei« 
feltAn Fällen vorbehallen wissen, was viel- 
leicht darin seinen Grund haben m?i^^ dafs er 
manchen Mifsbrauch dainit wahrgenouimen 
hatte. A\tx. von TralUs beschränkte besonders 
daa Brennen der Kopfknochen , und rieth die 
grofete Vorsicht an, Raul, von Aegina hinteir- 
liefe sehr merkwürdige Beispiele über die Auf- 
wendung und Wirkung des Glüh&ens. Fast 
SUT .selben Zeit schrieben mehrere arabische. 
Aerzte , wie Mesue , Rhazes etc, , über den 
Vatzen des Brennens, doch findet man bei ih- 
nen noch keine Spur Ton Anwendung des 
Glnheisens bei Geisteskrankheiten. Die erste 
Erwähnung davon geschieht bei Avemoar^ auch 
Mhn Zohr genannt, einem arabischen Arztei 
der zur Zeit des AhuJcasis^ eines Spaniers, im 
12ien Jahrhunderte lebte; Avmzoar tadelt näm- 
lich die Wundärzte, welche alle Verwirrung 
des Verstandes durch das Brennen zu heilen 
suchten , woraus man mit^ ziemlicher Wahr- 
scheinlichkeit schliefsen kann, dafs wo nicht 
acUon vor, doch gewifs während seiner Zeit 
mancher Mifsbrauch mit dem Brennen zur Hei* 
lung Wahnsinniger, oder doch wenigstens an 
Delirium Leidender mufste gemacht worden 
lejn. Es ist somit ausgemacht, dafs die erste 
Anwendung des Brennens zur Heilung psychi-^ 
scher Deflexe ins 12(e, wo nicht ins llle 
Jahrhundert fällt, obgleich nicht aus der Ge- 
schichte zu entnehmen ist, wer sich dessen 
Boerst zu diesem Zwecke bediente. 



— 10 -* 

Anton Gdnatus, Lehror cn Pada* im ISleii 
Jahrhunderte, empfahl das Gliiheisen im SeUag« 
flösse, der Epilepsie und Manie, bei ihm fiii^ 
den wir also zuerst eigentlich die Anwendaog 
des Gliiheisens in einer bestimmten Art yon 
psychischen Krankheiten ausgesprochen* Bferk- 
vrürdig ist, dafs er, den Kranken im Schlag- 
flusse eine glühende Blechhaube aufsetzen liefe^ 

Allmählig gerietb nun dieses Mittel , sei 
es durch Verweichlichung, sei es durch den 
eingebrochenen Aberglauben, beinahe ganz ia 
Vergessenheit, nur noch einzelne bedienten 
sich fortan des Brennens, und der überhand 
genommene Aberglauben erhielt zwar bis auf 
unsere Zeiten etwas davon, allein gierade in 
der albernsten Beziehung, nämlich das Bren- 
nen mit dem St. Hubertus- Schlüssel ge]$6n 
den Bifs wüthiger Thiere. Unter den altern 
Beobachtern ,. welche merkwürdige Fälle von 
Heilungen Wahnsinniger durch das Glüheisen 
aufgezeichnet haben, verdienen besonders er- 
wähnt zu werden: M, A. SeverinuSy Catsalpi* 
nu8^ Thomas Fienus^ Caesar Afoec/ia, und JLIo- 
donaeuSy wefche durch die Anwendung dea^ 
Glüheisens auf den Kopf sehr häufig zu ihren 
Zeiten den Wahnsinn heilten. Einzelne Fälle 
finden sich auch bei Joh, GfStaeus^ Epiphanius^ 
de Haen^ und in verschiedenen Sammlungen 
anderer Aerzte aufbewalvrt. 

Das Brennen überhaupt y namentlich mehr 
in sogenannten äufserlichen Krankheiten, fand 
immer einzelne grofse Verehrer > indem zahl- 
reiche Beobachtungen durch den glänzendsten 
Erfolg seinen Nutzen bestäligteii. Wer kennt 
nicht die Namen eines LeucoruSy Mercatus^ Fa* 
bricius ab ^qua pendanie ^ Sculiet ^ Z>ecAer, ܀i- 



— 11 -. 

jf«r, und Docb mehrei^r berühmten Maoner, 
welche mit yielem Eifer ein so DÜtzliches Heil- 
mittel empfahien ? 

In den neoeren Zeiten kam es allmählig 
^eder in Aufnahme, Männer wie Larr^y^ 
Ftrcy^ Zang und Ru»t und fioch viele andere 
lieferten ausgezeichnete Abhandlungen über den 
Nutzen des Feuers, und erregten so ein all«- 
gemeines Interesse für ein eben so heroisches 
ale kräfüg wirkendes Heilmittel. 

Aus dem bisher angefahrten ergiebt sich 
ann , dafs man zwar schon in sehr frühen Zei- 
ten auch bei psychischen Krankheiten das 
Gliiheisen mit Erfolg versuchte , allein nur zu 
bald gerieth es wieder in Vergessenheit, und 
imiB überhaupt dieser Zweig der Heilkunde 
erst in den neusten Zeiten mit mehr Vorliebe 
bearbeitet wurde, so schien es auch eben die« 
sen Zeiten vorbehalten, die Anwendung des 
Glüheisens bei psychischen Krankheiten der 
Vergessenheit zu enlreifsen , um bestimmbare 
Regeln für dessen Gebrauch aufzostellen. Btrn-» 
hard^ Valentin und Gondret sind es vorzüglich, 
welche in den neuesten Zeiten das Glüheisea 
In solchen Krankheiten empfahlen , und durch 
ihre Schriften zur weiteren Prüfung dieses 
Mittels durch häufigere Anwendung aufmun« 
terten. Ohne Zweifel hat F'ahntin das Ver- 
dienst viele Aerzte durch seine Schriften und 
Reisen , besonders in Italien , zum Gebrauche 
dieses kühnen Mittels aufgemuntert zu haben, 
wenn auch Dr. Bernhard^ ein Schweizer Arzt 
früher sich desselben bediente, und seine Er- 
flihrungen darüber in dem Schweizer Archive 
für Sledizin niedergelegt hat. Vahntin theilt 
die Resultate, die er von andern Aerzten, na- 



— 12 — 

mentlich iD Ilalien erhielt, io seiner medizi- 
Dischen Reisebeschreibang mit, wo er beson- 
ders BrucdnelU zu Mailand anführt, der auf 
seinen Kath, das Gliiheisen bei 25 Kranken 
▼ersuchte, von welchen ein Driltheil herge- 
stellt wurde. So fuhrt er auch an, dafs die 
Schwestern des Armenhauses zu St. Nicolas 
bei Nancy davon Gebrauch machten, und den 
günstigsten Erfolg sahen, indem bei ISmaliger 
Anwendung des Glüheisens 12 davon geheilt -. 
wurden^ was meist Weiber waren, mithin 
sich ein sehr günstiges Resultat ergab. 

Gondret in seinem Werke überj die An- 
wendung des Feuers in der Medizin sprach 
gestützt aiif eine 14jährige Erfahrung am Kran- 
kenbette dem Glüheisen öffentlich das Wort, 
indem er durch seine Beobachtungen zur Ue« 
berzeugung gelangte, dafs es kein Mittel gäbe, 
welches in' so hohem' Grade, wie dieses, die 
gesunkenen und dem Anscheine nach völlig ^ 
inangelnden Lebenskräfte aufregt, und wel- 
ches so mächtig sowohl die psychische als die 
geistige Hälfte des Lebens anspricht. Nebst 
vielen Fällen von Epilepsie, in welchen er , 
nach gemachten Einschnitten mit dem Gliih« 
ei^en den Scheitel so brannte, dafs die äufsere *" 
Knochentafel selbst der Einwirkung , dessel- 
ben ausgesetzt, lange Zeit durch das entstan-" 
dene Geschwür offen blieb, führt er auch Bei- 
spiele an , wo Epilepsie mit Blödsinn verbun« - 
den glücklich geheilt wurden, so wie seine 
bei Geistesverwirrungen mit der Moxa sowphl 
als dem Glüheisen angesiellten Heilversuche 
mit picht minder glücklichem Erfolge gekrönt 
wurden* r 



•# 



- 13 - 

Dr. GrooSf Arzt an der Irrefn - Anstalt zu 
. Fforzheiin', nun Director der Irren - Anstalt 
ia Heidelberg f tlieilt in Nasse's Zeil schrlft fSr 
p9^cbis€lx0 Aerzte zwei Beobachtungen über 
die yVirkung des glübenden Eisens bei Rasen** 
den mit, welche ganz geeignet sind, für die 
fernere Anwendung zu sprechen, in derselben 
Zeilschrift hat auch Hofmedikus Dr* Müller^ 
Arzt an der Irren- Anstalt des Julius - Hospi- 
tals zu Würzburg, seine Ansichten über die 
Ant^endung des Glüheisensv bekannt gemacht, 
^welches er auf mein Anrathen in zwei Fällen 
anwandte, und worüber noch ferner die -Rede 
seyn wird. Nebst diesen Beobachtungen fin- 
. det man in verschiedenen Schriften für psychi- 
sche Heilkunde^ theils günstige theils ungün- 
stige Aeufserungen über diesen Gegenstand an- 
geführt. Schneider hat in seinen inedicinisch- 
praktischen Adversarien , deren 2ter Theil ei- 
nen Entwurf zu einer Heilmittellehre gegen 
psychische Krankheiten enthält, nebst anderer 
Aerzte Ansichten auch seine Meinung, jedoch 
wie mir scheint, ohne durch eigene Erfahrung 
belehrt zu seyn, nicht günstig ausgesprochen ; 
Find und Esquirol scheinen auch nicht beson- 
ders günstig auf dieses Heilmittel zu sprecheti 
seyn, und Vtring hat in seinem Werke eine 
ganz unrichtige Ansicht von der Wirkung sol- 
. eher mittel. Dagegen haben Sandtmann, wel- 
cher Horii^s Lehre des Gegenreizes so umfas- 
send in seiner Inaugural- Abhandlung darstell- 
te, und neuerlich öeorgei in seinem Werke 
über die Verrücktheit sehr zu Gunsten des 
Brennens, namentlich mit der Moxa gespro- 
chen. Nach Kopp*s Aussage soll Esquirol in 
Paris sich häufig des GlUheisens in der Ma- 
nie bedieneD| indem er in den Nacken hart 



— 14 — 

unter den Haaren brennen läfftty alhin soIan- 
, ge ich die Salpttrihrt besQchte, h.tbe ich kein 
llitiel der Art von ihm anwenden sehen, so 
Tvie er überhaupt über eine solche Methode 
sich nicht sehr günstig äüfserte, was au6h mit 
seinen Schriften übereinstimmt. Es würde zu 
weit rühren, die einzelnen Ansichten der ver- 
schieüenen Schriftsteller über diesen Gegen- 
stand hier anzuführen, bei Betrachtung der 
Torzüglichsten Einwürfe gegen die Anwendung 
des GlUheisens kommen wir ohnedies darauf 
zurück,,, aus dem Angeführten leuchtet zar 
Genüge iein, dafs bei dem bisher so günstigen 
Erfolgt» von der Anwendung dieses Mittels 
sich viel erwarten läfst. Mit Uebergehung des . 
I\ang5treites , war zuerst die Anwendung des 
Glübei'sens bei psychischen Krankheiten Ter* 
aolafste, weiche Ehre Schneider offenbar ixd% 
Unrecht dem Dr» Bernhard zuschreibt, was 
sich wohl nur in sofern behaupten läfst, als 
er yrahrscheinlich in neueren Zeiten zuerst 
wieder darauf aufmerksam machte , und Ver- 
suche damit anstellte, indem nach Angabe der 
Geschichte der erste Gebrauch des Glüheisens 
bei psychischen Krankheiten in das Ute odei^, 
12te Jaiirhundert fällt, so ist es doch so viel 
ge^^ifs^ dafs dieses heroische Mittel schon we- 
>wgen des Abschreckenden in seiner Anwendungs-^ 
art, abgesehen von seinem tiefen Eingreifen 
in den Organismus, wodurch mancherlei Fol-v' 
gen entstehen können, vielleicht manchen Ir- 
ren- ^rzt schüchtern gemacht, und von dessen 
Gebrauch abgehalten hat, woher denn auch 
die von vielen geäufserten Bedenklichkeiten 
entstanden sejn mögen, welche man gegen 
dieses Mittel geltend gemacht findet, zu deren 
FröfuQg wir nun übergehen wollen« Yorhei; 



— 16 — 

triaube ich mir jedoch die tod Jacohi in sei- 
oeo Saipmlungen iür die Gemülhs-Kraokhei« 
tBo ausgesprocheDe allgemeine Verdammung 
der sogenannten indirect psychischer Heilme- 
thode etwas zu beleuchten, indem er nllenbar 
zu weit gebt^ wenn er die gan^^e sogenannte 
indirect psychische Behandlungsart solcherKran« 
ken als eine in ihrem IVinzipe grausame, und 
die Wiederherstellung derselben in vielen FäU 
len gefährdende Methode, mithin arfs höchst' 
▼erwerflich darstellt. Ein solcher Ausspruch 
mofs um so auffallender seyn , als er mit der 
übrigen Theorie der Geisteskrankheiten, wel- 
che Jacohi in seinen Schritten zu begründen 
sucht, im grellsten Widerspruche steht« und 
selbst Hanroth zu dessen moralischer Theorie 
der Seelenstoruogen eine' solche Ansicht bes«- 
ser pafste, die indirekt psychische Uethode, 
wenn er gleich meint, sie sei theoretisch un- 
haltbar, doch in dem Erfolge als die aller- 
glHcklichste dargestellt hat. Jacobi meint, nach 
dieser Meithode sei der Irre die Zielscheibe 
für die absichtliche Erregung lauter schmerz- 
licher und unangenehmer Empfindungen, und 
rechnet hiezu besonders den Zwangstuhl, die 
Spritz- und Douch- Bäder auf den Kopf, das 
Uebergiefsen desselben mit einer bedeutenden 
Anzahl Eimer Wassers, die Einreibungen der 
Brechweinsteinsalbe, die Cox'sche Schaukel etc, 
Heiner Meinung nach dürfte der hier geäu- ' 
fserte Abscheu gegen diese Mittel, Ton deren 
Anwendung ich so günstigen Erfolg gesehen 
habe, nfichdem so manche Aerzte mit andern 
Uitteln Vergebens die Kranken Monate lang 
behandelt hatten, mehr dem Mifsbrauche als 
der passenden Anwendung derselben gelten, 
da eine. solche Ansicht, die sich nur vor den 



-- 16 — 

Schranken der Theorie rechtfertigen labt, In- 
der Praxis täglich durch so schnellen und gün- 
stigen Erfolg widerlegt werden kann. Jaeohi 
ist dem Gliiheisen eben so wenig gewogen, 
indessen glaube ich ganz ruhig einer Methode 
das Wort sprechen zu können , die schon so 
-viel Gutes leistete, bis eine bessere, d. h. 
minder unangenehme und in ihrem Erfolge 
wenigstens gleich glückliche Behandlungsart 
aufgestellt seyn wird« damit den bisher em- 
pfohlenen direct psychischen und anderen Me- 
thoden ohne Beihülfe der indirect psychischcüi 
wenig oder gar nichts geleistet wurde« 

Einwendungen gegen den Gebrauch des Glüh" 

eisenSm 

Wenn man die Ansichten yerschiedener 
Schriftsteller über den Gebrauch des. Gliihei- 
ftens zur Heilung psychischer Krankheiten im 
Allgemeinen zusammenfafst, so ergiebt sich 
leicht das Resultat, dafs man Von Seite der 
meisten Aerzte eine gewisse Scheu gegen das- 
selbe geäufsert hat, und yorziiglich der Mei« 
nung ist, , die Einwirkung desselben auf die 
Knochen und das Gehirn liefse bedenkliche 
Folgen befürchten, wobei man sogar Rücksicht 
nahm auf . das Abschreckende bei seiner An- 
wendung sowohl für den Kranken als seine 
Umgebung, um so hin das Glüheisen für jene 
Fälle aufheben zu müssen glaubte, bei wel- 
chen kein anderes Mittel mehr zu helfen 
schiene, oder mit andern Worten, wo nichtt 
mehr zu verlieren , und nur zu gewinnen sey. 
Allein gegen diese Ansichten läfst sich sehr 
vieles einwenden , und wenn man bedenkt, 
welchen tiefen Eingriff künstliche Geschwüre 

oder 



— 17 — 

I 

oder EitcraDgistelleii auf irgend eine endete 
Art erzeugt, so wie die Anwendung der Dou- 
che und anderer Bäder hervorbringen^ so dtirfle 
es auffallend scheinen, wie man solche Mit« 
tel, namentlich die Anwendung der Brech- 
weinsteinsalbe, von deren günstigen Wirkung 
ich so oft Gelegenheit hatte, mich zu über- 
zeugen, als gelinder wirkend ansehen kann» 
Folgende Bemerkungen über die Wirkungen 
der Brechweinsteinsalbe sowohl als des Gliih- 
eisens, mögen zur Beurtheilung ihres Werthee 
nicht unpassend hier stehen. 

Wenn man solche Kranke, bei welchen 
ein oder das andere dieser beiden Heilmittel 
tog^wendet wird, genau beobachtet, so kann 
aan folgende Vorgäoge wahrnehmen. Bei 
der Einreibung des Kopfes nach Hofmedikua 
Dr. MuHtr*8 Methode, wo der ganz kahl ge* 
schorene Kopf mit einer Salbe, aus einer bis 
zwei Drachmen Brechweiostein auf eine Unze 
,Fett, täglich 2 — 3 Mal zu einem TheelöiTel- 
eben voll eingerieben wird^ entsteht erst oft 
nach 1 — 2 Tagen ein lästiges juckendes Ge- 
ffihl, welches allmählig in Brennen übergeht^ 
und endlich mit der beginnenden Gesichts - Ge- ' 
schwulst, wo die Gesichtszüge des Kranken 
niciit mehr zu erkennen sind^ einen immer 
wachsenden Schmerz Verursacht , der nach ein- 
getretener Eiterung durch die so nöthige Er- 
neuerung des Verbandes zur Heilung täglich 
wenigstens einmal sehr gesteigert wird. Der 
Eingriff auf den Organismus ist sohin zwar 
ein langsamerer aber weit länger und heftiger 
andauernder, auch weiter um sich greifender 
als es beim Gliihelsen der Fall ist. 

Der Schmerz, den das Glüheisen bei sei« 
ner Einwirkung erregt, ist ohne Zweifel sehr 
Joani.LZVII.B.3.St. B 



— 18 — 

heftig f allein die Heftigkeit ist nur ttiomentan, 
er nimmt fast za sagen ab ^während jener 
bia zu einem gewissen Zeitpunkte zunimmt, 
die Kranken beschreiben den Schmerz / wel- 
cher durch die Einreibung der Brec{^ Weinstein- 
salbe entsieht 9 gerade so als würden ihnen ^; 
die Haare einzeln ausgezogen. Besonders ist i 
die Heilung der Eiter ungsfläche bei der Ein- ] 
reibung mit viel mehr Schmerz und Seh wie- j 
rigkeit schon wegen des Umfanges verbunden, 
während die Brandstellen oft nur zu schnell v 
zuheilen, und man Sorge tragen mufs^ selbe 
oiTen zu erhalten , da häufig von einer. solchen . 
Eiterung die Genesung abhängt* 

In so ferne nun das {Jlüheisen durch seine - 
schnellere, wenn auch etwas schmerzhaftere ' 
Einwirkung einen schneller vorübergehenden 
Schmerz ohne jene lästige Eiterung zur Folge 
hat f gehört es ofTenbar zu den gelinder wir- 
' kenden Mitteln , und beide Heilmittel mögen 
unter gegebenen Verhältnissen ihre besonderen 
Vorzüge für einen oder den andern Fall ha- 
ben. So wie nämlich bisweilen nur durch ei- 
nen rasch erfolgenden endlichen Eingriff in 
den Organismus Hülfe zu heilen ist, eben so 
kann auch der andere Fall eintreten, wo nur 
durch einen langsameren aber in steigendem 
Grade zunehmenden Eingriff Rettung erzielt 



.VTae die so leicht schädliche Einwirkung 
des Glüheisens auf die Kopfknochen betrifft, 
welche man vorzüglich gefürchtet zu haben 
scheint, so ist es zwar wahr, und Niemand 
wird es in Abrede stellen , dafs durch unvor- 
sichtiges Brennen , oder durch ungünstige Be- 
schaffenheit der äuiseren Bedeckungen leicht 



— 19 - 

bis auf den Knochen gebrannt weisen kann; 
vrodurch Necrose entstehen, und sich eine 
KLnochenlamelle abetofsen kann ; allein ist denn 
dies ein so gefählrlicher Vorgang? Geschieht 
dies uiifht eben so' leicht bei der Einreibung 
mit der Brech weinsteinsalbe , deren günstige 
Resultate ich nicht genug zu erheben vermag? 
Wie oft sah ich schon bei solchen Kranken 
solche necrosifte Knochenstiicke abgehen, und 
der glückliche Erfolg der wieder erlangten 
Geistes -Gesundheit mochte hinlänglich für die 
, iberslandenep Schmerzen entschädigt haben! 
Was diesen Punkt anbelangt, dächte ich, konn- 
te man ganz beruhigt sejn, und nicht den ge- 
ringsten Anstand nehmen, das Glüheisen an- 
zuwenden, dessen Eingriff^ wie die Erfahrung 
lehrt, in Bezug auf die Kopfknochen keine 
grSCiere Gefahr bringt. 

Anlangend die Wiederzuheilung der Ei- 
terungsfläche, so mochte, die durch das Glüh- 
eisen bewirkte schneller und leichter zu hei- 
len seyn , als jene, welche durch Einreibung 
der Brechweinsteinsalbe erzeugt wurde. Es 
ist eine durch häufige Erfahrung bestätigte 
Wahrnehmung, dafs die Eiterungsflächen nach 
dem Gebrauche des Glüheisens sehr leicht wie- 
der heilen, ja dafs man oft Mittel anwenden 
mnfs, die Eiterung noch zu befordern; bei der 
EiterAäche der Einreibung ist dies nicht der 
Fall. Während bei der Anwendung des Glüh- 
^ eisens der EingriJT an der ganzen Stelle ein 
\ lait ganz gleichmäfsiger ist, erregt die Fustel- 
«raption bei der Einreibung der Brechwein- 
ileinsalbe durch bald mehr bald weniger tief 
Cmifende Eiterung in der Zeit und der Art 
kf Heilung Yiel mehr Beschwerden ^ indem 

B 2 



— :20 ^ 

•s nicht mehr in unserem Willen steht, bei 
einmal geschehener Eini:eibung die. Tiefe bnd- 
den Uinlang des Geschwürs so ganau su be«. 
schränken , was in der That ein Machlheil der. 
Einreibung gegen das Gliiheisen ist, und nur 
durch eine sorgsame Behandlung der Geschwür- 
fläche weniger lästig gemacht werden kann.' 
Wie oft ist man genöthigt, um die Geschwüre 
zum Scbliefsen zu bringen, mit dem Hollen- 
steine die luxurirenden Ränder zu ätzen , wie 
lange zieht sich oft solch eine Heilung hinaus, 
während man der mit dem Gliiheisen aufei* 
nen' bestimmten Platz gemachten genau be- 
schränkten Geschwürlläche bald Herr wird? 
Lange schon ist oft die Gesundheit hergestellt, 
und die (leij-ung der Geschwüre fesselt noch 
manchen mit nicht geringen Schmerzen «ui die. 
Anstellt, der sonst längst den Seinen konnte 
zurückgegeben seyn. 

Doch der auffallend gute Erfolg, den diese 
Einreibungen vorzüglich in solchep Fällen, wo 
alle noch so sehr empfohlenen BJittel gar keine 
Wirkung 'halten, schon so häufig hervorbrach- 
ten , rechtfertigt hinreichend ihre Anwendung, 
um so mehr, indem der eben so gefühlvolle oder 
gewissenhafte Hofmedikus Dr. Mülkr in seiner 
26jährigen Praxis bei solchen Kranken diesen ' 
Einreibun^n das meiste zu danken zu haben 
selbst erklärt, wovon ich oft genug Zeuge 
war, um versichern zu können, rlafs nie eine' 
lebensgefährliche JRin Wirkung durch diese Be- 
handlungsart Statt fand , wohl aber die ver- 
cweifeUsten Fälle nur allein durch sie geho- 
ben wurden. 

Die angeführten IVachtheile der Brech- 
w^inültein- Einreibungen können also um. sp.. 



— 21 — 

Miigor als gegen ihre Anwendung sprechenil 
Iten, al9 es hier, wo es die Beurtheilung 
r Vor- oder IVachtheile eines Heilverfahrens 
jr dem andern gilt, die Wahrheitsliebe fo- 
rt, alles genau zu erwägen, and nicht ans 
3rliebe für eine Behandlungsart ihre Nacb«- 
eile mit Stillschweigen zu übergehen. 

Die schädliche Einwirkung auf das Gehirn 
na doch nur eine consecuiive seyn, in so- 
roe nämlich durch erfolgende Entzündung 
ler oder Extravasat -Bildung, oder endlich 
ihmungs- Gefahr zu befürchten ist* Aile diese 
ilgen können auch auf den Gebrauch ande- 
r Mittel, z. B. heftiger -Douche- Bäder, der 
lelkur, der Drehmaschine, so wie der vor- 
nannten Einreibungsmethode entstehen. Nicht 
osonst fügt Herr v. Autenritth bei Empfeh- 
Dg der Ekelkur durch Tartarus emeticus. die 
'arnuDg bey ,* dafs man sich in Obacht .neh- 
sn solle, indem nach Beobachtungen in Flo- 
Dzer Irren - Anstalten eine bedeutende Zahl 
''ahnsinniger, bei denen man die Ekelkur 
gewendet hatte, apoplektisch starben, der 
urtarus emeücus sohin zur Apoplexie zu dis- 
iniren scheine. Auch Haslam will paralyti- 
he Zufalle auf den Gebrauch des Brechwein- 
*ins gesehen haben. Ohne gerade diese Blei- 
iDg als unhaltbar zu erklären, indem schon 
irch das Brechen «'in und für sich leicht eine 
itposilion zum Schla^fiusse in einer solchen 
usdehnung wie es bei der Ekelkur bisweilen 
T Fall ist, erzeugt werden kaun , so kann 
an doch beliaupten und aus der Erfahrung 
icht nachweisen , dai's das Brennen keine 
ofsere Gefahr droht, als Mc solche Mittel, 
id dals noch insbesondere der Gebrauch so 



— 22 ^ 

• 

mänclier beflig ^irkend«ii Narcotica, die oft 
in fast unglaublichen Gaben angewendet wer- 
den, viel schnellere und grofsere Gefahr durch 
ihre Einwirkung auf das Cerebral- und übrige 
Kerrensystem herYorbringen müssen. £& kann 
dem Glüheisen kein anderer Vorwurf gemacht 
werden, als dafs es durch den heftigen äu- 
fsern Reiz entweder eine Entzündung errege, 
welche sich^ dem Gehirn mittheilt , oder bei 
noch heftigerem Reize ' zu einem momentan 
Statt findenden JExtrayasate Anlafs gebe, oder 
Lähmung zur Folge habe. Wird nun aber 
das Glüheisen mit gehöriger Vorsicht ange^ 
^endät, werden alle Umstände vorher genaa 
erwogen, so kann- es nur ein höchst sel- 
tener Fall sejn, wo eine ungünstige Folge 
der Art eintreten wird, die vielleicht bei dem 
Gebrauche eines jeden andern solchen Mittels 
sich ergeben hätte, und es ist daher kein 
Grund vorhanden, grofsere Besorgnisse bei 
Anwendung des Glüheisens zu hegen, als über« 
all bei dem Gebrauche solcher Mittel zu er«^ 
warten sind, deren Wirkung eine eben so 
heftige und entscheidende als bisweilen ge« 
fahrliche aber auch wohlthälige ist. 

Eine 'etwa sich ausbilden wollende Ent- 
stindung wird sich leicht verhüten oder besei* 
ligen lassen , wenn man jene Caulelen nicht . 
unterläfst, und gleich nach geschehener Cau- 
terisation kalte Umschläge auf die Brandstel- 
len macht , welche vor den von einigen Aerc- 
ten empfohlenen kalten Beglefsungen in die- 
sem Falle meines Erachtens den Vorzug ver- 
dienen , da die kalten Umschläge leichler an- 
zuwenden sind, und auch den Kranken we- 
niger bcklästigen und unruhig machen, wäh* 



— 23- ■ — ' 

rend die kalten Begiefsuogen bei den meisten 
Kranken ein äu&erst unangenebuies Gefühl 
erregen, wodarch sie oft in die gröfste Un- 
ruhe gerathen, und sobin mehr geschadet ala 
genützt wird. Extravasate, Apoplexie und 
Lähmungen nach der Anwendung des Glüh- 
I eisens sind bis jetzt meines Wisseos noch nicht 
bsobachtet worden, und dürften auch bei ge-^ 
eignetem Verfahren kaum zu fürchten sejn^ 
Sollte sich jedoch ein solcher Zofall ereignen, 
10 wird die Kunst eben so viel gegen densel- 
ben vermögen, als wäre er aus einer andern 
Ursache entstanden« . , 

Wenn man so die angeführten Umstände 
niflich erwägt, so ergiebt es sich' deutlich, 
dafs die Furcht vor dem Glüh^sen mehr An- 
Iheil aa den vorgeschützten nachlheiligen Fol- 
gen hat, als die Wirklichkeit deren nach« 
weifst. Es ist dies um so auffallender, als 
man in der Epilepsie dessen Gebrauch nicht 
icheut, wie ich besonders im Wiener allge- 
meinen Kraokenhause zu beobachten Gelegen- 
heit hatte, wo der würdige Primär -Arzt Dr. 
Schiffner sich desselben häufig bediente, und 
OAinentlich bei einem Jungen von 14 — 16 Jah- 
ren mehreremale auf dem Kopfe wiederholen 
liefs. In der Irren- Anstalt wurde es nie an- 
gewendet, da Dr. Mysel kein Freund von so 
heroischen Alittelo ist, und sich höchstens zu 
einem Haarseile entschliefst. 

PmePs Aeufserung, dafs die Anwendung 
des GUiheisens bei dem Kranken eine Art 
[ Zerrüttuug hervorbringeu, und unter den Wär- 
terinnen einen besorglicheii Schrecken verbrei- 
tea könne, welche er J^ahntin mitthellte, und 
' deren auch Schntidtr in seinem Entwürfe zu 



f 



— 24 — 

•iner HeilmittelUhre gegen psychiscbe Krank- . 
heitan erwähnt, ist, wie ochntidtr bemerkt, 
offenbar ungegnindet. Ehen so ungegriindet ist • 
die Bemerkung SchmUdu^» a. a. O. , dafs auch 
Hofmedikns Dr. Müller diese Besorgnifs aus- 
spreche ; denn MüUtr*8 Besorgnifs bezieht sich 
auf die schädliche Einwirkung, die er auf das 
Gehirn oder 'das Schädelgewolbe befürchten zu 
müssen glaubt* Uebrigens spricht er sich in sei- 
nem Aufsatze über die bisher gerühmtesten 
empirischen Mittel in psychischen Krankhei- 
ten in Nas8e*s Zeltschrift für psychische Aerz- 
te, 1823. Heft I. pag. 209. sehr deutlich aus, 
indem er sagt: seiner Versuche mit dem glü- 
Kenden Eisen und der Moxa seyen es noch' 
jEU wenige, um diesen Mitteln alles Verdienst 
absprechen zu wollen , vielmehr sew^erent- . 
schlössen, dieselben fortzusetzen, indeCs nur 
dann, wenn andere gelindere 'Mittel, beson- 
ders die Einreibungen der Brechweinsleinsalbe \ 
fruchtlos angewendet worden seyen, weil er 1 
Ursache habe zu glauben , dafs das Brennen 
mit dem Gliiheisen leichter als diese Salben - 
Einreibungen ^uf die Schädelknocben und das 
Gehirn seibat, nachtheilig einwirkte. — ^ Es . 
geht daraus hervor, dafs er die Besorgnifs in 
Beziehung auf einen Schreck der Wärterinnen 
nicht mit Pinel theilt, indem in der hiesigen 
Irrenanstalt auf solche Nebenumslände keine 
Rücksicht genommen wird; wns die schädli- • 
eben Folgen auf Schädel und Gehirn anbelangt, 
glaube ich selbe hinreichend Im vorhergehen-' i 
den beleuchtet zu haben , es wird hier nur " 
noch nothwendig seyn , einige Einwendungen 
gegen die Ansicht, das Glüheisen als letzte 
Zuflucht zu betrachten, wie namenllich Schnei^ 
c/cra..a. O. sich ausdrückt, anzuführen. Wenn 



— 25 — 

Schnddirjpng. 113 a. a. O. sagt: man ftolla'feich 
des Gliibeisens nur bei sehr heftigen Tobsüch- 
tigen mit kräftiger Körper «-GoDstitulion bedie« 
Ben , wo zuerst ' alle übrigen bülfreichen Mit- 
tel fruchtlos gebraucht worden seyen, indem 
man in solchen Fällen nichts verlieren, son- 
dern nur gewinnen könne, sohin die oben 
geäufserten Besorgnisse um so weniger ge- 
gründet seyen, so ist eine solche Auslegung 
und Beweisführung gewifs nicht zu billigen, 
da, wenn jene Nachlheile, welche man von 
der Anwendung des Glüheisens zu besorgen 
•cheint, gegründet wären, was glücklicher- 
weise der Fall nicht ist, allerdings so man- 
ches lu. verlieren wäre, worüber der Arzt 
kein Recht hat, nach Wilikühr zu schallen, 
jiäml>'*h das JLeben , und gerade hier cer Satz, 
Mtlius anceps remedium quam nuUurn^ eine be- 
deutende Einschränkung erleiden müfste, wenn 
man bedenkt, wie glücklich mancher Kranke 
in seinem Wahne sich befindet, und wie ihm 
sein Daseyn so viel Vergnügen macht, als 
hätte er den vollen Gebrauch seines Verstan- 
des, wo also, wenn man ihn nicht heilen 
kann , ■ ein solcher Versuch gewifs nicht zu 
hiliigen wäre, wenn die angefühcten Kachtheile 
daraus entstehen, und ihm das Leben kosten 
konnten. 

Endlich ist es für die Wissenschaft kein 
Gewinn, wenn gewisse 3IIitel, deren hohe 
Wirksamkeit nicht in Abrede gestellt werden 
kann, aber in ihrer Anwendungsart etw;is 
grausam erscheinen, nur als It'lzle ZuAurht 
betrachtet werden. Würde der Operateur bei 
Absetzung von Gliedern eben so zu Werke 
gehen y und nicht auf das Ganze sehend jene 



— 26 — 

Periode wählen, wo mit weniger Gefahr und 
bei noch günstigeren i Umständen die Operation 
verrichtet werden kann, so dürfte er manch- 
mal sein Zaudern und Herumprobiren mit an- 
dern Mitteln zu seinem und des Kranken Nach* 
theil zu bereuen haben. Ueberhaupt scheint 
es mir höchst zweifelhaft, dann von einem 
Mittel ein bestimmtes Resultat erwarten zu 
wollen y wenn man bereits vielleicht alle be- 
kannten anderen Mittel angewendet, und durch 
den Gebrauch derselben die Empfänglichkeit 
für ein solches Mittel verändert hat. Was 
soll das Glüheisen ^namentlich noch nach der 
Anwendung der Brechweinstein- Einreibungen 
bewirken ? Sollte nicht in so manchem Failey 
wenn je noch ein Erfolg zu hofien ist, durch 
den früheren und schnelleren EingriiT des Glüh- 
eisens eine günstigere Veränderung bewirkt 
werden kijnnen^, welche durch die langsamer 
aber heftiger wirkende Brech Weinstein «Salbe 
nicht erreicht wurde ? Was kann aber für 
ein Erfolg erwartet werden , wenn durch sol- 
che Vorausbehandlungen die Empfänglichkeit 
für entscheidend wirkende Mittel nach und 
nach vernichtet ist? Gewifs solche Grund«* 
Sätze verdienen eine genaue Prüfung, da so- 
viel davon abhängt, und ihre mit der Ge- 
mächlichkeit übereinstiinmeDden Aussprüche 
nur zu leicht Aufnahme und Beifall finden. 
Wenn auch bis jetzt noch keine bestimmte 
Anzeigen zur Anwendung des Glüheisens auf- 
gestellt sind, so lassen. sich doch aus den vor- 
handenen Beobachtungen hioreichende Winke 
dazu 'geben , und wenn man nicht anfängt, 
eine Sache zu bearbeiten, und immer bei dem 
Alten stehen bleibt , so kaun selbe nicht wei- 
ter ]Bebracht werden, ja sie geräth nur zu bald . 



— 27 - 

\ 

^wieder in Vergessenheit, worüber die Ge^«» 
schichte der Arzneikunde Belege igeoug lie* 
fert. 

Benurkungen über die bisher gemachten Erfahr 

rangen» 

Wie bereits hiolanglich aus dem früher 
Gesagten einleuchtet, schritt man höchst wahr- 
scheinlich nur dann zur Anwefjdang des Glüh« • 
eisens, wenn von keiner andern Behandlungs- 
art mehr Rettung zu hoffen war; allein aus 
solchen Fällen, wenn auch bisweilen Heijnng 
erfolgt, konnte gewifs kein grofser Vortheil 
für die aufzustellenden Indicationen gezogen 
werden, um so weniger als yielleicht mancher 
Kranke yiele und sehr angreifende Behend^ 
longsarlen mochte ausgeh alten haben, ^o dana 
in therapeutischer Hinsicht der einzige 6e* 
winn aus der Form der Krankheit , bei der 
man es anwendete , hervorzugehen scheintf 
und" dies war denn auch der Fall, indem man 
des Glüheisens nur hei Tobsuchten sich b^- 
diente. 

Aus T^ahntuCe Beobachtungen läfst sich 
schon mehr Nutzen ziehen , indem er nur we- 
nige Mittel vorher gebrauchte, und so unge- 
trübtere Belege für den Nutzen des Glühei- 
sens lieferte. 

Gondret gründet die Anwendung des Glüh« 
eisens schon auf die veranlassende Ursache, 
in soferne sie im Gehirne zu. liegen, scheine. 

Die von Groos mitgetbeilten Fälle verbrei-* 
len nicht minder günstige Anzeigen für das 
Glübeisen , er wandte dasselbe nach eiogeboU 
tem Gutachten einer Medicinal-Commission 



— 28 — 

f 

sup wo gewifs die . nachllieiligen Folgen hin- 
reichend gewürdigt wurden. Die von Dr. 
Malier gemachten Erfahrungen, wenn sie auch 
im Erfolge weniger günstig waren, bieten doch 
Tiel Lehrreiches in mancher Hinsicht dar. In 
beiden Fällen ^ar ich Augenzeuge bei der 
Operation, und die erste Einwirkung war ziem« 
lieh günstig. Dafs sie nicht von Bestand war, 
mag vorzüglich darin seinen Grund gehabt 
haben : dafs 

\ 

r 

1) beide Subjecte jüdischer Religion waren, 

2) beinahe alle bisher empfohlenen Be- 
liandlungsarten schon durchgemacht, endlich 

3) bereits in vorgerücktem Alter nament- 
lich das i^ännliche Subject ein hoher Siebzi- 

' ger, das Judenmädchen zwar erst einige drei- 
fsig Jahre alt , aber durchaus kratzig war, 
und jeder Behandlung widerstand. Die. Hei- 
lung des Krätzausschlage$, so wie die Wie« 
dererzeugung desselben äufserten beinahe gar 
keinen Eiiiflufs auf die Geisteskrankheit, das 
Brennen allein brachle auf ein Paar Tage Ruhe 
zu Wege. 

Ueberhanpt wurde in der hiesigen Ii^ren-^ 
Ansialt die Erfahrung gemacht, dafs Wahn«- 
«innige jüdischer Religion der Heilung unend;- 
liche Schwierigkeiten eD(geg«^nsetzen , indem 
bei ihnen selten durch Beihüife der direct psy- 
chischea jK>ur etwas auszurichten ist, und sie 
einmal in- Wahnsinn verfallen^ meist so spät 
zum Heilungsversuche kommen, dafs schon 
-aus* der Lange der Zeit ;uif wenig Hoirming 
•zu schl^efsen ist. Ich halle zwar das Oiück 
vor einigen Jahren einen Juilenjungeji von 16 
Jahren, nach einer 4muuatlicheu Behandlung 



r 



— 29 — 

wieder hercostellen, allein er kam gleich beim 
•rslea Ausbruche seines Wahnsinns in die 
Behandlung, und dann mag auch das jugend- 
liche Aller Tiei zur baldigen Heilung beige« = 
tragen haben» 

Hofmedikus Dr. Müller versicherle» in sei- 
ner 40j.ihrigen Praxis^ wo er 26 Jahre lang 
der hiesigen Irren -Anstalt -vorstand , diese 
Beobachtung bestätigt gefunden zu haben. 

Auch in andern Irrepanstalten erfuhr ich' 
auf meine Erkundiguug ein gleich ungünstiges 
Verhältnifs. Man dar! hier kaum einwenden, 
dafs wohl die geringe Zahl solcher Kranken 
zu den andern das ungiinslige ilesultat befor-' 
dere, man findet bei andern lleh'gionen, wo' 
ein gleiches Zählen -Verhältnifs Statt ündet» 
diese Schwierigkeiten in der Behandlung nicht 
minder. Merkwürdig war das Sections- Re- 
sultat in Beziehung auf die Brandstellen bei 
dem alten Juden, der ohngefähr vier Monate 
nach der Operation an all^euieiner Abzehrung 
starb, wo sich die Hautstetle trotz einer furcht- 
baren Eiterung, die er durch Beschmierung 
mit seinem eigenen Kothe bei aller Sorgfalt 
för seine Reinlichkeit von Seile des Wärters, 
erregt hatte, doch fast vernarbt fand, und der 
Knochen nur wenig rauh war, im übrigen 
fand sich in seinem Gehirne und deren Häute 
l^iae auffaltende Veränderung. 

Bruccinelli , wie schon oben gesagt wurde, 
bediente sich auf J^ahntbCs Anrathen bei 25 
Wahnsinnigen des Gliiheisens, und versicher- 
te, ein Drittheil der Kranken dadurch geheilt 
zu haben; auf den ersteh Anblick möchte ein 
solches Resultat nicht zu den besonders glück- 



- 30 - 

Uchen geliSren, da. es doch meist acute Falle 
waren, die man noch mehr unter die heilba- 
ren rechnet-; untersucht man aber die Sache 
näher, so findet es sich leicht, dab bei der 
Art wie man brannte, kein grofser Vortheil 
zu erwarten war. F'aUntin selbst untersuchte 
zwei, die BruccinelU hatte brennen lassen (er 
neont seine Methode zu brennen- Cuii/erisaifon 
transcurrenie) y und fandj dafs das Glüheisea 
die Haut nur leicht gesengt hatte, wie die 
Rippen einer Melone. 

Bei einer solchen Anwendungsart ist es 
kein Wunder, wenn man umsonst ein gün- 
stiges Resultat erwartet. Was kaon ein so 
oberflächliches Sengen der Haut für einen Ein- 
druck auf Subjecte hervorbringen , bei denen 
oft die gröfsten Sinnes- Eindrücke wie unge- 
schehen vorübergehen ? In beiden Fällen war 
dann auch durch das Brennen nicht die ge« 
ringste Einwirkung auf den Geisteszustand er- 
folgt. -I/i einem dritten Falle den er sah, der 
etst vor Kurzem war cauterisirt^ worden^ wo 
indessen schon Ruhe eingetreten war, so dafs 
inan ihm die Ketten hatte abnehmen können^ 
war der Brandschorf schon abgefallen, aber 
breit und tief. 

' Aus V diesen Bemerkungen geht . herTor, 
däfs es hier vorzüglich auf die Intensität des 
Brennens ankommt, die sich wie von selbst 
▼ersteht 9 nach dem gegebenen Falle richtea 
muis. 

Die Beobachtungen, welche yakntin von 
den Schwestern des Irrenhauses St. Nicolas bei 
Nancy mittheilt , bestätigten diese Ansicht noch 
mehr. Selbe ^rftndten nämlich nach seineni 



- 31 - 

Ratbe das Gliili'eisen an, und es gelang ihnen 
unter 18 Fällen, worunter «ich Personen bei- 
deflei Geschlechts befanden, jedoch mehr Wei- 
ber als Slänner, 12 durch die Anwendung 
dieses Mittels herzustellen; es waren dies ui^st 
Weiber, von denen nur eine ein Jahr später 
einen Rückfall erl.itt. Auch sie machten die 
Beobachtung, dafs wenn die Cauterisation von 
einem anerfahrenen Chirurgen nur oherfläch- 
Uch gemacht wurde, selbe ohne alle Wirkung 
blieb, brannte man dagegen nach V'aientin^g 
Rath bis auf die Muskeln durch , so trat in 
den. meisten Fällen Heilung, oder doch we^ 
nigstens Linderung ein. So wurde durch die 
Application des Glüheisens ein unbändig Ra« 
Sender gebessert, wenn gleich seine Geistes- 
krankheit nicht gänzlich konnte gehoben werden. 

Im Ganzen schritten sie zu diesem Mittel 
SQcb nur dann, wenn die übrigen ^lle frucht- 
los blieben , was in Beziehung auf den gün- 
stigen Erfolg, welchen sie nach obiger An- 
gabe erlangten , sehr vortbeilhaft für die An- 
wendung des Glüheisens spricht. 

Die Beobachtung, dafs bei Frauen und 
Mädchen meist einige Monate nach der Cau- 
terisation die unterdrückte Menstruation wie- 
der zum Vorsehen kam , scheint mir mit dem 
Brennen in keinem Causal - Zusammenhang 
<u stehen , indem ich mehrere geisteskranke 
Kranen und Mädchen zu beobachten Gelegen- 
litit halte, bei denen während der Krankheit 
^is Reinigung oft unregelmäfsig oder unter- 
drückt war» und nicht sehen erst mehrere Mo« 
>Bte nach erfolgter WiederhersteiUing zur Nor- 
>nalität zurückkehrte. Da dies auch bei andern 
liebandlungsarten , z. B. der Einreibung mit 



.^ 



- 32 - 

d«r BrechweinsteiDflalbe Statt findet, so scheint 
die Canterisation gerade nicht besonders dasa 
Veranlassung geben zu können. 

Wicbfig ist allerdings die Bolle, welche 
die Menstruation fast ^ durchgängig bei allea 
Krankheilen des weiblichen Geschlechts spielt^ 
häuGg genug mag sie ein veranlassendes Mo-> 
ment zu Seelenkrankheiten flfeyn, indessen ist 
doch durch die Erfahrung hinreichend nach-* 
gewiesen^ dafs ihr Eiolritt oder ihr Ausblei- 
hen nicht selten gar keinen Einflufs auf die 
Heilung psychischer Deilexe hat, ja ich hab« 
mehrere Fälle beobachtet , wo während der 
ürankheit die Menstruation' regelmäfsig war, 
soWohl während oder nach der Heilung a^er 
unregelmäfsig. Eben so erfolgte indessen auch 
nur mit dem Eintritte der Menstruation blei- 
hende Besserung, wodurch die Gausal- Ver- 
bindung der Krankheit mit derselben anfser 
allem Zweifel gesetzt war. 

Mit Recht sagt daher Casper in seiner Cha- 
rakteristik der frauzÖsischen Medicin, dafs, 
wenn man das Yerhältnifs der unterdrückten 
Menstruation als Ursache der Geisteszerrüt- 
tung, wie es aus einer beigefügten Tabelle 
ersichtlich ist, berücksichtigt, wo es sich wi^ 
1 — 16 ergiebt , gewifs mit Unrecht selbe oft 
als Ursache des Wahnsinnes angesehen werde. 
In vielen Fällen, vielleicht in den meisten, 
mag dieselbe Veranlassung, die zunächst ei- 
nen tiefen anhaltenden Eindruck auf das Ge- 
müth machte, bald auch die Alenstruation un- 
terdrücken, wo dann diese keineswegs als 
veranlassendes Momeut zu betrachten ist> ja 
vielmehr als Folge des geistigen Eingriifes auf 
den Organismus gellen mufs. Eine nicht sehr 

sei- 



— 33 — 

seltene Beobacbtang ist es aach, daß gerade 
mit dem Aufhören der Periode, wenn Wei- 
ber in gewisse J^afare treten, die Torhan^ 
dene Geisteszerrüttung verschwiodet. Es be- 
^rährt sich auch hier wie bei allen Zuföl« 
len, welche inani unter den yer anlassenden 
Ursachen solcher Krankheiten aufzahlt, dafs 
sie zwar mit Einschränkung anzuerkennen 
sind, dafs aber, indem die psychischen Ein- 
flösse^ die oft nur zu schnell ihre störende 
"Wirkung ausgeübt haben 9 als nicht yorhan« 
den gewesen übersehen werden, nicht selten 
dann die materiellen Folgen als veranlassenda 
Momente gelten müssen. 

« 

fpirkungs- und Anwendungsart des Glühti$ens. 

Anlangend die Wirkungsart der Brenn« 
mittel im Allgemeinen, wo nebst dem Glüh- 
eisen und der'Moxa auch noch die sogenann- 
ten-^ Caustica potentialia , Aetzmittel^ welche 
man in mancher Beziehung dem eigentlichen 
Brennen mit dem Feuer hat substituiren wol- 
len , zur Sprache kommen , geht aus den Er- 
iahrungen der meisten Autoren , welche hier-« 
über Beobachtungen gemacht und mitgetheilt 
haben, deutlich hervor, dafs ein grofser Un- 
terschied zwischen den verschiedenen Mitteln 
Statt finde, und dafs insbesondere die Aetz- 
nüttel gar nicht die ' Lobsprüche verdienen^ 
dis man ihnen als Ersatzmittel, wo nicht des 
Gluheisens, doch wenigstens der Moxa gege« 
bsn hat. 

Der Eindruck, den die Aetzmittel ma- 
dien, ist zu gering, sie scheinen einen äu- 
ßerst nachtheiligen EingriiF in die tbierische 
Organisation zu jnachen, ihre Wirkung über- 
Joun^ UXVlh B. 3. St. C 



- 34 -^ 

•bhmiat liu laicht den Tom Arete gewiiofttb- 
teo Kreis, und die Eiterung des Geschwüres 
•wird dann meist eine ichorösei Fänlnifs und 
■Brand entstehen da, wo man erhöhte Thätig- 
4eit hervorzumfen sachte. Rombtrg theiit 
«inen Fall in Nasst^B Zeitschrift mit, wo 
.man das Caustkum pot€ntiale ohne alle Wir- 
kung auf den Kopf anwendete; der Fall be- 
traf eine Nymphomanie, in welcher meines 
Brachtens Ton einem solchen Mittel nicht viel 
-SU erwarten war, da der Eingriff weder an- 
greifend noch erschütternd genug seja konnte, 
ein hier günstiger Erfolg zu bewirken. Ue- 
berbaupt mochten die Caustica potentialia bei 

Esychischen Krankheiten im Allgemeinen und 
ei Mitleidenschaft der Sexualorgane insbeson- 
dere weniger an ihrer Stelle seyn, indem der 
von ihnen ausgehende Eingriff viel zu lang- 
sam, unkräftig und nicht andauernd genug ist. 
Il^P$ Vorschlag, brennendes Siegellack in die 
Handfläche tropfein zu lassen, mag' keine 
Vachahmer gefunden haben, ich bin überzeugt, 
dafs der gute Erfolg so selten war« als es mit 
dem Abbrennen des Feuerschwammes zwiscbea 
jden Fufszehen bei. Gicht etc. der Fall ist. 

Soll dem Heilzwecke zu entsprechen eine 
üefdge und lange andauernde Aufregung Ter- 
ursacht werden, soll es nicht auf die Zeit an- , 
kommen, innerhalb welcher die Wirkung er- 
folgt , so wird in solchen Fällen die Einrei- 
bung der Brechweinsteinsalbe, besonders nach 
MülkrU oben erwähnter Methode, den glän- 
zendsten Erfolg haben, ist es aber darum zu 
.thun, einen schnellen heftigen, und doch durch 
lange zu unterhaltende Eiterung zu erlangen- 
den Eindruck zu verursachen , so ist das Glüh- 
•iaen vorzüglich dazu geeignet. 



— 36 --- 

/ Es nnterliiagt wohl keinem Zweifel mehr, 
^ in Hinsicht auf die Wirkung zwischen 
^ Hoza und dem Glüheisen ein bedeutender 
Vsterschied Statt findet, und namentlich dafs 
du GiUheisen im Allgemeinen den Vorzug 
▼«rdienty wenn daher einzelne aus Vorliebe 
'für das eine oder' das andere Mittel dch eine 
Vebertreibang zu Schulden kommen lassen, so 
hat doch die Erfahrung längst solche Ansich- 
ten berichtiget 

Die Moxa ist nie im Stande einen so 
schnellen , heftigen und tief eingreifenden Ein« 
druck auf den Organismus zu bewirken als 
das Glüheisen , es mag allerdings hinsichtlich 
jer Bestandtheile der Brenncylinder einiger 
Unterschind Statt finden, so mögen die Ton 
Ptfcy empfohlenen Moxen schneller brennen, 
aber auch weniger 'tief eingreifen als jene 
Larrty's^ die von Baumwolle gefertigt mit et- 
was Oel getränkt sind, und gewifs längere 
Zeit zum Abbrennen brauchen, aber auch mehr 
Schmerz verursachen. Die Wirkung der Bfoxa 
besteht nach Larrey yorziiglich darin, dafs sie 
eine gänzliche Perturbation im Empfindungs-^ 
vermögen hervorbringt, eine bedeutende Auf- 
regung verursacht^ und eine Orts- Veränderung 
krankhafterReizungen zu bewirken imStande ist» 

In wiefern nun die Moxa alles dies zu be- 
werkstelligen im Stande ist, wollen wir da- 
iiB gestellt seyn lassen , 80 viel leuchtet ein, 
dsfa, in sofern die Brenn - Cylinder mehr oder 
weniger schnell abbrennen , diese Wirkung 
▼erhältnifsmäfsig erreicht werden kann, wo 
dann Larrey^s Moxen den Vorzug verdienen. 

Anlangend den Unterschied zwischen der 
Hoza und dem Glüheisen, so ist soviel ge- 

C 2 



— 3B — 

Wifft» dafs die Wirkung des Gliiheiseiis schnel- 
ler, heftiger, tief eingreifend und länger an- 
daurend ist^ während bei der Moxa eine lang- 
samere allmäfatige Anfregong Statt findet, und 
das Scbooerz- Gefühl, welches beim Brennen 
wohl mufs beriicksichtiget werden , nie jenen 
hohen Grad als beim Glüheisen erreicht, w^nil 
auch beim Abbrennen der Moxa der Schmers 
länger dauert. Die Ausströmung der Wärme 
beim Gliibeisen darf gleichfalls nicht unbeach- 
tet gelassen werden. Eben so ist sehr wahr- 
scheiolich, dafs die häufige gute Wirkung, 
welche man diiirch das Glüheisen erlangt hat, 
vorzüglich von dem plötzlichen Eindrucke ah- 
hing, den weder Moxa noch viel weniger die 
Caustica potendalia erzeugen können. 

Ein fernerer Unterschied ist in der Fläche 
begründet. Wenn man nicht mehrere Moxen 
abbrennen will, so kann man mit einer nie 
eine so^grofse Fläche zur Eilerung gewinnen» 
. und natürlich auch keinen so intensiven Grad 
der Aufregung tu Wege bringen. , 

Wenn Rust in seiner Arthrokakologie 
-behauptet , die Moxa sei schmerzhafter als das 
Glüheisen, so hat er eben so sehr Unrecht, 
als er mit Recht das Glüheisen übrigens der 
Bioxa vorzieht« Der Schmerz bei der Moxa 
ist anfangs sehr gelinde, wächst allmählig, 
und wird schon durch dieses allmählige Steigen 
um vieles erträglicher, so wie sich die Borke 
gebildet hat nimmt er ab, dahingegen bei dem 
* 61ühei8.en der Schmerz so heftig und plötzlich 
. eintritt, dafs die Gebrannten laut aufschreien, 
nur .^selten den Schmerz unterdrücken können^ 
Bö dafs sich wenigstens auf dem Gesichte das 
Entsetzen abspiegelt« Bei der Moxa, die ich 



N 



- 37 - 

UoGg TOD Larrey und andern setzen sah /»t 
dies fast nie der Fall , viele solcher Kränken 
Üefien sich selbe abbrennen, ohne das Gesicht 
SQ Terziehen, 

In Hinsicht der zerstörenden Wirkung wird 
ieifl bedeutendtOr Unterschied Statt finden , es 
l^onunt ja hier ganz auf den Willen des Ope- 
rateurs an, ob er mit dem Glüheisen tiefer 
«der nur oberflächlicher brennen will, die 
Moxa bringt ohnedies keine so tiefe Zerstörung 
hervor, und noch dazu geht es viel laogsamerher. 

Bei psychischen Kranken verdient das 
Gläheisen auch noch darum den Vorzug, dafs' 
die Operation äufserst schnell abgemacht isty- 
wer die Unruhe solcher Kranken kennt, d^* 
weils wie beschwerlich es ist, eine MozA ab-' 
xabreiHien, wovon ich mich hinlänglich ^iiber^. 
zeugt habe , abgesehen davon , dafs dann meist 
der Eindruck nicht tief genug ist. 

Larrey^ der eioe besondere Vorliebe für 
die Moxa hat, macht dem Glüheisen den Vor- 
wurf, es bewirke eine schnelle Zerstörung^ 
ohne durch Ausdauer des Schmerzes eine heil- 
same Zu- oder Ableituogs - Quelle zu werden,' 
allein hier hat offenbar mehr die Vorliebe als 
IJeberzeuguog das Wort geführt, es mag al- 
lerdings Fälle geben , auf die wir noch später 
kommen werden, wo die Moxa den Vorzug 
▼erdienen dürfte, wenn man nicht mit dem 
Glübeisen auch ihre Wirkung zu ersetzen im 
Stande ist , im Allgemeinen aber ist die Moxa 
^A psychischen Krankheiten kaum dem Glülv- 
sisen vorzuziehen. Larrey selbst hält sie bei 
Ceisteskrankheiten uiit Exaltation contraindi- 
cfit, was mit der Moxa aber hinsichtlich ih^ 
t«r zu langsamen und nicht tief genug ein- 



— 38 — 

gMifenden Wirkung^irt der Fall seyo mag, 
die sich yielleicht besser bei solfhen Krank- 
heiten mit Depression schicken dürfte, dage- 
gen wird in beiden Fällen mehr Vortheil Tom 
Gliiheisen zu ernvarten sejn, wie dies aas den 
gemachten Erfahrungen einleuchtet. 

Will man die der Moxa eigenthSmliche 
langsame uod immer mehr sich yerslärkende 
Aufregung, die mehr aufreizend als zerstörend 
seyn soll, mittelst des Gliiheisens bevrirken, 
so darf man nur auf die Ton 2sarlg so genau 
aus einander gesetzte Arten der Anwendung 
des Gliiheisens fiücksicht nehmehp und es wird 
nicht schwer seyn^ die gewünschte Wirkung 
dadurch zu erlangen, 

Zang stellt nämlich drei Arten der An- 
wendung des Glüheisens auf: 

1} indem man das Glühelsen per ^ance 
nvirken läfst, in welchem Falle man es dem 
Theile, auf den gewirkt werden soll, hlofii 
vor- aber nicht anhält^ 

2) man bezeichnet durch einen schnellen 
Zug mit dem Glüheisen über denr bestimmten 
Theil einen sogenannten Feuerstreif, 

3) endlich man drückt das Glüheisen auf 
eine oder mehrere Stellen zum Einbrennen 
auf, wo dann der heftigste und tiefste Ein- 
griff auf den Organismus bleibend ausgeübt 
wird. 

Durch die hier zuerst angegebene Anwen- 
dnngsart des Glüheisens wird ganz leicht der 
Zweck, den man durch die Moxa erreichen 
wollte, mittelst des Glüheisens zu erzielen 
sejrn. Wenn man ein rundes jplattes Glühei- 



— 39 — 

MO ^ das bis zam Rothglahen erhitzt isf^ dem 
benichoeteo Theile in einer solchen Entfern 
BQog Torbält, dafs nur mehr eine erregend^ 
Warme über denselben ausströmen kann, wel- 
ches man immer näher bringen und dann selbst 
geliode anfdriicken kann , so dürfte ganz leicht 
dadurch jene immer sich mehrende Aufregung 
ait steigendem Schmerzgefühle verursacht wer- 
den, welche man ala. besondere Wirkung der 
Moza preifst, 

"Wollte man die Caustka potentialia damit 
in Vergleich bringen , so würde es sehr leicht 
stjn, die vielen Machtheile, welche aus ihrer 
Anwendung entstehen, und bereits angeführt 
sind im vorhergehenden , als Gegenanzeigen 
aufzustellen. 

Das Glüheisen wurde bisher rorzfiglich 
eaf folgende Art angewendet : 

1) nach Bernhardts Vorschlag, in dem man 
gleichzeitig Scheitel und beide Fufssohlen mit 
dem glühenden Eisen bestreichen läfst, oder 

2) nach F'alentin , wo entweder der Schei-^ 
tfl allein oder vom Scheitel in den Nacken 
hinab ein ziemlich breiter 4 bis 5 Zoll langer 
Bnindechorf gebildet wird, allein hier soll nicht 
oberflächlich , sondern bis auf die Muskeln 
durchgebrannt werden, endlich 

^ 3) hat man die Anwendung des Glühoi- 
lans auch noch zu beiden Seiten der Wirbel- 
aäale, wo man einen ungefähr 6 Zoll langen 
Streifen zu beiden Seiten brennen läfst, von 
welcher Art auch Hofmedikus Müller in ei- 
sern Falle Gebrauch machte, empfohlen. 



— 40 *-- 

■ • - ■ ■ _ 

An ahdero Tb«ilen Ist meioes Tt^ssens 
noch flicht vom Glüh^sen Gebrauch gemacht 
forden, die Möza warde bisher meist nur 
auf dem. abgeschornen Scheitel in Anwendung 
gebracht. 

Gleich nach gemachter Operation ist es' 
räthlich, kalte Umschläge auf die Brandstellen 
macheo zu lassen ; die von Valtntin zwar mit 
gutem Erfolg gebrauchten und anempfohlenen 
kalten Begiefsuogen sind, wie schon bemerkt 
wurde , nicht so allgemein zu empfehlen , in- 
dem sie eine bedeutende Aufregung verur- 
sachen.. 

Welchen nachtheiligen Einnufs biswei- 
len die Douche- Bäder haben, sah ich bti ei- 
nem solchen Kranken, der zwar nicht ge- 
hrannt worden war, aber doch unter der An- 
wendung einer sehr heftigen Douche plötz- 
lich apoplektisch starb ^^ was auch die Seciion 
bestätigte. 

Besser und leichter anwendbar mochtta 
daher immer -die sogenannten 5c/imücier'schen 
Fomentationen , oder, auch überhaupt nur kalte 
Waftserumsichläge seyn. Nachdem man mit 
solchen Fomentationen einige Stunden ange- 
halten hat, verbindet man die Brand^chorfe 
mit erweichenden Salben so lange, bis selbe 
abfallen. Das von einigen Aerzten empfoh- 
lene Einschneiden der Brandschorfe , um die 
Eiternng zu beschleunigen, wird meist nicht 
nothwendig seyn. Wo es auf Unterhaltung 
der Eiterung ankommt, wenn nämlich nicht 
wie durch einen electrischen Schlag auf ein- 
mal und dauernd durch das Gliiheisen die 
KranXheit gehoben ist, mufs mau sich nach 



_. 41- — 

sbgtbDenen oder biDweggenommenen Brand- 
icKorfen reizender Salben zum Verbände be- 
duofOy und die Eiterung oft die längste 2^it 
vaterhalten , was immer auf einige Zeit , um 
Mwaoigan Riickfälien vorzubeugen , gescheheii 
tollte, bis nach und nach der Seelenzustand 
Mine frühere Gesundheit \vieder erlangt bat. 

In jenen Fällen, wo das Glühdisen wie- 
derholt angewendet werd^n xaufs, wird die 
Behandlung der Brandstellen auf gleiche Weise 
wieder geleitet. Sollte sich , was jedoch äu- 
berat selten der Fall seyn dürfte, Necrose an 
einer Stelle einfinden, so richtet sich die Be- 
handlung derselben nach den bekannten chi- 
rurgischen Grundsätzen, es ist dabei nichts zu 
besorgen , indem sich das Geschwür meist bald 
schliefst, wenn einmal die necrosirte Knochen- 
hmelle abgestofsen ist. Schlimmer^ ist es in 
solchen Fällen , wo die Kranken durch diese 
Operation nicht. ^bessert werden, und durch 
'ihre Unsauberkeit die Heilung solcher Stel- 
len erschweren^ wie dies bei dem Juden der 
Fall war, den Dn Müller brennen liefs, und 
der mit seinem eigenen Kothe die Stellen, wo 
^ie Moxen abgebrannt worden waren, bestän- 
dig beschmierte, so dafs endlieh der Knochen 
angegriiFen wurde; er starb einige Monate dar- 
auf an Marasma , bei' der Section zeigten sicii 
jedoch keine bedenklichen Spuren einer Kno- 
chenverderbnifs , die Stellen fühlten sich blofs 
rauh an. 

Anziigen zur Anwendung des Glüheisen bei den 
einzelnen psychischen Krankheits- Formen, 

Nachdem wir nun das Geschichtliche über 
den Gebrauch des Giüheisens, bei psychischen 



— 42 ~ 

Krankkeitmi SlMrliaupt , dargethan , dia atwai- 
gen Nachtheila aod Eiowiirfe gegen seine An- 
wendung so viel möglich durch Widerlegung, 
beseitiget, und einen prüfenden Blick anf die 
Yerschiedeben Erfahrungen, Ansichten, so wia 
die Methoden sich des' Brennens zu bedienen, 
insbesondere geworfen haben , ist es nun mog« 
lieh, jene Momente herauszuheben, welche sur 
Aufstellung einer nicht blofs empirischen An- 
zeige in Hinsicht der Anwendung des Ginh- 
eisens bei den besonderen psychischen Krank-^ 
heitsformen sich geltend machen lassen. Lei« 
der.* findet sich in den meisten Schriften über 
Psychiatrie dieser Gegenstand kaum einer Be- 
achtung gewürdigt, und wo dies auch der Fall 
ist, geschieht es nur so gelegentlich bei Auf- 
zählung der heftigeren Hautreize* 

Selbst Neumann in seinem Tortrefllichen 
Werke über di^ Krankheiten des Vorstellungs- 
Yermogens macht nur im Vorübergehen dar« 
auf aufmerksam, ob er gleich meint, man 
könne von diesem heroischen Mittel, das ei« 
neu so tiefen Eindruck bewirke , Tieles erwar- 
ten, wenn es in häufigere Anwendung, he-, 
sonders bei torpiden Subjecten gebracht wer-i 
den würde« 

Damit ist denn sowohl der Werth dieses 
Mittels, als auch ein Moment zu seiner An- 
wendung ausgesprochen, allein dies reicht nicht 
bin, denn nebst dem vom Individuum herzu- 
nehmenden Bedingnissen, müssen *auch die der 
Form der Krankheit, so wie die causalen Ver- 
hältnisse nicht aufser Acht gelassen werden^ 
Schneider f Valentin und andere haben hierüber 
auch nur zerstreute Ansichten geäuisert. Zur 
SegriiDdung eiiier rationellen Indication müs- 



- 43 - 

sen folgende Momente besonders beriicktichti* 
get werden^ wie aas den bisher bekannten 
£rfalirnngen einleuchtet: 

1^ die Art der psychischen Krankheit, 

2) die veranlassenden Ursachen, ^ 

3) die Dauer und Complication derselben 
mit andern Krankheiten, oder auch d^r ein- 
zelnen Formen unter sich , nfimlich 

4) die individuelle Beschaffenheit oder der 
körperliche Zustand des leidenden Subjects« 

Werfen wir nun einen Blick auf die ver- 
schiedenen Arten von psychischen Kraqkhei- 
ten, welche sich durch die Erfahrung bisher 
immer haben nachweisen lassen, so kommen 
Torziiglich drei Hauptformen in Betrachtung, 
nämlich die Manie, Tobsucht, die Amentia, 
Blödsinn, und endlich die Dementia, Ver- 
racktbeity su welcher die Melancholie als ei- 
gene Spedes gehört. 

Die Tobsucht, Tollheit, Manie, besteht 
in einer mehr allgemeinen Zerrüttung des Vor- 
stellungsvermogens durch abnorm erhöhte Thä^ 
tigkeit desselben; der Blödsinn, Ammtia^ Fa^ 
tuifoff, Idiotismus, ist der obigen Form geradezu 
entgegengesetzt, hier findet allgemeine Zerrüt- 
tung des Vorstellungsvennogens durch vermin- 
derte Thätigkeit desselben Statt; dieVerrücktheit 
endlich besteht in krankhafter Erhobung, oder in 
Uaogel von Erregung eines einzelnen Seelenver- 
nSgens, wo sich dann vier besondere Species 
darbieten, nämlich Verrücktheit mit fixer Idee, 
mit vorwaltender Leidenschaft als Wahnge« 
Khl (Melancholie^ mit vorwaltender Exaltation 
des Willens, welche in wahre Wuth ausar« 
tst, und endlich mit Willenlosigkeit^ Abuüe, 

Die Veranlassungen zu psychischen Krank- 
keiten ^ die sogenannten Causat occosionales ge* 



— 44 - 

ben die wicbtigstan Momente zur BegrSndung 
der Anzeigen für die Anwendung des Glüh« 
eisens ab. Wenn auch immer eine gewisse 
Prädisposition vorhanden seyn, murs, ohne wel- 
che eine solche Krankheit nie entstehen kann, 
so ist es doch unläugbar, dafs gerade eben so 
nothwendig auch die Causa occuüonalh hinzu-- 
treten mufs, um die Krankheit zu erzeugen, 
selbe mag nun so geringfügig seyn als sie will. 
Leider ! sind diese Gelegenheits - Ursachen nicht 
selten von der Art, dafs sie so schnell vor- 
übergehen , dafs man sie nicht gewahr wird,' 
während sie einen bleibenden liandruck aus- 
geübt haben , dessen traurige Folgen oft jeder 
Behandlung trotzen. 

In sofern nun diese veranlassenden Mo- 
mente in somatischen Verhältnissen begründet 
sind, gestatten sie vorzüglich eine solche Be^ 
handlungsart, bei der das Glüheisen die er#le> 
Stelle einnimmt , nämlich die sogenannte 
Schmerz erregende Methode. 

Unter den hieher geborenden Momenten 
stehen nuh unterdrückte Se - und Excretio« 
nen, Hautausschläge, läbmungsartige Zustände 
des Hirn- und Nervensystems oben an. 

» 

- Das dritte Moment, welches bei Aufstel- 
lunn^ der Indication für die Anwendung des, 
Glüheisens in Betracht kommt, I>e(rifft die 
Dauer der Krankheit und ihre Complicatioa 
mit andern Krankheiten. 

Wenn hier ^die Rede von der Dauer der 
Krankheit istj so kommt nebst dem Gange 
der Krankheit, welcher längere oder kürzere 
Zeit schon mag angehalten haben , vorzüglich 
die Dauer der Behandlung in Betracht. Ee 



f 



— 45 — 

ist imner üb Pflicht des. Arztes bei solchen 
Krankheitsfällen, die gelindere Methode jeder 
lieftjgeren yorzuziehen , dessen ohngeachtet 
darf er sich nicht verleiten }assen, aus unzei^ 
tigern Mitleide die Zeit mit Versuchen hinzn- 
bringen, die in solchen Fällen oft so kostbar 
ist* Hier ist auf die Erfahrung Rücksicht zu 
nehmen, und dann zum Gebrauche des Gliih- 
eisens zu schreiten, wenn die nach rationel- 
len Grundsätzen angezeigten Mittel keinen 
EiDfinfs geäufsert haben. Obgleich es nicht 
ibbenswerth ist, ein solches Slittel nur für 
Tercweifelte Fälle aufzusparen , so kann es 
doch infmer dann angewendet werden , da wir 
TOD seinem bisweilen selbst in solchen Fällen 
noch gunstig sich ergebenden Eindruck durch 
die Erfahrung belehrt sind. Die längere Dauer 
ttner .solchen Krankheit dient also mit zur 
Beschleunigung der Anwendung des Glähei- 
sens, da oft nur von einem heftigen Eindruck 
etwas noch zu erwarten ist. 

Eine der schwierigsten Complicationen der 

Ethischen Krankheiten, und vorzüglich der 
nie, ist die Epilepsie, und gerade bei ihr 
wnrde nach GondnVs Erfahrungen das Glüh- 
eisen mit Erfolg angewendet. Sehr häuGg 
lieht man Epilepsie in Manie Shergehen und 
umgekehrt, die nicht seilen das Ende beider 
macht. In diesen so ungünstigen Verwicke- 
longen ist es gewifs ein äufserst angenehmer 
Trott y Hülfe in einem Mittel finden zu kön« 
BSD, von dessen Wirksamkeit die Erfahrung 
treffende Belege geliefert hat« Es ist allge- 
mein bekannt, dafs die Anfalle der Epilepsie 
^inrch das Gluheisen, wenn auch nicht für 
mimer beseitiget, doch bedeutend gemindert 
Werden können , eben so verhält es sich mit 



- 4« - , 

andern l^ranlbeifeBt namentlicli imn Tjpbos ; 
Hom tbailt in seinem Archiye einen Fall naity 
der beweift t, däft im Typbus mit gleicbzei« 
tiger Manie die Anwendung des Gläheisens 
den besten Erfolg hatte. Bei jenen Kranken, 
die früher an Manie litten , welche so oft in 
Blödsinn überzugeben dh>ht^ wird das Glüh- 
•isen auf das Hinterhaupt angewendet, gewift 
nützlich sejrn. 

So bemerkt Valtntin ganz richtig, dafs in 
Jenen Beobachtungen Hasiam^i^ wo bei Irren 
-sich eine solche Erschlaffung der Kopfbedek- 
kangen besonders am Hinterhaupte Torfond, 
daft Falten entstanden, welche man sehr leicht 
in einer Wulst zusammen fassen konnte, eben 
so bei Statt findenden Ergiefsungen zwischen 
der harten Hirnhaut und der Arachnoidea, 
oder in den Seiten -Hirohohlen, das Giübei- 
een gewifs mit gutem Erfolge wäre angewen- 
det worden. 

Das letzte Moment, .waschet Aufstellung 
der Indication benutzt werden kann, ist die 
individuelle Beschaffenheit des K.raoken. -Hier 
kann jedoch keine bestimmte Granze gezogen 
weiden, da bei Irren» wie allgemein bekannt 
ist| so häufig beide Extreme Statt finden. 

Während die einen bei ihrer Krankheit 
isine nicht unbedeutende Beleibtheit erlangen, 
i&agern die andern bis zum Skelette ab, wor- 
auf nun allerdings Rücksicht zu nehmen ist, 
indem bei ohnedies abgemagerten Subjecten 
durch das Brennen leicht eine zu profuse Ei- 
terung entstehen, und die Knochen leichter 
angegriffen werden können , weswegen hier 
mehr Behutsamkeit bei der Operation und ib^ 



— 47 - 

-rar NachbiAandlaiig erfodert wird, dabei darf 
man im entgegeDgesetzteo Falte ebeo so we- 
nig eine etwaige Dtsposilioo zur Epilepsie über- 
sehen, welche nicht inioder Aufmerksamkeit 
fodert Bei Kranken , die an LungeAleiden 
daroieder lagen, ist zwar nach alteren und 
neueren Beobachluegen die Aq Wendung der 
-Uoxa und des Glüheisens bisweilen mit gro- 
fsem Nutzen vorgenommen worden, indessen ist 
das Lungenleiden auch eine jener Krankhei- 
ten t welche- bei solchen Kranken die Scene 
achliefsen , es durfte sohin alle mögliche Vor- 
sicht zu empfehlen seyn , um nicht durch eine 
solche angreifende Behandlupg die Kräfte mehr 
zo schwächen , als zur Besiegung der Krank- 
heit der Seele Ton Seite des Korpers kann 
geleistet werden. 

Anlangend die verschiedenen Momente, 
Welche hier zur Begründung einer Indication 
für die Anwendung des Glüheisens sind auf- 
geführt worden , dürften sich folgende allge- 
Beine Satze aufstellen lassen. 

Das Glüheisen kann unter folgenden Um- 
ständen bei psychischen Krankheiten in An- 
wendung kommen: 

1) Wenn die psychische Krankheil in 
Tolisucht, Manie, besteht^ eine passende an* 
tiphlogistische Behandlung voraus angewendet 
worden ist, jedoch kein günstiger Erfolg er- 
langt werden konnte. 

2) Wenn die veranlassenden Ursachen im 
Gehirne selbst gelegen sind, oder auf das- 
selbe eine solche Einwirkung ausgeübt haben, 
iats Ergiefsungen zu befürchten sind , oder 
überhaupt nur durch einen heftigen Eingriff 



\ 



— 48 — 

und ^ne befleufende AUeitangs- Quelle Hälfe 
sa erwarten ist. 

3) Wenn die Krankheit bereits ISngere 
Zeit gedauert hat, and Uebergang in filod« 
sinn oder einen lähmungsartigen Zustand zu 
befürchten ist. 

4) Wenn die Krankheit mit Epilepsie 
complicirt ist , s(^ vrie mit TTphus. 

5) Bei Blödsinn, der seinen Ursprung 
nicht in einer angebornen fehlei'haften Gehirn- 

' biidnog oder in erst entstandenen. Desorgani- 
sationen des Schädels I der Hirnhaute oder des 
Gehirns selbst bat. 

6) Wenn die indiridaelle Beschaffenheit 
des fraglichen Suhjects keine besondere Con- 
traiodication bildet , wodurch besondere Gefahr 
für das Leben durch den Gebrauch des Glüh- 
eisens herbeigeführt werden konnte. 

Dieselben bisher angeführten Gründe läs- 
-sen sich mit einigen Modificationen auch auf 
die Arten der Verrücktheit anwenden, beson* 
ders dürfte die Melancholie und Abnlie in 
' manchen Fällen ganz geeignet zu solchen Ver- 
suchen seyn. Indessen hierüber sind der Be- 
obachtungen noch zu wenige, und yorzüglieh 
hat die Erfahrung für die Anwendung des 
Gliiheisöns in der Manie und den Blödsinn 
mit und ohne Epilepsie günstige Resultate 
aufgestellt, indessen die Fälle von Melancho^ 
lie und fixen Wahnsinn keinen so günstigen, 
ja sogar meist ungünstigen Erfolg darboten. 

Die Umstände, unter welchen der Gebrauch 
des ^lüheisens gefährlich , und daher zu un- 
ter- 



— 49 r- 

terlassen seyn dürfte, sind laqt der Erfahrung 
ohngefähr folgende : ' 

1) Wenn der Kranke bereits ein sehr ho« 
lies Alter erreicht, und die Krankheit nicht 
minder lange gedauert hat. 

2) Wenn die. Krankheit angeboren ist, 
oder auf organischen Fehlern beruhti^ 

3) Wenn die yeranlassenden Ursachen of- 
fenbar in den Organen des Unterleibes ihren 
Sitz haben. 

i! k 

4) Wenn eine besondere Anlage zur Apo- 
plexie Statt findet , welcher nicht leicht durch 
eine zweckmäfsige Behandlung kann yorge« 
beogt werden. 

5) Bei scrophutöser Körperbeschaffenheit, 
wo eine besondere Neigung zur Geschwürbil- 
dung Torherrscht. 

6) Endlich wenn die Zeichen der Läh- 
mung bereits eingetreten sind, wo von keiner 
Heilung mehr die Rede seyn kann , man also 
auch keine unnölhigen Schmerzen verursachen 
soll. Dasselbe gilt auch von jenen Fällen, 
wo eine gleichzeitig Statt findende Fhthisis 
bereits so weit vorgeschritten ist, dafs keine 

'Rettung mehr gedenkbar ist. 



Joum, LXVIL B.. 3. 8t, D 



— 60 — 






Georg Ernst StahL 

Würdigung 

seines Werthes und Verdienstes 
um. die. Heilwissenscbaft^ 

beionders 

, als Begründer des dynamischen Prinsips 

in derselben 

und 

Rechtfertigung Seiner Lehre geg^pi m^fir 
che Einwürfe und Mifsverständnisfe. 

xr ' 

vom 

Regier. Mediz. Rstth Dr. H a r t m a n a ' 

in Frankfurt i* d« Oder. 



(Fortfetaang. S« vor« Heft.) 



•L/as StiAPsche Frincip als Seele ist jedoch, in 
der, ÄDDabme für die Wissenschaft zu \^ich- 
tifi als -dafs ^ir uns nicht länger b«i ihm 
TarwaüsD sollten, zumal es die grofsten Strei- « 
tifkeiten. .arfhhren hat, und man sich noch 
mit dem^alNn nicht ausgleichen ^ilL 



/ 



— 51 — 

Die Alten nabmen aiifser der j/ninta ra^ 
thnalii zur Erkläraog der Bewegaligs* Prin- 
cipe organischer Korper noch einige unterge- 
oranete Seelen, oder- Seeiefikräfte, nämlich 
einige zwei: eine vegeiatwe und eine sen^/nVe;^ 
andere noch eine dritte; ^nima motoria an« • 
Man sieht leicht, dafs sie didse Seelenkräflte, 
als Ton einem Princip ausgehend , des leichte« 
Ten Begriffs wegen^ gleichsam personificirten ; 
aber dennoch der Ternünftigen Seele unter-« 
ordneten, weil diese als das gröfsere Vermo« 
gen auch das geringere auszuüben im Stande 
seyn mSsse. Bei diesem durch gleiche «Wirk- 
samkeit ^nsgesprochenen Identificiren geben sie 
aber o£bnbar zu erkennen , dafs die drei un- 
tergeordneten Seelen nur Eigenschaften einer, 
eod 4eieelben Seele sejrn müssen. Stahl nennt 
dieses eine- nicht ungeschickte Annahme yoii ' 
dsa BeweguDgs-Principen; allein durch die 
Trennung dieser Eigenschaften entsprangen 
srst in der Folge drei besondere selbstständige 
Vermögen , aus welchen man später noch die 
Geister fabelte (Uebers. p. 110), und woraus 
loch der berüchtigte Archaeus des Hdmont sei« 
aeo Ursprung nahm. 

Jene obi^e Annahme der Alten führt nun 
Stahl seinem Principe und der Einheit treu, 
dadurch aus, dafs er alle jene Seelen, in so- 
fern sie als untergeordnet angesehen wurden, 
nur als Erhaltungs--, Bewegungs-, Empfin- 
dnngs - und Denkorgane , folglich als instru- 
mentale Ursachen gelten läfst und annimmt« 
Gerade dieses finden wir in den von den 
Neueren angenommenen drei Systemen des 
Koi^rs: der Reproduaion y Irritabilität ^ Send* 
bilUiü und dem Sensorio communi wieder, so. 

D 2 '' 



^ 52 — 



daTi alio der Bagriif dieser Sache schoa in 
der Annahme der Alten anzutreffSen ist« 

, Wenn der yerdieostvolle Kreysig dt/i Geist 
als das relativ beherrschende Prindp fiiir das 
gan^e Leben zwar änoimmt (Krankbeitsl. I. 
p« 78.), dagegen (p. 30.) i|ur eine und die- 
selbe Kraft, Ton welcher alle Erscheinungen 
ausgehen und unterhalten werden , in den ßU^ 
dungstrieby dann wiederum das organische Le- 
ben an sich genommen, in Wirksamkeit der Ufa- 
terie nach Gesetzen der Organisation (was lei- 
tet oder bestimmt diese Gesetze, den Geist, 
den Bildungstrieb > oder die Wirksamkeit der 
Materie?), d. h. in innere, auf Selbsterhaltung 
hinwirkende Zweckmäfsigkeit setzt: so giebt 
er durch die^e feineren,, sich .gegenseitig auf- 
hebenden dynamisch - materialistischen Ideen 
nur zu erkennen , wie schwer die Aufgabe des 
Lebens zu losen sey, und wie sehr sie uns 
in unseren Vorstellungen nur immer weiter 
von der Einheit des BegriiTs ableite, wenn 
wir 'verschiedene Kräfte für ein geschlossenes 
lebendiges Ganze wirksam seyn lassen. Wird 
die Dunkelheit nicht dadurch noch vermehrt? 
Wenn er nun bei dieser Trennung der Prin- 
eipe dennoch p. 79. Stahl vorwirft : „dafs des- 
sen Erklärungs-Princip, die Seele ^ auf kei- 
nem festen Grunde beruhe , und er aus etwas 
Unbekanntem das Unbekannte erkläre," so ist 
Letzteres offenbar unrichtig; denn Stahl er- 
klärt aus etwas Unbekanntem ^ aber von allen 
anerkannten das Bekannte^ und es beruht auf 
einem ganz festen Grunde, nämlich auf der 
Ait und Weise der /Lebensbewegungen nach 
ihrer Stärke, Richtung und Dauer, ganz aus 
der Natarbeobachtuog geschöpft. Auf wel- 



I 
\ 

\ 



— 63 — 

fetten Gründe beruht aber Herrn Kr^^ 
gig'M Erklärongs-Princip? '— • auf ^ einem Bil- 
dungstriebe, d. b. eigentlich auf einer Nei« 
gung sich zu bilden. Dies ist ja aber eine 
bloüse Worterklärung aus der Anschauung ohne 
Gehalt, die gerade das, Unbekannte durch das 
IJnbekaniite erklärt. Heifst Trieb aber nach 
]« c. p. 101. wie man wohl denken mufs : 
geistiger Trieb, den Herr K. rein Ton der 
Seele ableitet , so ist der *BilduDgstrieb (den 
Biummbach blofs der Sphäre des geschwänger-« 
ten Uterus zutheilte) nothwendig ein Act der 
Seelen thätigkeit/ Indem nun p, 30. folgender 
Sats als gewifs aufgestellt wird: „Es giebt 
„nur eine und dieselbe Kraft in dem leben- 
,)den Körper^ ,yon welcher alle Erscbeinun- 
„gen ausgehen, die wir an ibm wahrnehmen, 
,1 — und diese ist die bildende Kraft, oder 
9tder Bildungstrieb,'' so ist Hr. K* dadurch 
mit Suihl ganz ausgeglichen ; denn dieser kann 
die neue Benennung des Frincips gern zuge- 
ben, w^nr aus ihm nur gleiche Resultate 
fliefsen , auf die er für den Zweck der Heil- 
iuode allein ßücksicht nimmt, — nicht auf 
das dioiij sondern auf das oti^ wie wir oben 
sahen. 

Auch möchte es Hr. K. berühren, was 
Stahl über diesen Tunkt {Theoria pag. 492. 
Cap, de gener atione) bei der Annahme anderer 
Seelenthätigkeilen sagt: ,^Nulla, quantumcuur 
„que ahstracla ratio conßngi potest, qua lalis 
y^communicQÜo imaginis^ ad cujus Typum effor- 
„matio generaliva iieri debeat, inter animam 
„rationalem Ungentem et laleni ab animae hu- 
„jus indole diversam vhn plasticam (Bildungs- 
„krafl) intercederu, et tarn prompte quidem 



^ 64 — 

^^pHmlf posiit.'' Und htebei setzt er die 
merkwördige Aenrserung hiesu: „Moneo, ut 
,,aniiirtis advertafur ad illam circumstifiitiam 
,f(qaam miniine temere, sed ex vera ^t 8oK-«> 
yydissima rei iodole, ot praecipaom negotii nei^- 
,,Yuiii exprimere soleo) nempe, qirod Uta Uta 
„pro nova, inusitata hujusmodi effignrationo 
,,ab anima rationali ßngtnte simpliciter prolicisr 
„catur.^ — Nimmt man aber die ws plastica 
der Allen für die anima vegtiaiiva (ganz daa- 
selbe mit dem Bildungstriebe vide CasttUi Lexie. 
.mtd, sub Poce Plasticus)^ so gilt hier auch 
liir Hrn. ÜT. folgender Satz zur Ausgleichung 
mit Siahl^(^Theor. p. 495.): „Frustra Tero'certe 
,,hic ftunt, qui, dum nimis (|uam exquisite 
yydistingnere Tideri volunt, nil certius agunt; 
,,quam .nt confnodant animae rationalis aietio- 
,ynes et potestates, modo cum aliarum animae* 
j^runif modo spirituum suppositiiiis utrimque 
^jOCtiordbus atqne potestatibus." Und nachdem 
er sich über Helmont^ der sogar den Act der. 
Urtheile und Schlüsse bildenden Seele einer 
andern Seele, als der menschlichen zuschreibe, 
ausgelassen hat, führt er zur Ausgleichung mit 
denen I welche besondere Seelenthatigkeiten 
(also auch Blldangstrieb als- anima vegetativa 
der Alten) für das Erkläru^gs-Frincip anneh- 
men > so fort: „Si hi quam- maxime hie suo 
,,sensu abundare ament, habebunt me non itä 
yydifficilem , quin cum illis in eo consentiam, 
,,at illam animam (vel ratiocinantem , yel alius 
„generis ; denn das illa anima bezieht sich doch 
jinatürlich auf die obigen actiones aliarum ani" 
' ^^marümj folglich auch auf die vegetativa) pro 
jfillo agente, de quo huc usque prolixius actum 
^test^ agnoscamy quocunque demum loco illi 
jyipsam ponefe, et quidquid eidem Tel appo-» 



~ 55 — 

^,nere yeliot aut possint/V Dabei nmiit «Ir 
dies« Verschiedenheit der Annahmen in ei* 
ner und deräelben Sache eine res perphxa aI- 
qu€ impedita. 

In der 'gewissen Voraussetzung äei ge- 
nauen Bekanntschaft des würdigen Kreysig mit 
den praktischen Lehren StahCs^ wenn derselbe 
auch dem Anfangs .abschreckenden Principe 
der Amma^rattonalis und ihrer schwierigen Er- 
läuterung b\^ jlnima Jormativa^ conserva^ 
tipo und restaurativa nicht mit der Unbe- 
fangenheit gefolgt ist, die siis verdienl, will 
ich ihn nur darauf aufmerksam mabhen, — - 
dafs seine Krankheitslehre , deren Fortsetzung 
wir höchst ungern vermissen, ganz im Geiste 
StühPs^ der Maturbeobachtung nach, geschrie* 
bea sejr, und mit den meisten Gruädsätzen 
desselben auf das AufFallendste harmonire ; doch 
ireilich mit dem Unterschiede, dafs er diö 
osneren Entdeckungen höchst scharfsinnig da* 
mit verflochten und somit den Grund zu einer 
äeilkunde gelegt habei wie sie sich für un* 
unsere Zeiten pafst. 

Wenn jedoch der treffliche Mann in sei* 
aer Ansicht des Lebeosprincips nach pag* 52. 
iio4 81. der Krankheitslehre nicht so schwan- 
kend in der. Aufstellung der Kräfte wäre^ die 
bald dem selbstthätigen Vermögen der wei- 
chen Theile, (der Wirksamkeit der Materie) 
sich nach Gesetzen der Aufsenwelt zu bewe- 
gen , zugetheilt werden ; bald dem Bildungs* 
triebe als dem Grundprincipe und als demsel- 
ben Vermögen zufallen (wozu wird diese eine 
und dieselbe Kraft getrennt , und welche Ge- 
setze giebt die Aufsenwelt zur organischen 
Bewegung?) so könnte ich ihm in der Fest- 



— 56 — 

balhing dar Bilctangskiraft '— - BilduDg- Yon le* 
bensfähigen Säften, Fortbildung für erzengto 
organische. Prodacte, Wiederbildang der Ter« 
loren gegangenen Thelle mit Einflufs der An* 
fsenwelt — dßn ganzen ^Cjdus der ähnlichen 
^eaATacben physiologischea Ansicht vorführen , 
Dazu gehorte dann vis formativd , conseryativa^ 
reüauratwa^ ferner rtctptmias materid und aciio 
fnotuum\ rdr die folgenden Vnterab'tb eilungen 
(nach 1. c« No. 4. 5. 6.), der motus toniaa 
vitiüig y welcher sich schon weit mehr der Idee 
des Hrn. £. , als die Halter^sche Reizbarkeit 
anreihet, weil er allen organischen Tbeilen. 
der nervösen und vegetativen Sphäre zuge- 
theilt ist, und in den Muskeln sich auf das 
Deutlichste äufsert. 

Was ist nun endlich die höhere geistige 
Sphäre des thierischen Lebens (1. c. No. 7.) 
das 80 innig mit der vegetativen und neryosen 
in einen Körper verschmolzen ist? Noch ha- 
ben wir bei Herrn K, von keinem prlmug 
motor für alle jene undeutlichen Vermögen 
oder Kräfte etwas gelesen ; unsere Denkge- 
•etze verlangen ihn doch, so sehr Wir uM 
sträuben, und durch angenommene dunkele 
Kralle immer dunkler werden, z. B. wenn 
wir Worte, die zu keiner deutlichen Idee oder 
Anschauung führen , wie folgende, aufstellen 
(1. c. p. 81. No. 3.) : ,,Da die organischen 
fyKörper durch ihre eigenthümliche Slructur 
j^nnd Form zu ihrer Selbsterhallung geschickt 
„gemacht werden (was bestimmt sie denn zur 
„Selbsterhaltung, und durch wen werden sie 
„geschickt gemacht?) so müssen die Endre- 
„euhate der Einwirkung der äufseren Natur 
,iaaf dieselben ganz andere seyn, als auf nicht 
„organische Körper/* 



■>' 



— *7 — 

^Sollen wir nun die Endresultate dieser 
Emwirkniig, ^ie doch nur Mittel zum Zweck. 
sajB kann , lieber einem deus ex machiria (ei- 
geDtbämKchen Kräften, die an die Substanz der 
organischeir Körper geknüpft sind , 1. c. p. 80«) 
luschreiben , oder sollen wir sie aus Bedarf 
einer .dei^tUcben Erfajssung oder Anschauung 
nicht lieber dir inneren Thätigkeit,- die sie 
anschaut und erfafst, selbst zubilligen, einem 
Ternünftigen Wesen, das da bei der Bildung 
(nach nienschiichen BegriiTen) berechnen, ord- 
Beo, zweckmälsig in einanderfügen , erhalten, 
Schädlichkeiten abwenden, Verlorenes ersetzen, 
koTZ die organischen Bewegungen herbeifüh- 
ren und leiten kann ; die darum anima ra^- 
Honalis heifst, und deren Daseyn, so viel 
in die Sinne fallt, durch die Thatsache 
der LebensbeweguDgen als wesentliches, da-^ 
her reelles rrincip,'wie Gott für eine Welt, 
anerkannt werden darf. Jeder, darüber eine 
Erfabrungs Wissenschaft pbilosophirt, sollte sich 
des groffen Bacon^s Organon zum Criterium i^e« 
ritatis bedienen, um zu verhüten, dafs er im 
Phiiosophiren nicht aus dem Geleise weiche, 
lieber d«*Q besprocheDen Punkt dürfte nämlich 
der §. 60. dieses Werks schwerlich zufrieden 
•eyn. Stahl sagt {Tlieor. med, ver. p. 500): 
„fraebet observatio cum oculis armatis argu- 
),inentum, quod illud priiicipium in cerebro 
ijatque nervis inpriinls activilatem suam exse- 
sfKDs^ sit praeses formationis corporis; dum ila 
}iilUe partes, quae unicum immediatum inslru- 
siinentam actionum ipsius constituunt, hac rn-. 
i)tione primo efformatae , yerosiiriiilimum red-, 
»»dont, cjuod per ipsas ali(|uid praestari deheat 
ijBut possil, Praehet ullerius ducumenUim haec 
9)<)bservalio Malpl^^liii, cjuod per uervos, s. a 



- 59 - 

„principio per nenros a^ente, stractura etlam 
y,relic|[ui corporis et siogularum pafiium 0i«a 
„sensiin abaolTatnr; quod iater prima iJia, 
,,inaxiina arrnäti- tisus axQißeia conspicaa pro-i 
^«ducta/ cerebri, spioalis meduUae et nervo« 
j^rom rudimenta, statim una compareant duae 
„bullae, qoae cam tempore oculos praebere 
„deprehenduntur. Functoin saliens cor coo-* 
,,stiiuere, neminem fugit." (Diese mikrosko* 
pischen Beobacbtungen des MalptgMus über 
bebrütete Eier finden sich in seinen Obserra* 
tionen abgebildet). 

Die stärksten Beweise der alleinigen See<^ 
lehkraft über die für seJbstthätig gehaltenen 
Organe liefern die zufällig erregten- geistigea 
Thätigkeiten und die psychologisch noch nicht 
genug untersuchte Macht des Willens über. den 
Körper. Einer meiner Freunde legte acht Msh* 
len in einem Tage zu Fufs zurück. Darch 
diese ungewohnte Anstrengung war er wie ia 
allert Gliedern gelähmt, und er erreichte das 
Ziel der Reise ganz wankend und auf dea 
h(]t^ii6ten Grad erschöpft. Die Muskeln wolU 
ten ihre Dienste nicht mehr leisten ; ein Tor^ 
por erjs^rifT den ganzen Körper,. und er mufsto 
ii^ viSlliger Apathie auf eiu Ruhebett gebracht 
werden. Kaum war dies geschehen, sa er-, 
hielt er die Nachricht, dafs ein längst ersehn« 
t6r Freund, den er seit vielen Jahren nicht 
gesehen hatte, sich im Orte befände. Dies 
war hinlänglich, die ganze torpide Korp'er-i 
maschi.ne zu neuer Kraft zu wecken. Er ging 
sogleich, suchte den Freund mit erneuter Kraft 
auC, und konnte nun den ganzen Abend ohne 
irobe Ermiidung zubringen. Was vermochteo 



r- 59 — 

■ 

lim wohl die Organe ohne Aen mäcbtigen 
Willen der Seele*? 

Ja der Mensch Termag darch die EinbiU 
dangskraft sich selbst den Tod herbei zu zie- 
hen, und zwar auf eine Zeit, ^ die er sich, d. 
h. die Seele, festsetzt« Es ist dies dann die 
Bichlung der Seele auf ein fest geglaubtes kom« 
inendes schreckliches Ereignifs, . und sie übt 
ihre Macht als Frincip des Lebens durch eine 
fixe Idee 9 mit der sie sich fortdauernd beschäf-* 
tigtf im negativen Verhältnisse ihrer sonst 
sweckmäfsigen Thätigkeit auf ihren eignen 
iLorper aus, dessen Organe ihrem "Willen ge-i^ 
horchen, und die in dem bemerkten Falle 
ihre Actionen nachlassen, bis sie zur bestimm^ 
ten Zeit gänzlich schwinden, und der Tod als 
Folge eintritt. Ich kannte zur Zeit, als der 
Typhus ^ bellkus in Litthauen herrschte, ein 
Mädchen von guter Familie, welches sich bei 
einem " blofsen Gatarrhalfieber, dessen unbe- 
dentende Symptome den Charakter eines sehr 
geringen Leidens nur zu deutlich aussprachen, 
fest eiubildete, es habe die Kriegspest, und 
mijsse den neunten Tag sterben« Der Puls 
^arde durch die Mittel bald regelmäfsig; bei 
der dauernden fixen Idee aber endlich matt 
Qod klein. Alle Versuche., dies IVIädchen von 
der schrecklichen Idee abzuleiten, waren ver« 
gebeos, es sprach nur von seinem Leichen«* 
.Züge. Opiate bewirkten weder Schlaf noch 
ftuhe. Da ich aufser der Seelenunruhe alle 
übrigen Functionen in Ordnung sah, und we- 
gen der Menge der Geschäfte die Kranke nicht 
oft genug beobachten konnte, auch i^ine Hy* 
tterie vermulhete, deren Zufälle ich vorüber*» 
gehend glaubte, so iiirchtete ich den ominö« 



— 60 — 

•an neaiiten Tag nicht* Allein der Tod^irat 
auf die bestimmte Voraassage ein. Als ich ' 
diese Macht des Gemüths erkannte und dar- 
übeir nachdenkend erschrak, hatte dies durch 
yerminderte Kraft der Bewegungsorgane einen - 
solchen Eioflufs auf mich' hervorgebracht| dab 
ich im Gehen taumelnd schwankte , den ' Ap- 
petit verlor, es mir vor den Augen schwara 
ward, und ich nur durch grofse Gaben star- • 
ken "Weines mich in einen Schlummer yer- 
setzen konnte, aus welchem ich gestärkt er- 
wachte, und nun durch Geschäfte und Kör- 
{»erthäligkeit mit Anwendung des festen Wfl- 
ens, über jede Einbildung zu siegen,* mich in 
den vorigen Normalzustand versetzte. 

Ich wollte diese deutlichen Thalsachen 
aus der empirischen Seelenkunde nur heraus- 
heben , um mich in das weite Feld dieser 
Wissenschaft nicht zu verlieren, wohin ich 
verweise, und wo wir unzählige Beispilele der 
eigentlichen Herrschaft de^ Seelenprincips Sber 
die Organe vorfinden. Dieses erkennen auch 
die meisten , geben die Fräponderanz zu, kön- 
nen sich aber durchaus nicht darin finden, delr . 
Vernünftigen Seele etwas anderes» als 'die gei- 
stigen Thäiigkeiten zuzuschreiben. Warum 
influiren denn aber diese in einem fort auf die 
Functionen der Organe? warum wird dieser 
Hinflufs nur relativ betrachtet? Da die Ana- 
logie de6 menschlichen Körpers mit der Welt 
so nalie liegt, so möchte ich wohl fragen, ob 
man denn Gott einen allgemeinen, absoluten, 
oder nur relativen", eingeschränkten EinQufs • 
auf das. Weltall zuschreibe? Wenn man hier 
antworten sollte, dals Goll hesliminle ewige 
Gesetze für die Bewegung der INatur vorge- 



— 61 — 

scluiebeni and das Weltall nach diesen' ewi* 
geo Gesetzen sich nun selbst bewege^ so inufs 
ich wieder in Hinsicht desliörpers, der durch 
ein der Urkraft ähnliches Priocip mittelst 
Schleim gebildet wurde, wieder fragen : Wurde 
die Gesetzmäfsigkeit des Organismus durch eben 
dieses schöpferische Prlncip in Bildung, Fort- 
bildung, und Erhaltung nicht auch zu Stande 
gebracht, und kann der Gesetzgeber zugeben, 
dafs bei der Vollkommenheit und bestimmtea 
Zweckmäfsigkeit seiner eignen Gesetze, die 
QDter dem Gesetz siehenden aus eignen Frin* 
cipen sich selbstständig regieren , die sie der 
aufseren Natur abgeborgt haben ? Um bei dem 
Bilde zu bleiben — Anarchie, d. h. hier Krank- 
heit, Zerstörung und Tod würden nur die Folge 
seyn; gleichsam als wenn ein in abweichen- 
den Gesetzen der Ellipse sich bewegender 
Weltkorper in den regelmäfsigen Gang eines 
Planeten eingriife, und in die S|)h.'ire seines 
Gravitallons-runcles fiele. Alle Sünden der 
Unvernunft werden ja gewöliulith auf das 
Fleisch (Ulalerie) geworfen; und so mng denn 
der Ulechaüismus , Chemismus, kurz die au- 
fsere JNotur wirklich solchen grofsen Einllufs 
ausüben , dafs eine jininia irrationalis sie für 
ihr Schoofskind hallen mag, die Gesetze der 
Anima rationaUs verachtet, und sich durch den 
stärker herbeigeführten EiuQufs der physischen 
Welt Krankheit und den Tod zuzieht, damit 
der anorganischen Natur gegeben werde, was 
ihr zukommt, — ein unorganisches Gebilde, 
was in der £igentliümlichkeit der Form und Ali" 
schung noch immer einen zweckmäfsig gebau-> 
ten Organismus vorlügt; aber bald in die phy- 
sischen Elemente der Welt sich auflöst und 
zerstiebt. 



- 62 - 

Allst dieses fuhrt mich znr näheren' Be- , 
leucht^ng dieser reinen Willenskraft, "Vielehe 
in, Anerkennung und Ausübung jener volU '^ 
kominnen Gesetze der. Seele über ihren Kor- 
per, den sie nur als ein Pflegekind der äufse-. 
ren Natur ansiehti mit angeborner Kraft trium- 
phirt. Ihre Kenntnifs ist so alt, als e$ gel-, 
stige Cultur unter den Volkern giebt; doch - 
ist es unbegreiflich, dafs man die Aussprüche - 
grofser Männer, die darauf hinweisen, nie •_ 
benutzt, nie diese Kraft genugsam erforscht 
haty wie weit sie führt.i So mufste ein Jen- » 
nv kommen , um die für das Blenschenge^ ' 
schlecht so heilsame Schutzpockenimpfung ins 
Leben zu rufen, die schon im HannoTerschen 
Magazin von 1778 mit klaren Worten ausge- - 
sprochen war, und ein Knnt ^ um diese auf 
bestimmte Richtung höchst kräftige Thätigkeit 
der Seele von Neuem anschaulich zu machen 
und ^dringend zu empfehlen , wiewohl man ihn 
swar angehört hat, ihm aber nicht in dem 
Grade gefolgt ist^ dafs man neue Thatsac^hea 
dieser herrlichen Wirkungsweise hat aufetel- - 
Isn können. 

Plato (de repubUca cap. IX,) sagt: „Tota 
yySnima in optimam natura redacta {iig tfi¥ ' 
„/felr/giTi/ (pvatv na&isTaaivfj) excellentiorem . 
„habitum acquirit, tarn prudentiam et juslitiam 
^^cum deÜkerationß acceptam , quam corpus ^ rov 
jybur €i pulchritudinem et saniiatem adipiscens, 
iiSO plus, quo anima est corpore excelleotio]^." 
jSteiraas lernen wir zugleich , wie die Alten 
des Wort (pvoeg nahmen ; sie war demnach 
der Nexus causarum omnium ab anima profieW . 
$e€ntiwn^ quibus ^alemus kt convalescimus. In 
•iner andern Stelle de republ, üb. IV. heifst 



/ 



— 63 — 

ti: ^yAniiM bona sua virtute corpus pfaestat 
noptioium, quod«i intellectui sufiicienter me- 
iidicioam paramus {&€Qa nevoctvreg) ^ tradimus 
i,illi aa in potaslatem , ^uae circa corpus ac-« 
9,caratins exaininantur." Im enlgegen^esetz« 
taa Sinne spricht GaUn von der u4.nima malt 
aanpoüta : ^,Moro8itas et ejufatus et ira et de- 
i,l»ito major cura, vigiliae abiode mullae fe- 
,ibre8 accendunt et magnorum morborum prin« 
i^dpia constituunt. Sicut contra ignavia intel- 
iilectus , et Stupor et animae incuria Cachexiam 
iiet Tabem inducit." 

■ 

Was Kam, über diese Willenskraft in sei» 
■tr kleinen bekannten Schrift, deren neue 
Ausgabe wir Herror Staats -Bath Hufdandrer- 
Isuken, kurz aber, prägnant sagt» ist bekannt 
gtDUg. Es ist dies dieselbe Kraft, die zur 
Zeit des Martyrerthums alle ersinnliche Quaa« 
leoy mit welchen die Christen von den heid« 
aischen Kaisern belegt wurden , verachtete, 
aod sich selbst dabei das Paradies vorstellte; 
dieselbe f welche den von seinen Feinden ge- 
fangenen und auf die ausgesuchteste Weise ge- 
Biarlerten Indianer jedes Schmerzgefühl un- 
terdrücken und dazu seine Pfeife rauchen läfsf^ 
weil er und diese Nation in diese Selbslüber- 
windung die gröfste Ehre setzen. Eben diese 
ist es wiederum , welche' bei ihrer Anstren- 
gung durch starke Erregung eines Affects ver- 
anlafst, fast unheilbar geglaubte Krankheiten 
hebt. Stahl spricht davon pag. 207 bis 211 
der neueren Uebers. und führt an» dafs die 
Furcht, bei einer Feuersbrunst zu verbren- 
oeD, den Willen eines Gelähmten zu dem 
Grade steigerte, dafs er die Lahmung über- 
wand} daüs durch Gicht und Podagra gelähmte 



- 64 - 

lUfdoselibn ia solchen Scbrecken schwere La- 
sten 2u tragen vermochten, und dabei von 
Gicht y Podagra und Lähmung befreit wurden. 
Während des. Franzosisch - Russischen Krieges 
kannte ich einen Landmann ^ den man aus 
Furcht vor Plünderung der Russen Terlassen, 
und mit einer chronischen Gicht bei yÖlIiger 
Unbeholfenheit zur geringsten Bewegung al- 
lein zurückgelassen hatte. Zwei Kosacken, 
die ihn fanden, verlangten einen Wegweiser, 
und trotz der Unmöglichkeit, sich selbst zu 
bewegen, die sie an ihm sahen, nahmen sie 
ihn dennoch beiderseits schleppend zwischen 
ihre Pferde , schleiften ihn anfangs auf. diese 
Art fort, halten aber bald nicht mehr nothig, 
sich anzustrengen» weil mit jeder weitereii 
Strecke des Weges der Kranke immer bessere 
Kräfte der Füfse bekam ^ und bald am Ziele 
des Kreuzweges, wo er ihnen genaue Aus- 
kunft über ihre Fragen geben konnte, voll- 
kommen ging, und mit Befreiung von Gicht 
und Podagra seinen Rückweg vergnügt antre- 
ten konnte. 

% 

/ 

X Aber man mochte hier einwenden: diese 
Einflüsse des Zwangs galten den in Thätig« 
keit gesetzten Organen, aber nicht der Seele; 
sie führten durch die äufsere zwangvolle Be-» 
wegung, die Normallhätigkeit, wieder herbey. 
Hierauf e'rwiedere ich , obgleich jene Annah- 
me falsch ist, mit einem andern mir vorge- 
kommenen Beispielen Ein Candidat der Theo- 
logie lag bewegungslos am Podagra darnieder. 
Das Lesen des Seneca^ durch welches wir 
beide während des Durchzuges der grofsen 
Armee d^rc!l den Ort unseres Aufenthalts 
Trost und Stärkung suchten , hatte ihn zum 

en- 



[ 



— 65 — 



•Bthmiastischen Bewunderer der Stoja gemacht; 
iUle meine Mittel halfen nichts ; ich benutzte 
daber jene Stimraang^ und kündigte ihm mit 
Festigkeit an , dafs der Schmerz für den Phi- 
losophen- kein Gegen9fäV)d des Leidens seyu 
BiSfstei' er solle mit Willenskraft aufstehen 
und mich 500 Schritt herleiten; dies würde 
sein grofster Vorlheil sejn. Schon mit eini* 
gern Mulhe wankt er,' das Gesicht verziehend, 
aas dem Bette. Ich tadle dies profane Be- 
nehmen und helfe ihm sich anziehen. Meine 
Strenge hat den erwünschten Erfolg; ^r ver- 
lieht keine Miene, kleidet sich vollständig an 
wd folgt mir die Treppe hinunter, während 
ich ihn unter den' Arm fasse. So wandelt er 
gegen 800 Schritte ; ich lasse ihn allein zu- 
rückkehren f und bitte mir auf den kommen- 
den Tag seinen Beisuch aus. Er kommt, und 
Schmerz und Podagra sind von dieser Zeit 
gewichen. 

Stahl s«ngt: es erhelle aus jenem Verhält- 
aisse der Einßüsse des einfachen und reflekti- 
renden Urtheils und Willens auf die Bewe- 
gungen der Grad der Freiheit, welcher un- 
serem deutlich gedachten, mit Bewufstseyn 
verbundenen Yerstandeswillen zukommt. (Ue- 
bers. pag. 2110 

In gleichem Sinne war es der Ausspruch 
des als Mensch und Gelehrten so ausgezeich- 
neten Grofsherzogs und Fürsten von JDalbergz 
die freie Seele gebietet dem Körper ; die Kraft 
des Willens genügt, ihm sogar Gesundheit 
wieder zu geben. 

Dafe ich diesen festen Willen gegen den 
kranken Aufruhr meines Korpers mit ausneh- 
JoorB,LXVlI.B.3.St. £ 



^ 00 — 

manjeai Vbrtheile schon in den hartnäckig- 
sten Krankheiten in AnsSbung gebracht Jiiibe, 
darüber habe ich mich in diesem «Joufiuilf 
Sr. IV. pag. 66* Jahrg. 1817, bereits durch 
Beispiele erklärt. Hiernach fing ich schon im 
Jahre 1802 an, diese Willenskraft zu Hhen, 
als ich der Stärke der Krankheit nach (Ence- 
phatitis chronJ) für verloren gehalten f ja apch 
da noch für unheilbar geachtet "wurde, als nach 
überstandenem Kampfe ' mit der allgemeinen 
Krankheit noch ein örtliches Üebel des 3tirn« 
beines zurückblieb , yon welchem man präsu* 
uiirte, dafs es abermals das Gehirn angrei- 
len und solche Zerstörungen machen dürflei 
die der Kunst nicht weichere würden. Ich ge- 
nas, und lebe nun trotz eines schwächlichen 
Körpers wieder 25 Jahr bei höchst seltener 
Krankheit, und unter Anstrengungen, die oft 
der in seinen Muskeln stark ausgebildete Kör- 
per eines andern mir kaum in der Dau^r nach- 
macht, noch immer mit einer Jugendlichkeit, 
dafs meine Schnelligkeit und Ausdauer im. Ge- 
hen Aufsehen macht. Dagegen habe ich aber 
auch eine solche Geläufigkeit in jener Anstien^ 
guag des Willensvermögens , die ich überall 
als Grundsatz ausübe, erlangt, dafs ich neben 
dem Siege über kranke Gefühle und Mahnun- 
gen des Körpers auch meiner Affecte und Lei^ 
deoschaflen Herr geworden bin , und als sonst 
sanguinisch -cholerisch jetzt bei mir selbst la- 
chen inufs, wenn aufgeblasene und grobe Men- 
-Sfhen, ut Jtrt cuivls natura^ sobald sie mich 
kränken uqd mit ihrer Grobheit besudeln wol- 
len , mich für einen schwachen, furchtsameo 
llann halten , dessen nachgiebigen Geist siis 
ihrer bösen Laune leicht ohne Gegenkampf 
ansaetaea kennen ^ und dies um so mebti ala 



- 67 - 

A lelbtt otar Rahe oder gat HoflichkeiMa 
TDD mir erfahreo. Wiioschlaii solche iodessen 
Eoergie bei mir za sehen, so würde ich, so- 
bald sie Pracht brächte, furchtlos diese mit 
dsrselbeD Rabe aosüben, mit der ich gewohnt 
hifry aber die WiderwärtigkeiCeti des Lebeos 
so si^eo.' Die lange Uebung dieser Kraft ist 
Biir nun xar Gewohnheit geworden , und in« 
deoi sie leichte Krfl'nkheiten mir mit leichter 
Hohe überwinden hilft, and in schweren, s« 
B. in' der Kriegspest mir zu nicht zu berech« 
isndem Nutzen selbst bei falschen, und fast 
dem Wesen dieser Krankheit eotgegengesetz* 
Im Mitteln gewesen ist, Terspricht^ sie mir 
ein längeres Leben, und setzt mich in den 
Stand: 

Imegra cum mente nee turpem senectam 
Hcgcre, nee eiihara earentem. 

Sonderbar ist mir die Beobachtung gewe« 
ISD, dafs alle meioe Versuche, dises Vermö- 
gen bei Frauenzimmern zu erwecken, yergeh* 
lich geblieben sind; es lafst sich ihnen daron 
kaum ein BegrüF der Btöglichkeit des Erfolgs 
beibringen. Die Leidenschaft und der Affect 
feifsen bald und schnell jeden Vorsatz nieder; 
sie meinen, letztere' Thäligkeiten seien ein 
Erbtheil des Menschen , und liefsen sich nur 
einschränken , aber nicht hemmen, ^er auch 
mit der Einschränkung wollte es ohne Scha- 
den hiebt abgehen; mit den Männern war ich 
oft glücklicher« 

Ein Apotheker, der sich als ausgemacfi» 
terHypochondrist nach vielen Kuren und mehr* 
jabrigen Leiden meiner Behandlung anterzogy 
sich im Frühlinge mit Felzstiefeln bei seinwr 

E 2 



— 68 — 

Atfl^aiift in sein ' Quartier hinauftragen liefsf 
•iihem ahgesehrten Menseben ahnlich sab, aber 
guten Willen und grofses Vertrauen zu mir 
leigte,. wurde durch meine Versicherungen« 
dafs er könne, was er wolle, Termocht, seine 
Willenkraft gegen sein Uebel in Anwendung 
zo bringen. Einige körperliche Stockungen 
wurden durch Slittel beseitigt, und ich be- 
stimmte ihn durch einhaltende psychische Be- 
handlung ^m dritten Tage zu einem Gange 
Ton 500 Schritten. Auf die Fortsetzung und 
Erweiterung dieser Anstrengung drang ich um 
so mehr 9 je günstiger der erste Erfolg seiner 
Bestrebungen ausfiel. Er selbst, der nun den 
Vortheil der gesteigerten Bewegung einsah,: 
war desto kühner» uhd ich hatte die Freude, 
ihn bald Viertel-, ja halbe Meilen weit ge- 
hen zu sehen, bei welchen Promenaden sich 
ein regelmafsiger Appetit mit guter Verdauung 
und Zunahme der Kräfte einfand , so dafs er 
innerhalb eines Monats vollkommen hergestellt 
war« Ich habe ihn nach einem Jahre gese- 
llen und fröhlich und. gut gefunden. 

t 
i 

lieber die Art und Weise, sich an solche 
^elbsiüberwindung zu gewöhnen, die Wil- 
lenskraft energisch zu wecken^ nicht von der 
Veberzeugung abzulassen, dafs man den gröfs- 
^n Vortheil von dieser Selbslbesiegung haben 
Wferde, fn seinen ersten Versuchen, die die 
schwersten sind^ nicht zu ermüden, sie auf 
vielfältige, sowohl physische, als moralische 
Uebel anzuwenden, die speciellen Facta ,^ auf 
%|(elcbe sie besonders anwendbar ist, zu snb- 
Mmmii^n (wie dies in der Kant^achen Schrift 
theHwoae nachgewiesen wird; die aber noch 
eitt^lws Feld übrig läfst), darzulegen, dabf 



— 69 — 

das Gesetz der Gewohnheit für den orgam-i 
sehen Körper die höchste Rücksicht Erfordere,' 
welches lange noch nicht fär den besseren 
Theil des Menschen benutzt worden ist, hier 
in der steten Uebung das Vertrauen zu uns 
und unsern göttlichen Kräften stärkt, und zu- 
letzt die früheren Anstrengungen leicht und 
inr andern Natur macht — alles dieses gehört 
nicht hieb er, sondern würde eine eigne Schrift 
bilden, zu deren Abfassung ich einen würdi- 
geren Gelehrten wünschte, dessen Geist und 
zugleich Auctorität dem falsch verwöhnten 
SiDoe der Leidenden zu Hülfe käme« 

Aus allem bisher Gesagten gebt nunmehr 
als Resultat der Untersuchung folgender Haupt- 
punkt zu Gunsten Stahls hervor: Stahl giebt 
an sich auf die Speculation nichts ; vielmehr 
verwirft er sie für den pragmatischen Theil 
der Heilkunde; er fängt, nur den Zweck der 
Uedicin vor Augen habend , von den Lebens- 
bewegungen nach ihrer Richtung, Dauer und 
ihrem Grade an, sobald er die Erfahrung der 
Jahrtausende demonstrative damit in Verbin- 
dung setzen will. Daher sagt er ausdrücklich 
und bestimmt: ^ der wechselseitige Einßufs der 
Seele und der Körper auf einander ist kein un» 
mittelbarer'^ sondern ein durch Bewegung vermit^ 
lelter (Üebers. png. 41.). In diesem Betracht 
läfst sich von ilnii sa^en : die Erfahrung (in 
dem wahren Sinne ^ wie er sie bezeichnet), 
ist sein Frincip als feste Seite der rationellen 
Belracbtiiiig, und in Einklang mit dieser setzt 
er als sichtbar Ursärli liebes die Motus vitales» 
Dafs er nun die Seele als Piimus motor vor- 
führt , indem er dadurch die Causa efficieus 
Yon der Causa instrumentalis unterscheidet, ist 



- 70 - 

ihm JbeioetiTyeges bu verdenken. Um nun aber. 
"^^ Nexits catuarum der Wissenschaft 



gen für den Versland etoschaulich zu machen, 
mnfste er philosophisch zu Werke gehen und 
sich der Speculation hingeben. Doch hält er 
selbst auf diese Art der Denionstration wenig» 
sobald jemand glaubt, er wolle damit der prag- 
malischen Medicip nützen; und so mufs Stahl 
Terstanden werden, damit man ihn nicht im- 
merfort Ton der unbedeutenderen Seile seines 
Systems angreife. Wer hat aber wohl übeiw 
haupt ein besseres Frincip aufgestellt? Hieria 
hat jeder seine schwache Seite > der^ es Ter- 
Buchte; ich glaube doch, Stahl die weniger, 
schwache und consequentere, 

Schüler sagt irgendwo : Sobald die Seele 
spricht , so ist die Seele nicht mehr da. Sehr 
richtig und scharfsinnig; denn die Bewegun- 
gen als Folge des Sprechens gehen sogleich 
ins Materielle über; das Sprechen ist schon 
Zeichen der belebten Werkzeuge, ohne deren 
Actiön die Seele sich nicht oiFeDbaren kann. 

Eine ganz neue, auf Consequenz und All* 
gemeinheit Anspruch machende philosophische 
Schule staluirt in der Natur als Haupiprincip 
nur Licht y und setzt diesem die Schwerkraft 
entgegen. Jenes nimmt sie als das Thätige^ 
diese als das Leidende an ; durch die Einwir- 
kung des Lichts auf die Schwerkraft entstän- 
den die Bewegungen. Dieses in Vergleich 
^mit StahPg Priucip gleicht sich analogisch voH- 
kommen aus. Das Thälige, Licht der Yer 
aunfty wie die A.nima rationalis oft bildlich ge« 
braucht wird; die Gebilde an sich befrachtet --^ 
Schwerkraft; die Einwirkung des Thätigen auC 
das. Passive '— Bewegung. Newton rermittelt« 



— ''* — 

« 

)«jk>ch die Beweguagen durch die Attractir<fc 
liod RitpaUiv - Kraft. Sie sind eigeotlich oat 
Behelf für die aaf die Wirkung des Thätigea 
erfolgte Erscheinung. Dieser Parallelismas der 
SDorganischen Natur mit der organischen Jtäfst 
sich überall nachweisen, und scheint daher 
allgemeines Grundgesetz zu seyn. Nun gehört 
der Körper als Materie ursprünglich zum phy- 
sischen Reiche und ist als organischer belebt, 
d. h. er ist als Miltel zum bestimmten Zweck 
angewendet und der Gewohnheit wüerworfen iror- 
dm, worüber ich mich später erklät-en werde. 
Id wiefern nun bei dessen Bestände als Organ 
for die Seele t das lacht vermittelnd für die 
Bewegungen Ton dem Hauptprincip, durch die 
Nerfen als Leiter, gebraucht werden kann 
(da lacht eben wie ' Electricität Polarität po- 
sitiver ui^d negativer Art den neueren Beob- 
achtungen zu Folge zeigt) und init der At- 
tractiv- und Bepulsiv- Kraft in Parallele ge- 
stellt werden könnte > dies mag dem ^ freien 
Kachdenken, überlassen bleiben. Ich finde es 
jedoch für nÖthig, mich im Folgenden näher 
darüber zu erklären, um einen lächerlichen 
Einwurf gegen Stahl zu entkräften. 

Weil die Muskeln, vom lebenden Körper 
getrennt, Zucken und Lebensbewegung äufsern^ 
hsi man den Satz gegen Stahl geltend machen 
wollen : die Seele sei tbeilbar. Abgesehen da* 
▼00 y dafs mit Eintritt von Bewegungen (um 
fliit Schiller zu sprechen) die Seele nicht mebr 
da seyn kann,, sondern blofs ihre Itnpressionts 
tnotrices bleiben können, so wissen wir ja 
überhaupt noch nicht gewifs, welchen be- 
stimmten Einflufs die Electricität auf den Kör- 
per haben möge, da wir |a sehen, wie be- 



- 72 - 

Btiiniiit dar Chemisi^os auf die Material dev 
Organe und ihre . Mischung für den Zweck 
des Lebensprincips einwirken und darin Ver- 
änderungen herrorbringen kann, ohne ihm je- 
doch Selbslthätigkeit xusugestehen. Ob aber 
diese allgemein Terbr.eitete Thätigkeit der Na- 
tur auch aU einheimisches Vermögen im Kor- 
£er besonders modificirt werde,. d. h. eine der 
lesonderheit des Körpers entsprechende Eiek- 
tricität annehme, um zu den Zwecken, des 
I^ebensprincips gebraucht zu werden, dariibeir 
haben sich die Naturforscher noch nicht aus- 
gesprochen. Die Electricität , wie wie sie ken- 
nen, ist nicht bleibend, sondern durchdringt 
die Korper, um sich wieder an andere zu ent- 
laden, mit denen sie in Berührung kommt. 
Der Korper des Menschen ist Überall Von jslek- 
trischer Spannung der Luit umflossen , und so 
lange er ein organisches- Continuum ist, wirkt 
diese Naturkraft in ihm und um ihn. Bleinen 
BeobacHtungen an meinem eignen, für die 
Electricität höchst empfindlichen Körper zu 
Folge, ist, was ich noch. bei keinem andern 
in dem Grade entdeckt habe, die Electricität 
constant; wenigstens in der Art, dafs, wenn 
sich solche auch immerfort ihrem Gesetze nach 
ausscheiden mag, sie doch forlwöhrend mehr 
oder weniger ersetzt wird. Beabsichtige ich, 
sie theilwei$e zu entladen, so h.-iogt es von 
meinem Willen a)), sie durch Ausstrecken der 
Finger (Spargiren) und zwar' durch den läng- 
sten derselben mit dem bek;i(t;i(f>n , von dem 
Tone einer andern mechanisciteu Reibung ganz 
yerschiedenen Knistern, welches nur der Electri- 
cität eigen ist, ausströmen zu lassen. Ja ich 
fühle Yollkommen den Lauf der Strömung nach 
dem Punkte des Austritts, gleich einem 6e/i- 



— 73 — 

m fonrikaihnb. Diese an d^n Organen , be- 
lODoera'den Muskelo haftende Thatigkeit halte 
ich erident als wirkend in allen den getrenn- 
ten Muskell», bei denen noch thierische Wär- 
me Statt findet; sie hört auf, 'sobald jener 
Cnlor animalis schwindet. Täglich sehen wir 
dies in den Fleischbänken bei frisch geschlach-« 
teteb Thieren, und dafs die Electricität sich 
dem menschlichen- Körper leicht wieder mit- 
theile, weil Homogenes zu Homogenem kommt, 
bemerken wir ja wohl an der entschiedenen 
Wirkung eines sogenannten Balnei . nnima/tf, 
wodurch selbst Lähmungen geheilt wurden. — ^ 
Eine nach dem Wochenbette mit einem schlei- 
chenden Fieber kämpfende, fast zur Abzeh« 
rang gekommene und durch keines der gerühm- 
ten JUIttel gebesserte Fleischerfrau schickte ich 
mit Beiseitesetzung aller anderen Mittel in ih« 
ran Fleischscharrn , und liefs die frisch ge- 
schlachteten Thiere sogleich dort aufhängen. 
Die Besserung der Kranken war zum Ver- 
wundern. Das Fieber wich, die Kräfte nah- 
men zu, der Appetit trat ein, und in Kur- 
zem hatte sie ihre Kraft uad Fülle der Mus- 
culatur, wie ich sie sonst zu sehen gewohnt 
war. Nicht ohne besondern Grund findet man 
daher 'wohl die Fleisoherfrauen fast durchweg 
so kräftig ausgebildet; die Nahrung allein 
mochte es schwerlich thun, wenn jene Ueber- 
ströiiiungen des Calor vitaJis nicht ihren Bei- 
trag lieferten. Eine so starke Nahrung, wie 
ich sie oft bei Fleischerfraueu beobachte, wür« 
de unter andern Verhältnissen die Digestion 
verderben; hier wird die Verdauung durch 
jene Umstände so gekräftigt , dafs auch (die 
echwer verdaulichen Fette subigirt werden. 



— 74 — 

Diesem nacb ist es also die in deo Yom 
Koqier frisch getrennlen Theileo haftende und 
nor allinähiig mit der Wärme schwindende 
Electricität , die jene Bewegungen so lange 
fortsetzt, bis sie vöiiig ausgeströmt ist; nicht 
aber die durch Trennung g«theiUe Seelenkraft; 
eine Absurdität, die man in die «Sro^scho 
Ansicht hineinzulegen versuchte. Die v^r« 
schiedenen Potenzen der Natur dienen ans-za 
unserer Erhaltung und Nahrung. Warum sollte ' 
eine so groFse und ausgebreitete Naturlhätig- 
keit^ wie die Electricität, nicht Ton dem Le- 
bensprincip zu Zwecken des Lebens benutzt ' 
werden ? Sauvages und andere ahnten dies 
noch hypothetisch in der Annahme eines Ner«« 
▼ensaftes, den- sie electrischer Art seyn lie- 
fseoy und Platner fühlte 'das BedürrnifSy einen 
Nerren^eist anzunehmen , dessen Natur er un« 
entschieden läfst; der jedoch leicht zur Nntur 
der verschrieenen Spirituum und des jircHäuM 
kciante gezählt werd<9n, gHgen welche Than- 
tasiebilder doch Stahl mit Recht überall eifert. 
Sauvages Hypolhe^e wird jedoch durch meh- 
rere Thatsachen be;;ründet. Wenn ich über 
einen wollenen Struinpl* einen seidenen ziehei 
den Fufs durch Gehen io Wärme gesetzt habe, • 
so kann ich beim Auszi<>ben des Strumpfes 
]ange electrische Funken h'er.tusziehpu. Ich 
kenne einen Oflicier^ der durch bUffses Kam* 
men seiner Haare schon oft den. Versuch ge« 
müchl lii^t, mit dem Ausströmen der eleciri« 
sehen Flüssigkeit eine kleine Leidner Flasche 
zu füllen, und seinen Zweck nur in gewissen 
Krankheitsfällen, die sich auf Unordnung im 
Kreisläufe des Bln(es gründeten, verfehlt hat.' 
Er .leidet dabei häufig au Herzklopfen, das je- 
doch salbst heftigere Bewegungen erlaubt und 



- 75 «- 

dam freiem Alhmen keinen RiDtrag thut. Die- 
ter mit mobiler Eleclricifat so sehr erfüllte 
UaoDi kann jedoch nicht, wie ich, durch den 
hiofsen Willen ohne Zulbun Electric! rat erre* 
(cnder Dinge aus den Fingerspitzen dieses 
Natur • Agens ausströmen lassen, uud 'oli 
manschte daher wohl zu erfahren , oi> mich 
jemand mit dieser Eigenschaft begabt scy. Hat 
sich die Natur durch die bleibende uud haf- 
tende Electricität beiui Zitteraal und einigen 
andern Wasserthieren nicht schon deutlich ge- 
nug ausgesprochen , wie sehr sie die.ses Agens 
sich in den Organismen zu ihrem Vortheil zu 
bedienen , und bei diesen Thieren , welche 
doch in stete Berührung mit andern anorgani- 
schen Korpern treten, die ihnen zukommende 
nad für bestimmte Organe zustromende Efectri- 
rilät meistens wieder an homogene liurjier,. 
d. h. Organismen abzusetzen weifs? Die ei-s»le- 
Eotdeckung dieses Phänomens machte ich bei 
mir schon vor vierzehn Jahren , als ich die 
ersten, aber spfiterhin nicht fortgeselzt^sn Vf-r- 
soche mit dem sogenannten Lebens -Magnetls* 
inus unternahm, indem bei jeder Aianipula- 
tinn' sich ein Knistern in meinen Fingerspitzen 
wahrnehmen liefs, das immer deutlicher und 
stärker ward , je länger ich die Versuche fort- 
setzte. Der Erfolg für mich war betrübend ; 
denn ich fühlte mich nach monatlanger Fort» 
Setzung ho abgespannt und nervenschwach, dafs 
ich, für meine eigne Gesundheit fürchtend,- di<) 
ganze Sache liegen lassen mufste. Ich gestehe 
jedoch aufrichtig, dafs, obgleich die AlagneU- 
sirte (eine unwissende ScI^wabin , die den 
filagnetisinus nicht einmal dem Namen nach 
kannte) Funken uud Strömungen au« ir.^ineu 
Findern zu sehen versicherte , es mir doch 



— 76 — 

niemaU gelungen ist, einen Electrometer da- 
für empfindlich zu machen. Nui* einmal ge- 
lang es nur, wofern nicht alles Täuschung ist, 
in fierlin bei einem Arzte eine äufserst mo- 
bile auf feiner Spitze frei hängende Magnet- 
nadel durch Annäherung meiner Fingerspitzen 
bei nicht heifser Hand in abstofseode und an- 
ziehende Bewegung zu setzen. Ein zweiter 
Versuch ward durch andere Umstände verhin«: 
dert, und bei einem späteren Besuche fehlte 
die mobile Magnetnadel. Die satyrischen und 
sarkastischen Bemerkungen über den Magne- 
tismus eigneten sich auch nicht, mich zu fer- 
neren Versuchen zu bestimmen, und ich bin 
▼on der Zeit, wo Kotzebue sich mit mei-« 
ner Person 'hiebt zu Gunsten der Na Uirwissen- 
echaft , Sondern des Witzes Vergleichungen 
erlaubte, und anderswo von Funkenausstro- 
mung aus meinen Fingern , die ich nie sah, 
geschrieben ward, in dieser Angelegenheit ganz 
passiv geblieben. Mir scheint, dafs^ da die 
El^tricilät von Organismen auf Organismen 
ohne ein Medium oder Instrument aus der 
anorganischen ]\a)ur nicht durch Funken oder 
Lichterzeugung üherlriit (welches nur bei An- 
wendung anorganischer Blittel geschieht) son- 
dern sich höchstens in seltneren Fällen durch 
tias Gebor und in den meisten gar nicht sinn- 
lich, sondern blofs durcli einen eben darum 
von vielen sogar geleugneten Effect ds)rtbut, 
— 'diese Electricität in den Organen oder Ner-* 
Ven'eiue Modification erleiden müsse, wodurch 
sie den Namen einer aniinalisclien , als Glied 
jener grofsen und allgemeineu Eleclrlcilät ver- 
dienen mochte. 

Ivb bin daher der Meinung, daCs dieses 
Agens im menschlichen Körper nicht mehr 



— 77 — 

«aer. CausomOCcuha zuji^eschrieben werden iurfiB, 
Da ich ein grofser Feind der Wnoder hin, 
and maD über (^en sogenannten thierisclien 
IhgDetismus den Stab zu brechen sich verai^-^ 
lafst fiihlre, blofs weil er so oft gemifs brau cht 
wnrde, so schwieg ich^mit mehreren, die nicht 
gero Wundermänner heifsen wollten. Indes- 
sfn glaube ich ernsthaft, dafs man mit Zu-> 
rScksetzung des Msrgnetismus das Kind mit 
dem Bade ausgeschüttet habe. Slap ändere 
das Wort in menschliche oder thierische El(>k- 
triciläly und der Zauber wird schwinden ^ der 
jene occulte Kraft verdächtig machte. 

Stahl berührt diesen Punkt in Hinsicht der 
Nerven schon deutlich; läfst ihn aber unent- 
schieden, und reclainirt die Bewegungen als 
Vermittelndes zwischen dem Körper und dem 
Lebensprincip, um sich ni\r an das ort zu 
halten. Es heifst pag. 206 der Uebersetzung : 
„Werden aber die Nerven wirklich bewegt, 
I „and wie werden sie es? Fliefst vielleicht 
„durch Kanäle, die man in ihnen hypothe- 
; „tisch annehmen mufs, irgend etwas, das zu 
I „den Aluskeln gelangt und in diesen Bewegung 
„▼eranlafsl? Scheiut nicht diese Annahme voa 
„der Erfahrung begünstigt zu werden, nach 
„welcher unterhalb der Ligatur eines Nerven 
ffiogleich alle willkührliche Bewegung der 
„Theile, zu welchen der Nerve gelangt , nicht 
„mehr erfolgt? Wie werden ferner die Mus- 
„kdn bewegt.*^ Was bringt die Bewegung zu- 
ifSrst hervor; thut dies die Seele, oder leitet 
»ditse blofs die von etwas anderem schon ange- 
iifsDgene Bewegung? Diese Fragen sind dem 
}|Arzte, wenn sie auch beantwortet werden, 
»UDDÜtz, da er über alles, worüber gefragt 
i)Wird, keine Gewalt hat." 



— 78 — 

Wii'd indAssAo dlAS electriscb« Agens 
]Hilt4-| zur Erreicliung des Zwecks der Se 
durch Leitung der Nerven Torgestellt', so { 
h'irt di^'se wahrscheinliche Meinung in die li 
te^orie d^r Lichtstrahlen für das Auge, i 
LiiHhelMingen für deb' GehSrgang, ^es La 
1)el^«''^s fiir die Lunge beim Athmen, wurSl 
SrM I. c. pag. 30. sich scharfsinnig amtläf 
nur mit der stärkeren Bädefutung, dafs dui 
da^sfflhe und durch die allgemeiner Terhreil* 
Em|»lindlichkeit des Nervensystems für die R 
drüik«» der Aufsenwelt das innige Verhält« 
der Wechselwirkung des lebenden Körp 
(^Suturti naturans) mit der anorganischen N«r 
(Nuiura naturata) auffaflender dargestellt wi 
Der Electro- Chemismus kann darüber viellei« 
derpin^l noch nähern Aufschlufs liefern. < 
di»ch bleibt bei allem diesem StahPs Grunds 
unansefbchten; dafs die Beantwortung die: 
Verhältnisses nur für die Wissenschaft gehoi 
die Kunst aber nicht besondere Vortheile c 
-von erlangen könne, weil wir in den Bev 
gangen des Organismus bereits den Effect d 
ser bestimmenden und vermittelnden Ursac 
zum Zweck der Kunst benutzen können u 
weiter als Künstler nichts nötbig haben. 

Olöge endlich die bisherige Betrachts 
durch ein Bild als Schatten der Natur sei 
Anwendutfg für den Verstand finden: die Se 
(Form gebende Thätigkeit) eines Praxitdts h 
let Leben hauchend auf der Statue eines Apc 
Den Stein gab — die Natura die die Bilda 
Tenaittelodeo Werkzeuge — die Kunst, i 
der Natar zur bestimmten Absicht geforn 
das schöne, geordnete, reine Lebensbild 
die mit des Künstlers Thätigkeit in Einkla 



•* 7« «. 

lüDdelnde oder ibD^bMlfminetide Seele. Der 
Gott sein^ Imagination , . der seine Seele er- 
iBIIta, erschien aU Kunstprodukt in der 
Wirklichkeit, um unsere hohe Bewunde- 
roog EU erwecken; wie sollte dieselbe innere 
Kraft in ihrer Ursprünglichkeit und Allg<*mein- 
htit Ton einem wahr^n^ nicht eingebildeten 
Gotte ausgehend , nicht einen Organismus , in 
dem das Leben, diese innere Kr/ift, sich selbst 
•asspricht, bilden können, wo ihr der Stoff 
k ununterbrochener Thätigkeit der Bewegno^ 
gen, die sie als zuführend und bestimmend la 
ihrem reinen schopferisrh bildenden Zweck 
kniitsen känn^ in allen Graden und Richtun-* 
gen £ur Auswal\l zuströmt ? ^ 

(Die Fortteuong folgt.) 



/ 



- 80 ~, 



in. 

■ - « 

U e b e r 

* ■ i' 

die Ersparnisse in der Receptur 

für.' v/ 

■ ■ 

angehende rreufsiscbe Aerzte. 

Vom 

Reg.-Med.-Rath Fischer 

inErfurt* 



IDei den FreufsischeD Kegierungen ist es ge« 
bräuchlicli, dafs die Apothekerrecliouogeii der 
ArineDanstalten uod inildeo Sliftungeo zur Re- 
TisioD der Taxe, und ob überall die Armen* 
phariiiacopöe benutzt, und sonstige Oekono- 
inie beobachtet worden , an dieselben einge- 
sendet werden. Auf diese Art gehen auch, 
mir jährlich von etlichen und zwanzig Aerz-« 
ten und Wundärzten des hiesigen Regierungs- 
bezirks^ das etwa 350,000 Seelen fafst, ineh* 
rere 1000 Recepte für, mitunter sehr armOi 
Armeoanstaltenyersch rieben, durch die Hände, 
Auch erfolgen in den Sanitätsberichten Nach- 
^•isuogen über die in jenen Anstalten vorge- 
koinmeoen Krankheiten^ und wie viel Kranke 
gestorben und genesen sind. Beides in Ver- 
gleichung gebracht, giebt in Hinsicht einer 

theu- 



— 81 — 

1 

tbeoOTn unA wohlfeileren,» complicirteren mi^ 
•ufacheren Receptur zu interessanten Bepb- 
toiigen. Hier ein Thee aus inländischen bit- 
tirn und aromatischen Kräutern und Wurzeln 
lir etwa 2 Gr. , dort eine Auflösung von 8 -— 
10 Drachmen bitterer Extracte in einem de- ' 
itillirten Wasser mit dem theuern Kdi ac€ii^ 
omii welche 16—20 Gr. kostet; hier einen 
Arzt, der, so zu sagen , aus den dividirten 
. Fnirern nicht herauskommen kann , dort edls 
ciofache Formen aus der Armenpharmacopoe; 
bier ein einfaches BrustpuWer aus gestofsenem. 
Aoies und Siifsbnlz , dort Brustmixturen aus 
S bis Sterlei Mitteln mit zwei Unzen und noch 
mehr Zncker in jede. — Und wenn man nun 
die dagewesenen Krankheiten und Todesfälle 
diesen RecepteA an die Seite stellt, so findet 
lieh, dafs dort keine andern Krankheiten za 
heilen waren als hier, dort nicht mehr daran 
starben als hier* Aber dort, wo die Arzneien 
weniger kosteten , konnte durch andere Aus- 
gaben den Armen mehr Holz, Speise, Bedek- 
kung n. s. w. yerschafFt, ihm wahrhaft unter 
die Arme gegriffen, und somit weit mehr 
menschliches Elend gemildert und Krankheit 
fsrhStet werden, als hier, wo übermäfsig gro« 
Ise Ausgaben fcTr Arzneimittel die Armenpfle-* 
fsr hinderten, die Armen durch Geld und an^ 
dsre Hiilfsmittel gehörig zu unterstützen, da- 
mit die Kränklichkeit die fast jeder Armer, 
zumal im Winter, mit sich herumträgt, nicht 
zur wirklichen Krankheit werde. Somit mufste 
hier eins zerstörend auf das andere wirken. 

Die Verwaltungsbehörde darf sich nicht 
herausnehmen wollen, dem Arzt vorzuschrei- 
ben, für jenes theure dies wohlfeile Mittel zu 
Journ. LXVII. B. ^.St^ F 



— 82 — 

wKb1«B| tich itt die wIsMnscliftftllcha Ueber-\ 
K0ugiiDg des Arztes in seinen Verordnungen .- 
Sil mischen* ' Sie kann nur auf die Armen- 
pharmacopöe hinweisen und die Aerste er« ' 
mahnen y ihr zu folgeti, so wie sie denn auch- 
nicht zugeben darf, dafs bei ArmenanstaUen 
Versuche mit neuen Mitteln angestellt wer-«' 
den, die nicht das Wohl des Kranken', son- 
dern nur wissenschaftliche Aufschlüsse fiber 
die Wirkung eines oder des andern Mittels 
xam Zweck haben. Wenn ein oder der an- 
dere Arzt erwidert: die Armenpharmacopoe 
genügt mir nicht; dem Kranken konnte nur 
durch meine theuern, complicirten Recepte ge- ' 
helfen werden » so mafs sie die Sache auf sich 
beruhen lassen, und die Schule, in welcher 
dieser Arit grofs gezogen worden, trägt die 
Sehnld jefier. Verschwendung. Von den Aka- 
demieen mpfs der Grundsatz ausgehen , dafii « 
der Arzt sein Heil nicht in theuern , compli- 
cirten Recepten, sondern in gehöriger Regn« 
lirung der Lebensverhältnisse des Kranken tu 
Suchen hat , und dafs • wo dieses nicht mSg- 
Ifeh ist, auch in der negel die Arzneien nichts' 
helfen^ 

Zwei Gegenstände sind es, die die Be«- 
riicksicbtigung der Aerzte überhaupt, und resp. 
der Preufsischen Aerzte, beim Verschreiben der 
Arzneimittel jetzt mehr als sonst in Anspruch^ 
nehmen. Einmal der Nothstand der mittlem 
BSrgerklasse und der Armenkassen, zweitens 
der hohe Preis der Arzneimittel im Preufsi- 
schen. In ersterer Beziehung bedarf es wei- 
ter keines Beweises, dafs sich der Nahrungs- 
•tand jetzt wirklich im Allgemeinen in einer 
bedvün^o Lage befindet, und was den zwei* 






— 83 - 

I ... ■ 

l0ir Piml^t betrifft, 8o ist es notorisdi, dad 
lie Preofsische Arzoeitaxe sehr hoch ist, so 
Itls es wahrlich deo unbemittelten Kra^keä 
•beo so baoge vor der Arzneirech du Dg , ale 
TOT defn AusgaDg der Krankheit selbst wer« 
isD' mochte. Nur d6r wohlhabende KraolLe 
kann diese Kosten ohne besoodere Beschrän* 
kimg seiD^s Wohlstandes bezahlen; allein den« 
jenigen Staatsbürger dei* dem ganz armen, wel- 
disr die Arzneien auf öffentliche Kosten er- 
Ult, äta nächsten steht, den 'Mittelmann, den 
Mrängten Landfmann ^ den verschämten Ar« 
■in, dessen EhrgefShl ihm nicht zulafst, seine 
Annath kund werden zu lassen, drückt diese 
lohe Täte sehr, und manöher wird durch 
•ine Apothekerrechnung so zurückgebracht, dafs 
•r, der während der Krankheit nichts yerdie- 
aen konnte , den Arzt und Wundarzt eben« 
fdls nach einer iheuern Taxe bezahlen mufs, 
noch lange mit Sorgen zu kämpfen hat. Es 
dürfte daher wohl einem jeden Heilkünstler 
beiUge Pflicht seyn , in der Receptur nicht nur 
•lleo Luxus zu vermeiden, sondern sich -auch 
mit allen den Mitteln genau bekannt zu ma-« 
eben, -welche die Ausgaben an Arzneimitteln 
vermindern können, ohne dafs den Kranken' 
•twas Wesentliches entzogen wird. 

Ich-«rlaube mir hier Einiges. zur Sprache 
se bringen, was zu den beabsichtigten Zweck 
fahrt, in soferne es noch ärztliche Collegen 
geben nsag, die nicht schon von selbst die 
nachstehenden Einrichtungen ^ in ihrer Recep- 
tor eingeführt haben. 

Bevor Worten mufs ich jedoch hierbei, dafSi 
wenn einen oder dem andern Leser diese Be« 
xoarkungen als- Kleinigkeiten , die wohl in der 

F 2 



- 84 - 

Ilanptsache nichts auf «ich haben mochten« 
erscheinen ) ^dieses in der That nicht der Fall 
ist, wenn man bedenkt, dafs sich die kleinen 
Ersparnisse bei ^iner Kur Yon einigen Wo- 
chen oft wiederholen, und wetan sie sorgfältig 
im Auge gehalten werden, an einer Apothe^ 
ker- Rechnung viete Frocente erspart werden« 
Vor Allem dürfte den Treufsischen Aerzten 
sehr SU empfehlen seyn , mehr als es in der 
Regel geschieht, die gedruckte Arzneilaxei die 
Sberall für 4 Gr. zu haben ist, fleifsig zur 
Hand zu nehmen , und diese Taxe nach den 
jährlich erscheinenden, gedruckten Abände- 
rungen SU berichtigen. " Einmal, weil sie dann 
weit öfterer yeranlafst werden würden, wohl- 
feilere, gleich wirksame Mittel statt der theuern 
SU Terschreiben , und zweitens weil die Arz- 
neipreise häufig sich sehr »yerändern , so dafs 
sie manchmal noch einmal so hoch werden. 
80 kostete z. B. früher das Pulv. Rad, Colom- 
bo unc. j. 2 6r. 6 Pf. , jetzt 5 Gr. 6 Ff. ; ein. 
Scrupel Cüstor, Sibir» sonst 32 Gr. , jetzt 59 Gr« 

1. Jedes diyidirte Pulver kostet aufser den 
Ingredienzien an Nebenkosten zu theilen 3 Ff., 
isa dafs es sich oft findet, dafs die Ingredien'- 
sien bei 12 Pulvern etwa 1 Gr., diese Pulver 
aber 5 Gr. kosten. Wenn es nun durchaus 
aStbig ist| dafs das Pulver nicht Theelöffel- 
WeU« au nehmen, sondern getheilt werden 
Blufs, so verordne der Arzt statt 12 Pulvern 
Bor ö noch einmal so grofse, und lasse statt 
eiaee ganzen in den bestimmten Zwischenräu- 
men nur ein halbes Pulver nehmen ; dann 
wird bei 12 Pulvern allezeit ohne Nachtheil 
des Kranken 2 Gr. erspart. Das beträgt 40 
.Aroeent, Ersparnifs» 



— 85 - 



Ja einem Krankenbause kaäo TlelesGeld 
ersprt werden , wenn statt der dividirten Pal« 
ntf dieselben uogetheilt yerordnet, das Thei« 
IsD aber durch Abmessen des Pulyers erreicht 
wird.. Dies geschieht folgendermaßen. Es 
wird dem Kranken od^r dem Krankenwärter 
«0 hörnernes Maafs von diieser Form 




welches gerade 5 Grane des Constitnens^ Blilch- 

' SBcler, gemeinen IZacker^ fafst, wenn es ge* 

strichen wird, gegeben. Mit diesem gestri- 

dienen Maafs nimmt d'er Kranke sein Pulrer, 

' oder es wird ihm damit von dem Wärter ^e- 

nicht. Natürlich mufs es der Arzt jederzeit^ 

' 10 einrichten, dafs 5 Grane des Constituens 

die einzeloen Arzneimittel enthalten. Auch 

mab dafär gesorgt werden, dafs starkriechen« 

des Pulver sein besonderes Maafs erhalte. 

2. 'Der gemeine Essig wird zu den Sauer« 
koAigen und zu andern Arzneien verwendet, 
ohne dafs es dem Arzt einfällt, die Neben- 
wirkungen des rohen Essigs zu furchten. War- 
um soll nun der rohe Essig nicht eben so wohl 
auch bei andern Arzneieü angewendet werden' 
können , wenn sie dadurch wohlfeiler erhalten 
werden können? Wenn daher z. B. .der Arzt 
eine halbe Unze des Kali acttici in eine Mixtur 
zu 6 Unzen verordnen will, so lasse er 6 Vn^ 
zen rohen Essig mit KaH carbon, t einer» da-* 
vtlL sättigen. Dies kostet 3 Gr. 8 Pf., eine 
halbe Unze Ka!. nce/Zc. aber 8 Gr. 



— 86 - 

I '3. Der Apotfaekar iftt taxrafifsig b«tech- 
tlgt, für jede» Glas sbu G^Unzea« wetch'ea ihm 
bier sn Land» etwa 6 Ff. kostet , 2 6r« zu 
berechneii. Werden nun bei Repetitionen toq 
deb AbgehSrigen des Kranken die Gläser in 
die Apotheke sariickgehracht , so rechnet sie 
Btir der gewissenhafte Apotheker in^nzelnen* 
Fällen wieder ab. In der Regel aber wird eine 
Arznei, die z. B. 8 Gr. das erste Mal kostete, 
sie mag repetirt werden , so oft sie will , wie 
'die Reehnungen ai^sweisen, jederzeit wieder 
mit 8 Gr. verrechnet. Wenn daher die An- 
gfthorigep der Kranken darauf aufmerksam ge- 
macht werden, die ziirückgebrachten Gläser 
Sil qotjrQDi so können ^ie dieselben mit allem 
Recht dem Apotheker in Abzug bringen» Das- 
selbe iGndet auch mjt Büchsen und Schachteln 
Statt. 

• ' _ _ . 

4. Zwei Unzen Oxymel kostep 4 Gr. Eine , 
Mischung aus 1 Unze weifsem Honig und 1 
Unze Essig thut dasselbe, kostet aber nUr 2 Gr. 
7 Ff«, und iit einer Mixtur, wo ohnedem' der 
Gebrauch eines Morsers noch berechnet wird, 
noch, weniger. 

Für diejenigen Aerzte, welche Arzneirech- 
nungen zu revidiren haben, ist zu bemerken, 
dafs hei jeder Arznei die Anwendung eines 
Morsers 8 Ff. kostet f dafs aber der Zusatz 
Ton Salmiak, Nitruin oder anderer dergl. Sal- 
ze, oder Ton gewühnlichen honigdicken Ex- 
tracten zu Decocten . kein Mörser nöthig ist, 
dafs vielmehr das Decoct auf jene Mittel nur 
cQlirt we)rden darf. 

8. Leinsaamen, Leinöl, Wachholderbee- 
reo I Haüergriitze und dergleichen auch im Haa-i 



' •■ t ,-vtM^\£ 



. — 87 — 

^V der Kau Heute TOrkommende Gegenttandil, 
"^•rden bääfig Ton den Aerzten aus der Apiy« 

theke Terordnet, kosten aber hier weit mehr 

ibdort. 

6. Wenn za einer Blixtar ein deatillirtes. 
Wasser rerordnet rwird , so kosten einige Tn^ 
pfeD eines destillirlen* Oeles mit Zacker abge» 
■rieben Yiel "weniger , und thun dieselben Dien^ 
•t#« Anders yerhält sich dies bei einigen, z» 
B. dem Chamillen -Wasser, und ist hi^riiber 
die Taxe nachzusehen, um zn finden ^ vro 
diese Maxime anzuwenden ist. 

7. Die meisten Blumen und die klei0b1al» 
trigen Kräuter werden am besten unzerschiut« 
ten als Tbee verordnet.' Die zerscfanitteniBti' 
Vegetabilien kosten mehr als die ganzen. Viele 
verschnittene Blumen, z. B. die Chamillee 
Terunreini^en den Tbee, wegen des Pulvers, 
welches beim Schneiden abfällt. Wird aber, 
was wohl geschieht, dies Pulver von dem 
Apotheker abgesondert ^ so wird der Thee we-* 
niger wirksam. 

8. Sechs Unzen Gilatina Salep kosten 5 6r« 
10 Pf. Wenn aber 1 Drachme Saleppulver in 

6 Unzen kochendem Wasser gelofst, verord-^ 
nel vnrd , so ist das dasselbe , kostet aber nur 
2 Gr. 

9. Decocte, Infusionen und Digestionen 
bis zu 6 Unzen kosten anzufertigen 1 Gr. 3 Pf» 
Sieben bis 8 Unzen dagegen 8 Gr. Da es in 
der Praxis keinen Unterschied macht, ob 6^ 

7 oder 8 Unzen Golatur verordnet wird, in- 
dem nur die Dosis darnach abzuändern ist, so 
wird bei jedem Decoct , Iniusum u. S« w. von 



/. 



— 88 — 

6 XTAstn gegen eines von 7 öder 8 Unzen 
9 tt'f also über 10 Procent erspart«' 

'^10. Ein Gran Mtrc. subL corrosh. kostet 
4 Ff., 10 Grane davon eben so Tiel; eitia 
.-halbe Drachme davon ä Ff. Ein Gran Tar^ 
tarüs tmeticus kostet 4 Pf., 10 Grane 8 Ff., 
•ine Drachme 2 Gr. Ein. Gran Sulphur aura» 
tum kostet 4 Pf., ein Scrupel 1 Gr. 3 Ff. So 
verhält es sich mit allen den MiUeln , welche 
in kleinen Dosen verordnet Mrerden, z, B. Opium^ 
Mxtrftct. , Hyoscyam. ^ Bellad, u. s. w. Diese 
Taxverhältnisse werdet! aber in der Receptur 
häufig nicht so beachtet al^ sie es verdienen* 

• 11. Die Syrupe gehören mit einzelnen we- 
jnigen Ausnahmen bei Kindern , zum arznei- 
l^chen Luxns. Es ist ein Vorurtheil, wenn 
man glaubt die Arzneien dadurch wohlschmek- 
kender zu machen. Manche werden dadorch 
nur noch ekelhafter. 

Endlich finde hier noch einen Platz, was un- 
ser verehrter Herr Staatsrath //ü/e/ond aufser dem 
schon Berührten in seiner Armenpharmacopoe, 
die leider viel zu wenig in den Händen der 

Sraktisbhen Aerzte ist, über die Ersparung in 
er Receptur nicht blofs bei den Armen , son^ 
dern .auch bei dem Mittelmann den Aerzten 
so dringend anS Herz gelegt hat, weil dies 
iiber£|llf. wo es nur schicklich ist, und nicht 
6ft genug wiederholt werden kann. 

a). ^,Es werden statt der theuern auslän- 
dischen Mittel bei gleicher Wirksamkeit im- 
imer nur die wohlfeileren inländischen ver- 
schrieben.'' 

Der Prophet gilt nichts in seinem Yater- 
lande. Auch unsere Chamille, unser Calamus 



I . 



— 89 — 

I 

tf^Otlliltciff «ofl andere Lnndesprodukte .war- 
den in grofseren Ehren sleheo, wenn sie aus 
Ost- oder Westindiea kämeo. In den letz- 
ten Jahren wurden in den hiesigen Spi- 
tälern eine Menge kaller Fieber, bei welchen 
Bin es nur noch mit der blofsen Form sa' 
thon hielte, durch ColamuM aromatkus stund- 
IJch zu 1 Quent, gehoben. 

b) „Einfachheit in der Form und Olspen- 
aetion.** 

Keine dividirte Pulver oder Species, wo 
jüe nicht durchaus nolhig sind. Wer wird in 
den jetzigen geldarinen Zeiten nicht nachste- 
liende Becepte als offeobar TerschweDderi^ch 
ia der- Form betrachten , und doch kommen 
nie Tor. jScc. Xic/i. Inland, Rad. Gram, Xii- 
quiTm ana unc. ij, C. M. X)iV. in 12 porf* crc» 
llec. Sacch. aJb» unc. j, Flor, Sufph, Antim. 
crud* ana drachm, ij, Sem, Foenic, drachm, j. 
af. P. Pulv. Bw. in 12 part. 

c) ,}Wo es irgend möglich ist, müssen 
die Arzneien in Fulyerform und nicht in De- 
cocten oder Infusionen verordnet werden.*' 

Gegen diese Vorschrift wird in der Ar- 
menprazis am meisten gefehlt. Immer nur 
EilractauflosuDgen in aromatischen Wassern, 
theure Decocte, Emulsiooen und lufusionen, 
wo das feiogestofsoe I aber weit wohlfeilere 
Pulver des Krautes, der Rinde, der Wurzel, 
oder ein Thee dasselbe und weit mehr gelei- 
stet haben würden. Emulsiooen mit etwas 
Mitrum und einem Zuckersafte, wie sie häu- 
fig vorkommen, gehören nur für wohlhabende 
Kranke. In der Armeopraxls sind sie Un- 



^ 90 — 

jinge» indem «In aotiphlogistiscfaes FaWtr an« 
Weiu8tein> Safpeter etc. dasselbe thut. ^ , 

d) ,.Es solleD keine zu grofsen Qaanfitä-^ 
ten auf einmal verschrieben, auch der offnere 
Wechsel soll Termieden werden/* 

Der Arme, der seine Arzpeiea oiefat su 
bezahlen braucht, geht damit häufig verschwen- 
derisch um; nimmt davon mehi' auf einmal 
ein, als ihin vorgeschri^en ist, um nur, sei- 
ner Meinung nach , eher gesund zu werdeoy 
iheilt davon auch wohl « wie mir der Fall vor- 
kam, an andere mit. Besonders kommt jene 
NichtÖkonomie bei dem Verbrauch der chirnr-^ 
gischen Miitel vor. Kleine Dosen mahnen «ur 
Oekonomie, Daher sind in der Erfurter Ar- 
menpharmacopoe auch für die einfachen Dro<- 
guen kleine Dosen vorgeschrieben; bei Kin- 
dern werden halbe Dosen verordnet. 

e) ,,Man setze gewisse Formeln, die ent- 
weder immer in den A potheken, verrat hig seya 
müssen , oder sogleich bereitet >(7erden kön- 
nen,, fest." 

• Dadurch wird für den Arzt und fü^ den 
Apotheker viele Zeit erspart. Diese ^ormel^a 
müssen jedoch nach Grundsätzen der allge^ 
feinen Therapie eingerichtet werden , soqst 
▼ervielfnltigen sie sich zu sehr ; auch mufs da- 
bei streng auf Oekonomie in Materie und: 
Form Rücksicht genommen werden. Mochten 
doch nnr die Aerzte diese Formeln nicht blofs 
in der Armenpra^is, sondern auch bei dem 
Uittelmann in Anwendung bringen ! 

yj) 9iFiUen sollen nur dann verordnet wer^ 
dea, wenn die Arznei auf keine andere Art 
gegeben werden kann.'* 



Vi 



- 91 — 

, g) „Bei Verordnangen flüssiger Ofif fei ist 
(pnaa darauf zq ' sehen , dafs die Gefäfse in 
die Apotheke xurückgebracht werden/' 

-Hiervon ist schon oben die Rede ge^e* 
len. In dem Erfurter Regierungsbezirk ist es 
eingeführt, dafs <iie Aerzte in der Armen« 
prsxis auf jedes betrelFende Recept hinzufügen 
niBsseo : cum oder sine Fltro^ Scatula u. s« w* 
Sei Reiteraturen von Arzneien werden gar 
keine GeiSfse gutgethan , und in der Revisicln 
allemal gestrichen. Der Arme ist daran ge- 
wSbnt die Gefafse aufzubewahren. In der 
kiesigen Clinik sind die Herreu Aerzte in ih- 
vem rühmlichen Eifer überall zu ersparen, so 
^eit gegangen , dafs sie bei wohlhabenden Fa- 
milien die Arzneigläser sammeln und in^ Cli« 
aikum abliefern lassen. — - Auch in der Ci- 
TÜpraxis sollte es der Arzt bei Unbemittelten 
fiber sich nehmen cum Q.der sint vitro dem Re- 
cepte beizufügen. 

ft) „Die möglichste Einfachheit bei zusam* 
mengesetzten Mitteln mufs sich jeder Arzt zum 
Gesetz machen." 

Dieses ist ohnstreilig das Wichtigste in 
Jader medicinischen und chirurgischen J^raxis, . 
and findet seinen Culminationspunkt darin; 
aicht viele Arzneien, und gar keine da zu 
Terordnen , wo sie nicht angewendet sind. 
Eine gute Suppe, ein Haufen Holz, ein war- 
mer Rock t\ sind häufig die bebten Arzneien 
für die Armen, und wo ein Recept auf den 
Holzmarkt oder in die Garküche nur helfen 
kann» mufs keine. in die Apotheke verschrie- 
ben werden. Wer wollte länger die Wahr- 
heit verkennen f dafs die meisten fieberhaften 



— 92 — 

Krankheit«!! sich vpn selbst heben, wenn nur 
die diälelischen Lebensverhältnisse gehörig re-* 
gulirt werden. Einem Armen, der nichts eio-^' 
zuheizen und nichts zu essen hat, eine stär- 
kende Arznei verordnen, heilst , den Blinden 
eine Brücke bauen, damit er nicht in den 
Graben fallet Anderntheiis hat diß Houiöo- 
pialhie in ihren kleinen Arzneigaben Extreme 
aufgesucht, die keinem Arzt der andern Schule 
einleuchten wollen. Allein sie war doch ht 
unsern Tagen möglich, und hat auch unter 
sehr aufgeklärten Aerzten manche Anhänger 
gefunden. Die. Wahrheit liegt in der Mitte. 



Bei dieser Gelegenheit erlaube ich mir 
noch auf einen Umstand in der Receptur auf*^ 
merksam zu machen, welcher mit der Wir- 
kung, die der Arzt von den yerschriebenen 
Arzneien^ erwartet, in genauer Verbindung 
steht. Es ist dieses das Verordnen von Oxjd- 
salben, z» B. des TTtiguent. Mercur, praec. ru-^. 
bri^ albiy des Ungutnu Zinci u. s. w. Diese 
Salben werden in den Apotheken nach dein 
Dispensatoriovorräthig gehalten, yerlieren aber 
nach einigen Wochen und Monaten ihre ur- 
sprüngliche Wirkung theilweise und ganz^ in- 
dem^ mit ihnen eine Zersetzung vorgeht. Zu- 
erst darauf aufmerksam gemacht, dafs Augen- 
ealben aus Quecksilberoxyden und Fett» wenn 
ftie einige Zeit, besonders in einer wärmeren 
Temperatur gestanden hatten, ganz anders 
wirkten, als im Anfange, beinerkte ich bei 
den Visitationen der Apotheken , dafs bei sol- 
chen in der Apotheke vorräthigen Salben^ de« 






— 93 — 

r^n Oberfläche zuweilen eine andere Farbe 
häitßj^ aU das , Innere derselben« Um hinter 
ded Ißrond. dieser Veränderung zu kommen, 
wurde eine chemische Untersuchung solcher 
Salben vorgenommen , welche einige Monate 
' alt waren. £s wurde zu dem Ende eine Quan- 
tität der rothen Quecksilbersalbe in Terpen- 
tiool gelost. Die durch Filtriren abgesonderte 
FJässigkeit wurde durch Schwefelammouium 
Schwarz gefärbt. Eine andere Quantität die- 
Mr Salbe wurde in der Wärme allmählig fil-« 
trirt. Das Durchgelaufene gab bei der Destil- 
lition Quecksilberkügelchen. Diese und noch 
andere Versuche zeigten die geschehene Zer- 
setsuDg der Salbe deutliah an. Wahrschein- 
lich zieht das Fett in solchen Salben Sauer- 
stoff aus der Luft an, löfst das Oxyd aHmäh- 
lig auf,, und bildet fettsaures Quecksilber, und 
wird somit eine solche Salbe ein ganz.anderesr 
Mittel als . der Arzt durch eine blofse mecha- 
nische Vermischung des Oxyds mit dem Fett 
beabsichtigt« Daraus ist zu ersehen, dafs der 
Arztf insbesondere bei Augensalben, keine 
•chon in der Apotheke fertigen Oxydsalbea 
Terschreiben , sondern sie jederzeit frisch be- 
reiten lassen soll. 



^ 94 ~ 



iO i> 



IV. ^ 

ü e b 6 r L ä h m u n, g e n. 

Von 

Dr. C. J. Heidler, 

IL K» Brannenarit in Marienbid» 



JLiioe AbhandlaDg im «weiteo Stücke des zwei 
lind sechszigsten Bandes dieses Journals S. lOS^ 
Teranlafst mich, hier einige Ideen und Beob« 
achtungen über Lähmungen mitzntheilen. 

IVennman den Schmerz einen WoblthS- 
ter der Menschheit nennt, so bat man Tor^ 
zSglich in Beziehung auf so viele unheilbare 
Lähme Recht« Wir dürfen es ein grofses Uo« 
gliick' nennen, dafs gerade in den edelstea 
Organen unsers Körpers, im Gehirn, im Rük- 
kenmark, im Herzen, in den Lungen, und 
in mehreren Unterleibseingeweiden 7 auf dem. 
lYege der schleichenden , chronischen Entzün*. 
düng allmählig unheilbare Krankheiten sich 
aosbilden ^können, ^ ohne dafs wir von jienem 
Wohlthäter bei Zeiten lind deutlich genug ge- 
trarnt werden, ihnen vorzubeugen* Daraus 
folgt unmittelbar noch ein gröfseres Uebel; 
nämlich, dafs man sich leicht in der Wahl 
4er Mittel vergreifen kann, wenn z. B* beim 



^ 96 — 

ßDlriffe etnet LShmäng der Kranle keine 
aodere Klage führt, als über eine uDgewohn- 
I liebe Unbehülflichkeit bei der Bewegung, über 
Abfiabme' des Gefühls, uqd Schwäche des be- 
frefienden Theils. Dafs sich dieses zweite Un- 
glück wirklich nicht selten ereignet, macht 
mich meine Bekanntschaft mit dem schlech- 
ten Erfolge der reizenden tonischen Heilme- 
thode bei so yielen solcher Kranken' zu glati- 
biD genügt ^ bei denen die Lähmung auf die 
bes^^firiebene unmerkliche Weise eintrat« Die- 
in scheint fiiir gerade imnier um so leichter 
XQ geschehen, je selbstständiger das Gehirn, 
oler das Rückenmark, oder die Nerven leir 
den, je mehr die Lahmung idiopathisch ist. 
Leider ist hier, selbst bei richtiger Diagnose,' 
uch die Heilung schwieriger, als bei andera 
Lihmungen f^ wo in andern Organen und Sjr- 
stemeo der unmittelbare oder mittelbare Grund 
derselben Hegt, und in denen er leichter ent- 
dtcM und beseitigt werden kann« Ich meyne 
Hüter diesen letzteren die symptomatischen oder 
conMUfiieZ/en, und die metastaiischen Lähmungen. 

-Ich gehe sie hier, so viel meine beschränkte 
Erfahrung- es gestattet ," nach diesem dreifachen 
Ursprünge kurz durch, und vereinige damit^ 
deo speciellen Zwecl^, den entfernten Aerzten. 
£e Bestimmung zu erleichtern, ob und was 
^gagen in einem vorkommenden Falle von . 
Ibiienbad zu erwarten ist« 

a) Idiopathische Lähmungen. 

Hieher rechne ich: 
1. Die Lähmungen ch Folge der Apo^ 



- 96 — 

Hat eioa solche ^ gleicbTiel fiaf walcbet 
Seite j schon mehrere 'Jahre gedauert , ohaa 
dafs sie bei dem Gebrauche anderer kräftiger 
Mittel allmahlig in der Abnahme fortgeschrit- 
ten ist, so bringt weder Marienbad, noch ir- 
gend ein anderes Mittel die völlige Gesund- 
heit wieder« Die HofTnung ist um so gerin- 
ger, je länger die Läbmung schon gedauert 
hat, je mehr Rückfälle gewesen sind, je mehr 
das Gehirn, die geistigen KräftjS und die Mus- 
keln am Kopfe noch dabei leiden, je toU- 
kommner die Functionen des Unterleibes von 
Statten gehen, je weniger Anfangs zur Ader 
gelassen , und je nacbläfsiger und unzweckmä- 
fsiger überhaupt die Krankheit gleich in den 
ersten Wochen nach ihrem Eintritte bebandelt 
worden ist^ und endlich je älter der Kranke 
ist. — Je mehr das Gegentheil von allen die- 
sem Statt hat, je mehr bei noch gegenwärti- 
gen Fehlern in den Verrichtungen des Unter- 
leibes, die Apoplexie ihre Entstehung daher 
genommen zu haben schien , desto mehr Hoff- 
nung hat der Kranke. Leider war die jüng- 
ste apopleclische Lähmung^ welche ich hier 
SU behandeln hatte, schon über ein halbes 
Jafar alt. Die meisten aber hatten schon viel 
länger f selbst acht bis zehn Jahre, gedauert. 

Ich kann nicht behaupten, ob darin, oder, 
in den mangelhaften Wirkungen unserer Bä- 
der der Grund liegt, dafs ich bis jetzt noch 
keinen solchen Kranken habe vollkommen wie^ 
der genesen sehen. Indessen bin ich Marien- 
bad die rechtfertigende Bemerkung schuldig, 
dafs noch alle diejenigen , welche hier die ge« 
wünschte Hülfe nicht gefunden hatten, auch 
i^ andern Bädern früher oder später eben so 
▼ergebens gevvesen sind. 

Ich 



— 97 — 

tda «rlaolie mir; mich hiebe! aaf dae 

Zaogiii/ii der Herren Geheimenräthe Riat und 

Arn in Berlin , des Hrn. Professors Ekner in 

KSoigsbergf des H^n. Hofr. Seiler in Dresden, 

tfes Hrn. JEIofr. Chrus in Leipzig, des Hrn. 

Bofmedikus Huschke in Weimar etc. zu bern« 

'on* Ein Ngeringerer oder höherer Grad von 

Sessernng ist jedoch meines Wisseos auch deik 

allermeisten Kranken dieser Art in Marienbad 

sn Theii geworden. Sie scheinen hier Tor- 

KQglich durch die Gelegenheit begünstiget zu 

meyn, yo vielerlei innere und äulsere, allge- 

iBfine und örtliche Reizmittel von verschiede* 

Her Natur, an einem und denselben Tage ab« 

Wechselnd, anwenden zn können, was für alle 

Cslähmte yon grofsem Vortheil ist. 

2. Lähmungen von organischen Felikrn im 
Marisysiem (Gehirn, Bückenmark und Ner- 
Tensubstanz) , oder in den weichen Theilen und 
Knochen j welche diese Organe zunächst umgeben» 

Was ich oben von der trügerischen Existenz 
dsr chronischen , oft wahrhaft verborgenen Ent- 
zündungen gesagt habe, bezieht sich vorzüg- 
lich auf Paralysen dieser Art. 

Ich halle mich für überzeugt, dafs man- 
cher von den vielen Gelahmten aus meiner 
Bekanntschaft, welche gleich bei dem Ein- 
tritte der Krankheit auf die Idee von Schwä- 
che iouerlicli und äufserlich durch excitirende, 
tonische Mittel , unter beständigem Fortschrei- 
ten der Lähmung behandelt worden waren^ 
hieher gehören *). Trotz dieser subjectiven 

*) Erst. vor Kurzem itirb eine junge Fran, wihr« 
fcheinlioh an der Schwierigkait der Diagnosis 
in iolchen Fillen. Ich hatte aie fr&her in Mi* 

Jo|in. LXVII. B, 3. Su G 



— 98 — 

Ueberseagäog bescheide ich mich übrigens ger« 
ne, dafs 68 nach unseret bisherigen medicipi» 
sehen Kenntnifs von der Nerven- und Mus- 
kelkraft weit llBichter ist, aus den Erschei- 
nungen bei solchen Kranken auf Schwächei zU 
schli^fsen , als zu erforschen, ob die Function 
der Nerven und Muskeln gehemmt ist, durch 
Congestionen Ton Blut, durch variköse Aua- 
dehnungeii der Geföfse in den betreffenden 
Organen , durch Exsudate und Extravasate, 

rienbad behandelt. Sie klagte dimale Aber be- 
ständige Sehrterien und Druck im obera und 
hintern Theil des Kopfes. Über Mattigkeit, und 
SBsnoberlei krenopf harte Beschwerden. Da sie 
fortw&hrend an HartLeibigkeit litt, nnd abwech- 
selnd bald blinde bald fllefsende Hämorrhoiden 
hatte, so hielt ich den Kopfschners ebenfalls 
fOr ein Svmptoni der Hämorrhoiden. .Ich be* 
handelte sie aiesen Ansichten gemttfs fflnf Wo- 
. eben lang ohne wesentlichen Brfolg. Ich hatte 
schon daraus auf die Gegenwart von grofsen 
Varicofitaien in den Venen des Hinterkopfs ge- 
«ehlossen« 

Im Winter darnach rfibrte sie nach einem 
Balle der Schlag. Sie war anf der gansen lin- 
ken Seite vollkommen gelähmt. Mehrere kleine 
. Aderläue. riele Yesicantien» und die Nu» po- 
miea in kleiner Gabe, hoben die Lähmungi bis 
auf einen übrigen Reic in 4er Hand und im 
FnCse^ innerhalb einem halben Jahre. Ein« 
sehr strenge reislose Diät erhielt die Kranke 
aiemlichwobl. Wegen der fortdauernden Kopf- 
•ehmersen wurden öfters Blutegel am After mit 
grofser Erleiehterung. angewendet. Im näeh- 
^sen Winter sats sie viel» unafte ^^^iel, Htt wie- 
der öfter an -Hartleibigkeie, als früher » und 
klaeu Ober beständige Hinfälligkeit und Mat- 
* laic. Bin Arst hiefs sie Wein trinken, nnd 
^ .ibf China. Die Lähmung kam nnyersehens 
wied^er» und bei fortgeseuter tonischer Behand- 
K^g starb sie einige Monate darnach« 



— 99 — 



,^ 



GMychwuIsta » Aasartängen der naliea < Kno^ 
ehern ^ uod dergleichen« 

Die ÄDamneeo mofs hier den Hanptthail 
des KraDkeneKatnens ausmachen. Gewils aber 
ist es, dafs die unbedingte Supposition dieser 
Schwäche um so gefahrlicher ist, je kräftiger 
und robuster das kranke Individuum ist^ wel« 
ches sich iiber eine anfangende , schmerslos« 
Lähmung beklagt; je mehr sein starker, ire»* 
quenter, voller, oder unterdrückter fuls auf 
eotsfindliche Diathese und VoUbliitigkeit hin«* 
deutet *). Man begnügt sich hier oft za leicht 

^) Z. B, ein plethori«cb«r, Tolhaftiger Mann^ 
▼on 36 Jahren, hatte sich auf einer Jaad tehc 
erkiltec, and die FAfie gana durobn&Ttt, In 
der Nafht bekam er aehr heftige relfaende 
Scbmersen im Nacken, diese wurden durch ein 
Veaieator und durch aehweifat^eibende Mittel 
gehoben. Der Kranke war Wirthachafttbeamteiy 
und muffte viel im Freyen aeyn* Er fablte 
aeitdem oft eine gewiiae apannende Empfindung 
im Genick. Durch eine Erkältung bei einer 
Fiacherev trat der vorige Schmeri wieder ein« 
Die früneren Mittel beseitigten ihn abermala«* 
Das apannende Gefühl kam aber aeitdem öfter» 
Ka gesellte aich ein ▼ör&bergehender Schwindel 
und Schwere des Kopfea hinan. Bald klagte er 
auch ober eine immerwährende Mfldjgkeit und 
Schwere in den Beinen y und fiber eine ihn- 
liehe Schwäche in den Armen. In dieasr ZeiS 
•ah ich den Kranken. Ich rieth ihm «ine Ader« 
laCs , untersagte Wein und Bier um so mehr« 
ala aein rothea gedrungenes Gesicht, und sein» 

ferötheten Augen einen Starken Andrang der 
äfte aum Kopf nicht verkennen liefaen. Bald 
darnach sollte er aich fiber den Nacken Schröpf» 
köpfe setaen, und dann eine Fontanelle von 
fDenreren Erbsen ins Genick setzen laaten» 
Ba war aber die Erndteasit» der Kranke tobtet» 
aeine Oeaehäfte höher ala aeine Oeanndhtit, und 
that nichts von lUemt Im Gegeniheil | er trank 

G 2 



— 100 — 

j}ait: deip »Aeufseroog des, Basken, dafd er frü- 
her Onaoist gewesen , pder den Beischlaf häa-^ 
fig ausgeübt habe. Keine Ausschweifung ist 
im MenschengeschUchte häufiger als diese, und 
wie selten find verhältnifsmärsig dieLühmungs- 
jLraakheiten<? Wie viele abgelebte Wüstlinge 
sieht jeder praktische Afzt in den Hauptstäd- 
ten ihr frühes Greisenalter ohne alle voraus- 
gegangeoa Lähmung beschliefsen ? Und wie 
viele Gelähmte giebt es, in deren Lebens- 
weise durchaus kein vernünftiger Grund für 
die Annahme einer vorausgegangenen Lebens« 
weise Ersehopfüng der Nefvenkraft . aii£zufin- 
den ist? 
• 

Der Puls ist in Lähmungen ein sehr vor^ 
sügliches diagnostisches Moment, und ich 
glaube > dafs in keinem Falle innerlich exciti- 
rende Mittel, selbst in spätem Perjoden der 
'Krankheit, am rechten Orte sind, wo man 
einen frequenten , mehr oder weniger harten 
Pals^ hebbifichtet, der Habitus des Kranken 
mochte übrigens noch so sehr auf Schwäche 
hindeuten. 

' noch mehr Wein all zuvor, um die Füfte su 
stärken« Erst im Herbsc brauchte er einen Arat, 
als die gensnnten Erscheinungen schon blei- 
bend geworden, und im Grade zugenommtn- 
hatten^ Er mufste einen feinern Wem (rinken, 
hekam Eisen- und Schwefelbäder, und inner* 
lieh jirniea, Valeriana, später China , und dat 
JRhus .iöxieodendron. Die Lähmung Ternidhrte 
•ich von Woche zu Woche. Ich sah ihn spä» 
^ tex in einem völlig unheilbaren Zustande wie- 
der. Er war' stupide, abgezehrt, und konnte 
nur noch mit vieler Mühe über dar Zimmer 
gehen. Im Sommer wurde er, wie ich voraas« 
•agtdf ganz vergeblich nach .Teplitz gsfAhrt» 
und im Herbst fltrsuf »Ush er. 



— 10t - 

Noch weniger aber darf mao den Grand 
einer anfangenden Lähmung, z/ B. an einer 
öder mehreren Extremitäten , aus der einzigen 
.Ursache^ an der. Extremität selbst aufsncbenr 
mn. mit bloüsen Lokolnyitteln behandeln , weil 
ma^^ auf den ersten Anblick die Functionen 
des Gehirns in der Ordnung sieht, und in der 
Wirbei^äule keinen Schmerz ^ und äufsi^rlich 
keine Geschwulst und Röthe beobachtet. ^) 

') Z. B. ein jangeSy rüstiges Bauermädelien Klagte 
' aber wandernde flüchtige Schmersen in beiden 

Ffifsen. Sie braucbte Dunstbäder und Opodel* 
.dok« Die Schmerzen Terloren sich; aber an 
ihre Stelle trat eine gewisse Unbehü]flichkeic 
beim Gehen y und ein Gefühl von Eingeschla- 
fenseyn. Sonst Klagte die Kranke aber nicht!« 
Ein Wundarzt behandelte diesen Zustand für 
Örtliche Schwäche mit verschiedenen Spirituo- 
sen Einreibungen , mit Sinapismen und allerlei 
reizenden Fufsbädern ein halbes Jahr lang ver- 

febens. Maii brachte die Kranlte zu mir. Sie 
onnt'e ohne einen Stock nicht mehr allein ge- 
ben* Das Aussehen, der Appetit und der Schlaf 
waren sehr gut. Der Unterleib war gespannt 
und aufgetrieben y der Puls härtlich und voll. 
Alle zwei bis drei Tage hatte sie eine spärliche 
harte Stuhlentleerung. Ihre Menstruation war 
sparsam und unordentlich, lind trat gewöhn* 
lieh mit heftigen Schmerzen im Unterleibe und 
im Kreuze ein. Ich hielt sie für eine Kranke 
aus der folgenden Nummer, und nahm örtliche 
Plethora im Unterleibe überhaupt , und in den 
Blutgefäfsen im untern Tlieile des Rflckenroar* 
kes als veranlassende Ursache der beginnenden 
Lähmung an. Ich liefs eine mälsige Aderlafa 
machen, gab dann ein antiphlogistisches Ab-* 
fahrungsmittel his su 3 — 4 Entleerungen tag« 
lichy und liefs taglich ein lanwarmea Bad aua 
den Marienbruhnen nehmen« Nach jedem Bade 
liefs ich einen Sinapismus his zur Röthung der 
Haut auf den untersten Theii des Rückens auf- 
legen. In 4 Wochen war von der Lähmung 
nar noch eine sehr geringe Spur Übrig, welche 



HSchsl wichtig ist bei allen La'btnuägen, 
wie bei allen sogenannten nervenkrankheitan 
überhaupt y eine sorgfältige Untersuchung des 
Unterleibes, selbst wenn der Kranke nicht 
darüber klagt, und seine Verdauung und Aus« 
leerungen noch gehörig von Statten gehen« 
Ich habe im vorigen Jahr dem ärztlichen fubli- 
kum mehrere interessante Fülle mitgetheilt| 
welche die Wichtigkeit,, aber auch die Schwie- 
rigkeit dieser Untersuchung in manchen Fäl- 
len erweisen helfen. Leider ist in denjenigen 
Fällen, welche nach genau erwogenen Grün- 
den zn der gegenwärtigen Nummer zu gebo- 
ren scheinen I die Frognosis auch iq Bezie- 
Jinng auf unsere verschiedenartigen Bäder nicht 
günstig, besonders wenn die Lähmung schon 
lange angedauert hatte, und wenn schon an- 
dere kräftige Bäder, die Electricität, die Oou- 
fhe, die Nesseln » Haarseile, die Moxa, der 
Phosphor und andere starke innere nnd äu* 
fsere Reia^mittel , gleich bei dem Eintritte der 
Krankheit mit beständiger Verschlimmerung 
angewendet worden waren. Ferner war der 
Erfolg immer um so geringer, je regelmäfsiger 
die Verrichtungen der Unterleibseingeweide 
Vor sich gingen, nnd je weniger Wahrschein- 
lichkeit vorhanden ist, dafs die Lähmung za 
einer der nachfolgenden Arten gehört. Bei 
einem jungen Mann hob ein sehr tiefes Ge- 
schwür in der Kreuzgegend eine vollkommene 
Lähmung der untern E:^treniitä(en, gegen weU 
che man bisher die besten lUiitel fruchtlos an- 
gewendet hatte. . Die Lähmung war allmäh-* 
lig, und ohne alle bekannte Veranlassung ent- 
' fluiden. Bei Gelegenheit eines langwierigen 

sieh SU Hauia ohne allen Arsneigebrauch nach 
einigen Menathen gleichfalls verloren hat. 



- 103 -^ 

flbrmffebers batta sich darcb Uoachtfamkail 
«11 tjaffea brandiges Geschwür auf dem haili- 
gfa Beina gebildet« 

Noch Tor der gänzlichen Heilung des 6a« 
ichwurs konnttf der Krahka wieder an einem 
StDcktf gehen, und nach mehreren Wochen 
higUß er selbst diesen ab. Die vorige KrafI 
der gesunden Tage kehrte jedoch auch hier 
BIO ▼ollkommen wieder zurück. 

Durch mein Stillschweigen über die« 
jsnige Gattung der idiopathischen Lähmun- 
gen, welche von wirklicher Schwäche, von 
wahrer Erschöpfung der Nerven- oder Mus- 
kelkrafl abzuleifen ist, läugne ich keineswegs 
ihre Existenz, und noch weniger die Existenz 
eines secnndären allgemeinen Schwächezustan* 
des im Verlaufe paralytischer Kraokheiten. 
Ich konnte nur darüber nicht, wie es die aus- 
scbliefsliche Absicht dieser kurzen Bemerkun- 
gen war, meine eigene Beobachtung sprechen 
lassen f weil ich noch ungewifs bin, ob ich 
diese Art der Lähmung bis. jetzt zu beobach- 
ten Gelegenheit gehabt habe. Nach meinen 
physiologischen und pathologischen Begriffen 
mochte ich glajuben, dafs es nicht so schwie- 
rig seyn konnte, dieselbe zu heilen, wenn 
gleich in der ersten Periode die schwächenden 
Ursachen entfernt, und der bereits Statt ha- 
bende Abgang in den Systemen der Empfin- 
dung und Bewegung durch eine proportionirte 
Anwendung innere und aufsere belebender 
Arzneien, durch Bewegung in freier Luft, 
durch entsprechende Nahrung, und die ganze 
restaurirende Methode überhaupt, wieder er- 
setzt würde. Ich habe jedoch unter einer be- 
deutenden Anzahl der verschiedenartigsten Läh- 



anmgen so riela Unheilbare iLeooen gelerot, 
weldbe gleich bet dem Eintritte nach den ge-' 
nannten Ansichten and mit aller nothigerRückT " 
sieht auf den Hauptweg aller Restauration, eine 
dauernde gute- Verdaaung». behandelt worden ^ 
waren. Ferner mafs ich bemerken, dafs ich 
▼om Gebrauch unserer Gesundbrunnen und Ba« 
d^r Terhäilnifsmäfäig mehr Gutes bei Geläbm» 
ten aus der oiedern Klasse gesehen habe, die 
weder Wein noch Krafibrübeo kennt. Wäre • 
es auch , dafs das junge Marienbad und meine- 
B^obachlungen bisher vielleicht blofs das Schick- 
sal aller jungen Praktiker erfahren haben, 
nämlich, dafs die Unheilbaren zuerst ihre Hülfe 
suchen; so führen mich doch diese und an- 
dere a posteriorischen . Gründe auf meine obige 
Yermuthung zurück, dafs man bei anfangen- 
den Lähmungen durch die Schwierigkeit oder 
¥ielieicbt Unmöglichkeit, die eigentliche Ur- 
sache der Krankheit zu entdecken, nicht sel- 
ten verleitet werde, um incitirenden Heilyer« 
fajiren zu leicht^ zu viel, und zu früh zu ver« 
rauen. 



^rai 



b) Consensuelle Lähmungen. 

Was ich aus dem Kreise meiner bisheri- 
gen Beobachtung hieher rechne, sind mehrere 
fälle, von Lähmungen, welche ich als ein blo- 
fses Symptom einer Unterleibskrankheit gliaubte 
hdtrfichten zu dürfen , und ^egen welche sich' 
unsere tonisch- resolvirenden Heilquellen, und 
unsere Schlamm - , Wasser - , oder Gasbäder 
nützlicher gezeigt, als alle früher gebrauch- 
ten andersartigen Mittel. Wir sehen aus dem 
Unterleib^, ip acuten und chronischen Krank- 
heiten eine Menge Erscheinungen hervorge- 
hen 9 die eine Störung und Unterdrückung der 



— 104 — 

GtUni« md NwT^iitliatigkeit abdeaien. Eine 
dar hiofigtlea dieser Erscheiuoiig ist Störung 
dsr willkfihrlicheo Maskel kraft Fast alle Un- 
tarleibakTaake klagen über Müdigkeit, Abspaa- 
aabg and Schwäche, haben einen kleinen, 
kcampfliaflen, schwachen Puls. Waram sollte 
es nater ihnen nicht auch solche geben, bei 
denen die allgemleine veranlassende Ursache 
fieser symptomatischen Qluskularsch wache nqch 
einen Schritt weiter gegangen ist, und wirk* 
Hcho Lähmung erzeugt hat. Auch manche 
Apoplexie, besonders aus der Klasse derjeni« 
gen , welche wir die nervöse nennen , mag hie« 
ber geboren. Sicher aber ist auch bei der 
iAa%iBn Apopltoda sanguinta nicht sehr selten der 
entfernte Grund in der Bauchhöhle zu suchen, 
wo er auf den ersten Anblick in der Schä- 
delhohle zu seyn scheint. Die Folge der Apo- 
plexie, die Lähmung selbst, scheint hier je« 
doch kaum ohne eine wirkliche örtliche Stö« 
rnng des Gehirns Statt zu haben. Ich habe 
daher geglaubt, diese letztern Lähmungen, 
ohne Rücksicht auf die entfernte Veranlassung 
im Allgemeinen zu den idiopatischen rechnen 
zu dürfen. Ein Beispiel von einer solchen 
consensueilen Lähmung ist folgendes: 

Ein eilfjähriger Knabe war ungefähr fünf 
Stunden von einem heftigen Fieber, ohne be-- 
kannte Veranlassung, befallen » als ich ihn 
sah. Bei der Untersuchung entdeckte ichj eine 
Lähmung der linken Extremitäten. Eine an- 
dere auffallende örtliche Ailection, aufser'ei-* 
ner starken schmerzlosen Anspanpung und Auf- 
getriebenheit des Unterleibes, konnte ich nicht 
entdecken. Der Kopf schmerzte wohl^ und 
das Gesicht zeigte einen starken Andrang dee 



— . t06 - 

GeblUtM Kam Knpf, ab«r nicht mehr, aU maii 
es bei Fiebern in diesem Alter gewöhnlich 
beobachtet. Der Puls war voll , frequenl un« 
terdrückt, und setzte bisweilen i^us. 

Die' Anamnese lehrte mich die Gegenwart 
rön Spulwürmern als die wahrscheinlichste 
Ursache dieses Zufalls kennen. Ein Aderlal^, 
Rlystiere, und ein antiphlo{*jsti8ches Abfiihrmit* 
tel mit Pulvern aus Gnlomel und Ziftwersaamen 
brachten bald Erleichterung, und nachdem noch 
am nämlichen Tage eine bedeutende Anzahl 
Würmer abgegangen waren , hatte sich auch 
die Lähmung sehr merklich wieder vermin- 
dert. Das Fieber verloi' sich in wenig Ta- 
gen; auch die Lähmung wurde bei wiederhol- 
ter Anwendung von Schropfkopfen , von Si- 
napismen , und bei fortgesetzten Gebrauche ge- 
Ilnd abführeüder Aizneien, bis auf einen klei- 
nen Rest gehoben. Diesen aber kopnte we« 
der SJarienbad, noch zwei andere Bäder und 
die kräftigsten äufsern Reizmittel nicht mehr 
)ieben. 

. Zwei Jahre nach dem Eintritte der Läh- 
mung bekam ich denselben Kranken nn einer 
gefährlichen Herzentzündung zu behandeln, 
nachdem er schon mehrere Monate früher an- 
haltend an vermehrtem Herzpochen gelitten 
hatte« Er starb nach einem Jahre an einem 
ansehnlichen Anevrjsma des linken Ventri- 
kels. Seit ich einige Jahre spater einen Ge- 
lähmten' an der rechten Seite kennen gelernt 
hatte, bei welchem einer Lähmung der gan« 
jE«n rechten Seite einige Jahre früher sehr 
trügerische Symptome einer organischen Herz- 
krankheit vorausgegangen waren, bin ich öf- 
ters VATsacht gewesen, auch bei jenen Kna- 



— 107 — 

bta to ^nen Zasafmineühang ' ^wiacheo dem 
AaeTTjnna uod der Lähmung für möglich zu 
lidlea./ Dieser letztere Kranke war ein Mann 
TOB 4Ö Jahren» Die yermeint liehe Herzkrank- 
heit yerschwand seit dem Eintritte der Läh- 
anng ToUkommen. Anfser den Anomalien 
im Herz- und Pulsschlage, g^ng derselben ein 
periodischer, unangenehmer, dumpfer Schmers 
un . Hinterkopf voraus. Die Efslust, die Er- 
Jiahrung und der Zustand der Se- und Excre- 
tionea gingen nach wie yor der Paralyse voll- 
kommen gut Ton Statten« Dieselbe hatte hei 
einem anhaltenden Gebrauche der gerühmte- 
iten IMbmungswidrigen Mittel immer zugenöm- 
- metkf und Teplitz, Marienbad und Gastein hat 

E"ter keinen wesentliciien Nutzen gebracht« 
[ diesem Kranken zeigte s^h das merkwür- 
dige Phänomen des plötzlichen Ueberspringens 
der Lähmung von einer Korperhälfte auf die 
andere. Es ist mir bis jetzt noch von vier 
andern Kranken milgelheiU worden« Bei ei- 
nigen davon hatte man vorher ebenfalls Stö- 
rungen im CirculatioDssystem beobachtet. Die 
Lähmung war gewöhnlich schnell, aber ohne 
Apoplexie entstanden. Einmal ging ein soU 
eher Wechsel einer leichten Lähmung vom 
rechten Arm auf den linken, einem förmlichen 
apoplektischen Anfalle voraus, wekher dem 
Kranken eine Lähmung der ganzen linken 
Seite für immer hinteriiefs. 

c) Metastatische Lähmungen. 

Diese sind es vorzüglich, welche Marien- 
bad den Ruf eines Ueilortes für Lahme er- 
worben haben« Es sind Lähmungen, welche 
nach allen Gründen der Wahrscheinlichkeit, 
durch Storutig der Hauttbätigkeit, oder einer 



— 108 — 

aodero , natürllcben Absonderung , oder darch 
gewaltsame unyorsicbtige Unterdrückung einer 
krankhaften, lange gewohnten Secretioo an 
der Oberfläche I oder im Innern des Kofpera 
entstanden sind, also Lähmungen aus rbea* 
mnlischen, gichlisrhen Ursachen von unter«- 
drückten Hnutaussrhlägen » von Unterdrückung- 
•ines habituellen HämorrhoidalKuitseSy der nio* 
natlichen Reinigung,* des weifsen Flusses etc. *) 

Allein auch hier hat ^ich überall nur da 
Heilung oder wesentliche Besserung gezeigt, 
wo die Läiimung nicht zu sehr veraltet, un(ji 
nicht vielleicht durch zu lanjre Dauer in ein 
wirkliches idiopathisches Gehirn-, Rücken- 
marks- oder Nerven -Leiden bereits'.übergan- 
gen war, nicht ^(wa schon mit Lentescenz^ 
und überhaupt nicht mit einem Zustande ho- 
her allgemeiner wahrer Schwäche vergesell- 
schaftet war. 

Die bei Nehr **) vorkommenden Beispiele 
glücklich geheilter Lähmungen finde idh eben- 
falls ^lle nur z^i dieser Klasse gehörig; und 
zwar: S« 166 eine ISmonatliche Lähmung bei- 
der Arme mit grofser Abmagerung, wird mit- 
telst der Bäder und Schlammumschläge ia 
ncht Tagen sehr gebessert« Ein Gailenfiebet 
war die erste Veranlassung der Lähmung« 

*) Gegen eine mehrjährige unvollkommene Lab« 

• mung aller willkührlichen IVIiitKeln des gatisea 

KöFperi , in Folge des Typbnt bei einem jun- 

/ gen Manne, haben sich die IVlarienbader Bäder 

eben ao, w^ie, früher Teplicz und eine Menge 

Nervenmittel nicht von Niiisen gezeigt. 

**) Beschreibung der mineralischen Quellen kuMa- 
ntnbta. Karlsbad 1817. 8. 



- V 



-" 109 — 

S. 171« Eine ToUkoinmene Lähmung der 
aalern Eziremitäten iTvird bei einem dreizeho- 
jabrigeD Kqabeo durch zehn Bäder und wär- 
men Schlammuinsch lägen gehoben. Die Ur« 
lache war, Unlerdrückung der Hauiausdün- 
iluDgen durch de^ Genufs von frischen Kir- 
ichen in der Abscbuppungsperiode nach den 
Uasern* Die Daner der Krankheit ist nicht 
iogegeben. 

S. 174. Eine gichtkranke Frati bekam am 
dritten Tage nach der EnlbinduDg plötzlicli 
•ine vollkommene Lähmung der untern Ex- 
tremitäten, des Schliefsmiiskels , des Afters, 
aod der Harnblase. Die Ursache war, Durch- 
eatsung Tom Regen, welche der Lähmung un- 
mittelbar Yorging. Nach einem dreiwörhent- 
Ucfaen Gebrauch der Bäder vermochte die Kran- 
ke Ton einem Stocke unterstützt, allein ins 
Bad zu gehen* 

S. 175. Eine Schwäche der Beugemuskeln 
an den Fingern, wobei die Hand beständig 
ofTen stand, wurde in drei Wochen gänzlich 
gehoben. 

Nehr schliefst diese Krankengeschichte mit 
folgenden Worten : „Ich könnle hier noch mehr 
als zwanzig Fälle glücklich geheilter Lähmun- 
gen anführen , wenn diese etwas mehr bewie- 
sen, als ich bereits gesagt habe: vielmehr 
will ich hier das offenherzige Geständnifs ab- 
legen , dafs jedes Jahr mehrere Gelähmte nicht 
geheilt werden, ungeachtet sie jeden gegebe- 
nen Rath genau nachkommen." 

Es ist sehr zu bedauern, dafs er sich in 
die nähere Erörterung dieser negatiren Eifah- 
rangen einlafst. 



— 110 «- 

Ich fnge hier ans . tneioer Beobachtung 
noch einige Beispiele "von Gelähmten hinzui •' 
welche in ftlarienbad geheilt worden sind. f 

Kathnrina R. aus Rockeodorf in Böhmen^ 
25 Jahre alt, seit drei Jahren Yerheiratbet« 
Ohne schwanger zu seyn, verlor sie vor- 15 
Monaten, aus unbekannter Veranlassung, neun 
Monate hinter einander die Reinigung ganz« ■ 
lieh« Im zweiten Monate wurde in der MachjL 
plötzlich der rechte Arm gelähmt. Die Kranke 
badete denselben am andern Tag in warmem 
Brandweinspiilig. In der Nacht darauf yer- 
schwand die Lrihmung im rechten Arme; 
stellte sich aber dafür im linken, und ein« 
Nacht später auch im linken Beine ein. Um 
die nämliche Zeit verminderte sich auch ihre' 
Efslust und ihr bisheriges gutes Aussehen* 
Schon einige Tage vor dem Eintritte der Läh-«. 
inuDg hatte die Kranke vorübergehende , rei* 
fsende Schmerzen im Kopfe* Diese nahmen . 
zu; fanden sich gewöhnlich Abends und ia - 
der Nacht ein. Si^ raubten später bei zuneh- 
mender Heftigkeit 5 Monate lang den Schlaf 
beinahe gänzlich. Gewöhnlich verschwanden 
sie gegen Morgen mit dem Eintritte eines sehr 
starken Schweifses, nachdem die Kranke den 
frühem Theil der Nacht mit trockener bren- 
nender Haqtf gewöhnlich unter Hitze und Un- 
rnhe> zugebracht hatte.' In den gelähmten 
Theilen hatte sie nie den geringsten Schmerz» 
Alle Mittel , welche sie bisher gebraucht hatte« 
waren- völlig fruchtlos. Hierunter waren die. 
wesenllichsten : ein zweimaliges Brechmittel^ 
ein starkes Pargans^ welches drei Wochen 
lang fortgesetzt worden war, und gleich im 
Anfunge der Krankheit ein sieben wöchentli- 



I 



— 111 ^ 

1 1 cbar 6#bl«ii€h tod Dampfbadero» Alt sie hier 
•■kam, war sia dreizehn UoDfite in dem be- 
tthriebaoeo Zustande gewesen, nur die Kopf- 
ichmerzen hatten sich sehr vermindert. Dia 
Schlaflosigkeit dauerte fort. Den linken Arm 
vad .das linke Bein konnte sie kaum bemerk- 
har haben. . Das Gefühl war ganz erloschen. 
Die gelähmte Seite fühlte sich käller an, als 
die gesunde. Die Kranke hatte fast nie Ap- 
petit , war daher sehr abgemagert, sah blafs 
lod gelblich aus, hatte einen bilternf schlei- 
aigen Geschmack, und eine sehr belegte Zun« 
1». Stuhl hatte sie täglich. Im Unterleibe klagta 
sie nichts. Die Reinigung halte sich in den 
Jititcn Monaten zu unbestimmten Zeiten ei- 
aiga Male wieder gezeigt. Ich verordnete tag- 
lidi so viel Kreuzbrunnen, dafs sie 3 bis 4 
Eotlearungen bekam. Die Excrem^nte waren 
sehr zäh und schleimig » meistens aber ganz 
schwarz. Sie schwitzte gewöhnlich sehr stark« 
Täglich nahm sie ein heifses Bad vom Ma- 
rienbrunnen. Im dritten Bade stellte sich olina 
alla Beschwerde die Reinigung, und gleich 
darauf r.uch einige Erleichterung in den ge- 
lähmten Theilen ein. Dieselben wurden nun 
sehr schmerzhaft, beschwerten sich aber von 
Dan so , dafs die Kranke die vollkommena 
Empfindung und Beweglichkeit derselben in- 
nerhalb drei Wochen wieder erlangte. Auch 
die andern beschriebenen Zustände waren gänz- 
lich beseitigt. 

Eine wohlgenährte sanguinische Dame von 
QDgafähr 50 Jahren, hatte schon mehrere Jabra 
zn unbestimmten Zeiten gichlische Schmerzen 
in Terschiedenen Articulationen. Nach einer 
bkültong anf einer Reise befiel sie plötzlich 



— 112 — 

eilte LShinaog der gensen rechten Seite, jiech« 
dem sie launai Tom Wagen gestiegeik War«.f 
Der Arst lief^ schnell eine Ader ollnen» und I 
suchte die Kranke in starken Scl^weifs n^r 
bringen^ ^! 

. Dadurch wurden^ bis zum andern Morgea c 
das Sensgrium und alle Muskeln des Gesichts j 
und Halses toq der Lähmung gänzh'ch wieder /^ 
befreit. Der ganze Arm und das Bein waren 'x 
aber ohne Bewegung. Oefiers wiederholte f 
Blasenpflaster und spirituose Einreibungen, bes-.;,- 
serten diesen Zustand allerdings in den ^ 
nächsten drei Monaten in so weit, dafs die 
Kranke wieder allein gehen, und die Hand 
bis an die Brust heben konnte. Sie schleppte \ 
jedoch beim Gehen das Bein sehr stark, und 
konnte die Finger nur sehr wenig freiwillig- 
bewegen. Man schickte sie im Friihjahre in , 
ein einheimisches Bad. Weil sie ^ aber dort 
nach Yier Wochen nur sehr geringe Fortschritte 
gemacht hatte, so kam sie nach Marienbad« 
Hier brauchte sie sieben Wochen lang- die 
Beider, und täglich einige Sfuoden lang die - 
warmen'Schlammumschlägeüber den Arm, und 
über das Bein. Sie genafs vollkommen, und •: 
bat fünf Jahre hinterher nicht die geringste 
Spur von Gicht wieder empfunden. 

Ein Handelsjude, ungefähr 33 Jahr alt, 
hatte Schon als Knabe fliefsende Hämorrhoid ' 
den» Seitdem litt er wiederholt daran. ^ Dabei 
war er schon von Kindheit an mit der Krätze 
behaftet. Uebrigens war er gesund. Vor an-> 
derthalb Jahren vertrieb er seine Krätze durch 
eine rothe Salbe. Einige Wochen darnach 
bekam er ^heftige Schmerzen in den Lenden* 
Auf die Application eines Blasenpflasters >B^an- 

derte 



— 113 — 

iMie der Schmers 'in die Htifle. Derselbe 
war sehr heftig , und machte das Geheo uit^ 
^glich. Ein zweites Blfisenpflaster trieb 
den Schmerz in die Wade, Hier blieb er 
trotz einem neuen Vesicans, trotz der An* 
Wendung von Seidelbast hartnäckii^ sitzen. 
Scfaropfköpfe hoben ihn zwar zum Theil; er 
wanderte aber nun abwechselnd von einer 
Stelle zur andern, ohne sich irgendwo lange 
so fixiren. .Zugleich bemerkte der Kranke^ 
dafs er nicht mehr wie früher, durch die 
Heftigkeit der Schmerzen, sondern durch ein 
neues Gefühl von Schwäche, zu geben ge-^ 
kindert war. Auch die Ernpfloduog im Beine 
flng nn sich zu yermindern, es magerte ab» 
imd die ganze Muskulatur an demselben war 
weit schlaffer als am rechten. Er konnte das 
kranke Bein heben , und willkührlich nach 
allen Richtungen hin bewegen , aber nicht auf 
demselben haften, und den Körper darauf 
stiitzen* Schön seit dreiviertel Jahren war 
es daher dem Patienten, nicht möglich, ohne 
eine Krücke oder einen Stock zu gehen. Die 
übrigen Gliedmafsen parlicipirten nicht von 
diesem Znistahde. ■ Erinnern mufs ich noch, 
daJEi der Kranke seit dem Eintritte des be- 
schriebenen Uebels nichts mehr von Hamor-« 
rhoiden wahrgenommen hatte. Aufserdem 
klagte er über Maogel an Appetit, sah erd- 
fahl aus, und .litt häufig an Stuhl Verstopfung. 
Er mufste Kreuzbrunnen trinken, täglich ein- 
mal baden, und Douchen - und Schlammum- 
schläge nehmen. Aufserdem liefs ich an das 
kranke Bein abwechselnd blutige und trockene 
Schröpf köpfe appliciren. Am achten Tage der 
K.nr kamen einige sehr schuierzliafte Hämor- 
rhoidalknoten zum Vorschein. Acht Blutegel 
Joam. LXVII.B.3.St. H 



— 114 — 



- ■ / 



lüMetttgten diese. Und obtieeine fernere aut- 
ftneado Erscbeiaung, aufser den täglich -refu ' 
tnehrten Stuhlgängen', und den BaehmnaTigea' 
heftigen Morg^nschweifsen , besserte sich der 
Kranke aUmählig so, dafs er am Ende der 
vierten Woche ohne Krücke und ohne Stock 
ütundenlange Promenaden machte. — 



/ 



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#; . : . . 



/ 



116 — 



t 



V. 

'Kurze Nachrichten 

Auszüge. 



f. 

Gehörskrankheitäfi. 
Aus dem Französischen im Auszuge mitgelheÜt 

von 
M, Dr» E Isafs er in Stuttgart. 



(FoTtsetzimg. S. dies« Jonrn. Juliiia d. !«)• 



• Zweiter Abschnitt. 

Von den Krankheiten der Trommelhöhle^ 

der Zellen des Zitzenfort satte s ^ der Ge» 

hö rknö chelchen und ihrer Muskeln. 

f , /. Von dem Catarrh des innern Ohrs. 

Aft antfahrlich in dem Dietion. abgehandelt ant6r 
dem Titel „Otite*\ Indeaaen will ich hier einige 
Beobachtungen mittheilen , welche diese Krankheitt* 
form näher bestimmen* 

Der acute Catarrh kündigt sieh di^roh nnertrl^« 
liehe Schmersen an, obgleich jSland glaubt , die 
EntsfinduDg verursache nur einen gelinden Schmers^ 
der sich durch ein schwaches Gefiihl von Sptnnüng 

H 2 



, — llÜ 



* ./ 



und dumpfem Klingeii bemerklioh mache , im FeU 
•ich die EntBAadunE' auf die TrommeLböhle ba- 
•ohräukc . Dagegen oeobachtete ic|i bei roehreren 
Personen, welche von einer EntEflndung der Schleim* 
haut in der Trommelhöhle befallen wurden , dtt 
Gegentheil» indem hier ^er Schmers telbst TOn An- 
fang der Krankheit an unerträglich war. 

Ein JAngliug von 16 Jahren , üer sich im Juni 
1810 an einem kühlen Morsen mit einer Arbeit in 
der Saone beschäftigt , und mehrere Standen mit 
bloCien Faften jm Wasser gestanden hatte, ver- 
spürte gleich darauf Fröstein» Schmersen und Schwere 
im Kopf, Hitze y schmerzhaftes Spannen in beiden 
Ohren mit lästieem Ohrenklingen , schweres Gehör 
und ein unbestimmtes Stechen im Körper. Bald 
darauf stiegen alle Zufälle ^ namentlich die Ohreu- 
sohmersen, auf einen sehr hohen Grad, so dafs der 
Kranke unendlich zu leiden hatte, wenn er husten, 
niesen oder nur den Mund öffnen wolhc. Vom dten 
auf den 4ten Tag stellte lich ein reichlicher Aus- 
fiufs von eiterfrtigem Schleim aus Mund nnd Nase 
ein. welcher den Kranken bedeutend erleichteite 
und ihn unter dem Gebrauche vou Blutegeln, Ca- 
taplasmen u. dgl. bald wieder genesen liefs. — 
Ein Buchhalter von 59 Jahren, wurde von einem 
schweren Gehör mit starkem Ohvenklin{;en befal- 
len. Derselbe consultirte mich im October 1812, 
wo gerade kalte Witterung herrschte (nach meiiden 
Beobachtungen ist Kälte und feuchte Witterung 
der Behandlung des Gehörorgans mit Einspritzun- 
gen in das Innere des Ohrs sehr nacbtheilig). Ich 
machte in beide Ohren Einspritzungen durch die E. 
Trompeten von lauem aromitischem Wasser. Nach 
mehrtägiger Anwendung dieses Mittels empfand 
der Kranke eine Schmerzhafte Spannung im Innern 
des linken Ohrs, die beträchtlich zunahm und sich 
Aber den ganzen Kopf ausbreitete) mit einem W^ort, 
derselbe bekam alle Zufä,lle wie der vorige Kranke» 
0uoh stellte sich hier zwischen dem 3ten und 4ten 
Taff ein starker seröser AuiAnfs aus dem äufsern 
GeEöreang ein, der auf den Gebrauch der vorhin 
angeführten Mittel mit den übrigen Zufällen wie- 
der aufhörte. 

Mord glaubt, dafs die eatarrhalischen Flüsse die 
Gehömcriren in ihrer Integrität belassen, und der. 



— 117 — 

EnAolf der eatarrhtlitfthen A£Fecüon sich auf ein 

■Mlitniacbet Uindernifa cur Wahmehinung der 

T6u9- bea«hrlnk«9 während ich der I^einung bin» 

laTa aalirere Recidive dea innem Ohreaurrha, wie 

anflh der hartnlokige ohroniache Caurrh einen tor» 

|uden Zuatand dea Gehörnerven hinterlasaen , der 

aich der LiLhiiione annähert* Zum Beleg dieser 

Meinnog fahrt Samy hier einige Fälle an, mit 

■aehacenenden Folgerangen; 

1« Der ohroniache Caurrh dea Innern Ohra hin- 
tcriiCit ein üblea Gehör, daa aich mit der Zeit yer« 
adütmmert. 

2. Difi^ Art von Taubheit hat nicht allemal ih- 
ren Grand i*i einer Scbleiminhäufong in der Trom« 
melhöhle, in den Zellen dea Zitzenuirtsatses , und 
in der Eustachischen Trompete, indem e« EL die 
eiagesprQtsten Flüssigkeiten in den angefahrten Fäl- 
len eans leicht in diese Höhlen gelangten. 

3. Der Catarrh der Trommelhöhle afficirt mehr 
oder w^eniger stark die Gehörnerven, allein diese 
Affeetion kann auch in einer spätem Zeit durch Ein« 
•epritaungen in das innere Obr vollkommen geho« 
ben werden. Ich empfehle bei dem chronischen 
Catarrh gelind stärkende Einspritzungen , s. B. ein 
ach waches Chinadecoct', einen Aufgufs von IVTen» 
iha, von Wasser mit einem kleinen Zusatz von 
Lavendelgeiftty Eau de Cologne oder Schwefeläther; 
ebenso das Mineralwasser von Balaruc, 

L/J. Von der eigentlichen Entzündung der Schleimm 
uty welche die Trommelhöhle und die Zellen des 
Zitzenfortsatzes auskleidet ; von den Ahscessen und 
Eiteransammlungen in denselben Höhlen, 

Man sehe den Artikel: Ohrenentsandung, Otite: 
in dem Diction. , daher der Vf. hier blofs die Be« 
nerkung macht, dass die Bildung eines etwas be« 
trächtlichen Absceises auf irgend einem Punkt die- 
ser Cavitäten aus anatomischen Granden nicht wohl 
möjglich; dsgegen es viel wahrscheinliqher sey, dafa 
aica SU gleicher Zeit mehrere kleine Abscesse bil- 
den , die beim Aufbrechen so viel Eiter absondern, 
dafs dieser die Höhlen ausfallt, das Trommelfell 
unter Schmerzen auswärts treibt, es zerreifst und 
aich einen Ausweg durch den äufsern Gehörgang 
bahnt* 

Ferner einige Beobachtungen von Eiteraniamra- 



• 118 ,- 

hingtn iil dtn g«aaniit«n Höhlen ttiitthtilt, düreli 
weloha dßv Vf. ta beweisen sucht, dafs nur dis < 
Durchbohrung des TroninielFeUs und Einspricsun- :i 

Sen in die E. Trompeten im Sunde sind, die L«U J 
en des Kranhen absuhflrsen und den schmerahaf* ^ 
cen Anstrengungen der Natüx auvorsukommen« 

Das letatere Mittel wird den Voraug haben t 

1« Daa Gehörorgan in seinem natarlichen Za* 
atsnd an erhalten) 

% dem Biter einen Ausweg lu Terschaffen, und 
sn gleicher Zeit jene Höhlen au reinigen; 

3. einer Verschliefsung der Trompetenmflndung 
und selbst ihres Kanals voraubeugen, die aehr oft 
die Folge einer Ulceration dieser Theile nach Ma* 
%ctn und Scharlach ist* '. ^ 

■1 

Von den Mseessen im Zitzenfortsatz^ *, 

Mansehe den Artikels Jbseefs, Depot, Mastotd0p 
in dem Diction. 

^ Zur Charakteristik dieses Uebels fahrt der Vf. , 
•inen interessanten Fall von Jasser (Journal de Med^ 
Fßbr, 1793) an, den er besonders hinsichtlieh der -' 
Behandlung kritisch beleuchtet, und am Ende fol«> 
gende IMittel für ähnliche F&Ue vorschlägt! 

1. Die Wiederherstellung eines plötalicii ga» 
heilten chronischen Geschwürs; 

% erweichende, späterhin reinigende Einspritaan- - 
gen, und swsr durch die Eustachischen Trompeten t 

dh das habituelle Geschwür einige Zeit nach er« 
folgter Heilung mit aller Vorsicht der Kunst au , 
Lallen, 

Jasser sah eint die Perforation des Zitxenforf- 
sataesy welche Riolan in Terschiedenen Fällen von 
Tsubheit ^nd Ohrenklingen , die von verstopften ' 
Eustachischen Trompeten herrühren, und JRolfink 
bei der Wassersucht der Trommelhöhle und der 
Zellen des Zitsenfortiatses empfohlen/ aaerst aus« 
geübt au haben. Hagstroem wiederholte diese Ope« i 
ration obni glücklichen Erfolg. JLöffier verrieb« 

?ate diese Operation ebenfalls in einem Fall von 
faubkaitf welche durch den Absata eines Krank« 
haitsstoffa, auf das Ohr entstanden war. Die Ein« - 
•pritanngen kamen ilicht durch den Mund aurüek, 
Dtor Kranke bekam sein Gehör wieder, wurde aber 
▼on Neuem taub«, nachdem sich die Wunde i;e« 
•cUof f tu haUüf Z*öffler entschlofs sioh^ den Zitaen* 



Ibittttt wifed^lr la öffaen und deatalbti^ dareh tlii« 
frim« Danniaiun (Ton Sohrsibfedtrdlcke) offaii 
M imluii* D«r Krank« hdne in dar Folea dairoh 
dit fcADtdiehe OefiFaune ir^enn ar dan Imind Off» 
' aaia und alto der Schau durch dia Eufltaah* Trom* 
DfCäB fon|;elaita^ wurde. ^aissY ift dagagan da« 
Ifainong, daft aina Verstopfung aar Buauch« Trom-. 
patan die Ursache dieser Taubheit gaWeaan iatt 
weil iin gagentheiligen Falle die in den Zitsenfort- 
•MtM ganacUit^ Eintpritsungen in dia Rachen* und 
Naacnhöhla gelangt aeyn wttrdan. Dar Umstand 
fSNnar» dafs dieser Kranke bei ofFenem Munde b^tm 
aer gehört hat, ist kein Beweis far das OfiFansayn 
der £ustach. Tron^peten » indem sich die Ersehet* 
Ba4g( «»daCi wir bei offenem Mund bester hören/* 
am wahrscheinlichsten dadurch erklären läfst^ daCl 
der 'äufsere Gehö/gang bei geöfFnetem Mund asehc 
erweitert und gerader wird, und dadurch einejurö« 
Aaöre S&ule derselben Schallstrahlen aufnimmt. Man 
k^nn sich von der Richtigkeit • dieser Angaba ^arcb 
folganden Versuch selbst überaeugen: man bringa^ 
siaondem der Mund geöffnet ist, die Spiu« daa 
Ringfingers so .tief als möglich in den iufsera 6a« 
körgang« Schliefst man hierauf den Mund' au , so 
▼erspart man eine gelinde Zusammendrackung dar 
Finearspitse , welche von den Condylis das Unter* 
kicfers Jierr&hrt, die die Wandungen des ÖehÖrb 

fsngs nsch xugeschloiseDem Munde einander au b&« 
arn streben. Perole hat durch Veriuche bewiesen» 
daCs die Ensuch. Trompeten keinen Weg bilden, 
durch welchen sich der Schall fortpflanat« 

Die Perforation des Zitzen fortsataes mifsliagC 
oft wegen regelwidriger Bildung desselben« Mor» 
gagni und Hagstroem haben Scheidewände anga- 
troffen 9 welche die Verbindung der Zellen unter 
aich unterbrochen haben» Andere wie Adolph l^u^ 
ray fanden den Zitzenfortsats gana compact baaohaf- 
len, d. h* ohne Zelten ^ und daher aucn ohna Var« 
bindung mit der Trommelhöhle. 

Die Anwendung des Trepans an den Zitsan* 
foitsats ist, abgesehen von den angefahrten Hin* 
demissen, wegen Bluiflüfs» Krämpfen , Oonvulsie- 
nen n. •• w* sehr gefährlich, und bekanntlich wurda 
der Leibarat von Btrger ein Opfer derselben. Das* 
San ungeachtet wurde diese Operation von dam 



~ 120 r- 

▼erstorbenen Jmemann in Göttingen in nai^ite- ^^ 
hendeii F^en empfoblen: I 

li bei vollkommener oder stufenweite saneh*! 
»ander Tänbbeit; '^ 

2. bei einer Anssmxnlang mucoser Flfliiigkei^ 
ten^im Innern des Obres u. e. f. 

'3. Wenn die Ob^^en scbmersbaft sind und htm 
ttlni^igea Obrensausen Statt findet ^ 

4« wenn die Euitacb. Trompeten dureb Scbleint 
und andere Materien, die man dtireli Einspritsun- 
gen entfernen kann , verstopft sind ; endlich 

5, wenn die Zellen im Zitzen forttatz eine eiter- ' 
artige Materie enthalten und cariös sind; 

Diese Fälle sind durchaus die nebmlicben, wel- 
che in den Abbandlungen der achwedischen Akade« 
nie aufgezeichnet sinf Antemann hat nur den Fall : 
vergessen y wo davon die Rede aeyn würde , die 
Membranen und die übrigen weichen Tbeile der 
Trommelhöhle wieder au erweichen und die Arti« 
-culationen der Oehörknöchelcfaen geschmeidig nu 
aacben. , 

Zur Prüfung dieser sechs Fälle bemerke ich fol- 
gendes t 

ad 1. Welche Data hat man über die Ursachen , 
einer solcben Taubheit, um eine «o gefäbrlicho 
Operation anzuräthen 7 Einfachere und gefabriosere 
Mittel sind dagegen Einspritzungen in das innere 
Ohr durch die Etintach. Trompeten» und wo die» 
ien letzteren Hineiernisse im Wege sind, die Durch- , 
boliTune des Trommelfells und Einspritzungen durch ' 
den äußerp Oehörgang« 

ad 2. Auch in diesem Falle reichen Einspritsun- 
gea durch die Eustach. Trompeten aus'» welcbe 
nicht so gefjihrlich sind, wie Einspritzungen durch 
eine fkflnstliche OeiFnung im Zitzenfortsats* 
. .. ad 3. Hier ist die Operation scLlimnaer als die 
Krankheit selbse, in welcher nach meinen Erfah- 
rjuigen passende Einspritzungen durch die Eustatb. 
Trompeten Hülfe schaffen. ' 

ajd 4. Auch hier verdienen die Einspritzungen 
dar^h die '^Eustach* Trompeten den Vorzug (in je- 
dte tlinaichc)* f 

ad 5. Hier passen erweichende Einspritzungen 
darch die Eastacli. Trompeten. 
' .^d 6. In diesem Fall ist die. Perforation dea 



• ' 



— 121 — 

ßtiaforCtaUM viel weniger gefährlich, und V0r. 
dient den Vorsug Vor allen übrigen Mitteln. 

f. J7/. Fbn der Pflasters ucht der Trommelhöhle und 
der Zeilen- des Zitzenfortsatzet, 

^ Valsalva beobachtete oft ein flbles Gehör oder 

Tanbheic in acuten Krankheiten. Manchraal währte 
dai CJebel so linge , als die dasselbe verursadhende 
Knakheit* Valsalva hat in diesem Fall in der 
Trommelhöhle und in den Zellen des Zitsenfort- 
sstses ausgetretenes Waiser gefunden* Dieses tJebel 
hann in rolge eines innem Ca tarrns, eines Schlags 
oder Falls unmittelbar auf das Ohr entstehen. Die 
Zeichen einer solchen Wasseransammlung sind un- 
cetlhr dieselben wie bei einer catarrhalischen Af- 
netion» und wie bei dieser ist auch die Wasser- 
fnchc mit Kopfschmerzen und einer dunklen Wahr- 
aehmune. der Töne verbunden. Diese Krankheit 
▼eriAhwmdet Öfcers wieder in dem. Verhälthxfs als 
Watsertropfen durch den Mund, durch die Nase 
oder durch den Gehörgang sum Vorschein kom- 
men , wenn man den Kopf des Kranken vorwärts 
neigt. 

Wenn das Serum nicht durch die Poren des 
Trommelfells einen Ausweg findet, und die Eu- 
stach, Trompete verstopft oder verwachsen ist, so 
kann man die Wasseransammlung nur durch eine 
kflnstliohe OefFnung ausleeren. Zu diesem Zweck 
eiebt es drei Mittel: die Perforation des Trommel- 
xells oder des Zitzenfortsatzes und Einspritziinf^en 
durch die Eustach. Trompeten. Das letztere Mittel 
verdiene den Vorzug vor den übrigen, und nur 
dann ist die Perforation des TrommelFells angezeigt, 
wenn man die Verstopfung der Eustach. Trompe- 
ten nicht heben Kann, welches übrigens selten der 

. Fall ist. 

Wenn die Krankheit entweder durch eine Er- 
schlaffung der die Trommelhöhle und die Zell^en 
des zitzenförnügen Fortsatzes auskleidenden Schleim- 
Baut, oder durch ein zerrissenes lymphatisciies Ge- 
fafs unterhalten wird, dürften aufser der einfaclien 
Ausleerung des Wassers zur Hebung des Uebels 
auch gelind stärkende Einspritzungen (Mineralwas- 
ser von Balaruc, Bare<;es , Chinadecocr, aromatische 
Wasser) Fontanelle oder Hsarseile in Nacken, öfters 
gegebene Furgiermittel u* dgl. anauwenden seyn. 



— 122 — 

§. IV, Von d^r Bluter^hfsung in die TrQßkmBthöhle 
und in die Zellen des Attzenforttatzes» 

Stenon mid lifor^agni glaubten, dafs nch, Bluf 
in der Tiumnielhölile '■nsaronielii KÖQne, Cboper 
fül'rt'ein Beispiel davon aU eine besondere Urtaohe 
von Taubheit an. Ein Fall, ein Schlag auf den 
Kopf können dieses Uebel verursachen« Wenn dena* 
nach der Kranke in Folge eines' solchen £rei|eMis* 
ses aus eiuem oder aus jbeiden Obren- Hlut vertiert' 
und la'ub wird, kann die Taubheit von einem im 
'aufseru Gehdrgtng angehäufiüa Blutgerinnsel her- 
rnhrcn, und «renn nach (ie«sen Bnifernung die 
Taubheit in gleicher Stärke fortdauert « darf man 
annehmen 9 dafs die unmittelbare Urssche dieses 
Utbdis in einem Blutextrav*sat in der Trommel* 
Kölile und in den Zellen des Zitsenfortsatses be* 
stehe. Wenn eine Einspritzung von lauem Wasser 
in das ipnere Ohr durch' die Eu&tach. Trompete 
blutig gerdrbc oder mit BlutereriniiSel YermiacLc 
'Zurückkommt, bleibt kein Zweifel mehr übrig. 

In dem Ftlli, daf« nur noch das Extravasat su. 
bf leitigen Ut, empfehle ich vor allen Andern Mit* 
lein meine Me^^hode, das Ohr einzuspritzen -^ und 
swar nur mit lauem VVasier. Cooper perförirto in 
einem solchen Fals das Trommelfell, um dem ex» 
travasirvem B)ut einen Ausweg au verschaffen» waa 
ihm auch gelungen ist» weil das Blut noch flüssig 
war. Nach der Perforation dürfte es daher jeoth* 
wendig seyn, das Blutgerinnsel durch Einspritxun- 
gen von lauem V\''asser in die künstliche OefFnung 
Auszuspülen. Wenn sich dagegen das Blutextrava- 
•at bis in die Zellen des Ziieenfortiattes erstreckt, 
ao gelangten dergleichen Ein.\priiziingen nicht *ia 
dieselbe, und dann hat man als Folgen des stocken- 
den Bluts Entsündung, Eiterung, Äbscesse hinter 
den Ohren, Beinfrafs und folglich Taubheit su be-^ 
fürchten. 

{. r . Von der jinhaufung von Schleimigen und Oh' 

rensehmahähnlichen Stoffen in der 'Trommelhöhle und 

in den Zellen des Zitzen Fortsatzes^ 

Dergleichen Stoffe und selbst lymphatische Fluide 
können ihien chpinischen Verhaltnissen au Folge 
sich verdicken, ^verhärten, und dadurch Taubheit 
▼arurteoiun. . 



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,. \ >B»1trWkawBt, dAft dw S^^Mefib im kluaBtoliMl 
.Ahsi(>Ab«r*. All(i''«ndorft Stoffe prldomiairt ; S«iiiin<i 
ylrt^ «icinkwlitoli« f1«l8«iii!sati dangen und Ohrtel^ 
^ — tarrlvi . di» ineifMn Kiiid«r'btf«ll«n. lix dem^ sir« 
, ini JUkdfMitcr MiU die Bigenfbluft , 91011 \ auMiii. ^ 
~tMi00M^ d«v in M^ngo kbgeioadenr ScIiUtoi (roxi 
L> dirmi« ii«d d«» lUohen). htiifc «icb in d^k* NAh« 
'•«' i« SMtoolu.TrodBpeun und in dieieu ••!{>•( «ri^ - 
[.'MAiKWitopfc fiew I)adoreb bildet sich auclircin« 
L*. «iövfcmc ▼<>& Schleim in^der TrommelbÖlüo und 
:/ l«tM» Zellen de» llttenforuetses^ un.d wenn ,dtr 
w lAnigeie Thetl retorbirt iit, kuno tich derKRen' 
^ KteiHlneM Jind Tenbfaeit vernruchen. 

O^Dtiiieeial det feil bei deit meiatea jungen U«»\ 
Ct^wd-t^umoEien Mentohen« welche jnan.Ton^ ^e^ '/ 
jMdEt ea dareh einen Bild un^tf «hier fflr^ ttdb hälc 
-l^llAeae Uriaehen Ton Taubheit koiliiiien aelir hknfig* 
b tmm%^ beeondera bei Kindern voki achleiinig«' Co»^ 
^^ iAptioB. die aberdiea 'grindigeif AuucbllgeA am 
!-'' Kpff «M im Gieeieht unterworfen eind. ' 

•^- Selbst dem Alten waren y^iete Ursachen Tbtt 
'* .AtobhfiK nicht unbekannt (^ctr. C^Uut)* 

-* i' *Dl*. fchleimige Materie /kann bloft verdiehteiV* 
Mto»ndn oder gar verhaftet aeyn, und dadurch diese 
Bohlen ▼erstopfen4 liauptsächlieh ist es die Qh» 
ventchmalzihnhche Materie y welche diese Höhlen 

. ' -gUiehsani auskleidet. 

Die charakteristischen Zeithen dieser Art von 
.]^ Taubheit sind aus der Anamnese su entnehmen , ■• 

■ & ans ^r Verstopfung; der Nase, h^fig^m Schnui» 
.pflniy Ohrenichibersen ^ scjophulöser Anlaee u, •• 
•W» and aus folgenden Zeichen einer von Schleim 
frerstopften Trommelböble: Wenn man im Schneu» 
jMm oder Verachliefsen des Mundes und der Nase 
-mne sufke Exspiration macht und die Lnft nicht 
An dL%i^ Öhr dringt, wenn ferner die durch die Eu« 
euch. Trompete geroachte Einspritzung einen star» 
lien Wid4Brsund erfährt , und _ein seröser oder mn» 
.«öser AMsAufs auf dem üufsern Gehöresng Statt fin* 
-det. ^ Sollten die Einspi itsungeu in diese Höhle cn« 

- scheinend leicht eindringen, aber das. Organ bei« 
nahe unempflnälich difür seyti » so darf man an- 
nehmen, dafi yerhttrtete Materien die Höhlen, in 

.' die mau einspritat, abersieJien. Kommen nsch 
fliehrUgi^en Einspritzungen kleine aerreibliche Per* 
dkaltt mit der eingespritzten Flassigkeit dicirch den 



— 124 - 

"i 

.. 

Mnnd ocler ddroh die Nase zum Vorscheio , so dtrf 
man diesei alt ein pathognomonitchea Zeichen der 
Uraaclie x^^ ^^^ fragliVshen Taablieic ansefien« 

Der Vf. fahrt hier einige Beotiachtungen sam 
Delee dea Geaagten und siim Beweia von der vor» 
theiluafteo Wirkung der Einffpritsnngen nach sei- 
ner Methode 9 ^d. h. duifch die Euatacb. Trompe- 
ten ^ an. 

^ VI, Von der Verstopfung der Trommelhöhle und 
der Zellen des Zitzenjortsatzts durch kreidenartise 

Stoffe. 

jirnemavn fand in der Trommelhöhle eine Isrei* 
denartige Materie, und ist Her Meinung, dafa frü- 
her ayphilicisch geweaene Peraonen > dieser Krenk- 
hritsform nnterworfen sind. Mir ist. ein ähnlicher 
"«'Fall von einem funfzi^^jähri^^en Minne bekannt, der 
aeit fünfzehn Jahren in Folge mehrerer ayphiliti* 
scher Anfi^Ue aehr fibel liöj^t, allein da derselbe nie- - 
riiala weder im Hals' noch in der Nase venerische 
Geschwüre gehabt hat, kann diese Taubheit von ei- 
ner Verschliefsung der Eustachischen Trompeten 
nicht herrühren. Vielmehr scheint dieses Uebel 
Von einer in der Trommelhöhle und in der Eu- 
stachischen Trompete angesammelten kreidenartijgen 
Materie herzurühren. Hagström beobachtete eine 
▼oUkoromene Taubheit in Folge venerischer Zn- 
litUe. Ich bin der Meinung, dafs die Verdickung 
des Schleims durch das venerische Gift und die Zn- 
rückhaltung desselben in der Trommelhöhle uiid in 
der Eustsich. Trompete gewöhnlich eine der unmit- 
telbaren Ursachen dar venerischen Taubheit bildet. 
£s.ist längst bekannt, dafs das syphilitische Gift in 
besonderer Be7.iehiing zu den mucöscn Säften steht^ 
so z. B. zu denen im Innern der Nase , in dem 
Gaumen, im Halse ii. s. w. , daher diese Theile so 
oft von der Syphilis angegriffen werden. Da der 
ßohleim in den Höhlen des Zitzen fortsatzes von 
derselben Art ist, so darf man sich nicht wundern^ 
dafs sich die Syphilis gern dahin wirft {prix de 
l'*Aead, royal dt Chirurg, Tom, IV-) Sennert er- 
kählt nach Platner^ dafs ein Abbce in Folge eines 
venerischen Übels. blind, taub und stumm gewor- 
iden ist, 

^In Ansehung der Diagnose dieses Uebels, ssgt 
I^ichwinp 'weun der Taubheit irgend ein veneri- 



■ t 



— 125 — 



E'iwli'* Cabal voiheigefi;*>ig*n i^E) nooli ttthr Man« 
'-faMclbe von einetn rsiieiUcban Symiitoi» bccleltot 
-J- »__■ . 1 .i.r. -li ^TimkL.!» _._ 



lg- 

K«>r<lickKni , in Ati TiommelLoiae ■««•blHtnu 
BSehlaimbenOhrt. AuiicliU^e von mtihl,ifüg«ii Vl«oh^ 
r.Ua an dm Ohrtlppclien sind glFicIirilli y«rdleb> 
liga fCulleciiv) zAc\ibd. Nach' A'M«t bii d),a tfi 
pEUrtiiclie- Tiubheii ßumiinigUch merirer* KLimM 
(■Dg ein Gerluich oder Sauien in da» OtiraB ttta '' 
Vorliutav, d«i mit heftigen Schmanea vkrbubj«* ' 
in, wenn eine Eiieriing biiiEuKoiilmli odar Üih.' 
ein GeicbsvQr aii^büilFt, dal ieri:(>rlii(l auf das - 
Organ wirkt. Dieae Tiubheic TOb» auah brti TM 
eiticni Leiden der Hilsmandung der Eu<Uob. T^oo^' . . 

Scte hei. Ein gewöhnliches Zeiebrn lO^oU v<ta 
ar Versioni^Liiig det Tiommelbühle lla Ton ii* ivti 
'Kqataeb. Trompet«, Trolcbei auch ihre üriacba aayi i. 
»lg, ii[ folgendea: Wenn man bei veriehloiianMä 
[^Hnad und Naie stark eiiipiiiit, so fühlt man MW 
Eindringen von Luft iu dia Ohren, nocbvU'An- 
I tehliean derielben an dit Trominell'elli . , . ' 
■^ Iil blof. noch die VaiaUipfune »n aioh ali'U». 

Inrest der gehobenen allgemeinen KrankfaHt au b«... 
'leitigen, so itiufa man so lange Einspritanngen vop 
huaiD W«).er in d.i Ohr (durob die E. Trtmpt- 
Un) machen , bi> die Höhlen gei-tinigt aiod.^ Dia- 
•n litfat aich annehmen: 

1. am der Leicbtigkeit, mit der dia FlAKigkait 
in die EuKaob. Trompete und in die TrommeUiöUa 

2, *rann dev Krank« daa Anaablaaan daraellMB 
' fUUügbeit an' dai Trommelfell , fibcrdiaCt 

Si «iaa milda Wurme im Innarn d«i Ohra und 
daa An von Kitteln in der Gtgend dei Zitsenfort-* 
»Um «wpEndal. 

Irt niaa bia auf den Punlit der Reinigung ea- 
koMmn/ao bCrt der Krank« deutlich. Sollte abae 
..da ■ädaniliefaei Gihör lurackblüb«!! — ilt Folgal 
•Ihm EriehUirung d»r Theile — *o muf« man d«n 
I laünWaaaar einige Tropfen Moachnaiinktur, Napli> 
Aa vitrioli, Lavendel uder Roimaringeiat ttueUett* 
- 2M« 'Ifinarainii)«! von Bilarue und BariRei ir«'» 
'. iM «oob inffallendtr und schneller wirken. 

Um 'dia in Red« »te'hende Taubheit su bailon, 
^^man di« Perforation de* ZiiEen(oriiats, dia 
" 'ätU and den GalTanUniui voTgeteUagtn, 



- 120 - 

•Hein flhet claf erstere Mittel Yiabe ich meine Mei- 
nung foeinic« autßesprochen » und sp^terliin wet^e 
icb die Unznlän^lichkeit uod Gefahr der twei iets« 
tern Mittel nachweiten. 

« yil. Von den Krankheiten der Gehörknöchelehert, 



Di«se Knochen sind Fehlem der ersten. Bild nng, 
detn Beinfrafs Und der Anchylose unterworfen* 
Bucyer - D^tmortiers fand in der Trommelhöhle- einer . 
Kuh y dffs der Ambos mit dem Kopf des Hammer« 
in der tiateüiflichen Lage articulirte, aber der Stiel 
de* letBtern gans fehlte. 'Die ^Beobachtungen von 
Riolatt f Cooper u. A. Aber die partielle oder totale 
Zerstörung des Trommelfells berechtigen mich &u 
der Annahme 9 dafs der fehlende Griff des Hammers 
lieine Ursache von Taubheit bildet» ^enigBien» 
keine absoJure« Wenn da% Tromtnelfell seratörf 
istp-'Ba itt ea auch der Insertionspunkt des :Ham* 
mers^ wodurch die Mitwirkung^ dieses Knochene 
znr Wahrnehmung der Töne aufhört» und gleieh- 
. wohl behalten dergleichen ' Personen noch die Fä* 
higkeit siim Hören . wenigstens einen Theil noch* 
• Die Gehörknöchelchen sind bisweilen anchylor 
airt. Ruyseh will bei ^ einem neugeborenen Kinda 
diese' Knochen verwirrt und abnorm raiit einanaev 
verbunden gefunden haben. Der berühmte. Petit 
fahrt ein ähnliches Beispiel an. Richerand sagt aus 
eigener Erfahrung: die Zerstörung- der Gehörl^nö« 
ohelchen verursacht durch die Oeffnung des ovilen 
Fensters Taubheit, die Cotunnische Feuchtigkeit 
Aiefst aus und die Gehörnerven werden dadurch 
eines . fär ihre Bestimmung nothwendigen Flui* 
dnms beraubt;,/*' 

Ich glaube» dafs es nicht möglich ist zu unter'» 
»eheiden^ob die Taubheit von einer Aochylosek. 
difeser Knöchelcheti oder von irgend einem andern 
Fehler derselben herführt. Uebngens ist die Taub- 
heit -von der einen oder i^ifdern dieser Ursachen 
herrfihrendi, ginz unheilbar, obgleich man z. E. die ^ 
paries.durch reinigende Einspritzungen heilen könnte. 

^. T^IIL Von den Krankheiten ^ u siehe an den lHus» 
kein der Gehörknöchelchen vorkommen können» 

Die Paniyse und di^ Zerreifsung dieser Ma«* 
\pivL bilden die häufigsten Krankheiten derselbeif. 



•. ■ -: ?^ 



— 127 -. 

Dift ee^rfifiDliehsten Ursaeben der Paralyfe sini! Jie 
FAslneber, Nervenfieber und RJieom«titnien. 

Der Vf. fohlt hieraaf einige Falle an. die sh 
keweiflen icheineoy daft, 'wenn- sich die Taubheit 
Wifarend der fiebandinng; aoeh nieht verbeaseit, da« 
Gehör sich in ▼ielen Fallen apäterfain — wenn 6»b 
Ohrcnklingefi «nfgehört bat — wieder ei »findet, 
ferner daft die Taubheit mit Erfolg in jedem L»r- 
beaealter dorch gclind reizende Einspritanngen in 
die £aitaeh« Trompeten (durch die Nase) oehan*^ 
delt "werden kann, wenn ihre UrMche eine sofäl- 
lige ist, 

f. IX» Von Jem Ohrensausen. 

IHetea Uebel besteht in der Wahrnehmung ei« 
■es Gertnsehet, ^relehet nicht -wirklieh existirt« 
oder wcnigatcne nieht infserlieh vorhanden ist« 
Ifaa nennt et Ohrentanten , wenn der Schall einem 
tiefen Too eleicht und Ohrenklingen,- Ohvensiachen, 
wenn den^be fein ist. 

'I>ie Verschiedenheiten des Ohren sau sert hin- 
Cen ab Ton der Natnr der Töne, welche der Kranke 
Eört oder sn hören glaubt , nnd tou den Ursachen, 
updche das Ohrensausen hervorbringen. Von die- 
foa Verschiedenheiten haben die Schri&steiler eben 
eo viele besondere Krankheiten abgeleitet» obgleich 
in der Wirklichkeit diese bloEse Varietäten der 
■Imlichen Krankheit sind« Man sehe den Artikel 
yyOhrenseasen J*'* 

(Die FoTttetxaog folgt.} 



2. 

ttoig Mit Jetm Pulver der Digitalit purpurea» 
Hohaentet von denDrr» Guiher t und lifoulin. 

r fVumung bei dem jetzt oft so umnafsigen nie- 
huschen Gebrauch witgefheilt von Dr, Trosch^l 
der Gau de Sante 1826. No» 24. 



Bin gewisser Crozet, 23 Jahre alt» Setser in ei- 
mm Drackerei» lia seit mehr als einem Jahre am, 



— 128 - 

f lersKlopfen , welches in einer Erweitemng dielet 
Orgtna begrOvHet su teyn acliien, und gegen wel* 
i:hoi er ficb siemlicb lange einer liretlicheu BeLand- • 
lungj anvertrant hatte. Alt am lOten Februar 1824, 
das Klopfen stärker wurde, und der' Kranke su er**' 
sticken' tViiohtPte, liefs ihn der Dr. Guibert eiiie an- 
sehnliche Zahl Blutegel an die Herzgegend setaen» 
und verschaHte ihm dadurch viele Erleiehterang» 
so dafs er sich zwei bis drei Tage hindurch seiir 
wohl befand, indessen glaubte Cr.^ dafs er sieh ^ 
ein für alle Mal von seinem Hersklopfen befreieki 
Könnte, und bereitete sich in dieser Aosicht selber 
eine senr gesättigte Infusion von einer halben Unso 
Pulv, Digitm purpurmf und trank am 15ten Febr. 
mehrere Taiss^ von derselben. Bald nachher wurd« ^ 
er ohnmächtig, empfand Neigung sum Erbrechen 
und Maeenschmeraen, so dafs man Abends von 
Keuem den Dr. Guibert rief. Dieser traf de/h Kran- 
ken in einem Zustande der äufsersten'Schw&che an; 
er bfobschtete eine allgemeine Bl&sse, kleinen und 
iinre^elmirsigen Puls, wenig reizbare Pupillen^ 
Schlafsucht' un.d Apathie , weiche nur durcn die 
stiirroitchen und fast convulsivischen Anstrengun- 
gen sum Erbrechen nnterbiochen wurden: die £x- 
tremitiilten waren kalt, und die Schläge des Her- 
' zetts kaum fdhlbar. In Gegenwart des Arztes er* 
brach der Kranke sich mehrere Male, und schien 
dann ein wenig erleichtert. Das Ausgebrocheno 
war flüssig und von grüner Farbe , und glich dec 
Infusion der Digitalis ,. von welcher der Kranke su* 
vor eine ziemliche Menge getrunken hatte. Die 
Flüssigkeit liefs auf den Grund des Gefäfses eine 

Sulverige, grünliche und sehr feine Substanz nie« 
erfalleuy welche nichts anders zu seyn schien^ 
als das gepulverte Kraut selbst. 

Unter diesen Umstifiiiden , und bei so ungewöhn- 
lichen und stürmischen Symptomen liefs cier Dr. 
Guibert einen seiner Collegen, den Dr. IVloulin sur 
Consultation einladen, und dieser fällte dasselbe 
Unheil über die Natur und Gefahr der Krankheit« 
Beide verordneten einstimmig heifse Senfnmschläge 
auf die-Füfse, £inreibunt*en mit reinem Cöllni. 
sehen Wasser auf die Herzgegend, erweichende 
Umschläge auf die Magengrube,' und zum Getränke 
eine Abkochung von Gerste und Quecken mit Milch. 
Das Erbrechen hielt die gauae Nacht an, obgleich 
- fast 



— 129 — 

bn niclit) bariD^befördeTt witde) üideMin trux> 

ita die Migeniclimeneii lUmählig gelinder, di« , 
MtUtrigk*] t lief« «noli iciir nach, aad det Pul« 
Bitim in Regelitiirsieksit und Xtifl zu. Tigi dir. 
lof hfiile das Etbrecben eini auf: dec Kranka lief«, 
ucbdtm ei ri^l von daTleiintiigsiiden AbKocliung 
gtuunben biiia, dia Nacbi über reicblicben Oiia^ 
BDd fühlte lieb »ehr erleicbtccl. De8i«n ringckeh- 
Ut wurden dieielben Geltinke, dio UroscbLtge luC 
die Migtngegend, eine strenge Diäi und voUkom- 
raene Ruhe bVibebdien. Vier ..od itvaniig Smnden 
Dieb den Zafdie (vir lein Zustand aebt lufriedan- 
iltUend, und man erlaubte ibin, elwat auftuace- 
ken , und einige Nabrune au aich lu nebmen. Seil 
dieser Zeil äufierten lich keins anderen Symptom« 
nehr, als dai lle[zkloj>reii . welcbes ia der Folea 
nccfa tnebrers Blnlenliiehungen, Ruhe und küh- 
iande* Regimen nfjtbig macbten. 

Et gebt aui der eben ei'EHblten Feobaebtang 
berror, ith di« Dißitilii, in groTaer Doiii geno«- < 
Ko, 1) den Magen ankeift, 2) auf labr merltlicb» 
Weiaa die Beweguttecn dei HerEeua aobffäcbt, und 
3) in der Folge aitcli die Thätigkeit dea Gebirtiei 
and der Sinneaorgane Lerabietit; und ea eutapringt 
diraua für die lelitereti eine veiminderte Reiiem. 
pbnelichkeit , und aodann bei einer nicht binrai. 
abeDden. Erregbarkeit dea aeDtibleu Systema di* 
Neigung Kum SchlafSi 



■t)9pptthSrtn. — Der Kreispbyiikn) Dr. Gum.. 
Mdl. in Htviu eriahlt: Im Maiherce dea dieajihrK- 
gHI JUWMnge« d«a Hufetand •' uud Oiann'^KhtB ToHr- 
m^t wi» «ich ein Aufia» fibM daa DoppclböcoB. 



— 130 — ' 

■ 

Wihrtnd do9 Monats Min d. J. habt ich ftlbn in 
dittem Uebel gelitc«n, und find« miefa, da dio Er- 
•cbeinnng lu aen telteaen gehört, rwialtXtj^ iiieiH« 
Beobachtung hier folgen au laasen. Ad GehOrjkraali- 
heiten habe ich nie gelitten , befand mich auch 
kurs vor der £nutehan|; dea jetsigen Uebela gana 

Setund , bia ich an einem der letsten Tage dea 
Ilrs eine kribbelnde Empfindung im rechten Ohre 
gleich beim Erwachen Spürte, die mich nöthigte, 
öftera mit dem Finger in den Gehörgang einsuge- 
hea» und daa Ohr au achfitteln, hiernach ^rurde 
die Empfindung auf einige Augenblicke beteiligt, 
und 9 wiewohl sie mich in meinen Geschäften er- 
^vas störte , so liefs sie sich doch ertraeen. Gegen 
Abend Te^twandelte sich das Kribbeln m Schmer« t 
ich bemerkte beim Eineehen mit dem Fitiger lAS 
Ohr Vereneernng des Gehörganges, vermehrte War- 
me , und bekam momentane zuckende ^chmenen^ 
die sich nach den sitsenförmigen Fortsats und dem 
Jochbeine verbreiteten. Dieser Zustand lieÜa mich 
nicht länger mit einer Localblutentleerung sllnmen, 
wornach auch die Entsfindung im Entstehen un- 
terdrückt wurde. Zwei Tage vergingen, während 
welchen die vorhanden gewesene Auuockerune der 
Bekleidung des Gehörganges verschwand, ich im 
Ohr wenig Empfindung von Krankheit wahrnahm, 
bis endlich am dritten diea Poppejhören sich ein* 
atellte« Ich war vielleicht eine Stunde- allein im 
Zimmer gewesen, hatte mich an meinem Arbeits- 
tisch gesetzt, der so gestellt ist, dafs ich, an ihm 
•itiend, der Thflre den Rücken kehre, das rechte 
Ohr nach der Wand |:erichtet, mithin dar Thfire 
gletehfallt abgewandt ist. In dieser Lage befand 
ich mich, als eine mir sehr wohl bekannte Person 
die Thfire öffnete, mich anredete, ich die Worte 
«nmal von der Gegend, woher aie kamen, 64t 
BW^itemal aber an aer Waiid^ nach welcher mein 
Ohr gerichtet war , vernahm»^ Beide Worte ge- 
langten gleichzeitig aur Perception, es war mithin 
daa zweite kein Nächhall des ersten: unterscheiden 
konnte- ich beide nur durch die Verschiedenheit 
dei Tons* Im ersten Augenblicke frappirte mich 
*ii% JSrseheinung, ich sah mich befremdend nach 
der iweiten Person um , und werde nun der Sin- 
nestftusehung inne. Von diesem Augenblick Ver- 
liefe »ich due Erioheinung nicht, sondern dauene. 



— 131 — 

dha^ «tma^etstii , 8 Tage lane fort » bif ef «n Wdi 
naioh dem Eiattöpfelit von OTeum Hvoscyiuni infu» 
smm gUiiIiob und tohnell verschwand. Weder vor* 
hWf noch aaoh wlbrend der Dauer, eben ao Wf* 
«ig nacbber, Tiabe ich Klingen, Sanaen oder Raa« 
^A in den Ohre gehabt. Nur das GefAhl . daf« 
aeli mildem rechten Ohre nicht ao achar'l, ala mit 
dem linhen höre, iat sarachgc^blieben. Dafs icli 
9vr blora mit dem' rechten Ohre doppelt gehört 
fcabe, lieft aiciv durch du gänsliche Veratojpfen des 
einen oder andern Obres deutlich nachweiaen« 
Brachte ich . einen festen Licin wandpfropf in das 
geannde Ohr, ao wurde das Doppelhören geatei* 
gert» der Ton lautei; und achneidender. Gelinder 
nnd leichter au ertNgen war der Schall, sobald ich 
4#a kranke Ohr verstopfte, wiewohl daa aweifacha 
IIAren nie gänslich verschwand, wenn ich daa Ohr 
ench noch so' aorgfältig verstopfte. Beide Töne 
konnte "Ich erstlich dadurch unterscheiden , dafs der 
eine tiefer, der andere höher war, und c^en tiefern 
nahe bei mir, den höhern in einer Entfernung von 
2 bis 3 Ellen vom kranken Ohr vernahm. Der 
Untersehied in der Höhe des einem von dem an- 
dern blieb sich nicht immer gleich. Anfänglich 
^ar es bald die Ters, bald die Qusrte, wie ich 
diea'sm besten am Klaviere wahrnehmen konnte: 
SPiter atieg die DifFerens bis sur Octave. Einselno 
Tönsf auf dein Instrumente ansogeben, kofinte ich 
vertragen:' jedoch susaromenhängende Stücke sa 
apielen, war wegen des Gewirres vor dem Ohre 
nicht möglieb* Eoen ao vertrug ich daa Sprechen 
einer Person : das Gemisch von mehreren Stimmen 
vnrwirrte mich. Unerträglich war mir der Zufall; 
lob war die ganse Zeit nindurch verstimmt, und 
fahlte mich nur etwas beruhigter, wenn ich mich 
gans allein in abgelegenen Zimmern befand. 

Zineum cyanicum hei Chorea. — Eine 36jährige, 
sart gebaute nnverheirathete Dame , litt aeit 12 Ja|i' 
ren nach ehiero heftigen Schrecken an unwillkobr- 
liehen Muskelbewegungen , vorsöglich in den Ei- 
tremitäten. Verschiedentlich angewandte Mittel 
minderten die Zufälle, und brachten theils längere, 
-fhetia kArsere Remissionen hervor, €^ gesellten sich 
aber apäter auch Brust-, Schlund- und Unterleibs« 
krftnipfe hinsu , wobei die eigenthAm liehe Erschei* 



— 132 — 

nung lieh dirbot, d«ff sU mit den äurreni Zacltmi« 

gen Altemirten« Hierbei war die Vegetation det 
[Örpers unterdrflckt, dageeen die Keisbarlieit der 
Mnskeln und die Empinnalichkeit des Nerrensy- 
etema gesteigert« Um dte.Krärte zu heben , gab der 
SU Hfllfe gerufene Dr, Klokoiv Qiiaisia mit Baldrian» 
gleichseitig wider daa Hauptfibel blauseuren Zinb^ 
wovon die Kranke' jedoch nur ^ Gran pro Doai ' 
bei vielem schleimigen Getränke ertragen konnte. . 
indem erBfsere Gaben heftige /Oolik > Durchfall und 
Erbrechen verursachten. — Erst als der Körper sich 
•n das Mittel mehr gewöhnt hatte, konnte die Do» .. ^ 
•is allm&hlie bis zu eineita halben Gran verstärkt 
werden, und zwar mit so günstiger Wirkung» dafs 
die Kranke am Schlüsse des Jahres schon im Stande 
war, das Haua zu verlassen, was sie seit einem " 
Jahre nicht gewagt hatte, 

Kris9 durch TVeichsolzopf hei einem Nervenfie»^ . 
her^ — Der Dr. Schmidt in Fraustädt berichtet: 
Bin Kind von 3 Jahren litt am Nervenfieber so be« ~ 
beutend, dafs man nach dem heftigen Gehirn* und 
Nervenleiden, z. B. Sehnenhüpfen, anhakenden De- 
lirien «nd Petechien von der Gröfse eines Handtel- 
lera u. a, w. den baldigen • Tod erwarten durftet 
dessen ohngeacbtet wurde das Kind, ohne .irgend * 
einet wahrzunehmenden Crisis, als durch die einet • 
tiob hinnen 3 Tagen vollkommen entwiokAnden 
Weiohaeliopfs , gesund. 

(Dlb Fortsetzung folgt.) 



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No, III. 182a' 



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Theoretifch • -praktisches Handbuch iUr Chir$u*gie^ 
mit Einschlufs der syphilitischen" und ^ugtnt" 
Krankheiten i in alphabetischer Ordnung, . un- 
ter Nlitwirkung eines ^ Vereins von Aerzten und 
T^undanten herausgegeben von Dr, J, N. Rust^ 
Konigl. Preufs, Geh. Ober ^ Med. Eathe^ Ge- 
neral ~ Stabsarzte der Armee, Professor etc. 

Uebcr den Plan und die Tendens desselben bat 
sieb der Herr Herait8§;eber in einer besondern An« 
xeige» welche in allen Bachlundlungen unentgelt- 
\llcn SU haben ist 9 hinreichend tusgesprochen.v Der 
j3nick beginnt im Sommer des Jahres 1829, und da 
bis SU dieser Zeit sttmmtliche Artikel der Redaction^ 
yorliegen mftisen, so wird er so rasch berri«bea 
werden » dafs alle lecUs Wochen eine Liefemng 
von, 24 Bogen erscheint und das ganze Werk mit 
dem Sehlnfs des. Jahres 1830 voUat&ndigjibgelieferC 
teyn lyird. 

Die Stirke des Werkes lafst sich mit Zuver* 
litsi^keit noch nicht angeben, doch wird si« swölf 
Llofemngen schwerlich übersteigen. Eine Lriefe« 
rang Ton 24 Boge.n kostet für die Subscribenten 
l|.^thlr*, der nachherig;e Ladenpreis wird daeegen 
auf 2 Rthlr. erhöht werden. Der Betrag wird erst 
b«im Empfang; einer jeden Lieferung besahlt» die 
Verbindlichkeit der Abnahme erstreckt' sich jedoch 
natürlich auf das ganse Werk, dem von Zeit su 
Zeit Haupititel nach einer bequemen AbtheUung ia 
Binde beigegeben werden. 

' Die Subscribenten werden sueleioh ersuofit, 
aich mit ihrer Bestellung bald an irgend eine be* 
Uebige «oUdjB Buchhandlung su wenden , da mit 



— 12 — . 

« 

dem Ablth^dat Septembers 1829 der Snbscriptiont« 
Ternin ({InsJieh' getchloteen wird und der Ledeii« 
p^is eintritt« 

BerUn , den 15. Jali 1828. 

Hieod^ Christ. Fr. Enslin. . 



Berlin bei Th, Chr. Fr. Enslin: 

Taschenhueh ^er äritlichen Rezept irkufi st und der 
Arznty formein f nach den Methoden' der h et ühin^ 
testen jierite; heruusgegehen von Dr» Karl Sun» 
deLin, Als Snpplemenc zu der Heilmiiteilebre 
desselben Verfassers. Zwef Bändchen in Ta- 
scbetiformat (elegant gedrucltt auf feines Druck - 
^Velinpapier, 'welche enthalten :^ 

is Bündchen: Rezeptirkunst , 

2s Bändchen : Arzneyformeln^ 
Preis beider Theile, sauber gebunden nnd in 
Faueral 1 Rthlr. 20 Sgr. 

In wie fern dieses Werkchen entschiedene 
Vortiige yor den sahireichen Büchern ähnlichen lu« 
halte habe, will ich mir nicht tnmafsen hier aus- 
einander SU setzen , jedem Sachknndigen werden 
solche aber bei der nfichtigen Durchsicht in di« 
Äagen fallen* 

Thäoretisch' praktisches Handbuch der Lehre von den 
Brüchen und Verrenkun «,en der Knochen, Von Dr, 
Adolph Leopold Richter^ Stabsärzte am 
Kön» mediz, ~ chirurgischen Friedrich ^ fj^ilheltns- 
Institute^ Mitgliede etc. ^ 48 Bogen Text» 4 Bo« 
-gen Erklärung der Abbildungen , und 40 litho- 
graphirte Tafeln in Folio, vorstellend sämmtli- 
ohe, bisher bekannt gewordene Maschinen^ Ver- 
bände und Repositions* Methoden. Preis 7 Rthlr. 
198gr. (In den Österreich. Staaten 9 Fl. Conv. Mse«) 

Dieses Handbuch eläubt die Verlagshsndlung 
«la ein ffir die Bibliotnek eines jeden Wundars* 
taa nnd Studirenden unentbehrliches VVerk em« 
pbhleJi SU können. 



— 13 ^ 

Dmr ^astärkrehf dtr Kindsrf 0in0 Monographie 
9om Suibtmnt Dr. A, £.. B.ichtBr. Mit 2 tohA- 
nen eolor. Kpfia. Preis Mubwr broohirt 27^ 8gr. 
(22 GgrO 

AnUUung mm gehurUhUlflichen technischen Verfah* 
ren atn Phantome , als Vorbereitung zur künftigen. 
Jus&hung der ChburtshUlfe , von Vrm Ed, Casp. 
Jac* V. Siehold. Frei» 1 Rthlr. 

Beweif der unschädlichen und heilsamen Wirkungen 
des Badens im Winter^ nebss Belehrungen über 
die zweckmSfsigste Art des Gebrauchs der Bäd^r 
und Trinkcuren zur Tf^interszeit von Dr. S, Gm 
Vogel 9 G. H. Meeklenb, Schwer. Geh. Med.*, 
Ratn, Leibarzt efc. broschirt 7} 8gr. (6 Ogr.) 

Pathologie des TVeiehselzovfs ^ ein Versuch nach Er» 
, fahrungen von Dr. E. Bondi. 10 6gr. (8 Ggr«) 

* ■ ■ * 



Stethoseop0s und Plessimitres. 

Aiifser clen von Piorry Terbesserten , mit Elfein» 
bein PleBtin^tern vertehenen Pariser Stetkoscopes 
(A 1 Rthlr. 16 gr. Preufs. Crt.) sind yon nun an in 
der Buchhsndiung iron Leopold Vofs in Leipsig. 
auch die gröfaern mit OriEen versehenen '(a anses) 
und in Buxbaam gearbeiteten Plessimecrea ffir 12 gr* 
Preufs. Crt« su erhalten. — Sie beeilt sieb um so 
mehr das Publikum hiervon in Kenntnifs z\x stft&en^ 
eis tbeils der Gebrauch dieser Instrumente nach 
namhaEIcer Aersfe Urtheil in vielen Krankheiten von 

fWifscein NntEen ist, theils aber Fiorry^s Schrift: 
H la percussion mediate, bereitn in einer deutschen 
Ueberaetannje bei Stahel in WArsbiirg erscheint^ 
anoh Boarei/ und Nasse auf die Wichtigkeit der 
Aoienlutioti und Percussion aufmerksam machen. 



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C.' W. H u f « 1 a h d, 

r ynhigl'i Fimfifa $t»ftttath ^ Ritt«» d«t rodiea AiUtiw 
Ü IftiJlyi BWttitiir ninaa» erttMii Leibunc, Prof. der Ms» 
JkMiäf dw UiijiTexsiat aaBeriin, Mitglied derlca« 
d«feai# der Wiuoiiehafteii eta> 

1 ■ " ' ' '" «-ad • ^ j ' '* . 

' ' ' E; 8 a n n^y 

WJMitiiqh^m Profeetor jder Medieia aoT de^^U^ijre»^ 
littt ud der Medioinitch-CJiintrgiiehen Aeedemie 
\ Utf des Mllittlr sa fierlin, and Mitglied mehrerer 

geleluten GetellicliAlteB« 



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a^rum^ Fretmdp isi alle Theone^ 
Doth grün d$t LiheAs goldner Baam^ 

GSihe. 

— *m"l ' ■ ■ ■>. M U li II, 

IV. Stück. October. 

(Mit einer Knpf ercaf et). 



B € r 1 i n 1 8 2 a 
Gedruckt und Terlegt bei G* Reime^» 

. r- «* , 



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Merk würdige F Fall 

einer 

beinahe zwei Jahre lang im menschlichen 
'Körper verhalten gewesenen 

ausgearteten Schnecke* 

Nebst Abbildung: 
von 

Dr. Job. T r ü m p y, , 

' SU Ennenda bei Glaras. 



tlin und wieder in altern und neuern Schrif- 
ten finden sich Beispiele von Schnecken, Ei- 
dechsen u. dgl. Thieren , welche sich kürzere 
oder längere Zeit im menschlichen Körper aufge- 
halten haben, und natürlicherweise die schreck- 
lichsten Zufalle, ineistentheils convulsivischer 
Art, erzeugt haben. Da diese Erscheinungen 
ganz natürlich selten vorkommen, so halte ich 
es für Pflicht jedes Arztes, dem in seiner Praxis 
solche Fälle an die Hand kommen , dieselben 
ofientlich bekannt zu machen. Unter diese 
Klasse gehört nun nachfolgender Fall; 

Am 28ten Mai 1824 kam Barbara S. aus 
Haslen zu mir und erzählte mir unten fol- 

A 2 



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— 4 — 

gende Krankheitsgeschicbte. ' Dieselbe ist toq 
langer, hagerer^ Statur ^ Mutter mehrerer Rin- 
der|y Ton deoeo sie zwei duri:h ärztliche HiiMe ; 
erst gebären konnte, und hatte übrigens vor- -5 
her keine bedeutende Krankheit erduldet. Sie - 
war "von jeher fleifsig und arbeitßaniy tod uq- , 
bescholtenem Rufe , und ehrlichem , redlichein > 
Charakter, und hatte stets mit Armuth und^ 
Dürftigkeit zu kämpfen« Sie war damals ganz - 
fahl Ton Gesichtsfarbe, cacfaektisoh , mit ein- 
gefallenen Augen, unstätem Blicke und matt- 
belegter Zunge; ihr Gang war schleppend und 
mühselig; ihT Puls schnell, schwach und zit- 
ternd. Sie erzählte mir nun : sie habe im Ju- . 
liqs 1822 bei ländlicher Arbeit aus einem Olo- 
raste Wasser getrunken, und dieser Trunk 
Wasser sei der Anfang aller ihrer nachher 
folgenden vielen Schmerzen: indem sie fest 
überzeugt sey, dafs sie damals ein kleines ' 
Tbier, oder ein Ei won einem solchen müsse ; 
getrunken haben, welches allmählig in ihrem 
Magen herangewachsen sey. Sie habe näm- 
lich bald nach jenem Trünke den Appetit und 
Schlaf verloren , viel Durst gehabt, habe von 
Stunde an ein beschwerliches Drücken in der 
Magengegend empfunden , welches sich nach 
den! Genüsse von manchen Speisen sehr ver- 
mehrt und blofs auf den Genufs von lauer 
Milch vermindert habe; sie sei von dieser Zeit 
an aufTallend abgemagert, und^ habe keine an» 
'ballende Arbeit mehr verrichten können. All* 
inählig habeii sich immer heftigere Magenbe- 
schwerden, vorzüglich ein sehr schmerzhaftes 
Drucken, Magenkrämpfe und Unterleibskräm- 
pfe ^is zu der heftigsten Form ausgebildet, 
dabei -sei ihr häufig übel und brecblustig ge^ 
weeen. .Im folgenden Winter 18|| glaubte 



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■ifi ^«ok. ijl«firtKcli^dt« B6we|^g riotl'laiKg«' 
lii^Mi^VU^rfr (wibichet sie für; eiM Mao8 faieli) 
ÜB'.flBigM Jka-tpiii^iii-. dasselbe bewege »icU 
. .TO«^ «iBer'^eite sar andern, ond sie glaubte^ 
[ es \3ii$m Jli» tnanchnud sogar, im HaU hiaiaiafi 
lAf cie stein Brechen; eter sie habe dasselbe 
mm wegbreehen können: es krieche iinmetf 
wiedei^ 'urSck. Yon dieser Zeit an nahmeik 
Dum knünpfhaflen ' B^chwerden läglieh iiberi 
\ htthd; woin sidi nicht selten^ein heftigesi Br^ 
dien • gesetlte. Häufig nahmen ihre krampf:» 
; kaileii . Beschwerden eineft so heftigen Che-* 
* nkter an, dalli sie mehrere Standen bewufttr 
.Uim^ da lag nnd^ton den fürchterlichsten • doni'« 
n KrBo^pfen verrissen wurde. Voiii Mo« 
jsn Mooat sparte sie das Grofserwerden 
«, die,ln ihrem Magen sich, befindenden Thieres; 
.' \id aeHMfiss im itäcbstfolgenden Jahr (182»)' 
;.ieiB« bleibende Grofse eriangt hatte. Meh*. 
^ niramale täglich spürte sierdasselbe seine Stelle , 
w.ethseln; und sicfi hin und her bewegen, 
welches ihr jedesmal heftigere oder schwächere 
' Anfalle von Krämpfen verursachte ^ so daüi 
endlich kein Tag mehr ohne schmerzhaftes 
Krbrechen und Krämpfe yorüberging. Sie konnte 
keine andere Speisen, als von Milch ^ mehr 
vertragen; nach Fleischspeisen oder rorziig« 
Scb nach scharfen gesalzenen Speisen, wurden^ 
die Bewegungen des Tbiers heftiger, und'ih^s 
Baechwerden erreichten in deren Folge den 
hSchsten Grad. In den heftigsten Anfällen 
scbaffie^ihr lauwarme Milch noch, am schneil- 
sleo Erleichterung. Seit Entstehen ihres Lei- 
dens habe sie vielerlei Mittel von Aerzten 
und Layen angewandt, iiber alles umsonst! 
Während dem sie mir weitläufdg obige Ge- 
schichte erzählte, bemerkte sie, wie sich plotz« 



— 6 — 

lieb Don ibr Thier in Bewegung setze > und 
zeigte mir die Magengegend , wo sie es fah- 
len konnte. Ich anlersuchte sie, und fand 
wirklich in der Tiefe unter den Hautbedek- 
kungen eine ova/e, feste Mause ^ welche sich un^ 
ter meiner Hand von der Cardia gegen den Py- 
Iprus langsam fortbewegte 9 sie klagte zugleich 
über heftige Magenkrämpfe: auch wurde die 
Magengegend * krampfhaft zusammengezogen ; 
ihre Gesichtsfarbe wurde leicbenblafs ; es stell- 
ten sich convulsivische Zuckuogen in den Ex- 
tremitäten eiu^ yergesellscbaftet mit Brust- 
krämpfen , und plötzlich wurde die Kranke 
vom Stuhl auf den Fulsboden geworfen. Etwa 
§ Stunde» laug wahrte dieser Zustand der Be- 
wufstlosigkeit , in welchem sie von den hef-* 
tigsten 'Zuckungen gepeinigt wurde. Durch 
Andleptica und äufseriiche Excnantla kam sie 
wieder zur Besinnung, und einige Tropfeii 
Tinct. Opii simpl. be^schwicjitigten den heftig- 
sten Magenschmerz: Jedesmal befand sich 
Fat. nach einem sokhen heftigen Anfall äu^ 
fserst erschöpft und abgemagert. 

Da ich bei ihrem ersten Bericht das Ganze 
blofs für hysterische Beschwerden, und das 
Djfiseyn eines Thiers das erstemal blofs für 
eine fiice Idee, uuierstützt von krampfhafteia 
Auflreiben der Gedärme, hielt, so behandelte 
ich sie bis zum lOlen Junius rein aatihyste- 
risch mit den verschiedenen Amhpastkis, Ihr 
Allgemeinbefinden hatte sich zwar auf diese 
Behandlung wesentlich gebessert, und die all- 
gemeinen;, Zuckungen erreichten nicht idehr ei- 
ne4 so hohen Grad; aber die Locitlübel blie- 
ben im Alten y vorzüglich war das Thier und 
seine Bewegungen deutlicher spürbar, wobei 



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die Ma^enkrampre twd du BmiImb tto» W< 
riga Hefiigteit erlangteo. . Uelirvumle o»^ 
tersachle ich sia, und Jedesmal föhlt« itib d*» 
aütnlicben läoglichten "Körper in dtr UHgaDr ' 
fegend , der sich olidtt Hltaa univ pminin fiJbM • 
dtn wottr scbofi, iaä an ' einer andefa JiM^-' 
wieder gefühlt wwden konotl. Ttitil»'«!» 
ji'tiihysteiicum, iheih ab ■Anthabtäntitanif ^nt,!. 
dem ich, Wenn aadt irgend sia Thin räl4. .' 
ksndeo wäre, dnsiatbe doch för irgend, «iv» , 
Art von Würmern halten zu .toiiuen ,^«bt%,; 
Terordneta ich ihr die 3Sad. AMmJaAi. onK ,; 
grorsen Gabeiii .i-.,.^.'. ..' 



Am läteo hericlitetfl'aie michi |admfeal^ 
■ach dem üenuss» dieser Tn^iCtD' bdh^L'iti^ ' 
Thin anränglicb heftigere^ Bewaganfw. 'SM .' 
BMChl, weiche oß 'ao . BcfaiiHnilicit geif omft 
■eyen, dnh sie in ' Obnnucht venaDUo-^i««^ - 
•od liabe uufa Bette getragen werdes. mSiaaftK 
}edoch spüre sie, dafa das Tbiar Bcbwät&ei<, 
w^Fds, und seine Bewegangeo tejraii' niohl . 
mehr sd kräftig, nie früharhin ;. auch rerbal^ 
•ich dasselbe ruhiger, 'wenn sie keine Arsr^. . 
■wea eingenommen habe,, und . be.wage aiclv . 
Uefa iiech jedesmaligem Eionahmen der Tro*: 
pCm. Audi spürte ich bei' der Lgcal-^Uoterr.. 
focfaung wiederum obige» framdartigaa^KÜr?;. 
•er, der aber nicht mehr sa schoell,, wi»früp..' 
■arbin äiaiaer Hfrad anlschlüpftai'aandetn nnr . 
«hweclfe, gleichsam walkende Bewegungen 
fliacbte. fch gab ihr diesmal, um nun. mehr, ' 
dnetisch aaf den Darmkansl zu wifken, and 
denselben znr Ausstofsung dieses Körpers pdar 
Tliierea lu vermngeq; eine SolUtlo EKtraeH 
jHoü» tiquo»i in Thiaura Atat joaldae amato-^ 
RJetn: zwaist Und lieh davon in Jtlilcb m neh- .. 



^ 8 - 

1110D5 tiid befabl ihr daneben, blofs , warme 
Briihe sa geniefsen. 

Ibr nacbsler Bericht lautete: auf den 6e« 
Aufs obiger Tropfen sei das Thier noth lahmer 
gewordeii (ihre eigenen Worte) und habe sich 
kaum in'ehr bewegen können. Da sie nun 
gespiirt habe, dafs durch diese Arznei das 
Tbier getodtet werde, so habe sie am 21teQ 
Junius, um demselben endlich den Garaus zu 
machen , einen kleinen fifslöiTel yoU auf ein« 
mal genommen. (Ein Wagestück von ihr, mic 
unbewufst, dafs ihr freilich sammt dem Thier 
den Garaus hatte machen können). Gleich dar- 
auf habe sie ein heftiges Magenbrennen em- 
fAinded, wahrend welchem sie die letzten 
Bewegungen des Thiers verspürt habe, wor« 
auf dasselbe allmählig weiter hinabgerückt-sey* 
Diese letzte Dosis aber habe sie so heftig an<- 
gegrüfen, dafs sie ein Paar Tage das Bette 
nicht zu rerlassen im iStande gewesen eey. 
Unter dem heftigsten Bauchgrimmen und we- 
henartigen Schmerzen (heftiger als- bei jeder 
Geburt) habe sie bei starkem Durchfall das in 
beiliegender Zeichnung der Natur getreu nach- 
gebildete Tliier durch den Stuhl ausgeleert« 
Als sie mir am Sten Julius das Thier und 
obigen Bericht überbrachte, hatte s^ch ihr fah- 
les Aussehen schon nm vieles verändert; sie 
war in ihren Bewegungen lebhafter, und ihr 
ganzer äufserer Habitus deutete auf eine ganz-- 
liehe Umänderung ihres Zustandes. Unter^ei- 
>ner roborirenden Behandlung erholte /sich ihr 
Zustand id einem Monat gänzlich, und diese 
.Frau geniefst nun — im Julius 1827 -^ der 
besten Gesundheit. Sie hat seit Abgang. die-. 
ses Thiers keine Spur mehr weder von K.räm- 



•^ 9 - 

pfeto,, Bfodi andern Beschwerden gehabt, ha^ 
gnten Appelit, ifst die festesten Speisen ohne 
Kachtbeil|^ schläft gat, arbeitet und befindet 

sich gans munter und wobl. 

1 - 

Seschrtibung des abgegangenen Tbim^ 

Dasselbe war bei seinem Abgang S^Zöll 
ih^n. lang. Im Umfang über den Kopf mala 
dasselbe an 3 Zoll, in der Mitte des Lei(ie8.' 
an 2f Zoll. Dasselbe gleicht in seiner Ge- 
stalt einer rotben Wegschnecke. Fig.'^ I. ist 
^on gelbbräunlicher Farbe , auf dem Rücken 
schnppigt. Am Bauch -^ Fig. 11. ist dasselbe 
hingegen glatt und yon hellerer Färbung; HiU 
ten aber den Bauch läait ein hellerer Län« 
genstreifea — aa — Der Kopf ist ganz glatt, 
Schwärs, und endet sich in eine schnauzen- 
ähnliche Kappe ^^ bb — (ohne d.ifs man eine 
manlähnlicbe Oeffnung entdecken konnte), wel- 
che etwa 2 Zoll weit lose und beweglich über 
dem Körper liegt. Vorzüglich auffallend ist 
der blofs auf der rechten Seite sich befindende, 
einem rückwärts steheudem Menschenohr auf- 
fallend ähnliche Auswuchs -^ e — . Derselbie 
ist Ton knorplichter BeschaiTehheit und toh 
gelblichtem Aussehen ubd ÖiTnet sich inwen- 
dig in einen fadenförmigen Gang. Ebenfalls 
nur auf dieser rechten Seite befindet sich eine 
kleine runde Oeffnung — ä — •* welche eben- 
falls ins Innere des Kopfs hineingeht. Auf 
der linken Seite dagegen — Fig. II. befindet 
sich weder Oefl^nung, noch Auswuchs. Auch 
findet man am ganzen übrigen Körper nir- 
gends eine fernere Spur von Oefi*nuug aufser 
den ani^egehenen. Dieses Thier ist fest von 
Substanz, und War anfänglich elastisch anzu- 
fühlen. Nachdem nun dasselbe aber drei Jahre 



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— 10 - 



lang 10 Spiritus AufhokW^nbrt worden ist, hat 
dasselbe seine Elasticilät verloren , und ist ge- 
geownrijg ganz coinpakt und hart anzufühlen : 
auch ist es durch denselben zusauninengezogen 
worden , so dafs es gegenwärtig um j kleiner 
i«t, als es hei seinem Abj^^ang vor 3 Jahrea 
w^r. Die Zeichnung stellt dasselbe in der 
Grofse dar, welche es ursprünglich beim Ab- 
gang hatte. — 



Bemerkung des Herrn Gth. R, RudolphL 

Das Thier ist die nackte rothe Schnecke 
{Uuuix rufus Linn.)^ \n der Farbe etwas heller; 
die Oeljriiung am vordem Theil ist die des 
Kiemeusacks oder, des ßespiralionsorgans. 



— 11 



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' '■' It.; - 

. MedioiDisch - Praktische 

*B e o ha ch tun ge;a. 



Von 



Dr. Jakol) Christoph Schprl), 

Vhytikut des Canton Thiirgauiscihen Bjeiirksamfr 
, BiscHofFszell in der Sohwois* . 



N • ,. — V 



\ 



1. 

Verwachsung (Obliterationy des Iniestinum ColonJ 



.JCjin Mann von 61 Jahren, vorher famier ge- 
sund, aufser dafs er vor 12 Jahren lange aa 
einem dreitägigen Fieber gelitten , welches erst 
oach mehreren Recidiven« der China g&wi- 
chen', von welchem ör aber ohne einige Nach- 
theile vollkommen Tgenesen,^ fing in den spä- 
terh Jahren an, sicii sehr dem Mosttrinken ^') 
•(Obstwein) zu ergehen^ und hierin das Blaafs 
öfters zu überschreiten. Dennoch blieb seine 
* - ■■' . \ . 

*) Ein Getränk, 'v^lcbes in hiesiger Qekend bei 
starkem Obstwachs in grofs^r Menge l}erlBite(^ 
' und vom Landvolk zum Schaden una Uuio sei- 
ner Verdauungs - Organe bäuiig sehr gequirs- 
/^bnucht v^ixd^ 



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r.' . ' ^ ' 



/ 



V' ■ ^ 12 _ 

Gesuodheit uDgetrübt, bis er im Frühling des 
Jahres 1821 wiederholt über Verdauuogs-Feh- 
leri verminderte Efslust, Schleim- AnfüliuDg etc. 
zu klagen anfing^ welche' Beschwerden abet 
auf angemessene Arznfeien imra^r bald und 
gänzlich wichen. Inzwischen war die anschei- , 
nende Herstellung nicht von lauger Dauer, in- 
dem er schon im Herbstmon^t wieder wegen 
irerlorner Efslust, heftigem Ueifsen im Leib 
und Aufstofsen ärztliche Hülfe suchen mufste, 
"von welchen Zufallen er die Ursache einem 
kalten Trunk bei erhitztem Körper' zuschrieb. 
— ^ Diese Unjiäfslichkeit dauerte langer, als 
alle vorhergehenden, und es wahrte w^nig- 
•stens 14 Tage, bis er sich wieder in einein 
leidentlichen Zustand befand; denn vollkom- 
men erholte er sich nicht mehr, klagte voa 
Zeit zu Zeit über Unbehaglichkeit im Unter- 
leib, und dafs ihm der Most nicht mehr 
schmecke, und wohl bekomme, doch kehrte 
er erst gegen die Mitte des Ghristmqnats zum 
Avz neige brau eil zurück, und suchte vorzüg- 
lich g^g^n schon eiüige Tage andauernde, und 
immer zunehmeHde Schmerlen im Unterleib« 
-besonders auf der linken Seit«, unregetmäfsi- 
gen Stuhlgang, bald Verstopfung, bald Durch- 
fall» uöd gehinderten Wind -Abgang Hülfe. 
— <• Eine dazumal gegebene auflösende Mixtur 
mit bittern Extracten that noch erwünschte 
Dienste. 

Allein im* Anfang des Jahres 1822 na^m 
das UehÄl eine weit ernsthaitere Wendung^ 
indem er berichtete, dafs die Unterleibs- Schmer- 
zen ilvi zwar nie ganz verlassen haben, kom- 
men unfd wieder verschwinden , — aber nun- 
meäro isich sehr vermehren. Die gleiche Arz« 



> V .' * - 



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'■ ■" - ■ - . ■ . • 

I ■ - ■' ' ' <\ "^ '^ ' 

' Mt wii_i4# AQU n}cht:n|elur Verimgen, err^gle- 
vwftifkC« Uoter-Utbs^cfimerzeb » Dorftt> Brecb- ' ^ 
«ili/ and •ndli<;h wirkliches Breehan« \voxa 
aicikjiaQS Ttrtoviie Eblu«! geseHle« "— Diey s ^ 
Aawdodiiag Tier Kohlensäure «liUtezvrAf ''dar: /- 
Sibriclimy all^ii die Scbmärzen im Ualer* 
Mb, ^w MageAdriieken , Uebelkeiten di^uer*, 
Hm fort» bis eadÜcb ein starker Durchfiill ^* * ." 
teipm i- yfelthen ^egehenB^MucilasihOia und ^ 
wttta^fAÄ »liUteo f uod ai^ch^ die Unterleibs« ''. ^ 
jSdMMr^an beschwichtigten; so dafs er siclr.. 
a*br ^leiden tlicb, obgleich ma^, bel^nd, uud :^ . 
d«a ECiIust sich wieder einigertnafsen ein* 
•Utile.' ;. / ,. 

jK . ; Inswjschen war auch diese aoscli einende ^ ^ 
[y ]&aswmng\ipr von kurzer Dauer» iudeoi nach f 
' UTAttigea Tagen die Klage über mehrere Seh uiei%- 
seil im Unterleib, Herumfahren^ und Poltern^ 
in den Gedärmen, so wie über , verminderte ^ 
Efslust sich erneuerten« Gereictite \^eliude 
Jt/io6flr&flrirui bewirkten ein äufserst heftiges und 
arhmerzhaftes Brechen , und erst am Ende ein 
Paar Stuhlgänge, so dafs sögleibh, wieder za . 
krampf- und schmerzstillenden Mitteln die 
Zoflucht genommen werden mufste. £s bes- '■ 
•erte hierauf in so weit ^ dafs die Schmerzen 
aboahmen, die £rslust sich wieder einstellte *— 
allein die Klagen über die Anfüllung, Herum- 
^ÜEihreo und Poltern im Leibe mit Schmerlen! 
verbanden, hörten nie gänzlich auf: er. konnte ' « • 
und durfte nur sehr wenig essen , auch war 
der Stuhlgang dabei selten und wenig. Am 
' Ende des Monjats trat ein freiwilliger Durch- 
^ iall ein, wodurch der Kräuke Behr erleichtert 
' wurde, die Unterleibs -Schmerzen sich verlo- 
' reo, und er nur vor2;Sglich über ein lästige«. i 
Aiifstolsen klagte, - < 



4 



/ . 



— 14 — 

Im Anfang des Februars änderte sich die 
Scene in so weit , dafs in den ersten -Wochen 
\oa 8 zu 8 Tagen zuerst Anfiillung im Uo- 
ierleih u^d der AJagengegend eintrat, ver^Qn- 
den mit iiorbarem und starkem Poltern in den 
Därrneiif hierauf zeigten sicit immer heftiger 
.werdende, und aus dein Unterleib zur Herz- 
grube steinende Schmerzeh, welchen endlich, 
ein starkes» saures Brechen, und am Ende 
Durchfall , oder mehrere flüssige Stühle folg- 
ten. — Nach diesen Ausleerungen war s*^iii 
Beftiulen nicht übel, doch nahmen die Kräfte 
merklich ab, und der Appetit kehrte nie wie- 
der zuriick. Diese Schmerz- und Brechan- 
fälle wurden von einem Äfal zum andern hef- 
tiger und länger dauernd; der Durchfall nach 
dem Brechen aber verschwand ganz, und vom 
Stuhlgang zeigten sich nur noch wenige Spu- 
ren. — Der Kranke vertrug nuta fast gar keine 
Arzneien mehr, als noch eine leichte schmerz- 
stillende Mixtur, und alle Clystiere, deren tag- 
lich 2 aus der nufJusencJen Klasse gesf^tzt.w^ur- 
den, gingen bald und ohne allen Erfolg weg; 
/. hiJchstens folgten denselben wenige Scybala. 

Er nahm von Anfang des März äjufserst 
wenige JVahrung mehr zu sich,' zum Theil aua 
Abneigung, zum Theil aus Furcht des Brew 
chens^ und die Schmerzen zu befördern, wel- 
che nach seiner EmplUidung durch AnfüUunj* 
des Magens und der Gedärme rege gemacht 
wurden. Wirklich dauerte es diesmal langer 
als allia vorhergehenden Male, nämlich 11 Tage, 
jbis am 8ten März wieder irbelriechendes Auf« 
stofsen , anhaltendes Tollern in den Gedärmen, 
aus dejc. Tiefe des Unterleibs sich nach der 
Herzgrube^ausdehuende und immer sich ver- 

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im1||9oi|« $chm6T2€fd einstelUän^f öfteres Bre-» 

«Mü erföl^tA , ' bia endliclt HDler den (tirchtar-^ 

]fcK|UNi-^A9Str6iifuogeii .und ßchr^e/zen . nach 

KiOli /.riechende *uod- \i^i6 Mo^ilhefeu ^usee« 

4eied#, Slaiejcie. in ^ofeen Jtlassen.aiiogeworfeii 

HiirdevT' Hi^^rauf t^At ^iirieder deriRuhilstiindi 

mvki'^'dÜrpnA welchem er zyvat nieniais gani 

•ctaMTzenirei' wac , und ein .foi*tdau^rnda8 tn^* 

B^dii^ek Arbeilen und Wehethun angfib; dobk 

ianse Tag* ruhig auf seinem Lager la^; der 
ilaKIgang lilieb . gänzlich aus , die Glystiere, 
guigen immer bald nach der AppUcalion ohne 
Jftwat 'initflufiihren , ab. Der Unterleib wiir 
fiberUH weich ,» und in der Nab^lgegend und 
.g«g0n die linke Seile etwas empfindlich; inei- 
ibtiMis Uein^ dpch von Zeit zu Zeit erfolgten 
.Törilbergehebde Auf (reib ungen desselben ; der , 
Knoke n^hm in diesen besseren Zwischen- 
aaitei^ täglich kaum ein Paar LoiFel voll Brühe ' 
»u sich. Am 17ten und 22ten März, so wiB 
am 4ten April stellten sich äbnliche^' wie oben 
.«bescbriebene, nicht minder heftige Scbfnerz-« 
. ÄBfaile und Kothbrechen ein , wobei nach der 
Angabe , des Kranken, die stercorose Materie 
aoa . der untersten Tiefe des Unterleibes her^ 
mtfgearbeitet werden mufste^ — Mit der zu- 
MÖbmenden Schwache blieb nach dem 4ten 
April das Brechen aus. Von da an nahm abec' 
aaeh der arme Leidende gar keine Nahrung 
laahr zu sich, und nur im Anfang noch von- 
Zait 2u Zeit einige Arzneien, so wie auch 
mit den Clystieren aufgehört werden mufste^ 
daran Application er wegen Schwäche nicht 
mdir erleiden zu können, behauptete. 

' Er hatte von nun an zwar weniger Schmer- 
/«MBy doeh ein inneres Treiben, Foltern^ Knei* 






\' 



i 



V - t6 — 

pen im Unterleib, liefs nie ^anz nach » öfte- 
res Aufstofsen mit Kothgerncbt bisweilen par- 
tielle Auftreibungep im UnterUib, wenig Schlaf* 
-^ In den letzten Wochen seines Lebens könnt« 
er auf der recbten Seite wegeh sich einstel- 
lenden. Schmerzen nicht mehr liegen, doch Jag 
er meistens ruhig auf sein eni Bette, und war 
zufrieden, wenli ihn nur niemand beunruhigte 
oder störte. — So lebte er Wochen und Mo- 
nate hindurch y ohne einige Nahrung, oder 
selbst nur Getränk zu sich zu nehmen; 1 — 2 
EfslofTel voll Brodwasser war in den letzten 
Wochen alles, was er in 24 Stunden in den 
Mund nahm, und meistens spie er auch die- 
ses wieder aus, mit der Aeufßerung, dafs al- 
les, was er zu sich nehme, Schmerzen er* 
wecke, und er schon zu voll sey. ~ . 

Es war in der That für die besorgte Gat-* 
tin, Kinder, und den Arzt ein herzzerschnei^, 
dender Anblick, den unglücklichen Väter* von 
Tag zu Tag sich 'dem Hungertod nähern zu 
sehen j und ihm in diesem traurigen Zu- 
stand keine Hülfe , ja ticht einmal einige 
Erleichterung oder Erquickung yerschaiTea zu 
können, und beinahe unbegreiflich kam. es' 
allen. Welche den armen Leidenden sa- 
hen und kannten, vor, dafs sich sein abge- 
zehrter Körper so viele Wochen ohne Nah- 
rung erbalten konnte. — Freilich wurde sein 
Puls allmählig schwächer, und die Kräfte 
schwanden immer mehr, doch erfolgte das nur 
allmählig; bis auf die letzte Woche safs er 
noch ;EUweilen von seinem Krankenlager auf, 
und spracli kräftig, wie in gesunden Tagen, 
-^<^ Nun zeigten sich aber von Zeit zu Zeit 
bei Oberhand nehmender Schwäche, Geistes^ 

ab- 



- 17 - 

nbwesenlieifen, oder Tielmefar verworrebe pban- 
taiien ; - in den letzten Tagen erfolgte noch 
2 Mal einiger Stuhlgang, was seit vielen Wo* 
chen nicht geschehen war, ntid so entschlief 
er den 17ten Mai sanft und erst noch aner- 
wartet, nachdem er 6 lYochen, ohne Nah- 
rangsmittel zu sich zu nehmen, gelebt hatte. 

Am~ folgenden Nacbmitfag wurde von mir 
und .eiuem meiner Coilegen die Leichenöfit- 
nnng vorgenommen, wobei sich folgendes ergab : 

■ Der Leichnam wlkr ganz abgezehrt, .der 
Unterleib klein, zuiammengefallen, nirgends 
eine Härle, so wie im Leben, fühlbar, hin 
and wieder bläulichte Stellen an demselben 
bemerkbar; die Banrhrauskeln hatten ein yer- 
dorbenes, blänlichtes Ausehen« Die Gedärme 
waren bräunlich , und zum Theil brandig, . 
besonders das Coecum biauschwärzlicb , von 
Winden aufgetrieben , von welchem die Portio 
asandtns iritesüni coli gleich aufwärts und quer 
Sber den Uolerleih links gegen die Nabelge- 
gend und Milz stieg, und von Winden stark 
ausgedehnt war; der Magen lag über und hin* 
ter demselben gegen das Zwerchfell leer, zu- 
sammengefallen , und von aufsen natürlich 
aussehend. — Da wir zur Verfolgung des 
Colons von der Milz an, die auf demselben 
liegenden, dünnen, weniger von Luft ausge- 
dehnten, aber ebenfalls tothbräunlich, und 
zum Theil gangränös aussehende Gedärme auf- 
hoben, fand sich auf der linken Seite unter 
den kurzen Rippen und in der Lendengegend 
- aasgetretener Koth, welcher die Gedärme über- 
zog, und gleich entdeckten wir eine bedeu- 
tend grofse, schwärzlich aussehende Oeffnung 
in der absteigenden Portion des Grimmdarms, 
loum, LXVII. B 4. S«. B 



*^ lö -r- 

jiiic terrisMnen und Iheils aufgeworfeheii Rän- 
dern, so dafs man fiiglich den kleinen Finger 
hineinlegen konnte, und bei weiterem Nach- 
suchen , etwa eine Handbreit weiter unten ge« 
gen die Eltxura iliaca ein ganz ähnliches und 
beinähe gleich grofses Loch, ausweichen bei- 
den der Inhalt in die Bauchhöhle flofs; «wi- 
schen diesen beiden OeiTnungen konnten wir 
die Fortsetzung des Darmkaoals nicht ent- 
decken, und beschlossen defshalb den Magen 
sammt dem ganzen Darmkanal zu näherer 
Untersuchung herauszunehmen. — Bei dieser 
Operation fand sich das grofse und kleine Metz 
zwar ganz von aller Fettigkeit entblofst; die 
beiden Blätter desselben aber waren braun- 
röthlich, eben so verdorben sah das Mesente- 
rium in seiner ganzen Ausdehnung, aus ; die 
Gedärme waren a^f beiden Seiten, besonders 
auf der linken,- in der Gegend der in dersel- 
ben Torgefundenen Oeffnungen widernatürlich 
durch das Zellgewebe mit den darunter lie- 
genden Muskeln verwachsen, so dafs sie mit 
Mühe losgetrennt werden konnten. 

Bei genauerer Untersuchung der heraus- 
geschnittenen Theile fand sich die Tunic in^ 
Urn» ventricuL ganz verdorbe«, braunröthlicb, 
hin und wieder abgehend: der Fjlorus war 
offen und natürlich beschaffen ; von gleicher 
kraakhaftex Beschaffenheit, wie die innere Ma- 
genhaut, zeigten sich die dünnen Gedärme, 
mit dünnen Faecibus ohngefahr zur Hälfte an- 
gefüllt, das Goecum, wie gemeldet , bläulich- 
achwarz, sehr verdorben, und ausgedehnt, und 
als wir an dem Colon zu der ersten widerna- 
türlichen DarmofiEnung gelangten, zeigte sich 
der Darm ohngefahr eine starke Handbreit bis 



— 19 - 

cor unteren OeiFnang ganz verwachsen, und 
das Lumen desselben verschwunden. Beim 
Purchschneiden dieser verwachsenen Darm- 
wandung sah ihre innere Substanz steatoma- 
tos aus 9 und die Darmdriisen waren in eine 

K eckige Blasse degenerirl ; unter der unteren 
irmoffnuDg aber das S, romau. und der Mast- 
darm zum Tfaeil noch mit Koth angefüllt. -— 
Die Leber war klein, welk,, ihre Substans 
übrigens unfehlerhaft, die Milz klein, mürbe 
und verdorben, die übrigen Unterleibs- Ei nge** 
weide gesund; die grofsen Blutgefäfse aufser* 
ordentlich blutleer, so dafs bei dieser Section 
kaum 1 Elsloflel voll Blut zum Vorschein kam. 

Es war nun freilich nicht schwierig, aus 
den Krankheitserscheinungen zu abstrahiren, 
daft tief in dem Darmkanal ein wichtiges und 
wohl unheilbares Hindernifs vorhanden seyn 
mufste, welches den Nahrungsmitteln keinen 
Durchgang mehr gestatte, und defshalb alle 
Zufälle der Passio iliaca veranlafsle. — Ob aber 
dieses Hindernifs in einer Intus susceptio inte» 
iiin,j oder in einem krankhaften Zustand der 
Valviäa CoÜ^ oder in einer Verengerung, Co- 
crciatiOy der Darmwandungen bestehe, oder 
von einem widernatürlichen Gewächs herrüh- 
re» welches auf einen Tbeii der Gedärme 
drucke, und den Kanal verschliefse , konnte 
nicht bestimmt angegeben werden ; -— desto 
merkwürdiger kam uns die vorgefundene gänz- 
liche Verwachsung eines so hedeutend langen 
Theils des Grimmdarms, und seiner inneren 
Haut vor, da die Erfahrungen und Beobach- 
tungen früherer Zeiten mehr von den erste- 
ren kranken Zuständen sprechen, von dieser 
Krankbeitsform aber die Angaben sehr spar- 

B 2 



— 20 - 

saia^siojl. Nach PloucquitU RepertQnam fin- 
den sich zwar Fälle von Yerwacbsungen des 

' Darmkanala. überhaupt, oder einzelner Därme 
aufgezeichnet in Benivenü de abdit. motb. Cßu- 
$h Ccp. XXXII. Mphemerid, natur. cwrios. IDtci 
11. Ann. VI. MarceH. Donat. Lib. IK Cap. 
X. Rhodu Observ. Cent. 11. JVo. 77. et 82. 
Eine Verwachsung aber der inneren Häute des 
Orimmdarms , und daherige Aufhebung der 
Hohle giebtMorgdgm *) an , so wie de Haen*^) 
jeine vollkomniene Verengerung .und Zusum- 
menziehen des Colon beschreibt^ als ob der 

/ Darm durch einen herumgeführten Faden erst 
AngeschnSrt worden wäre. Besondere Aehn- 
lichkeit ^mit diesem Fall hat aber die- Oblite* 
ration des Mastdarms in der Länge yon 6 Zoll 
welche PFilmot ***) beobachtet, und nipht' 
weniger die Beobachtung, welche Robert Mil^* 

^ Ion *^*) angiebt^ wo ein Frauenzimmer von 
52 Janren an einer allen Arzneiea widerste- 
heufden Verstopfung starb', bei deren Leichen- ^ 
offnung der absteigende Theil des Grimmdarms ' 
an der Flexura sigmoidea^ nahe an der Spitze^ 
^es Heiligenbeins und ah dem Anfang des 
Blastdarms so zusammengezogen war, dafs ^ 
triebt das Geringste durchgehen konnte. — 
Es war» sagt er, diese Zusammenziehung nur 
sehr allmählig entstanden, indem diese Stelle 
disie Darms ganz hart und callös war. 

•)\D# 'Sedih. tt caus. Morh. Epist. XXXIX. Ar- 
tie. 29w 0t seq. T 

^^RaU Medsndi Pars iU p. 65. 

'^**) Horh^s Archiv für xnedicin. Erfahr. Jahrgang 
1824 Septbr. u. Octbr. pag« 351. 

♦♦♦*) Suniplung tusoil. Abhandl. tum Gebr. pra&c, -" 
Aeirstf. lOtex JBand« pag. 392. 



— 2t -i. 



Der eraifi Anfang nod VorlMraUldit. n 
ser iraurigeo KnoUisit mag aich wo|if nb- . 
längerer Zeit herscltraib«a, 'wahnchainliclt amr ' 



Jener kalie Trunk bei «rbitatem KSrMr 'i 
einem chronischen Epträad«ng«kaaUtid in .di»< 
, iea Gebilden die VeraoluMiDg gagaban lubaa;' 
weoigsleoa scheioaa dia tob, da »a griSilMaa, 
nnd Die ganz TenchwDndaoen Klagan fUtar 
Beirien im Leibe, yonSglioh abf dar liakAB 
Seile, und die eingalratepea VerdatiiiDgabf-i^ 
scbwerden JaluD zu denteun, di« Zarbanlnag, 
und der Diirclilirucb dal Dannss ab« azat.m 
den letzten Lebeaita'g«^ sntstiuiden an »9f^ 
indem tlieils noch Tvenig ausgatrelenar' Ki^ ' 
angelrofien wurde, und bei bnhint .Zmtnii* \ 
.kuDg, elie der Darmka&al'^eia aigaattiiiinli>< 
cbes Leben bereits Tfirloren batta, dar Ana« 
' tritt desselben, soiVna;dar in aafstaigandait 
>'Theil des Cülons und im Cöecam aUga^Saf- 
len Winde weit balracbtliehei UtM. MfA 



'IVie aber ein durcIiTOTbatgegangaaaKrank- 
*fcrit' bareits ausgemergalter und enchSpftar 
' KS^er .noch 6 Wochen lang ohne Nabräng 

2ic^ eriUlten ^önae, gränzt immer ana- Err 
taUnaiiBWÜtdige, 



2. 

Eina. Frau toh 36 Jahran, welche Dftch. 
.ihier Angabe frtiherhio gesand geweaen, «oS' ; 



- 22 - 

V 

die Menstruation in Ordnung geUabt h 
fing 2 Jahre nach ihrer Verebelichuog mi 
nem jungen kräftigen Manne ^ während, 
chem Zeitpunkt sie nie in Schwängerst 
gekommen war, zu kränkeln aq« — Im H< 
des Jahres 1818 nämlich begannen ihre 1 
ses unregelmäfsig zu werden , und sie ai 
terer Stuhlverstopfung zu leiden. — Vers« 
dene gereichte auflösende und abfuhrende 
tel hoben diese Klagen nicht; zu dens< 
gesellten sich später Husten, Enge, unc 
dere Catarrhal - Zufälle, welche sich zwar 
der verloren, aber bald nachher fing siel 
der rechten Seite des Unterleibes eine 
schwulst und Härte zu zeigen an, die in 
ser Zeit schnell wuchs, sich untergreifen 
hin und herschieben liefs. «— Da die 1 
9truation inzwischen gänzlich ausgeblieben 
und sich nur von Zeit zu Zeit ein geri 
Blotabgang einstellte, die Härte im Untc 
bald einen Kindskopf, bald Glieder des 
de3 dem Gefühle darzustellen schien, so sc 
Ben der Arzt und die Hebamme bald auf 
berverhärtung, bald auf eine Graviditas eas 
ttrina^ bald aqf innere organische Fehler^ 
endlich wollte letztere gar ein widernal 
ches Gewächs in der Gebärmutter selbst 
deckt haben. — Mit der Zunahme der U 
leibs- Gesehwulst magerte der Oberleib bi 
nem ungewöhnlich starken Appetit immer: 
ab,, die Fdfse und Schenkel schwollen an 
ordentlich stark an , und so wurde icl 
Jfrifr 1810 ZQ Rathe gezogen« 

Bei der Untersuchung fand ich die G 
Miiiter in ganz natiirlichem Zustande , 
Multermancl geschlossen) den Unterleib ai 



— aa — V -^ 

ordenllicb »ufgelrleben, ^agtii 2BU•o'.iarynt■ 
faog, gegpaoul, uateo auf dwi JScbcokslB M^ 
liegend, hart- eine ähDUcb«' Birt« «af.dW 
recliUo Seile gegen die Jjflbar-Ceg^adf dsAM ' 
zwischendurch einzelne SiaIUd 'nacfagfliw^j^ 
weich, die Fluctuation in denMibaa iuid«Hi< - 
lieh, dampf, den Urio-Abgtog von Änbag. 
an gahürig und von natärUcber Firb«, (ti* 
Efslust stark.; und schnell« AnHillaDg b«i d«n» 
■0 hohen, bis in die Herzfrub« gUichf&rmig .- 
aoeespannten Unterleib, ohäa Kljatiare ftHct? '. 
dauernde Sluhlverstopfuog^ d«n FuU toII mtÄ ' 
tftngsHin, die Kräfte gut, das AaMehan bU(% 
Gesicht und Anne abgemafwt, dat.Gabw ■»«. 
'«ohi als dns Liegen aber wagea dam ütikA^ ' 
'lörlicben Unterleibs - Gewi cht üiiÄantbaMh war- 
Heb, einen krampfhaften, schOMKluflai), trodt- 
«eo Husten, und starke Klagen fib«r Schmar*- . 
len in der Regio hypogtatrif. ood dw :Unib- 
klawa - Gegend. 

'Ob: ich ntin gleich die KraaUiait nialit 
TO» Attfang an zu baobachteti, und dam Ent- 
•tolieD der Unterlaibs-GMcbwulst von ibNOt 
•nlsK Ureprting nachzugeban Galaganhait (»r 
babt halle, so seiigleti>doch gegen Mbar-Twa - 
Uftnog' die gute Verdanang' bei starker Bbi«' 
ImI; , gegen -alDfl Krankheit dar GebärniDttery 
das Ergebnifs dar innerlichen tlntersachnng^ ' 
md -gag^B BauchwaBsersucht die BeschafGin- 
fcnt des Unterleibs , und der ungehinderts Ab- . 

«ing- eines hinlänglichen und natürlich klare« 
rins, so dafs ich nach genauari Grdanrung 
das Ganges der Krankheit, und aller Torli*- 
fMidai) Zufälle entweder auf einen Bydrop, 
taecat. oder Hydrnp. ovarü ikxtä zu schliabsa 
:wich betechligt hielL 



— 24 — 

Nftdidetn derkrauipfliaft^Reizliusten durch 
dienliche Mittel beschwichtigt, und mehrere 
Monate hindurch riele der kräftigsten auflo« 
•enden , auf das Uterin - System wirkender und 
Urin treibender Mittel ganz kraftlos, und ohne 
* Wirkung gebUebeil waren , so rieth ich an 
einer der nachgiebigs^ten Stellen^ wo die Fluctua-» 
tion am deutlichsien war,^ zur Functur, wo* 
bei ich deo Verwandten erklärte, dadi^ da die 
meisten Zeichen ^iner Bauchwassersucht feht« 
ten^ ich zwar nicht auf starke Ausleernag 
des Wassers Rechnung mache — in dieser 
Lage der Sache aber könne und wöge die Ope- 
ralipn durch Entleerung eines oder mehrerer 
Wasqersäcke oder Hydatiden yoriibergehende 
Erleichterung verschaffen , uud yielleicht^ über 
die Natur . des Uebels näheren Aufschlufs ge- 
ben f auch müsse sie um so mehr angerathen 
werden^ da sie ganz gefahrlos sey« 

Dieser Vorschlag wurde aogenomuient^ und 
der Bauchstich beinahe auf der nämlichen 
Stelle > wo die Paracenthesis gemacht zu wer- 
den pflegt, auf der linken Seite unternom- 
men. -— Es flössen nicht mehr, als etwa 3 Schop- 
pen eines häfslichen , schleimig teu , braunen^ 
fadenziehendeo Wassers aus y welches schwer 
durch die Canule abflofs, und sich in häutige 
Concremente zusammenzog. Der Umfang des 
Unterleibs liel um ein Paar Zolle, die starke 
Füfs- und Schenkel- Geschwulst nahm bedeu- 
tend ab, aber alle übrigen Umstände bliebea 
iinTerändert, — Es wurden nun wieder län- 
]gere Zbit 'hindurch die innerlich angemesse« 
n<^tt Mittel in starken Dosen und verschiede-« • 
Ben Formen gereicht, welche hier alle anzu- 
führen, ich für eben so überflüfsig, als dem 



— 25 — 

Zweck, zo welchem ich gegeo wartige 6e- 
•chicbte mittheilet entgegenhalte und begnüge 
mich defshalb mit der einzigen Anzeige, dals, 
wie man zu sagen pflegt*, alle Register, aber 
ohne einigen- Erfolg, angezogen wurden: der 
Urin ging gehörig, selbst stark, und dabei 
nahm der Umfang des Unterleibs eher zu als 
ab, die Fufsgeschwulst vermehrte sich, und 
dehnte sich über die Lenden-, Gesäfs- und 
Rücken - Gegend aus. Die Schmerzen in der- 
Mtg. hypogastric. , das Ziehen des ganzen Kor« 
pars wurden immer empfindlicher; die arme 
Leidende hatte weder bei Tage noch Nachts 
Ruhe, kon^e bald beinahe weder liegen, noch 
sitzen, noch gehen, indem das Gewicht des 
Leibes sie zu überziehen drohte. Sein Um- 
iang betrug jetzt 4' 5". 

In dieser trostlosen Lage ward von mir 
eine Gonsultalion verlangt, und hierfür ein 
benachbarter, sehr geschickter nnd erfahrner 
Arzt berufen, Es ward nun beschlossen , weil 
mit dem gewöhnlichen Troiquart das im Un« 
terleib oder in Säcken enthaltene Wasser we- 
gen seiner Dicke und Zähigkeit nicht habe ab- 
fliefsen können, mit der Lancette an der nach- 
giebigsten, weichsten Stelle eine Incisioa zu 
machen , dieselbe durch Wieken offen zu er- 
halten, und der Ausflufs der zähen Conten- 
tea des Unterleibs durch angemessene Injectio- 
nen zu befördern zu suchen* ^^ Den 24ten 
Octob. wurde diese Operation ohngefähr in 
der Mitte zwischen dem Nabel und dem 
Schaambein unternommen, und dadurch 2 — 3 
Blaafs einer häfslichen , dicken , fadenziehen- 
den, mit Eiterklümpchen und Fett untermisch- 
ten Feuchtigkeit .ausgeleert : die Nacht über 



^ 20 - 

flofs noch bei 2 Maafs eines äliolicheo, sul- 
ssigen Walsers ab. — Atn fülgenden Tag fand 
ich die Kranke aehr schwach, .eingefallen, 
iiher heftige Schmerzen in der Magenge^eod 
klagend : der Unterleib halle wenig abgenom* 
men, und die Injection führte wenig ab. — 
Den 26ten stellte sich unter cunehinender' 
Schwäche und Schmerzen heftiger Durst, Bre- 
chen von allen was sie zu sich nahiil, mit 
heftigem Gestank, schwarze, aashaft riechende 
flüssige Stähle, und die andern bekannten 
Zufülle von eingetretener Gangraena ein , und 
so verschied sie den 27ten unter einem sol- 
chen Anfall von Brechen. 

* * 

Den darauf folgenden Tag ward der Un- 
terleib im Beiseyn mehrerer Aerzte geöffnet^ 
wobei sich folgende Merkwürdigkeiten zeigten. 

Bei Aufhebung des Leichnams flofs viele 
äufserst stink'ende, gelbe Feuchtigkeit aus «dem 
Munde, die Bauchmuskeln waren sehr diinnei 
liyid; das zwischen denselben liegende Zeil- 
gewebe mit einer weifsen, gelatinösen Fe|icb- 
tigkeit, hin und wieder Hydatiden bildend an« 
gefüllt. — Aus dem geöffneten Unterleib flös- 
sen "heiläufig l§-^2 fllaafs eines gelblich ver- 
dorbenen jauchartigen Wassers ab, und hier- 
auf zeigte sich ein grofser, unebener, hocket 
rigter, und mehr und weniger fester Korper, 
welcher von dem Becken anfangend, den gan- 
,zen Unterleib einnahm, und bis beinahe an 
. xdie Herzgrube reichte, wohin er alle Gedärme 
^ sürückged rückt hatte. — Sein äufseres Aus- 
sehen war bunt, oben braunroth, stellenweis 
gelblich wie Fettmasse, nach vorne zwei gro- 
fse Hydatiden mit gelblichen Wasser, aoge- 
fiilll?'er hatte' Vertiefungen uitd Eriiöinwee : 



— 27, ;—■;■';.■.„ ■ 

nncb unten entdeckte man den K«D)achtm',Lab- '. 
zellen-EinSlich in einer tlÖhls , uns ^itfel^liet. 
noch viel sclileiinigt-eiterärlig«, fili«! -aus*»* 
hende Feuclitigke!t abfiah. — TKeMatyriAut- -.■ 
natürliche Gewachs schien ron der recbUi» . 
EierBlock- Gegend zu «nUtehail, womit «i^ w 
-wie mit dem Gm od ''dar Urinblase fleet' TMy 
wachsen ^ar; \on da lag es auf der rächten: ' 
Uaierleibs- Seile frei am Faritonaenm, '«nd. 
nur nur auf der linken Seit«, mittelst V^olf. 
festen, 'widpraalürlichan filemDraavB mit dam , 
Bauchfell verwachsen, lo dafs es obii« vialli. 
mühe in die Höhe g<|^ob»n, and von lelntir: . 
Verbindung mit der rechten Eientock- 6af;ead . 
losgetrennt werden konnte. Bei dem Zurüclt* 
legea dieser uogeheüitr grofsen und adiwtTep 
nasse rifs der daran befestigte GrUnd der Urin«. "' 
blase entzwei, deren Hänte in dieser Gegend 
uDgewöhnlich dünn \raren. 'Dieser ganze hvr- 
aDSgeoümmene schwere Körper wurde einat- 
weilen in eiaeu grofaen Kiibel^ welchen «r 
ganz austiillle, bei Seite gelegt, um Yordersamat 
die Unierleihs-Eiogewaide ganauer zu unlei- 
BDchen, und seinem Ursprung näher au kom^* 
Uten, zu welchem Endzweck die ganz- in dia, 
obere Baucbgegend, wie oben bemerkt, her- 
aaf gedrückten Därme abgetrennt ubd h'erana- 
gaBoDimen wurden. — Der Mastdarm zet^a 
lif:b biebei schwarz, brandig, die abstaiganda 
Purtion des Grinitndarnis und sein« ^Itxura 
äiaca waren von dem "Gewicht das auf sia 
diückendea KiJrpers ganz flach gadrÜckt, nnd 
sehr verdorben bräunlich aussehend; die übri- 
gen Gedärme halten hin und wieder brenn* 
iStiblicb», gangräoescirende Stellen, waren abfr 
W«dar von Koth , noch von Luft sehr ansga- 
dahat^ noch hatten sie im Ganxan genumam, 



-- 28 - 

ein sehr krankes Aussehen. Der STägen ent-t 
hielt noch viele Flüssigkeit , sah übrigens na- 
türlich aas. Die Leber lag ganz unter den 
Rippen an das Zwerchfell angedrückt, wut 
gesund, die Gallenblase enthielt viele flüssige 
Galle, die Milz und Nieren sahen rothbräan- 
lich aus; die Blutgefäfse waren stark ange- 
füllt: das Mesenterium, und besonders das Sie« 
socolon sehr verdorben , braunrothlich gangrä- 
nös ; die Gefafse derselben strotzten von Blut, - 
ebed so krankhaft, verdorben, schwärzlich', 
zeigte sich das Feritonaeuin an verschiedenea 
Stellen, und vorzüglich auch der die untere 
Seite des Zwerchfells überziehende Theil : die .^ 
untere Hohlader war von Blut ganz aufgelrie- : 
beo, so wie die übrigen Unterleibs - Geiafse 
blutfoth. Bei . näherer Untersuchung der im 
Becken enthaltenen Theile stellte sich das den 
Mastdarm und die Gebärmutter umziehende . 
Zellgewebe sehr krankhaft, röthlich, schlafiF 
und meistens brandig dar; die Mutterscheide 
und Gebärmutter waren natürlich beschaffen: 
am linken Ovario eine nufsgrofse Hydatis; die 
Fimbriae waren röthlich, entzündet, das rechte . 
Oyarium fehlte, an dessen Stelle fand sich 
eine anfangende Speckgeschwulst, wo jenes 
grolse Gewächs war abgeschnitten worden, 
dessen Entstehung vom rechten Eierstock mit- 
bin deutlich zu Tage lag. , 

Diesd nun wieder vorgenommene After - 
Organisation war von rundlicher Gestallt bei 
1| Schuh lang, beinahe so breit, und vro sie 
am dicksten war, betrug sie beiläufig einen 
ilchuhj an der oberen, gegen die Bauchwan- 
ddng gelegenen Seite merklich erhoheter, als 
auf dto unteren, übrigens — wie oben be- 



— 29 — 

inerk^ -X "^^^ yerschiedener Ffirbe, uneben 
jnit ErhoIiUDgen und Vertiefungen; die Con- 
tistenz an der einen Sfelle fest, an andereo 
Dachgebend, und dunkel iluctuirend. — Sie 
httte mit einem Wort ausgesprochejn, — die 
Form einer grofsen und dicken , stark getrie« 
benen Pastete, Beim Einschneiden der nach« 
giebigen Stellen flofs aus den grufsen H(>hlen, 
in welche man ohne Mühe, die ganze. Hand 
firiDgen konnte, aus der einen eine gelbliche^ 
ichleimigte Feuchtigkeit , aus anderen dickere, 
fette, and eiterartige Materie, aus der dritten 
iigentliche Jauche; die Wände bestanden gro- 
benfheils aus Fettmassen, welche an einigen 
Orten fester, und von fleischiger Natur wa- 
nn, doch liefs siich der grofste Theil mit den 
fingern zerreifsen. — In der Tiefe gegen die 
untere Seite, von woher sich diesns Gewächs 
wahrscheinlich aus dem dort befindlichen Ova* 
rio und Tuba erzeugt haben mag, war die 
CoDsistenz offenbar fester und fleisrhigt, doch 
konnte man weder daselbst noch in den 8 — 
10 eröffneten Höhlen, noch sonst irgendwo 
«gentliche Organisation entdecken, wohl aber 
in diesen tiefen, festeren Tbeilen, dabin iüh- 
Mnde Blutgeiäfse wahrnehmen. — Diese ganze 
iiDorganische Masse wog 38 Pfund a 32 Loth. 

Wenn es nun zwar niclit in Abrede ge- 
stellt werden kann, dafs Krankheiten der in- 
nerlichen weiblichen Geburtslheüe und Desor- 
ganisationen derselben nicht unter die patho- 
logischen Seltenheiten gehören , sondern hau« 
figer angetroffen werden, als wohl mancher 
glauben möchte, und das rege Leben, wel- 
ches die Natur in diese Theile des menschli- 
chen Organismus besonders für gereizte Le- 



— 30 — - 

■ 

ben»- Perioden gelegt bat, dieselben durch Ue« 
berreizuDg oder Slaogel an Reiz Yorziigüch 
hierfür zu disponireo scheint, •— und Werio 
daher auch Eierstock -Krankheiten und Ent-; 
artungen hin und i^ieder Torkommen , so be- 
stehen doch dieselben häüßger in ungewohn- 
ten Wasseransammlungen, und widernatiirlir 
eben Ausdehnungen der Graejt^schen Eier ia 
Was^ersäcken, als in solchen grofsen Fleisch - 
und Fettinassen. — So fand man — um einige 
Beispiele anzuführen, nach Sampson *) in ei- 
nem solchen Sack 112 Pfund Wasser ang^ 
häuft; auch Kelch ^^) erwähnt eines sehr aus- 
gedehnten, mit Schleim angefüllten Ovariums, 
das 30 Pfund» und nach Entleerubg 9 Pfund 
wog. -^ Allein eine Speckgeschwulst des Eier-* 
Stocks Yon solcher Ausdehnung und Grofse ge- 
bort unter die seltenen Erscheinungen. Denn, 
wenn jnan van de BosMs *^^) Angabe , die 
beinahe an das Unglaubliche gränzt, ausnimmt^ 
der einen, in einen ungestalteten Klumpea 
Ton 102 Pfund ausgearteten Eiersteck beschreibt, 
' so bleiben die neuen diefsfälligen Beobachtun- 
gen , von welchen ich die 2 merkwürdigsten, 
mir in meiner Leetüre aufgestofsenen , noch 
kurz berühren will, hinter der vorstehenden 
zurück. — Consbruch ****) nämlich führt ei- 
nen Fall an, wo das linke Ovarium be^ einer 

*} Lesk9 Aussue aut den Philosoph^ Traniaet» 
VoL I. pag. 2ia. 

V) Htif§land*s Journal der praitr. HeilKunda« Bd. 
' XXV. St. 2. pag. 19. / 

*'*) Nauaf Journal der aaiUnd. med« o. ehirnrg. 
Utteratur. Bd. II. 8t. 1. pag. 181. 

- «e^ej Talohenbach der patholo^. Anatomie ffir 
*Äen|e tind WondAnta. pag. 327. ae^. 



%J iL 



uüjahrißen Frau in eine 35 Ffunä 8chwpr(>n 
Iraubenformigen Aiasse ausgeartet war^ ilei^ir 
aiiiEeloe, wie ein Manuskopt* grofse Fächer 
abwechselnd eine gelbe, I)rauiie, gallertartige, 
wäaserigte Feurhligkeit enthielten , und wobei 
dejr Uterus, das rechte Ovarium, und alle 
Eingeweide gesund w^ren. Und Schneider ^) 
ersählt die Krankheits- Geschichte einer Frau 
Ton 22 Jahlren, hei deren Unterleibs -OeiTiiuDg 
lieh eine unfcirinliche, grofse und derl)e blasse 
Torfand, welche das Ansehen eines gror^ten 
and unförmlichen Fleischklumpen halte, Mach 
ihrer Herausnahme zeigte es sich , dafs es det 
lioke Eierstock, war. Sie wog 18 rheinl. 
Pfunde, war aufserst unregelinafsi^ gestaltet, 
halte Tiele Wandungen, Vertielungen nnd Pro- 
toberanzeu. Die auf demselben -vertheilten 
Adergeilechte waren stark von dunkelblauem 
Blut aogetelit, das Aussehen war ein wahres 
Gemisch von den verschiedensten Farhen , in- 
dessen blieb eine weifsgelbliche Farbe cVie pra- 
doroiuirende. — Die Substanz dieses degene- 
rirten Eierstocks war fast jener der Hirn-Sub-« 
•UiDZ zu vergleichen, nur dafs jene im Innern 
manchmal zeüulose Bildungen hatte , bald 
ifieder durch steatomartige Stellen, bald durch 
ganz kleine Hydafiden sich von dieser unter- 
schied. — Die Alasse überhaupt war körnigt, 
und an den meisten Stellen völlig lederartig 
anzufühlen. 

Wenn uns übrigens, hinsichtlich der Ent- 
stehung solcher widernatürlichen Gewächse vie- 
'let dunkel bleibt, und wir diese pathologische 
Weirkstätte nicht genügend durchschauen kön-< 

*) Medicinitch* praktische Adversaritfn tm Kran« 
keabetta« TflbiDg. J1821. Ite Lieferung, p, 266 seq. 



~ ,32 — 

n€n% 90 bleibt doch ohne Zweifj»! aU das 
wahrscheinlichste anzunehmen, dafs die Ent-> 
Wicklung dieser After -Organisationen in den 
Grne/is'schen Eichen ihren Ursprung behme^ . 
welche sich in Hydatiden verwandeln p und 
durch die gesteigerte Thätigkeit des lympha- 
tischen System» sich vergröfsern , mit einan-> 
der vereinigen, verwachsen, durch Auslee* 
rung von lymphatischen und serösen Feuch- 
tigkeiten theils Hohlen bilden, theils in fet- 
tige Massen sich verwandeln, so wie solches 
unser Fall zeigt, — Das Wesen der Krank- 
heit möchte ich in demselben -eher in einer 
gesteigerten /Vitalität, und einem krankhaft 
erhöhetem Bildungstrieb, als in eine eigentr' 
Uche Entzündung , fiir welche die Belege durch»' 
aus mangeln , setzen , welcher nach wahr- 
scheinlichen Gründen in einer unvollkomme- 
nen Befruchtung, oder in zu hänfigera Bei- 
schlali und zu häufigerReizung des Geschlechts- 
Systems seine veranlassende Ursache gehab:t 
haben möchte: eine bemerkenswerthe patho- 
logische Erscheinung blieb mir aber immer der 
Umstand, mit welcher bewundernswürdigen 
Thäligkeit und Raschheit der thierische Orga- 
nismus, — so wie oft in Reproduction ver- 
loren gegangener Thaile, ^^ so auch in Bil- 
dung 3fon After- Organisationen zu Werke 
geht, indem er im Zeit i^on 9 Monaten alle 
seine Kräfte, und allen durch reichliche Nah- - 
rung erhaltenen Nahrungsstoff nur auf Herjor- 
.rufung und Vergröfserung dieses After - Gebil- 
des verwandt zu haben scheint; und endlich 
dürfen wir den Umstand nicht übersehen , dafs 
diede Krankheit vom rechten Eierstock aus- 
ging, da nach* allen bisherigen Erfahrungen, 
ohne dafs ich mir hiervon einen hinreichen- 

.den 



— ^ 33 — 

dtB €rnincl angelten konate, , der iinke yorzSg« 
lieh und fast ausschliefslich der Sitz dieser 
^Krankheits- Zustände zu seyn pflegt, und 
salbst Sprtngd in seiner Pathologie es als eine 
giofiM Seltenheit aufstellt, dafs Imhof in HaU 
Ut IXutrt. pract. Tom. IV. pag. 380. einen 
solchen auf der rechten Seite angetroflEen hat, 
an ^reiche Beobachtung sich io den neuesten 
Zeiteh eine andere im Gottingenschen Clinico 
gemachte yon einer Frauensperson anschliefst, 
bei welcher der rechte Eierstock in ein Otlco- 
muaomd von 23 Pfund an Gewicht ausgeartet 
^ar. ♦) 



3^ 

Osteo-Steatoma Uteri. 



Eine Jungfer -ron 67 Jahren, in ihrer 
Kindheit, so viel in Erfahrung gebracht wer- 
den konnte, — stets gesund^ kam erwachsen, 
und zwar schon in ihrem 17ten Jahr zuerst 
alji Dienstmagd nach Zürich , und wurde dann 
später als Haushälterin angestellt, so dafs sie 
daselbst 27 Jahre verlebte. — An dem erste- 
reo Platz war sie bei vielen schweren und 
angreifenden Arbeiten, häufigen Erkältungen 
ausgesetzt gewesen, und hatte später eine harte 
langdauernde Krankheit zu bestehen, deren 

^ S^ O, VogeVs allgemeine nedicin, diagnosti- 
tobe Unteriuchungen zur Erweiterung und Ver- 
ToUkomninunf; seines Kranken -Examen« Iter 
Theil. pag. 41. 

Jounu IXMll. fi. 4. 8tt C 



— 34 — 

Verlaof and Charakter sie zwar nicht naher 
ansageben yermochte, von welcher sie aber- 
als Folge einen harten und aufgetriebenen Un- 
terleib zaräckbehielt. — •* Gegen diese Folge- 
krankheit waren Tiele , — ^ selbst iron berühm- 
ten Aerzten verschriebene ^ und anhahend ge- 
brauchte Arzneien ohne allen Erfolg geblie- 
ben » und endlich wurde das Uebel von allen 
fiir unheilbar erklärt, ohne^ wie sie erklärten, 
über das Wesen und den Sitz desselben nä- 
heren Anfschluls geben zu können. — Nach 
Verlauf des oben beuierkten Zeitraums, da 
sie sich ihrep Platz weiter Torzusteben aufeer 
Stand befand, kehrte sie bieber an ihren Ge-r 
burtsort zurück, und führte eine stille, ipeii- 
stens sitzende Lebensart. — Die Menstruation 
▼erlor sie in ihrem öOsten Lebensjahr, ohne 
alle widrige Zufalle. — Ihr Aussehen war 
kränklich, blafsgelb, cachektisch, mager, ihr 
Unterleib sehr stark aufgetrieben und stein- 
hart; der Gang mühsam^ wankend^ gerade 
wie bei einer hoch schwangern Person, wel- 
che das Gleichgewicht des Korpers am Ende 
der Schwangerschaft zu behalten Mühe hat. 

Lizwischen lebte sie so noch 22 Jahre in 
einem leidentlichen Zustande , ohne bedeuten- 
de and langdaurende Kränklichkeiten zu er- 
leiden , nur schwollen in den letzten Lebens- 
jahren die Füfse immer mehr, und. brachen 
aach einigemal auf, doch nahmen sie jeder- 
seit wieder Heilung an, und konnten bei ste- 
ter- Einreibung in einem erträglichen Zustand 
frlialten werden. 

\ Gegen Ende des Jahres 1824 fing sie an, 
ulmat merkliche Zunahme ihres Unterleibes, 
Heranüit^en in die Herzgrube, Verstopfung, 



— 35 — 

I » 

I 

I 

Vefdanaogs« Beschwerden, Terminderten Urin- 
•bgaog mit wachsender Fufsgeschwaht ca kla- 
gen, ^wobei sich ein anhaltender, obgleich nicht 
bedeutender Blutabgang aus der Mutterscheide 
einstellle, welchen die Kranke gleich für ein 
tödüicbes Zeichen ansehen wollte. — Gege« 
bene Arzneien brachten nur unbedeutende und 
akht daurende Erleichterungen herror. -— 6e« 
gen die- Mitte Januar 1820 bildete sich, ne« 
ben alleii obigen Beschwerden eine schnell 
wachsende y steinharte Drüsengeschwulst am 
Halse, welche ihr auf dieser Seite der Schlaf* 
gegend und des Gesichts sehr heftige Schmer- 
aen yerursachte. — Sie nahm anzüglich di« 
Gegend der rechten Unterkinnbacken - Dr&se, 
and der Parotis ein , zog allmählig die äbri- 
gen nahen Halsdrüsen in Mitleidenschaft, und 
ergrüF endlich auch die Schilddrüse. — Diese 
Drüsengeschwulst yergrofserte sich bis gegen 
dae Ende des Monats in einem so bedeuten« 
den Grade, besonders gegen den Schlund hin, 
dafs sie nur mit äufserster Anstrengung einige 
Flüssigkeit hinterbringen konnte, und das Hin« 
dernifs selbst in der Gegend des Luflröhren- 
kopfs angab , nebenbei nahmen die Kopf- und 
Gesicht -Schmerzen sehrüberhand: dieKranke* 
konnte weder bei Tage noch Nachts Ruhe 
finden , beinahe weder sitzen noch liegen, und 
grdfse Dosen Opium verschaiFten nur wenige 
Linderung; auch die Unterteibs- Geschwulst 
stieg immer höher , bis zur Herzgrube , wo- 
bei der Urin -Abgang und die Kräfte sich ver- 
minderten , obgleich ersterer die ganz natür- 
liche Farbe zeigte. — In der ersten Woche 
des Hornungs hatte jene Dysphagie den höch- 
sten Grad erreicht, so dafs die arme Leidende 
non auch .keine Flüssigkeit mehr hinunter- 

C 2 



— .36 — 



bringen koonta^ indem das Verschlackte' oben 
im Schhmd liegen blieb, und ein starker Hu- 
sten -> Anfall oft bis zum Erstickungs - Grad sich 
einstellte, mit welchem endlich Tiel Schleim 
ausgeworfen wurde: bisweilen gelangte unter 
diesen heftigen Anstrengungen und verschie- 
denen Kopf- und Hals -Bewegungen ein Theil 
dte Verschluckten in den Magen, öieaSteos 
aber wurde, alles wiedei' ausgebrochen. Die 
•norme Halsgeschwulst erweichte 9ich nun 
allmählig in der Mitte, Wurde glänzendroth 
und zeigte Fluctuation , ' wobei sich die Kopf- 
schmerzen verminderten. — Ob ich mir nun 
gleich von der Oeffnung dieser 6escht?ulst 
nicht sehr viel Vortheil versprechen , und die 
daraus entstehenden Folgen nicht berechnen 
konnte, wenigstens die Hoffnung nicht nähren 
durfte, durch Entleerung jenes Hindernifs im 
Schlingen zu heben, welches ich mehr einer 
Anschwellung der Drüsen im Schlund, «ind 
daheriger Verengerung des Kanals, als dem 
Druck der Hals -Geschwulst und ihrer Con- 
tenten zuzuschreiben geneigt war, — so machte 
ich doch der Kranken diesen Vorschlag, wel« 
chen dieselbe aber verwarf. 

In der letzten Woche ihres Lebens klagte 
sie über öftere heftige Schmerzen in der Herz- 
grube, steigende Bangigkeiten auf der Brust, 
Wehethun in allen Gliedern, so dafs sie nicht 
WüCBte, wo sie bleiben konnte, entsetzlich 
jammerte, winselte , und sich nach der Todee— 
stunde sehnte. 

Den 12ten Februar fand ich grofse Kräfte - 
Aliliahme und sehr beschleunigten schwachen- 
Fnlai Abends als man sie, nach Erneuerung 
im Bettes /i^aus der Stube zu demselben zu^ 






.- 37 — t 

I riicLfShreii l^ollte» fiel sie auf dasselbe hio, 
and ^af lodt. 

Den 14t9n Naehmlitags ^arde die Lei- 
chebofEhyog Torgenommen, welche folgende 
merkwürdige Erscheinungen lieferte. 

Das Gesicht, die Brust und obem Eztre- 
■itSteD waren ganz abgemagert, dagegen der 
XTnterleib ron der Schaamgegend bis zur Herz- 
grube sehr stark aufgetrieben, steinhart^ nir- 
gends nächgebend, so wie auch die Verstor- 
bene sich öfters gegen die Umstehenden ge- 
anbert haben soll, sie habe gewifs einen Stein 
im fjeibe : die Schenkel und Fiilse waren ma<- 
ÜBg angeschwollen. 

Der Unterleib wurde durch den gewohn-i^ 
liehen Kreuzschnitt geöffnet , und, nachdem 
aaeh unserem Dafiirhalten di^ Haut durch-« 
schnitten worden , die Section auf den darun» 
ter liegenden Bauchmuskeln fortgesetzt. — 
Diese Substanz war sehr hart, .fleischigt, fest, 
oben und au! der linken Seite aber wirklich 
vollkommen knöchern, so dafs das Messer 
beinahe nicht durchdringen konnte, und nur 
mit grofser Anstrengung, und unter einem knar- 
renden Geräusch eine knochigt- fleischigte Masse 
Ton wenigstens 4 Finger oder Zoll Dicke 
gleichsam durchgesägt werden mufste, bis wir 
in eine Hohle gelaugten , aus welcher uns ein 
bräunlich schleimigtes Wasser entgegenstürzte. 
— Wir hielten die ganze dicke durchschnit- 
tene Masse für eine widernatürliche Auswach^ 
snng und Verknöcherung der Bauchmuskeln 
and des Bauchfells, und glaubten nun in die 
Bauchhohle gelangt zu seyn. — Wie erstaun- 
ten wir aber, aUr wir nach Entleerung der 



I 

— 38 — 

HoKto TOD circa 4 Maafa benannter FlÜMigkeit, 
in derselben nichts von Eingeweidea eder 
Därmen/ sondern einzig ein braunes , faserig« ' 
tes, frei daliegendes Gewebe, nnd nach Za- 
sammenfallen dieses unorganischen Gebildes» 
oben unter den kurzen Rippen aufserhalb des- 
aelben hinaufgedrängle Därme zum Vorscheia 
kommen sahen. — - Nun sahen wir erst fin, 
dafs wir gleich/ anfänglich die sämmtUchea 
Unterleibs - Integumente durchschnitten, und 
Ton d^ An auf ein widern atärliches Gewächs 

SestoiJien waren, dafs die Ba'uchwandungen 
urch die starke Ausdehnung ungewöhnlich 
reicdiinnet, und dadurch ^ie Bauchmuskeln 
beinahe verschwunden, die Ansicht der Ge- 
därme und Eingeweide aber uns durch die 
Ausdehnung jener widernatürlichen, und Ton 
der BeckenhShle bis zur Herzgrube reichezk* 
den After -* Organisation entzogen worden sejr. 
— Wir konnten nun diese Masse oben frei 
aufheben und zurücklegen» Gegen den Rückea 
war sie mittelst widernatürlicher, häntigtr Li- 
gamente mit dem Darmkanal verwachsen; ' 
Weiter unten auf beiden Seiten mittelst feste» 
rer Bänder an den Beckenrand befestigt, und 
stieg dann in das Becken selbst hinuiiter, des*, 
seil Raum, es fast gänzlich einnahm. — Wir 
sahen nun hieraus, und durch ihre Endigung 
und Befestigung an der Vagina ein, dafs dies 
die degenerirte, und in eine osteo-steatoma« 
tSs* Masse verwandelte Gebärmutter sey. 

Wir legten sie einstweilen bei Seite, und 
faadeift nach derselben Herausnahme die Un-% 
tetleibahohle beinahe leer« Die sämmtlichen 
dfinneft Gedärme waren ganz in beide hypo- 
cfamidviala Gegienden und unter diia kurzen 



>- 39 -. ^ , : 

Rippen bionurgcdrängt, leer, Uod, jiiMia)-', 
niengedrückt , und aabea rothliäh, iinnkluAr 
aus: -von den dicken Därmen lag iat Bliad^' 
und aufsteigende Tlieil des GnintadatiiM na-- 
Ur der degenerirleo Masse auf. d«r nebtM 
Seite durcfi Zellgewebe mit darstltwfi verbaii'-' .. 
ilea , sab braua- schwärzlich, Terdorbtn uvi. ". 
der Queerdarm lag lief im Epigsalrio. usd ^»: 
absteigende Torlion zusamineDgedrÖckt, sqd^.' 
wie die aufsteigende, schwärxUch TudoriiMi>-; 
sussehend, auf der linken Saile aoter Jtpwik-.' 
Gewächs. — Das GekrÖs von denuelban tuk»:--. 
Bammengedrücki , war ganz oha« Fett* Jm' 
Cefarse varicüs, bin und wiedar btäuOlicb^ / ' 
schwarze Funkte und gröfsere blä nli cht Stet* ^ - 
len bildend. — Die Leber and dw Mfm,' 
fanden sich ganz hiuauf au das ' ZwwdlMIv- 
angedrückt. — Die Leber sab rüthlich. braun, ; 
auf der äuTseren Oberfläche leicht entsnndat • 
AUS, die innere Substanz war oompact, Ua^ 
l^er, das Netz ganz ohne Fett, von Färb* 
rotblich gelb, krankhaft. — lUagen «od Uils 
«far«D gflsund. Die rechte Niere hatta-oQch 
qa xiömlicb unverdnrbenes Äusiabtat dis Uiika 
ħt glich einem kleinen Fleischklnmpe&i aa, 
IreMiem man die verschiedenan £uDSt«nUB 
nicht mehr unterscheiden konnte; di« ülatu- 
btaae war mit dem widern aliirlicheD Körpac 
fett Terwachsen, so dafs man sie anfüngluch 
nicht leicht auffinden konnte,- übrigens. gaJiS 
leer, und hatte dÜnns, aber sieht batondan 
krai^iiafta Häute. 

- Wir schritten nun zur Untenachnag der 
Halsgescb Wulst und des Oesophagus, Jind woU« . 
tea dieselbe anrän^licb gnnz harausachtilenfi 
■Ghoitien sie aber, da wir biailn zfi yuiß' 



N 



— 40 — 

Scbrierigkelteii faodeD, indem; sie sich zu 
tief oach den innern Theilen zog, auf, wor- 
auf cUcke/bräuDlicbe Materie mit festen Kliimp- 
cb'en Ton gleicher Farbe, wie verdorbene* und 
aufgelöste Drüsen -Substanz aussehend , zum 
Theil herausflofs, zum Tbeil mit den Fingern 
beraasgeholt werden mufste. — Die |Iohie ler- 
streckte sich nun von dem Ohr, unter der 
Kinnbacke und Laftrobre in die Tiefe bis an 
den Scblund, dessen Substanz wir schon mit 
den Fingern krankhaft fanden: wir, schnicten 
jde^halb, um ihn genauer zu untersuchen | auf 
der linken Seite des Halses auf denselben ein, 
wobei sich seine häutige Substanz ganz knor- 
pelartig, und seine Hohle sehr zusammenge- 
druckt und verengert fand. 

Der herausgeschnittene Uterus nun sah 
von aufsen wie eine recht derbe, langlicbt 
irnnde , 'hinten auf der unteren Seite mehr fla- 
che Fleiscbmasse aus, von Farbe gelblich, mit 
Fettstreifen, bin und wieder liefen angeschwol- 
len, varicose Gef^Tse über dieselbe bin; das 
rechte Ovarium mit deni Frenzen -Fortsatz 
bildete einen weiten Sack , in welchem eine 
blutige Feuchtigkeit ^enthalten war, das linke, 
kaum mehr kenntlich , häutige Falten , und 
war ganz zusammengeschrumpft. — Die Wän-» 
düng der Gebärmutter bis zur Hohle hatte 
eine starke Handbreite an Hohe: diese innire 
Substanz war sehr verschieden , und das Aus- 
sehen buntschäckigt: ganze Stellen waren knö- 
chern , und konnten beinahe nicht durchschnit- 
ten werden, andere knorplicht, wieder andere 
stellten dicke feste Fleischmassi&n vor, und die 
wenigsten sahen speckigt aus. Das Innere der 
Hohle selbst hatte ein häfslich bräunliches 






^ 41 -. 



I. 



^ in «krsflbeti lagen gaa» Hafa^Tplt 
iy'sriloISses Gewebe, wie aiil)|el6Ate 
HiÄle dder Faserstoff, oder durch jPaelutfli 
.veafarbene Gefäbe, welche man ohne Hin- 
^^ — * — heBaoeneh men konjDte« Diesen Afler^ 



-ßmmiUkh wog 22 Pfund, und mit circa 8 Pfund 
MaigbiitagerdlU, — 30 Pftnd, >elche di# 
j yi et Ufteb end mit sich hemmgetragenv 



t« 



Satten jh^ in dem erst jui|ef6hriM Fdl 
«in#r BwrXwdrdige After- OrganiiMtiott - an elii»; 
'mm: Bieralock Ton seltenem Umfang rot us^ ' 
'hoi stellt sich , nne hier' eine > nicht weniger 
jMiliwürdige Entartnog in einem anderen Th^ 
4m weiblidhen Geaeration^-Sjstems dar, nnd- 
wemi auch Krankheiten der Gebärmutter nnd 
.DeS(»rganisatiooen ihrer Sabstans yielleicht noch 
MnUgern als an den Eierstocken den Leichen 
mtersnchender Pathologen zu Gesichte, kom-- 
men, l^o scheint dennoch das Ergeboifs dieser' 
licichenSffnung einen nicht unwichtigen Bei* 
trag siir pathologischen Anatomie zu liefefii« 
-^ Denn wenn uns gleich ihre Schriftstelleiir, 
wie Büyh, Mtckd^ Baillie^ Sömmerrinß^ Por^ 
.tn|-4i. e* eine Menge Beobachtungen yon an- 
der Gebärmutter aufgefundenen Fleischgewädi* 
aefli 4 fibrösen Concretioneti , und Verknoch«- 
tottgen in der Höhle der Gebärmutter selbst,- 
fcnfgeaeichnet darstellen, so konnte ich doch- 
ibefase auffinden, welche dem oben beschrie- 
Wnen After« Gewächs in Rücksicht seines un- 
«HPObnlen iTmfangs und Grofse sowohl, als 
idar'Art der Desorganisation t und der Yer- 
.kaSdiecnng der Gebärmutter - Substans selbst 
'■ehe lui.m. — - Zwar fand ich mich nicht im 
^It eine JDmvt. dt Osteo-steatomat. von Mur^ 
wtf vom Jahr 1780, und ei^ie undere Ton 






- 42 - 

Schwarz, Du DegentratioM Uteri. Ooetting. 1799 
hierfür benutzen zu können, und blieb mir 
deinn^ich unbekannt, ob und in wie weit sich 
in denselben alle fallig angegebene Beobach- 
tungen der unsrigen näher anschliefseoy 8ö 
dafs ich von den in den anatomisch -patholo- 
gischen Handbüchern über dieses Krankheits- 
Geschlecht niedergelegten Erfahrungen einzig 
den Sections-Erfund bei einer Jangfer i^on 63 
Jahren anführen kann, Welcher mit dem obefi 
abgegebenen Fall eine entfernte .Aehnlichkeit 
hat, ynd die Fauhtrt in F'andtrrrionde Bjtcutil 
periodique. Tom» IL p. 337, folgenderinafsen 
angiebt; »pDie Gebärmutter hielt 24 Zoll im 
,,llmfaog, und wog beinahe 9 Pfund. Sie war 
„von einer dünnen Haut umgeben, welche 
„eine scfaädelähnliche Knochen -Substanz be- 
„kleidete. — In der Gebärmutter fa^id sich 
,, Leine Höhle, — äufserlich war die Ge- 
„schwulst von einer sehr festen, 2 Linien 
P,dicker Rinden - Substanz bekleidet, aufweiche 
„eine cwei Zoll dicke Diploe folgte. Der 
„grolste innere Theii war eine sehnigte Sab- 
„stanz f worin kleine knorplicbte und knS- 
„eherne Pünktchen eingesprengt wären, und 
9,die einige rothe Pünktchen , Ueberbleibsel 
„von Gefäfsen enthielt. Diese ungeheure 6e- 
„schwulst hatte einen Nabel - und Leisten-* 
-„bruch yeranlafst, von denen der letztere den 
„Tod der Kranken verursachte." 

Diese krankhaften Mifsbildungen zeigen 
uch, nach allen übereinstimmenden Erfahrun- 
gen« vorzüglich häufig bei Frauenspersonen^ 
welche nie geboren haben , oder alten Jung- 
£arn| und. nach den Beobachtungen der ange- 
zogenen und anderer Schriftsteller sehr selten 



( 



^ 4» • -* 



la>liMMi— IitliiMii "f TJodbft; — knth bislni' 
a|dH8r ijüiett Erfahrangssats ^ äaf^ sotclie ,P#o» - 
AnMamtm Mi liäafigtlea in . dem Zeitpunkt dee 
fcSK—eh Altelre- fillea , sehr eniiektiiiNii^ phj» * 
•idkigiadbe' • Grrihlde engebeo ^ indem di|e JLe^r^ 
:iMfindtiägkeit-^es wetbUcheB^6es<iIiIechte-Sj«>'^ 
•tarne /'^di'iie. nicht anf die Bildnng nnd^Enl^^ 
eewtliiAt dmeB Foetos. gericlitet.«!«vuFde^i~eich' 
iil ' H e r i «lu fcng soldier anomalen Formen j|ll«^^ 
AMüV: *f^* ^^ Fr«idnddyitäl der OebärnGinttery: 
'vralcke nicht dem ihr Ton der Bfator angewieH^ 
•emeA^JÜabenagang folgen konnte, ^eicfa io Bf^« 
jM«ig«ng- solcher wideroatoriichen ]lla88eii> toIb 
KMUfifffy Knocken n.s. w. aosaprecheii kann^^' 
edeo,-,JhCi, wene^ in dem «rtteren Fa|l^> bdf.. 
dMii After- 'Gebilde des Eleralockii, • Ueberrei« 
Mumig den ^meten' Zunder xn 'Beir Krank häle«. 
liaUai^ gegeben, in 'diesem der .entgegenge-*-; 
nntatelfiUl, und Mangel an ^eiz hi€r9tt tei«^ 
ge trag e n haben mochte ; so .wie sick die MSg«^ ' 
Uchkmt nicht in Abrede stellen lärst, -ddb. 
eidi tolche Abnormitäten bei unverheieatheteni 
Personen" vielleicht leichter, als hei Personen^ k 
die mehrmals geboren h^ben , zur Zeit des. 
Anfhorens der Menstraation erzeugen, weil hm' 
. letsteren das Uterin - System durch häufige Be^ 
g^rttüng und Geburten geschwächt worden^ 
wahrend dem es bei ersteren noch eineu gen 
wissen Grad von Vitalität und Productivität 
knrnckbehalten hat, welche sich* in dieser für 
dae weibliche Geschlecht so wichtigen Eni- 
wicklangsperiode auf solchen Irrwegen zdi er- 
lüennen geben kann. — Bei unserer Kranken 
ini^wischen hat sich das vorgefundene ei»orme 
After* Gewächs vor der Zeit der Decrepiidität, 
nadi' fener ausgestandenen langwierigen xüank^ 
hett SU bilden angelangen, und scheint auch 



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. ■ — 44 - 

viele Jabre auf dem damaltgeD Stande geblie- 
ben SU seyn^ bis eodlich io dem bofaeren Al- 
ter die organiBchen Verricbtuogen , welche 
scbon lange durch die fremde ^ 'schwere Masfte 
mehr und weniger beeinträchtigt, und durch 
deren Druck und Ausdehnung 'besonders die 
Eingeweide des Unterleibs eben sowohl 'aus 
ihrer natürlichen Lage getrieben, als in ihrer 
Substanz und Organisation krankhaft, und 
zerstört worden , — * zu wanken beganneii, 
und bei gänzlicher Desorganisation der ei- 
nen Niere, sich Wasser in der Gebärmutter- 
Höhle selbst anzusammeln anfing, wodurch 
die schon lange abdaurende widernatürliche 
Ausdehnung dieses Eingeweides noch bedeu- 
tend vermehrt, und mithin die Klagen und 
Leiden der Kränken erhöht und verstärkt 
worden. — Am Ende des Lebens warf sich 
endlich der ausgeartete Bilduogstrieb auf die 
Drusen des Halses und Schlundes, unxl be- 
schleunigte durch derselben Zerstörung und 
'Widernatürliche Anschwellung den Stillstand 
der Lebensverrichtungen und den Tod. 



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- 4ij - 






III. 

I 

Bern e r ku n g en 

überdie 

Verschiedenartigkeit der Krank- 
heitsbildung 

welche 

dar Mifsbrauch ider Spirituosen Ge- 
tränke veranlafst, 

n n d 

über den Einflufs , der bei Säufern Yorhaodenen, 

widernatürlichen Krankheilsanlage, auf die Mo- 

dification der Erscheinungen und des Verlaufs 

der Fieberkrankheiten insbesondere. 

Vom 

Professor Dr. Berndt^ 

zu Greifiwald« 



ri\% ich im Jahr 1822 im Journal der prak- 
tiscihen Heilkunde des Herrn Staatsrath Hüft-» 
laiid einige Beobachtungen über das Delirium 
trtmtn» mittheilte, und diesen einige Bemer- 
kungen beifugte I die meine Ansicht über die 
Ifatur dieses Krankheitszustandes bezeichnea 
sollten, hatte dieser Gegenstand erst kurze 



_ '4ß - - 

2eit Torher io Teutschland Aaftnerksamkeit 
erregt. Seit jener Zeit haben sich die Beob- 
achtungen über dense^^ben nicht blofs yielfach 
Termebrt ; sondern er ist auch in einigen sch^z-> 
baren Monograpl^cm behandelt worden. Alle 
diese Arbeiten beziehen sich aber mir auf daa- 
jüeUrium tremens^ als einer einzigen Krank« 
heitsforni) welche durch den anhaltenden Mifs-* 
brauch der Spirituosen Getränke heryorgerufen 
wird« Keine erstreckt sich auf die Darstel- 
lung der anderweitigen^ Richtungen in der 
Krankbeitsbild^ng aus derselben Ur^achey und 
noch weniger auf den fiinflufs, den 'die bei 
Trinkern, vorhandene widernatürliche körper- 
liche Krankheitsanlage )' auf die Entbildung 
anderer, von der Trunksucht ganz unabhän- 
giger und besonders der Fieberkrankheiten aus- 
übt. ]Vur der als Schriftsteller, Lehrer und 
Arzt gleich berühmte Herr Hofrath Claras zu 
Leipzig hat (in seinen Beiträgen zur Beurthei-» 
lung zweifelhafter Seelenzustände, Leipzig 1828} 
diesen Gegenstand , in Beziehung auf die Zu- 
rechnungsfähigkeit, vielseitig und gründlich ge- 
würdigt. Es ist luir eine angenehme Ueber- 
' raschung gewesen , von ilim gleiche Ansich- 
teu ausgesprochen zu finden, wie ich sie seit 
Jahren vorgetragen und am Krankenbette er- 
örtert, zum Theil auch in kurzen Bemerkun- 
gen im Iten und 3ten Theil meiner allgemei- 
nen Grundsätze der praktischen Medicio y und 
in RustU kritischem Repertorio bei Gelegen- 
heit der Abzeige von Bischof ^s Werk über die 
l^ntzündungen, ausgesprochen habe. Ich glaube 
vielen Lesern einen Dienst zu thuu, wenn 
ich ei»« auf jene treffliche Arbeit von Clanis^ 
nilfmerksftm mache ^ und ich würde, es für un- 
nothig halten y diesen <jegenstand ^on neuem 



.— 47 — 

aafsiiaehmeii , weno es Diclit insbesondere 
meine Absicht wäre, auf jenen modificirenden 
Eioflufs, den die bei TrinKeru vorhandene wi- 
deraatiirliche Krankbeitsaolage^ auf die Ent- 
bildung der meisten Fieberkrankheiten ausübt, 
aufmerksam zu ihachen« Vielen Aerzten wer« 
de ich nichts Neues sagen, dafs aber x. viele 
der in Rede stehenden Sache nicht die gehö- 
rige Aufmerksamkeit schenken, hat mich die 
Erfahrung gelehrt. Viele Fieberkranke wer- 
den» gewifs ein Opfer des Todes , weit die 
Aerzte den Einflufs jener Anlage, die ihnen 
'oft unbekannt bleiben wird, wenn sie den 
Kranken als Trinker nicht genau kennen, nicht 
gehörig würdigen, die Symptome falsch deu- 
ten und auf diese falsche Deutung eine fal- 
sche Behandlungsweise gründen. 

Der Mifsbrauch der geistigen Getränke, 
und besonders des Branntweins, ist in Nord- 
Teutsrhlnnd beim gemeinen Volke so allge*- 
mein geworden, und dürfte bei der Wohlfeil- 
heit dieses Getränkes auch so allgemein ver- 
breitet bleiben, dafs die Sache, welche ich 
hier zur Sprache bringe, mir eine genauere 
Beachtung zu verdienen scheint. 

Dieser Mifsbrauch spricht sich aber unter 
verschiedenen Umstanden und in verschiede- 
nen Graden aus, die der Arzt bei der Beur- 
theilung der Folgen , welche daraus hervorge- 
hen, wohl zu unterscheiden hat. Nach mei- 
nem Dafürhalten sind hierbei drei Fälle zu 
unterscheiden. 

1. Der Blifsbrauch ist nicht fortdauernd, 
sondern nur zufällig und vorübergehend, und 
nach dem Grade, den er erreicht, ruft er ver- 
schiedene Zustände hervor: 



» I 

— 48 — 

a) Die Anregoog darcb spiritaSse Getlriin- 
ke, YFelche sich in yarmebrter körperlicher, 
und geistiger Anspannung aasspricht, ver- 
knehrte Blutbewegung, stärkere Expa/osion des 

^Blutes, vermehrte Wärmeerzeugung, verstärk-' 
1er Turgor an der Peripherie des Körpers, und . 
gesteigerte £rreguog >der Sinnesorgane uiüd des 
gesamihten Nervensystems zur Folge hat. 

b) Den vorübergehenden Bausch , ein An- 
getrunkenseyn , bei welchen^ nach vorherge- 
gangener körperlicher und geistiger Aufregung,, 
eine Abspannung in den Functionen der Sin-, 
nesorgane und eine allgemeine körperliche Un-p 
behaglicbkeit eintritt, die sich oft mi^ Zufal- 
len der Ueberreizung der Verdauungsorgane etc. 
gepaart. 

c) Die Betrunkenheit, bei welcher sich 
der Verstand und die ISinbildungskraft in ei-* 
nem gleichen Zustande mit den Sinnen befin- 
den. Das körperliche Uebelbefinden sich aber 
noch vermehrt darstellt. 

d) Die Besoffenheit als der höchste Grad 
ubermäfsiger Einwirkung spirituöser. Getränke, 
wobei sich vollkommene Willenslosigkeit, gei- 
stige und körperliche Unfähigkeit ausspricht. 

Diese vier Grade kann man auch als die 
▼ier Zeiträume der Besoffenheit betrachten. 
- Es gehört nicht zu meiner Absicht, dieselben 
nach ihrdn Erscheinungen genauer zu schil- 
dern» ich habe sie vielmehr der Vollständig- 
keit und des allgemeinen Ueberblickes des Ge- 
genstandes wegen, nur andeuten wollen. 

Von dieser ersten Art des Mifsbrauche 
ipirituöser Getränke, welche in ihren Folgen 
bald'TOtiibergeht, wenn derselbe nicht etwa 

wie- 



' .■ ■f yiiw' l lrtt «M> v». ilia dka? d«r Jbl|Midm 
• 'lniüiiiHililii njn irarde, nrnb matt " ' 

ir* 2. den hkbltaellsB ttirskrauch'AplHtnösw 
l Walräake unl0ncfaeid«ii. .Dieser ilt gandis am. 
r C&Jlgeoiflinsteii varbraitat, ohne dafo er auf- 
i. füllt. Dean lüar Dleibt die Wirkuog ge%rdhp- 
\ lieh nur in deU GrÜBzeo einer maÄIgaa ge£- 
r. stigen und kürparUcban Erregung. ' Darum 
[' lind viele Qlebtchen,' die nieinals belruakeB^^ 
[•jm AwMchSi' oder in der Bmoflenbeit galaW ' 
[; 4ai> wardaii,''dailDOch dem SlirBbra^fbe faP 
r )pri|ar Gatrünk«' sehr al-gebeB. 'Diaa*vArt 4aä< 
I Uflrbnncbs iit Toneügli^h gedgaet^ 'eiiia W*^ - 
I Widflve Anlage \m Körper zu mUbb, waldw- 
r uodi^ciraBd Inr die Entbilduag aBdarar Kratak«; 
I .MitBB beiwirkt. Außerdem giabt ua.aadi'', 
f / -VinaiilaasaBg bb eigeBthümlicbeB AbwMehan^* 

gas dM- pajrehischen und körperlichen Vitale 
\. tflusatandM, ^otob weiter pataa die B«d« ' 

a^B aoU. 

Der Arzt wird bei solchen Uentchen anoi 

k ^MV^a am laichteBten geläuBcbt, irail eib soL». 

: qbar Mibbraueb wenig ' anflallt , und.wail'b^ 

i im- B^nrlbeilung so sehr viel auf die Indivi-. 

dialilüt des Subjekts aqköoiuit. Für .den Ei-^ 

■fb ist ein groTses Quantam, was der Aadara ' 

' obafl Nttcbtheil sein ganzes LebaB hindurch 

•tmgea kann. Selbst die Zeit, wann das 

.Gatriiak genossen wird, und unter welcbaa' 

"VatatäBdea diek geschiaht, kömmt hierbei ia' . 

feüraclkt. Am leichtesten tritt ein Uifsbranch 

frittiger Getränke des Morgens oder Vornüt- 

lagi^bei leerem Magen ein. In dieser Zait 

' bmmMt ar sich nach gerade am allerschäd- 

liataB , Bnd schon kauere Quantitäten kÖn- 

B -aiBea grofsern. Naobtheil btingen, al& sonst 

|a«ni.LXyJI.U.<,St, ' D 



— 60 — 

Ton bedeoteoderen beobachtet wiird, wenn der 
Genub su einer andern Tageszeit und bei ge- 
fölitem Magen Statt findet. 

Es giebt endlich «ine 

3le Art des Mifsbrauchs geistiger Geträn- 
ke , die sich a)s wirkliche Trunksucht aus- 
spricht, die sowohl anhaltend als periodisch, 
seyn kann» und die in. vielen Fallen als^ein 
Krankheitszustand angesprochen werden inurs* 
Wie dies Brühl v, Cramer besonders darzuthun 
gesucht hat. Bei dieser Art des Mifsbrauchs 
findet gewöhnlich ein solcher Grad Statt, d'afs 
sich die Folgen mindestens als Rausch , häufig 
auch als Betrunkenheit und Besoifenheit aus« 
sprechen. Die nachtheiligen Folgen sprechen 
sich hier am stärksten durch bleibende Zer- 
rüttung -der Körperconstitution und Abwei- 
chungen des Seelenlebens aus. Das IDelirium 
tremens wird hier eine häufige endliche , aber 

b^i weitem nicht die einzige Folgekrankheit. 

» * 

Zu der ersteh Art des Mifsbrauchs gei^ti- 
ger Getränke kann der Mensch durch momen- 
tane Disposition und besondere Umstände ge- 
langen. Die zweite Art bezeichnet den habi-, 
tueUen Trinker, den an eine grofsere Summe 
▼on Reizmitteln gewöhnten Mensthen, deren 
plötzliche Entziehung er ^ nicht mehr ohne 
rfechtheil, wenigstens ohne momentane Un- 
hehaglichkeit erträgt. Die dritte Art bezeich- 
net den eigentlichen Säufer, oder Trunken- 
bold* Will man die hier aufgßfübrten yer«- 
schiedenen Arten, und Grade des Mifsbrfiucbs 
geistigelr Getränke mit dem Namen Trunk- 
sucht belegen , so wird man sich doch zur 
bessern- B^urtheilung der verschiedenen Fol- 



^ : "v ';.. . w M „ ..; • 

SfB«. i^MttOtSntbKBm bewKCrt. b(«ibw ntt»» 
wn.' OSm«. Folfsn aprschsB' lieb- MjeIi ^ea 
-VfiTStliieileiTen An«ti und Gradta/das SUGi- 
brauchs verschiedda Sut, ich habe jAloeh'Oiir 
die Absicht , diejamgen nabcr sti basrieboMi^ 
welche sich in einer 'dauernden .TitalitSUtte* 
änderaog darstellen. ' , ' : 

Der zurallige TorübargebeaJe ' UibbiatiGli 
kann zwar Gelegenhutsunacbt fflr.dte Kmqk«" 
Iieitabildung vrerdea, und wann garada dtaife. ' 
KrankbeilsbilduDg mitihmzaBatnmeotriflt, B^b* 
0.^;ficirend auf dieselbe wirken, in eofim e^ia 
k'>:4||Unentaoe Uebarreiauiig, od^r ein vamMhfw 
r Blataatrleb nach edlap OrgNqaa , oder t^a» . 
Kgeslion, darauf ein&'qlneiA wndea kSn« 
^^ b; aber genröhDlich aetzt er bot vcMÜbar'* 

Sdiende, zum Vetianfe des Ranaehel', der 
etronkenhelt , od« Beaoffanbeit gehSrigl^ - 
JPoleeo. 

Beim habituellen Trinker bildet ücli.«IU - 
l^EUig eine eigenthnmliche Veraliminiuig i« 
lariMsaprocesse , nelche ein verachiedaBei 
Grandverhält nifs au haben acbeint, wotob^bI^ 
<nisaa4* ala die wichtigsten anerkennen tnöcfat«. ^ 

c) Vor allen Dingen bedingt die öftfM 

• HgawShnliche Reizung eine Veräadenkng ,dea 

Erregungszustandes, die wir als Ueberreicnvt 

ttaaeSchneni' und die sich am ^tärkiten. ant- 

^pcüht. 

«. In den Terdannngsorganen. Vania^ 
' UMfutwus, chronische Catdialgian, ^Bfalerbafta 

AbeonderuDg der Magensafle, scblachte' Vap- 
. dinang, Uai^el an Appetit, und eine in Dnrch- 

Sij^ neigende 'Schwäche des Oannkanala, 
' . D 2 , 



— 52 — 

bezeichnen diesen Zustand gewöhnlich und 
TOrsHglich bei 'Branntweintrinkern. 

. /?. In den Hauptsystemen des Korpers, 
und £war im Blutgefäfs- und Nervensystem., 
Unordnupgdn in der Blutbewegung, Conge- 
stionen nach edlen Organen, vorzüglich qr- 
g^nische Krankhiefiten des Herzens und der 
grofsen Gefafse,' gehen häufig aus dieser Quelle 
hervor. Mannichfaltige Verstimmungen des Ge- ' 
meingefühlls und in den Functionen der Sin- 
nesorgane, die später näher bezeichnet wer^ 
den sollen, deuten dies. an. Ja selbst eine ~ 
psychische Verstimmung wird , nach der ver- - 
schiedenen Anlage, nach verschiedenen Rieh-' 
tungen hin bestimmt. 

h) Beim habituellen Trinker erleidet wahr- 
scheinlich die Beschaffenheit der Blutmasse 
und mit ihr der ganze Vegetationsvorgang eine 
eigen thüinlich e , wie es scheint venöse Ver- 
änderung. Es treten bei solchen Menschen 
wenigstens ganz deutlich die Erscheinungen ' 
eines vermehrten Venenturgors hervor > und 
daran knüpfen sich 

c) dauernde Blutanhäufungen in den ed- 
lem Organen, vorzüglich im Gehirn, der.L^- 
ber, der Milz und dem Magen, überhaupt im 
System der Pfortader, bald mehr in dieser 
oder jener Hiebt ung. 

Diese Umstände bedingen nun in ihrer 
rereinten Zusammenwirkung eine dauernde 
Vitalitätsyerstimmung, die sich nun entweder 
zur selbstständigen Krankheilsbildung in all- 
ihählig vorschreitender Progression erhebt; oder 
die als Anlage für die Entbildung und den 
Verlauf I anderer , besonders der Fieberkrank* 



heilen , modificirend wirkt. jSIe ist nicht in 
einem einzelnen sondern iii ihren Terschieä^e- 
nen Grundverhältnissen zu erfassen, und als 
eine vitale Verstimmung zu ' betrachten j die 
sich in einer mit Erethismus gepaarten , soge- 
nannten indirekten Asthenie der Erregung aus- 
spricht. Dieser Erethismus zeichpet den Zo?- 
stand gan? wesentlich vor andern Arten der 
indirekten Asthenie oder der Ueberreizüng aqs^ 
und er ist wohl Folge ^ sowohl der veränder- 
ten Blutmischung, als des verstärkten Yeneb^ 
turgors nnd der Blutanhaufung in den Cen- 
tralorganen. Während bei andern Arten der 
ITeberreizung die Empfänglichkeit abnimmt, 
zeichnett sich der überreizte Zustand des Säu- 
fers, wenn er eine gewisse Hohe erreicht bat, 
dadurch aus, daTs er nach und nach imnier 
weniger Spirituosa verträgt, und es ver^nlafsf, 
dafs dem Trunk ergebene Menschen zuletzt 
schon von sehr geringen Quantitäten in den 
Zustand der Betrunkenheit versetzt werden. 
Dieser mit indirekter Asthenie gepaarte Ere- 
thismus spricht sich in der Sphäre des Gan- 
gliennervensyslems oüenbar zunächst und am 
stärksten aus, und es dürfte nicht in Abrede 
zu stellen seyn , dafs der Plexus caeUacus den 
anfänglichen Centraiheerd desselben bilde. Aber 
dem Nervus vaqus gebührt. j*ewifs ebenfalls ein 
grofser Antheil an den Erscheinungen, die 
sichy hei der aus dieser Anlage hervorgehen- 
den Krankheitsbildung olTenbaren» 

Es gehört nicht zu meiner Absicht, nä- 
her nachzuweisen , welches Heer von organi- 
schen^, Vegetaliüus« und Nervenkrank|ieiten 
durch ilen Slifsbrauch spirituöser Getränke er- 
zeugt werden könne, wohin vorzüglich orga7 



— 54 — 

ntscha Fehler des Magens, der Leber» der 
Milc, Blatbrechen , organische Krapkhellen 
des Herzens und der grofsen Gefafse, chroni- 
sche Diarrhoen , Lienterie , die Wassersucht^ 
Abcehrnngskrankheiten ^ yomitus matuiinus^ 
Epilepsie und Lähmangen gehören: ich will 
Tielmehr yerfolgen, auf welche Weise sich 
aus ^der angegebene^ allgemeinen dTnarnischen , 
Verstimmung, eine weilere Krankhetlsbildnng 
entwickelt, und dann nachweisen,, wie sie die 
Erscheinungen und den Verlauf d^r Fieber* 
krankheiten verändert. 

^. Die aus der durch den Mifsbrauch 
spiritnoser Getränke gesetzten Anlage, in all- 
tnähliger Progression hervorgehende Krank- 
heitsbildung. 

Längere Zeit hindurch kann ein BCfs» 
brauch spirituoser Getränke Statt finden, be- 
vor sich die* daraus entbildenden Folgen be- 
merkbar darstellen. Auf der niedrigsten Stufe 
der Entbildung treten mehr die Symptome ei- 
ner Ueberreizung'des Magens, einer vermehr- 
ten Blutanhäufung in der Leber, der Milz und 
dem Kopfe ein. Darum bemerken Menschen 
dieser Art Morgens im nüchternen Zustande 
eine schmerzhafte, zum Würgen eines zähen 
Schleims oder einer sauren Flüssigkeit fei- 
zende Unb?baglichkeit in der Oberbauchge- 
gend, welche öfter mit einer "allgemeinen 
"AengstUchkeit verbunden ist, der sich ein 
leichtes Zittern der Oberextremitäteo beige- 
sellt, Sie leiden ferner an einer Eingenom- 
menheit und Wüstigkeit des üopres, und sind 
besonders des Morgens wenig zur Arbeil auf- 
gelegt. Ihr Schlaf ist unruhig, nicht erquickend. 
Ihr Stuhlgang unr'egelmäfsig , die ETslust ver- 



} .' ■■. ■ .-»^-.M . I- -, ■ ' ; - 

. äoderlicb, Jes Mittags am B(il)lMlitMt«i( dn 

Abends gewühnüch «Iwas b«U«r. B«i alte 

deoi findet sich grörslentbeils «ipa g«Wi«M 

Wohlbeleihfheit ein. Ein venlarkter yenut* 

l> turgor nach dem Kopte, gisbt dfltn Gmidite, 

; ein aufgeduasenes Ansehen. B«I viftlan tr»- 

Ifln deutlich die Zeichen dfoei Ptithofa cUtH' ■ 
' ^minalis, Molimina haemorrboidum , unff WirUf-' ' 
I eher Haemorrhoidalblutilurs ein. Ander« fSll- 
Jen einen vermehrten Blntantrieb aacb ' dn, ;'. 
' Brusti und der Oberbauchgegend. Kanfatfa- 

migkeit, SchleinihuFilen, Bwcklopfcp , SpBO- , 
.. ■■■!£ in -den Fräcordien, und eins gawiato 
.»ÜDr^elmärsigkeit in der Thätigkeit- d«i Art*- 
^ "tMntjslams , besonder» ein' veratarktea -KIo- 
f§»U dera^itiet) in einzelnen Tbeilen' des &oe- 
- paia Dod ein Teränderlichsr Pols deutdn diea 
' -mn and begründen nicht selten den "Verdacht . 
. «jinar Herzkrankheit and eines Anearienw's« ' 
Allmäblig gesellt sich auch eins Verstimmtang , 
des "Gemeingefiihls b«y , .die anf die Psyche 
BMnchreitet und eine beginnenda Hfpodion- 
dU4 bekundet. 

^ ' Diese gesammlen UnbehaglicUeiten Ter- 

t, Rindern sich mit einer erzwungenen' glaich- 

ma&iigen dynamischen Anspffnnang des gan- 

San K.orpers, und da anderweitige Anfregnngs- 

niUel nicht sofort zur beliebigen DiBposiüoo 

. 'gestellt tioi, die ki)rperlicfae Unbehaglichkeit 

laach-überwiegend ist, und dem in der Seal« 

-.erwarten guten Willen entgegenwirkt-, so ; 

' creifan die Menschen wieder von neuen cn 

.-oan SpirituosiS) und auf diese Art gebt es 

tSglich fort, bis sie unerltUsIicbas Bedöifhib 

«rerdeo. 



-i- 56 - 

'.Auf dieMr Stufe angelaugt, traten 'jfanu 
auc^ die Zeichen eiaer Verstiminung der phy- 
siscbea, psychischen, und besonders der mo- 
ralischen Empfänglichkeit . immer liiehr tor 
Augen, die sich theils in einer allgeineinen ' 
Intemperatur dsr Erregung, thells in biner ' 
Entwürdigung iet menschlichen Gesinnungs- j 
und Handlungsweise, oder mindestens- in ei- 
genthiimlicJier Verstimmung der Seelenthätig- 
keiten olTenbarpn. 

In Rücksicht auf den korperliohen Zu- 
stand finden wir die bereits angegebenen Er- 
scheinungen bedeutend vermehrt. Der Habi- 
tus verrätb unverkennbar den Trinker, oft 
mit einer schwammigen Fettleibigkeit) minde- 
stens 'mit einem aufgedunsenen in Hinsicht auf 
die Farbe zum Kupferroth neigenden Gesichte, . 
einen eigenthümlichen stieren und dennoch 
scheuen Blick des Auges, im nüchternen Zu- 
stande mit einem Zittern des ganzen Körpers / 
und einer grofsen Hinfälligkeit ausgezeichnet. 

Eine eigenthümliche Veränderung erleidet 
zugleich die psychische Seite des Menschen, 
die nach dem verschiedenen Individualitäts- 
und Bildungszustande, so wie nach^der vor- 
herrschenden geistigen Anlage zwar in ver« 
schiedener Art hervortreten kann, im Allge- 
meinen aber unter folgenden Gesichtspunkten 
aufzufassen seyn^ möchte. 

a) Man beobachtet bei vielen Trinkern,' 
und besonders bei solchen die in der Bildung 
-zurückstehen t eine zur Wildheit neigende Ent- 
artung. Sie äufseru ein trotziges, brutales, 
heftiges, vauffahrendes , jähzorniges Wesen, 
Aohheit, Mangel an Theilnahme , eine unge- 



' ^figslte Neiginng zur Zaali- ond ' Strrittnelitp 

eine wahre ZerstörungB>|rDlh, no« -Opposi^n^ 

. g«Sei> alles, was mit ibret WitleasiDeiamiB ' 

, nicht übereiusliinrat. Dies eieht Veraulauan^, 

I ' dafs siä leicht der ÜITenUichen iSicfaeiihaitrg».; 

I labrtich werden und die fitrchtbaraMD VwM)^ 

I chen begehen könDen. "^ ^ 

b') Bei andern äufMrt si^h diese fA^eÜJU' 
sehe YeretiminuDg mehr in einer t7ivcumM<Mi- 
' heil mit allen LebeDsverhältniiaen, aod eiaeÄ 
' MibmajÜ, der zum tlDfrieden, sAr Fn)x9t&- ^. 
|; Mcht, KU Beliügereieo ( kudI. VerBocli tob 
i Vdpckcipielen ~a.' dgl. geneigt macht. 

; - «) Bei TieliBD beobachtet man «ine Stnia|rf- 

f'-* Einigkeit,' die mit KaltainD gegen «lle edlere 

' MeriioheBTerliältnisse, - VernachtäbigoDg ' :i^' ■' 

. Mjchttp, Mangel aü Tbeilnahnte an Fanu- 

, 'fi«iit«Tbültai8Ben , Verflioiteii in die tbierischef 

: Ifatiir das Menschen , VernBchläraigtnig der tü^ 

g4Den Person, Entziehung von bessera G*^ 

•«UBchaflen, Aufsuchen gemeiner GeseUschaf" 

tMi and Vermischung mit der Yolksfiefa, uDd< 

y^^Bchläfsiguag aller Scbicklichkeit an deS' 

.Tag Irin. 

d) rfoch andere .Tersinken mit der KnnAli- 
meodeo Trunksucht in eine Albernheit, die 
•te cum Spott anderer Menschen macht, und 
tn.der sie sich oTt einbilden, die Gesellschaft 
iSnrch Scherze und Witze zu ergötzen, wäh- 
lend sie sich die Verncbtung der Vernünni- 
'gni zuziehen, und durch die sie allmahlig zu 
wehren geisligea Imbecillitat herab- 



'. e) Andere versinken in einen Zug Ton 
Gotmiithigkeit , in welclieia ai« alles, was 



— 58 — 

nar zu ihrer DilpotitioD steht, Tersdien^ 
ken u. s« w. 

Doch diese TerschiedeneD Züge, welche 
die psychische Terstimmung des Trinkers he- 
zeichoen, and welche leicht noch yermehrt 
werden konnten, gestalten sich nach deoi Tem- 
peramente und der psychischen Individualität 
verschieden, und kommen selten einzeln, son« 
dern grofstentheils in mehrfacher Verbindung 
vor. Die hier aufgezählten Richtungen sind 
aber vorzüglich zu beachten , da sie einen be- 
sondern Einflufs auf das bürgerliche Lebens- 
verbältnifs, auf amtliche I^flichterfüllung und 
die öffentliche Sicherheit haben« 

Ist es bis zu den hohem Graden einer 
andaurenden psychischen Verstimmung gekom- 
men , dann gesellt sich leicht eine neue Gruppe 
von Erscheinungen hinzu,, die sich in Sinnes- 
täuschungen und Sinnenwahn ausspricht. Diese 
Erscheinungen gehen* aus einer krankhaften 
Reizung ,der Sinnesorgane hervor, die sowohl 
in dem Nervenerethismus als in dem verstärk-* 
ten Blutandrange nach dem Kopfe, welcher 
dem Säufer eigenthümlich ist, ihren Grund 
haben. Bei den Sinnestäuschungen wird die 
Seele sich noch der Tauschung bewufst. ^ei 
dem Sinnenwahn ist die Einbildungskraft von 
dem Trugbilde so erfüllt^ dafs es als ein Ge- 
genstand der wirklichen Welt aufgenomnien 
wird. Dieser i^ustand stellt sich erst bei den 
weitern Fortschritten der allgemeinen Verstim- 
mung ein, wenn das Gehirn an dem allgemei- 
nen Nerven erethism US wesentlichen Antheil 
ninimt,. und der Trinker in eine Art von 
Traujnleben versetzt wird, in welchem seine 
Fhanläsie mit den mannichfaltigsten Trugbil- 



dara Abgefnllt Wirdi .diavohJen T4r'cliifd0^ ■• 
Dan Measchen nach'Jer geiatigsn IndiTnlaill- - 
tat rerachieden aashlleii.; Dia Sinitastäiiaciiaii-'' ^ 
gen weiäea iO»h.T. Tom Varstüktca Blulraix», ' 
vr'fllcber auf die Sinnmorgabe wi'kt, arisg»> 

' hen , befalleD anv häufigste b den GaaichtwfiilB ' 
und das Gehör, vai sprachaa sich auf «iii* 

-.■4*. T«ndiiedaiL»,W«ise aaa. . 

'; Tpm .SinnMwahQ sctireitet der Zaslaild 
tdt'lu'Bqr ToUkomiueDen SeelenstoriiDg , d{*' 
itch'atif die verscIuedaBBte 'Weise anss^ilvcliefe 
kaob, aber am häufigsten in der Form d«^ ' 
.•ogaoaDDlen Ddiriiim trfmens darstellt, obgleich ' 
' aheo ao gut Manie', Melancholie, BtSdsiiiiiL ' 

■ vaA Narrheit entttaheD kocoen. 

, , ' Da* Htliriuih trtmtna stellt offenbar eise ' 
■Knknklieit eigener Art dar, .und ist von dein 
' fibrig^n Formen dar Saelanstömngen vesent^ 

' Ifch Terachieden, in sofern es sidK'virkli^ 
ihehi dem Delirium als dem WqbnsinD-an- 

. jiriht. Die Atania a poiu kömmt nächst deät 
ßtäritim tremeni am bäuGgsten Tor, und g4- 
'Valtet sich als eine von diesem ganz Ter- * 

' «chiedene Krankbeitsfnrm. Es giebt iadassen 

' Ai>ti8tieTungss{uren des DeHriam trtmeni zum ' 

' 'TTabnainii , und Torzüglich zur Manie auf der 
■elneBi Diid zum Fieberkrau kheitszualande auf 

'. der andern „Seite. Zwischen beiden sieht dai 

' Ddirfiim tremens in der Mitte, ja ea, giebt Fälle, ' 
=di« chrooisch , verlaufen, und mehr einer Ft^ 
bri' nervosa Itnla beigezählt werden müssen. , 
Dif' Bigenthümlichkeit des Krankbeitszustao- 

, Jaa geht aus der, durch den Trank- geseiz- 
^t^ Anlage hervor, die ich oben näher aog^ 
geben habe. 



. 60 - 

i < 

Mit der Heri^rbiidoDg des DeRrhan tre^ 
mens yerhalt 'es sich auf eiae doppelte Weise. 
Es enibildet sich oämlicb eia 3Iai aos der Ao- 
läget selbst. Ein ander Mal treten Gelegen- 
heitsarsachen hinzu, welche bei der Torhan- 
deuen Anlage., neben 'einem andern Krank- 
heitszustande auch diesen hervorrufen, der 
sehr oft der ^vichtigere und Sberstrahiendere 
wird. 

• ^^ 

Das IDeüruim tremens verläuft geyrohnlich 
als eine acute , in selteneren Fällen auch als 
eine chronische Krankheit. Ja diese letztere 
Form schmilzt hin und wieder mit einer F<e- 
hrifs nervosa lenta zusammen. In den meisten 
Fällen ist das JDeMrium tremens nicht reine 
Nervenkrankheit, sondern vermehrter Venen- 
turgnr und Congestionszuslände wirken we- 
sentlich mit und setzen einen Zustand« der 
sich dem entzündlichen Erethismus nähert, 
unld es ist für die lieliandjung ganz wesent- 
lich^ diesen mit Blutreizung gepaarten Zustand 
von dem seltener vorkommenden rein asthe- 
nischen zu unterscheiden. 

Es würde mich hier zu weit führen, auf 
diesen Gegenstand näher einzugehen, und ist 
dies auch um so weniger nöthig, als wir 
neuerdings von Barkhausen ein Werl^ über den 
Säuferwahnsinn erhalten hahen^ welches diese 
Krankheit von der praktischen Seite auf eine 
gründliche Weise beleuchtet und zur Bestäti- 
gung der darin ausgesprochenen Ansichten, 
eine grofseZahl von Krankheitsfällen mittheilt: 
Statt der Benennung Säuferwahnsinn würde 
ich lieber das Wort Uelirium tremens beibe- 
halteq« D^enn das Ueb'el nähert sich nur in 
den höheren Graden seiner Ausbildung dem 



- Ol - 

Wahnsinn, in' den niederen mehr dem Deli- 
rium bei Fiebern. Hat auch rdcksichllich sei- 
nes Ursprungs in sofern mit jener Aebnlich- 
l^eit, als dort ein durch das Fieber begründe- 
ter, veränderter Erregungszustand im Gehirn 
und Nervensystem, hier aber ein mit Erethi^- 
inus gepaarter, auf UeI5errei2ung begründetHT^ 
schwankender Erregungezustand zum Grunde 
liegt, beide Krankheitszustä'nde aber recht ei« 
gentlich "von einer veränderten Vitalität der 
organischen Instrumente ausgehen* 

B, Von dem Einflufs, den die, durch den 
Mifsbraiich geistiger Gel ranke gesetzte wider- 
natürliche Krankheitsanlage, auf die Entbii- 
dung der Erscheinungen und des Verlaufs der 
Fieberkrankheiten ausübt. 

Dafs Fieberkrankheiten bei solchen Men- 
schen, welche dem Diirsbrauch spiriluoser Ge- 
tränke ergeben sind, und bereits einen ho- 
hem Grad der dadurch bedingten Kninkheits- 
anlage tragen, oft die Erscheinungen des Z)€- 
lirium tremens hervorrufen, ist vielfach beob- 
achtefe worden. Ein solcher Fall ist überdem 
leicht zu erkennen.' Denn gewiihnlich wird 
das Delirium rr€/776n&- die überstrahlende Krank- 
heit. Oft kann eine solche Verbindung auch 
mit einer Entzündung eines wichli;L'en Orga- 
ne« zusammentrelTen , was einen höchst ge- 
fahrlichen Umstand bedingt. 

Sehr oft werden aber Fieberkrankheiten 
bei Trinkern eintreten, wenn die durch den 
Trunk gesetzle widernatiirliclie Krankheilsan- 
lage noch nicht einen so Jioben Grad erreicht 
hat,, dafs ein Delirium tietnens d.ira'us hervor- 
gehen könnte. INichts desto weniger kann 



— . 62 — 



/ 



dieselbe einen Einflnrs auf die besondere Ge« 
^lalluog der Fieberkrankheit aasüben , und 
.. eine Berücksichtigung >bei der Heilmethode 
nolhwendig inacben«^ Es ist daher noth wen- 
dig f dafs^ der Arzt die Erscheinnagen kenne, 
^«Iche ihm eioen solchen Einflufs offenbaren. 
Dies ist um so nothwendiger , wenn^ihm die 
Lobenstlreise des Kranken nicht ' einmal, be* 
kannt, oder in. Beziehung auf den MiTsbrauch 
geistiger Getränke verheimlicht wird. Ja diese 
Erscheinungen werden den Arzt- oit erst* zu 
einer weitern Nachforschung anregen müssen. 
Denn ich habe es öfter beobachtet, dafs Men- 
schen seit einer Reihe von Jahren jenen Mifs* 
brauch, dem sie in einer frühei^n Lebenszeit 
ergeben waren, aufgegeben haften, und dafs 
die in Rede stehende Anlage sich dennoch gel- 
tend machte. 

Im Allgemeinen geschieht dies auf iTol- 
gende Weise. 

. . 1, Die Fi^berkrankheiten bei Trinkern 
zeichnen sich durch einen grofsen Widerspruch 
in. ihren Symptomen aus, so dafs man nicht 
recht weifs , was man aus ihrem Charakter, 
ihrer, Bedeutung und einer etwa vorhandenen 
Verbindung mit einem Lokalleiden wichtiger 
Orgape machen soll. Einzelne Symptome deu- 
ten, auf ein .heftiges Erkranken ; wahrend an-; 
dere der Sache wieder einen gutartigen An- 
strich geben. 

.2» Es mischen sich schon frühzeitig die 
Symptome eines Nervenerelhismus mit ein, 
welche acfui Arzt in seiner Diagnosa verwir- 
ren, indem sie in dem eiueu Falle den Ver- 
dacht , entzündlicher Gehirureizungeu , in ei- 



. f 



'W '^^"■- ' *-**■-- ■■ \' ,■ 

'^MÄm and«» dea eines Bt&e)ü«cb-DierT$^ft Zu-' 

> wundes erwecken , dabei .aber- unler Bich.di« 

_' gtSfütea Wideisprüche zeigen.' - ;/; .' 

3. Ha irelen gewöhaJicIi'ReixiiDgeiiin dar \ 
• OberbRucbgegeuJ mit »uf, und diese ^e^wir^ 

> ran die Sache norli uiühr, dejin bald eiwe«? 

' ken Rie den Verdacht eines gastriachei» '^^^ 
Standes, bald scheinen sie yon «nlzünd lieben 
Reizungen der Leber und der Milzi Biiaxilg«. 
hea und im gesainmtßii KrankheiUbildf ; ejii« 
höbe Bedeutung zu haben. 'Aus dieser QusÜjS 
gehen grursu Ivrlbümer bei der Bflhandiung 
hervor. Die Idee der EattünduDg rerWM 
aar, eingreiC^nden «ntiphlogislisCheB B,ebaaclT. 

''^Soogi die zwar momentanen Nachlals, al^ir 
kflfaia dauk-ende. Besserung hervorbringt ,, dea 

- Knuiketi aber ins sichere Yerdarbao stünt. 

4. Hiera^ kiiüplt sich aücb eine Terän- 
^rte Empraaglichkeit für einzelne Arzneien. 

. Insbesondre leisten Brerhmillel seilen das 
was We sollen , yielmehr erregen sie oft sehr 
arsdiöpreode Diarrhöen. Alle siark«n' GabM) 
TOa salinischen Mitteln Ihun ganz dasselbe. 
tban so wenig bekoi{|Dien stärkere fieizmit- 

. td. Es hat mir geschienen, als wenn eins 
y nüüiigs Beförderung gaslriacber Ausschwitzun- - 
geo, znr Beseitigung jenes veruiehrten Con>^'- 

Sjaslionszuilsndes in der Oberbau cbgegend' er- ' 
brdarlich sey, ^ 

5. Ausgezeichnet sind diese Fieberkran- 
kandurch den grofsen CoUapsus und die scbnell* 
fibia Wendung , welche* iui l^rankheilszusian- ' 
da eintritt, wenn bei ihnen auf irgend eine 
Weise ein nur irgend bedeutander Snfle, Üe- 
Hoders aber Blutverlust zu Stande köunnt.- 



— 64 — 

6« EadJich zeichiMB sich dl« FiebcibaBk- 
hettfl« b«i SaofKB aocfa besonde» aas darck 
einen schnellea Wachäthain d«s RraakhiCits- 

pr«iZCM«4. darch ein anj^ewohnÜ^he» het'Jses 
ErknakeD. dcrch die häaS^ saaz pÜ^'^Lch 
eintretende uble VVendonf , welche der Krank- 
lieiuza«taad eingeht, vnd die besonders Ter- 
a!ilAr$t TrirJ ; dorch einen rermehrlen Veaeii- 
tnrsi^r n4':h edlen Ors^nen ccd daiorch be- 
dingte Conzestioof- nnd Eatzüninnsszastände» 
TorzäsÜTb Aber dnrch die Umwaaalasr in ei- 
nen a.«*'fieni3<:hen Kr^ükheits-Ch trakter. der 
hier um so leichter eintritt , al5 d:e du-?h den 
Trtrnk ^e^e'zte Anlage desselben besnnstist: 
endlich aach darch pioLzIIch eintretende Leh- 
man z wichtizer Or;;'iae. besonder:» des Ge- 
hirn». Ich h^be mehrere Kranke dieser Art 
im Verlaufe der Fieberkr^nkheit zanz pioCz- 
lich an einer Apoplexie sterben sehen. 

Fieberkranke dieser Art zeben aach je- 
liesiiial eijier sehr lanzsamen ReconTalesccoz 



TTean non auch dle:=e Umstände den Ein- 
flalk im AUjEeoieinen bezeichnen , welche die 
imtA dea Trank erwtitbene AiiM,ze laf dia 
Fathilioag und den Verla rif der Fieberkrank- 

:, so ist leicht einzusehen , d^fs 

:h dem Tersrhiedeaen Charakter 

▼erschiedeoheic der Form. weLche 

darch sein Caus-iLTerhriLLairs. seine 

■■d besonderen Neben cmstände 

aafnimmt. erlanzt, rerschieden 

und gewilriizt werden jnlMe. 

Erschein unsea , darch weiche 

Einflafs a'^er im Bilde der Fieber- 

bemerk lieh maclit, und an weichen 

der 




— 65 — 

d«r Arzt deDwIbeB «rkenoeB kano, weDo er 
audi Bicht wobt«, dafs sein Kranker eio Trin- 
ker sejTf laisan sich in folgenden Zogen so« 
MmmenCuaen. 

n) Im gansen Habitus des Kranken spricht 
sich eine/ fnr den Zeitraum und den Grad der 
Krankheit^ nnTerhalfnirsmärsige Unnihe and 
Agilität aus. Die Bewegou^en sind hastig, 
dennoch wenig anadaurend, weil sehr leicht 
ein Zittern eintritt. Dies macht sich beson- 
ders bemerkbar, wenn man den Kranken anf- 
stehen läfst. Das gewohnliche Zittern der 
Säufer ist nicht immer, aber doch in seht 
lielen Fällen Torhandan. 

K) Besonders ist eine unstäte Haltnng and 
grofse Wandelbarkeit in den Gesichtszügen be- 
merkbar, wobei sich oft ein eigenthnmlicher 
fröhlicher Ausdruck darstellt, der mit den 
übrigen KrankheitserscheiDungen in keinem 
Yerhäl Inisse steht. Dazu gesellt sich ein ei- 
genthnmlicher Glanz des Auges und ein flüch- 
tig umherschweifender unstäter Blick, in dem 
man etwas Scheues finden könnte, der aber 
ein anderes Mal auch schielend und stier be- 
obachtet wird. 

Gewohnlich spricht sich ein vermehrter 
Venenturgor im Gesichte, durch eine Ter- 
stärkte Röthe und Aufgedunsenbeit aus. 

Alles dies giebt dem Gesichle einen ganz 
eigenthümlicben Ausdruck, ähnilch dem beim 
ßdirium tremtnSy hier jedoch in einem Termin- 
derten Grade. Hat man das Ptliiium tremens 
öfter beobachtet, so erkennt man diesen Aus- 
druck reicht wieder. 

Joom, LXVII. B. 4. St. E 



— 66 ~ 

c) Dazu tritt alr basonden bemerkenswer« ' 
tber ^ug, «in« gans eigeotbüinlicbe BMcbaf- 
fenheit des Pultet, Gewxiholicb itt ec for-die ' 
Zeitperiode und den Grad des Kraokheitsza- 
stanaes zu frequent. Im höheren Grad# der 
Fieberkrankheilen ist diese Frequenz oft ganz 
üufserordentlicb» Dabei ist er nicht seilen ziem- 
lich gefiiUt, aber es fehlt ihm immer an der- 
jenigen Spannung, welche den übrigen Krank-^ 
beitserscheinungen entspricht. Ich habe ihn - 
oft ungewöhnlich weich gefunden. Charakte- 
ristischist dieUngleichmäfsigkeit, sowohl rück- 
sichtlich der Ordnung, als auch der Gleich- 
artigkeit der einzelnen Schläge« Die constan- 
teste und grofste Abweichung zeigt sich aber 
in letzterer Beziehung, so dafs man eine Reihe 
von Pulstchlägen tiiehr gespannt, eind andere 
wieder kleiner und weicher fühlt. 

d) Nicht minder beachtenswerth ist d^r 

Siychische Zustand des Fieberkranken. Ein 
emitch Ton Aengstlichkeit , Geschäftigkeit, 
Furcht und munterer Laune drückt sich hier 
witt beim Delirium tremens in dem Benehmen 
des Kranken aus. Seine Klagen sind gering- 
fügig und der Gröfse und Bedeutung des Krank- 
heitszustandes nicht entsprechend. Dabei ist 
dennoch kein Torpor, sondern vielmehr eine ' 

Ssycbische Aufregung in die Augen fallend, 
ie sich besonders durch Hastigkeit im Spre- 
chen und einen Reichthum an Vorstellungen 
auszeichnet, die öfter sogar eine Geschwätzig- 
/kejt mit sich führen, bei welcher der Kranke 
aber 4in volles Bewufstseyn beweiset. Diese 
peychiscbe Aufregung nähert sich aber hin und 
Wieder e|hem wachenden Träumen, sie ist 
mit Mangel an Schlaf, oder mindestens doch 



— 67 — 

nit «iaein tehr uoruhigea, mit 'aogsllicheo 
Tiaamen gemiscbttD - Schlaf Terbandeo, di« 
d«n Aoscheio des Deliriums geben, wosu bei 
bohcren Gradea des Fiebers eine ausgeseichr- 
aete Neigung vorwaltet. 

Bei geschlosseneD Augeo treten auch leicht 
SiDnestäaschangeD ein, die wohl bis zum Sin- 
penwahn^ gesteigert werden« B^onders triff! 
dies den Gesichtssinn. Die Delirien zeigen 
dasselbe Eigenthümlic^e wie beim Delirium tre^ 
fmns^ dafs sie eqtweder mit beängstigenden 
^orstellangen und einer gewissen Heftigkeit 
und Lebhaftigkeit) so wie mit Sinnestäuschun« 
gen mannicb faltiger Art, besonders aber des 
Gesichtssinnes verbunden sind. 

e) Wenn auch nicht bei allen, so findet 
man doch bei sehr vielen Kranken eine schmerz>- 
halte Spannung in den Fracordien, die sich 
dem Fieber beigesellt, die häufig mit eineni 
-schleimig -galligten Zungenbeleg verbunden ist, 
und gewöholich ^ auf die Lebergegend, auch 
wohl auf die Milz ausgedehnt wird* Je mehr 
Kranke dieser Art früher an einer Plethora 
abdominalis^ an Stockungen des Blutes im Ffort- 
adersystem litten, je deutlicher sie die Zei- 
chen einer venösen Constitution und die Zei- 
chen des Venenfurgors an sich tragen, je deut- 
Kcher spricht sich diese Erscheinung aus. Man 
findet dieselbe übrigens auf einet verschiede« 
nen Stufe -der Ausbildung. Oft ist es mehr 
eine Cardialgie, die von dem krankhaften Ere- 
thismus des Pleocua coeliacus ausgeht, und der 
gleichzeitige Blutandrang nach der Oberbauch- 
gegend steht, gegen den Nervenerethismus zu- 
rück. Oft ist auf eine deutliche BlutüberfüU 
lung in der Leber und Alilz zu schiiefsen* In 

E 2 



— 6» - » 

einkttlncfki Fällen nähert sich das Uebel einem 
wirUii^ben Entzändangszostande dieser Organe, 
und dann hat man es mit einenx höchst be-^ 
denklichen Krankheilszastande zu thun. Hier- 
mit hängt wohl die Erfahrung zusammen, dnfs 
Trinker häufiger von bösartigen und höchst 
acnt verlaufenden Leberentzündungen befallen 
werden* Ich habe dies einige Male bei^fetr 
ten, durch eine venöse Constitution wahrhafit 
ausgezeichneten Menschen, die sonst dein MiTs- 
branch spiriluöser Getränke ergeben, wareui 
nach einem vorhergegangenen ungewöhnlichen 
Excesse beobachtet und leider tödilich verlau7 
fän sehen. 

Die hier besprochene Erscheinung verlangt 
dttjcchaus eine umsichtige Würdigung, die um 
so schwieriger ist, als der Puls und die an- 
derweitigen Krankheitserscheinungen leicht tau* 
-«eben. Man wird grofse FehlgriiTe in der Be- 
handlung machen , wenn man hier einem ein- 
fachen Entzündungszustande, ohne Rucksicht 
auf die Eigenthiimlichkeit der Anlage, aus 
welcher diese Local-Äffection hervorgeht^ be- 
gegnen zu müssen glaubt. 

/), Grofse Geneigtheit zu Durchfallen und 
eine mit den übrigen Krankheitserscheinungen 
io keinem Verhältnisse stehende Schweifsab- 
sondernng, vorzüglich Localschweifse des Ge- 
sichts, gehören ebenfalls zu den hier zu be-^ 
achtenden Krankheitserscheinungen. 

. Nicht in jedem Falle sind diese Sy^ipto^ 
mer in einem gleichen Grade hervorgetreten, 
dennoch fehlen sie selten. Am wenigsten he- 
mwkbar ist in leichten Fieberkrankheiten die 
entzündliche Spannung in der Oberbauchge^b 
gend. : ' 



— 69 — 

Aus diesem hieir kurz aogediBotetta Bio^ 
Hufs der durch den Mirsbraach spiritnSser 6«» 
träoke erworbenen widernatiirlicben Krank- 
heilsaniage auf die Erscheinungen and den 
Verlauf der Fieberkrankheiten, ergeben -sich 
Bugleicb einige allgemeine therapeutische Re» 
geln, welche der Arzt bei der AusfHhrtiiig 
seiner JSeilmethode festzuhalten hat. 



1« Die Fieberkrankheit wird zwar 
allen umstände eine ihrem Charakter entspre- 
chende Behandlung erfordern , dennoch wird 
die in Rede stehende Anlage die Ausfuhrung 
einer strengen antiphlogistischen Heilmethode 
sehr beschränken müssen. Blnleatziehungen 
sind in vielen Fällen nicht zu umgehen , aber 
immer mit grccfser Vorsicht anzuwenden« Denn 
jede stärkere Säfteentleerung bringt einen be- 
deutende^ Gollapsus und eine sichtbare Ver- 
schlimmerung des Krankheitszustandes hervor. 

2. Der krankhafte Nervenerethismus, der 
seinen Centralheerd in den Ganglien des Un- 
terleibes zu haben scheint, erfordert unter al*. 
len Umständen eine besondere Berücksichti- 
gung und eine Beschränkung, wenn der Krank- 
heitsprozefs oicht auf das Gefährlichste entar*^ 
ten soll. Blutentziehangen sind nur bei wirk- 
lichem vorwaltenden Gongestionszustande nach 
dem Gehirn 9 durch Blutegel zu veranstalten. 
Die Kälte und das Opium sind aber diejeni- 
gen Mittel , welche am meisten leisten. In 
vielen Fällen habe ich mit grofsem Vortheil 
kalte Uebergiefsungen angewendet. Aber auch 
das Opium leistet hier sehr viel, und man 
darf sich bei dem vermehrten Venenturgor 
durch einen anscheinenden entzündlichen Zu- 
stand nicht täuschen lassen. Eine mabige an- 



— . 70 ^ 

/ 
' ^Kloglttlt^e Behandlnngsweise Verfriigt sich 

iiiMT g«bs gatotii dem gleichseitigen Gebrauch 

des Opiums. 

3. Eine besondere Beriick^ichtigang ver- 
^ent d^r Vermehrte Venenturgor nach der 

. Oberbauchgegend, Eine Behandlung mit klei- 
neren Gaben von Tart. ßtibiatus und der Ge- 
brauch einer Saturath Kali carb. t. succo dtri^ 
haben sich mir immer am Yortheilbafltestea 
hewiesen. Läfst man sich jcu starken Blut- 
entleerungen verleiten, so verschlechtert sich 
der Zustand des Kranken. Bei den höhern 
Graden sind Biutentleerungen freilich nicht ^u 
entbehren, aber sie müssen stets mit Vorsicht 
gemacht werden* ^alomel, Moschus und Opium 
nehmen näcbstdem den ersten Platz ein 

4. Ebenfalls ist der überreizte Zustand des 
Magens und Darmkanals zu würdigen, und 
besonders der Eintritt profuser durchfalle zu 
verhüten. Die auf die Anwendung von Salz« 
mixturen, Calomel und Brechmittel so sehr 
leicht erfolgen. 

Diese kurzen Andeutungen mögen hinrei- 
chen, den^ Gegenstand der Aufmerksamkeit 
der Aerzte zu empfehlen. 



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■*^ ■" " " de« ^yoanüsolieti PHpsij^ 

in derselben 







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*/ AectitfertiguDg Seiner Lehre gegen man-' 
« :obe Siinwürfe und MilBverMändnji/Hie. 

Vom ' . ^^ 

Begier. M^diz. R ath Dr. Hartmahn 

in FrcJikfart «^ d« Oder» 



(Betchluft. 8. Vor. Hefif.) 



l-^en stärksten Eiiiwurl^ den mad dem Stoftr« 
• sehen Lebentprincip machen könne, der hi^^ ^ 
|ier aach von l^einem Anhänger dieser Lehr«, 
gelost sey, setzt Sprengel (Gesch. d. AiQBneik« 
pag. 102.) in der Allgemeioheit der organi- 
schen Wirkungen im Gewäcbsreiche > denen . 
man, ohne zu spielen ^ doch keine Seele mir 



— 72 — 

teri«seb werde. Waram sollte man diese Y^- 
kupgeD nicht von einem thätigen inoeren Prio- 
cip herleiten konneu? man nenne es nur nicht 
Seele. Diese mag, als Geist (intellectuell and 
mit Bewufstseyn) immerhin nur dem 9(en- 
echen , und , weil man den Geist Ton der 
Seele im Begriffe trennt (arumus^ anlma)^ ale 
Seele allenfaUs den- Thieren zugebilligt wer- 
den. Deren gleichförmige Triebe nennen wir 
aber Instinct^ und wenn wir diesen Ursprung« 
lieh als innere Thätigkeit anzuerkennen ge* 
nothigt werden, so ist derselbe bei den Thie« 
ren eben dasselbe, als die Seele (anima Ptge-' 
tat'wo)^ in welcher Abstufung für die Repro- 
daction und Erhaltung sie als eine bedeutungs- 
Yolie Sphäre des menschlichen Körpers gleich- 
ialls gilt (vid. ffufelantPs System d« prakt. 
Heilk« pag. 41. VI. Instinct als'Frincip der 
Naturhiilung). Es giebt folglich Abstufungen 
dieser Thätigkeit, welche bedingt sind durch 
die grofsere oder geringere Ernpfängli^shkeit 
der Organe. Das Nervensystem des Menschen 
ist das vollendetste, sein Gehirn das gröfste, 
grölser als das des Elephanten ; er steht .dar- 
um auf der Grenzlinie zwischen Geistigem 
und Körperlichem, und participirl durch seine 
Vernunft mit einer intelligiblen Welt. Seine 
Vernunft, sein Selbtlbewufstseyn stellt ihn zu- 
gleich auf einen höheren Standpunkt, und zwi« 
srhen dem Menschengeschlecht und dem Thier- 
retche ist eine Grenzlinie, die nur durch äbn-^ 
liehen organischen Bau vermittelt .wird. Eine 
analog vermittelte Grenzlinie mögen wir bei 
der organischen Abstufung der Gewächse an- 
erkennen; Die Natur giebt' uns dazu den Fin. 
gerieig :^ AUmäh liger Uebergang von den thie- 
risch- organischen Körpern zu dem Pflanzen« 



v.^ 



— • 73 — 

T^h in deg Fflaneenthiereo. Bei diesem noch 
gr8£iere Selbstthiiligkeit mit Locomotioo, wenn 
auch aar, in dem fJmkreise ihres Slandpunk« 
tes und in der Luft« Die Pflanze dagegen ist 
Bf\ dejp Boden geheftet ; die Thätigkeit nach 
anJben fehlt; die in den inneren Gebilden ist 
desto kraftiger; diese Gebilde sind jedoch, ein- 
fiicbet nnd bestehen meistens aus Bohren, als 
besonderen Gefäfsen, in denen ein Aufsteigen 
und eine Absonde):ung der Säfte bemerkt wird. 
Sinzelne Pflanzen verrathen noch, ^e die 
Sinopflanzen, Hedysarum gyrans u, a« einen 
Grad TOD Empfindlichkeit , als Beweis einer 
Beceptivität mit Reaction. Weil aber die Pflan- 
zen den letzten Act der Organisation bilden, 
und darum schon den Uebergang zum anorga-< 
aischen Reiche vorstellen, so haben die rein 
physischen Einflüsse des Lichts, der Wärme, 
überhaupt der Atmosphäre, einen auffallenden, 
fast möchte man sagen belebenden Eindruck 
auf dieselben , der aber nach den Gesetzen ih- 
rer organischen Bildung doch nur als erhal- 
lend angesehen werden kann. Das thätige 
Princip in den Pflanzen kann nur ihrem ein- 
fächeren Organismus angemessen seyn, und 
agirt nur nach der Empfänglichkeit dieser Or- 
ganisation. Stöfst man sich an das Wort Seele, 
welches doch mehrere Unterabtheilungen zu- 
läfst und erhalten hat, so nenne man es Ye- 
getationstrieb. Unseren Begriffen , die uns der 
Verstand aufdringt, zu Hülfe zu kommen, 
mufsten wir zurgröfseren oder minderen Wirk- 
samkeit des in seinen Terschiedenen Formen 
Terschieden eingreifenden Frincips einen Geist 
(mens) , eine Seele (beim Menschen besser anl- 
mu8 , beim Thiere anima) annehmen , und sind 
genolhigt» dieses relativ wirkende Princip auch 



— 74 — 

I 

Auf Alte OrganlsmeD , nho aach mif di^ l^flan- 
z«o öberziitriigeo , weil, soweit solche retch«o, 
auch diese Sellistthätigkeit in Relation der iur 
sie empfänglichen Form wirken inuTs. Man 
konnte daher diesen niederen Grad der Selbst- 
thäligkeit, dessen Daseyn iscbon im Keime, 
iin Saainen liegt, Stmus vegetativia^ impeiuB 
vegetabiliSj natura oder vis vegetatwa ohne An* 
slofs nennen; und die StahP^che Ansicht wäre 
auch hier gerettet* Aber neuere Naturkundi- 
ger haben auch entdeckt, dafs yoUkoromne 
Organisitien sogar durch die Fülle ihrer inne* 
reo Thätigkeit producirend für die Animaliaa- 
tion wirken. Durch die blofse Berührung Ton 
Flüssigkeiten, in denen auch nur Theiicben 
eines Pflanzenproducfs enthalten waren, ent- 
standen in manchen Tropfen hunderte von In* 
fnsioDsthierchen. Was generirt ferner unsere 
im KöVper entstandene Würmer* deren Keime 
sich nicht nachweisen lassen, anders^ als eben 
diese freie, nicht vom Organ ausgehende, son- 
dern das Organ belebt machende ThätigiLeit,: 
sobald Ueberschufs eines bildungsfähigen Schlei- 
mes im Korper aufserbalb der Mischung der 
gesetzlichen Gebilde vorhanden ist? So\wird 
Stahl immer mehr durch die neueren Enidek« 
kuogen gerechtfertigt* 

Es giebt noch einen Umstand * der zu ei- 
nein Criteriöm eines Organismus erhoben wer« 
den kann. Allenthalben zeigen sich dort wirk- 
lich Organismen, wo die Gewohnhdty auf die 
bekanntlich* Stahl sö oft hinweist und Rück- 
sicht nimmt, anfängt ^ und zur andern Natur 
werden kann. Darum sagt Stahl: „Nur die 
„Seele (in allen ihren Abstufungen) kann sich 
„an etWQS gewöhnen." (pag. 212. und zweites 
Bach cap.-4i ddr Uebers,}. 



— 75 ^ 

'Die Pflansen «eigen diese GewoTinlleit id 
einem aiederen ^Grade, .die Thiere in eioeiii 
hoberen, so wie auch der natürliche Mensch.; 
der Gebildete inodificirt sie nur durch sainea 
Verstand» fflanzen accliinalisiren sich häufig; 
das €aoadensische Elrigtron^ Otnothera birnnU 
Ur a. aus heifsen Himoielsstricben t sind he- 
reite bei uns zum Unkraut Tervieifaltigt. Wie 
gedeiht nicht unsere Kartoffel, und es fragt 
sich, ob nicht selbst zartere Pflanzen hejfser 
Zonen durch stufenweise Abhärtung endlich 
ohne Treibhäuser unser Clima yertragen l,er- 
nen wurden. Gewohnheit läfst die tropischen 
Pflanzen gegen die Regel unseres Cliinas mit- 
ten im Winter blühen zu eben der Zeit, wo 
sie im Yaterlande blühten, sie sind folglich 
nicht abhängig von der ^onne und natürlichen 
Wärme. Weil sie der Gewohnheit unterwor- 
fen sind, sind sie Organismen mit Lebens- 
kraft begabt. Dies Leben , dieser Sensus vege^ 
tativus ruht lange im Keime, und wenn man 
den Franzosen trauen darf, so sind Bobneuf 
vielleicht dreitausend Jahr alt, die bei einer 
in Paris untersuchten Mumie gefunden worden 
sind, noch beim Einpflanzen aufgegangen. Diese 
Natura vegetativa innata wäre erstaunenswür- 
dig; doch ist es genug , zu wissen | dafs diese 
Kraft hundert Jahr und darüber schlummern 
kann. 

lieber das Nichtbewufstseyn der Seele bei 
der inneren Thätigkeit der unwillkührlichen 
Function der Organe, wodurch man früher 
ihren Einflufs auf den Körper schwächen und 
herabsetzen wollte, ist bereits von fVhytt^ 
SauvageSy Plainer^ und mehreren Neuern, auch 
schon von Stahl selbst mit so^ wichtigen Grün- 



— 76 — 

/ « 

den gegeb die Gegner Terfahren worden , dar« 
es hier genagen mag, nar folgendes bemerk- 
lieh zu machen : das Michtbewafsiseyn ,der>Seele 
Ton ihrer inneren Thätigkeit ist dadurch er- 
klärbar, dafs im Aligemeinen nur deutliches 
Bewuüstseyn durch die Sinne gegeben wird. 
Auf den Rückblick ihrer eignen inneren Thä^ 
tigkeit fehlen die Sinne t und wir können diese 
Actionen, die nur durch dunkle Vorstellun- 
gen erkannt werden , n^t Recht zu jener Acti- 
Tität zählen, die. wir mit dem Begriff des In- 
stincts bezeichnen (anima conservatoria , veetta-^ 
tiva). Diese Seelenthätigkeit ist beim Men- 
schen dennoch immer der anima rationalis ih- 
ren Gesetzen nach untergeordnet, ob sie gleich 
ihre besondere Sphäre in Absicht der Beschaf«- 
fenheit und Empfänglichkeit der Organe bil- 
det. Der thierische Theil bildet diese Sphäre 
und tritt' oft in Gegensatz mit dem intelleduel- 
len Tbeile durch AiTect und Leidenschaft, die 
auch dem Thiere eigen sind. Die Intelligenz 
modificirt, ja verringert jenen Instinkt, der 
4arum in dem rohen Naturmenschen noch am 
kräftigsten und hier um so mächtiger, wie 
bei den Thieren , als Frincip der Naturheilung 
hervortritt. Je ruhiger der vernünftige Mensch 
seine Leiden abwartet, desto stärker wird 
auch dies Frincip seine wohlthäligen Wirkun- 
gen äufsern« 

Da nun diese Erhaltungsthätigkeit jedem 
Thiere , und noch in höherem Grade, als dem 
Menschen zukommt, so wirkt sie wegen Nicht- 
einmischuDg des fählenden Verstandes unge- 
bunden, weil die Seele weniger von ihren 
eigentljtchen Zjvecken der Erhaltung des Kör- 
pers 'ahgelenkt nyird, welches im Menschen 



•> - 77 - 

malir gesclirehfy der binT^iedernm dnrcli die 
Vernaoft und den- Verstand als^frei handeln-, 
desf und eben darum selbstständigeres Wesen 
anfb^tt. 

•Sich für die anima rationaViB^ die hier in 
ihren Eigenschaften für die hiebe oder mindere 
Empfänglichkeit der besonderen Organismen 
dem Verstände getheilt erscheint^ — einen 
Sitz zu bilden, sei dieser im Gehirn, oder 
im ganzen Körper^ oder sonst itvo» dies ge* 
hört offenbar zu den Verirrungen des Den- 
kens, das über seine Grenze ohne M<acbt hin- 
aosstreift* Es wäre dies ^erhältnifsmärsig eben 
das "Bestreben, sich von Gott einen Sitz oder 
Aufenthalt einzubilden. Das lleich des Gei- 
stes läfst sich nur als unbeschrankt decken; 
wir dürfen schliefsen, dafs er nach ihm eige- 
nen Gesetzen der Freiheit handle, die einer 
intelligenten Welt zukommen , und können 
höchstens durch seine Einwirkung auf die Er- 
scheinung veranlafst, uns des Ausdrucks be- 
dienen: er ist immanent; doch nur in sofern^ 
als seine im Conflict mit der Materie ausge- 
führten organischen Bewegungen dauern. Je- 
doch mufs dieser Ausdruck sehr cum grano 
solis genommen, und nicht mit inhärent yer- 
wechselt werden. Aus diesem Verstandesur- 
theile ergäbe sich denn auch , warum seine 
Wirkung relativ verschieden in den besonde- 
ren Organismen und einzelnen Organen her- 
vortrete. Nur die Wissenschaft verlangt eine 
solche Speculation ; die medicinische Kunst 
kann sie vöüig entbehren. Nehmen wir aber 
einmal eine vernünftige Seele als wesentlich 
für die Idee an , welche , wie Sfahl sagt, 
mit Bewufstsejn anschaut, Begriffe bildet, ur- 



— 78 — 

llieilts schliefst, sodadn auch ohn« olEaAbar 
deutliche zum Bewufslseyn kommende Ao- 
schauiuigen, Begriffe» Urtheile und Schlüsse 
dadurch die iTvirklich Torhandeoen Dinge rim/ir* 
nimmt^ dajs kU Bewegungen seiner fP'ahmth^ 
mungsorgwiem hervorbringt und diese lenkte so wird 
es auch verzeihlich sejn, ihre probablen in- 
neren Verhältnisse dem Verstände in soweit 
näher zu fuhren, als man es mit richtigen 
Denkgesetzen yerträglich findet. 

■ ■ _■ 

I<Ii gehe nun zu den mehr -speciellen 
SiühC^chetk Lehren iii)er, und finde es be- 
iVemdend , dafs Hr. Prof. Sprengel behauptet, 
Siahf habe die materieiien Ursachen der Krank* 
heiten verworfen, uod auf Form und Mischung 
ghr nicht Ritcksicbt gencunmen. Ersteres wi* 
derlegt sieh durch jede praktische Seh rillt5/a/i/V, 
iind ich bedarf biofs Ueberschriften einiger 
Cnpitöl anzuführen« 1) JDe maierüs ad cor- 
ruptelas tnorbidas nptis, 2) JDe Plethora. 3} JDe 
spisfikudine sangiänis, 4) JDe Cacheseia s. Cuco^ 
ehymia etc. lieber Form und Mischung spricht 
^ er sqgar in demselben Buche ziemlich genau» 
über welches Hr. Prof. Sprengel seine roifsbiU 
]igende Vorrede Si^rieb (Erster Th. cap. 5.). 
Allein diese Vorwürfe stützen sich höchst 
wahrscheinlich darauf, dafs er der Materie 
jkeine inwohnende Kraft beigelegt, und uns 
mit der unbestimmten, nicht klar dargelegten 
Idee einiger' Neueren über Mischung und Form 
vernchont hat, die sich blofs auf eine noch 
künHig zu enideckeude Chemia animalis stützt, 
lind uns bisher nahem pro Junone hat urnfas* 
si»n lassen« Auch Anatomie und Chemie ge- ' 
borten freilich iu diesem Betracht als Erklä- 
rungsmitlel kiankhafler Erscheinungen, d. h. 



— . 79 ^ 

an»' der Indien^ Form und aDorgaoischeD Na- 
tnr.das Lebende su erklären» keinesweges.zu 
SiahPM HiilfsmiUelnf der aus eiiifaeimischeQ 
Quellen schöpfen und für die praktische Me- 
dicin nicht fremdartige Wissenschaft eo einmi- 
schen WQlUe, In Hinsttht seiner geringen 
Achtung für Analumie scheint man ihn darin 
mifsverstanden zu haben, dafs man wegen sei« 
flier logischen Präcision, mit wekher er die' 
bei der Anatomie vorkommende physische Seite 
zu Physik rechnet ^ und die reine Anafomie 
dadarch sehr einsch ran kty sich veranlafst fühlte, 
ihn für einen Verächter der Anatomie übiir- 
haupl halten zu müssen. So ist ihm der Usum 
partium rein physikalische Betrachtung» und 
er nennt die Anatomie\ ,,Historiam excjuisitaui 
j,corporis s« artificiosum scrutinium numeri, 
^consistentiae et texturae, situs et nexus 
,,omnium at singularuip: partium, quousque 
,,sensuum {lenetratione pertingere licet , nempe 
^visu, tactu , quin oifactu atque gustu.*^ Fer- 
ner heilst es: „Utrique harum contemplatio- 
,^num, tum physicae, tum medicae /i/Wfim«n(i 
„/oco necessaria est cogniüo painum^ et judi- 
^^ciosa cognitio aclionum." Andere rein ana- 
tomische Schriften , die ich von ihm besitze, 
beweisen deutlich seine Kenntnifs in der Ana- 
tomie, die er auch schon hinlänglich in der 
Anwendung bei seiner Theona medica darlegt. 
In der Chemie zeigte er bekanntlich seine 
gröfste Stärke, und ward der Gründer einer 
wissenschaftlichen Chemie, Dies Lieblingsfach 
sollte ihn nun besonders, wie man glauben 
möchte, zu einem Jatrochemiker gestempelt 
haben; aber man sieht, dafs seine Unlersu^ 
chungen auf dem stricten Wege zur Wahr- 
heit^ den er unter mühäamen Forschungen 



- 80 - 

betrat, ihn yieUelcfat wider Willen bei dem.; 
Zweck, die Natur des Lebens cur Gestaltang 
einer besseren pragmatischen Medicin zn.err 
gründen, Ton der ihm so lieb gewordenen 
Chemie ableiteten. PBr überflüssig, wie-j^pren- 
gel sagt, bat er. sie wohl nicht gehalten, da 
wir ja noch. SiahPsche JPräparate Eum Behuf 
praktischer Anwendung genug besitzen; nur 
in die Erklärung des Lebens und der K^ank* 
heiten durfte die Chemie nicht eingreifen, und 
dies mit Recht. Alan unterschied bei jenen 
Vorwürfen gar nicht , dafs Stahl jene Hiilfs* 
Wissenschaften und deren Kenntnifs dem wifr« 
senschaflUchen Arzte zum physischen Zwecke 
wohl empfahl; aber nur ihren erklärenden' 
Einflufs für die pi'aktische Heilkunst, die za 
itirem einzigen Ziele die Heilung der Krank- - 
heiten haben soll, entfernt wissen wollte. 
Hierin folgte er dem Rathe des HippakrateSf 
dessen goldnen Spruch er zu dem seinigea 
macht: ,,Qui de natura ultra, quam ad artent 
„medicam pertinet^ disserentes audire« consue- 
9iTit, illi minima actommodata est nostra oratio.'' 

Wenn Stahl den MotuB vitalis (in st und 
nicht in phaenomenis) für unkörperlich erklärte, 
und, dies ihm so übel genommen wird, weil" 
es' ja als die Yeränderung der räumlichen Ver- 
hältnisse erklärt werden müsse CDIedicinische 
Gesch. Tb. 5. pag. 19.) , so schliefst doch letz* 
tere lErklärungsweise blofs den Effect des Mo^ 
tlis, nämlich die Locomotio in sich. Stahl 
WoUte in 4ef Betrachtung der Lebensbewegun- 
gen schon zugleich auf das Tbätige hinwei- , 
eeny dessen Effect mit der Causa movens gleich- 
sam coindicirt, um den Uebergang zu der Idee 
des . Unkoiperl^chen anschaulich zu machen ; 

deiin 



— 81 — 

1 

denn «r neoDt fa jenen Act selbst nar als sol- 
dien m o^sfrocfo. Ist nicht die Causa prasama 
nwrbi in der Pathologie nicht auch nnr Idee, 
die ^n der Causa rtmota^ jedoch noth wendig 
abetrahirt wird ? Ist sie nicht eine Ratio suf* 
fidens €t deUrminans morbi? Und so ist es auch 
mit dein Moius wtalis, lieber, die ünkorper- 
lichkeit des Motus in abstracto hat StaM sogar 
lAibiaitz sum Gewährsmann. In der jtrs sa-» 
nandi c. exspea. cap. XXX. sagt Stah!: ,|Vix 
„operae praetium est, allegaro, quomodo bea- 
,,tu8 Yir, de quo numquäm tale quid suspica« 
„tus essetn, hoc assertuih (actnum principii 
„mei vilalis) mihi dubium reddere yoluerit, 
„Animam Lumaoam motus in corpore efficem 
y,posse pcopterea negabat , quia sit ens incor-r 
„poreum^ cum communi speculatorum choro 
„in hoc ärgumento conspirans. Tundem tamer^ 
^Jpse proprio omnino motu, tamquam edicto^ sanm 
^ydtj quod omnis motus ^ principium activum sit 
^^ens incorporeum. Quod tnnto magis mirabile 
,iest, quia omnibus bujus UniTersi corpusculis 
^, omnino ionumerabilibuSf ut singulis (qualia 
,ytamen singula dari negat) unum tameii mo- 
„torem incorporeum adjuDgit, quem Mooadem 
,,appelldt; nempe ensactivum, numerice ununi, 
„quod in illa corpuscula, quorum tarnen in* 
„infinitum usque nullum datur numero unum^ 
y^actum motus exerceat. Ut iia Monas activa 
„numero unica agat sigillatim in corpuscula, 
„quorum nulliim existat numero unum etc. 
„De quibus tricis non sine summo fastidio ver- 
„ba perdidi in Dissert. cui titulum Sciama- 
,,chiae pvaeposui." 

Wenn es Stahl als die gröfsle Folgöwi- 
drigkeit zugerechnet wird, dafs er neben der 
Journ. LXVII. B. 4. St, F 



- 82 -, 

Seele deonoch bei dein Kreisläufe nad den 
ÄbsooderuDgen eioe Hülfskraft, den Motu» i€h-. 
mkuM vitalii mit äDnabm, der^ zum Th^iL uq> 
abbängig Yon der Seele (?) die BewegiMgeti 
der Säue leite, so mufs ich fast glauben, dals 
iinser Sprertgd mit dieser 'Aufstellung liabe 
scherzen wollen^ denn er sagt ja selbst (JUe» 
dicin. Gesch* Th. 5. «pag. 31.) und giebt es 
ZU| dafs, da jede Bewegung eine bewegende 
&raft voraussetze, Stahl keine andere Kraft, 
bei der toniseben Bewegung , als die der Seele 
angenommen habe.. Da 4iun der Motus tom- 
CUM in die Erscheinung eingeht, warum soll 
er nicht benannt werden? Ist er denn nach 
SiahPs Grundsätzen etwas Verschiedenes in re 
Ipsa Ton der Seelenwirkung? Vermittelt er 
nicht, wie Stahl allgemein von den Lebensbe- 
wegungen dartbut, die Einwirkung der Seele 
auf den Körper, deren Wirkung dadurch nur 
allein zur Erscheinung kommen kann? Trifl^ 
jener Schein Vorwurf nicht eben so gut alle 
Neueren^ welche eine Lebenskraft (blofser 
Jlame ohne Substantialität) als Hauptprindp, 
und dann doch eine Sensibilität, Irritabilität 
upd gar vita proprio annehmen ^ wovon die 
Hallu^sche Reizbarkeit eine eigentliche Hülfs- 
kjref^. iftt, weil Halter sie fast, freilich unphi^ 
losophisch genug, fiir unabhängig erklärt, 
Giebt denn Stahl ferner diesen Motus tonicu» 
vitalU nicht allen weichen Th eilen des Kör- 
pera, and nicht blofs dem Kreislaufe und den 
Absonderungen? ,,Motus tonicus indesinen^er 
,,toti corpori per molles partes adhibetur,'' 
heifst es in seiner Pathologie, und darum 
wirkt dieser Motus nicht theilweise, wie Spren^ 
gc/ behauptet y sobdern hat dieselbe Allgemein- 
heit Kf dfo thiertschen Korper, wie die, Ir- v 



— 83 — 

ritabi!ilSt9"W«Iche GUuon "suerst inf seioem 
Tiactat: De Natura, wbstamiat energalca aal^ 
ttellfe^ und die zwar Fr. Hoff mann und HaHor 
far ihre mecbenisch - dynamische Lehre, wie 
Hr. Frof. Spräigel selbst sagt, benutzten; je^ 
doch Stahl niininermehr zu brauchen im Stab* 
de^ war^ weil sie von einem dem S^n^fschen 
entgegengesetzten Principe ausgeht, und bei 
genauer Beleuchtung eine Vergleichung nicht 
^ zuiäfst. GUsion giebt der Materie Leben und 
Empfindung, und gründet darauf seine Irrita« 
bilität; ja er nimmt noch aufserdem Lebens-^ 
.geister an, wogegen sich doch Stahl so be^ 
stimmt erklärt. Warum soll also durchaus 
Stahl seine Ansicht von Glisson geborgt habeui 
der doch im reinen Gegensalz * yon 5faii/ er-** 
scheint? Der Motus tonicus ist bei Letzterem 
•in Act der Anima vegaativä auf die Organe, 
nämlich derjenigen Eigenschaft der Seele, wel* 
che ohne Bewufstseyn die mehr nnwillkühr« 
liehen Actionen der Theile prospicirt, und än- 
fsert sich auch als Turgor vhalism Kur erst 
dann, wenn man beweisen könnte, dafs Stahl 
zum Mechanismus in der Erklärungsweise über- 
gegangen, und dunkle, selbstständige Kräfte 
der Materie statuirt habe, dürfte man sagen^ 
er habe von Glisson entlehnt. Es {st genug,, 
dafs Stahl gesteht, von den Alten und aus den 
Alten geborgt zu haben, und durch sie auf 
die Bildung seiner Theorie gekommen zu seyn« 
Eih so kräftiger philosophischer Geist, der did 
▼erwickellsten Gegenstände mit seltener Ein« 
siebt um fafst , mit wahrem Beobachtungsgeiste 
die Erscheinungen zu einem Ganzen verbin* 
det, das dynamische Verhältnifs mit regelrech« 
ter Logik durchführt, brauchte zum Erken« 
.nen der lebendigen Spannungen der Theile, 

F 2 



— 84 — 

dif.seioeb Beobachiungdn siphtbar TorliageD; 
keloes damals vielleicht obscuren GUssoris^ dem 
.erst die besser bearbjditeie medicioiscbe Ge- 
schichte eioen Werlh beigelegt hat« Es geht 
viehnehr aus dem INamen Tonicüs hervor, dafs 
er seiuen Gewährsmann am Hippokrates uod 
JEronan gefucdeoy und das von ihnen gebrauchte 
Wort Tovog (welches daselbst auch pro tenare 
et* vigore partium in der Erklärung des t'oesius 
gebraucht wird) höchst zweckmäfsig auf sei- 
nen Motua tonicus übergetragen habe. Er hat 
daher von Glisson eben so wenig parlicipirf, 
als wir uns einbilden könnten , dafs Lavomtr 
hei der Begründung seines chemisch* an tiphlo« 
gistischen Systems von Mayow sein Oxygeo 
entnommen habe , oder Jenntt den Beweis der 
Wirkung der Schutzblattern aus dem Hanno- 
verischen Magazin von 1778. Es liegt oft zu 
sehr in der menschlichen Empfindung i dafs 
man einem Andern , gegen dessen. Ansiebt 
man eingenommen ist, oft wider Ueberzeu- 
gung mehr aufbürdet , als recht ist , «nd so 
wird auch endlich Stahl als selbslsiändiger 
Denker gerechtfertigt werden, sobald man sich 
die Mühe gehen wird, in ^en Geist seiner 
ßcjiriften einzudringen. 

/ Bursmus ä Canilfeld wirft in seinem Tractat 
Jt)s ufifiammationt y dem Sauvoges vor, dafs er 
StßhTs Idee unuöthiger Weise aufgefrischt 
habe,, nach welcher die Seele das Herz ^nd 
die Arterien bei der Inilammation stärker be* 
Trege, und. diese Bewegung die Ursach d^r 
Entzündung sej ; dafs diese Idee aber darum 
. nichfSif gelte , weil einzelne Inflam mationen 
ohDCl9?i^ber^f(, /olglich ohne zu starke Bewe- 
gung des Herzens Statt fänden, die Seele also 



— 85 — 

nach keinen Einflufs habe. Dieser Audfall auf 
SiaM läfst sieb durch die eigne Erklär angs« 
weise desBurserius widerlegen. Erh^tte näm- 
lich kurz Torher gesagt : der Motus vitdlls auctus 
des Gorfer habe Verwandtschaft mit StafiPg 
Motus tonicus auctus^ den er bei jenem Aus« 
fall gar nicht berührt. Nun meint er: da hj- 
draulische Gesetze und Elasticität zur ErklS-^ 
rung der Inflammation durcbane nicht hin-i^ 
reichten , so halte Sauva^es die den Arterieä 
und Venen eigne Lebenskraft (organica vis)[, 
die mit der HulUr^schen Reizbarkeit undSen-, 
sibililät übereinkomme, oder von beiden, Kräf- 
ten zugleicli abhinge, zur Erklärung nehmen 
sollen. 

Sauvage$ sollte also occulten Kräften, oder 
eigentlich blofs «Schemata zu Kräften , die die 
Einbildung giebt, weil sie in der Materie sup* 
ponirt werden , seine deutlichere Idee auf- 
opfern ; kurz, er eifert gegen den Einflufs der 
Seele hierbei, und denkt nicht an den Motus 
tonicus^ den Vermittler der Bewegungen des 
Herzens und der Arterien , welchen Stahl vor 
allen hier gerade heraushebt, den Burserius 
selbst zuvor nannte, der vollkommen seine 
aus Irritabilität und Sensibilität zusammenge- 
setzte vis organica ersetzen und vertreten^ und 
für den Theil, der obue Zuthun des beweg- 
leren Herzschlages entzündet ist, für sich als 
bewegende Thatigkeit der Arterien in der 
Nähe der partiellen Inflammation angesehen 
werden kann. Ferner klagt Burserius ironisch^ 
warum die Seele (diege wird hier, wie so 
oft auderwiirls bei den Gegnern immer an sich 
•;edacht, obgleich Korui ohne S slrat nur ein 
Bild ohne Leben wäre) jener Hülfe sich nicht 



•. 86 ~ 

bediene, bei den fibri^n VerafopfoDgen der 
Gefafse nod Eioseweide, deren Ursach und 
Zweck gleiche UiiKe von der Seele ▼erlang- 
ten? Ofee klingt eben so, als wamm die 
Seele den Korper nicht inimer gesand erhalte! 
Wenn der Mensch so starke Gelegenheitsur- 
sachen SU Krankheiten, als: ülyecmälBige Efs- 
lust, Wechsel der Erhitsnng und Erkältung, 
das Heer der Leidenschalten u. s. w. fort- 
während herbeiführt, so ermüdet natürlich die 
{>rospicirende Thätigkeit, und die Uoyerounft 
äfst ihr nicht Raum zur Abhülfe, bis die Or* 
gane.yerdorben sind. Der Mensch uifsbräucht 
seinen freien Willen, giebt dadurch ^der Er* 
haltungsthärigkeit {anima conservatoria} will* 
knhriiche Einschränkung, und tödtet sich selbst 
durch seinen Leichtsinn. Warum zeigt sich 
denn diese Thätigkeit doch bei Thiereto wirk- 
sam, die aus eignem Triebe die Ursachen zur 
Krankheit vermeiden? Warum thut denn hier 
selbst bei Menschen die Huogerknrxso grofse 
Wunder? Vicht etwa dadurch, dais der in- 
neren Thätigkeit Raum zur Abhülfe gelassen 
wird? Der freie «Wille, auch aus Unvernunft ^ 
bandeln zu können, ist der Dämon, 'der ge- 
wisse ^rchäusj welcher den Menschen so oft 
in Krankheiten stürzt. Zöge dieser zur Ver- 
meidung der Ursachen stets den Verstand zu 
Ralhe, so würde die prospicirende Thätigkeit 
nicht unterliegen müssen. 

Was aber die gröfste Aufmerksamkeit für 
die StahPsche Lehre in unser<»r Zeit erregen" 
mufs^ ist. der erneuerte Antheil , oder viel- 
mehr die Gleichheit der Ansichten mit Stahl^ 
welchne ein berühmter englischer Arzt, Dr. 
~ »vW imnta Elementen der Fathologie 



— 87 — 

und. Thdnpie, imd io seioen ExporiiMDtea 
über den ITuls ausspricht. Bttde Schrjfleei 
die ao6 einer Erfahrung von- dreifkjg Jahren 
henrorgegangen sind, werden in den2«ät9chrif* 
tea eis klassisch bezeichDet, und kamen ia 
den Jahren 18|^ in London heraus« Parry 
aiiiunt seine pathologischen Aasichfen aMsEr« 
lahruDg und Sectionen noch lebender Thiere, 
und glaubt etwas ganz IVeues über jippuku$ 
ganguinis^ congtsiio^ «rasii und siagnafh in ih"« 
ren. Wirkungen zu sagen, während er, viel* 
leicht ohne es zu wissen , ganz der Stahiisch - 
praktifchen Lehre huldigt, und sie durch Ez* 
p'erimentä bewährt. Dieser erlahme Arf t wäre 
also ein 'neuer Stablianer, und halte er ledig- 
lich aus sich selbst geschöpft, so wäre dies 
rin Beweis, dafs die Wahrheit auf zwei Ter- 
•chiedenen Wegen sich entgegenkomme, und 
«in so mehr als solche angenommen werden 
konnte. Seine erst kürzlich nach seinem Tode., 
herausgekommeoen Collectaneen alhmen einen , 
ähnlichen Geist und sind in dieser Hinsicht 
höchst inii^würdig. Parry sagt unter andern» 
dafs er zeigen wolle, wie der gröfste Theil 
der Krankheiten von einer zu grofsen Blut- 
menge herrühre : dann , dafs diese nicht im- 
mer im gesunden Zustande zu grofs sey, son- 
dern oft nur in der Lage , worin sich das In-* 
dividuum in der Zeit befindet und endlich, 
dafs' inanche sogenannte Krankheiten nur Heilr-^ 
processe der Katur seyen. Die Therapie des 
Parry ist also : dafs der gröfste Theil der 
Krankheiten aus einer relativen Blntmeuge 
und einem vermeLrten oder verminderten An- 
dränge des Blutes zu einem oder dem andern 
Tbeile herzuleiten sey« (Vid. Salzburget lUled. 
- Zeiu 1818. No. 39;). 



-- 88 — 

' - So halten wir hier also StahPi Theorie 
in luicc* ia- ihren aDgeuleinsiea praktischen 
Grandsalxen. AoTserdem beweist Parry den 
MotU8 tonicus ärteriarum ( Tonicity) genaa , in- ' 
dem er ihn «einen Experimenten zufolge so- 
gar von der Irritabilität unterscheidet* Er nimmt 
in ^seinem Werke über den Puls, diesen Tonifi 
ärteriarum als den Grund ihrer Bewegung an. 
Von der Irritabilität unterscheidet er ihn da- 
durch , dafs auf Reiz die Arterlen sich nicht ' 
zusammen iiiehen. Die Elastiiii tat derselben wird 
nach ihm durch diesen Motus tonicus beschränkt 
und steigt wieder durch Blutrerlustj^ sobald 

der Tonus abnimmt. ' 

«■I . 

Ich pflichte übrigens im Eodurtheil unse- 
rem* Sprengel hey^ dafs StahPs Yorstellungsart 
und Schreibart sehr dunkel ist, ja für sein 
Zeitalter unTerstäudlich gewesen seyn rnnfs, 
ohne doch zuzugeben, dafs der Sieg seiner 
Gegner, der Anfangs deshalb leicht seyn mochte, 
weil jene Schreibart von der genaueren Unier- 
Mchung der Sache abschreckte, auch für' die ' 
Folge und auf die Dauer errungen \^ordeii 
sey. Abstracte Gegenstände für die^ Wissen- 
schaft philosophisch, und noch dazu in einer 
fremden Sprache zu behandeln, ist keine , 
leichte Aufgalie. Welche Zeit hat es geko- 
«let, ehe man unseres KonCs philosophische 
Werke ) die man Anfangs kaum berücksich- 
tigte^'-einer genaueren Untersuchung unterwarf, 
eben darum, weil sie, ohne Uebung, In ih- 
ren Geist einzudringen schon wegen der neuen 
philosophischen Sprache dunkel bleiben irtufs- 
ten. Jetzt hat das Zeitalter sie gelernt und 

versteht :3aie Ehen so wenig möchien jetzt 

noth StähPM Id^en für den Verstaud dunkel 



- 89 — 

blftiben, der mit der phnosophtschen Sprache 
l a ati i i^rtraut, sieb- solche lacoDsecjuenzea 
nicht mehr erlauben wird , wie Fr. Hoffmann 
gegen Siahl^ woTon ich oben eine Probe ge* 
geben habe. Sind wir' denn mit Spinoza im 
Reinen, der .wie Stahl in fremder Sprache 
tcbrieb? Wenn Stahl's Vorstellangsart von 
S|pren^e/.auch mystisch genannt wird, so mag 
eith dieses wohl auf die oifenherzigen religiö- 
sen AeufseruDgen, die ihm in wissenschafkli-« 
chen Werken Terhafst sind ^ beziehen ; sonst* 
habe ich im Stahl nichts Mystisches, (geheim- 
nifsToIl Gesagtes) entdeckt, und niemand wird 
dieses finden, der nicht mit diesem Worte 
einen fremden Sinn Terbindet, Ob aufserdem 
dem Stahl die Varnachläfsigung der mechani- 
schen und chemischen Verhältnisse des Kor- 
pers, "wie behauptet wird, immer zum Vor- 
warf gereichen w^erde, ist eine Frage, die 
sich mit der schlicitten Erklärung auflöset, 
dals, wenn er sie für seine Theorie benutzt 
hätte, er nicht der selbstständige Denker, son- 
dern Hoffmann^s oder Boerhaavt^a Nachbeter 
geworden wäre. 

Derselbe Vorwurf träfe ( Dledicinische 
Gesch. Th. 5. pag. 103.) die ganz falschen 
Anwendu/igen von seiner Lehre auf die Be-' 
handliing der Krankheiten und seine sehr 
felilerhafte Praxis selbst. (?) Obgleich diese 
Aeufserung mit einem früheren Satze einen 
Widerspruch zu enthalten scheint^ nach wel- 
chem es (pag. 4^2.) heifst, dafs Stahles thera- 
peutische Grundsätze Yollkommen mit seinen 
physiologischen und palliologischen Ideen iiher- 
eioslimmten ; so möehle ich doch diesem Vor- 
wurfe der falschen Anwendung seiner Lehre 



— 90 -. 

avf die Behandtang der Krünkheited qoch am 
meisten beipfijchten, "wodurch der Würdigkeit 
und Copsequenz der Lehre selbst doch oicht 
das Geringste entzogen wird« Dieser Vorwurf 
richtet sich aaf die Person h'chkeit des Man- 
nes. Er war zu' gewissenhaft , zu ängstUch, 
um etwas Heroisches für die Naturwirkung, 
eie 4n gröfsere Thätigkeit zu. setzen, unter- 
nehmen zu lassen, obgleich: seine Lehre bei 
gehöriger Ergr&ndung der Ursache gar nichts 
dagegen haben konnte, Defshalb ist seine spe- 
cielle Therapie und Arzneimittellehre unter 
allön seinen Schriften am magersten und viel' 
zu einfach; ja er selbst hat nie eine solche 
besonders herausgegeben, sondern seinem Hand- 
lungsweise bei Krankheiten in einer Menge 
Dissertationen mit höchst einfachen und we» 
nigen Mitteln, fast möchte ich sagen schlich^ 
lern dargestellt. Dabei fübUe er das Bediirf- 
nifs sicherer specifischer Mittel nur zu sehr, 
und hatte doch nicht das Herz, Proben ma^ 
phen zu lassen. Zu Versuchen wählte er da- 
her die einfachsten Kräuter , und gewann nur 
geringe Resultate, Sein Gewissen erlaubte 
ihm nicht, mit Aufstellung und Anpreisung 
kräftig einwirkender Mittel, die ihm noch lücht 
genug erprobt schienen, anderen ein Messer 
in die Haud zu legen, w^oinit sie schaden 
könnten. Alles dieses ersehe ich aus seiner 
zurückgelassenen höchst einfacheü Therapie,' 
in welcher so oft das BedürfDJfs eines noch zu 
findenden wirksamen Mittels gefühlt, Und da- 
bei daiin auf die von ihm erprobten oft weni-. 
.ger wirksamen Mittel, als man bereits kannte, 
hingewiesen wird. Dies ist auch der Gru^rtd, 
'warpm er den sedativen und roborirenden 
gerbeatoffiballigenMillelu, namentlich der China 



^>.' 



OiM^vdtt «driiiiiita, dm w M^ni^h A^^ 
' y$imiim»At nb.' Wir tbüsMö^ ilb«r.hier d#ä^ 
JjMÜM^i; der aeilkunde ^cfii 48m jn^ktuchea 

r JdftUm ', 8tM tebr ant'0nchäidi«i. ^ y^ii» er b^. 
I .^doVch sefne^ techflisdie ' Aitfettaitg wiMf ( 
« Gewiiteoheftigkeit utd^ualer^ '\7<mhiti>*^ 

>* ^^tlrÜBg eifler eieht nacb seinenTSioiie ergr&n«^ ; 
'iMm firasalHit 4ec Kfankheit hesorglicb roiy 
Abseettt^', das jfchWand bei ihm selbst / Abbau- 
et '4m &ur oft in den Terwickeltsten .Fäileflk^ 

' lilleia leitete; depo ich besii^ze nodi eine Bfeng# 

,• 9^ceipie and Cpmpqsitionen kräftiger bei>Krän-*' '' 
keö atigewendeter Mittel, - ton denen"^ seine. , 
jn^caplff^ und ^andere praktiscbe Schriften, 
«ümoigen» Auch gehört bierBer folgender, 

< Sats:' hira ^tmandi c. ^spea. pag, 257.) ,|In 
,;eU$>i^s tnorbis snmmopere Talent remedia» > 
yyigjf^e experientia coafirmata reperfri possnat^' 
^'yii «^ ükaactme in Catalogh Matedae meälcae oiiC 
^ipfnne hqu commemorentur f aut sine nJla nota 
yyJB reHqua turba nominentur.'' Ich weifa ee 
«.aaül seinen Briefen bestimmt^ dafs er ein Kochst. 
gISekliofaer Arzt war, der a^s ^llenNLändera 
KeropaSf namentlich' Ton mehreren Reg^ntea 
und Staatsbeamten consulirt ward, und sogar- 
Jfteiseii in ILra^kheitsangelegenbeiten, mit Ge*r ' 
- nehuiigang seines Königs, nach fremden Re- 
•idensstädten uoternabur. "^ Selbst sein Arca<* 
, anm der bekannten Fillen, welcheanuoglaub- 
Jteher Quantität in alle Länder nach TielfältitT 
|[en Anffotderungen geschickt worden, uofd 
sich aberall bewährten, ist höchst w.abrschein«»'^ 
KcK eben dieser Gewissenhaftigkeit wegen Ton 
ihm mit in das Grab genommen worden. Diie 
^Pamilie weifs nur, dafs er dabei einen' grofsen 
Werlh auf eigne Bereitung der Ex trade je* 



''. 



■'.> ^ 



/ 

s 



— »2 — 

» 

le^ habe. Ich besitze pöch eine Schachtel 
voll dieser giewifs vier und neunzig Jahr alten 
Fillen« Die J3ec/ier'Bchen leisteten mir bei hart- 
näckigen mit filanischer Gicht verknäpfien Mo-^ 
Timinibus haemorrhoiduni' aicht die Uiensle, wel. 
che ich äunallend voh den Stahfschen Pillen 
hatte I die ich bei eigner Krankheit gebranchie. 
Sie müssen at^o durchaus yerschieden in der 
Bereitung seyn , wenn die Ingrediensen auch 
zum TheiL übereinkommen mögen. 

Blit diesem wollte ich nur beweisen, dafs 
Sprengel den Stahl einer fehlerhaften eignen 
Praxis sehr uDgegriindet zeiht, und ich glaube 
kau;Ln> dafs praktische Aerzte jetzt einen 8o< 
äusg^ebreiteten Ruf erlangen möchten | viie Stahl 
sich erfreute. 

Wenn wir daher jetzt dlesie Peinlichkeit 
StohPs aus den Augen setzen , seine Philoso- 
phie über die Bledicin als der Wissenschaft 
gehprig von seinea wahrhaft pragmatischen 
Bemüliungen für dLe Kunst, mit welchen 
jene immer ununterschiedenzusarnmengeworfeii 
wurde, trennen; seine älinlogischen bis jetzt 
seU)St noch nicht genau berücksichtigten Ge- 
sichtspunkte in Absicht der Lebensbewegun- 
gen zur bestimmten Erkenntnifs bringen y um 
ia seinem Geiste handeln und wirken zu kön« 
nen ; seine wahren Grundsätze über die Auto- 
kratie der Nartur von der Wirkung unserer 
Handlungsweise am Krankenhelle unterschei- 
den lernen , um solche Bewegungen nicht füc 
Krankheit zu halten, die wir seihst mit un- 
sern Mitteln herbeiführten, d. h. die Lehens* 
Bewegungen richtig leiten lernen , und dabei 
ikiit dem Vortheife aller der neueren Entdek- ' 
kuiigen -in der Arzueimlllellehie mit Umsicht 



^ 93 — 

\ 

^nd' begrundelem Urtheile verfahren : so Mrev-» 
üpn mr "ZU eioer Theorie gelangen, diu uns 
15 dem Labyrinthe der Kranklieits-Couiph'ca- 
liooeji ein sicherer Leitstern werden wird, mit 
der es mir. gelang (ich gestelie es in bärschei* 
den^r OiTenherzigkeli) die hartnäckigsten mit 
aoiMigenden organischen Fehlern der Leber, 
der Milz und des Pancreas verknüpiten, scbon 
für unheilbar gehaltenen Wassersüchten auf ^ 
das gründlichste und auf die Dauer zu heilen, 
sobald nicht völlige Desorganisation und Ki(€r- 
rung^ eingetreten war, und .'such in diesem 
Falle erhielt ich di^rch gerc^gefte Difit und ein- 
fache, die verschiedenen Absonderungen sanft 
befördernden Mittel eine alte Frau noch aiht 
Jahr; die freilirh zuletzt, aber sehr langsam^ 
zur' Mumie einschrumpfte, und dennoch in ih- 
rem fünf and siebzigsten Jahre bis kurz vor 
.dem Tode mit gu(f»jn Appetite den letzten 6e- 
nufs des küiumerlichen Lebens befriedigte. 

Dafs in sehr vielen Fallen von Krankheit 
ten manche Formen nur Produkte der fehler- 
haft wirkenden Kunst sind , wodurch die An- 
zahl der Arten und Gattu*ngen über die Ge- • 
bühr vervielfacht wird, und die man dennoch 
als natürliche Bilder vou Krankheiten auf- 
stellt, so dafs wahre Rrankheits - Symptome 
mit denen, die 'Wirkungen der Arzneien, und 
somit wahre Kunstprodukte sind, nicht ver- 
if?echselt werden dürfen , solches hat von fpal- 
ther im Grq/e 'sehen Journal der Chirurgie Bd. 
9.* Heft 2. sehr treflend nnd wahr dargethan. 
Eben dieses ist es ja, was Stniil so sehr rügt, 
und zugleich der Grund seiner Feinlichkeit bei. 
zu starkem Eingreifen in die Natiirwirkung, 
"Wobei er immer des JJippokrates Verfahren als 



— 94 — 

Matter wahfer nml «(iiziger BepbiicHtuDg ob«ii 
anstellt Ihn bat mao seit hundert Jahren 
nicht huren wollen, so höre man denn end-* 
lieh den trefflichen von ff^ahhtr in Bonn! Die 
einfache Kur der Fufsgeschwiir^ in Hospilä-* 1 
lern durch blotses laues Wasser als ReiDi- 
gungsmitlcl zeigt nur zi| deutlich die ^uio^ 
cratla naiuraBy der wir überall folgen , die wir 
beobachten, leiten, aber uns nicht einfallea 
lassen sollen, zu beherrschen. Sie ist esy 
durch deren herrliche Benutafung ffon fp^4thh€r 
der alten Chirurgie den Todesstofs geben wird« 
Man sehe nur überhaupt, wie die neuere Chi- 
rurrgie diese ^ülfskraft der Natur mit den ein- 
fachsten IVlitleln zu lenken weifs, und man 
' wird nicht anstehen können», die djn^mische - 
Medicin hochzuschätzen , welche zuerst Stahl 
rein heryorrieC - 

Wae Herr Prof. Bischoff in der An- 
zeige über seine herauszugebende Arznei* 
' mittellehre chemisch - dynamischer Art sagt, 
zeigt deutlich, wie sehr das Bediirfnifs eines- 
Einheitprincips iu der Medicin bei denkenden 
• Aerzien yorwaltet, und man kann seine JEr^ 
klärung ohne Bedenken gelten lassen , welche 
also lautet: ,,Die Arzneiwirkung wird begrün— 
„det als die selbstständige Gegenwirkung des 
„Organismus gegen die chemischen ADgriSe- 
.,«seiner Gebilde, und als die Erscheinung sei* 
,.ner absoloten Autocratie und Oberherrschaft 
„über ,die Einwirkung der mit ihm in Rela- 
. „lion tretenden äufseren cheixiisch wirksamen 
,,DiDge, wodurch ich glaube, im ger>iden Ge- 
y^geoSatze jeglicher chemiatrischer Befangen- 
■ „heil, and ^gleichwohl doch auch ohne damit- 
^^aueh ein€ chemische QuaUiätsbestimmung des Or* 



— . 95 — 

^^günismuB durch die jirzneistoffe amzmchUtfsen^ 
^die ArsoeiwirkuDg durch mein Werk eu be- 
,,griioden.'' 

.Der Knoten^ liegt aber bei jener Erklär. 
« rang in dtn chemisch wirksamen Dingen, wel- 
che duch nje organisch wirksam seyn können, . 
und folglich zwar als Bedarf iur dieiOrgane 
in Hinsiebt ihrer nothwendigen Mischung nach 
den Gesetzen jener Äutocratie angesehen wer-^ 
den, aber keinesweges durch eine chemische 
Bestiromiing diese in ihrer Qualität verändern 
Xonnen; es sei denn, dafs sich, wie man nach 
objger Erklärung zu schiieTsen berechtigt wäre,- 
diese Qnaiilälsbestimmung auf die absolute Au** 
tocratie, auf das Verändernde durch die Be* 
wegung, nicht .aber auf das txegebene und zu 
Verändernde bezöge. Doch ist Hr. Frof. Bi^ 
gehofft wie wir sahen, schon vob der Äuto- 
cratie des Organismus zu sehr überzeugt, als 
dafs wir glauben könuten , er werde eine an* 
dere Wirkungsweise aufstellen, als die sich 
aus den nothwendigen Veränderungen nach 
dem Bedarf des Organismus aus freier Gegen- 
wirkung ergiebt; denn auch Stahl sagt: „So 
„wie der Einflufs des Körpers auf das Lebens-- 
„princip kein unmittelbarer, sondern ein durch 
„Bewegung vermittelter ist, eben so wenig 
^,vermag der Einflufs dieses Frincips auf den 
,, Körper das Wesen der Slaterie zu verändern,* 
,, sondern er äufsert sich allein durch Bewe- 
„gung derselben, in sofern solche beweglich 
„ist, nnd ihr keine Hindernisse im Wege ste- 
chen ^ welche die Mögliciikeit, oder Wirklich- 
yykeit der Bewegung der Materie aufheben. 
„Keins von Beiden kann das seyn , was das 
„Andere ist; allein auch keine von Beiden 



-^ 96 — 

• 

,,kAnn ohne dfls Andere seyn. Dins Thalige 
„könnte nicht thätig sejn, wenn es nicht Ver- 
y.anderungen in dem mit ihm in Kelation ge- 
^^Stftzlen hervorbrächte; (iieses könnte nicht 
^^Receptivilat haben (leliden);^ wenn es nicht 
„verändert würde. Das Lebensprincip , die 
,^Seele, ist also ohne diese Wirksamkeit gar 
„nicht dankbar/' 

Auch müssen wir keinesweges, wie Sprtn-- 
ge/wHI, die teleologische Ansicht des Stahl 
beim Organismus ans den Augen verlieren, 
wenn sie auch nur dazu dienen sollte, uns im 
BegrilF eine Grenzlinie zu bilden, mit der* wir 
die in ähnlicher Parallele laufenden Thsligkei- 
ten der anorganischen Natur mit denen der 
geistigen von einander trennen, um ihren ge- 
genseitigen Einflufs verstehen zu lernen. Dort 
sehen wir ein Gebendes, ein Influirendes;- hie]^~ 
ein Kehmendes, bestimmte Veränderungen da« 
durch Hervorbringendes. Jenes gehorcla^t mehr 
dem Zufalle, der Wahlverwandtschaft; dieses 
verräth die bestimmte Absicht der Auswahl 
des Gebrauchs, die Nützlichkeit, bindet sich 
an bestimmte Zeit, an eine feste Ordnung. - 
Jenes folgt den ihm gegebenen Gesetzen ; die- 
ses bildet sich Gesetze aus freiem, eingebor- 
tien Triebe und kann^ um selbst bestehen zu 
können und seine Freiheit nicht zu verlieren, 
nur nach Zweckmafsigkelt handeln. Sehr gut 
läfst sich hier Herbart^s scharfsinnige Idee, 
welche Jean Paul in seinem Fragment über 
Unsterblichkeit anführt und herausbebt, ia 
Anwendung bringen , nach welcher in der au- 
Iseren schönen Form des Körpers, in der Ile- 
g^lnläfsig.keit der äufseren ßild.ung nur das 
SiihöM walte ; das Nützliche^ auf einen bestimm- 
ten 



.- 97 - 



ten: Zweck wii-kende, dagegen sich an dl« 
scbäne, regelmäftige Form nicht binde,, and 
seine Abtidit - auch bei- der häfslichsten Fotm 
der inneren Organe ausübe ; jene» in -der Um« 
gebnng der äufseren Natur, dteses in seinem' 
'verborgenen stillen Heiligthumis» . 



itif 



Darum, gilt der Schlufs SprengePs, gegMw 
5lali/ noch nicht, ^^dafs im ganzen Univer^iiBi» 
9,liichts zwecklos sey, und alles seinen ZweoK 
,,erliille , also der Grund der Z weckmäfsigkeit- 
„beim Organismus dies mit allen Dingeniin. 
,yder. Natur gemein habe«'^ Dann der ZWack 
für etfvas und der Selbstzweck sind zwei ver-« 
Bchiedene Dinge oder nothwendiga Ideen , den 
Ten eine die Anwendung für das anorgantsche. 
Reiche die andere für das organische findet^, 
und nur so kann Stahl und die neueren £hi^ 
liMOphen, die ihm hierin folgen t yerstatidaftf 
werden, und ihre teleologische Ansicht. ist ben 
wahrt und läfst sich nicht verwerfen. 

Für die Eioheit des Princips unä geg^n 
die mehr mechanisch - physischen Fribdpe beim 
Oirganismus eifert auch Grohmann (in diesem 
Journal 1818. St. 4.) und zeigt dabei das alt* 
'gemein gefühlte Bedürfnifs dieser Annahme 
Ifir die Physiologie, und die Abwege, in die 
wir geralben , wenn wir für die Wissenschaft 
nicht aus ihrer eignen Quelle schöpfen, son« 
dern mit den Materialien anderer Scienzen ver- 
unreinigen* 

Das neueste Werk von Dr. Fhil. Heng^ 
1er, über physiol. Anatomie und Physiologie 
des Menschen, welches neue Lehren über die 
Bestimmung des Nervensystems vortragt, und 
dessen letzter Theil abgewartet werden mufs^ 
JonxmLXyn.B.4,Su G 



— 98 ~ 

uns in den beiden erstell Banden .noch 
sehr in Dunkelheit über die Seelenwirkung, 
wie es wohl naiiirlich ist. So .viel sieht man. 
indessen , dals er das Thätigkcfitsprincjp des 
(«ebens nicht wie die anderen aniiiittelbar io 
das Gehirn und Nerrensjstem setzte «sondiBrn 
den andern vitalen. Tbeilen gleiche Ansprüche 
angesteht. Wenn ich nicht sehr irre; so ist 
der» nicht wie die £fa//er'8che Reizbarkeit auf 
einem einselnen Systeme des Korpers badend^, 
sondern allgemeiner sich ausbreitende Motus 
iö9UCU8 Wro/ii in der Wirkung nur mit andern 
ErUärungsarten Torgefiihrt, oder der Verl. 
drückt durch die selbstständigere Trennung des 
Muskel - Tom Nervensysteme ein spontanes 

Sleichmäisiges Einwirken der physischen Seite 
es Korpers gegen d^e psychische aus/ w'el* 
ches uns wieder auf die alte Streitigkeit zu- 
rückführen würde, von der sich Stahl frei 
machte« Doch bleibt noch jedes Urtheil be- 
fiingen,' bevor man nicht das ganze Werk in 
ttrinem Umfange kennen gelernt hat. 

'[ Auffallend ist die Aehnlichkeit der An- 
sichten^ welche Jean Paul in seinem letzten 
Werke: Selina oder über Unsterblichkeit, mit 
4ra StaArschen Ideen verräth. Wegen Man- 
gel des Raums will ich nur einen allgemeinen 
Satz aus dieser überaus lesenswerthen Schrift 
lUer anführen. Er sagt im ersten Th. pag. 154. 
,,Un8 ist nur eine Kraft und zwar unmittel- 
,ibar bekannty unsere eigene, welche denkt, 
g,will und thut; denn unsere Sinne können 
i^nm» wohl Bewegung, Widerstand, Anzie- 
,^ang, Schwere (die letzte ist nach einer un- 
,,veränderlicben Richtung) und Undurchdring- 
9ilic£keit erscheinen lassen} aber alle diese 



9> 

99 



99 
»« 
ff 
99 



— 99 ~ 

^«iiliiliclieo EreeheimiDgen einer Gesammtheit 
,j8pre^hen ans weder Kräfte der Bisstandtheile • 
,,aas^ noch überhaupt die Kraft, pelangen wir 
,^tiiiD za dem Inneren derM aterie, so ist ihr Schein 
',,aaigelost io einen Kräfteverein, und da ^ir 
9,iinB schlechterdings nichts absolut Todtes den« 
ken können , und eine todte Kraft (nicht eine 
gehemmte) so viel ist» als ein todtes Leben^ 
und wir nur die geistige Kraft kennen, ao 
,^wird uns die scheinbare Korperwelt zu einer 
, ^lebendigen Unterseelen weit, zu einem Mo-' 
y^nadensysteme. Kurz alles ist Geist, nur ver« 
,y8chiedener. Nur darin ist nicht der ganze 
^^Leibnitz lebendig citirt, dafs er einer Seele 
y^oder Monade in seiner vorher bestimmten 
„Harmonie die ganze Welt und Geschichte 
,iaas ihrem angebornen Knäuel abwinden und 
^»zusammenweben läfst, ohne den kleinsten 
9,iresponnenen Faden von aufsen , denn in der 
y,Wahrheit greift und drängt das ungeheure 
y^Seelenmeer wirkend io einander, obwohl mit 
„verschiedener Richtung und Einschränkung.'^ 

Aus dem ganzen Werke sieht man übri- 
gens , dafs er sich die StahfBchen Ansichten 
sehr zu eigen gemacht hat , und er nennt selbst 
pag. 163 Stahl mit der Bezeichnung des tiefm 
Stahl, Mehrere schöne Ideen findet man auch 
im zweiten Theil pag. 136 und 142 unter den 
Kapiteln: Kraft, Seele, und Geist zum Körper« 

Bevor ich diese Abhandlung schliefse, yrtll 
ich noch zeigen, wie wenig es bedurfte, dafs 
Siahl gelbst durch den Hippokrates zu der Idee' 
seines Lebensprincips geführt werden konnte, 
um die Gesetze, wie und wodurch dasselbe 
wirkt, deutlicher auszuführen. In einer Schrift 
des Hippokrates : De diaeta^ heifst es in den er- 

G 2 



» I 



— 100 — 



8t«n Kapifeln: Alle Theile haben unter sich 
eine gegenseitige Anlage zur Verdethnifs. Al<- 
les übrige aber ^ jBOWohi^die Seele des Men* 
sthen, als der Korper, gleichsam als Seele 
betrachtet (Corpus velut anipi^'^ in ihrer orga- 
nischen Thatigkeit), werden mit Kraft ausge- 
rüstet und gelenkt. Es kriechen oder ver- 
schlingen sich gleichsam Theile in Theile, al- 
les,* was gleiche Gomplexioii mit dem Ganzen 
hat, nämlich Wärule und-]^eucbtigkeit ,- thefls 
um aafzunehjtnen , theils' uiii' feü geben«, Das, 
was bekommt, verrichtet mehr ; was aber giebt, 
weniger« Es sägen zwei Lernte Holz, der 
Eipe zieht , der andere stofst von sich. ' Dies 
titun sie wechselseitig, und wenn sie weniger 
verrichten , sind sie mehr erschöpft {laborant). 
So stofst auch die Natur des Henschen (hier 
wieder als der Nexus causarum omnium^ ^ui- 
bü8 vakmus et convalasdmus j als die Wechsel- 
wirkung des Gebenden und Nehmenden auf- 
gestellt) Eins von sich, und zieht das Andere 
an sich; Eins giebt sie, das Andere empfangt 
sie, theilt es dem Einen mit^ und nimmt es 
vom andern Theile; giebt dem Einen desto 
mehr, erhält aber vom andern nicht weniger. 
Ißin jedes bewahrt seinen eigentbümlichea 
platz; was zu minder wichtigen Stellen geht, 
wird auch daselbst abgeschieden ; was aber an 
Qauplorter kommt , wird vermischt und in die 
ganze grofse Masse verändert. Fremde, nicht 
homogene Dinge werden aus einer fremdarti- 
een Gegend herausgestofsen: Immer aber um- 
geht gleichsam die Seele, die über Grofses 
und Kleines gesetzt ist, die ihr' selbst verlie- 
henen Theile, sie, die weder Zusatz^ noch 
Abzug von Theilen bedarf, sondern einzig an 
den 8c£oii yorhandenen Theilen eine Yermeh« 






■ ' . _— .101 - 

Jr\^^TkH^J^^plmt) .wnd Al^iia)iii|0.(b«i so sl 
" ]pii( j^iic^ oollug:.bat^ Sie maiht eip^ 

]|#db|Bi TÜeii .an amoer Stelle mx ~ Aufoabm« 
' -. '^ßur^äjia. IZufliefa^ocl^ gescbic&t ; deian wa^ nicÄt 
j^orio^<^. itt (np/i Mmiles mores, habk)^ .iianp, 
jft!clit in HeterogeÄeo Oertern {diicordibus lom) *, 
bi«iii6ii4 gleichsam aü unbekannt irrt ea nm^ 
jlMPf:'^äbrea4>4eä MiaciLungsfäbige gegeti9«Itlg ^ 
^aMrkaont ^rird. Das^ Gleichartige haftet Ha . 
.'.aiMn 6leic^rtigen und' aetzjt sich iCsst ; das Uli«* " 
.glieicbariige geräth in Aufruhr und Kattipf| 
' uod so. wtsiehl unter ihnen Dlslianndi|iat . ^ 

' ' r Damit idi nun im Kurzen zusamnienfass^ 
.''Wßin Siaht der Medicin gentatzt hat, so benilit 

'" 'Min Verdienst t 

» * 

1) in der gleichmafsigen und auf eitian« 
,'der>Bezu^ habenden VerbinduBg allte Theil4 

< -nniser^^^Kunst zu einem geordneteil Ganzeiiy^ 
in sofern sie auf den wahren Zweck des Ark- 
tes gerichtet ist, 

2) Jn der Darstellung einer eigentlich wah- 
fen Geschichte der Krankheiten, mit Sönde^ 
.rong Ton allem Ueberfiiissigen nach JBippokra^ 
icr Muster, . ' . 

3) in der_ Darlegung ^ines auf richtiges 
Denken und Zusammenstellen von Ursach und 
Wirkung begründeten praktischen Canons fil|r 
die Handlungsweise des Arztes mittelst einer. 

-"«u^ dem Einheitsprincip . der Natur geschöpft ^^ 
ten Theorie , die als Muster fiir .alle Zeiten 
bleiben; sich zwar erweitern und durch Ent« 
d^ckungen ^äher bestimmen, sich aber in ih- 
rem sichtbaren Grundprincip der Lebensbewe« 
"gnngen nicht umstdfsen läfst, ohne der Wahr- 
lieit SU nahe zu treten, 



— 102 — 

4) in der Abschaffung d«r allgemein ge- 
wesenen Vermisdiang so vieler untauglicben, 
heterogenen « und der Beibehaltang einfacher, 
bewahrter Mittel, mit Zulassung noch durch 
richtige Erfahrung erprobter neuer , einfocher 
Arzneimittel für den Heilzweckf 

5) in der dadurch zar selbststandigen Knnst 
erhobenen Medizin, dafs er zeigte, wie man 

^ aus einheimificher Quelle schöpfend die Me- 
dicin nicht als Sclayin fremdartiger, zur jPhy-r 
sik und Mechanik gehörigen Disciplinen be-^ 
handeln und die Principe aus denselben neh- 
men müsse, wobei die regulative Anwen- 
dung derselben doch nicht ausgeschlossen wird. 

Indem ich i^ich nun noch bei allen den 
wiirdigen Männern, deren Meinungen gegen 
Stahl ich nothwendig antasten mufste (da wir 
ja vereint die Wahrheit suchen), wenn ich 
als dessen Verlheidiger auftreten und als Ur- 
* enkel mütterlicher Seits durch gleichsam an- 
geerbten Impuls dessen Stelle für seine An- 
sichten vertreten sollte , dahin entschuldige^ 
dafs mir ihre Personen immer verehr ungs wür- 
dig bleiben und i6h nur bei ihnen eine noch 
nicht aufgegebene Streitigkeit zur näheren Er- 
grSndung der Wahrheit oder zu deren Bestä- 
tigung vorführen, und das, was auch qoeh 
jetzt der Medicin JVoth thut, ein Einheitsprin" 
dp zum Ziel der Forschungen machen wollte 
•^ schliefse ich mit StahPs ^ eigenen uns zu- 
rückgelassenen Worten : 

fiEgo post quadraginta et amplius anno- 
f,nim soUicite animadversam et- observatam,' 
„ac nuUa nnda credulitdte deceptam Historiam 
^^morbofUmf et inde coUectam Theoriam^ et 



— 108 — 

,,]imG proTicIe superstractam >i3MäAod!cm pracrf-- 
,»com, et selectis potias, diligenter obserTatis 
,^a^ue fidis inveotis remediis insistentem Phar^ 
y^madam; possam tandem cum scieatia, ex- 
„perientia et booa conscientia yerax testimo- 
,,mam de aniTersis his negotiis perhibere^ ei 
^^iDviolabilem cert|tadinem et reciprocam^ con- x 
,^spiratioDem rerae Theoriae cum felici praxi 
„etiam omnibus cum prudeuti^ docilibus et r»-^ 
,,rum suarum cum ' studio satagentibus com- 
y^mendar^.'V 



,^ 



^ 10« — 



««MW* 



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} 



' •< • I > 



- '«.! 



Beiträge 



sar 



Ausmittelung der wahren Wirkun- ^ 
gen einiger angepriesenen 'Heil- 
mittel der jüngereii Zeit. 

Vom' 

Kreisphysikus Dr. Brosiua^ 

in .8t«infurt* 
(Fortsetsnng),*) ^ , 



5. 

^ Mxtractum laciucae virosae mit DigüoBs g^en 

Brustwassersucht, . ■ ' ' 



JLiiese, TOD Dr. Toel in Aurich bekannt ge- 
machte^ Verbindung der Digitalis mit dem .^- 

*) Ich hielt die obige Ueberachrift clieaer Ueinen 
Auftitse für angenaessener als die frühere (s.. 
Jouro« d. T>r* H. 1827. Julius) , weil sitf dem 
HaiiptEweck diefer therapeutiseben Versuche 
heiser entspricht, und zugleich, eine stille Anf- 
f ordern n£ en meiüe Herren College n entbllt, 
sut BvreFchang jenes beizutragen. Denn wenn 
du Haicheii i^ach neuen Mitteln , d, i. die über- 



— 105 — 

I 

trau, lactuc. vfrös« ^) babe icb bisber !d 12 
Fällen yoq Hydrothorax angewandt , und die 
gerübrnten guten Wirkungen derselben völlig 
bestätigt gefunden. Wenn d^s Mittel auch nur 
im Stande war, in sweien dieser, sämmtüch 
echon eingewurzelter Fälle, radicale Heilung ' 
so bewirken, so beschwicbtigte es doch in 
acht andern die dringendsten Symptome, die 
Brastbeklemmungen, die Angst, das Herzklo- 
pfen , und gewährte so den Kranken die grofste 
Wohitbat; dem Arzte aber einen Nothanker ^ 
für seine peinliche Verlegenheit. In den zwei 
übrigen Fällen aber blieb das Mittel ganz A^hne 
.Wirkung, und es bestätigte sich mir dabei 
auch die von ^ Dr. Toel beobachtete Eigenheit . 
des Mittels, nämlich dafs seine Wirkungen 
immer bald — nach etlichen Tagen -^ erfol- 
gctn, öder gar nicht mehr« — Ich habe auch 
in einigen der Ton mir behandelten Brustwas-^ 
sersQcbten die ruivermischungen des Dr. He^ 
derich zu Frauensteiu ^) und des Dr. Wolff 

eilte roh empirische Anwendung derselben^ 
den gerechtesten Tadel yerdient^ so ist doch 
auch dts gänEliche I^icbtbeachten der noch un* 

fektnnten WiifFen, die unt erfahrene und glaub« 
afteAerzte sur Bekänapfung hirtnäckiger Krank* 
heiten, an die Hand geben, nf cht weniges 
Sflnde« 

* 

^ Mir steht aber vor, alt habe der Herr Her« 
ausgebet dieses Journals das nämliche Mittel 
schon lange angewandt. Denn ich finde in mei. 
nen, fiAher in Seiner Klinik gesammelten, No- 
tizen,^ eine, der ToeVschen ähnliche Formel. 
Und in £• L» Schuharth^s Recepttaschenbucb, 
Berlin 182L p. 328. stehe eine gans gleichcj un* 
terseichnet yyHuJeland^'*, — 

•*) R^' Tart. depur^ drachm, vj» Nkr, cuh* draehm. 
iß, Vulv,^ScUl, scrup, y. Fol, digital, p, scrup, Ä, 

M. Täglich 4-5 Mal 1 Theelö£Fel voll. — 



— .106 — 

I 

£11 Calaa *) erprobt: aber wohl iibfe das 
TotNche Mittel . noch seine gerühmten Wir- 
kungen aus, wenn schon die beiden andero 
Pul Vermischungen und übrigen zweckdienlichen 
Slittel ihre Dienste versagt hatten — jedoch 
nicht umgekehrt. , 

Der erste durch das Mxtract. hctuc. mit 
JOigliüUs völlig geheilte Fall^ betraf eine alte 
Dame von 74 Jahren, deren immer Toriibef- 
. gebüciLte Stellung» bläuliche Lippen , trocke- 
nes. Hibteln, angelaufene Füfse, schon seit 4 
Jahren einen Ansatz von Hydrothorax ahnen 
liefien. Die höchst heu n ruhenden Symptome 
bei meinem ersten Besuch: höchste Bekleni« 
inung und Angst, hörbares Geräusch bei jeder 
Exspiration, sichtbares Herzklopfen, bläulicher 
Schimmer durchs ganze Gesicht^ wirkliche 
Erstickungs- Gefahr bei angenommener Rückipn- 
läge im Bett , daher beständiges Vornübiftr- 
'sitzen in demselben mit aufgestützten Händen 
auf die Knie, und alles dieses bei fast gänz^ 
lieber Unterdrückung der Urinabsonderung seit 
Eweif Tagen, — drängten mich sofort zur An- 
w^endung des MxtracL lactuc. mit Digitalis^ zu 
4 G^an des erstem mit 1 Gran der letztern 

Sro Dosi alle zwei Stunden. — • Schon nach 
em 4ten Pulver liefs die Heftigkeit der Sympto- 
me nach, so dafs die Pulver jet;Et alle drei 
Stunden gegeben werden konnten. Nach dem 
6ten war die Erstickungs- Gefahr vorüber, und 
nach 3 Tagen» in welcher Zeit 18 Pulver ge- 
nommen worden waren, welche auch die Vrin- 
absondemng zur ziemlichen Zufriedenheit wie- 
der eingeleitet hatten, wurde diese durch ein 

*) Blüc* Pulv» Rmd, Jalap, scrup, ß, Ciäomel 
gr, 4/« -Ptt/v* Herb, digital, gr. /• m. /• Fulv» 
pro dosi. Allp 3 Stunden einf • — 



« — 107 ■—■*'■, , 

hrH'rtiges Infus. Htrh. cHgital. purp- awh nnf«^ ~ 
sliitzr, so daTs am 8ten! Tftge d^s KardiMh 
bitlers Mittel geschloRsail yrsrdvn koniita,>~^ 
Seit dem November IS'25 hat sich ^ein Symptom 
der Brustwassersucht mebr ^ngestallt. -^ ' 

Der zweite völlig ge^silt« Fallr^DCtraf ^r 
aen Mann voq 40. Jahren» bei dam «icfi di^ 
Brustwass«rsurht nach eioer vor zw«! J)^Dfr* . 
tan überstandenen hefligan vp,^ 4«hr anijg»- 
hreiteten BrusIfelt-EQlzüadutig, mit al)efi'Jb- 
leo bekaDDlea Symptomen,' aasgabUdit ll'>l^•i^ 

Unter dea nicht geheilten Fället^, Tflrdi#- > 
BSD zwei einer kurzen Erwälwaiig, WagUi' 
der anfänglichen frappanten, obwohl calatst , 
fruchtlosen, "Wirkung des in Rede ttriieadMl 
Mittels. Der erste Fall beirÜIt «intn atariMii, 
kurz gedrungenen, dabei früher immer -Tottk 
biiitig gewesenen Arbeitsmann Tön 66 Jefatea, 
jüt einem enormen Scrotalbr ach. ^as genaoote 
MSttol heilte bei ihm , in Zeit tob 2 Jab|vn', 
•1b fSiilfmaliges Recidir der ausgebildeten Brnst^ 

- in^isuchtj mit jedesmaligar -Geschwnlst de» 
Gmichta, d?T Häode ond der Fürse. Bei dei 
iechitae Wiederkehr Sbte dasselbe, so \fVaig 
Vi« alle andern zweckdienlichen Mittel,: irgend 
•ine Wirkung mehr ans, und d« KniBk* 
mnAts seiqem (Jebel, dessen Quelle niiTe^ 

.dcgbar war, unterliegen. — Der andere P«II 
Wtiifik eine, an allgemeiner Tabes •'-• ohne 

*) Om von ^. Buchan. in »einer „SymptomMolo- 
- ■ gU vn the art of dettcting Diiaaiei, Land. 1624." 
angelAhna ZaUben de» Hydrothorai», — dIdk 
Uöh ein dflnne» dunketgeflibtei Httutchan llng* 
, ' der MUte Am Zunga, da»- mit der er^oxenen 
FJaiiigkeit eiaoheinan und mit ihr wieda* vei- 
■ohwindeu »oll , — habe icti no«h nicht beob* 
ashWB kdanen. — 



— 108 — 

Lokal -AlTection — leidende Seh windsScbtige. 
Wenn eine jetzt nach 2 Jahren, ziemlich 
rascl; , nämlich i^ Zeit von 3 Tagen entste- 
hende odemafose Geschwulst beider Fürae, d^r 
einen Hand bis zum Ellnbogen hinauf, das 
letzte Stadinm der Krankheit andeutete; sq 
liefs auch die gleichzeitige grofse Brustbeklem- 
mung mit einem quälenden Husten , mit dem 
Unvermögen in horizontaler Lage im Bette ?a 
liegen, eine "wässerige Infiltration in den, bis 
jetzt noch unangegrilTen gewesenen Ljlngen, 
nic)it bezweifeln. Fünf oder sechs Pulver, je- 
des aus 3 Gran JExtracf, lactuc. viros. und 1 
Gran Digitalis bestehend, und alle 3 Stunden 
eins, vom Nachmittag an bis die Nacht hin- 
durch , gegehen , bewirkten in derselben Nacht 
eine so copiöse Urinabsonderung, dafs die 
Kranke alle Viertelstunde das Nachtgeschirr 
fordern mufste, und ich am andern^ X^g^ die 
>gesammte ödematöse Geschwülst verschwun- 
den, die Kranke sehr wohl und wieder vpl- 
1er Hoffnung fand. Erst nach etlichen Wo- 
chen stellten sich die Oedeme, und die vorige 
Brustbeklemmung , zugleich mit . Gesichtsge- 
schwuUt^ wieder ein. Das vorige Mittel 
gchaffte aber jetzt nur einige Erleic|iterqng 
•adf der Brust; auf die Urinabsonderung wirkte 
•8 gar nicht mehr. Das Oedem nahm allent- 
halben überhand^ es bildete sich nochmalige-« 
^ meine Wassersucht, und die Kranke endete 
(für den Augenblick) unerwartet^ ^uffocativisch. 



/ / 



— 109 — 

'6. 

Chininum svlphuricum mit DigitaNs in der aui^ 
gebiltUtm Form der Schmndsueht^ 

H u d 

Unerwartete Heilung einer JLungenschwindsudu 
im letzten Stadium durch ditaes Aütlei* 



Der Herr MediciDalrath Günther lo Cola 
sah sehr guten Erfolg (welchen?) TOin Chinin 
mit der Digitalis in der vorgenannten Krank- 
heit, und muntert in der Salzb. med. chir. 
Zeilang 1825. No. 54. die Aerzte zu Versu- 
chen damit auf. Hier — in einer Krankheit, 
in deren letztem Stadium wir auch von der 
rationellsten Behandlung kein Hell mehr er* 
warten, wo wir also nicht leicht zu viel Fal- 
liativmittel zur Hand haben können, wenn 
wit sehen , dafs eins nach dem andern seine 
Dienste versagt, und wir doch dem Kranken 
nicht gestehen wollen^ nichts mehr thun zu 
können, — hier, sage ich, sind solche Ver- 
suche am meisten erlaubt. Ich habe daher in 
5 Fällen das Chinin zu^2 — 3 Gran mit ^ — §• 
Gran Digitalis und 6 Gran Pulv. sem. foenicuL 
pro dosi f viermal im Tage, in Gebrauch ge- 
zogen, und zwar^ weil uns der Herr Medi- 
cinalrath Günther keine specielle Indicntinn da- 
ffir aufstellt, — völlig empirisch. Dahinfliegen 
aber hielt ich jedesmal die ganze Gestalt der 
Krankheit, und die constantesten Symptome 
fest im Auge , um — statt bei rationeller Be- 
hanrdlung einer Krankheit voraus denken zu 
müssen — jetzt bei der empirischen Anwen- 
dung eines Medikaments, zurück denken, und 
die besoudern Wirkungen desselben vermit- 
teln zu können. 



— 110 -- 

I 

/ 

In dem «rsteo Fall also (Phthish puJmon» 
purultnia^ florida^ herediiaria) ^ bei eioem Car- 
len empfindsamen Mädchen von 20 Jahren^ 
beobachtete ich gleich in der ersten, noch mehr 
aber in einigen folgenden Nächten , einen ru* 
higel^n, sogar mehrstündigen ,- erquickenden 
Schlaf. Der Antheil des Chinim an dieseih Er- 
folg, war virohl leicht zn finden, und bestand 
in der Mäfsigung des Terzebrendeil, jede JVacht 
steigendem, die Rohe Terscheuchenden Fie-^ 
bers; daher wurden auch die Scliweifse m^rk-« 
lieh gemindert, und der Oesammt- Erfolg be- 
stand in dem Aufhält der im Galiop Vorschrei- 
tenden Krankheit. CoUiquative Diarrhoe war 
noch nicht zugegen , sie trat aber nach einigen 
Wochen ein , und lühiUe bald die Auflosang 
der schwachen Maschiene .herbey. — 

In einetp zweiten Fall {PhtKsh nervosa, 
der in dem vorigen Aufsatz ^zuldtzt erzählte) 
erfolgte anfänglich Minderung, dann «roUiget 
Aufboren der gegenwärtigen Diarrhöe, so dafs 
die rernünftige Kranke, die die Bedeutung 
dieses Symptoms kannte und dasselbe sehr 
fürchtete {iie hatte einen Mannen der Schwind-* 
sucht verloren), wieder frohe Hoffnung schöpfte. 
Andere Mittel, unter ihnen das in den Diar-> 
rhiSen iind Schweifsen der Schwindsüchtigen 
so herrliche Elbe. mrioL Mynskhti^ hatten ihre 
Dienste schon versagt gehabt ^). — Das Ende 
dieser Krankheit haben wir berichtet* — 

In dem dritten Fall (Phthisis tuberculosa 
bei einem Mann von 38 Jahren, bei welchem 

') nBamerkent^yarthe Wirliungen des Chinint'* 
in einer entkräftenden DUrrböe, und in einer 
grofien Schwäche und Hinfälligkeit nach einer 
•olchea, lesen wir auch in Rust^s IVIagas« Bd« 
XXV. Heft !• ptg. 123, Anm. d. F. 



iW — . 



» * • I 



I % * 

h$,JM^\ ton 3 Jabr«ii denllich tfich ilpt«Bnui^^ 

i^itßfjtm^ 90 iah die W)ri>rfttch«ndeo.infl«iq(^' 
. loiilorit^eo Zoffilie in der Braiti Suche, f ör- ^ 

JMfMv UttligMrHuste^ >o» Zeit SU Zeit .4lf^^^^^ 
^J^eliiMev pod ad^^pat# ini^re anUpUwiiMiT 
iiril« BelMidlaog. nolbwend^ machten):^ >^.)>«Vs 
«hiMa4ch:^ {QtiBt.fxi.'Stoditim der Kta^Ultej^ 
lliiMpiSMÄii £if«ffausv«ttr4 näetuUch^» «f^bine|iY(^ 

wmikAfUh SeHweifte^V ^«i«f aiidere . Wi^Wutfr. 
dkMi* JliUH»U 9 als einen MligeiUi etW^^:^«fr 
' hidi|N^5|i9iide aitdauermde;ii , dep Si^Rkgl», «fbi;. 
llrilii||eliiendeo, Sclki^ — . JV«« d!«Mft( 

ianc noM..^ bai Vereiteiru^ge^ lA^^rer ii>!xettiL ^ 
Mülrwastet auftretend^ ^jrinptouij els^ Zeicb^ä^. 

ßbefer i^äiHpU^her lAu^hr^iUioig 4er KrAf^l^?; 
k;.^er war e« ciie,-ja«qb echo» iipdeijwivje , 
' iMbadifete» dein Chinin «fGebt^au^b eigent|iünie; 
^ liehfteyii sollende Emcheinunig) die -^. ifP.Alliv» 
thwiitde« epecilSschen Wirkung dieses« .Mjufli^i 
ia, -kalten Viebern. — den Homöopathen tindf^ 
il^Mt Lehre einen merkwürdigen .Vorscb^A! 
Itietet? — ^ 



* 



5 1 



. .Den vierten Fall, ebenfalls eine.Neterbti 
eiternde Lungenschwindsucht, habe ich-rnocfr' 

ßenwärtig in Behandlung, uud kaetou«ber 
Wirkung der dabei in Gebrauch gezoge»^. 
aen> in Rede stehenden Pulver, noch kfin* 
Rechenschaft ablegen. Und überhaupt hätte 
ich Tür der Mitt hei lang dieser wenigen Bf ob« 
•ehtongen gewifs erst mehrere abgewartet, 
wenn ich es nicht lü^ heilige Pflicht hielte, 
einen fünften Fall yon Schwindsucht, der durch 
dat genannte Mittel völlig geheilt wurde, auf 
Stelle mit^Butheilen. Ich ierzäble dieses nn- 



— 112 — 

g^^lioffte Ereignifs ^- ohne die gewöhnliche 
ForiA einer Krankengeschichte zu beobachten 

— gerade wie es sich ^tigetragen , ^e folgt. 

Am 23ten^ März 1827 kommt der Schmidt 
B. s. W. aus Weibergen Hu mir, meldet seine 
Tochter Therese kränk, und verlangt für die- 
selbe Arznei, ohne mich jedoch zum Besuch' 
aufzufordern. — Dem Mädchen fehlt es ^blofs 
im Magon^, sie hat keinen Appetit, und wenn 
sie etwas ifsty so kann sie das Genossene nicht 
vertragen. Defshalb ist sie jetzt so schwach^ 
dafs sie schon seit 14 Tagen im Bette liegen 
n^ufs. Der Schlaf fehlt ebenfalls fast gänzlich. 

— Diefs der Bericht des Vaters, ohtie zu fra- 
gen. — Auf me^n genaues Examen* von, der 
Kindheit deS/ Mädchens an, bis jetzt, über den 
Anfang ihrer Krankheit bis zum gegenwärti- 
gen Moment, wird Nachfolgendes 'affirmativ 
aufgegeben (die übrigen Fragen werden ver- 
nreint, oder aber die erira^ten Umstände sind 
dem Vater unbekannt). Dem AJädchen sind 
die K-uhpocken mit Erfolg ein geim pH: worden;« 
es ist jetzt 18 Jahre alt, und in früher Jugend^ 
verschiedentlich krank, und überhaupt immer 
ein schwächliches Kind gewesen. Vater und. 
Mutter aber sind gesund und stark, so auch- 
die noch lebenden Brüder; einer aber ist in 
seinem 14ten Jahr an der Auszehrung gestor- 
ben.' Walin und wie die jetzige Krankheit 
angefangen, kann nicht recht angegeben wer- 
deu^ denn das Mädchen hat niemals viel ge- 
gessen, aber nun ist sie schon seit 3 Wochen 
fast gar nichts mehr. Die Brust ist recht gut, 
die Kranke hustet wohl ein wenig, und hat 
duch schon lange etwas mit Husten angestö- 
fseo, aber dieser beschwert sie doch durchaus 

nicht 



— 113 — 

nicht — * nar der Magen , der Mageo , ist gans 
io Unordnung, sonst wäre das filädchen woU 
gesund genug. ^ * 

Ich verschrieb nun anfänglich milde bit« 
tere Eztracle mit einem auflosenden Sals in 
kleiner Dose; später rein bittere, gewürzh^afta 
Mittel mit passend scheinenden Zusätzen« 

. Ziemlich regelmäfsig, 3 Wochen lang, er- 
hielt ich abwechselnde Nachrichten — von ei«! 
niger Besserung, oder Verschlimmerung^ oder 
über greichbleibenden Zustand, bis ich endlich 
dem Vater vorstellte, dafs es doch besser sej^ 
wenn ich die Kranke einmal selbst in Angea^ 
schein nehme, weil man nicht wissen könne, 
was hier inä Hinterhalte läge, indem er selbst 
wohl sähe, dafs es mit der Krankheit nicht 
Torwarts noch rückwärts, gehen wolle. Man 
war damit zufrieden, und ich r^isete hin. 

VTas ich nun beim Aufschieben der ThS;« 
ren der hölzernen Bettlade erblickte, und fer- 
ner fand , erzähle ich so wie das Vorhergehe 
hende. Nämlich ein schön ovales feines Ge^ 
sieht, blafs, nur mit röthlichem Schimmer über 
beiden Wangenbeinen, mit grofsen blauen» 
mürrisch blickenden Augen, und purpurrotheii 
Lippen. Nase und Oberlippe verriethen eine 
scrophulÖse Dialhese. Die rechte Hand lag 
über dem Bett , die langen Finger liefseh eine 
-schlanke Figur verrathen, an denselben waren 
die vordem Fhalangen rother als die übrige 
Haut, und die Nägel fingen an sich überzu* 
krümmen. (Ein mir immer Schauder erregen- 
des Zeichen). In der linken Hand hielt die 
Kranke ein Schnupflucli , sie drehete den Kopf 
<j^ft nach jener Seite, räusperte^ und holte ver- 
Journ, LXVII. B 4. St. H 



— 114 — 

ätöhfen etwas aas dem Mande. Auf einige 
fiawes^dtliche Eingangsfragen erhielt ich gleich 
die verdriefsliche Entgegnung: — 99 Ja, Herr 
Doktor f wenn Si^ mir nicht helfen können» 
so sagen Sie es lieber gleich^ dann nehme ich 
auch keinen Tropfen Medicin mehr, es ist mir 
doch schon alles zuwider, und die Leute sa- 
gen ja doch , ich hätte die Schwindsqcht." — 
Der Puls machte etwa 110 iSchläge in der 
Minate. Ich sagte 2 Ihre Hände sind «recht 
wärmt aber haben Sie nicht xuweilen k'alte 
Fälse?'-— Hiermit war meine Hand auch schon 
am Fufsende unter der Bettdecke,^ und was 
(ich yermuthete fand ich : ein bedeutendes 
Oedem um die' Knöchel, an welchem ich die,, 
mit den Fingerspitzen eingedrückten. Gruben 
fühlen konnte. — Ich meinte, Stuhlgang sollte 
sie wohl nicht alle Tage haben , da sie so we- 
nig genösse? — „O ja; und es ist wunder- 
lich, da iph doch fast .nichts esse^ so mufs 
Ich doch Tages 4—5 Mal heraus; das kommt 
aber vom vielen Trinken.'' — Ich erklärte nun 
ihre Krankheit blofs für eine starke Erkäl- 
fting, und ich wollte ihr Medizin schicken. 
Worauf sie ein Paarmal tüchtig schwitzen sollte. 
•(--„Cfein, nein. Vor allen nicht, denn ich 
i&ufs doch fast jeden Morgen ein anderes Hemd 
anziehen." — So hatte ich nun Alles heraus^ 
mid nichts gefragt. Die Mutter zeigte mir 
iioch, ziftn Ueberflufs, in der Nebenkammer 
üh Sacktuch ,^ das die Kranke am Vormittag 
schon Tollg^spuckt hatte. 

• 

, '' Und ich glaube nun nicht , mich in der 
piägwose geirrt, noch nöthig zuhaben, den 
währen Status rrgfrbi hier auszusprechen. Mein« 
BeMimmpogsgriinde zur augenblicklichen An- 



-. 115 — 

woiclnpg c|es Oiinins mit Digitalk^ wa#«d : die 
^Mtgebnäftigen Ekacerbationdn des -hektiacfheo 
Ftebers gegen die Nacht, der echoeile,' Fult^^ 
^er fiuberst leichte Eiterauswurf, wobei die 
Chiiiß überhaupt^ ^vielleicht in Verbindung mit 
dem bländiitthen Moos, * wohl von vielen Aers-» 
ten ungewandt worden wäre.. Ich yeracbrieb 
12 .Pulver, jedes aus^ Gran Chinin , i'Gran 
PtJv» Herb.' digital, fi« und 6 Gran Puh» SenK 
foetäcul. bestehisnd, und davon viermal im^Tage 
eins zu nehmen. Dabei aber auch — '• um der 
lyahrheit getreu zu referiren — di^ Huba. 
Gcleepa. grnndiflor, zum Thee, von welchem 
Slittel ich jedoch noch keine außaHeaden Wir-« 
kangea in den Schwindsüchten gesehen habeiL'^) \ 

j 

Ich erbat mir nun Nachricht, sobald die 
Fnlrer TerbrJaucht tejn würden. Am yer^b- 
redeten Tage erschien — Niemand. Auch an ' 
den folgenden Tagen nichts uud ich erhielt 
gar keine Nachricht wieder. Bleiue Gedanken 
über den Ausgang wird jeder errathen. Ich 
hatte die Kranke vergessen, als zu Anfang 
dieses Blonats (März 1828, also ein Jahr nach« 
her)» der Vater in meine Stube trat, um mir 
seine Rechnung zn berichtigen. Beim Ueber- 
reichen der Quittung konnte ich doch nicht 
umhin, ihn tröstend zu fragen, wie es denn 
eigentlich am Ende mit seiner Tochter nocb 
zugegangen wäre? Der Mann verstand nicht 
gleich den Sinn meiner Frage, sondern er ant- 
wortete: ,,o das ist jetzt wieder eine fixe 
Dirne, die arbeitet nun alles wieder mit, und 

*) Meine Beobachtungen ober die Wirkungen der 
Galeopsis grandiflora PVilden, oder (^aleops* 
villosa Smith, statt der sogenannten Liber* Bthen 
Schwind^uchtskräuter , in einem andern Aufstu» 

H 2 



wir halMir defthalb keioe Magd' mehr -noth- 
wendig»'^^ So iiopolilisch es war, den Mann 
•tutEig anzoBehen, so konnte ich doch meineln 
plötzlichen Staunen nichl gebieten. Der Bauer 
merkt es nun, und erwiederte: „Nein j sie 
ist nicht gestorben, sie ist ganz kurirt. Da 
die PnlTer ihr damals so gut anschlugen, so 
haben ^wir sie noch wieder machen lassen. 
Sieine Tochter bekam wieder guten Appetit, 
und sie bat sich nun wieder ganz' herausge- 
gessen.*' -— Leise sagte er mir darauf, er 
habe seine Tochter zn gleicher Zeit von einem 
Geiatlichen überlesen lassen ;> ^und ich merkte 
wohL dafo er dem Exordsten den grofsern Theii 
des.T^dienstes dar Heilung beilegte, ~ 

(Die ForUetzoBg folgt.) 



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j -.-.».,,* 






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. : JW. Dr. EfiSff^r in SBuUgart. * 



(Fortsetzung» 8; tot«. St. 4i««» Joam.) 



•' , -Dritter AhieKnin» 

r Oft 4l«i> Ki>ai»^A«i^#it d>r £jiJ#a'tJkl#9il#ft 
^ Trompeten, 

T\ . . ' 

<i-^i0 Eatuchitehen Trompeten bilden einan w«- 
•tMlichen Theil des Gehörorgani^ sie Ihöaueo da- 
ker* nlphc krankhaft affieirt, oder x. B* ^arck eina 
GMohwalsty einen Auswuchs der benachbarten Theile 
floMannengedrückc seya^ ohne dafs nicht, das Geh6c 
dtranter leidet, — 

{» /• Fof» der Verschlieuung der Trompeten ^ MUn* 
dnng und von der Öbliteration des Trompeten • 

CanaU, 

El giebt Kinder, welche mir TarfchloMfBett' 
Tfräopetea, und alsdium UMbstumm gebäiea w«c«. 



« s 



— 118 -p 

• 

t. ein £S J«rfr telir Mafig ' TOTltomTnender Fall 
"WjQm V«rtphlieftnng ,dieter Canille ereignet tioii in 
Folg« einer Angiaa « s, B. im Scharlachfieber , wo- 
von mir Effei Btitpiele Torgekomnien aind. Die 
Mensokenpocken erseueen bitweilen dasaelbe Uabel» 
und man findec ^in foTchet Beispiel in den Ephe* 
meriden der Naturfortoher aufgeseichnet. Cooper 
'tagt: ea aei öftera der FV^« dals die Vernarbung 
▼eneriaoher Gesobwflre d^n Trompeten - Canal ver« 
aofmafse^ und auf der b^traiffenden Seite das Gehör 
BerctOre« Sehw^dianer hat in^brere Beispiele -Ton 
Taubheit und heftigen Ohrenaohmersen in Folgo 
Ton venerisohen Geschwüren gesehen, die die Trom- 
peten «Mandune im H^lse ergriffen hatten. 

yVenn der Kranke bei Terschiossenem Mund und 
Ntto eine starke Exspiration naacbt, und dabei we« 
der die Luft in die £ustäch* Trompeten eindrisigen^ 
noch an daa Tromnielfell anschlagen fAhlt« Kann 
man auf eine Verscbliefsung der Eustaeh« Trompe«' 
ten achliefsen, — ein Zeichen, , welches man sowohl 
bei der angeborenen IroperforaUon und bei deirjeni« 
gen Atrtsie findet, die Ton irgend einem Naatn- 
oder HalsgeschwAr herrührt, als auch bei der voU« 
kommen^n ObUteration des Trompeten • Canals selbst* 

Man kann sich yon der Verschliefsune: dieser 
Gan&le auch dadurch Oberseugen, dafs man dieselbo' 
mit der SoAd^ durch die Nase 'untersuch^* Kommt 
man durch die Nase nicht in die Trompeten* Mün- 
dung, so seigt dieses irgend ein Hindernifs an der- 
aelben an. Nicht seilen befindet sich die Scheide- 
wand oder die Narbe, die ^en Durchgang der Ltift 
nnterbriolit , viel tiefer in der Trompete,^ dadjctroh 
cntateht eine Art von Beutel oder Recetsus, in wel- 
chem dift Spitze. der Sonde einen nicht au über- 
windenden Widerstand findet , welcher Ton ^incr 
gewissen Elatticität und SchmerK des Theils be-> 
gleitet ein» häutige Scheidewand als das Uindernifa 
▼ermuthen Ufst. Eine Einspritcung erfährt densel- 
b%Jk Widerstand und gelanet nicht in daa innere 
Ohr. - 6 6 

. In .dergleichen Fällen ksnn sich das Gehör wie- 
detjjierateUen , wenn das Hindernifs sich nur an 
der Mündung der Trompete oder selbst an irgend 
einem Punkt der Wandung des Canals befindet, vor- 
anaff«ä«tBt*'dafa daa Gehürorgan selbst nicht au sehr 

Tomtifl in. 



- UÖ - 

Die Ghirargie bietet swei, beionder« Mittel tu^ 
Herscellung des Gehörs dar: die Function des^roin- 
melfelis und die Perforation der bäutigen SchtiAci- 
wand, welche den Canal veritopfc. 

Die . Perforatioil des Trommelfelli ilt . notiU 
' wendig: 

i) wenn die Seheidewand sich gleich am Rand« 
der TrompetenmOndung befindet j 

i) wenn der Trompeten « Canal In seinem gtn- 
sbn Umfang obliterirt ikt ; endlich 

.3) wenn das TronÄmelfell verknöchert ist, und 
gleichwohl die übrigen Theile des Organs normd 
beschaffen sind. 

Die sweite Operation hst tum Zweck « die £a* 
stech. Trompete in ihren natarlichen Zustand au« 
rüoksufahren. Zu diesem Ende nimmt man ein sU»- 
bernes Stilet, dessen eine Ende mit einer stihlemeii 
Spitae in Gestalt eines Troicarts verseilen ist, das 
andpre Ende aber, so wie der übrige Theil des In* 
strumentl, mufs so dünn ausgearbeitet, seyn, dafa 
man das Stilet in die hohle Sonde tchiebeo Ktnn^ 
welcher man sich aar Untersuchung der Trompete 
bedient. Man schiebt das Stilet in diese Sonde nue 
so weit ein 9 dafs drei Viertheile davon verborgen 
sind, ein Viertheil dagegen zurückgehalten wird* 
Nun bringt man die so bewaffnete Hohlsonde in 
die I^asenhÖhle wie cum Einspritsen in die Trom- 

ßete. Ist man mit diesem Instrument bis tu dem 
lindernifs gekommen » welches man an dem Wi- 
derstand, an der Tiefe, wo die Hohlsonde aufee«- 
halten wird , und an der Richtung des Handgriffs 
der Hohlsonde wahrnimmt, so stößt man das btileC 
sachte vorwärts, bis der Mcngel an Widerstand daa 
überwundene Hindernifs anseigt; hernach zieht man 
das Stilet um eben soviel wieder zurück, und die 
Hohlsonde mit demselben in entgegengesetzter Rich- 
tung von der heraus, in welcher das Instrument 
eingebracht worden ist. 

Eine auf diese Art gemachte OefFnung würde, 
sich bald wieder schliefsen , daher man mittelst der 
Hohlsonde eine Darmsaite bis über den Punkt des 
Hindernisses hinaus einlegen und daselbst jedesmal 
24 Stunden liefen lassen mufs, indem man die Hohl» 
sonde' wieder herausnimmt, und um die Saite an 
Ort und Stelle zu gleicher Zeit zu Hxiren, diese 
letztere in der Entfernung eines Zolls von der Mün- 



t 



— 120 — 

oairg d«r HoUtoade Cestlifth« ^ Naoliäein äu In^iru- 
nmis aus der Naie gezoeen worden ist. schneidet 
iDtB die Darmttite m oer Nähe von der Nase ab 
nnd befestigt jene dadurch, dafs man das Naaeh- 
loch mit Uaumwolle oder Charpie leicht ausstopft. 
Mit dem Einlegen von Darmsaiten mufs man ao 
lange fortfAhren, bis man annehmen Kann» dafa dia. 
Winde der Eustaeh. Trompeten vernarbt sind* , 

Diese Operation iit anwendbar , wenn in der 
JMlOndung der Tronfpete ein ^Recessua Torhaaden 
ist, Ton nnr einer Linie Tiefe , .aber keineswegs in 
deh beiden Fällen: wo die Trompeten -Mdndung 
an ihren Rändern gan« verschlossen ist, und man 
|ilso weder das Instrument fixiren, noch den Punkt 
sur Perforation bestimmt trefren kann , oder wo der 
Trompeten •Canal durchaus obliterirt ist. Eine sol- 
che Obliteration ist zu vermuthen, wenn man das 
Stilet 4 bis 5 Linien tief in die Trompete einfahrt, 
und immer denselben Widerstand erfährt. 

Der Verf. erzählt hierauf einen Fall, indem er 
idiese Operation jedoch ohne Erfolg; verrichtet het. 
Dieser Fall beweifst a) die Möglichkeit; b) die ge- 
ringe Schmerzhaftigkeit dieser Operation , und c) 
^a(s man durch die obliterirte Eustaeh. Trprapetea 
in einer Strecke von 6 —-8 Linien driogen kann» ohne 
irgend einen bedeutenden Zufall zu beförchten, 

$• //. ypn dem Catarrh der Eustaeh, Trompeten^ 

Diese Krankheit ist durchaus die nehmliche, wel- 
che die Trommelhöhle und die Zellen des Zitsen- 
forttttzes befällCb Selten ist es der FslI, dafs die Eu« 
. ttach.'Trombete und ihre Mundung bei cstarrhali- 
eehen AfFectionen jener Theile nicht mitleiden. Die 
Ursachen) die Zeichen und die Behandlung sind da- 
her die nämlichen, wie bei dem Catarrh der Trom- 
melhöhle u. 8. w. 

}• 7//. Von der Verftopfuvg der "Eustaeh, Troiifpeten, 

Diese .Röhren können mit Schloim,, Blut oder 
*'Xreideähnlichen Stoffen aiigefulh, oder durch eine 
Anschwellung ihrer Schleimhaut ver5topft seyn (wel- 
cher Zustand 'nicht mit der Verwachsung ihrer 
VVandungen , d. i. mit einer Obliteration der Röhre 
Te;rwech|elt werden darf). 

» i) Verstopfung durch Schleim, 

H§rold in Copeuhagen hat sich durch anatomi- 



-- 121 — 

"■■'.•■ . * ' . 

a«]ie Untartoohutigeii an todten Thieren ,vor ihrer 
Gebart übeneugc^ daft di»' Eustacb. Trompeten bei 
dom noch im Uterus befindlichen Foetiis mit der 
Änmiönsflaisigkeit und mit Schleim angefollc sind, 
dergestalt bemerken die Herausgeber der teutschen 
Bibliothek y dafi sich ein Gleichgewicht bildet swi- 
jehen den äufsern.Flasfi^keiten und d^nen von> in- 
nen heraus» ohne welches das Trommelfell von Sei- 
ten des den Foetus umgebenden Wassers einen hef- 
tieen Druck erleiden wArde. Abgeseheq von dieiet 
XrklArungsw'eise » so ist die Beooachtung von He-* 
rold wichtig, da sie' eine Ursache voh angeborener 
Teubheic aufklärt , vrelchc viel häufiger vorkommt 
äli man glaubt« Schon viel frdher bemerkte DesauU 
in seinen anatomiichen Vorlesungen » dafs die F^u* 
itaeb. Trompeten und die äafsern Gehörgänge bei 
dem' Foetus im Uterus mit AmnioiiflassigKeit ange« 
fOllc sind. Jonathan J/f^aU§n in London^ fand im 
Cadaver eines durch Kälte taub gewordenen IVIen* 
•eben die Eustach. Trompeten durcli cosgulirten 
(ahlieim verstopft. 

2) Verstopfung 'durch einm Kreidearttge li^aterie^ 
Arnemann hat bekanntlich ein solches Beispiel 

angefahrt y wo die Eustach. Trompeten, die Trom- 
melhöhle und die Zellen des Zitzexifortiatzes mit ei- 
ner kreideartigen Materie angefüllt waren. Ein 
ähnliches Beispiel ist mir in meiner Praxis vorge- 
kommen. 

3) Verstopfung in Folge von Erschütterungen, 
Sehlägen , einen Fall auf den Kopf u. s. w. 

• iJergleicfaen Vorfalle können eine Blutergiefsung 
in das innere Ohr verursachen, das Blut kann hier 
coas;uliren, und sowohl die Eustach. Trompete 
als auch die Trommelhöhle und die Zellen des Zitzen- 
fortsatzes verstopfen , wie Stenon und Ilforgagni 
glaubten. Cooper führt «in Beispiel dieser Art an. 

4) Verstopfwig durch j4iuchivellurfg der die IVlünm 
ßung und den Canäl der Eustnch, Trompeten aus» 
Scheidenden Schleimhaut, 

Ein solcher von häufi'^em und hartnackigem 
Schnupfen herrührender Zustand verursacht eine 
momentane Taubheit, welche bei Kindern von zar- 
tem Alter oft andaurend wird, und bei diesen häu- 
figer vorkommt als man glaubt. Eine scirrhöse 
Anschwellung der Eustach. Trompete von Syphi- 
lis u. 8, w* fi'ird dieselben Folgeu haben« 



— 132 — 

I Di« In.erfteti f, «agegebenen Zeichen KOtrimea 
gewölinlioh auch bei der v ert topfung der l^ustach* 
Trompete vor, und die TorbeTgegangoneii OmtUnde 
Ittten 'auf die Art der verttop^nden Materie tchlie- 
faen, s. B. «uf Scbleimanbänfung bei der nach ha- 
bituellem Schnupfen und hartnäckigen Catarrhen enc« 
0tandenen Ttubneit, und auf einen kreideartigen 
StoiFy wenn , die Taubh^^t gradweise in Folge aer 
Syphilis u» •• w. obne'Affection dea Halses oder des 
Cboannen entstanden ist, und wenn dieselbe auch 
noph fort dauert 4 nachdem die Veranlassende Krank- 
heit gehoben ist. ' , 

Aufser der Verschleiinung der Schleimhaut in 
der EuStach. Trompete, di« wiederholt gegebenen 
Purgiermittel» Blasenpflaiter, und aelbst ein Haar* 
seil im Nacken erfordert, dürfte jede andere Art 
von Verstopfung durch die nachher su erwühnendo 
Behandlung gehoben werden. . 

Man hat allerlei Mittel ausgedacht, um die Ter« 
•topfung der Eustach. Trompete (blofs fftr sich be« 
trschtet) SU beben. Hiehergehören: 1) Einspritsnn- 
gen in den Canal derselben durch den Mund; !%) die- 
selbe durch die Nase; 3) mittelst einer starken Ex- 
spiration eine reinigende Flüssigkeit, womit man 
Mund und Nase angefüllt hat, in denselben Canal 
SU bringen; 4) den in der Mündung der Trompete 
und ihrer Umgebung angehäuften Schleim wef^au« 
schsEen; endlich 5) den Zitsenfortsats su perfori^en« 

J. Die Methode, Einspritsungen in die Eust* 
Trompete durch den Mund und Rachen su machen,, 
rührt von einem ehemaligen Postmeister in Verseil* 
les, Guyot^ her, der nach Sabatier^s Angabe sich 
aus Wifsbegierde anatomische Kenntnisse erworben/ 
-— Und den eigenes Bedürfnifs dahin gebracht hstte^ 
den Bau des Ohrs sorgfaltig su studiren. Guyot 
kurirte sich durch Einspritsungen in die Eustach« 
'Trompete mittelst eines von ihm selbst dazu erfun- 
denen. Instruments , ^ä% aus einer Art von doppalter 
Pumpe ifiit einem Waiserbehälter und Röhre besteht» 
womit man aber nach meiner Ansicht höchstens die 
Mündung der Eustach. Trompeten ausspühlen kann. 

£• In der Sammlung chirurgischer Thesen von 
Häller wird folgende Art Einspritsungen in die Trom- 
melhöhle zu machen vorgeschlagen : Man füllt die 
Nase und den Mund mit einem mit Honig vcr^Ats- 
ten Wasserdampf u. tügl. an, und läist den Kianken^ 



« 123 »- 

um di«S« Flafaig1(eit in die Euttacb« Trompete zu. 
drikcÜk^n, bei zugehaltener Nase und Mund ausaih- 
tnen. Eiir fehlerhaftet » unzureichendes Mittel! 

C* Lentiti^s Methode y um die Trompeten m du- 
dang Ton sahem Schleim tu reinifcen, d^r dieselbe 
▼erstopfc (f. Commentarien der "Göttinger Gesell« 
scheft, 2, B^«)« Derselbe erfand tu diesem Zweck 
•ine-Sonde, "welche an einem Ende mit einem dasa 
Geformten Schwamm versehen ist, der hinter dem 
&aomentegel und ohne diesen su berühren (was nicht 
mdglich ist) bis an die Oeffnung der Trompete ge« 
bracht, und daselbst wiederk^olt von oben nach uAten 
bin und her geführt werden soll, um die TTOttipe« 
tfnmdndung vom Schleim au reinigen, Lerttin Ter« 
ttnaohte 'den Schwamm, um alle Reisung der"]^heile 
Bu Verboten, mit einem StQcKcbea Rindfleisch» und 
«einer Angabe sufolge mit dem besten Erfolg« Al- 
lein dieses gleitet fiber den Schleim weg, ohne ihn 
mregau nehmen 9 und diese Methode hat überhaupS 
alle N*chtheile der Guytoa'tchtnf oh^e irgend einen, 
Vortheil der Letateren. 

D, Ein Mittel, dss weder die Gefahren und 
Kachtheile der Perforation des Zitsenfortsataes^ oder 
des Trommelfells, noch die SchwierigKeiten und 
die UnanverläftieKeit der Methoden von Guyton^ 
Lentin u. A. darbietet, beiteht in der Einspritsung 
der Euttach. Trompete durch die Nasenhöhlen, Diese 
Idee ist nicht neu» allein die Instrumente, welche 
diese Operation leichter und sicherer machen, sind 
Ton ^iner neuen Erfindung und verdienen in dieset 
Hinsicht die AufmerksamKeit der Kunstverständigen, 

Meine Instrumente besteben aus Röhren, welche 
in Gestalt eines unregelmäfsigen S (von Cursivschrift) 
gebogen sind. Das Ende, welches in die Trompete 
gebracht werden soll , ist mit einem Knöpfchen ver« 
sehen, das andere aber hat eine Vorrichtung sur 
Aufnahme der ^^pritae. so wie einen kleinen Haken 
oder ein Plättchen. Diese Sonden CRöhren) sind 4 
Zoll lang, Ij^ Linien dick, nnd haben dieKrümroungen, 
Ton denen die erste 3^ Linien im Sinus hat, und an 
dem geknöpften Ende anfängt. Diese Krümmung be« 
£ndet sich auf gleicher Linie mit dem Haken oder 
Plättchen. Die zweite Krümmung hat im Sinus drei Li- 
nien, die dritte 1^ Linien. Diese Sonden passen für Er. 
wachseneund für junge Leute von 15 — löjahren. För 
Kinder müssen dieselben nothwendig viel dünner seyn.* 



* ^ 



w 124 - 

Der'KrinVe wird auf einen Stiibl getetsf und 
tnit dem Kopf etwas Torwärtt geneigt« Der Ope- 
rateur liült vor dem Kranken atehend aas Iiit|rument 
an 8einen:i hintern Ende vvie eine Schreibfeder in 
der rec!i/en Hand (wenn die rechte Trompete su 
untersuchen ist — und in der linKen Hand bei der 
linken Trompete), die linke Hand wkd »anft auf 
die Stirne des Kraniien gelegt, alsdinn bfinet der 
Operateur die Sonde in horisontaler •Richtung in die 
Nasenhöhle y indem ihre Spitze nach unten gerich- 
tet iit« Sobald die erste Krammung eingebracht 
iflty senkt man die Hand , während das Instfument 
gans Torsiclitig fortgeschoben wird.' Nachdem die 
sweite Krümmung gans eingedrungen ist, befindet 
sich das geknöpfte Ende der Sonde in der Nähe der 
Trompetenmündung. Hierauf macht man mit der 
Hand eine rotifende Bewegung nach innen , indem 
man diesen Theil ein wenig aufhebt , 'und gleich* 
steitig die dritte KrÄmmung an der Nasenscheide- 
wand. Man ist sicher in die Trompete gelangr, wenn 
der Haken oder das Flättchen senkrecht in die Höhe 
atebty'die Röhre nicht hin und her wankt, und die 
eingespi.itzte Flüssigkeit zum Theil aus der Mfin- 
düng der Sonde wieder zurückkommt u. s. f. Um 
diese Sonde herauszunehmen, mnfs man dieselbe 
sachte ^egen sich sieben und alsdann entgegenge- 
setzte Bewe£!;ungen machen yon denen beim Ein- 
dringen der Sonde. '*'} 

nie Person, welche man zum erstenmal sondirt, 
empfindet blofs einen lästigen Kitzel, bekommt Nissen 
und einen schwachen Tliraneuflufs. Uthri^ens gewöh- 
nen sich dieseTheile bald an die Sonde, und diese er- 
regt hernach keine unangrnelime Empfindung mehr* 

Die VoTtheile dieser Methode bestehen darin:. 
Man kenn durch dieses Mittel 1) Hüssige Arzneimie- 

.. *) Der unlersie. Kaseiigang ist bckaniitlicli der laiigste- imd 
ffröfsto, und geht l;ui'izojir;il von <ler Clu^aiina .ins.. Am 
Ausgang desselben lieyt etwa.; nach oben die ^Vul.^t, 
■welche deu Anfang der 'r7il>a Eii.st. iimgiebr. Die'se ist 

40 gelagert» dafs man bei Jiijectioiun iii die Tiib.iimit 
iuer Yörne etwas gekrünimrenRÖ"Iire zuerst horizon- 
tal im untern ^fäsengiing tortgcliou nnd oi-st an seinem 
linde die Spitze derstilben *////'- imd chnrririfi richten 
mnfs» um iu die Tii])a zn gclaiw^eu. Viellciclit k< nute 
uiau mit einer geraden Spritvic elur in ditse 0«^ifnt»ng 
komflien? .Stöfst man die Spritze a\ eiler nach hinfev, so 
• ki>mmt man, in einen ^untTsen J'iecessus; vdeu der ;ini Os 
basllaie aiii'angeudti Pharynx bildet, wo alle riii&sig^ 
JLeit hinläuft. • tler Ueb'cr.u 



I 



— -125 — 



cel in die Eaittcli. Trompeten , in die Tromteel. 
bohlen and in die Zellen des Zitsenforttitses brin« 
f^n, tiefe und hftnnückige GescUwflre daselbst hei- 
len u. dgl. ; 2) dieselben Cavitäcen .von Schleim^ 
blutigem Extravasat, kreidaarügen StoEFen u. ß. tp. 
befreien; 3) mit Hülfe der Uohisonde ein Stilet bis 
in den Trompeten*^ Canal einführen und damit eine 
angeborene Atresie, Vernitbung u. dgl. serstören; 
endlich 4) bei .vorhendenem Stupor des Gehörner- 
Vene Tjropfbäder auf das Innere dei Ohrs antrenden« 
. ^Gecenanseigen dieser Operation sind: 

1) Btldungsfehler im Innern der Nasenhöhlen; 

2) Nasenpolypen; 

3) eine bedeutende Anschwellung der Schleimhaur». 
"welche die Adnndung der Trompete und ihre Um^. 
bunten überaieht und dadurcJi die Einführung der 
Soude in die Eust. Trompete verhindert: endlich 

4) Taubheit» die von Verhärtunj; oder Verknöche- 
rung des Trommelfells» von einer Verletzung irgend 
•iiLef Theils des Labyrinths herrührt u. d. m. . 

(Die Foriaetzung folgt.) 



2. 

\ 

t 

Antwort 
auf die Anfrage des Herrn Staats - Rath Dr» H ufe land 
über die Gelbsucht der Neugebornen, - 
iS. Journal der prakt. Heilkiuide 1828, 5tes St. S. 123). 

Am 16ten Decbr. 1788 habe ich promovirt^ bin 
also bald 40 Jahr praktischer Arzt. In t^tti ersten 
20 Jahren habe ich Geburiihiilfe mit hesonderer 
Liebe für dieses Fach ausgeübt, halte mich also 
far competent, meine Meinung über den fraglichen 
Gegenstand abgeben zu dürfen. 

Vorerst bestätige ich die Bemerkung des Herrn 
Staatsraths Dr. Ilufeland , dafs die Gelbsucht der 
Neugehornen weit seltner gegenwärtig vorkomme, 
alt früher, wo von 5 Kindern gewöhnlich 3, in den 
•raten Tagen nach der Geburt ikcerisch wurden. 
Aber ich kann der Meinung^ des Herrn Geheimen- 
raths V* Slebold, welcher die Seltenheit der Gelb- 
aucht depa, zu jetziger Zeit eingcfühiten , Unter« 



- 126 - 

.binden ^et Nibelf tränket steh An flirren der FuIm- 
tion in d«int«lben sutchmbt» nicfac beipflichten, 
de telbieet niehc eÜgemein eineefahrt itc , und ein# 
faesteTe Erklirnng der eufgettellcen Beobichtang en« 
geführt werden kenn* 

Die Urstche, weram der Icterus neonatorum 
jettt aeltener vorkönamty jt, in« den höheren and 
mittleren Ständen gar nicht tnehr beobachtet wird, 
Jiegc in der vernonfigemiftereA Bekleidung der 
Keugeborenen» welche wärmt , ohne su presaen, 
und, ohne Nachtheil , den Gliedmefsen des kleinen 
Weltbürgers freien Spielraum läfst. Dieaer beaiere 
Anzug ist aber erst aeit obngefahr 25* Jahren, und 
euch nicht überall eingeführt. Vor 40 und asehre. 
ren Jahren wurden 6ie kleinen Wesen förmlich 
emballirty und ich, als der Aelteate meiner Ge* 
achwister, erinnere mich noch sehr wohl, dafs 
meine jüngeren Brüder und Schwestern in den er* 
aten 6 Wochen aussahen Ywie Pakete^ die mit der 
Post fortgeschickt werden sollten. Dieser, oft gens 
unmiCsig auf den Unterleib, namentlich dadurch 
auf die Lehergegend > angebrachte Druck > dafs die 
Arme des Kindes am JLeibe herabliegend mit ein- 
gewickelt wurden y brachte Störungen und Stockun« 
gen i.n der Leber, dessen Funktionen im Orgapia* 
xnus der Frucht bekanntlich Tön grofser Wichtig- 
keit sind, und deren Umfang höchat ansehnlich isr» 
•0 wie in der Absonderung der Galle , hervor » und 
somit die Gelbsucht; der Neu^ebornen) und seitdem 
man anfing, die Kleinen nicht mehr so fest und 
paketartig eiosuschnüren, verlor und verliert sich 
diese patno]ogische Erscheinung immer mehr. 

Der Tod der nfeisten durch die Wendung sur 
We)t beförderter Kinder wird durch den oft gans 
unTermeidlichen Druck der Band des GeburtsheU 
fers auf die Ijebergegend herbeigefahrt, und es ist 
mir nicht selten begegnet» dafs Kinder, welche ich 
durch die Wendung glücklich und lebend aur Welt 
braohte, am dritten oder vierten Tage nach der Ge- 
burt von deir Gelbsucht befallen wurden, deren 
Bmatehütig wohl haib^ptsächlich dem Drucke auf die 
£«ebtr sususchreiben war. 

^ Der Königl. Hofrath u. Kreisphysikus 

Dr. Hinze, 
] zu Waidenburg in Schictsien. 



— 127 — ,. 

jyer TVerth des Brechmittels^ auch in Frankreich 
'anerkannt im Gegensatz der Broussais'' sehen Jkle-' 

thode, 

(Rapport vqn der Clinik des Hdpital de la Pitie)^ 

Mitoetheilt 

vonDr* Troschel tu Berlin aus der Gazette deSanti 

1826. No. 23. 



«»HecHt oft^ hat ein tirechinittel (bei einer Epi- 
demie mit dyaenceriscber piari-höe)^ auf der Stelle 
gereicht, oder vorbereitet* durch verdünnende Mit-' 
tel» oder mit nacbfolgendeni Gebrauche von Pur^ 

tanzen, oder auch ohne diete, einen vollständigiDn 
Erfolg eehabt: selbst der Durchfall ist dadurch un« 
(erdrückt worden. Wdnn die Aufregung vorherrschte« 
und vi^enn der Gastricismus nur falsch war^ und 
von der Aufregung abhing, so machte etne Behand- 
lung , welche gegen die letztere gerichtet wurde, 
auch jenen verschwinden. Aber in andern Fällen 
-wurde der gastrische Zustand hiedurch auch nicht 
gebessert; ja zuweilen trat beim Gebrauche der 
jintiphlo^istica der Durchfall hinzu» der früher nicht 
^a gewesen war. IVlan Konnte nun an das Vorhan« 
denseyn einer Gastro - enteritit glauben, und man 
beharrte bei den verdünnenden, schleimigei^ Mit- 
teln; aber es begab sich, dafs anstatt der erwarte« 
ten Besserung, langwierige Durchfalle eintraten, 
'Während bei Personen, wo man aich durch die 
Furcht vor der Reizung nicht von Purganzen ab- 
halten liefs, der bis dahin hartnäckige Durchfall 
beinahe auf der Stelle und zum Vortheil der Kran« 
Ken unterdrückt wurde. Bei andern brachte ein 
Brechmittel von Anfang an Alles in Ordnung. Wir 
beben uns auch von dem Nutzen der Tonica über- 
seugen können, wenn sie frühzeitiger angewendet 
-wurden^ als man esheutzuTagegutheifsen m<>chte.^' 



f 



-A 128 ~ 

' ■ '4. ■ .'■ 

Plötzlicher Todesfall. 

(Chronik des Höpitaux. — Hövital de la ChariJte)^ 

{Gazette de Sänte , 5 Jvril 1828.) 



Eine Frau, welche anter der Bebmndlung des 
llerrn Chomel alle Symptome einesMyphösen Fie* 
bers an sich getragen hatte, befand sich in völliger 
Genesune^; der Arzt hatte grofse Mübey ihren drin^ 
genden Bitten um^ gewisse Nahrungsmittel Wider* 
stand feu leisten: sie war frei von Fieber, und ihre 
Kräfte Kehrten sammt ihrer Munterkeit wieder, 
Kurs alles deutete auf eine nahe und gründliche 
Herstellung. Gahs plötzlich bricht sie eine Unter- 
haltung mit ihrer Nachbarin ab, macht eine Krampf* 
, hafte Bewegung mit einem dumpfen Klsgelante und 
aiirbt» Am andern Tage wurde die Besichtigung 
■vorgenommen^ man wandte auf dieselbe die gröfste 
Sorgfalt an , und ungeachtet der genauesten Unter- 
auchupg Konnte man nichts entcledken, welches die- 
sen plötzlichen untl widerwärtigen Todesfall erkläre 
häite« 

(Solche Fälle sind auch mir, in der Reeonvt- 
lescens von Nerveniieber, einigemal vorgekommen« 
Sie gehören zu der Klasse des Nervenschlagflusset 
{Jpoplexia nervosa), und' beweisen zugleich die 
Wahrheit einer Apoplexie, die ohne jSlutconge- 
•tioil und Extravasat, rein als Nervcnaffection» ent- 
•tehen kann. J7«) 



, Anzeige. 

^ Die Bibliothek -Hefte Octoher^ Nooeinher nn.d 
Deeember werden vereint, tlie ivissenschaftliche üe^ 
h^riicht der medizinisch -chirurgischen JLitteratur vong 
Jiüire \&27 enthaltend, nachgeliefert werden. — 
Aoch wird hierbei bemerkt, dafs diese Uebersicht 
unter keiner Bedingung besonders verkauft wird* 



•«• l / 



J o a r, n a 1 

der 

practischen Heilkunde. 

Herauagegeben 
von 

C. W. H n f e I a n d, 

K5iiigl. Prenrs. Staturath, Ritter ,dei rothen AÜM^ 

Ordern sweiter Kltsf e, erftemLeibArst, Prof. der M«« 

dicinanf der Universität eu Berlin, Mitglied dar Aiui- 

demie der Wiftentchaften eto. 

und 

E. 8 a n n, 

ordentlichem Frofet «pr der Medicin an der ünitrer- 
•it&t und deii Medicinisch - Chirurgischen Academi« 
für daa Militair su Berlin , und Mitglied mehrerar 

gelehrten Gesellichaftcn. 



OraUf Freund, ist alU Theoru, 
Doch gruri des Lehens goldner Baum^ 

Göthe, 

^ » , . _ 

V. Stück. November. 



Berlin 1829. 
Gedruckt und verlegt bei G. Reimer« 



I \ 



I. . 

Beta erku ng en 

über 

die Natur und die Behandlung ^ 

der 

Mania puerpe/alis, 

'' und ' 

den Gebrauch des Kamphors in der0elbeD9 

mit 

BeifSgaiig einiger Krankheitsgeschichten 

vom 

Prof. Dr. Berndt^ 

zu Greifs wald. 



vJfcgIeich die Mania puerperalis za denjenigen 
Krankheiten gehört, welche eben nicht gar 
selten vorkommen , so ist sie dennoch hisher 
nijght genügend beschrieben, ihr eigenth^ümli- 
ches Grund verhältnifs nicht gehörig ' ermittelt 
und die Grundsätze fiir ihre Heilung sind /licht 
bestimmt genug festgestellt worden: Ich habe 
öfter Gelegenheit gehabt dieselbe zu beobach- 
ten und gefunden, dafs die Erscheinungen, 
welche sie mit sich^ führte unter allen Um-* 
ständen eine eigenthümliche Richtung des Er- 
krankens bezeichnen, so dafs auf ein eigen- 

A 2 



— 4 — 

thümllcheft Orundverhältoirs, geschlossen wer- 
den mafs, .wodurch die Krankheit als '-eine 
besondere dargestellt wird. 

Ich hoffe diese Ansicht im Verfolg dieser 
Miltheilnng zu rechtfertigen, und will nur vor- 
läufig andeuten, dals ich bei allen zu meiner 
Beobachtung gekommenen Fällen (yon welchen 
ich leider nur die letztern im Auszüge mit* 
theilen kann) die excessiren geistigen Aufre- ^ 
gungen der Kranken, jedesmal auf ein Mitlei- 
den des ßexual-.System^^ schliefsen liefsen, 
und dafs ich bei der Berücksichtigung dessel- 
ben eine schnelle und glückliche Heilung er- 
zielt habe. Der fruchtlose Erfolg meiner Be- 
handlung in früher beobachteten Fällen/ wo 
mir d^se durch Erfahrung gewonnene Ansicht 
nicht zum Leitstern bei der Behandlung diente, 
giebt mir den Glauben, dafs meine Mitthei- 
lung Tielen Aerzten willkommen se)rn dürfte. 

Erste Krankheitsgeschichte, 

Frau K..., 32 Jahr alt, von starken fast 
männlichen Körperbau^ hatte die beste Ge- 
sundheit genossen , war aus einer Familie , in 
welcher Geisteskrankheiten nicht gekannt sind, 
hatte bereits fünf Kinder geboren , utid auch 
die Geburt des sechsten Kindes aufserordent- 
lich leicht und glücklich überstanden. Die er- 
sten Tage ihres Wochenbettes gingen ohne 
eile KränkUcbkeit vorüber, selbst das Milch- 
fiebef fehlte, die Milch- Secretion und die YTo- 
chenreinigung waren in der besten Ordnung, 
und ^as Befinden so gut, dafs sie am sechsten 
Tage «ach der Entbindung nicht mehr im 
Bette bleiben wollte. Auch am siebenten und 
achten Te^e war das Befinden noch gut, die 



— 5 — 

W^bnerin war Vor- und Nachmittag mel^^ 
rere Stunden auTserbalb des Bettes. Ani 9teii 
Tage war sie der Einwirkung eines heftigen ' 
GemSthsalFects ausgesetäst, es zeigten sich bald 
geliiide Fiebererscheinungen , did Nacht Ter- 
jgiiig schlaffos und am Morgen des lOten Ta- 
ges fand ich eine geistige Aufregung , die Be- 
sorgnifs einflöfste. Dieselbe sprach sich be- 
sonders au8| in einer Heftigkeit mit welcher 
sie sprach und mit welcher sie ihre Forde- 
rungen an ihre Umgebungen machte; in einer 
angewöhnlichen Regsamkeit ihrer VorStellünÄ 
gen-y ohne dafs gerade eine Verwirrung devr 
selben Statt fand. Dabei war der Puls etwas 
tinterdriickt, sehr mäfsig frequent^ und die 
Milchabsonderung so wie der Wochenflufs. voll- 
ständig in Ordnung, Stnhlgang war seit JSwei 
Tagen- nicht gewesen« Ich verordnete eine. 
Mohnsaamen- Emulsion mit eiYr^% KaU suiphu'" 
riciim und Aqua Lauro - cerasi ^ liefs auch ein 
KIjstier setzen. 

Die Nacht verging wieder ohne Schlaf, es 
zeigten sich während derselben öftere Aus- 
brüche von Zorn , gegen die Wärterin ; Stuhlr , 
ausleerung war bald nach dem Klystier er- 
folgt. 

Am Blorgen des eilften Tages eeigte sich 
bereits eine Verwirrung der Vorstellungen, 
jene schon angeführte Heftigkeit in ihren Aeu- 
fserungen und Geberden hatte sehr zugenom- 
men. Die Kranke hatte etwas wildes und 
verstörtes in ihrem Blick, sprang wiederho- 
lentlich aus ihrem Bette, stellte sich ans Fen- 
ster^ spbimpfte ungewöhnlich laut und be- 
diente sich der pöbelhaftesten Ausdrücke. Das 
Gesicht war eben nicht geröthet^ aber die Ge- 



— « — 

sidUssSge Tentellt* Dabei fand ich den Eals 
nicht fieberhaft, die Temperatur des Korpers 

^ nicht besonders abweichend ^^ die Milchabson- 
derung -und Wochenreinigung nocfh im toU- 
ständigen Qaiige; letzter^ freilich schon sehr 
geringe f wie dies aber in dieser Zeit nach d^ 
Entbindung ja schon häuGg der Fall ist. Ifi 
Verlauf dieses Tages gebehrdete sich die Kran« 
ke immer rücksichtsloser» und als ich sie am 
Abend besuchte, yerläugnete sie bereits alle 
Schaam, sie entblofste sich, sprach yiel Ton 
Liebes^ngelegenheiten , ja . sie redete in den 
gemeinsten Ausdrücken und mit der grofsten 
He^igkeit, Ton der Befriedigung ihrer WoU 
lust. Darauf spie sie wieder um sich, zerrifs 
die Bettdecke, kratzte* und schlug mit den 
Händen an der Wand, und so fuhr sie unter 
Schreien und Toben die Nacht fort. Ich hatte 
bereits am Tage 15 Blutfgel an den Kopf 
setien und kalte Umschläge machen lassen, 
hatte eine^Mixtur aus Magnesia sulphurica upd 
^qua Ztauro-cerasif und an die Waden Senf-« 

' pflaster verordnet, ohne dadurch den gering- 
sten Nutzen zu stiften. Im 66gentheil,~^'die 
Krankheit stieg von Stunde zu Stünde. Ein 
zweiter Arzt wurde ^m darauf folgenden Ittor- 

ä^n hinzugezogen, und wir kamen überein, 
en Tartarus stibiatus in gröfseren Gaben zu 
reichen, es ward auch eine neue 'Blutentlee« 
' rung Vera ns teilet, wieder ein Kljstier gesetzt, 
da der Stuhl ganz fehlte, endlich wurden auch 
kalte Uebergiefsungen gemacht, und die kal- 
ten 1«[mschläge auf den abgescbornen Schädel 
ohne UnterlaCs fortgebraucht. Alles dies be- 
wirkte keine Besserung, die Kranke ward 
vielmehr immer wiithender, so dafs mehrere 
Wörter sie nicht bändigen konnten, und eine 



— 7 -*. - - 

Zwangsjacke lingelegt Tirerden mufstet daiiitl 
sie nicht alles zer9tore ond andere nicht Scha- 
den zafiige. 

Die Vorstellungen, welche von einer be* 
deutenden Aufregung der Ceschlechtslust aus- 
gingen ^ blieben vorherrschend , und es ging 
suletzt so weit, dafs die Kranke zur wahreok 
Bestialität herabgesunken , fast weiter nichts 
im Munde führte, als die gemeinsten Redens«« 
arten. Das Gesicht war dabei mehr bleich, 
inur Yon Zeit zu Zeit stellte sich eine schnell 
aufwalieDde Rothe der Wangen ein. Per Fuls 
war maTsig frequent, und wahrhaft krampf- 
haft unterdrückt, die Haut weder ganz trocken,, 
noch sehr heifs ^ der Speichel quoll als Scha^Hm 
ans dem Munde. Man gab Moschus, auch 
Opium in kleineren Gaben, ei.echien darauf 
auch einige Ruhe einzutreten, indessen im. 
Verlauf des folgenden Tages sanken die Kräfte 
sehr , zwar verbrachte sie noch etwa vier und 
zwanzig Stunden in einem verwirrten aber 
dennoch ruhigem Zustande, starb aber am 
vierzehnten Tage nach der Entbindung und am 
6teii nach dem Ausbruch der Krankheit. \ 

Zweite Krankheit^geschichte* 

9 

Frau G. ..., 26 Jahr alt, von kräftiger 
und vollsaftiger Constitution, brünett, ward 
znm ersten Mal von einem gesunden Knaben 
schnell und glücklich entbunden, nachdem auch 
ihre Schwangerschaft und ihre frühere Le- 
bensgaschichte ohne besondere Krankheitszu- 

* lalle vergangen war. Auch in ihrer Familie 
waren Geisteskrankheiten bisher nicht heob« 
achtet worden. Das Wochenbette zeigtd in 

. den ersten Tagen nichts Regelmdriges« Am 



^ 8 ^ 

t I 

Steil Tage Abeo^t «teilte- tich swar eiä müCit«« 
gea Milchfieber ein, aber dies vergiog ohne 
weitere Folgen , die Milchabsonderung und die 
Wochenreidigung blieben gut, und am 8ten 
Tage Yeiiiefs die Kranke das Bette» Am 9ten 
Tage blieb ihr Befinden gut, ohne dafs man 
eine besondere Ver/inlassung entdecken konnte, 
es trat aber in derlVacht vom lOten bis Uten 
Tage, bei der Krabken eine grpfse Unruhe 
ein. Am Morgen sprach sie bereits verwirrt, 
war in allen ihren Aeufserungen und Geber- 
den sehr heftig, ihr Auge schweifte wild um* 
her, eigentliche Tobsucht aber war noch nicht 
eingetreten. Im Verlauf des Tages steigerte 
eich der Krankheitszustand aber sehr, so dafs 
wiederholentlich heftige Ausbrüche von Zorn 
eintraten, ucd Schimpfredeo zum Vorschein 
kamen 9 die bei dieser sonst so sanflen Frau, 
ganz ungewöhnlich waren. Ihr Kind mifs- 
handelte sie so, dafs es aus ihrem Angesicht 
entfernt werden mufste. Auch hier that sich 
ein Erethismus in der Geschlechtssphäre da- 
durch kund 9 dafs sie ihren Mann wiederho- 
' lentlich auf eine eigenthiimliche Weise um« 
klammerte, die sehnsuchtsvollsten Bücke anf 
ihn richtete 9 und endlich sogar aufforderte, 
bei ihr im Bette zu schlafen. Am darauf fol- 
genden Tage forderte man meinen ärztlichen 
BaUi« Ich fand die Kranke in einer grofsei| 
Aufregung in 'einem uoaufhÖrlichen Sprechen, 
mit. wild umherschweifenden Blick, verstör« 
tem Ansehen, rothem Gesicht, erfuhr sehr 
bald die pöbelhaftesten Insultailonen, und bald 
daranC sollte ich wieder ein früherer Gelieb- 
ter gewesen eejn, d,er sie verlassen hätte^ 
und gegen den si^ nun ihre ganze Wuth aus« 
zulassen V sich bestrebte. Ein Fieberzustand 



- 9 - 

war 'flicht YOthanden, der Pols vielincilir im* 
terdrückti tod seiner gewoholicheA Freqnens 
weni^ abweichend, die Temperatur der Haut 
Dicht krankhaft erhöht. Die MUchabsonde« 
rnng dauerte , wenn gleich nur in Einern ge-^ 
ringen Grade, fort, die Wochenreinigung war 
siemlich verschwunden , Stuhlgang fehlt« seit 
drei Tagen. Die Personen , welche die Kran- 
ke umgaben, hatten bemerkt^ dafs ein schnel- 
les Erröthen und plötzliches Erblassen d^s 6e- 
^ eichts häufig wechselten, äucfi erfahr ich, dafs 
die Kranke Ton Zeit zu Zeit auf wenige Au- 
genblicke in. einen sdieiobai^en Schlaf verfälf 
len^sey^ aus dem sie dann plötzlich und mit 
dem Ausbruch heftiger Reden erwacht war. 

Ich glaubte vor allen Dingen ^ den Uoter- 
leib' frei machen und den Säfteandrang zum 
Kopf mindern zu müssen , liefs in dieser Ab- 
sicht 20 Blutegel setzen, kalte Umschläge ma- 
chen, und verQrdnete Maenesia sulphurka in 
einer Auflösung, liefs auch ein eröiFnendee 
Klystier setzen r Zugleich ward alles entfernt, 
was ihre Aufregung vermehren konnte. Am 
andern Tage fand ich, dafs die Arznei nicht 
gebraucht worden war, weil sie zum Einneh- 
men durchaus nicht bewogen werden konnte* 
Uebrigens war der Zustand ganz der des vo- 
rigen Tages, nur der Blutandrang zum Kopfe 
wair weit geringer. Eine antiphlogistische und 
antagonistische Behandlungsweise, die ich in 
ahnlichen Fällen öfter angewendet hatte, wollte 
ich um so weniger einschlagen, als sie mir 
niemals Nutzen gebracht hatten. Eine Beru- 
higung durch narcotische Mittel scheute ich 
- wegen der Unsicherheit des Erfolges, auch 
hatte ich wenig Vertrauen zu ihrer Nützlich« 



— 10 — 

keit, da si^ io früheren Fallen ebenfalls nichts 
geleistet hatten. Das eigenthStnIicbe Mitlei- 
dan der Geschlechtsspbäre , auf welches ich 
aus der krankhaften Aeufseru Dg der Geschlechts- 
lust und d^r durch das Wochenbett gesetzten 
Disposition schliefsen zu müssen glaubte, führ« 
ten mich zur Anwendung fies Gamphors» In- 
dessen durch den Mund war der Kranken 
nichts beizubringen, ich beschlofs daher, 10. 
Gran Camphor in Schleim zu losen und gut 
eingehüllt, als^Klystier zu geben. ^ Dies ward 
ausgeführt, und da es bald wieder abging, 
nach einigen Stunden mit derselben Gabe wie- 
derholt. Diesmal behielt, die Kranke das Kly- ' 
aller bei sich , und nach etwa 6 Sbunden trat 
eine auffallende Ruhe ein, so dafs von jener 
Zeit an , Arzneien durch den Mund gereicht 
werden konnten» Ich liefs alle 2 Stunden 4 
Gran Camphor nehmen, und vpn diesen Au- 
genblick schritt die Besserrung mit jeder Stunde 
sichtbar vor. Nach 24 Stunden fand ich die 
Kranke ganz ruhig mit vollem Bewufstseyn, 
und nur bei einem längere Zeit fortgesetzten 
Gespräch, verwirrte sie sich mit ihrem Vor* 
Stellungen noch etwas, jedoch so,^ dafs sid 
.sehr leicht wieder auf die richtige Bahn ge- 
bracht werden konnte. Auch dies verschwand 
schon am darauf folgenden Tage ganz, so dafs 
dieKranke als geheilt betrachletwi^rden konnte, 
' nachdem sie 20 Gran Camphor durch Klystiere 
-und 88 Gran innerlich genommen halte« Eine 
.mehrere Tage hindurch andaurende grofse Er- 
schöpfung., eine Eingenommenheit des Kopfes, 
lind leiqhte Anfalle von Schwiudel , waren die 
2uj:iick'gebliebenen Folgen, die aber auch sehr 
bald Vertilgt waren. 



— 11 — 

Dritte KrankengescMchte* 
X Frau D. •.., 23 Jahr alt, war von ihrem 
ersten Kipde leicht und glücklich entbuhdeOi 

' hatte früher stets eine gute Gesundheit genos- 
sen , und sowohl ihr Habitus als ihre gesammte 
Körper- Constitution bekundeten, dafs iif ih-« 
rem körperlichen Organisations - Zustande keine 
.Torherrschende Richtung zur Krankheitsbil« 
dung ausgesprochen sey. Auch im Wochen« 
bette blieb ihr Befinden in den ersten Tagen 
durchaus gut. Etwa am 6len Tage nach 4^r 
Entbindung klagte sie indessen über Schmer- 
zen in der linken Brust ^ in welcher die Heb-, 
amme einen schmerzhaften Knoten gefühlt ha- 
ben wollte. Am darauf folgenden Tage hatte 
die ^Wöchnerin über eine allgemeine Un^ehag- 
Uchkeit geklagt, die Umgebungen wollten auch 
#twas Hitze bemerkt haben« Die darauf fol* 
gendq Nacht verbrachte sie theils wachend, 

' theils unter sehr beängstigenden Traumen, und 
schon am Morgen bemerkten die Angehörigen 
verkehrte Reden, und ein ganz sonderbares 
Benehmen. Die sonst sehr sanftmüthige Frau 
war gegen ihre Gewohnheit heftig, scherzte 
mit ihrem Manne auf eine eigenthümliche leb- 
hafte Weise ^ welche mit ihrem sonstigen Be- 
finden in keinem Verhältnifs stand. Häufig 
sprang sie mit Hast aus ihrem Bette^ ging vor 
den Spiegel, ordnete ihren Kopfputz, schritt 
dann mit wohlgefälliger Miene ans Fenster, 
gleichsam um sich zu präsentiren. Vom Nach- 
mittage dieses Tages an verbat sie sich die 
Besuche ihres , schon etwas in den Jahren vor- 

. gerückten Mannes, und erklärte 9 dafs sie an- 
dere Liebhaber habe* Alles dies ging ohne 
grofses Toben und in einer höchst fröhlichen 
und heiteren Gemüthsstimmung ab* 



- 12 - 

, I 

Mao verlangte ^Jetzt meinen ärztlichen Raih«. 
Ich fand die Kranke bei meinem Besuch im 
Be4^e^ und mit eiper heitern Miene erklärte 
sie hei meinem Eintritt, wie sehr sie durch 
meinen Besuch erfreut sey, verlaiigte, daCs 
Hiir ein Stuhl so ans Bette gesetzt werde, dafs 
sie mich recht genau ansehen könne.. Wie- 

, derholentlich xlriickte sie meine Hand mit H^f* 
tigkeit, vergafs sogar zuletzt die Rücksichten,' 
wel.che die Anständigkeit und die werbliche 
Schaam gebieten, indem sie sich entblöfste, 
und zuletzt eine Yollständige Liebeserklarong 
machte. Um dieser Aufregpng ein Ziel zu 

" setzen , beeilte ich mich , nach vorgenomme- 
msr weiteren Untersuchung; die Kranke mög- 
lichst bald ZM verlassen. Bei dieser Untersu- 
chung fand ich ihr Gesicht ipait einem Aus- 
druck der Zufriedenheit bezeichnet, in ihrem 
Blicke ein sehnsiicihtiges Verlangen ausdrückend, 
ihre Geberden und ihr Gespräch hastig, letz- 
teres aber bei weitem nicht so heftig ünji sa 
verworren, wie ich dies wiederholentlich bei 
andern Kranken dieser Art beobachtet hatte« 
Ein bedeutender Säfteandrnng zum Kopf war 
oiht bemerkbar, den . Tüls fand ich unter« 
druckt und etwai frequent, die Temperatur 
der Haut nicht krankhaft erhöht« Die Wo- 

^ chenreinigung dauerte in einem geringen Gra- 
de fort, die Brüste sonderten reichlich Milch 
ah| jedoch bemerkte ich in der linken Brust 
teinen harten Knoten, etwa von der Gröfse 

'eines Hühnereies f den die Kranke aber nicht 
für schmerzhaft ausgab/ Dagegen beschwerte 
sie si<^h sehr über einen Schmerz , den sie in 

' der Gegend des Kreuzbeins empfinde, und die * 
Untersuchung- ergab, dafs sich hier ein grofsee 
Blutgeschwur bildete. Die Stnhlausleeraogeii 



- i3 «. 

I 

fehlten seit zwei Tagen >, waren auch zu jener 
Zeit nur durch ein Klystier heip vorgebracht 
worden, lieber .die Gelegenheiisursachen, weU 
che \die Bildung dieses KrankbeitszustaDdes 
Teranlalst h^iien , koiiote ich nichts bestimm« 
tes ermitteln, nur so viel stand fest, dafs zu- 
erst ein schmerzhafter Knoten in der linken 
Brust, und darauf ein allgemeines U/ebelbefin- 
den eingetreten war 9 an welches sich das jet^t 
bestehende Leiden knüpfte. Ich glaubt^ diese 
Heizung der Brüst als Ursache für ^dip Aufre* 
|:ung des gesammten Sexual - Systems , und 
diese wieder als die Ursache, der Geistesstö- 
rung ansprechen zu müssen^ und baute auf 
diese Ansicht meinen Kurplan. Es wurden 
sechs Blutegel an die kranke Brust gelegt, 
Einreibungen yom Unguento hydrargyri ein. 
gemacbt, ein eröiTa en des Klystier gesetzt, und 
zum Innern Gebrauch alle 2 Stunden 1 Gran 
Calomel mit einem Gran Camphor Verordnet. 
Dies Verfahren bewirkte zwar so viel, dafs 
die Kranke im Verlauf von 24 Stunden viel 
ruhiger geworden, und mehr zum klaren Be- 
wufi^lseyn gekommen , auch einige Stunden ^ 
hindurch ein ziemlich ruhiger Schlaf eingetre- 
ten war, es traten aber von Zeit zu Zeit im- 
mer noch Rückfälle ihres vorigen Zustandes 
ein, auch hatte die Harte des Knotens nicht 
abgenommen. Die Kranke empfand auch jetzt 
Schmerzen in demselben. Eben so schmerz- 
haftwar auch der Blutschwären auf der hinteren 
Fläche des Kreuzbeines. Ich glaubte jetzt -vor- 
züglich darauf wirken zu müssen , sowohl den 
schmerzhaften Knoten in der Brust, als auch 
den Blutschwären möglichst bald in Eiterung zu 
bringen, mit dem letztern gelang dies auch 
bald, der Knoten in der Brust wair aber erst 



,— 14 ~ 

' nach SBthi. Tagen so erweicht, dafs durch ei- 
nen Lanzettensticl^ der Eiter ausgeleert wer-» 
den konnte*' Mit der Erweichung dieses KnQ- 
tens und ' beim innerlichen Gebrauch einer 
Emulsion aus Kali nitricum mit Kamphor, bes- 
serte sich der Zustand' der Kranken zugleich 
immer mehr, und mit der Ausleerung des 
Eiters war auch ihre YoIIkommene Wieder-' 
hersteUung gegeben. * 

I 

Flerte Krankhdtsgeschkhte.' 

Frau G. ..♦, 3t Jahr alt, brünett, in ge- 
sunden Tagen durch Lebhaitigkeit^. ihres Gei- 
stes und Leidenschaf tiicbkeit ausgezeichnet, 
hatte bis zur Geburt ihres zweiten Kindes 
stets eine gute Gesundheit genossen , und ihr 
starker Korperbau liefs eben so wenig auf 
crine widernatürliche Krankheitsänlage schlie« 
heof als solche in Beziehung auf Geistes- 

' krankheiten, in ihrer Familie begründidt, ge- 
funden werden konnte. Die Geburt selbst war 
ganz normal ror sich gegangen , und eben .so 
wenig war das Wochenbette durch ungewöhn- 
liche Erscheinungen ausgezeichnet gewesei^ das 
Befinden der Wöchnerin gestaltete sich Tiel- 

' mehr so gut^ dafs sie bereits am 7ten Tage 
das Bette verlassen und kleine Verrichtungen 
.in der Stube vorgenommen hatte. Er^t am 

. Uten Tage nach der Entbindung zeigten sich 
die' ersten Spuren des nachfolgend zu beschrei- 
benden Krankheitszustandes ^ über dessen 6e- 
legenheitsnrsachen weiter nichts erforscht wer- 
den konnte, als dafs ein Yerdrufs mit dem* 
Mädchen , welche die Pflege der Wöchnerin 
hf^sörgen sollte, ud4 die Abwesenheit ihres^ 
Mannes I welcher seinem Dienste folgend fast 



— 1* — 



täglich auf ReiseiKsejo mufste, ihre Uncufrie« 
denheit erregt hatten« Wie die Krankheit 
sich yon jener Zeit an bis zu^ meinem ersten 
Besuch, der erst sieben Tage später erfolgte^ 
Terhalten habe, darüber habe ich nur etwas 
Allgemeines erfahren können', was sich dar- 
auf beso^ , dafs schon am cwaiten Tage eine 
Tollstandige , mit dem heftigsten Toben ye|> 
bundene Geistesverwirrung eingetreten sey, wel- 
che ohne Unterlafs angedauert habe, und nur 
durch kurze Zeiträume eines höchst unruhigen 
Schlafes unterbrochen worden sey. Man hatte 
sofort ^inen Arzt herbeigerufen , der aber nichts 
Ernstliches geg^n- die Krankheit unternahm, 
sich damit begnügte einige Pulver zu ver- ' 
Mireiben, welche die Kranke aber nicht neh- 
men, wollte, und die Mein png ausspracht man 
mSsse sie austoben lassen. Die sichtbare Zu- 
nahme der Tobsucht veraolafste den Mann 
meinen Rath zu suchen. Ich fand die Kranke 
bei meinem ersten Besuch mit einem roth- 
glühenden Gesichte, und wild umherschwei- 
fenden Terstohrtem Blick , ganz verstellten Ge- 
aichtszügen» in einem Toben und Lärmeq, 
was schon auf der Strafse wahrgenommen wer- 
den konnte. Die Haare.hingen um den Kopf, 
bei dem fortlaufenden Strohm der heftigsten 
und gemeinsten Reden, lag der Speichel wie 
Schaum vor dem Munde. Ihre Hände hatte 
sie bereits an der Wand wund geschlagen, 
tiefe Löcher waren iir diese gekratzt, ihre 
Geberden bezeichneten den Ausdruck der höch- 
sten Wuth, und waren von einer solchen 
Heftigkeit, dafs mehrere Personen es nicht 
vermochten , sie zu bändigen , sie schlug, 
kratzte und bifs um sieb her, bespie diejeni- 
gen I welche sich ihr näherten« Der Austouch; ^ 



— 16 — 

ihrer Tobsacht war zwar vorzüglich durch das 
Ausscbreien der gemeinsten Scbimpfworte be- 
xeichoet, dennoclr knüpften sich diese wieder 
an Vorstellungen, welche durch einen Ere^ 
tbismus in der Sexualsphäre angeregt seyn 
tnufsteutf Immer mischte sich hinein , die Ge- 
schichte eines Liebhabers, der sie yeriassea 
habe) und den sie nun züchtigen wolle. Wie" 
derholentlich fragte sie die anwesenden Man* 
ner, ob sie von ihnen geliebt würde , dann 
umklammerte sie ihren Mann wieder mit Hef- 
tigkeit, entblöfste ihre Schaamtheile, zerrifs 
die Kleidungsstücke, welche sie auf dem Lei- 
be trug. Bei alle diesem war die Temperatur 
ihres Körpers nicht erhöht, der Puls aber 
krampfhaft zusammengezogen, Stuhlgang an 
demselben Morgen durch ein Klystier bezweckt. 
Das Essen verschlang sie mit Begierde, auch 
forderte sie häufig zu trinken. 

lehr glaubte unter diesen Umständen in 
der psychischen Individualität des Individuums, 
den Grund für die eigenthümHche Riclitung 
finden zu Haussen , welche die Tobsucht' hier 
genommen hatte und sah in der Anlage, welehe 
die Xxeburt und das Wochenbette bedingten, 
die Hauptbedingung für die Entbildung eines. 
Nerven -Erethismus, der auch hier vorzüglich 
iti der Gelschlechtssphäre ausgesprochen zq sejn 
schien, und mit welchem die Geisteszerrat-' 
tung in der innigsten Beziehung stehen könn« 
te. Ich erkannte zugleich in der Constitation 
utad dem sichtbaren Säfteandrange zum Kopf, 
die Möglichkeit einer gleichzeitig einwirken« 
den Alutreizung auf das Gehirn, und ordnete 
diescfn Ansichten entsprechend den Karplan. 
Dorch den Unnd waren keine Arzneien bei«- 

xn- 



— 17 — 

CQ 4>Tingen, denn die Kranke spie alles wie- 
der aus, darum liefs ich sofort 10 Gran-Gam- 
phor mit Mudlag^ Gurhm, mimos, losen ond 
als Klyslier beibringen. Ich liefs ferner 20 
Blntegel an den Kopf setzen » und damit die . 
Kranke gebändigt werde , auch gegen Beschä- 
idiguDgen geschützt sey, die Zwangsjacke an- 
lagen. Zugleich wurden die Fenster yerdun- 
kelty und alle überflüssige Personen entfernt» 
Dieia Anordnungen wurden gegen AlSend ge- 
troffen , die Nacht erfolgte ein Schlaf von meh- 
reren 'Stunden, aus welchem die Kranke aber 
unter' dem. heftigsten Toben erwachtet Am 
morgen liefs ich nochmals 10 Gran Campl^or 
in Schleim gelöset als Klystier geben , und da 
dasselbe bald wieder abging, des Nachknitlags 
dasselbe wiederholen , g^gen Abend auch Blut- 
egel an die innere Seite der Schenkel nahe 
an den Schaamtheilen setzen ,' kalte Umschlag 

Se auf den Schädel litt die Kranke nicht, 
urch den Blund wollte sie auch an diesem 
Tage keine Arzneien nehmen ; jedoch gelang 
es gegen Abend, ihr eine Dosis von 3 Graa 
Camphor beizubringen, Dies ward im Ve|r- 
lauf der Nacht, die 'sie schlaflos verbrachtei 
alle Stunden wiederholt, und der Erfolg die- 
ses Verfahrens war so günstig, dafs bereits 
am Morgen die Tobsucht geschwunden war. 
Ich fand die Kranke am Nachmittag nachdem 
sie 60 Gran Camphor durch Clystiere, und 80 , 
Gran innerlich genommen hatte, mit ziemlich 
yollständigem Bewufstseyn. Sie klagte, dafs 
sich ihre Gedanken verwirrten, auch erinnerte 
üe sich^ gegen mich sehr heftig gewesen zu 
seyn , bat deshalb um Verzeihung, vorzüglich 
beschwerte sie sich aber über eine von Zeit 
zu Zeit wiederkehrende Angst, welche ihr 
Journ.LXVJI.B.5,St. B 



— 18 — . 

da5 BewafatseyD zu rauben drohet und der 
1 810 nicht widerstehen könne. Der Puls war 
noch immer unterdrückt, die Haut zwar feucht, 
aber Schweifs war nicht eingetreten, jStuhl- 
/gang war von selbst erfolgt, die Milchabson- 
derung ^ar geringe , die Wochenreinigung auf 
eine geringe SchleimaBsonderung beschränkt, 
wie dies in diesem Zeiträume nach der 6e-. 
butt ganz gewohnlich zu seyu pflegt, 'Unter 
diesen Umständen liefs ich noch alle 2 Stun- 
den 2 Gran *Camphor nehmen, es folgte dar- 
auf ein die ganze Nacht andaurender ruhiger 
und erquickender Schlaf und ein sehr reich- 
licher Schweifs, welcher ouch den ganzen fol- 
genden Tag anhielt, und' mit welchem Jene 
frühere Angst ganz nachliefs, auch jede Spur 
der Geisteszerrütlung so vollkommen ver- 
schwand, dafs die Heilung erzielt war. 

Diese kurzen Auszüge mitgethei her Krank- 
heitsgeschichten mögen dazu dienen, meine 
weitere Ansicht über die Natur, die Entbil- 
dung und Heilung dieses Krankheitszuslandes 
£U begründen.' Ich hätte, die Zahl derselben 
Tennehren können , indessen liegen mir die vor 
längerßr Zeit behandelten Fälle zu fern, auch 
habe rch , über dieselben nichts Genügendes 
niedergeschriebea , nur so viel darf ich Ver- 
eichern, dafs stets ähnliche Erscheinungen vor- 
handen waren. - >^ 

Die Folgerungent welche ich aus der Deu- 
tung der vochanaenen Krankheitserscheinun- 
gen, der durch die Schwangerschaft. und das 
Wochenbett begründeten Anlage, und selbst 
lii^s dem Erfolg des eingeschlagenen Kurver- 
fahrens ' zu ziehen 9 mich für berechtigt halte, 
sind : 






— 19 - 

1. Die Mama puerperali/t ist mit ihrer, Ent- 
bildang an eioeo Krankhaften Erethismus dc^ 
Steaal- Systems vr^sentlich geknüpft. 

In allen von mir beobachteten Krankheits- 
ISUeto drängten sich Vorstellungen, welche auf 
eine. Aufregung des Geschlechtstriebes schlie- 
den liefsen , mit ein , ja bei einzelnen stieg 
dies bis zur wirklichen Nymphomanie^ bei an- 
dern zeigte es sich zwar mehr yersteekter> 
aber wo die Geisteszerriittung einen solchen 
Grad erreichte, dafs das Bdwufstseyn der ei- 
genen FersBnlichkeit gleicfasaii^ verloschen war, 
da trat auch jener Einüufs des Sexualsjstems 
auf die Vermittelung der VQrstelJungen, um 
so 'greller hervor. Es gehört zu jeder Vorr 
Stellung überhaupt eine Wechselwirkung zwi- 
schen Seele und Korper > oh,ne diese körper- 
liehe Beiwirkung ist der Mensch sich seiner 
Vorstellung nicht bewufst. Man kann dieselbe - 
die organische Begleitung nennen, und je mehr 
diese einen überwiegenden Einflufs gewinnt, 
je mehr bestimmt sie die Art und den Cha- 
rakter der Vorstellungen. Nur mufs das ge« 
sammle Nervensystem , als das Vermittelnde 
für diese organische Grundursache der Vor- 
stellungen betrachtet werden, und der orga-* 
nisch veränderte Zustand desselben wird noth*- 
wendig auf die Vorstellungen seihst einen be« 
stimmenden Einflufs haben* 

Dieser veränderte organisch -dynamische 
Znstand im Nervensystem ist hier aber in ei- 
ner , besonderen Anlage begründet, welche die 
Schwangerschaft, die Geburt und das Wo- 
chenbette bedingen. Der gesteigerte organi- 
sche Bildungsvorgang, erweckt unter allen Ufn«* 
ständen einen gesteigerten Erethismus des Ner- , 

B 2 



— '2fr — 

TensTSteihs; so finden wir es in der frii6^ten 
Kindheit bei dem Zahnungsprozesse , später 
be/i der fieschlechtsentwickeiung^ und endliq^i 
auch während der Schwangerschaft, die man- 
nichfaltigslen Krankheitszufälle, welche in die- 
sen Zeitperioden vorkommen , bestätigen diese 
Behauptung als eine Erfahrungstbatsache» 

Diese in einem gesteigerten Nerven -Ere- 
thismus begründete Anlage strebt aber beson- 
ders nach jenen Organen , welclie' vorzüglich 
in der Entwickelung begriffen sind, und wäh- 
rend der Schwangerschaft daher vorzüglich 
auf das gesammte Sexualsystem. Sie hört 
aber auch mit der Schwangerschaft nicht anf^ 
sondern wird vielmehr durch den Geburtsakt 
gesteigert, aber auch zugleich wieder Vorzugs* 
weise y in der Sphäre der Geschlechtsorgane« 

Mit dieser allgemein gesteigerten, vorzüg- 
lich aber in der Sphäre der Geschlechtsorgane 
ausgebildeten Nerven - Erethismus gebt die Frau 
nun in das Wochenbette, und die schädlichen 
Einflüsse, welche jetzt einwirken , werden um 
-Ao leichter die, durch diese Anlage bezeich- 
nete Richtung der KrankheitsbilduDg einschla- 
gen* Besondere Subjekts-Eigenthümlicbkeiten 
und besondere Gelegenheitsursachen, werden 
äies freilich auf eine hervorspringende Weise 
'befordern. Unter allen Ursachen scheinen Ge- 
muthsaffecte und Krankheitsreize, welche i^n- 
mittelbar in die Geschlechtssphäre wirken, am 
häufigsten die Krankheit zu veranlassen , und 
ein cholerisches Temperament dies besonders 
211 begünstigen. 

Die GemüthsafFecte rufen eine grofsere 
R^saipkeit der Vorstellungen hervor^ die zu^ 



- 21 -' 

gleich wieder auf die körperliche, organische 
Vermittelung zurückwirken und auf solche 
Weise, das ^..^nze Nervensystem mehr oder we- 
nigef erschüttern, und in seinem Yitalitäts- 
zustande schwankend machen. Bei der Yor- 
berrschenden Erregbarkeit des SexualsjstemSi 
wird sich diese aber mit einem vorherrschen- 
den Einflufs aufsern, und mitteist der zu den 
Vorstellungen nolh weodigen organischen Grund- 
bedingung, sich zu einein überwiegenden Ein* 
flufs auf die Vorstellungen selbst erheben, und 
wesentlich die Richtung derselben bestimmen 
können. Auf solche Weise scheint es erklär- 
lich, dafs diese vorspringende Sensibilitätsäa- 
fserung in der Sphäre des Sexualsystems, auf 
welche theils aus den Krank beitsisrscheinun« 
gen f theils aus der Anlage, endlich auch aus 
dem Erfolg des Heilverfahrens geschlossen wer- 
den kann, das Causal- Moment für die Ent^ 
Wickelung und Unterhaltung der Mania puer^ 
peralis werden kann» Dafs übrigens in der 
Darstellung der Krankheitsform, m^nnichfal- 
tige Modißcationen vorkommen müssen, nach 
der besondern körperlichen und psychischen 
Individualität des Subjekts, nach der beson« 
dern Art der eiuwirkenden schädlichen 6e- 
mülhsalfecte, und nach der Gradausbildung, 
wird leicht erachtet werden können. 

Jener erzählte Krankheitsfall, in welchem 
ein entzündeter Drüsenknoten in der Brust, 
als Ursache der Krankheitsentbildung angespro* 
chen werden mufsley zeigt es recht deutlich, wie 
diese unmittelbar von dem Einflufs des SexuaU 
syslems ausgehend hervorgerufen werden kann. 
Ein Gleiches wird übrigens durch viele andere 
Ursachen hervor^^ebracht werden können. Eben- 



— 22 — 

I 

fto giawifs werden manoichfallige Nebeniim« 
Blande in ^ie KrankheiUbildnng yerknupft 
werden kSnnen , welche zu ihr-r dlnfach^n 
Wesenheit nicht gehören. ^Vorzügliche Auf- 
merksiamkeit erfordert in dieser Beziehung der 
Zustand des filutgefafssystemSf rücksichtlich 
der Beiwirkung, einer Btutreizuog, welche 
durch einen unausbleiblichen Säftelurgor cum 
Kopfe, gleichzeitig mitgegeben seyn lano. 
Eben so sehr ist der Zustand des Untelrleibea 
zu beachten, Stockungen und verhaltene Darm- 
unreinigkeiten werden wenigstens auf die Vetr- 
echlimnierung des Krankheitszustandes wirken 
können. 

2. Die Mama puerperaUs ist keind EntzHa- 
dungskranl^heit, sondern nur secundär und su- 
fällig, können sich entzündliche Reizungen 
des Gehirns mit einmischen. Man mufs sie 
daher wohl unterscheiden^ von einer Encepha,- 
litis , welche als besonder^ Form des Puerpe- 
ralfiebers hin und wieder die Wöchnerinnen 
befällt. Der plötzliche Auftritt, die Abwesen- 
heit der Fieberersch^inungen , die yorhande», 
neu, ein Leiden des. Nervensystems bezeich- 
nenden Symptome , sichern die Diagnose. Ue- 
brigens habe ich den Nachtheil einer reinen 
und streng ausgeführten antiphlogistischen Be- 
handlungsweise in der Erfahrung kennen' ge- 
lernt« 

3» Die Mania puerperäUs wird am sicher- 
sten durch die Anwendung des Campbors» tind 
JEwar nach Verhällnils des Krankheitszustan* 
des, durch gröfsere Gaben desselben, geheilt. 
Es versteht sich übrigens, dafs hierbei auf die 
gleichzieitig vorhandenen Nebenumstände Rück- 
sicht genommen werden mufs. 



— 23 — 

Bei der befiigen" geistigen Aufregung ist 
ein vermehrter Säfteandrans nach dem Kopf 
übaosbleiblicfi t und ich habe es stets gerathen 
gefunden, eine der Constitution des Indivi«^ 
'duuTds entsprechende Anzahl voh Blutegel an 
den jS.opf setzen zu lassen. Ja bei kräftigen 
Individuen sind auch an die innere Seite ^er 
Schenkel, nahe, an den Genitalien Blutegel zu 
setzen. Von kallea* Umschlägen , welche bei 
der Unruhe der Kranken höchst schwierig an- 
zuwenden sind, und von kalten Uebergiefsun- 
gen habe ich keinen besondern Nutzen gese« 
lien. Eben so wenig haben sich mir die nar- 
cotischen Mittel, namentlich Opium ^ jfquä 
IjaurO' cerasi und tlyoscyamus besonders AÜtz« 
lieh bewiesen. Ob es gerathen seyn dürfte, 
Einspritzungen von Abkochungen narkotischer 
Kräuter in die Scheide zu machen , habe ich 
durch Erfahrung bis jetzt nicht kennen gelernt. 
Von Hautreizen habe ich auch keinen in die 
Augen springenden Nutzen gesehen ^ dagegen 
schien die Beförderung der Stuhlausleerungen 
mildernd zu wirken, ohne jedoch eiben ent- 
scheidenden Eiuflufs auf die Rückbildung der 
Krankheit zu äufsern. Schnelle Hülfe habe ich 
stets da gesehen , wo ich zur Anwendung gro* 
fser Gaben des Campbors schritt. Dies Ver- 
fahren ist auch bereits von früheren Aerzten 
befolgt , aber in neuerer Zeit , für Anfänger 
in der ärztlichen Praxis nicht genug hervorge- 
hoben Werdens Die drei letzten Krankheits- 
geschichten geben den Beweis für die gute 
Wirkung dieses Mittels, selbst wenn es nicht 
durch den Mund^ sondern nur durch Klystiere 
angewendet werden kann. 

Die elg^nthümliche, die Sensibllitätsstei« 
geruDg in der Geschlechtssphäre 



— ' 24 -. 

I 

Wirkung, des Campliors, welche von ^eren 
Aerzteo berctiU erkannt wördep ist, scheint 
den hiilfreichen Erfolg seiner Anwendung su 
begriinden. 



Am Schlüsse dieser Mittheilung erläabe 
ich mir noch einige Bemerkungen über den 
grofsen Nutzen des Opiums in der Mama a 
potu niederzuschreiben. 

Unter den neuern hat jirmstong in. seinen 
Pratical ülustrations of Typhus and othßr febrite 
Diseases j diesen, bei uns eben nicht sehr häu- 
fig Torkommenden Krankheit8zustand, den man 
yoxa IDelirium tremens wohl zu unterscheiden 
hat, am besten geschildert, indem er die Be^ 
trachtqngen über dieselbe, jenen über Apo- 
plestie anreihet. Mir sind in der Zeit meiper 
ärztlichen Praxis einige Fälle dieser Art Tor- 
gekommen, und der letzte betraf sogar eine 
Frao , die seit langen Jahren jals Schenkwir-. 
thin sich an den übermäfsigen Genufs d^s 
Branntweins gewöhnt hatte. Ich mufs auch 
bei diesen Krankheitsfällen von einer eingrei- 
fenden antiphlogistischen Beb an dl ungs weise 
warnen, selbst wenn bedeutender Bti^tandrang 
zum Kopfe vorhanden seyn sollte. Wenig- 
stens sind Aderlasse mit grofser Vorsicht za 
unternehmen. Blutegel werden dagegen öfter 
nöthig. Ich habe meine Kranken schnell ge- 
beilt f indem ich die Kur mit Abfiibrungsmit- 
teln und nölhigenfalls auch mit einem Brech- 
mittel begann , kalte Uebergiefsungen anwen- 
dete, und innerlich von Zeit zu Zeit eine Gabe 
Opium reichte. Selbst die Spirlluosa dürfen 
nicht ganz entzogen werden. Unter dieser Be- 



\ 



— 25 — 

baDdlang trat in der Regel sclion nach den 
ersten vier* und zwanzig Stunden Ruhe ein, 
und in i^^enigen Tagen war die Heilung gans 
vollbracht. Jene erwähnte Schenkwirthin war 
bereits vierzehn Tage als Maniaca von einem 
andern Arzte behandelt , als sie nach der An- 
wendung eines Abführungsmittels und den dar- 
auf folgenden Gebruch des Opiums, in weni- 
gen Tagen vollständig hergestellt ward, seit 
jener Zeit auch stets gesund geblieben ist. Bei 
der Mania a potu fehlt das eigenthiimliche Zit- 
tern, welches mit seltenen Ausnahmen beim 
Delirium tremens gefunden war. Die Geistes- 
verwirrung ist eine ganz andere* Während 
sie beim JDeUrium tremens gewohnlich an Sin- 
nestäuschungen und Sinneswahn geknüpft ist, 
verhält sie sich hier, wie bei einer wahren 
Manie* Der Habitus eines an Delirium, tremens 
leidendJE^n Menschen ist so eigenthümlich, dafo 
er sich ganz wesentlich von dem bei andern 
Geisteszerrüttungen unterscheidet. Hier' findet 
man den Habitus eines Maniacus, Zwar kön- 
nen auch beim Delirium tremens furiose Deli- 
rien vorkommen^ und die, Krankheit der Bla- 
nie in gewisser Rücksicht ähnlich machen^ 
dennoch fehlen die andern eigenthümlichea 
Symptome des Delirium tremens dabei nicht. 
Die Mania a potu macht auch eine Krank- 
heit, deren Daum sich auf Wochen und Mo- 
nate erstreckt, während ein Delirium tremens 
mit furi(5sen Delirien, immer einen acuten 
Verlauf macht. 



t 



— 26 — 






« 



IL 

Untersuchung 

eines 

See* (Schwefel-) Schlammbades* 

Vom 

CoIIegienrathe Dr, D. H. Grindel^ 

i n & i g a« 



i dieses . Schlammbad ist weder, mit aolckea 
Schlammbädern zu vergleichen, die bei Schwe- 
felbrunnen entstehn, z. B. wie bei Eilsen, noch 
mit Solchen an Salzseen u. dgl., sondern ea 
besteht aus einem schwarzen Schlamm^ der 
unter dem Seewasser sich bildet und an der 
Im/i schneil ausbkicht , sich dabei ganz in Gas 
auflöst^ und nur etwas Erde hinterläfst. Die 
nähere Beschreibung, so wie die chemische 
Untersuchang, wird es naher charaklerisiren; 
Es ^b^findet sich auf der Insel Oesdy 31 Werst 
Ton der Stadt Arensburg entfernt, bei dem 
GuteRolzeküll im Kielekondscben Kirchspiele. 
D^s Bad beündet sich in einer Buchte welche 
die Ostsee her deiin genannten Gute, bildet, 
die i^ Werst in's Land hineingeht, und fast 
eine Werst breit ist, geg^n das Ende der 
Bucht bildet sich unter dem ^ Seewasser der 
Schlamm i nach der Mündung derselben aber 



— 27 — 

ist überall klares Seewasser. Man sieht den 
Anfang des Schlammes durch die Schwärze 
des Bodens y wo das Seewasser nur 2 bis 4 
Fufs tief ist| an der Mündung aber über 16 
Fofs. An manchen Stellen sieht man keinen 
Schlamm y sondern den reinsten Kieselsand. 
Der^ Umfang der Badestelle ^ wo der Boden 
schwatz erscheint, ist etwa 100 Klafter, und 
gebt fast bis zur Mitte der Bucht. Untersucht 
man die Badestelle genauer, so findet man 
unter dem Seewasser einen schwarzen^ grob« 
pulverigen (dem vom Eisen beim Schmieden des<- 
selj>en abfallenden , Hammerschlage ähnliphen) 
Schlamm, der 1 bis 2 Fufs hoch liegt, und 
unter welchem sich der weifse KiAelsand vor- 
findet, der aber in Menge mit dem Schlamm 
vermengt ist. Der Kieselsand bedeckt hie 
und da auch den Schlamm. Ueberall an der 
Badestelle, wie auch an dem Ufer, ist der 
Geruch nach 'UjdrothioDgas stark zu bemer- 
ken, und wenn man die Hand eintaucht, so 
behalt man diesen Geruch stundenlang an der- 
selben. Wenn die See gefallen und es in der 
Gegend des Schlammes fast trocken geworden 
ist, so sieht man an mehreren Stellen den 
Schlamm aus Quellen hervortreten. (Dieselbe 
Entstehung werden wir weiter unten auch an 
den Ufdrn bemerken). — 

Die Ufer der Bucht sind überall flach, 
lehmig kieseh'g, selten finden sich kleine Stücke 
von Schwefelkies, hie und da bricht Kalk-: 
Stein, überall liegt .Gerolle von Granit, hie 
und da mit ocherarligem Ueberzuge, 'an man- 
chen Stellen so häufig, dafs der Boden wie 
gepflastert erscheint. Einige hundert Schritte 
von der Badestelle sieht man einen Fichtmi« 



— 28 - 

wald (im Allgemeinen ist auf der Insel Laub- 
liplz. und der Boden kalkig), jenseits nach dem 
Gute zu sind Grasplätze und Felder. Die Ufer 
sind mit kurzem Grase und grorstentbeils mit 
$cirpu8 cauupkosus bedeckt, hie und da sieht 
mau eine einzeln stehende Chironia ramosissi" 
ma^ uinthyUis vulneraria^ Galium verum ^ jirttr* 
misia absinthium. Alle diese Pflanzen sind so 
klein und verkrüppelt , dafs sie ganz fremd- 
artig erscheinen. . Wie gewöhnlich ist an den 
Ufern Fucus vesiculo$us angeschwemmt. IXestr 
kann ohnmöglich den Hauptstoß zum Schlamm 
gehen ^ da nirgends an dem Ostseestrande ein solch 
pulveriger , nach Hydrothiongas riechender Schlamm 
gebildet ist , sondern ein besonders fauliger Geruch 
aus dem vermodernden Fucus entsteht'^ doch die 
weitere Untersuchung wird diese Bemerkung 
überflülsig machen. Merkwürdig ist noch eine 
Pflanze, die sich ungemein häufig in dem 
Schlamm findet, es ist d-e Chara hispida^ wel- 
che beim Abspühlen frisch und grün erscheint, 
und fälschlich für Helmintochorton gehalten 
würde. Uebrigens ist der Boden nahe um 
der Bucht quelli^, hie und da sieht man be- 
sondere kleine Quellen zwischen Granitblok- 
ken, eine enthält gegen 20 Maafs Wasser. 
lo allen diesen Quellen bildet sich der Schlamm 
wie unter dem Seewasser, jedoch ohne Pflan- 
zen, der Schlamm ist blofs mit Kieselsand 
gemengt, und liegt auf blauem Lehm. Eins 
dieser Quellen , die grofste , ist etwa 200 
Schritte von der Badestelle entfernt, — sin 
^ird wie die übrigen bei hohei.n Seestan- 
de überschwemmt. Als ich sie schnell aus- 
echöpfen liefs und den stinkenden Schlamm 
^wegräumte, füllte sie sich wieder in 10 Mi- 
nuten , auch war eine nahmhafte Menge 



— 29 -- 

Schlamiri vrieder au&geireten. Dieser Versach 
ist niebrmals mit demselben Erfolge virieder- 
Iiolt worden. Das Wasser dieser kleinen Ufer^ 
quelle war weich , enthielt wenig salzige und^ 
erdige Theile, und hatte' fast zu allen Zeiten 
die Temperatur 'von -}" ^^ I^* > während die 
I^uftwärme yoa 15 bis 16^ wechselte, und die 
Temperatur des Seewassers zu Verschiedenen 
Tageszeiten abwechselte. Wo sich keine ab- 
gesonderten Quellep am Boden des Ufers bil- 
den /ist der Boden selbst q u eilig , entwickelt 
jenen Geruch , und zeigt hie und da beim 
Aufgraben den schwarzen Schlamm. EinBrun^ 
nen nahe dem Gute stufst auch oft d^n Ge- 
rbcb nach Hydrolhiongas aus, doch sehr schwach. 
Ganz in der Nähe- finden sich keine Moräste. 
Die Luft ist rein wie überhaupt am Seestran- 
de, und wird hier selbst bei Winden yom. 
Lande wenig verändert. 

Die Untersucliung begann am 2ten Juliue 
1824. Die Tage waren immer heiter, der 
Wind wechselnd von West zu Nordwest; die 
Wärme meistens zwischen 15 i^ud 18® B. 
Das Barometer stand ziemlich beständig auf 
28,2 bis 28,6. 

Wenn der Schlamm öfters mit Wasser 
ahgespiihlt worden vvar, so trennte sich von 
der Kieselerde und deu Filanzen ein schwar- 
zes flockiges Pulver, welches kam 5^0^*®^ ^®' 
Masse betrug, auf Papier an der Luft getrock- 
net bald weifs wurde, oder vielmehr ver- 
schwand , und nur einige Gran Kieselerde 
hinterliefs, von welcher noch durch wäfsrigen 
Spiritus etwas Exlractivstoff abgesondert wer- 
den konnte: liefs ich den Schlamm geradezu 
mit Alcohol digeriren, so entstand eine schön- 



\ \ 



— 30 ^ 

gruneAuflosiRig, aus welcher nur dorch Ab^ 
duo$ten etw^s Schleimig - Harziges erhalten 
werden konnte, Silber -Blei- Auflösung wur- 
den schwarz gefallt, wenn man sie mit ^em 
Schlamm Wasser verband, eben so lief Silber 
an, wenn man es in dem Schlamme tauchte. 
Der Schlamm mit SSuren übergössen gab den 
Hydrothion^asgeruch iiicht bedeutend stärker 
als ohne diefs. Nach den übrigen eazeigen- 
den Versuchen war auf Hydrothiongas, ILoh- 
lensäure, Kochsalz , salzsaure Kaikerde , salz«» 
sauren Talk, kohlensauren Kalk, und auf eine 
nabmhafte Menge. £isen zu schliefsen. 

Die bestimmenden Versuche waren fol- 
gelide : 

a) 4 Ffund des nassen Schlammes wor- 
den in gelinder Wärme in einer pneumati- 
schen Retorte behandelt, und das Gas untec 
Quecksilber aufgefangen y das Quecksilber 
schwärzte sich etwas, Hydrothiongas entwik- 
kelte sich noch zum Theil. Indessen wurde 
dieselbe Menge in einer Retorte erhitzt und 
das Gas unter heifsem Wasser aufgefangen. 
Das Gas in eine essigsaure Bleiauflösung ge- 
leitet y wurde nicht ganz absorbirt , und gab 
einen Niederschlag von Schwefelblei, welches 
nach geborigem Austrocknen , Abwägen und 
Berechnung auf 14 Cub, Z. Hydrothiongas 
schliefsen liefs. > 

b) Das von der BleiauHosung nicht auf- 
genommene Gas wurde io eine Auflösung von 
Ammonium und kohlensauren Kalk geleitet* 
Der Niederschlag von kohlensaurem Kalk liefs 
auf 5 Cub. Z. Kohlensäure schliefsen. 



r V 



— 31 — 

c) JVach fernem Versuchen über den Gas- 
gehalt kpnnte in der gegebenen Quantität 
Schlamm noch 0,7 Gub. Zoll atmosphärische 
Luft tfDgenommen werden. 

d) Um die festen Bestandtheile darzüthun^ 
wurden 4^ Pfund des feuchten Schlammes mit 
destilUrtem Wasser bis zur Erschöpfung des 
Aufloslichen extrahirt^ die erhaltene Flüssig- 
keit zar Trockenheit abgedunstet. Der grub- 
gelblich «graue pulverigB ^Rückstan^ wog 33 
Gran. 

e) Aus diesem Fulver nahm Alkohol nach 
wiederholtem Digeriren 7 Gran auf, das Ge- 
wicht de$ Unaufgelösten war nach dem Trock- 
nen 25 Gran. 

/) Die alcoholische Auflösung zur Trok- 
kenheit verdunstet, den Rückstand in Wasser 
aafgeiöst, ii;kit Schwefelsäure versetzt^ liefs 
beim Erwärmen die Eotwickelung von salz« 
•alzsaurem Gasa wahrnehmen > und beim Gr- 
kalten schwefelsauren Kalk fallen. Dleübmsr- 
stehende Flüssigkeit hatte einen bitterlichen 
Geschmack uifd zeigte nach Hinzusetzung von 
kohlensaurem Kali bei abermaliger Erwär- 
mung eine geringe Trübung. Hiernach waren 
aalzsaurer Kalk und salzsaure Talkerde er- 
kannt* 

^) Das vom Alkohol unaufgelöst geblie-k 
bene Pulver, welches 25 Gran betrug f wurde 
in Wasser aufgelöst , filtrirt und mit salpeter- 
sanrem Silber niedergeschlagen.' Der ausge-* 
waschene und getrocknete Niederschlag war 
salssaures Silber -und wog 41 Gran. Nach Be- 
rechnung wären also etwa 15 Gran salzsaures 
Natrum vorhanden gewesen. 



l 



— 32 — 



h) Was das Wasser nicht aufgelöst hatte, 
War kohlensaurer Kalk, welcher gegen 4 Gran 
hetrag, und etwa 3 Gran Gyps. 'Der ruck- 
' siickständige Schiainm {a) wurde mit Salz- 
säure au9gezogen, die Flüssigkeit mit Kali ge* 
sättigt und mit bernsteinsaurem Natrum ver«^ 
setzt*. Das erhaltene bernsleinsaure Eieren gab 
durch Glühen 42 Gran rothes Eisenoxyd, wo- 
nach etwa 29 Gran Eisen anzunehmen wäre. 
Vergleichende V'ersuche mit eisenhaltigem blau- 
sauren Kali führten zu einem ähnlichen Re- 

sultate. 

* 

i) Der übrige Rückstand des Schlammes 
bestaud aus Resten von den Se^pfianzen und 
aus Kieselerde. 

Sonach können die Bestandtheile des 
Schlammes in 4 Pfund angegeben werden, als: 

Hydrothiongas • • . . . • 14Cub. Z. 

Kohlensäure 5 

Atmosph. Luft 0,7 — — 

« Kohlensaurer Kalk •...'• 4 Gran« 

DIagnesia . • 1,3 — 

Schwefelsaurer Kalk . • . . 3 — 

Salzsaurer Kalk •••.'•• 8 — 

— — Natron 15 — 

Eisenoxyd 38-40 — 

> Die zerstörbare Mischung aus Kohlenstoff 

und Schwefel ist merkwürdig, worüber die 
gewöhnliiphe Analyse nicht viel entscheidet» 
Ueberhaupt ist eine noch genauere Untersu- 
chung »zu wünschen, da diese nur in Bezie- 
hung auf die medizinische Anwendung des 
Bades unternommen worden ist. 



t . 



Ueber 



— 33 — 

lieber i$n Pjrozefg, durch wdicben di^ 
Natur diesen Schlamm bervorgehen läfst, kauii 
oach diesen yorläufigen Versuchen nicht Tiei 
gesagt werden, Dief Beständigkeit des -Schiami- 
mes ', oder die in^nerwährende Erzeugung det^ 
selben scheiot sich einigermafsen tbeils durch ' 
die kleinen Uferquelien» besonders durch die 
ansge^chopfle, und sich wieder füllende, theils 
ans dem quelligen Boden in der Bucht , de^ 
man beim Fallen des Seewassers bemerkte^ 
sa ergeben« 

Das Product des Prozesses ist ein* Schwer 
felkohlenstpi]^ tinit Eisen (gerade kern Moorei- 
sen). Es mag in grofser Menge gebildet sejo*, 
und nur nach, und nach aus seinem Behältoiisi^ö ' 
heryortrelen. Schwefeleisen und Gjrps finden 
sich zwar, aber in sehr geringer Menge , bei^^ 
des mag indessen Antheil haben. Ob tief in 
der Erde verwitterte Pflanzen Anlheil haben, 
ist Termuthlich , jisdoch dafs an der Oberfiä'ch6 
durch den Fucus, die Ghara etc. StoiF gege- 
ben werde, ist unwahrscheinlich, indem der 
Schlamm sich auch an den Ufern ohne Reste 
▼on Pflanzen (in den kleinen Quellen) yorfin« 
det, und besonders die Chara unter dem See« 
wasser, im Schlamme stets frisch und in üp« 
piger Vegetation, gefunden wird, und sich ein 
solcher Schlamm auch übierall am Ostseestran- 
d^ finden miifste. 

Veber die medicirdscfie Anwendung. 

Aus der vorläufigen Analyse schon wird 
der Arzt abnehmen können , in welchen. Fäl- 
len dieser besondere Schlamm anzuwenden^ 
und ob er in die Klasse der Schlammbäder an 
Scl>.wefelbrutinen zu setzen sey. Hier ist nur 
Journ.LXVll.B. ö,8t^ C y^^ 



« 



V 



«-i 34 — 

I 

init£olb«ilM , was schob die Erfahrung lehrte. 
Schon im August des Jahres 1821 faod der 
Graf d — 9 dafs dieaer Schlamm schweCelartig 
SejTi und die Wirkung de( Schwefelbäder lei- 
Ite. Bei Terschiedeneo chronischen Hautaus» 
Schlägen hewirkt^ der Schlamm schnelle Hei- 
lung i und hewies sich auch wohlthatig bei 
nacbgehliebener Schwäche Tor Scharlach u. 4gl. 
Rheumatismen 9 Gicht, langwierige Cat^rrhe 
hob das Bad; änch in einigen Fällen Ton Läh- 
mung Terschiedener TheUe bewies es sich 
Jieilsam. 

Es sind zum Bade schon Zimmer einge- 
richtet» Man erwärmt Seewasser, und ^tzt 
HUB Eimerweise nach Erfordernifs den Schlamm 
liinso. An flachen Stellen baden sich Viele 

Seradezu; -sehr erwünscht ist es oft, nach 
iesen Bädeicn das reine Seebad nehmen cu 
kSnnen, wozu man nur nach der Mündung 
der Bucht sich begeben da^t 



**i 



— 35 ^ 



IH. 

' Voh einigen besondem Hindenüssen 

. ia der 

Ausübuiig der Arzneikunst. 

Vom , 

Medioinalrathe Dr. Günther ' 

i n X ö 1 n. ,^ 



Seinen jangen Amtsgenossen gewidme:!. 



£x^ modus in rehus , sunt certi denique fines^ 
Quos ultra citraque neqüit consistere rectum» 



Im Mai -Hefte (1828) dieses Journab, 4heilte 
ich einige Reflexionen über den Geist der jirt^ 
neikunst^ meinen jungen Amtsgenossen nament- 
lich, zur Beherzigung mit^ als einen Gegen- 
stand , der, wie ich glaubte, Ton mehr als ei- 
ner Seite für d^n angehenden Heilkünstler, 
Interesse habe; diesen mögen danii auch hier 
einige Bemerkungen folgen , gewisse Hinder-» 
nisse betreuend , welche der Ausübung der HüU 
künde sich entgegensetzen^ nnd die um so mehr 
berücksichtigt zu werden verdienen , als es ia 
unserer Macht steht, uns davon fj:«i su ma« 

C2 



* 

cheo i und sie als negativ Hiddernisse aus dem 
Wege zu räumen, um weD^gslens das laug* 
same Fortschreiten derselben zu immer gro- 
fse^r Vollkommenheit, bei der Adenge posi-^ 
tivtr Schwierigkeiten , durch ihre Einwirkung 
'nicht noch mehr zu verzögm. 

Aufser den maam<:bfaltigen Hiudernisseo, 
welche der Vervollkommnung unserer Ku/tst, 
als in der IVatur des sie besctiafligenden Ge-* 
genstandes, gegründet^ entgegenstehen, und 
die mithin als absolut betrachtet werden kön- 
nen, giebt es nämlich noch besondere, oder 
relative Hindernisse j welche wir mit Bactfi in 
Hinsicht auf Bearbeitung der Naturwiss^nscbar- 
ten überhaupt, auch rücksichtlieh der der Die- 
dizin besonders, Lieblings ^ Ansichten oder Vor- 
urtheile^ nennen, und unter diesen namentlich 
hier einige derjenigen zu einer etwas nähe- 
ren Betrachtung, Behufs unseres Zwecks, her- 
anziehen wollen^ welche dieser Restaurator 
der Wissenschaften, mit dem JVam'en der Ldeb^ 
Ungsänsichten ^ oiev J^oruirtheile des Standpunktes^ 
oder nach seinem Ausdruck: j^Idoloium spe-^ 
cus^* bezeichnet.' ,,Denn Jeder hat (setzt er. 
hiiMSu)» aufser den allgemeinen Verirrungen 
der Menschennatur, noch einen besondern 6e-> 
aichtspunkt und eine eigene Höhle ^ welche 
das llicht der Natur bricht und verdirbt, — 
entweder wegen der Erziehung und des Um- 
gangs mit andern , oder wegen des Lesens ge- 
-msser Bacher, und des Ansehens der AIän*> 
ner, die Jemand vorzüglich schätzt und be* 
W[Oodiert, öder wegen der Verschiedenheit der 

. Eindrücke (so wie man sie in einen vorher 
eingeoomlnenen , und durch eine gewisse Stirn- 

' mmg mpdificirteo Gemuthe^ anders liodet, 

1} 



\ 



- ,37 - 

t 

als ia eineiii tinpartheiischeo und rufaigen Gei« 
«t^ «. dgl. mehr." — - ^ 

Baglh^ welcher in seiner Schrift; Depraai 
mediea^ den Fufsstapfen Baco^s nacbtretend, 
das für die Medizin besonders su leisten ge« 
sticht, was dieser zur bessern Fordernng der 
Naturkunde überhaupt , in seinem Novwn or- 
güHon mit so vielem Glücke unternahm, theilt 
diese Hindernisse in 6 Klassen, und nennt 
als solche: 1) Die Verachtung der ^lien, 2) 
g0^is$€ vorgefaf^ia Meinungen ^ oder kürzer au9^ 
gedrückt: Puruitheile^ 3) falsche Analogie€n,-4) 
eine rächt wohlgew'dhlte MetJwde im Lesen der 
Schriftsteller^ ö) f^erkehrte Interpretation dersti^ 
öeny und die verderbliche Sucht ^ Systeme zu er- 
richten f 6) Keaiachläfsigung des aphoristischen 
Studiums der Krankheiten* 

Wir würden die Kürze, die dieses Jour- 
nal für einzelne Abhandlungen vorschreibt, 
allzusehr überschreiten müssen, wenn wir d:as 
mit ^unsern Bemerkungen begleitet, in der 
Uebersetzuug wiedergeben wollten, was die- 
ser in dieser Hinsicht namentlich, mit Recht 
verehrte Schriftsteller, über jede dieser Klas- 
sen von Hindernissen, so treffend darstellt^ 
und müssen daher unsere jungen Leser dieser- 
halb auf das Original selbst verweisen, von 
dem der verstorbene JBoldlnger in seiner Vor- 
rede zu einer neuen Ausgabe dieser Schrift 
vom J. 1793 sagt: „Ineffabili cerle voluptate 
„saepius legi BagVm egregium opus,, de praxi 
^^medicOf et saepius repetita iectio adeo pla- 
,,cuit, ut absque omni jactantia affirmare queam, 
,,we plus quam centies isiud opus /egisse," Wir 
beguügen uns hier blofi^ auf eiuige der vor- 
züglichsten Hindernisse dieser Art unsere jun« 



— 38 — 



V, 



g«o l«6ter anfmerXsam zä macbern, wie sie 
dcb io dem Laufe unserer Praxis uotferer ei- 
geoen Bepbachtung, sowohl au uos selbst, als 
ao anderop Tor Alleu dargeboten haben. Zu 
dieseii . rechnen wir 1} eine entweder übertriebene / 
Schätzung^ oder Gegentbeils T^ernachläfsigung 
der Allen, Um solche richtig zu wärdigea, 
bedarf es, unserer Ansicht zufolge, wie wir 
•ie schon dem Wesentlichen nach , in unserra 
^^Architectouischen Grundrisse der medicini- 
„schen Disciplinen'* dargelegt, der Erwägung 
folgeqder Momente: 

• 

Es gibt nämlicb zwei Hauptgattnngen der 
Medizin, <— die beobachtende oder erwartende^ 
und die mehr handelnde; jene geht, dem na- 
türlichen Gange des menschlichen Geistes ge- 
mäfs, der Zeitfolge nach, dieser voran, und 
begründet dieselbe, diese wird erst durch lan- 
ge Versuche erworben, wobei sich der Ver- 
stand so leicht in bodenlos o Speculationen ver- 
liert, und Hypothesen erzeugt, wie die Ge- 
schichte der Kunst durch alle Perioden der- 
selben, zur Genüge beweist. Die beobachtende 
Stedicin beschäfligte (wie gesagt) vorzugsweise 
die Alten, und in ihr waren sie vorzüglich 
grofs. Sie beobachteten die Natur in der Na- 
tur selbst, wir studiren sie zu sehr am Putte, 
und bringen schon frühe die Vorurlheile der 
Schule mit an das Bett des Kranken, und' 
gehen alsdann nicht selten, was wir sehen 
wollen. Eben darin, dafs die Alten bei ihrer 
Näturforschung, namentlich der kranken Ma- 
turf sich der reinen Beobachtung, hingeben, 
und eigentliche Versuche , die die Natur in 
ibrem Gange stören, und ^omit ihre Erschei- - 
düngen trüben, fast ganz vernachläfsigen, liegt 



• I 



- 39 - 

sweifalsolio« der Haiiptgriind., dafs tle lo flch- 
tiger und treffeqder Oar^tellmig -der Fhaoo-' 
meaet vor den Neuem |^ einen so eatschiede- 
denen Vorzug haben. Je mehr der Mensch' 
sich dem £3cperiment üpd der nothwendig^ da« 
mit verbqndenen ' Speculätlon hingiebt ^ desto 
mehr entfernt er sich Ton den Zügen des rei« 
neq Bildes der Natur, da der Versuch die- 
selbe (wie gesagt) jeden' Augenblick Ton ih- 
rem Wege ablenkt, oder demselben den Sin-' 
nen entrückt. Unter allen Schriften der beob- 
achtenden Aerzle des Alterthums, die auf uns 
gekommen sind, verdienen die des Hippokra^ 
les jaamentlich , studirt und beherzigt zu wer- 
deUf — dieses vortrefflichen Alten , der in der 
Gabe der scharfen Beobachtung des Ganges 
der Krankhoiien , in genauer Bestimmung und 
richtiger Würdigung jedes einzelnen der Sympto- 
me und Zufalle, so wie ihrer Gesammtheiil. 
in edler Kürze und Bestimmtheit des Aus- 
drucks, und in malerischer Darstellung des voll- 
endeten Bildes, so wie es aus der Hand der 
Natur in ihrem ungetrübten Wirken hervor- 
geht, alle Genossen der Kunst^ übertrifft. 
Alle grofsen Aerzle der Folgezeit verdank-. . 
ten, bei nicht zu verkennender Anlage ihres 
Geistes, ihre vollendete Bildung , und ihre 
freien Umsichten am E^ette des Kranken, d^m 
fleifsigen Studium der Werke dieses schöpfe- 
rischen Geistes,' wie sie selbst öffentlich sich 
nicht schämen , zu gestehen« „Cum igitur 
„compererim (sagt Bagliv)^ hac via me nun- 
„quam ad optatum exitum fuisse perventum, 
„missis ceteris libris^ totum HippocratU me 
,, studio tradidi, aliquam bene medendi ratio- 
,,aem inde assecuturus; et cum eum non se^ 
„mel relegissem, et prope momoriae meodas- . 



" MM 

— 40 ~ 

nHüiHi |iHi|trlo ittnrlii iroltii in Italiae Nosoeo* 
iiHllU illi^htriiiii illiiii« |>friculuin fAcer«, nee 
iiAIiih i^lliutirtUiMi» ii<^()r«lidndi doctrioae illins 
«i\#iniil#iu» lrtn«|imm «»x tripode prodeunlem, 
^iH«||(u»>(«)M# illiiiu di»inuiu •«»• Terum «rtis 

^^\\^^^ ^<«m' ««^nUt^^m «tp^rlu.« liquido 

...n^-H. i^^i^^ i« ^Mi-HPiiui* Nie*» 




^^••H^ %•«! -j>...« .da .'-'■■-* r>^$ r-s7* 



*^.. dIW •^or»— -».^.--r 



- 4t - 

geottohter Schriftsteller gewissermarsen gefaU 
len ist» Deoo erstUch dürfen wir wohl schwer- 
lich anBehmen'ubd behaupten, dafs alle schrift- 
stellerischen Aerzte des Alterthums so klassi- 
sche Arheiten geliefert, als die meisten derer, 
wovon die noch übrigen Werke auf uns ge- 
kommen, da die Zeit alles sichtet, und nur 
das aufbewahrt, was einen innern Werth hat; 
xam andern leidet es keinen Zweifel, cl^fs in 
Kenntnissen, die einer Erweiterung durch 
Versuche und Erfahrung fähig sind, wohia 
die des Arztes ganz vorzüglich gehören , die 
Alten den Neuern in sehr vieler Hinsicht nach- 
stehen müssen. Tausenderlei Hülfsmittel, die 
den Alten unbekannt waren , und der Natur 
der Sache nach, nothwendig seyn mufsten, 
. stehen uns jetzt zu Gebote, den Kreis unserer 
Einsichten mit jedem Tage zu erweitern, und 
aus diesem Gesichtspunkte betrachtet, gebührt 
anserm Zeitalter, wie Baco mit Recht be- 
merkt, und nicht jenen frühem Zeiten, in 
welchen die Griechen lebten , der Name des 
Alterthums. Derjenige Theil der Heilkunde 
daher, welcher sich nicht blofs auf Beobach- 
tungen des Ganges der Natur beschränkt , son- 
dern den Arzt zum tbaligen Handeln auffo- 
dert| hat in andern Zeiten ohnstreitig so man- 
che wichtige Bereicherung erhalten, dafs die 
Medizin der Alten mit der der neUern Zeiten^ 
keine Yergleichung auszuhalten , im Stande 
ist, ohne in unserm diesfalsigen Urtheiie zu 
dem Extreme mancher unbedingten Verächter 
der Alten überzugehen , und ihrer vorgefafs- 
teu Bleinung beizustimmen, als seyen die Be- 
obachtungen des Hippokrates weiter nichts, als 
•ine traurige Sammlung von Todtenlisten« 



- 42 - 

« 

Diese Hier gerSgte bedingungsIcMie Schätzmig 
des AUerihutns, worin (wie gesagt) auch so 
mancbe Aerzfe der spätem Zeiten, sich, -mit 
Verkennung der verschiedenen Natar des 6e-> 
genstandes, an diejenigen aDSchliefseo , wel* 
che die Alten rücksichllich ihrer poetischen . 
und sonstigen Kanstleistungen, vor AUeui (und 
vielleicht mit Recht), hervorheben» hat. aufser 
diesem wohl hauptsächlich darin seinen Grund, 
1) weil ein inneres Gefühl uns unwidersteh- 
Ifch drängt, den Verdiensten der Alten -um 
die Wissenschaften, als erste BegründeiT) un- 
sere Verehrung darzubringen; überdiefs liegt 
etwas Gemüt hliches in dem Andenken der 
Vergangenheit, das wir so gerne zurückrufen, 
um d^rin einen Ersatz fiir das zu finden^ was 
uns die Gegenwart versagt; 2) weil es dem 
menschlichen Stolze schmeichelt, auch bei ge- 
ringern Anlagen sich hier mit dem gröfsten 
Talente gleichgestellt zu sehen, und überdiefs 
die Bekanntschaft mit dem Allertbume uns 
einen Anstrich von Gelehrsamkeit giebt, wor« 
unter so Mancher seine Unwissenheit in dem, 
was der menschliche Fleifs durch fortgesetzte 
Bemühungen hervorgebracht , glaubt verdek-^ 
ken zu können. Mau beobachte also hierin 
die gehörigen Gränzen, und studire das Alte 
mit der erforderlichen Umsicht und Unbefan- 
genheit, so wie das Neue mit unpartheiischem 
Trüfungsgeiste, so, dafs wir weder die wichti- 
gen Angaben der Alten verwerfen, noch die 
Entdeckungen der Neuern übersehen, oder sie 
gar ohne Prüfung verschmähen. ,,Denn die 
Wahrheit (sagt Baco) will nicht aus dem un- 
beständigen Glück irgend eines Zeilalters, son- 
' dern aus dem ewigen und beständigen Lichte 
der Natur und der Erfahrung geschöpft seyn." — } 



. 1 



i 

— 43 - ' 

Als ein Twätes Hindernifs dieser Art be- 
trachfeQ wir eine zu grofse Vorliebe für gewisse , 
Autoren ^ und ein zu ängstliches Auf suchen des 
Platzes für unsere Beobachtungen im Systeme. 
So zweckwidrig, ja nachtheilig es für den an- 
gehenden Arzt ist, sich in dem Studium der 
Schriften der Aerzte, mit zu vielen zu be- ' 
schafligen , eb^n so sehr ist es zu tadeln, wenn 
•r einen oder andern Autor , fast ausschliefs« 
- lieh, -zu seiner Lieblingslectüro wählt, und 
sich überall in seinem Verfahren nach dessen . 
Vorschrifter^ zu richten sucht. In einer sol- 
eben Einseitigkeit befangen , welche nicht sei« 
tan auft seine ganze künftige praktische 
Laufbahn entscheidend einwirkt, und ihn von 
derf dem Arzte so sehr zu empfehlenden 
Ec(ectik, entfernt, verengen wir 'uns selbst 
den Raum zur Erweiterung unserer Einsich- 
ten, die erst aus einer umsichtigen Yerglei- 
chung und Prüfung der verschiedenen Ansich- 
ten hervorgeht, welche der Arzt mehr als je- 
der andere Forscher der Natur bedarf. Hier 
beobachte der junge Heilkünstier die goldene 
Mittelst rafse , d^'e, wie überall, auch hier, am 
sichersten zum Ziele führt. Da aber aus Man-r 
gel eigener hinreichender Urtheilsfähigkeit, bei 
seinen noch so sehr beschränkten praktischen 
Einsichten 9 der angehende Arzt fremder Lei- 
tung bedarf, so eignet sich für diese Absicht . 
nichts so sehr, als der Vortrag eines gründ- 
lich gebildeten Lehrers, wie er auf teutschea 
Universitäten, diesen herrlichen Instituten, be- 
eteht) mit klinischen Uehungen verbunden, 
wie mich eigene Erfahrung gelehrt hat. Nur 
ist hierbei durchaus erfoderiich ,' dafe ein sol- 
cher Lehrer der praktischen Medicin, durch 
vielseitige und hinreichend lange Uebung am. 



— 44 — 

/ 

I • 

Kriink#nbette^ selbst ein erfabroer, von* aller 
, Syslemsucbt entfernter Arzt, und mit hervor- 
stehenden praktischen Talenten begabt sej, 
welches leider! häuGg der Fall nicht ist. ^£x- 
emplu ßunt odiosa. Diesen Leitfaden, von dem 
vorauszusehen ist, dafs er die Resultate der 
vorsiiglicbslen Beobachter-, durclr eigene Er- 
f?«hrungen de» Lehrers geprüft und geläufei^t, 
enthalte, folge daher der angehende HeiU 
künstler, viro r-r sich selbst überlassen ist, mit • 
steter, sorgsamer Vergleichung- dessen, was 
ihm jetzt , eigene Beobachtungen und Erfab- 
nmgen am Krankenbette darbieten, wobei er 
gleich Anfangs ein mit aller Sorgfalt und Uo- 
hefangenheit zu entwerfendes Tagebuch, hatte, 
doch stets mit einer Art von Mifstrauen in 
seinen eigenen Einsichten, so lange diese nicht 
durch mehrere 'Erfahrungen bericbtigt ^ind, 
und achte dann, rücksichtlich seiner übrigen 
Lectüre^ auf das, was hierüber BaßKv io 
mehrerwähnter Schrift sagt : ^^Libri probatoFurh 
^^auctorum et graviores JDoarinat^ sive hi fue- 
jjtint antiqui, sive recentes, non legendi so* 
„lummodo, äut relegendi, sed prae manibns 
,,semper habendi, ut ita ingeniurn nostrum ve» 
,yfuti Dova incude ad illorum recudatur inge- 
„nium« jiutorum minoris pntiiy vel per partes 
„tantummodo suspiciendi, vel prorsus perle-. 
,,gendi, sed absque mulia temporis jactura, 
,,aut longa in illis mora. Libri demum inßmae 
^^notae^^ per aljorum vicariam operam legendi, 
,fid< est, legenda duntaxat illorum compendia, 
^,a Sociis Studiorum, vel amanuensibus nostris 
„conflata. Qua ratione magnam scientiarum, 
i^f'reiqne Jiterariäe notiliam habebimus, abs->^ 
„que multa (emporis et salütis jactura.*' — ' 

# 



• - 46 - 

« 

WeoD es, zur GruDdLige einer DiscipUn 
durchaus eriordarlich ist, dafs der junge Slu- 
dirende- sich gleich anfangs eine systematische 
Uebersicht derselben verschaiFe, um Ordnung 
in seine Begriffe zu bringen; so ist dies auch 
ein anerläfsliches Erfordernifs bei dem. Stu- 
ditfni der Medicin , sowohl iu ibren sämmtli- 
chen Zweigen^überhaupt, als auch insbeson- 
dere in dem eigentlichen praktischen Theiie 
derselben« Allein der jqnge Arzt Verfallt in 
einen grofsen und für die Erweiterung seiner 
Einsichten sehr nachtheiligen. Irrthum, wenn 
er dabei voraussagt, dafs der Gan^ und di^ 
Ordnung' dies Compendiums, auch allenthalben ^ 
die der Natur seien. Eine Wahrlieit, deren* 
sich der junge Arzt frühe und stets erinnern 
soll, um sich den* Weg zu iminer weiterer 
Forschung offen zu erhalten. Denn insgemein 
beschäftigt. den anfangenden Heilkünstler nichts 
so sehr, als jede Et^scheinii ng in der kranken 
Natur irgendwo dem Systeme anzureihen, und 
er glaubt Alles getban zu haben, wenn er 
dieselbe nur mit dem Namen zu bezeicbnen 
weifs, den ibm die Namenclatur des Systems 
-vorschreibt. Er gewöhne sich daher frühzei- 
tig, die Natur frei und entbunden von den 
engen- Fesseln des Buchstabens, zu beobach- 
ten, und ahme hierin die Alten nach, welche 
insgemein die Resultate, die aus ihrem Stu- 
dium der Natur hervorgingen, und die sie zu 
fernerem Gebrauche aufbewahren wollten , in 
^phoiUmen^ d. h* in kurzen, zerstreu^ten, 
durch keine methodische Ordnung verketteten 
Sätzen, sammelten, wozu unter den alten Aerz- 
ten namentlich Hippuhrates die Belege lieferte, 
wodurch sie das für die Wissenschuft so schäd- 
liche Yoturtheil zu beseitigen suchten ^ als sei 



— 46 — 

durch eine systematische ZusaimyieDStellang die 
Wissenschaft, nach allen Rücksichten, toIU 
endet I welches bei der Medizin um so weni- 
ger £a erwarten steht, als das System nur das 
Bild der Krankheit im Allgemeinen aufslellt^ 
?Mrelches seine Nuancen durch so mancherlei 
Einflüsse erhält, wie sie aus der unendlich 
verschiedenen Natur der IndiTiduen , der. Jah- 
resconslitutionen , des Ortes u. 8. w. hienror- 
gehen. Der junge Arzt schreibe daher seine 
Beobachtungen und Erfahrungen gleich An« 
fangs mit Umgehung aller Systeme und ihrer' 
Sprache, \in einzelnen Sätzen^ ungezw.nngeu 
und mit der strengsten Unbefangenheit^ nie- 
der, sowohl was die Symptome der Krank- 
heit, als die Wirkung der versuchten Heil- 
mittel betrilTt, und vergleiche dieselben, nach- 
dem das ganze Bild der Krankheit, ihrem 
Gange und ihrer Entscheidung nach, auf diese 
Weise entworfen , vollendet da steht, mit den 
Beobachtungen anderer, wobei er zugleich 
aorgfältig die Lücken der Systeme bemerke^ 
welche so mancher hochgelehrte Gompendien- 
achretber durch einen Schwall von Worten 
und Terminologien auszufüllen bemüht ist, 
und so eine der Natur ganz fremde Arbeit 
liefert, von der es mit Recht heifsen kann: 
Sunt verba et . voces pratereuqu^ nihil. — Wie 
sehr eine Sammlung von Beobachtungen auf 
diese Art dem Gedächtnisse aufbehalten^ und 
nach Erfordernifs , von Zeit zu Zeit, berich- 
tigt' dem Verfasser selbst zu Statten kommen 
iBüfs, darüber möge bei einem Jeden der Versuch 
entfclieiden. — Ein drittes Hinderoifs dieser 
Art ist eine tU weit getriebene Vorliebt Jür ge- 
wisst /Irzndnüttd. Wenn man die 'jrofse Men- 
ge der Heilmittel in Belrachtung. zieht ^ deren. 



~ 47 — 

'Wirksamkeit in dea sich hierauf beziehenden 
Söhrifteoy oft mit mehr als marktschreierischer 
Arroganz und Zuverläfsigkeit, 9uspo9aunt Mrird,, 
so darf man sich allerdings nicht wundern, 
wenn die Verächter der Kunst und ihrer Prie- 
ster, der Aerzte, von PUnius bis auf unsern 
gutmiithigen J, J, Rousseau y' gerade diesen 
Paukt zu dem Torzüglichsten Gegenstände ih- 
res Spottes machten, und Letzterer be|im An- 
blick eines solchen Verzeichnisses, voll bitte- 
rer Laune ausrief: t,dafs es ihn wundere, wie 
noch ein Mensch krank werden, oder sterben 
könne.** Diesen^oiiSseaa'schehSarcasmus scbeint 
der junge Doctor, der eben die Hörsäle seiner 
Lehrer verlassen , nicht selten in vollem Ern«- 
ete zu nehmen , und begleitet von seiner Rüst- 
kammer, ans Krankenbett tretend, zieht er 
fmn gegen jedes, das Leben seiner ihm An- 
vertrauten bedrohende Uebel, vertranungsvo}! 
cu Felde, kämpft gegen dasselbe mit leichten 
und schweren Waffen , und nach allen Rich- 
tungen, und sieht, am Ende bestürzt und be- 
schämt, nichts erkämpft zu haben , — sich in 
der traurigen Nolhwendigkeit , im Stillen den 
Rückzug antreten, und den $ieg seinem Fein- 
de überlassen zu müssen« Aber nicht dem 
Jungen, angehenden Arzte allein, auch den 
älteren # erfahrenen, begegnen leider! nicht 
selten solche niederbeugende, die Ausübung 
''der Arzoeikunst so häufig verleidende Auf- 
tritte, und sind Ursache, dafs der aufmerk- 
samere Theil des Publikums, und selbst die 
Aerzte, wenn sie unbefangen und frei genug 
Ton niederem Interesse oder falscher Ruhm- 
sucht sind , mit demselben in die Klage über 
die grofse Ungewifsbeit der Heilkunde ein- 
stimmen , und am Ende ihres praktischen Le* 



- '48 - 

benSi bekenneo, dafs sie alle nnoiit^e Knechte 
sind, dief des Rühmst den der verdien^tlose 
Charlatan sich- so seibstgeniigend zueignet, -^ 
in der That ermabgelo. 

Solche Klage ist allerdings nicht unge- 
gründet. Die Ursache dieser Ungewifsheit ist 
tbeils absolut, f heils re/a/iV« Absolut^ insofern 
es eine groFse Anzahl Ton Kxankheilen gibt, 
die schlechterdings unheilbar, unid der Kunst 
unbegreiflich sind; relativ^ in jBoi'ern die heii^ 
baren selbst, nicht selten so schwer zu et^ 
kennen, und wenn sie erkannt sind ', der hei- 
lenden Kunst aus dem Grunde unerreichbar 
bleiben, weil der Arzt entweder das gtradt 
passernte Heilmittel verfehlt ^ oder die richtige JBe* 
Stimmung desselben, durch hinreichende Untere 
Scheidung der sich in ihren Eigenschaften gleich-', 
scheinenden Heilmittel, mit Rücksicht auf die NU'» 
tut des Individuums, verkennt j worüber S<chrei-4 
ber dieses sich schon mit Mehreren an oben - 
erwähnter Stelle dieses Journals ausgespro- 
chen. Diese Scfawferigkeiten sind es .yorzäg- 
lich, die den Arzt, welcher im Anfange sei-« 
ner Praxis sich der Menge erfreut, im V(ei<- 
tern Fortschreiten derselben so häufig bestim- 
men, sich auf einige wenige geprüfte Arznei- 
mittel j zu beschränken, und zwar mit Recht, 
in sofern solche die Natur der Krankheit er- 
heischen; nur mufs dieser Vorzug, den sich' 
gewisse Arzneimittel durch ihre fast zuyejr« 
läfsige Wirkung in bestimmten Fällen erwör^ 
Jien haben, nicht so weit ausgedehnt werden, 
dafs der Arzt sich dadurch verleiten lae&e, 
sich den richtigen Gesichtspunkt selbst zu ver- 
rücken, indem er allenthalben die, .seinem 
I^bliogsmitlel entsprechende Krankheit zu 

se-i 



- 49 ^ 

sehen glaubt« So wie gewisse Frakliker iiber^ 
all UnreinigkeiteD der ersten Wege, als Krank-. 
Iieiisursache glauben vor sich zu haben ^ um 
ihre ausleerenden Mittel iu Anwendung brin- 

. gen zu können, oder unterdrückte Hämorrhoi- 
den, um ihren PUuIis halsamkis Platz zu ver- 
schaffen^ obgleich nicht zu leugnen ist, dafs ' 
es wenige Krankhei(enr geben dürfte, wo ge- 
lind -ausleerende Mittel, im Anfange der Krank- 
heit gereicht, nicht an ihrem Platze wären^ 
um zuvörderst Stoffe wegzuschaffen, welche, 
wo nicht als Ursache der Krankheit, doch 
hSufig^ in Gefolge derselben erscheinen, wegen 
des grofsen Gonsens der Yerdauungsorgane mit 
dem ganzen übrigen Organismus, und auf 
diese Weise der Wirkung der gegen die Krank- 
heit directe anzuwendenden Mitfei, den yV%g 
zu bahnen« Eine durch die Erfahrung der 
besteh Praktiker bestätigte Wahrheit, die der 
junge Arzt nicht verkennen möge. — Beson- 
ders soll in dieser Hinsicht der angehende 
Arzt, bei neu aufkommenden Mitteln, oder 
neuen Anwendungsarten bekannter, auf sei- 
oer Hut seyn , welche für dieses Alter so viel 
Anzügliches haben, so wie ich zeitber und 
zweifelsohne Andere mit mir , die Erfahrung 
gemacht, dafs, namentlich unsere jungen Amts- 
genossen , allenthalben syphilitische Reste zu 
entdecken glauben, um mit der DzondJ?%c\\en 
Methode, oder dem jetzt so gemifsbrauchten 

, Decoctum Zitimanni u. dgU zu experimentiren. 
Auch ' dürfte diese Erinnerung gerade jetzt, 
aus dem Grunde wohl nicht zur Unzeit an 
unsere jungen Leser ergehen, da aus einer 
einseitigen theorelischeu Ansicht, die Aerzte 
einer gewissen Klasse, sich seit einigen Jah- 
ren so verschwenderisch den Blutentaiehungen 
Joam« LXVII.B.5.St. O 



- 50 — 

hingeben, dafs bierdi;ir€h Tielleicht jlneV Scha« 
den aogerichtet wird , als vor einigen Deceo- 
nien durch den Mifsbranch der Excitantia. Wir 
schliefen mit der Bemerkung, dafs^ wenn es 
ledern Forseber der Natur zur Warnung dient, 
AUts für verdächtig zu haltttt^ was seinen Geist 
vorfugsmi&e anspricht und einnimmt ^ so soll Tor 
Allen der Heilkünstler solche nie bei seinem 
Handeln aus der Erinnerung yerlieren. — 

Ein viertes hieher gehöriges Hindernifs hat 
seiben Grund darip^ dafs die Menseben nicht 
sehen die Dinge vorzüglich im Verbällnisse 
zu ihnen selbst anseben^ wodurch der richtige 
Gesichtspunkt der Beobachtung nothwendig 
▼errückt wird, wie dies bei den Aerzten der 
Fall ist , ^enn sie, wie es so häufig gescbieht^ 
das Geflibl des Bedürfnisses ihrer eigenen Na- 
tur auf den Kranken überzutragen sich yei:- 
leiteti lassen. Der Nacbthell, der hierdurch 
entsteht, ist um so grofser und geHihrlicher» 
als dies nicht nur auf die Bestimmung eina^el- 
ner besonderer Arzneien, sondern an^ das 
ganze ärztliche Verfahren, in therapeutischer 
sowohl als diätetischer Hinsicht, von dem ent- 
•phiedensten Einflüsse ist. Daher sagt Bagliv: 
j^Sic saepe medicus natura timidus et melan* 
^icholicus t vel temperamento praeditus , ut 
^ia)unt, frigido, et humido, ob naturalem sui 
,ianimi habitum, abhorret a remediis spiri- 
„tuosiSi Tolatilibus, impetum facientibus, aliis- 
„qua potentioribus ; omniuraque morborum cu^ 
y^rationem aggreditur, per medicamenta hume- 
,iCtantiay infrigidantia^ pacem huraoribus con- 
^ciliantiai et reliqua minus activa. Contra, 
9iqui te^mperamento fuerit calidus, biliosus, na- 
^ftura impafiens, ferox etc. (und, setzen wir 



f- 



— öl — 



\ 



^ybiDKiiÜ spirftuosis dedi(us), «r- postliabitU 
y^omoibus refrigeraotibiis, ac lavioribus reme« 
p^diis, nihil libentius praescribet, quam voln« 
iftilia, apiriiaosa, alcalia, aromalica, ferrunii 
yiignem, Teticantiai purgantia vehementiora, 
9,et aiinilia naximi impetus et acüvilatis. Et 
^ySicuti pro antedicta oaturali inclinatione hia 
,yprae aliis remediorum generibus delectantur^ 
yyita pariterhis prae aliis medicinae dogmalibu«, 
y,ac praaceplis. ]£t per eaodem interdum de 
,y seien tiis judicant ac decernunt. Qucmobrem 
f^nUi ütttnta meditatione inclinationi Uli obviam 
^^ire satagerim, et internos umperamenti motuM 
^^recta ratione dingere noverint^ pratfatU clmqut 
f^errotibttt obnoxii ßrunt quam maxime.^^ -— 
tJnd doch ist dies schwerer als mancher Un^* ^ 
erfatiroe -vielleicht glauben mag. Denn fast 
unvermerkt mischt sich unsere eigeiM Nei« 
gang, auch bei der gröfsten Aufmerksamkeit 
auf uns selbst, mehr oder weniger in die 
Vorschriften ein, die wir Andern zur BefoU 
gang erlheilen, wie dies jeder Arzt gestehen 
mufs, der sich hierin selbst unpartheiisch be- 
obachtet hat. Der angehende Heilkünstler be- 
schäftige sich daher gleich anfangs mit einem 
unausgesetzten Studium der individuellen Na- 
turen seiner Kranken , sowohl in psychißcher 
als physischer Hinsicht, um sich eine phy- 
siognomonische Fertigkeit zu erwerben, die 
freilich nur als die Frucht einer langen und 
unbefangenen Beobachtung angesehen werden 
kann, und suche die IVatur seiner Arzneien 
der jedesmaligen besondern Natur seines Kran- 
ken , mit Vei-gessung seiner eigenen Indiyi- 
dualität, möglichst anzupassen. So geübt seine 
Kunst, mufs er, gehört er anders zu den 
glücklichen Söhnen der Natur, die ihrer dies^ 

D 2 



falsi^en Gaben nicht ermangeln, I 
gcceicbnete Stelle ia der Beibe i 
genossen einnehmen. 

Bevor !cb diesen A'ufsatz _ 
ich nicht amhin, noch folgende Bei 
hinzuzufügen. Bei der grorsen Un| 
worin sich unsere Kunst befindet, i 
Manchem die Ausübung derselben Si 
verleidet, fiihlt sich der junge Mai 
nen innnQichfatligen Besthäftigunge 
allen Zweigen der JV^lurkunde, n 
von einen oder dem andern vorsii" 
zogen, dem er sich bald, mit Ve 
gung aller andern, ausschliersÜch er 
ihm jede Ersparung der Zeit opfert, 
einen Ersatz lür das zu finde:), we 
der Ausübung seioer Kunst mangel 
lieh Gewifsheit des Erfolg», wie es 
dieses in den ftüliern Jahren seil 
selbst erging, wuer anfing sich fast'l 
lieh dem Studium der Chemie «g 
Allein nichts ist nachtheiliger für d 
düng des jungen HeUkünslIers, als i 
Mangel an Ausdauer, und ein so f 
Zariickzieben auf einen einzelnen . 
Naturkunde, da der Arzt in keinem * 
liog seyn , aber alle mit vorzüglich 
auf die Ausübung und Cultivirung seil 
unausgesetzt studiren soll. Eine s 
schränkung auf ein einzelnes Fach 
kleinlich in unsern Ansichten des G 
Natur, in der wir geneigt sind. 



die Erscheinungen der Pri] 



senschaft untei 



Eordni 



npien unl 



: Zeit des Entstehens der antif 
emie \on den eifrigen Anbämi 



_ 53 ^ 

beo geschah, wo das OxygQn'alleotbalbeii seine 
Rolle zu spielen angewiesen wurde. Von ei- 
ner solchen Einseitigkeit hat der Arzt sich 
mehr als jader andere Forscher der Natur , zu 
yerwahren, da ihm die ganze Pfatur za Ge- 
bote stehen mufs , und wäre es möglich ^ dalÜ 
derselbe mii seinem Wissen diese ganz mn« 
fassea konntei so müfste ein solcher, bei ubii« 
geos gleichen praktischen Talenten t den er- 
steh Mang unter seinen Kunst^genossen einneh- 
men. Auch waren von jeher die gröfsten und 
^glücklichsten Aerzte, die vielseitigst Gebilde- 
ten, die derjenige nicht yerkennen wiM, der 
mit der "Geschichte unserer Kunst in dieser 
Hinsicht vertraut ist. 



iaM««k<«> 



IV, 
Card 



1 t 1 



der Form von Chorea 

Vom 

Dr- Job. Roeser 



Jlcb glau1)e folgendeo Fall zur öSenl 
kanotmacbuog jifliclitgemafa aus meii 
buch ausheben zu müssea, je mahr 
SO hauGg symjilumatische Krankheit 
entweder als solche blofs durch Wuri 
fitandeo, und daniEich behandelt , üde 
empirischen aad äorserst vrirksaine 
schlendrianartig bek.auij)ft \cerdea 
welchem Verlahrea ich mich vielieic 
liegendem Falle ebenso Tvürda habi 
fsen lassen , wenn mich nicht Ar 
l'atientin, und die durch diese lu 
slaudeneBedaclitlichlieil wegeu Besir 
Kosten und dadurcli veranlafst« Zö{ 
den Vorwurf des Gewissens Uewai 
der offenbare Vetkürzer eines Men^t 
gewesen zu Heyn 1 MÜge folgender 
wieder ein Spurn i'ür Aerzle seyn , i 
Ursache uachzuspür^ , und &icli niu 



--- 65 ^ y 

zem AoaforscbeD des KraDkeo » namentlich in 
Nerreokraiikheiieoy «iner empirischen Befaand- 
lang hiqzugehen. 

Uas DeuDJährige^, schlank und zart ge- 
baute Mädchen der Jedigen Menzert vom Klopf- 
hof , wurde nach Aussage der Mutter am 2öten 
November vorigen Jahi'es ohne alle Veranlas- 
sung in der Schule mit einem kaum zu stil- 
lenden und mehrere Stunden dauernden Na* 
senblulen befnlien, welches bis zur Ohnmacht 
anhielt und darauf nachliefs. Sie soll früher 
nie am Kasenblulen gelitten, noch sonst krank 
gewesen seyn. Dieses Nasenbluten kehrte ia 
den kommenden zwei Tagen, jedoch unbedeu- 
tend wieder; wonach sich das Kind mehrere 
Tage, sein blasses Aussehen und seine kla- 
gende Mattigkeit ausgenommen, wohl und mun- 
ter befand. 

Am Iten December will die Mutter des 
Mädchens ein Zucken und «nwillkührliches 
Bewegen der Glieder bemerkt haben. Dieses 
Zucken nahm tagtäglich der Art zu, dafs e9 
sich allmählig bis den 7ten schon in völliges 
Unvermögen zu gehen, ja selbst zu stehen 
verwandelt hatte. Jetzt ersuchte man mich, 
die Kranke zu besuchen, r— Beim ersten An- 
blick des Mädchens war meine Diagnose des 
Veitstanzes ins Reine gesetzt , die ich zufällig 
während meiner praktischen Laufbahn schon 
so häufig zu beobachtjsn, und immer mit Er- 
folg zu behandeln hatte, und von dem ich 
auch mit Dr. Jeffreys sagen kann , ^jdafs jener, 
welcher die Sonderbarkeiten der Gesticnlatio- 
nen bei dieser Krankheit einmal gesehen hat, 
diese nicht mehr so leicht vergessen wird.** 
Das Umherwerien und Verdrehen der Gliederi, 



des Kopfes, der slupid^ Blick,J 
«od uur dmch UmschweifuDL 
reichen der -von mir verlangten Hfl 
ten mich in dieser Diagnose ojcli 
Icli schrill nun zur weilern ursäcli 
ttrsuchuDg des M>r mir Iialiendeii 
also Bchon mit einem Namen Uezeic 
Iiels, ond Iiuile den bemerkten en 
Verlust; koiuifa aber niclils weil 
sehen. Vehrigeos liatle ich fiir m 
rie genug: denn durch den grors« 
lust, und dorch die Dtpnieiisirnn 
InfssysCems mufsle der eulgt^^engei 
tor; das Keivensyslem , nolhw^ndi 
wiegeqde und iinregelmfirsige Tlinii, 
men , und sich schnell, zudem bei d 
ten Lebensweise und dem zarten 
dieses Mädchens, die Chorea zu ein 
Grad Ausbilden, iu welchem icb. 
Mädchen f»nd. 






IhrjelzIgerZustanil war bei ni 
gehung iolj'-nder; Auf die von 
stellten Fr^i^^en anlvvorlete sie ini 
ctjer Sprnrhe, nls vreun sie gleiebs: 
oder üiierhaujjt der Bewegung 
nicht Herr sey. Der Kopl w 
sogenannten groTsen VeilstaoE 
len geworren und verdreht. I 
kein waren in steten Zucknngi 
ihr elvyas zu eseen dar, da st« 
pcf(( hüben i.i>!le , nach welrhe 
Schweifungen gritT*, und es ebei 
Munde führte und hastig ars. Si»! 



lupt 



nach I 



riederbfll 



gungen greifen ; un'l kaum hie 
hü lange, um den Tuls lülen i 



— 67 — 

ohar ettFas bescbleunigt und klein vrar. Dafs 
er^ Harte gehabt bätte, ßel mir oicbt auf. Der 
Blick war, wie scboD bemerkt, stier and 
dämm. ScbDell'fuhreo die Beine cooyalsivisch 
gegen den Leib und wieder abwärts; warfen . 
sich bald dahin bald dorthin f welches eben-^ 
falls' die Arme ohne. Unterbrechung thaten. 
Ich wollte den Versuch des Gehens majchea 
lassen, allein bei den ersten Schritten schleu- 
derte es die Beine unordentlich umher und 
auf einmal fuhren sie gegen den Unterleib 
bioaqf, der Kopf zog sich nach hinten und 
der Räckgrath krümmte sich nach vorne ^ so 
dafs sich die Länge des schlanken Kindes 
plStslich auf mehr als die Hälfte reducirte. 
jBben so schnell streckte sich aber auch wie- 
jder der ganze Korper, so dala ich diese, frü- 
her freilich niemals bei einetn an Veitstanz 
leidenden Kranken beobachteten Manövers am 
besten mit einem zum Spiele für Kinder Ter- 
fertigten Hanswurst vergleichen kann, den 
man, um all seine Glieder plötzlich in zusam» 
menziehende Bewegung zu bringen ^ an einen 
Faden ziebt. Wegen diesen Bewegungen konnte 
sie kaum einige Minuten stehen. — Das Kind 
'schwitzte^ hatte gehörig OelTnung, und zeigte 
mir auf mein Verlangen mit einer gewissen 
Hastigkeit die etwas belegte Zunge, und streckte 
dieselbe ohne zu zittern weit heraus. Auf 
meine an das blafs aussehende Mädchen ge- 
stellte Frage: was? und ob ihr was weh thue» 
antwortete sie lallend und undeutlich wieder 
mit einer gewissen Rasch heit : mein Kopf^ mein 
Herz (wie sie sich selbst ausdrückte) und meine 
Glieder, — Durst klagte sie keinen, und ver«- 
langte auch kein Essen , welches sie aber dar« 
gereicht gierig verschlang. — - Voki der Vntß 



N > 



— 68 — 

hSrte {ob, dab d[«8 KfbJ wegen der dirNachl 
ülier meUt fortdaorenden unwilikührlicben Be- 
wegungen eller Glieder und des Körpers we- 
nig schlafe; in Schlaf yerfalien Jedoch Juhig 
daliege. 

Indem ich über eine Quelle , die zur Hei- 
lung dieses häufig langwierigen Uebels nölhi« 
gen Arzneien zu bestreiten nachdachte » wel- 
ches die Arinuth der Mutter nicht zuliefs, be- 
stellte ich letztere auf den andern Tag in 
meine Wohnung , und rietli einstweilen Sina- 
pismen auf die Waden und in, die Herzgrube, 
wegen der vom Kinde geklagten und TieHeicht 
rheumatischen Schmerzen^ an. Da die Mütter 
picht zu mir kam, wie verabredet, so besuchte 
ich das Kind' am 9len December wieder 9 wo 
ich den Zustand als noch ganz denselben fand. 
Die Stellen der Sinapismen auf den Waden 
sahen jiehr röth aus. In der Herzgrube hat- 
ten sich selbst Blasien erzeugt. Sie sagte mir: 
dafs sie auf dem Herzen keine Schmerzen mehr 
hßbe, dagegen dieselben noch immer in den 
Gliedern $püre. Die convulsivischen Bewe-. 
gungen hatten verflossene Macht unausgesetzt 
in einem solchen Grad ang'ehalten, dafs man 
auf steter Hut seja mufsie^ dafs sie nicht da- 
durch zum Bett herausgeworfen würde» — 
Der Schlaf war dadurch also gänzlich geraubt, 
und nur hie und da fiel das Kind in einen 
kurz^ dauernden Schlummer. Der Tuls gin( 
noch immer etwas beschleunigt und klein» 
Der schon. Tags vorher aufgefangene Urin, 
den mir die Mutter bringen wollte | machte 
einen starken röthlichen Bodensatz, und sah 
oben über hellgelb aus; und aufrichtig zu sa- 
gen, machte mich dieses einzige Symptom 



- 5J> - 

in . d«r ließ eines reibeo vor mir ha^eiideo 
NerreoleideiiB schwaokend. • — Den gelbliche.n 
Zongeobeleg, diesen rÖthlichen .SQts im Urioi 
aod die beschleanigung des Pulses , so wie 
die herrschende Krankheitscooslitution zusa^i* 
meii nehmen d I und ylelleicht auch durch Rou« 
tine geleitet I ergriff ich den von Dr. /famt/« 
tofi, Dr. Parr und andere in der Chorea au-< 
gerathenen abführenden Heitplan; und es reuet 
mich« dafs ich mich hieir in diesen Fall selbst 
picht zu Sydetiham^s Behandlung der Chorea 
durch Aderlässe und Abführen verleiU>o liefs^ 
und verordnete einige Unzen Sal amarum in 
einem Infusum Valerianae { worauf- auch etwas 
Abweichen erfolgte. 

Des andern Morgens, am lOten, horte 
ich^ dafs die verflossene Nacht sehr unruhig 
gewesen sey; Patientin nicht eine Minute ge-. 
schlafen habe, die Glieder sich der Art um- 
her geworfen hätten , dafs die Mutter wegen 
den erhaltenden Schlägen und Stöfsen nicht 
habe bei ihr liegen können, und wenn man 
sie nicht recht bewacht hätte, öfters aus dem 
Bett herausgefallen wäre. Jetzt fand ich sie 
aber schlummernd, beim Erwecken mit star- 
rem Blick, das Zucken der Glieder war we- 
«niger, allein ihre Hinfälligkeit auffallender, 
und als ein böses Zeichen, das in mir den 
Argwohn einer andern vor mir habenden 
Krankheit, als Chorea,, bestätigte, war mir 
die sehr beschleunigte Respiration mit hefti- 
gem Bewegen der Kaseuflügel in Verbindung 
mit schwärzlichem Aussehen der Nasenlöcher. 
Welchem gemäfs ich eine ungünstige Prognose 
fällte. Das Kind hörte hart, verstand ühri'- 
gens laut gesprochen leicht^ konnte aber nicbl 



-. 60 - 

sprechen, wiewohl es mir auf ineio Verlau^ 
gen schnell und ohne nur im Geringsten zu 
zittern die Zunge weit bervorstreckte , welche 
aber schnell und unwillkührlich wieder zurück 
fubr. Diese war feucht, in der Jlitte stär- , 
kef gelb belegt, an den Rändern ^roth. Der 
Durst war yerflossene Nacbt stark; kein S9hweifs 
mehr Vorhanden ; der Urin roth und hell. — 
IcK verordnete Mlixir acidum in Zuckerwas- 
ser in starker Dosis zum Getränk; erfuhr 
aber Abends schon den um 3 Uhr Nachmit- 
tags erfolgten Tod. 

Bei der, 17 Stunden nach dem Tode vor- 
genommenen Oeffnung faqd ich folgendes: 

Die vom Schädel abgelöste GaJea aponeu- 
rotica zeigte einige Sugillationen , namentlich 
rechter Seile, welche yermuthlich Folgen des 
durch die Krämpfe bewirkten Umherwerfena 
des Kopfes wajren« Die Dura mater war an^ 
fsetgewohnlich stark mit strotzenden Blutge- 
fäEsen durchzogen. Zwischen dei Pia mater 
und Arachnoidea befand sich etwas triibliche 
Flüssigkeit , welche der Gehirnoberfläche das 
Ansehen gab, als sei sie mit einet düonea 
Schicht Gallerte bedeckt. Die Uirnrentrikela 
enthielten etwas mehr Wasser als normal; 
der Plexus chorioideus war blafsroth. Aus dem 
Rückenmarkskanal kam etwas W^ss^r; und 
die Medulla oblongata war in ein starkes Ge- 
iäfsnetz eingehüllt; die Substanz des Gehirns 
weicher; die übrigen Gehirn theile regelmäfsig 
beschaffen. 

' Bei EroiTnung der Brusthöhle fiel mir zu- 
erst der schwarze ausgedehnte Herzbeutel auf, 
d^sen Eröffnung ich, bis die Lungen unter- 



' — 6t — 

sucht seyeiii aufschob. Auf diesen befanden 
sieb in beiden Brusthöblerf , fleischartig^e, Zoll 
grofse, hantige .und wohl schon länger existi'*- 
rende Exudationen ; über diese , so wie ül^er 
den grolsten, und namentlich vordem Theil 
der Lungen, eine andere gailerlartige, blutige, 
Linien dicke exudirle Substanz, welche um 
dta Herzbeutel herum dicker und häufiger 
war^ und mit denselben ringsherum eine ganz 
neue Verwachsung bewirkte. Letztere mehr 
gallertartige und etwas blutige Exfidation war 
TOD jenen fleisj^h artigen häutigen Stellen sehr- 
unterscheidbar , und deutlich erst in letzter 
Krankheit gebildet. Das Mediastinum anrerius 
war gWifstentheils voll dieser letztern Exuda- 
tion* Die Substanz der Lungen selbst war 
gesund und schien nicht entzündet ^ denn wenn 
sie gleich -vorzüglich nach hinten sehr dun- 
kelroth und mit Blut überfüllt war» wahr« 
scheinliche Folge des Todes und des Liegens 
auf dem Rücken, so halte sie doch noch voll« 
koinmen das schwammige und knisternde An- 
fühlen. In beiden Brusthöhlen waren einige 
Unzen blutiges Wasser. — Der gröfste Theil 
des Herzbeutels lag auf rechter Seite der Brust, 
sah ganz schwarz aus, und war hier, wie rings- 
umher, wie schon bemerkt , mit der umge- 
' benden Lunge verwachsen. GeöiFnet flössen 
aus demselben 4 bis 5 Unzen mit Wasser ver- 
mischtem Blutes. Seine Substanz und seine 
innere' Oberfläche war auf der ganzen rechten 
Hälfte schwarz, und auf dieser iunern Ober- 
fläche befand sich selbst eineTiinien dicke, wie ' 
aus schwarzem geronnenem Blut bestehende 
adhärirende Exudation ; jedoch war der Herz- 
beutel hier nicht leicht zerreifsbar. Eine sol- 
che, aber kleinere, schwarz -blutige Exudai« 



- 63 X- 

Wenn efcb gleich bei näherer Betracht aog 
des im ersten Anblick sich als Chorea Si. Viä 
darttellendeii Leidens einiges Torfindet, ^h% 
letzterer Krankheit gewöhnlich iiicht gemein 
ist; wie Zk B. das so schnell entstandene Un- 
Termogep zu Gehen; die die Nacht hindurch 
fortdauernden und den Schlaf ganz raubenden 
Bewegungen (welche Zufälle jedoch auch bei 
gewöhnlicher Chorea yorkommen können und 
beobachtet wurden) > wiewohl das Kind die 
ersten Tage etwas schlief und im Schlaf fiiihe 
hatte u. dgL Allein die eine Definition der 
Chorea bedingenden Momente: zitternde und 
sockende Bewegungen des Gefühls, der B^ine 
und Arme, besonders wenn sie der Willkühr 
unterworfen werden sollen , welche, wie sich 
Mason Good ausdrückt: das Ansehen von ei- 
nem Hanswurst geben ; waren hier alle zuge- 
gen. Der schnelle Tuls^ wird als Folge der 
eteten Bewegungen und Unruhe häufig be- 
merkt. Gastrische Erscheinungen sind bekannt-^ 
lieh häuGge Begleiter der Chorea. Würde 
man auch einige Abweichung in der Form 
dieser Krämpfe von den bei Chorea gewöhn- 
lichen auffinden wollen , wie wenig würde 
man in dieser Auffindung durch die unter den 
Yerschiedensfen Gestaltungen der Krämpfe be- 
schriebenen Choreae unterstützt werden ? — 
Der Angabe des Kindes, dafs sie auf dem 
Herzen Schmerzen hatte, welcher sich auf ein 
Sinapism yerlor, lag Wahrheit zum Grunde. 
Das heftige Nasenbluten war vermuthlich schon 
Folge des beginnenden Herzleidens, und der 
sich zur Herzentzündung gesellende Veitstanz 
durch den Blutverlust oder durch die mit Herz- 
entzündung verbundene Bangigkeit erweckt 
worden ] wirkte aber aU spristisches Leiden 



— -64 — 

der äulsern Tbeile wieder oacbtbeilig auf die 
Herzen tzünduifg zurück. Uebrigent soll sie 
nach Aussage (der Mutter niemals an fler Brust 
gelitten habed , wiewohl sie sich nach Aus- 
sage des Bruders vor einem Jahr einmal kurze 
Zeit über Stechen auf der Brust beklagt hatte. 
In ihrem blühenden, zarten Aussehen, denn 
sie hatte stets schone rothe Wangen auf sehr 
weifser Haut, war nichts zu erkennen, das 
auf ein OiTenseyn des Foramen opak hatte 
schliefsen lassen. Diese Oeffnung war übri- 
gens at]ch durch das genaue Anliegeu der Klappe 
so geiiau geschlossen , dafs ich nicht glaube, 
dafs eine merkliche Vermischung des venösen 
Blutes mit,* dem arteriösen Statt fand. Wenn 
gleich diese noch nicht geschehene Verwach- 
sung dieses Foramens die zu dieser Herzkrank- 
heit prädisponirende Ursache mochte gewesen 
seyn , dafs sich zj B. ein rheumatischer StoiF 
auf dasselbe warf, und in jenem Orgaii eino 
heilige Entzündung hervorrief, deren Folgen 
die Kranke unterlag. — Genug!' det Zweck 
meines Schreibens ist getreue Darlegung des 
Factums. — 



V. 



-r- 65 — 



■ ■ . I 



. V. 

Mediciaische Anwendang 

des 

mineralischen Magnetismus, 

Von 

Dt. Becker, 

in Mühlhau^en. . 



CAussug aiu 'einer n'ächstens erscheinenden $ch]^i|it 
über diesen Gegenstand), 



(Vorgelesen in 3er medicinitcben Section der 6e» 
•ellsohaft teutsclier Naturforseher und Aerste 

zu Berlin), 



•L/er MagDet bringt in gesunden Theilen viel- 
leicht gar keine Empfindung hervor, denn die 
Wärme, die man im Auge oder im Ohre be- 
uerkt, wenn man einen starken Magnet da- 
Tor hält, kann auch auf Täuschung beruhen; 
eben so ist es yielleicht auch nur scheinbar, 
dafs der scharfe, brennende, pfeiTerartige Ge« 
schmack, den man empfindet, wenn man die 
Tole einige Minuten lang mit der Zungenspitze 
berührt^ stärker wie an un magnetischem Ei- 
Ben und an beiden ToIen Terschieden ist. An« 
Joum,LXVlI.B 5.St. E 



— 66 — 

ders ist es aber in kranken Theilen. Sehr oft 
geben ^ die Kranken im Anfange gar keine 
Empfindung an , dies kömmt , aber mehr von 
'Mangel an Aufmerksamkeit auf sich selbst her; 
denn häufig haben sie in der Folge ein oder 
das andere Gefühl. Beim blofsen Streichen 
empfinden sie sehr selten etwas, aber wohl, 
wenn der Magnet längere Zeit an einer Stelle 
angehalten wird. 

Die Empfibdungen , die meine Ejranken 
bemerkten, waren: 

1. Kälte. Dies rShrt wahrscheinlich von 
der Kälte des Stahls her; denn ich Jiabe es 
nie beobachtet, wenn der Magnet erwärmt war. 

% Wärme. Dies ist am häufigsten, be- 
sonders in den Obren, und steigt oft bis zum 

lästigen Brennen. 

> 

3. Ziehen , yom gelindesten Grade, wo es 
ein angenehmes Gefühl fst, bis zu dem sUir- 
kern, wo es fast schmerzhaft wird, wie yon 
einem SchrBpfkopfe. 

4. Ein unbestimmtes Gefühl, was im Ohre 
\ ^Ton manchen ein Arbeiten, Toben genannt 

, wird. 

5. Klopfen. Sfan ist anfangs yersucht« es 
ffir den Fulsschlag kleiner Arterien zii halten, . 
aber es folgt so rasch auf einander , dafs man 
es niicht damit verwechseln kann. Etwas Aebn« < 
liches ist wohl das Glucksen , was zuweilen 
engegeben wird. 

,6. Wirklicher Schmerz, schneidend oder 
stechen^. Dies ist äufserst sellidn. 

7. Betäubung, Taubheit, Gefühllosigkeit 
in dem magnetisirten Theile. AueH dies habe 



— 67 — 

ich selten, beobachtet ^ und nur danny wenn 
wegen der Heftigkeit der Schmerzen der Mag* 
net sehr lange an eine Stelle gehalten wurde. 

Alle diese Empfindungen, bis auf die 
letiBte, baben das Eigentbümliche , dafs sisc. 
gens scbwacb anfangen, allmähllg suiiebmen, 
dann wieder nacblassen uhd zuletzt gai^z Ter- 
schwinden, Weon der Magoet nicht von der 
Stelle gerückt wird; nimmt man ihn während 
der Zeit weg , ^ so verschwinden sie im An« 
genblick. Sie zeigen sich nicht an allen Siel« 
len, sondern in der Regel sind es nur wenige, 
oft ngr eine einzige, und, zwar nicht immer, 
aber* häufig da , wo der Schmerz sitzt Diese 
Stellen bleiben auch nicht dieselben, sondern 
wechseln. Ich möchte daraus schliefseii, dafs 
diese Empfindungen nur dann entstehen , wenn 
der magnetische Strom gerade die am mei- 
sten leidenden Nerven triffl. 

Die Schmerzen der Krankheit verschwin-' 
den während dem Magnetisiren häufig ohne 
weitere Folgen > manchmal aber ziehen sie 
nach einer andern Stelle, wo vielleicht vor- 
her gar nichts empfunden wurde ; hält man den 
Magnet nur hier an , so gehen sie zuweilen 
wieder an ihre erste Stelle, und wechseln so 
mehrmals, ehe sie ganz vorschwinden. Zu- 
weilen bleiben sie sich bei der Anwendung 
des einen Pols ganz gleich, oder -werden selbst 
schlimmer > und lassen wieder schnell nach| 
wenn man den andern Fol anwendet. 

Die hufeisenförmigen Magnete sind die 
kräftigsten. Die einfachen lassen sich nach 
Yerhältnifs ihrer Grofse und Schwere, der 
Güte des Stahls und seiner gelungenen Hä|w 

E 2^ 



~ G8 - 

iuog. zuiii,..i0.--«l5facheo .ihres Gewidi^s an 
Kraft briogeo. Mit solchen kann man gerin- 
gere Uebel oft schon allein lieben ^ und die 
Leichtigkeit, sie zu handhaben , empfiehlt ihre 
Anwendung bei Zahnweh, Augenschwäche, 
Öhrenbrausen u« s. w. 

Eine gröfsere Stärke haben dreifache, und 
da sie noch nicht zu ,schwer ausfallen, so kann, 
man sie ohne grofse Unbequemlichkeit bei sich 
tragen. Sie passen da , wo die einfachen zu 
schwach sind, und eignen sich ganz besonders 
zur Anwendung bei GehÖrkrankheiteH. 

Die fünffachen sind die Haupt - Instru-' 
mente i>nd durchaus unentbehrlich, wenn nido 
▼on magnetischer Behandlung Erfolg sehen will. 
Der stärkste^ den ich habe, wiegt ohngefabr 
acht FfuQd; schwere möchte es zu lästig zu 
halten seyn, und deswegen finde ich es nicht 
zweckmäfsig, noch zwei Bogen mehr aufzu- 
legen. Von solchen grofsen Magneten haben 
die Kr<)nken am frühesten «Empfindungen, und 
Erleichterung. 

Die Kraft des Magnets ist keine bestän- 
dige; er ist am stärksten, wenn er eben mäg- 
netisirt ist, mit jeder^^ Anwendung wird er 
schwächer, und also auch unwirksamer. In 
einem Falle, wo ich ilin erwärmt täglich 
zweimal brauchte, mufste ich ihn *alle acht 
Tage wieder verstärken. Daraus folgt, dafs 
jeder, der magnetische Kuren unlernebmen 
will, es auch verstehen mufs , Magnete zu 
Drachen. Die Vernachläfsigung oder Nicht- 
kenntnifs dieses Erfahrungssafzes hat die gröfste 
Schuld, dafs solche Kuren fehlschlagen. 



— 69 - 

' Bei Tieleb* Kranken wirkt der Eindrack 
der Kälte oathlheilig , besonders wenn* 'sie 
Thaila trifTi, die immer bedeckt gehalten wer- 
dai), in solchen F<ällen mufs inan den Magnet 
erwärmen. Ehe ich diese Vorsicht befolgte, 
habe ich oft nach der augenblicklichen Liin« 
dernng. die . Schmerzen desto iiefdger zurück» 
kehren seljen; ich frage deswegen immer, o)>. 
der Stahl nicht zu kalt ist. Durch dies Er« 
W^rpien verliert der Olagnet freilich aber ypii 
seiner Kraft, iodefs kann man sie ihm ja 
wieder geben . , 

^enn unter dem Magnet eine Empfin- 
dang entsteht, so halte ich ihn an dieser Stelle 
sa lange fest, bis sie ganz nachgelassen hat. 
Dies dauert manchmal iünf Minuten. Ge- 
wohnlich mache ich, wo die Gestalt der Theile 
68 erlaubt, erst einige Striche yon oben nach 
unten, oder von innen nach aufseni, dann 
lasse ich mir' den Hauptsitz des Schmerzes 
zeigen, und halte den einen Fol hier an. '■ 
Zieht sich der Schmerz wo anders hin , so 
▼erfolge ich ihn auf dieselbe Weise, indem 
ich abwechselnd wieder streiche. Ueberhaupt 
jnufs man es sich zur Kegel machen, solange 
jiaszuhalten , bis der Schmerz gewichen, oder 
doch vermindert ist. Das kann manchmal 
eine Viertelstunde dauern, dalür fühlt man 
sich aber auch durch das eigene und des Kran<« 
ken Vertrauen zu dem Blittel belohnt. 

Zuweilen setze ich beide Pole des Mag- 
nets auf, und bringe einen andern gegenüber, 
so dafs die freundschaftlichen Pole sich ent- 
gegenstehen. Auf diese Wei^e durchdringt 
ein viel släikerer magnetischer Strom den 



^ 70 — 

\ 

kranken Theil, und ich habe wiederholt ge- 
sehen» dafs dies eine bessere Wirkung hat. 

In der Regel lasse ich den Kranken sich 
mit dem leidenden Tbeile nach Norden rich- 
ten , und wende den Südpol an; efrfolgt keine 
Aenderung oder selbst Verschlimmerung, so 
nehme ich dann den Nordpol. Daraus darf 
man aber noch nicht schliefsen^ dafs dieser 
gerade der rechte Pol für den Kranken sej, 
denn am folgenden Tage ist es manchmal um- 
gekehrt. 

Ich glaube aus meinen Beobachtungen vor- 
läufig folgende Schlüsse ziehen zu dürfen: 

4. Der Magnetismus ist ein äufserst wirk-» 
samids Mittel bei rein nervösen Schmerzen, 
besonders wenn sie schon längere ,Zeit ge- 
dauert haben. 

2. Er hilft nicht und schadet vielmehr, 
wenn Entzündung oder sonstige Aufregung des 
GefSfssjstems damit verbunden ist. 

3. Er ist unsicher bei ganz frischen Krank- 
heiten, weil dabei so leicht maskirte Fieber- 
bewegungen vorkommen. 

Von 13 genauer beobachteten und he* 
schriebenen Fällen will ich folgende zwei mit- 
theilen. 

Cephalaea hysterica. 

Eine übrigens gesunde Frau von 45 Jah- 
ren I hat schon in ihrer Jugend häufig an pe- 
riodischen Kopf web gelitten, was mit der Zeit 
immer Schlimmer geworden ist. Seit vielen 
Jahren bekommt sie es regelmäfsig alle vier 
Wochen, entweder einen Tag vor oder nach 



, - 71 — 

dar 'MentiruatioD. Zwei Nächte vorher achläft 
sie tchleqht , daDn bekSinmt sie beim Erwa- 
chen ÜebiBlkeity und Dun fängt das Kopfweh 
a|i mit Druck und Klopfeo in der Stirn und 
auf dem Scheitel. Häufig komnit es dabei 
«am Erbrechen I aber ohne Erleichterung. Sie 
ist dann sehr empfindlich gegen Licht und 
Geräusch, und alles um sie herum mufs still 
und dunkel sejn. In diesen Schmerzen liegt 
sie den ganzen Tag, nachher wird es wieder 
"gut, aber 4 — 5 Tage lang fühlte sie sich matt 
und erschöpft. la der langen Reihe von Jah- 
ren sind von verschiedenen Aerzten allerlei 
Kuren versucht worden, aber nichts hat ge- 
holfen. Sie hatte von einigen Magnetkuren 
gehört, und bat mich, auch bei ihr einen Ver- 
sach damit zu machen. 

Am 24ste0 Mai d. J. liefs sie mich gegen 
Mittag rufen. Die Schmerzen hatten auf die 
beschriebene Art schon den ganzen Morgen 
gedauert 9 und es war auch bereits Erbrechen 
da gewesen. Ich hielt den Magnet an die 
schmerzenden Stellen und strich abwechselnd, 
bis sie nichts mehr fühlte. Bald darauf war 
sie eingeschlafen , und als ich sie nach einer 
Stunde wieder besuchte , war sie munter und 
wohl. 

Mach 4 Wochen stellten sich die Schmer- 
zen von neuem ein, aber so unbedeutend, 
dafs sie mir nichts sagen liefs. Nach 14 Ta- 
gen bekam sie wieder Kopfweh, aber nicht 
ganz von derselbep Art. Sie hatte sich 2 Tage 
zuTor sehr erhitzt, und dabei wahrscheinlich 
erkältet. Dia Schmerzen hatten schon den 
ganzen vorigen Tag gedauert, und es waren 
so deutliche Zeichen von Gastricismus vor- 



— 72 — 

Iiaooe^, däfs kh ein Brechmittel Verschrieb« 
Weil ind^ßt der Magnet einmal da war, and 
die Schmerzen m'it der frühem Aehnlichkeit 
hatten, so mägnetisirte ich sie; Die Schiner- 
tei. liefsen zwar für den Augenblick näch^ 
kämen aber bald wieder, und ich glaubte 
uiöht, dafs der Magnetismus hier von Notz^n 
slijn würde. Allein als nach § Stunde die 
Arznei gebracht wurde, waren sie wirklich 
ganz Terschwnnden , und sie nahm sie nur in 
d'et guten Bfeinung, dafs einmal Brechen ihr 
gUr nicht schaden könne. 

Jih€umäti$m.us humeri fixus. 

Ein robuster y vollbliitiger junger Menscb 
hatte seit 6 Wochen rheumatische Schmerzen im 
rechten Schultergelenk, die sich mit abnehmen« 
der Slärke bis in den. Oberarm verbreiteten. 
Sie. waren des Morgens am heftigsten, ver- 
minderten sich den Tag über durch Arbeit, 
nahmen gegen die Nacht wieder zu , und hin- 
dexten oft am Schlafe, wenigstens muffte er 
den .Arm danach legen. Ich mägnetisirte ihn 
Uüler, Streichen und Anhalten etwa 5 Minu- 
ten lang. Die Schmerzen gingen völlig weg, 
kamen erst gegen Abend geroäfsigt wieder, 
und in der Nacht konnte er den Arm legen, 
wie'dr vroUte. Am andern Morgen waren 
sie wieder eben so stark, verschwanden aber 
nach dem^ Magnetisiren , und blieben den gan* 
zen Tag 'und die folgende Nacht weg« Am 
dritten ' M6)rgen die alten Schmerzen, und da 
ich ihn 9ichjt magnetisiren konnte , so dauer- 
ten sie ohne Unterbrechung den ganzen Tag. 
Am vierten Morgen dieselben Schmerzen; sie 
verloren sich aber unter dem Magnete, und 



— 78 — 



blieben zwei TonenTage weg. IVacli dieser 
2m\ stellten sie sich aber wieder ein, und 
worden nach und nach so heftig, dafs er nach 
6 Tagen wieder zu mir kam« Jetzt dauertie 
es langer, ehe der Magnet ihrer Herr wurde, 
doch wichen sie abermals, und nachdem die 
Operation in den nächsteü Tagen wiederholt 
worden war, blieben sie ganz aus» 



— 74 — 



MHMM-MMMlVttMHMaaalat 



"«> ■'■■ 



' 



I • 



VI. 

lieber die Anwendung 

V des 

Stechapfels in der Geistes» 
' Zerrüttung 

Terichi^den^n andern Krankheiten« 

Von 

Dr. F. A m e 1 u n g^ 

HospitiltTsfr zu Hofheim bei' Darmsudt« , 



l-^er Stechapfel ist eines unserer kräftigsten 
und wirksamsten Heilmittel, und nimmt an- 
ter der Klasse der Narcotica einen bedeaten*- 
den Rang ein. Er scheint einerseits dem 
Opinm als Stupefaciens , anderntheils vermöge 
seiner die Thatigkeit des Gefäfssystems herab- 
stimmenden Wirkung der Digitalis am nach* 
tten zu stehen, behauptet aber von der Wir- 
kung beider verschiedene Eigenthiimlichkeiten, 
die ihm in manchen Krankheiten einen beson- 
deren Werth geben. Ich habe Gelegenheit ge- 
habt, dieses Heilmittel in der (jeisteszerriit- 
tung and mehreren andern Krankheiten anxa- 
wenden und häufig einen so überraschenden 



- 76 - 

I 

Erlolg davon gesehen , dafs ich mich bewogen 
finde, meine Erfahrungen 4.drüber bekannt za 
machen, nm dadurch die AufmerksamVeit dee ' 
ärztlichen Publikums auf dieses bis jetzt noch 
nicht genug gewürdigte und in dem Maafsa 
wie es wohl verdiente, angewandte Heilmittal 
zu lenken. 

Der Stechapfel, Datura Stramomum^ ge- 
bort bekanntlich zu den Sommergewächsen, 
Blammt ursprünglich aus Ostiodien, ist aber ge- 
genwärtig eine bei uns einheimische, ziemlich 
häufig vorkommende, wildwachsende Pflanze. 
Er gebort zu den neueren Mitteln unsers Arz- 
neischatzes , und wurde zuerst von SCork im , 
Wahnsinne angewandt. Die ganze Pflanze be- 
eitzt arzneiliche Kräfte, die in der Heilkunde 
aber am häufigsten angewandten Präparate sind 
das Extract aus dem ausgeprefsten Safte der 
irischen Pflanze und der Tinktur aus dem Saa- 
men bereitet. Letztere ist deshalb vorzuzie- 
hen,* weil der Saamen an und für sich inten<!> 
arv stärker wirkende Bestandtheile enthält, als 
das Kraut , und besonders deswegen i weil sie 
ein weit mehr gleich wirkendes und sich lange 
Zeit erhaltendes Präparat abgiebt , als das 1^- 
tract, welches nur frisch bereitet seine volle 
Wirksamkeit hat , und mit dem Alter sehr an 
Kraft verliert. Ich habe deshalb nur meisten- * 
theils von der Tinctur Gebrauch gemacht, und 
diese in ihrer Wirkung immer gleichmäfsig / 
gefunden. Da sie in den Apotheken nicht of- 
ficinell ist, liefs ich sie nach folgender Vor- 
schrift bereiten: Rec. Sem, Daiur. Stramon. 
vnc» ß. Spir. F^ini rectißcat, unc. i^, äigert ptr 
aliquot dits satpius agitando^ Cola et itrva, «-^ 
fand mich aber später veranlabti aia zu vaiitir- 



— 76 -i 

ken und zur Bereitung 1 Unz€i Saameo auf 
3 Unzen Weingeist nehmen zu lassen. Die 
Gffbe de'r" nach dieselr VorS(ihrlfl bereiteten 
Tinctur ist 10, 15 bis 20 Tropfen zwei 'bis 
viermal täglich. Ich 'bin damit bis zii'36 Tro- 
pfen pr. D. gestiegen. ' 

Wie übrigens überhaupt in den Geistes- 
krankheiten eine stärkere Gabe der Arsnei- * 
mittel noth wendig ist, um irgend eine Wir- 
kubg zu erzielen, so' findet diese aucb in der 
Gabe der Stechapfellinktur Statt, welche in 
diesen Krankheiten gröfser seyn mufs, als in, 
andern Uebel^i^. wo es seine Anwendung fin- 
det> So .werden, wir z. B. beim Bheümatis- 
mus mit 10 bis 15 Tropfen die, beabsichti^^te 
Wirkung erzielen , wo wir bei Geisteskran-.' 
ken 20 bis 30 Tropfen bedürfen. Ja der Un- 
terschied, den hier der Charakter des Leidens 
macht, ist so stark, dafs ich bei einem an 
periodischer Geisteszerrüttung Leidenden, wel- 
chelr während des Faroxysmus 30 Tropfen vier- 
mal täglich nahm, ohne dafs sich hierauf die 
geringsten Übeln Folgen einstellten , nachher 
während des luciden Zwischenraums beim 
Kf>rtgebraiiche dieser G>abe nach wenigen Ta- 
gen deutliche Zeichen der Vergiftung wahr- 
nahm, die sich vorzüglich durch Amblyopie 
aussprach. 

Das in. dieser Pflanze entdeckte Alkaloid, 
von Brandes Daiurin genannt , als der wahr- ^ 
scheiulich wirksame Beslandtheil dieses Arz- 
neimittels, verdiente gewifs gleich dem Mor- 
phium dem Stirchnin , der Chinine u. s. w. 
einen vorsichtigen Versuch in solchen Krank^- 
heiten, wo überhaupt der Stechapfel anwend- 
bar ist. Ich 'habe mir bis Jetzt diesen Stoff 



— 77 ■- 

noch nicht verschalFen köanen^ werde aber^ 
sobald ich kann, die Gelegenheit seiner An- 
wendung nicht yerabsäumen. 

lieber die- Wirkungsart des Stechapfels 
habe ich folj^eildes beobachtet: die zunächst' 
bemerkbare vyirkuog, die bald nach dem in- 
neren Gebrauche kleiner Gaben desselben ein« 
tritt, ist eine aufraUende Trockenheit im Mun* 
de und im Halse, die nicht sowohl ein öfte- 
res* Räuspern, sondern auch ein häufiges Trin^ 
ken oder vielmehr Anfeuchten des Mundes 
noth wendig macht. Zugleich wird die Stimme 
etwas heiser und rauh; zunächst bemerkt man 
eine nach der Gröfse der Gabe stärker oder 
schwächer eintretende Eingenommenheit des 
Kopfs ,, eine gewisse Schwere des Denkver« 
xnögens, eine mehr oder weniger bedeutende 
Erschlaffung und Abspannung der Glieder ohne 
auffalleudes Schwächegefühl; keine auffallende 
Neigung zum Schlaf, wiewohl er denselben 
Abends genommen etwas vermehrt, und, wie 
ich bemerkt zu haben glaube, dem OpiuiQ 
ähnlich angenehme und lebhafte Träume ver* 
nrsacht. Der Appetit wird durch den mafsi- 
gen Gebrauch des Stechapfels nicht beeinträch-«^ 
tigt,. der stärkere vermindert ihn. Ich be- 
merkte eine Vermehrung verschiedener Sekre-, 
tionsthätigkeiten , namentlich der .Speicheldrü- 
sen und der Nieren. Die letztere Wirkung 
ist ziemlich hervorstechend und nähert diese» 
Mittel der Digitalis. Besonders ähnlich mit 
dieser ist aber seine Wirkung auf die Thälig- 
keit des Blutsystems, welche es herabstimmt, 
indem er den Fulsschlag vermindert. Diese 
Wirkung ist bei weitem nicht so auiTalleod 
stark, wie bei dem Fingerhut (in sehr klej* 



— 78 — 

nan Gaben scheint der Stechapfel deb Pols 
noch zu yermehren) bleibt aber bei längerem 
Gebrauche nicht aus. Er hat dabei den gro- 
ben Vorzug» dafs er, wiewohl langsamer, 
doch weit sicherer wirkt, als die Digitnlls, 
den Magen nicht beeinträchtigt, und bei fort« 
gesetzter Anwendung nicht das bedeutende Sin- 
ken der Thätigkeit des irritabeln Sj^tems, 
keine so ' auffallende Erschlaffung und über- 
haupt selbst bei langem Gebrauche nicht so 
leicht Vergiftungszufälle hervorbringt, als der 
Fingerhut. 

Die Vergiftungszufälle, welche der Stech- 
apfel, in grofser Menge genossen, verursacht, 
sind bekannt. In einem Falle, wo ein un- 
heilbarer Irrer in der hiesigen Anstalt aus 
Nachiäfsigkeit des Wärters eine Unze der für 
einen andern Irren bestimmten Stechäpfel tink* 
für habhaft wurde, und etwa die Hälfte da- 
Ton, in der Meinung es sei Branntewein, 

^verschluckte» aber wahrscheinlich zum Theil 
wieder ausspie, bemerkte ich nach einigen 

. Standen, wo mich zuerst der in der Furcht 
vor Strafe bis dahin zögernde Wärfer davon 
benachrichtigte^ folgende Erscheinungen : Der 
Kranke safs mit zuriickgebogenen Oberleib auf 
dem Stuhl in einem halbbewufstlosen Zustan- 
de. Cr würgte beständig und stiefs dabei ei- 
nen weifsen Schaum aus dem Munde'; die 
Lippen waren bläulich und angeschwollen^ die 
Augenliisder geschlossen, die Augen selbst 
trüb, von mattem Glänze, die Pupillen sehr 
erweitert. Er litt grofsen Durst und klagte 
über eine allgemeine Erschlaffung und grofse 
Mattigkeit. Ein Brechmittel um das etwa noch 
im Magen befindliche Gift auszuleeren/ reich- 



— 79 — 

liches Tfinken ron gleichen Theilen Wassihr 
und E8$ig un4 öftern Gaben tod Liq. anöd* 
min. JB. stellteni den Kranfken binnen 24 Sinn* 
den Wieder her« , ' 

Die grefse Neigung za Blatflüssen ^ die, 
man bei durch Stechapfel «^Vergifteteti bemerkt 
liat,\uod die aufTällend schnelle Fäulnifs der 
Leichen , so ^ie die grofse Zersetzung ^ und 
l^esondere DünnfliissigkiKit >des .Bluts in den-» 
selben, lassen auf eine bedeutend negative, 
den Lebensprozefs herabstimmende Wirkung 
schliefsen , und berechtigen uns ^ dieses ])|ittel, 
ahnlich der Blausäure und der Digitalis unter 
die Klasse derjenigen zu rechnen, welche die 
Oxjdation des Bluts bedeutend vermindern. 

Zunächst aber und primär in seiner Wir- 
kung zeigt sich ohne Zweifel sein Binflqfs' 
auf das Stnsorium commune und das Nerven- 
system überhaupt und erst sekundär seine her^ 
^abstimmende Wirkung anf das arterielle und 
gesam^te irritable System. Weiterhin wirkt 
•s chemisch - dynamisch ol^ne Zweifel zer- 
setzend und auflösend anf das Blut, und es in 
meinen innersten Besten dtheilen feindselig an- 
greifend. ' 

^ T^rgleichen wir damit seinen Nutzen in 
akoten Fällen des Wahnsinns, im Rheumätis* 
inos, in der Epilepsie und andern krampfhaf«- 
ten Krankheiten, so wird uns diere Wirkung 
in mancher Beziehung ziemlich klar, und seine 
Anwendung mag so von der Empirie zum rei-^ 
nen Rationalismus übergeben. — Andererseits 
gehört der Siechapfel ohostreitig zu den wahr^ 
haft homöopatisch wirkenden Arzneimittelb; 
d.h. unter diejenigen, welche dieselbe oder 



— 80 — 

^ne ähnliebe- Krankheit, die sie bemrkt^ in ^ 
^aringerer Gabe auch zu heilen im Stande ist. 
Br Tecürsacht Raserei und heilt sie , er bringt 
mannichfache krampfhafte Erscheinungen her- 
Tor, und ist in diesen Krankheiten ohn^ Zwei- 
rfel ein grofses HeilmitteL Bernard erzahlt, 
dafs eine Wahnsinnige zufallig Saamenkörner 
des Stechapfels verschluckt habe, in heftige 
Faroxysmen der Tobsucht verfallen und dann 
genesen sey. *) 

leb gehe nun iuv näheren Anwendung 
des Stechapfels in Krankheiten über, und 
*werde dabei, die Erfahrungen anderer nur iin 
Allgemeinen berücksichtigend, mich besonders 
an das halten, was eigene Beobachtungen mich 
wahrnehmen Uefsen. 

L Geisteszerrüttung. 

Der Stechapfel ist in allen Fällen von 
Geistes- und Gemüthsstörungen^ein sehr wirk- 
Barnes Arzneimittel. Stärk ^ -Ki^/« Heady Bar'- 
ion^ jUUoni^ Grandidier, Bergius^ üees, ^en- 
bp:kj Jos. Frank ^ Durande^ Schmalz^ Hufelandf 
Schneider u. A. fanden ihn in verschiedenen 
Fällen dieser Krankheiten seh^ hülfreich. Da- 
gegen fand ihn Greding bei vielen Fersonenj 
welche theils an Wahnsinn, theils an Wahn- 
■ eimn und Epilepsie litten, durchaus ohne heil- 
samen Erfolg. Der Grund dieses Widerspruch9 
ipag darin liegen, dafs letzlerer ihn vielleicht 
nur in chronischen, unheilbaren Fällen an- 
wandte, wo er auch nach meinen Erfahrun- 
gen keine radikale Heilung zu bewirken im 
Stande ist« Es ist überhaupt nicht gleichgül- 

.*) Allg9meH€ £j>ttst en Letterhode , 1824 M»y. 



-V 81 — 

tig^ wann, ^le und mto des Stecbapfsl io die-^ 
8€n Krankheiten anzuwenden ist, und eine 
gleichsam- im Bausch und Bogen gegriffen^ 
Anwendung, der rein empirische Gebrauch 
desselben^ wird uns in vielen Fallen bei wei- 
tem den gHnsligen Erfolg nicht zeigen^ den 
wir erwarten ; * dagegen er mit Umsicht und 
nach gewissen Indicatignen angewendet, uns 
oP. überraschend heilsame Wirkungen zeigt« 
Nach meinen Erfahrungen sind es besonders 
folgende Zustände des Wahnsions, worin sich 
' der Gebrauch des Stechapfels hülfreich zeigt: 

Zuvorderst kommt hier der akute Wahn- 
sinn , der Wahnsinn mit tobsüchtigen Anfal- 
len und die Verrücktheit mit allgemeiner Auf- 
regung, die Mania cum febre, in Betracht« 
Aber auch hier ist er nicht unbedingt heil- 
sam. So lange die Aufregung sehr bedeutend 
ist, der Fuls voll und hart, das Gesicht sehr 
gerothet erscheint, und überhaupt die Zei- 
chen der Plethora und eines grofsen Orgasmus 
oder einer entzündlichen Diathesis des Bluls zuge- 
gen sind, pafst er nicht, oder reicht vielmehr 
nicht hin, um dem gewaltigen Sturme der 
Symptome Einhalt zu thun« Diese Zufälle 
müssen erst durch Aderlässe, kalte Umschläge 
und Begiefsungen auf den Kopf, so wie durch 
den inneren Gebrauch starker Gaben von Ni^ 
man , Tan. stib» , oder UigUalis gemäfsigt und 
gleichsam gebrochen seyn, ehe der Siechapfel 
seine Anwendung findet. Der Fuls, welcher 
unbegreiflich erweise von manchen Aerzten in 
dieser Krankheit nicht so beachtet wird , als 
er es verdient, giebt uns hier das sicherste 
Zeichen, wann wir seinen Gebrauch mit Nutzen 
in Anwendung zu ziehen hofiTeu dürfen. Hat 
Jonni.LXytLB. 5.8t, F 



, - 82 ~ ■ 

flämlich der Puls seine Härte und ubergrofse 
Fülle yerluren, bleibt er aber noch frequent 
und etwas gespannt (nicht selten ist er in die- 
sem Zeitpunkt selbst frequeuter als vorher), 
>oder auch Irequent und coinpressibel, oder ist 
er, wie nach Anwendung der. Digitalis^ klein 
und langsam oder selten geworden, womif ge- 
wöhnlich ein mehr oder weniger bedeutendes 
Nachlassen der vorherigen Aufregung verbun- 
den ist y ohne noch ganz verschwunden zu 
seyoi und* während selbst die Symptome des 
eigentlichen Irreseyns, des Deliriums, die ver- 
wirrten und fixen Vorstellungen noch wenig 
oder gar nicht cessiren , so wird der Gebrauch 
des Stechapfels seine woblthätige Wirkung 
flicht versagen, und in den meisten Fällen 
baldige Besserung herbeiführen. 

* Ich setze hier voraus , dafs nicht andere 
Erscheinungen zugegen sind, welche den wei- 
teren Gebrauch sei} wachender und herabstim- 
mender Mittel verbieten, wozu denn doch 
auch, wiewohl in geringerem Grade der Stech- 
apfel gehört. So werden wir da, wo nach 
der Raserei grofse Erschöpfung eingetreten ist, 
die noch vorhandene grofse Reizbarkeit, ien 
Erethismus des Nerven - und Gefäfssysiems 
•her durch Sedaniia und Tunica beschwich- 
tigen, in welchen Fällen ich nach Froii^s 
fjhuis die China öfters mit Nutzen gebrauchte, 
ohne übrigens im Stande zu seyii, die Sympto- 
. me der Verrücktheit ganz zu beseitigen« Sie 
war nur im Stande die allzugrofse Reizbar^ 
veit zu mäfsigen und der gesunkenen Lebens- 
kraft aufzuhelfen , womit zwar auch die Sym- 
ptome der Verrücktheit sich mäfsigten," aber 
keinesweges ganz verschwanden. 



.- 83 - 

Es ist aber notfaweodig, um' eioe dau- 
•rode Wirkuhg zu erzieleo, den Stech^fel ia 
den gedao'nten Fällen längere Zeit fbrtzabrau- 
chan und allmähiig damit zu steigen. Zeigen 
|8ich Schwindel und Augenscb wache, so ist 
sein Gebrauch auszusetzen , oder wenigstens 
seine Dosis zu yermindern. Ist er auch nicht 
im Stande in jedem Falle vollkommene Ge-- 
nesung herbeizuführen , wie mir diefs in meh- 
reren Fällen gelungen ist , so bewirkt er doch 
in den meisten Fällen^ in diesem Zeitpunkte 
angewendet, bedeutende Besserung. 

Bei weitem die meisten Fälle der Gei- 
steszerrültung treten im Anfange mit dem 
Charakter der Aufregung auf, und ist auch, 
wie es häufig der Fall zu seyn pflegt, nicht 
offenbare Tobsucht zugegen , so sind doch die 
Zeichen einer allgemeinen und grofsen Un- 
ruhe» Schlaflosigkeit, verbunden mit erhöhter 
Thätigkeit des Blutsystems, vornehmlich der 
'Gefäfse des Gehirns^ mit bedeutenden Gonge- 
stionen des Bluts nach diesem Organe, bei 
"weitefm in den meisten Fällen nicht zu ver- 
kennen. Selbst die Melancholie erscheint nicht 
immer im Anfange mit dem Charakter der 
Torpidität, sondern tritt nicht selten mit be- 
deutender Aufregung» sogar mit Tobsucht auf, 
und erfordert dann - mit der Manie gleiche 
Heilmittel. Und ist es gerade hier, im An^ 
fange, während des Entstehens und dem Wachs- 
ihnme, oder der eigentlichen Ausbildung- des 
Üebels, wo noch Fieber vorhanden ist, in& 
• sogenannten akuten Wahnsinn, wo wir in 
Geisteskrankheiten die meiste Hülfe von einer 
angemessenen ärztlichen Behandlung erwar^^ 
ten können, während späterhin, wenn die 

F 2 



— 84 ^ 

Krai^kb^h bereits läagere Zeit angeliälten bat, 
chroni|ch geworden un'd gleicbsam fixirt iaf» 
bei weitem in den meisten Fällen unsere Be- 
Tniibungen erfolglos bleiben werden , so besitzen 
wir 9 wie mir dünkt, in dem Stechapfel ein 
Mittel, um die Krankheit gleichsam, aufzuhal- 
ten und ihr ein Ziel zu setzen, bevor sie im 
Stande ist, das Organ des Gehirns so zu destruirei^^ 
dais sie einen bleibenden chronischen Charak« 
ter annimmt. Ich setze voraus, dafs wir hier- 
bei die Berücksichligung anderer zweckdien- 
licher Heilanzeigen und Mittel nicht aufser 
Augen setzen, wie namentlich die Berücksich- 
tigung der entfernten Ursachen und die Besei- 
tigung derselben 9 so weit dieses anders mög- 
lich ist (aufser den psychischen erinnere ich 
hier besonders an anomale Hämorrhoidal - Con- 
gestionen , Menstruationsfehler, unterdrückte 
Ausschläge , ^ufsschweifse u. s. w.) , ferner 
der weise Gebrauch der Zwangsmittel , der 
Bäder, insbesondere des RegenbadeS; die str4n- 
.ge Berücksichtigung der Diät, und endlich der 
direkten psychischen Einwirkung des Arztes. 

Im periodischen Wahnsinn,' welcher ih 
'Seinen einzelnen Anfällen immer mit mehr 
oder weniger bedeutender Aufregung auftritt, 
ist der Stechapfel mit Berücksichtigung der 
oben angegebenen Indicationen zu seiner An- 
wendung eines der wirksamsten Mittel, um diese 
' Anfalle abzukürzen und intensiv schwächei^ zq 
flachen« Gelingt es uns freilich selten » den 
periodischen Wahnsinn zu heilen, wenn nicht» 
wie es zuweilen der Fall ist^ periodische ano- 
male Ilämorrhoidal - oder Meustrual - Gonge- 
stionen dabei zu Gründe liegen, so ist doch, 
.wie mich mehrere Erfahrungen lehrten, der 



— 85 — 

forfgdMtste Gebraach der Stechapfeltioclur iiu 
Stande die IjchteA lotervalle^ sehr zu verläo- 
gern unJ selbst den drohenden Anfall schwä- 
che zn machejo« Und so glaube ich, dafs da^ 
Wo bereits wirkliche Heilung eingetreten ist, 
Vrir dtirch den längere Zeit fortgesetzten Ge- 
brauch dieses Mittels am ersten im Stande sind^ 
«inen Rückfall zu verhüten, der, wie die Er- 
fahrung lehrt, in dieser Klasse von Krank* 
halten leider nur zu häufig eintritt. 

Da wo Besserung eintrat , bemerkte ich 
gleichzeitig/ auf den Gebrauch des Siechapfels 
eine sehr merkbare Verminderung des Puls- 
Schlags, welcher dann meistens auch eine wei- 
chere Beschailenheit annahm, und immer konnte 
ich, wo einmal diese Veränderung des Pulses 
eintrat^ auch wenn die Zeichen der Verrückt- 
heit noch unvermindert fortdauerten ^ ziemlich 
sicher darauf rechnen , dafs diese bald nach- 
lassen würden. 

Aber auch da, wo radikale Bülfe nicht 
mehr möglich ist, im anhaltenden, chroni- 
schen und unheilbaren Wahnsinne, bietet der 
Stechapfel ein schätzbares Mittel dar, um die 
nicht seilen eintretenden und periodischen An- 
fälle der Aufregung und Tobsucht zu vermin- 
dern und abzukürzen. Ich wende ihn in die- 
ser Beziehung sehr häufig und immer mit dem 
besten Erfolge an. Selbst in der Melancholie^ 
wenn sie mit periodischen Faroxysmen der 
Aufregung verbunden ist, ist er wahrend die- 
ser Periode mit Nutzen zu gebrauchen. 

Der Siechapfel gewährt uns in diesen Fäl- 
len ein Mittel , weiches vor andern ähnlich 
wirkenden narc'otischen Heilmitteln grofse Vor- • . 



— 86 - 

zHga behauptet. , Währetid es z. B, dem Opium 
äholiche beruhigende Kräfte besitzt, yerinei- 
den wir durch seinidn Gebrauch die hier ganz 
unpassende Wirkung der gröfseren Aufregung, 
welche dasi Opium verursacht, und die Ob- 
struction, indem der Stechapfel die Leibesr 
oiTnung nicht behindert. Die Belladonna hat 
eine bedeutend aufregen'de Wirkung, und ver- 
mehrt aamentlich die Congestionen des Bluts 
nach dem Kopfe ^ scheint also in den genann- 
ten Fällen ganz unpassend zu seyn. Auch 
sah ich nie von ihrer Anwendung einigen 
Nutzen im Wahnsinne, sondern im Gegentbeil 
Nachtheil , indein ich öfters bemerkte , dafs 
sich die Zufalle nach ihrer Anwendung ver- 
schlimmerten. Der Hyoscyamus ist in den 
meisten Fällen zu unkräftig , um dauernde Wir- 
kung davon erwarten zu können,, und vras 
die Digitalis betrifft, mit welcher, wie bereits 
erwähnt, der Stechapfel auch einige Aehnlich-« 
keit hat, so wirkte er, wenn er auch nicht so 
ausgezeichnet herabstimmende Kräfte auf das 
Arteriensystem besitzt, doch nicht so nach- 
theilig auf den 3Iagen und das .ganze irritable 
System, und kann eben deswegen- längere Zeit 
hindurch angewendet werden. . . 

So sah ich beim anhalteoden Gebrauch 
einer Gabe des Stechapfels von 15 Tropfen 
vi^rinar täglich die Kranken ein besseres Aus- 
sehen gewinnen, und an Fleisch und Korper- 
kräften zunahmen, wälirend, wie bekannt, 
der längere Gebt'ailich der Digitalis die Nutri- 
tion sehr beeinträchtigt und grofse Erschö- 
pfung herbeiführt« Aber hiermit soll keines- 
wegs gesagt seyn, dafs die genannten Mittel 
beij^ Wahnsinne nicht ihrei Anwendung fia- 



— 87 — 

den , da wo überhaupt Indicatic^n daza ror- 
haoden ist. So wendete ich Damentlich beiZei* 
cheb eine« heftigen Orgasmua des Blutsystems 
im Wahosiane häufig die Digitalis an, und 
zwar 80 I^oge, bis entweder Nachlafs der Zu-. 
lalle oder Uebelseyn und Erbrechen eintritt. 
Ein längerer Fortgebrauch dieses Mittels würde 
die ^Constitution zerrütten^ Hi>r ist .nun der 
Zeitpunkt^ wo die Stechapfelfinktur die durch 
die Digitalis herbeigeführte Wirkung unter« 
halt, und dabei den schätzbaren Vorzug hat, 
dafs sie in mäfsiger Gabe sehr lange fortge- 
setzt werden kann. \ 

Was die Wirkungsweise des Stechapfels 
im Wahnsinne betrifft t so glaube ich, dafs 
hier sowohl seine primäre» zunächst auf dat 
rTerrensystem sich erstreckende, als seine se- 
cundäre in Betracht kommt, welche die Tliä« 
tigkeit des Herzens und des Gefäfssystems 
überhaupt vermindert. Wiewohl ich nun, 
glaube, dafs^ vermöge des bedeutenden An-» 
iHeils der aufgeregten Gefafsthätigkeit im Ge- 
hirn in der Tathogenie der Verrücktheit, wir 
zunächst dieser Wirkung das Nachlassen der 
Symptome der Verrücktheit zu verdanken .ha- 
ben, so scheint doch seine Wirkung auf das 
Nervensystem in dieser Hinsicht keineswegs 
j^teichgültig zu seyn, sondern wahrscheinlich 
diesem Dlittel seine Eigenlhiimlichkeit zu ge- 
hen , und gleichsam der Factor dirigens zu 
!>eyn, welcher seiner Wirkung das eigenthüm- 
liehe Gepräge giebt. Deun käme hier blofs 
die herabstimmende Wirkung' auf das Blut- 
system in Betracht, so wäre nicht abzusehen, 
warum nicht andere in gleichem Grade und 
noch starker herabstimnfende Mittel eine glei« 
che oder ähnliche Wirkung hätten. 



— 88 — 

> Doch genug von der Wirkungsweise die- 
ses Mittels in psychischen Krankheiten » über 
vrelche jede aufgestellte Meinung doch nur als 
Hypothese erscheint. Hinsichtlich der Anwen- 
dung desselben beuderke ick nur zM)ch, dafs 
die* Form der Tinctur in diesen Krankheiten 
wohl am zweckmärsigsten ist, weil es in die- 
ser Form den Geisteskranken, die ohnediefs 
meistens einen grofsen Widerwillen Tor Arz- 
neien haben, nicht nur am besten beizubrin- 
gen ist, sondern auch dieses Präparat, wie 
bei allen ähnlichen Mitteln gewifs die eigent- 
lich wirksatnen Stoffe am yoUkommensten ent- 
hält- und durch seine längere Aufbewahrung 
nichts an Wirksainkeit yerliert« Nur als Zu- 
satz zu andern Alixtdren wende ich zuweilen 
das' Estract an. 

Es sei mir nun vergönnt, von mehreren 
Beobachtungen über, die wohlthätige Wirkung 
dieses Mittels einige mitzutheilen, die ich neuer- 
dings anzustellen Gelegenheit hatte. 

Heinrich (7.,. von Guntersblum ^ kam den 
17ten August 1827 ins Hospital, worin er we- 
gen Verrücktheit aufgenommen wurde. Diese 
hatte bereits ein Jahr lang gedauert und war 
nach Aussage des Physika tsärztlichen Atte- 
sjtats unvermerkt und ohne dafs Patient an ei- 
fern hitzigen Fieber gelitten habe, eingetre« 
ten. Nach einer spätem Aussage des Patien- 
ten, gab er 6^as versäumte Aderlassen, woran 
er fVüher gewöhnt war, als Ursache an, und 
erzählte, seine Krankheit habe mit grofser 
. Hitze, Unruhe und Kopfweh angefangen. Seit 
einiger Zeit war er unstät und flüchtig uu^- 
hergelaufen und machte deshalb endlich eine 
strengere Verwahrung nothwendig. Seine Ver- 



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riiektheit hatte ganz den Cl)ara\ter iev Narr- 
l^eit, moriai mit Neigung zur Aufregung und 
Tollheit, l^r war meistens aufgeräumt, seine 
Ideen schweiften unsta't umher, beschrankten 
sich auf keinen einzelnen Gegenstand. Seine 
Reden waren ein Gemisch von Albernheit und 
Witz (Aberwitz).— 

Fatient war 23 Jahr alt, Ton Stand ela 
Bauernknecht , ein junger kräftiger Bursch von 
angenehmer Gesicbtsbildung, gerStheter Ge- 
sichtsfarbe und dunkelblonden Haaren. 

Im Anfange seines Hierseyns war er ziem- 
lich ruhig. Nach 14 Tagen wurde er sehr auf- 
geregt, upd es gelang ihm sogar, zwei Stock- 
"werk hoch aus einer Mansardstube zu entwi- 
schen, indem er sich in einem zusammenge- 
bundenen Betttuch und Teppich aus dem Fen- 
ster herunterliefs, und dabei noch von einer 
zieiülichen Höhe herabsprang. Er hatte die 
Kleider eines andern Verpflegten, der mit ihm 
in einem Zimmer schlief, sammt den seinigen 
auf dem Leibe mitgenommen. .Den Nachmit- 
tag wurde er ganz mit Koth bedeckt von ei- 
nem Bauer wieder eingebracht und in engere 
Verwahrung genommen« Da er noch sehr un- 
ruhig und der Puls frequent und härtlich war, 
so verordnete ich ihm die Digitalis in Infu- 
sionr mit Aqua Lauro - ctrasi und Strahlbäder 
auf den Kopf. — Sobald die Wirkung der 
Digitalis sich durch Uebelkeiten , Schwindel 
und Kopfschmerzen in dem langsamen Pulse 
constatirte, wurde er ruhiger und yerniinfti- 
ger. Die Digitalis wurde ausgesetzt. Aber 
schon nach 3 Tagen zeigte er wieder mehr 
Verwirrung, und gleichzeitig war der Pule 
wieder Toll^ frequent und härtlich gwwordokrtf 



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Mit der Anwendung der genannten Mittel trat 
nun wieder abwechselnd Besserung und Ver- 
schlimmerung ein. Aher im Ganzen wurde 
es immer schlimmer, und selbst Aderlässe^ 
eine Solutio Tart. stib. von 12 Gran auf 8 
Unzen Wasser hatten keine Minderung der 
bedeutenden Aufregung zur Folge. 

Den 29ten Sept. yerordnete' ich ihm Nitr. 
dep. drachm. ij. Aq. fontan, vnc. v\j. TarU ßtih 
gr. vüj\ Gumm, mimos. unc, j , wovon alle 
Stunden i Efsloffel voll zu geben. Hierauf' 
besserte er sich, er wurde ruhiger und ver- 
nüniltiger. Diese Mittel wurden bis zum 4ten 
Oclober fast unausgeset^^t fortgebraucht, wo er 
sehr darüber klagte, dafs ihm die Afznei be- 
ständig Erbrechen machte. Also erst jetzt mil 
der eintretenden Genesung zeigte sich die 
W^irkung des Brechweinsteins auf die Ner- 
vetigeflecbte des Magens* Der Puls war noch 
frequent, abet ohne alle Härte, die Zeichen 
der Verrücktheit zwar sehr vermindert, aber 
noch keineswegs ganz verschwunden. Ich ver-^ 
ordnete ihm nun die Tina, Dat^ Str. 4 Mal 
täglich zu 15 Tropfen^ unter deren Fortge- 
brauch sich nicht nur die Zeichen der Ver- 
rücktherit ganz verloren , sondern auch der 
dinrcb die angewandten Mittel ziemlich abge- 
nnagerte und elend aussehende Kranke bald 
eip sehr blühendes Ansehen gewann und weit 
starker wurde^ als er bei seinem Eintritt Jnfl 
•Hospital gewese